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Offensichtlich habe ich ziemlich tief geschlafen, ich bin nicht einmal davon aufgewacht, dass Jelle zurückgekommen ist. Wir wachen wieder zeitgleich auf, und er erzählt flüsternd vom gestrigen Abend. Er hat allen Ernstes Angelo wiedergetroffen, samt Aurélie und deren Mutter. Sie wären nach La Faba in den besagten Schneesturm gekommen, es hätte absolut kein Durchkommen mehr gegeben, sodass sie in Fonfría stoppen mussten. Auch am nächsten Tag nach Triacastela hätte sie wieder ein Schneesturm erwischt. Schon lustig, nachdem wir beide ja ziemlich unbehelligt geblieben sind. Nur die zwei Dänen sind leider wirklich einen Tag hinter uns, denn sie müssen erst einen Tag nach uns in Santiago angekommen und hätten sich gesagt, wozu jetzt hetzen.

Das beste ist, Angelo logiert in der gleichen Herberge wie wir. Dank der vielen roten Vorhänge ist er nur etwas schwierig auszumachen. Ich linse überall dahinter, erspähe immerhin Aurélie, die mich ins Restaurant oben verweist, wo mein Philosoph dann auch wirklich ist. Ich freu mich aus unerfindlichen Gründen sehr, er strahlt auch, aber nachdem wir heute das gleiche Ziel haben und auch die gleiche Herberge ansteuern, belassen wir es bei viel wortlosem Strahlen.

Ich gehe mit Jelle zusammen los; nachdem er die letzten Tage wegen José zurückstecken musste, haben wir kommunikativen Nachholbedarf. Wie so immer ist das Wetter moderat, es nieselt und regnet, sodass wir wieder ohne Pause die 4-5 Stunden nach Palas de Rei durchlaufen. Dort steuern wie die private Herberge an, die Angelo empfohlen hat. Mit der öffentlichen Herberge verbinde ich vom Vorjahr keine guten Erinnerungen und bin daher froh über die Entscheidung.

Leider ist die Herberge geschlossen – und wir gehen doch in die Öffentliche. Allerdings ist der Raum diesmal ein viel hellerer, mit lauter großen Erkerfenstern zur Straße hin. Und ich habe Jelle und später Angelo.

In Kenntnis der merkwürdigen Duschen dusche ich ganz blitzschnell, bevor die restlichen Pilger sich mit dem Problem befassen, wie Männlein und Weiblein in höchst wenig abgetrennten Duschen miteinander auskommen sollen.

Anschließend fällt mir dann doch etwas die Decke auf den Kopf. Wie letztes Jahr auch sitze ich auf meinem Bett, viel anderes gibt es nicht zu tun, so satt wie es draußen regnet. Zudem ist Sonntag, kein Supermarkt hat offen, und meine Vorräte lachen mich wieder rein gar nicht an. Etwas, was mir immer sehr auf die Stimmung schlägt. Ich fühle mich zum Warten verdonnert, und beim Nachdenken kommen mir auch nur eher düstere Gedanken. Ich ziehe ein Resümee über meinen bisherigen Camino, der sich ja nun schon seinem Ende neigt, und wie sich schon mit José abgezeichnet hat, die großen Erleuchtungen und Eingebungen sind ausgeblieben. Wie ich in La Faba anfangs in einer Misa gehört habe, es braucht die Stille, um die Worte zu hören. Mit José hatte ich eine Menge Spaß (und eine Menge Wutausbrüche), und Jelle ist mir wie ein Bruder geworden, aber vor lauter Gequatsche, wo höre ich hier Gott?!

Wie so oft habe ich eine wenig souveräne Krise, ich heule Jelle im Treppenhaus die Ohren voll, und wie immer ist er verständig und zu nett, um wahr zu sein.

Schon wieder halb getröstet, frage ich spaßeshalber an der Rezeption, ob es irgendwas wie eine Bar oder so etwas gibt, wo man etwas kaufen kann. Die Dame erzählt überraschenderweise, es gäbe eine Bäckerei, die hätte recht viel, und gar nicht weit. Ich bin schon wieder extrem high und schleppe Jelle durch den Regen. Unterwegs machen wir das hellblaue Stirnband unter einem riesigen Regenponcho aus, der meditativ verträumt durch die Gassen schwebt. Angelo hat noch nicht bewusst wahrgenommen, dass es schüttet wie aus Kübeln und strahlt „ah!“. Für ihn ist heute die Welt wohl einfach wunderbar.

Für mich auch, als wir die Bäckerei betreten. Es hat nicht nur alle Arten von Schokocroissants, sondern auch Empanadas, mit Fleisch und Thunfisch. Dazu noch frisches Brot, und theoretisch hätte es sogar Früchte und Wasser und wirklich alles. Ich kaufe ein, als gäbe es bis Santiago keinen Laden mehr, und auf dem Rückweg bemerke ich auch nicht mehr, dass es regnet.

In der Herberge nimmt mich Angelo zur Seite, wir würden jetzt mal reden. Wir setzen uns auf den Boden an einem Erkerfenster, und ich bin gespannt, was kommt. Eigentlich kenne ich Angelo nur strahlend. Seine dunklen Augen erzählen natürlich auch immer sehr viel, sie sprühen und leuchten ganz unwahrscheinlich, aber ein richtiges Gespräch, das ist etwas Neues.

Er schält eine Mandarine, als würde er Yoga-Übungen machen, und beginnt nach ein paar Minuten Schweigen, mir ohne jeglichen Zusammenhang von seiner Frau zu erzählen. Dass er eine 14-jährige Tochter hat, weiß ich, aber dass er von der Frau dazu getrennt lebt, wurde nie thematisiert. Er erzählt, dass er sich wirklich Mühe gegeben hätte, aber sie hätte alles immer nur negativ gesehen, hätte alles immer falsch gefunden, wäre bei allem pessimistisch und depressiv gewesen. Und sie hätte versucht, ihn da mit hineinzuziehen, bis er einen Schlussstrich gezogen hat.

Es ist eine merkwürdige Unterhaltung, bzw. eher ein Monolog. Teilweise habe ich das Gefühl, Angelo verarbeitet damit selbst etwas. Ihm ist anzumerken, wie schwer es ihm als sehr gläubiger Christ gefallen ist, eine Ehe nicht retten zu können. Andererseits kenne ich ihn als derart philosophischen, nachdenklichen und hintergründigen Menschen, dass ich mir kaum vorstellen kann, dass er es so ganz ohne Grund erzählt.

Und wirklich habe ich hinterher das Gefühl, als ob mir gewisse Erkenntnisse wie Schuppen von den Augen fallen. Hat er mit ein paar Blicken erkannt, dass meine Lebenseinstellung gerade auch nicht die alleroptimistischen Bahnen einschlägt?

Mit einem Mal habe ich auch das Gefühl, dass dieser Camino mir sehr wohl sehr viel gebracht hat. Vielleicht auf eine andere Weise als ein Camino in Stille, aber allein die vielen wunderbaren Freundschaften sind ein absolutes Geschenk. Manchmal zeigt sich Gott direkt, manchmal spürt man ihn nur, manchmal zeigt er sich in Boten. Wenn ich zurückdenke, habe ich jeden Tag so viele Boten bekommen; Menschen, die mir genau das gesagt oder gegeben haben, was ich gebraucht habe. Ich erinnere mich an die magischen ersten Begegnungen mit José, an Pers lapidare und doch so schöne Charakterisierung von mir, an Jelle, der in jedem Moment für mich da ist und an mich glaubt und mich stark findet, wenn ich mich absolut wie ein Häufchen Elend fühle. Und Angelo, der meistens nur ganz besonders strahlt und schaut und bei dem man immer das Gefühl hat, durch diese Augen strahlt noch jemand ganz anderes.

Wir gehen alle zusammen in die Kirche, Jelle, Angelo, Aurélie und ich. Irgendwie spüre ich, dass es für sie ungewohnt ist. So richtig in die Stimmung eintauchen kann ich nicht, und beim Umarmen als Zeichen des Friedens schaffen wir es fast, eine ganze Kirchenbank mit reichlich Lärm umzuschmeißen. Halleluja.

Die drei treffen sich noch mit zwei Ungarn, um essen zu gehen. Offensichtlich ist es immer sehr heiter und sehr weinselig und somit nicht das, was ich im Moment suche.

Ich verbringe noch einige Zeit allein in der Kirche und bin so dankbar, dass ich heute nach so einem durchwachsenen Tag doch wieder genau das spüren durfte, was für mich den Camino ausmacht.

Heute fühle ich mich wieder nach einem frühen Start. Wie üblich regnet es und ist trüb und matschig, ebenso ist meine Stimmung. Die kommenden Etappen habe ich intuitiv nicht so gern. Es geht gegen Ende zu, zieht sich irgendwie sinnlos und unspektakulär, dazu kommen die Kurzstreckenpilger, die die besondere Stimmung etwas zermischen. Eigentlich will ich nur recht schnell nach Portomarín, wo José ja schon mit dem Auto hingefahren ist.

Ich freue mich mit jedem Tag mehr, Jelle irgendwie auf dem Weg zu treffen. Dass wir uns mittlerweile schon meistens nach der ersten Stunde treffen und ab da zusammen weiterlaufen, tut meiner Alleinlaufüberzeugung mittlerweile keinen Abbruch mehr. Wir haben exakt das gleiche Tempo und immer viel zu reden. Langsam verstehen wir uns ohne Worte und empfinden den Camino sehr ähnlich.

Heute hat er nur wieder meinen kleinen Spanier zu bemängeln. Er kann es nicht verstehen, dass ich einen fremden Mann berühre oder mit ihm Händchen halte, ohne mit ihm liiert zu sein. So etwas käme für ihn absolut nur mit seiner Frau in Frage. Ich verstehe die Problematik nicht so recht. Grundsätzlich bin ich auch eher „distanziert“ aufgewachsen, aber vielleicht gefällt mir auch deswegen Spanien so gut, weil ich die südländische Herzlichkeit schätze.

In Portomarín bereue ich, mich nicht genauer mit José abgesprochen zu haben, wo wir uns treffen sollen. Weit und breit weder er noch sein Auto, an das ich mich ohnehin kaum mehr erinnere. Wir laufen brav alle 3 Herbergen ab, ob er dort irgendwo wartet, geben es dann aber irgendwann frustriert auf. Diesmal wollte ich eigentlich die öffentliche Herberge nehmen, aber wie im Vorjahr bringen wir es dann doch nicht übers Herz. Drinnen hat sich eine Schulklasse niedergelassen, es herrscht Jugendherbergsatmosphäre mit viel Hallo und Gelärme.

Wir lassen uns in einer kleinen Herberge nieder, die eigentlich ganz hübsch, wenn auch ein bisschen komisch ist. Die kleinen Zimmer sind durch Vorhänge voneinander abgetrennt. Man hört eigentlich alles, sieht sich aber nicht. Ein bisschen ungewohnt ist das schon. Außer uns ist bisher nur ein deutsches Pärchen da, das hinter seinem Vorhang mit zwei Heizöfen versucht, die Wäsche zu trocknen. Auch unsere Sachen sind patschnass, und als ich frage, ob wir einen der beiden Öfen bekommen können, schauen sie ziemlich genervt und meinen, ihre Sachen wären noch nicht trocken, später dann. Auch das ist ungewohnt.

Wieder einmal bin ich rastlos und genervt vom Warten. Es gibt keinen Aufenthaltsraum, wir sitzen auf unseren Betten und starren uns oder die Wand an, belauschen unbeabsichtigt die Gespräche hinter dem nächsten Vorhang bzw. haben beim Reden das Gefühl, vom andächtigen Schweigen nebenan belauscht zu werden. Wieder einmal suche ich mein Heil in einem Mittagsschlaf.

Geweckt werde ich von einem strahlenden José. Ich bin noch ziemlich verschlafen und durcheinander und will wissen, wo er so spät jetzt herkommt, es ist immerhin schon 3 Uhr nachmittags. Er meint, er wäre nach Santiago zur Messe gefahren und hätte sich dann auf dem Rückweg verfahren. Er ist ja schon ein ganz schöner Spinner, was Autokilometer angeht.

Er hat in der Messe den Botafumeiro bekommen, was ich jetzt irgendwie ungerecht finde. Ich sage, dass man das nur bekommen sollte, wenn man den Weg wirklich gelaufen ist, und nicht, wenn man frischgewaschen mit dem Auto anreist. Auf meinen eher spaßig gemeinten Einwurf reagiert er ziemlich empfindlich und verärgert. Er erzählt, dass nun mal nicht jeder den Camino zu Fuss machen könnte, und dass er vor ein paar Jahren einer Freundin den Wunsch erfüllt hat, zusammen den Camino zu machen. Soweit ich sein Spanisch verstehe, war sie unheilbar krank und sehr schwach, allein der Camino mit dem Auto war schon anstrengend für sie. Danach ist sie gestorben. Mir wird ziemlich schlecht. Zum einen schäme ich mich für meine unbedachte Äußerung, zum anderen stelle ich mir vor, wie es sein muss, mit jemandem den Camino zu gehen, für den es der letzte Wunsch ist. Für mich ist das hier die große Freiheit und einfach ein großes Energietanken. Wie muss es für José gewesen sein, jeden Tag mit dem baldigen Tod der Freundin konfrontiert zu sein. Und natürlich für die Freundin selber.

Mit José in dem kleinen Zimmer ist es komisch. Er sitzt an meinem Bett, während Jelle auf seinem sitzt. Wir sprechen Spanisch und Englisch im Mischmasch, und auch sonst nicht gerade Themen, bei denen sich Jelle wohl einbezogen fühlen würde. Draußen ist es sehr kalt und regnet. Unsere Schuhe haben wir mit Zeitungen ausgestopft. Eine Seite berichtet interessanterweise von einem Schneesturm in den Bergen hinter O’ Cebreiro. Es hätte bis 80cm geschneit. Vom Zeitgefühl her bin ich schlecht, aber ich glaube, wir sind genau am Vortag noch durchgekommen.

Wir essen Brot mit Chorizo aus meinem Rucksack; als Pilger ein alltägliches Mahl, so hier mit José auch wieder komisch. Jelle, der derweil einkaufen war, berichtet, dass er Angelo gesehen hätte. Ich bin völlig perplex, schließlich ist er doch einen Tag hinter uns. Er wäre gerade vor den Zimmern am Computer gewesen. Ich renne raus, aber von Angelo keine Spur mehr. Immerhin ist er demnach gleichauf mit uns, und ich werde ihn wahrscheinlich wiedersehen.

Wir bekommen zähneknirschend einen Ofen von den Deutschen – nicht ohne den Hinweis, dass wir ihnen „ihren“ Ofen später dann wieder geben sollen. Trotz des Wetters gehe ich mit José ein bisschen spazieren. Portomarín hat eine kleine Ladenstraße, die mit einem Arkadengang überdacht ist. So schlendern wir die 50 Meter auf der einen Seite hinunter, um auf der anderen Straßenseite wieder hinauf zu laufen. Als ich nach einer halben Stunde anmerke, dass José kein besonders einfallsreicher Spaziergänger ist, lässt er sich einen Richtungswechsel einfallen.

Wie gestern auch sind unsere Themen deutlich tiefgründiger als noch auf dem gemeinsamen Camino. José erzählt von seinen Sorgen und Zweifeln, von denen ich gar nicht gedacht hätte, dass sie existieren, so unglaublich gefestigt im Glauben wie er immer wirkt. Anscheinend macht sehr viel Glauben das Leben auch nicht einfacher. Er hat einen unglaublichen Drang, Gutes tun zu wollen, aber eben in einem größeren Rahmen, als es mir so einfällt. Ich fühle mich schon als guter Christ, wenn ich meinen Mitmenschen ein Lächeln entlocke oder ihren Tag sonstwie ein ganz kleines Bisschen besser machen kann. Ihn quält dagegen die Frage, wie er sein Leben am sinnvollsten nutzen kann – ob als Helfer in Indien oder Afrika, oder ob er lieber in Spanien bleiben soll, dort in der Politik groß herauskommen und dadurch in die Geschicke der ärmeren Länder eingreifen soll. Jetzt schon ist er im Vorstand von fünf wohltätigen Vereinigungen. Zudem sehnt er sich nach einer Frau und Kindern. Mich macht das Ganze ziemlich betroffen. Ich bin ja schon überfordert mit meinen Sorgen und Zweifeln, aber die sind durchaus einfacher zu lösen und von kleinerer Dimension. Ich verstehe so langsam, dass er es aufgegeben hat, eine Frau zu suchen. Zum einen müsste sie seine hohen Ziele verstehen, zum anderen müsste sie damit leben können, immer nur eine Randrolle in seinem Leben zu spielen und es nie in der Hand zu haben, ob er glücklich und erfüllt ist.

Bevor ich aus Anteilnahme in komplettem Weltschmerz vergehe, wechselt José zum Glück das Thema und erzählt von seinen Freunden und Kollegen. Da ist er wieder ganz der Alte, kichernd und quiekend und sich halb tot lachend. Er wäre das Maskottchen in seiner Clique und alle würden ihn aufziehen, dass er so schmächtig wäre. Seine Freunde wären alle so um die zwei Meter groß, und nachdem er seine Leibesfülle ja rätselhafterweise als schmächtig tituliert, will ich mir gar nicht vorstellen, was das erst für Gorillas sein müssen. Auch erzählt er, wie man die Abende in Madrid verbringt. Mit seinen Kollegen aus der Bank geht er in schickem Anzug in ein Café in der Nähe der Universität, und da laufen ja unglaublich junge und unglaublich hübsche und unheimlich leichtbekleidete Studentinnen herum, und die wollen dann alle nur Sex mit ihnen, weil sie gut gekleidet sind und reich aussehen. Ich bin beruhigt, dass sein Leben somit nicht nur ausschließlich aus entbehrungsreicher christlicher Nächstenliebe und ernsten Gedanken besteht.

Wir gehen in die Misa in der sehr großen, kalten Kirche. Man weiß sich hier zu helfen. Zehn Minuten vor Beginn wird ein riesiger Heizofen mit Ventilator vor den Altar geschoben. Es ist ein merkwürdiger Anblick, wie sich alles in den ersten Reihen sammelt und man mit wehenden Haaren im Gottesdienst sitzt, aber immerhin ist es warm, und mit Eintreten des Priesters wird der Ventilator dann doch auch wieder abgestellt.

Anschließend promenieren wir in Ermangelung von Alternativen noch ein bisschen die nun mehr als bekannten Arkadenwege auf und ab. Wir halten uns wie meistens an den Händen, als ich José erzähle, wie sich Jelle darüber aufgeregt hat und dass es in nördlicheren Breitengraden etwas ist, was man nur unter Paaren macht. José guckt konsterniert und meint, das wäre in Spanien auch so. Spanische Herzlichkeit und Umarmungen ja, aber die Hände wären was für Pärchen. Nun bin ich konsterniert und ziehe sofort meine Hand zurück. Warum er das denn erst jetzt sagt?! Er schnappt sie sich wieder und meint, das würde bei uns so gehören.

Umso schmerzlicher ist dann der endgültige Abschied. Morgen früh will er heimfahren, ich begleite ihn noch zu seinem Hotel. Ich denke, wir werden uns schreiben, aber diese spezielle Freundschaft gab es wohl nur auf dem Camino.

In der Kneipe über der Herberge treffe ich den Koch aus der Meseta wieder. Wieder habe ich reichlich Probleme mit seinem Spanisch, aber er erzählt mir, dass er jetzt seine Mutter getroffen hat, mit der er die letzten 100 Kilometer des Caminos geht. Deswegen hat er die letzten Tage auch gewaltig Gas gegeben, und seiner Mama zuliebe trinkt er auch nicht wie üblich. Irgendwie sehen die beiden sehr süss zusammen aus. Er sagt, er hätte mich mit José gesehen, wo der denn wäre. Ich erkläre ihm, dass er schon lange nicht mehr pilgert und nur zu Besuch hier war. Er hat ein komisches Leuchten in den Augen, als er nachdenklich sagt, dass er ein sehr besonderer, sehr guter Mensch wäre. Das sehe ich auch so, und in dem Moment fühle ich mich auch dem Koch ganz nah. Er besteht wirklich hauptsächlich aus Alkohol- und Drogenproblemen, und wir haben sehr wenig zusammen gesprochen, aber ich glaube, er spürt auch ein bisschen mehr als so manch anderer Mensch.

Obwohl es noch früh ist, ziehe ich mich ins Bett zurück. Irgendwie war der Tag heute emotional ziemlich schwer. Ich fühle mich irgendwie leer und erschlagen davon und ein bisschen wie ein dummer Anfänger. Mein Leben besteht viel aus „ich“ und den kleinen Problemen des Alltags. Heute fühle ich mich, als hätte ich Einblick in größere Dimensionen bekommen. Denen gegenüber fühle ich mich aber erst recht sehr klein.

Ich wache in der noch stockdunklen Herberge auf und spüre, dass Jelle auch schon wach ist. Es ist ein etwas komisches Gefühl, nur zu zweit zu sein, und nachdem wir gestern doch ziemlich viel geteilt haben, wissen wir heute nicht so recht, wie wir miteinander umgehen sollen. Wir umgehen die persönlichen Thematiken und reden betont sachlich über z.B. das Wetter. Die ganze Nacht hat es ziemlich gestürmt, auch jetzt peitscht noch Regen in alle Richtungen. Wir trinken zusammen einen Automatenkaffee, dann mache ich mich auf den Weg. Im Moment brauche ich wieder ein bisschen Abstand, aber Jelle scheint es zu verstehen; er läuft heute ohnehin über Samos, ich die andere Wegalternative.

In der Herberge habe ich ein vergessenes Fleecehalstuch gefunden. Wie geschaffen für mich und meine ständig reinregnende Halspartie. Nun habe ich nicht nur warme Ohren und eine trockene Stirn dank meinem Stirnband aus Astorga, sondern auch einen warmen und trockenen Hals. Es läuft sich exzellent durch den mittlerweile schon Alltag gewordenen Dauerregen.

Der Weg führt kleine, verwunschene Wege entlang, wieder durch kleine Weiler wie vor La Faba. Das Malerische wird nur getrübt durch den Regen, der sich nach einer Stunde sogar in Schnee wandelt. Ich stehe mitten im Nichts, kein Pilger weit und breit vor oder hinter mir, ich kenne den Weg noch nicht, und plötzlich rieselt harmlos und leise feiner Schnee. Innerhalb von Minuten ist alles flächendeckend eingezuckert, und wie mir plötzlich bewusst wird, auch alle Markierungen sind leise und still verschwunden. Die Wege gabeln sich alle paar hundert Meter, normalerweise kein Problem dank gelben Pfeilen auf dem Asphalt oder an Bäumen oder auf Steinen. Es hört schon wieder auf zu schneien, es ist also bei weitem nicht so eine bedrohliche Situation wie bei dem eisigen Schneesturm in den Bergen von Manjarín, aber ich fühle mich trotzdem extrem hilflos. Dieses leise, harmlose Zuckern hat fast etwas hämisches. Siehst Du, ein kleiner Hauch Schnee und Du bist ein Nichts.

Auch als Nichts finde ich glücklicherweise meinen Weg, ich erreiche Sarria und die mir bekannte Herberge. Ich warte im Flur, und wieder keine Menschenseele weit und breit. Die recht jungen Herbergseltern wohnen in der Wohnung über der Herberge, ich höre ihre kleinen Kinder lärmen. Ich setze mich ziemlich patschnass auf einen edlen Stuhl und warte geduldig, bis zufällig die Oma über mich stolpert.

Auch hier wieder ein supertolles Badezimmer nur für mich, ich verweichliche total. Frisch gewaschen stolpere nun im Gegenzug ich über eine weitere Pilgerin – es ist die lockige Französin, die mich so lange jeden Tag „verfolgt“ hat (bildlich gesprochen). Heute gibt sie jovial zu, dass ich schneller war. So sehr sie mir auf den Geist geht, so tut sie mir auch leid. Sie wirkt irgendwie, als würde sie gern mit jemandem reden, aber nachdem es nur immer über ihr tollen Leistungen geht, ergreift absolut jeder die Flucht. Ich mache mir einen heissen Tee, als mir der Gedanke kommt, ihr auch eine Tasse anbieten zu können. Sie ist mir dermaßen unsympathisch, aber vielleicht ist ja gerade das „Nächstenliebe“. Und die sollte ein guter Pilger ja schließlich beherrschen. So frage ich freundlich lächelnd, ob sie gerne eine Tasse hätte. Und sie lächelt höchst überrascht und auch höchst glücklich zurück. Und auch mein glückliches Lächeln kommt plötzlich ohne Kraftanstrengung.

Ich gehe ins Internet; José hat geschrieben, dass er jetzt in Madrid losfährt und gegen 18.00 in Sarria sein sollte. Ich gebe zum ersten Mal die Adresse von Pers Blog ein. Ich habe ihn gestern verloren, vielleicht liefert der Blog eine Erklärung. Ich bin erleichtert, dass wirklich eine aktuelle Seite zu finden ist. Der Text ist auf Dänisch, viel verstehe ich also auf die Schnelle nicht, aber ich lese etwas von Angelo – und dass sie alle zusammen in Fonfría gestoppt haben, weit vor Triacastela, und dass sie dann erst als heutiges Ziel Triacastela haben. Sie sind einen kompletten Tag hinter mir, das heißt auf dem Camino fast schon, dass man sich nicht mehr begegnet. Ich bin geschockt.

Ich gehe einkaufen, für ein oppulentes Paella-Mahl und für das Chaos-Cooking mit José am Abend. Auf dem Rückweg laufe ich Jelle in die Arme. Er freut sich total, mich zu sehen. Obwohl es regnet, bleiben wir mitten im Regen stehen (ich in meiner trockenen Nachmittagsmontur und ohne Regenausrüstung). Er hat heute klar Camino-Blues, es geht ihm gar nicht gut. Er ist in einer anderen Herberge abgestiegen, einer noch luxeriöseren, und da wären lauter Touristen, die nur über Taxi-Abkürzungen reden würden und zum Essen ausgehen würden. Ich muss irgendwie fast lachen, er wirkt so verzweifelt über Dinge, die er vor ein paar Tagen selber noch als völlig normal angesehen hätte. Ich bin irgendwie stolz auf ihn und seine Fortschritte. Er überlegt, ob er einfach seine Sachen packen und zu mir kommen soll. Ich bin überzeugt, dass ihm dieser Tag sehr gut tun wird. Manchmal braucht man die Verzweiflung und Entbehrung und das verlorene Gefühl, um den Camino in seiner vollen Besonderheit erfahren zu können. Ich verstehe ihn nur zu gut, ich sehne mich auch immer nach irgendwelchen netten, bekannten Mitmenschen, die mir aus Tiefs helfen. Aber am beeindruckendsten sind zweifellos die Tiefs, aus denen man sich selber heraushilft oder bei deren Bewältigung man eine ganz besondere Hilfe erfährt.

In der Herberge mache ich einen kleinen Mittagsschlaf. Ich habe viel zu viel Zeit, bis José endlich kommt. Und warten fühlt sich auf dem Camino einfach nicht gut an.

Als ich wieder aufwache, packt gegenüber von meinem Bett eine recht beeindruckende Erscheinung ihren Rucksack aus. Die Dame ist in meinem Alter, optisch aber das totale Kontrastprogramm. Die beeindruckende schwarze Mähne ist zu einem noch beeindruckenderen perfekten Turm gebändigt, das Gesicht ziert trotz aktuellem Nieselregen ein beeindruckender (ebenfalls sehr perfekter) Lidstrich in Bleistiftdicke. An ihrem Rucksack nesteln überlange (perfekt lackierte) Fingernägel herum, und ich komme nicht umhin, geistig den Namen des Herren zu missbrauchen.

Leider detektiert sie mich auch noch zielsicher als Landsfrau und verwickelt mich in ein Gespräch, während ich mit meiner Paella in der Küche festgenagelt bin. Ich erhalte eine satte Lektion in Sachen Schubladendenken; den perfekten Fingernägeln hätte ich höhnisch maximal einen Tag gegeben, aber sie ist seit Saint Jean unterwegs, und das mit 30-35 km pro Tag. Sie ist ein harter Knochen, und dabei noch perfekt auszusehen, Respekt. Ebenso wie die etwas künstliche Fassade ist auch ihre Art; sie scheint zwar nett zu sein, aber so recht öffnet sie sich nicht. Sie blockt ziemlich viel ab oder wirkt hinter dem dicken Lidstrich vielleicht auch einfach erhaben unnahbar. Mit unnahbarer Mimik und ohne Lächeln fragt sie dann auch, ob wir nicht zusammen kochen wollen. Mir tut es leid, es ablehnen zu müssen, ich bin ja schon mit José verabredet. Sie wirkt doppelt unterkühlt und meint, das wäre kein Problem. Ich habe das Gefühl, dass sie mir nicht glaubt und das Gefühl hat, dass ich sie nicht mag. Das trifft es absolut nicht und hinterlässt ein mulmiges Gefühl bei mir.

Die Zeit bis zum Abend wird mir ewig lang. Die Herberge füllt sich, mein Schlafsaal ist schon voll belegt, allerdings nur mit Leuten, die ich nicht kenne. Und so richtig neu kennenlernen will ich heute auch niemand mehr, nicht, dass ich noch weitere gemeinsame Pläne ablehnen muss.

Ich setze mich ein bisschen in die Kirche, laufe ein bisschen ziellos durch die Stadt und bin schon ziemlich frustriert von der Warterei, als ich vor 7 beschliesse, jetzt einfach in die Messe zu gehen. Kurz vor der Kirche läuft mir dann wie auf Kommando mein strahlender kleiner Spanier in die Arme. Er sieht super aus, ganz ungewohnt ohne Pilgerklamotten, sondern in stylischer Jeans und Jacke. Ich will ihm schnell noch die Herberge zeigen, dass er noch vor der Messe einchecken kann, aber er meint ganz ruhig und leise, dass er nicht in die Herberge geht. Ich kapiere nicht so recht; er meint, er wäre ja mit dem Auto gekommen und kein echter Pilger. Ich sehe das Problem nicht, er kann sich dort sogar einen neuen Pilgerausweis machen lassen. Nein, er pilgert ja auch nicht. Auch ab morgen nicht. Ich verstehe die Welt nicht mehr. Er meint ruhig, leise und beängstigend bestimmt und unumstößlich, dass das Pilgern ja meine Sache ist und er da nicht stören will. Ich kriege einen totalen Rappel; zwar habe ich ihm wirklich in Ponferrada geschrieben, dass ich es komisch fände, wieder mit ihm zu laufen, wo ich doch mühsam Abschied genommen habe. Aber der Abschied ist doch eh komplett für die Katz, nachdem er wieder da ist und in meinen Gedanken rumschwirrt. Ich rege mich furchtbar auf, am liebsten würde ich ihn grade wieder zurückgehen lassen, so wütend macht mich, dass er mich um zwei erhoffte Tage Pilgern mit ihm bringen will. Aber wie so oft ist er komplett stur, das merke ich. Er ist in allem ganz leise und entschieden und lächelt traurig. Im Endeffekt tut er es für mich, aber ich habe in dem Moment keinerlei Lust, das positiv zu sehen.

Wir gehen zur Messe, wobei ich das Gefühl habe, dass jeden Moment mein Kopf rauchend explodiert. Auf der anderen Seite sehe ich Jelle, aber er schaut immer stur geradeaus und trifft meinen Blick nicht.

Im Lauf der Messe werde ich wieder ruhiger und bin wieder ganz im Bann von Josés faszinierendem Glauben und seiner schlafwandlerischen Sicherheit in Gottesdiensten. Er weiss immer als allererster, wann aufzustehen oder hinzuknien oder was zu beten. Er strahlt so ein Zugehörigkeitsgefühl zu allen Kirchen aus, mit ihm kann man sich dort nur einfach völlig wohl und besonders fühlen.

Als alles gegen Ausgang strömt, bleibt Jelle in seiner Bank stehen. Ich vertröste José geschwind und robbe zu ihm hinüber. Ich frage, ob alles okay wäre. Er meint, er würde sich freuen, dass ich meinen Spanier wieder hätte. Merkt man kollosal. Er drückt mir noch einen Zettel in die Hand, den ich erst draussen lesen darf.

Ich rechne schon mit dem Schlimmsten, ohne zu wissen, was ich mir darunter vorstelle. Jelle schreibt mir, dass er sich den ganzen Tag ganz schrecklich gefühlt hätte, einsam, und dass er dann in die Kirche gegangen wäre und auf dem Vorplatz gesessen hätte und viele Stunden geweint hätte, zum ersten Mal in sehr vielen Jahren. Eigentlich ist es ein schöner Brief, ich habe ein Stück weit kommen sehen, dass er diesen Tag so erleben würde, und ich weiss auch, dass er diese Erfahrung hinterher sehr zu schätzen wissen wird. Trotzdem fühle ich mich total zerrissen, nicht kurz mit ihm darüber sprechen zu können, sondern mit einem schon wieder sehr selbstzufriedenen José zu seinem Hotel zu laufen.

Es windet und ist kalt, aber José findet, ich muss da kurz mit, schließlich will er ja möglichst viel Zeit mit mir verbringen. Ich spare mir hässliche Gedanken, ob ich mir deswegen jetzt den Tod holen muss, nur weil er tagsüber nicht mit mir pilgern kann, aber eigentlich bin ich schon wieder versöhnt mit ihm.

Er erzählt mir ganz wunderschön, wie seine letzten Tage auf dem Camino waren, nachdem wir uns getrennt hatten. Bereits am ersten Tag hätte es abends Probleme gegeben, einem Deutschen wäre Geld entwendet worden, und der hätte dann ihn verdächtigt. Ich sehe alles plastisch vor Augen, so emotional schildert José alles. Er hätte sich nicht erklären und verteidigen können, er hätte immer nur gedacht, wo ich denn wäre, um ihm zu helfen und dass ich alles hätte geraderücken können. Er wirkt auch jetzt noch ehrlich schockiert und verletzt, wie jemand ihn verdächtigen kann (wirklich schwierig, wenn man ihn kennt), wo er doch ein Bankdirektor und Christ ist. Zum Glück wäre der dänische Donner dann noch in die Herberge gekommen, der ihn ja gekannt hätte und der der aufgebrachten Menge versichern hätte können, dass es sich bei meinem armen Spanier um einen guten Menschen handelt. Vermutlich war auch einfach sein erklärendes Englisch hilfreich. José ist immer noch total erschüttert und traumatisiert von diesem Missverständnis, ich lache mich dagegen halb kaputt.

Wir buchen schnell Josés Zimmer, dann geht es endlich wieder Richtung warme Herberge. Wir stürmen euphorisch durch die Strassen, und ich bin erleichtert, dass alles wieder so unbeschwert und ungezwungen ist wie eine Woche vorher.

In der Herberge fragt José erstmal höflich, ob er überhaupt mit mir dort essen kann. Kein Problem, trotzdem legt er noch einen drauf und schäkert wieder eine halbe Stunde mit den Hospitaleras. Mir ist das ganz recht. Die perfekte Turmfrisur ist nämlich auch in der Küche zugange, und ich bin froh, nun doch noch ein bisschen mit ihr reden zu können und ihrer Fassade zu vermitteln, dass ich sie gern hab. Ob es zu ihr durchdringt, weiß ich nicht.

Die Herbergsmama läuft den Gang entlang, stockt auf dem Absatz und beäugt mich intensiv. Ob ich schon mal dagewesen wäre?! Mich überrascht ja nichts mehr.

Wie schon im Vorjahr gibt es auch dieses Jahr wieder ein uriges Kaminfeuer in einem kleinen Aufenthaltsraum. Wieder gibt es hauseigene Alkoholika zum probieren, allerdings bin ich mit den Gedanken diesmal ganz bei José. Er erzählt gelöster als auf dem Camino von seinem Leben und seinen Plänen und Träumen und Zweifeln; es ist ungewohnt und schön, ihn so viel von sich erzählen zu hören. Ich könnte ihm ewig zuhören. Wir halten uns wieder an den Händen, vielleicht fließt darüber ganz viel Energie. Oder durch seine Augen oder seine beeindruckende Präsenz. Wie bei unserem ersten Gespräch bin ich erfüllt von Freude, Hoffnung, Stärke und Glauben.

Das hält auch noch an, als er sich in sein Hotel verabschiedet und ich in mein Pilgerbettchen gehe. Ich bereue höchstens, dass ich nicht am Nachmittag schon etwas besser ausgepackt habe. Dafür, dass 9 andere schon tief und fest schlafen, mache ich für meinen Geschmack deutlich zu viel Lärm.

Der morgendliche Blick aus dem Fenster verheißt nichts Gutes – es geht da weiter, wo es gestern aufgehört hat, und zwar mit Regen. Glücklicherweise mit rundum trockenen Sachen, dank dem liebevollen Hospitalero-Ehepaar, das die Wäsche von der Außenleine nicht nur in den Vorraum verfrachtet hat, sondern dort auch noch mit einem Heizkörper versehen.

Dieser Pilgerluxus findet am Morgen seine Fortsetzung – die beiden sind schon wach und eifrig am Rumoren. Es gibt nicht nur Frühstückszutaten, sondern auch Frühstücksbetreuung. Der Tisch ist liebevoll gedeckt, die Hospitalera fragt nach Kaffee- oder Teewunsch, während der Ehemann für jeden persönlich nach jeweiligem Wunsch ein weiches Ei macht. Dazu gibt es selbstgekochte Marmelade und sogar selbstgemachte Salami sowie frisch geröstetes Brot. Normalerweise bin ich kein Frühstückstyp, am liebsten laufe ich morgens gleich los. Diese verschlafene, sich hinziehende Stimmung kann ich normalerweise nicht wirklich brauchen. Aber das hier ist ein wirkliches Paradies, ein Tag Auftanken und umsorgt Werden. La Faba eben, unbeschreiblich.

Jelle kommt wie neuerdings üblich recht zerknirscht daher. Er ist sehr still und deutlich zurückhaltender. Er macht sich vor mir auf den Weg, bedankt sich vorher aber überschwänglich bei den Hospitaleros und stopft 10 Euro als Donativo fürs Frühstück in die Spendenkasse. Ich bin positiv überrascht.

Gut erholt und irgendwie beflügelt mache ich mich vor dem Massenaufbruch auf den Weg. Die Dänen und Angelo wollen heute auch alle bis Triacastela, wir werden uns also wiedersehen. Nur mein liebgewonnener alter Herr mit der Donnerstimme möchte heute eine kurze Etappe einlegen, weil er sonst zu früh in Santiago ist. Unsere Wege werden sich damit trennen. Es ist ein komisches Gefühl, ich habe sehr selten während des Weges bewusst Abschied von jemandem genommen.

Meistens winkt man sich morgens im Vorbeigehen einen kurzen Gruß zu und nimmt wie selbstverständlich an, sich am Abend oder doch zumindest am Tag drauf wiederzusehen. Komischerweise klappt das auch fast immer wirklich. Erst in ruhigen Momenten, wenn ich über die bisherigen Begegnungen nachdenke, manchmal erst zurück in Deutschland, fallen mir dann all jene ein, die ich doch nicht wiedergesehen habe. Treffend aus einem englischen Lied „lost along the way“.

Heute also ein geplanter, bewusster Abschied. Helmut legt mir zum Abschluss eine Hand auf und wünscht mir Gottes Segen bei meiner Suche und auf meinen Wegen. Ich bin traurig.

Das Wetter passt perfekt zu meiner Stimmung, es nebelt irgendwie jegliche Geräusche verschluckend, dazu nieselt es. Den Wegstein, der den Übertritt nach Galicien markiert, erlebe ich schon mit Puderzuckerhaube, es schneit.

O Cebreiro präsentiert sich im regnerischen Nebel, und den weiteren Weg entlang der Strasse wird es nicht besser. Ich habe meine volle Regenmontur an, den Kopf gesenkt, damit mir die Brühe nicht in den Hals rinnt. Wer auch immer meine heiß geliebte Regenjacke konzipiert hat, er ist nie den Camino bei Regen gelaufen. Sollte ich jemals eine neue Jacke kaufen, dann eine mit einem kleinen Schild vorne an der Kapuze und mit dichter verschließbarer Halspartie.

Ich stapfe durch den Regen, schaue nur auf die Strasse und schiebe mir im Minutentakt mit schwammig durchweichten Fingern ein Exemplar aus meiner Nussmischung in den Mund. Auf eine ausgiebige Pause habe ich bei diesem Wetter keine Lust. Meine Gedanken wandern zu Jelle, ich bin etwas betroffen davon, wie meine Abneigung ihn getroffen zu haben scheint. Ich verstehe selber nicht, wieso ich so allergisch auf ihn reagiere. Eigentlich möchte ich doch als Pilger offen und tolerant sein, und in den meisten Fällen gelingt mir das doch auch – dabei gibt es wirklich schillerndere Persönlichkeiten als Jelle. Mir fällt plötzlich sehr viel ein, und ich habe mit einem Mal ein ziemliches Verlangen, ihn wiederzusehen und es ihm zu erklären. Schon seit gestern fühle ich mich ziemlich schlecht und schuldig. Gemessen an meiner selbst erstellten Messlatte von einem guten Pilger komme ich nicht sehr gut weg; ich habe definitiv überreagiert, und das noch nicht einmal, weil Jelle ein schlechter oder auch nur schwieriger Mensch ist, sondern weil er mich zielsicher an wunden Punkten getroffen hat. Die Vorstellung, ihn vielleicht nicht mehr zu treffen, lässt mich deutlich schneller gehen.

Und wirklich, mitten in diesen Gedanken, mitten in zunehmendem Schneesturm, treffe ich auf der ersten Passhöhe, dem Alto de San Roque, die große, dunkle Gestalt von Jelle wieder. Es ist zu viel Wasser zwischen uns, um länger zu reden, aber ich glaube, er versteht intuitiv, dass ich zerknirscht bin. Wir verabreden uns für Triacastela.

Bevor sich unsere Wege wieder trennen, machen wir gegenseitig Fotos vor der dortigen Statue – einer sehr beeindruckenden, sehr hohen Pilgerstatue, die sich, den Hut festhaltend, gegen den Wind stemmt. In welches Szenario könnte sie besser passen als in das heutige. Wenn schon meine Jacke kein Pilger entworfen hat; wer auch immer die Statue gestaltet hat, er hat es sehr gut getroffen. Das ist nicht nur eine Statue in Pilgermontur, das ist ein Pilger.

Ich gehe voraus, als ein paar hundert Meter später plötzlich wieder die Sonne hervorkommt. Ich bin total beschwingt und beseelt, vermutlich nicht nur wegen der Sonnenstrahlen. Ich muss mich direkt schon zusammenreißen, nicht zu hüpfen und zu springen.

Bis Triacastela holt mich dann doch wieder der trübe Regen ein. Eine aufdringliche Hospitalera versperrt mir richtiggehend den Weg und will mich in ihre Herberge lotsen, alle anderen wären schlecht. Finde ich eine ziemliche Frechheit; zum Glück kenne ich meine Zielherberge und laufe unbeirrt weiter.

Die Herberge liegt recht verlassen da, ist aber offen. Weit und breit sehe ich keine Menschenseele, und nachdem ich ziemlich nass bin, lasse ich meinen Ausweis am Empfang liegen und „komme schon einmal an“. Ich schäle mich aus den zahlreichen Schichten und dekoriere einen ganzen Schlafsaal mit meinen zu trocknenden Sachen. Ich stopfe meine Schuhe mit Zeitung aus und lege meinen Schlafsack und mein Schlafshirt zurecht. Immer noch tut sich nichts im Erdgeschoss. Ich fühle mich etwas seltsam, als ich dann eben ins Bad gehe.

Ich habe wieder den bekannten „ladies bathroom“, ein Bad nur für mich. Es ist ungewohnter Luxus, meine Sachen nicht aus und in zwei an einem Haken in einer engen Duschkabine hängende Einkaufstüten jonglieren zu müssen. Und es fühlt sich direkt ungewohnt an, nicht wie sonst üblich notdürftig abgetrocknet und halbnass in Unterwäsche möglichst schnell die Dusche für die wartenden Pilger nach mir zu räumen.

Auch im frisch geduschten Zustand wartet noch niemand auf mich, die Läden haben auch noch geschlossen, so setze ich mich in den ziemlich kalten Aufenthaltsraum und schreibe an meinem Tagebuch. So ein kleines bisschen macht sich langsam Leere in mir breit, ich sitze hier seit 2 Stunden ohne eine weitere Menschenseele, irgendwas stimmt hier nicht.

Irgendwann kommt dann immerhin die Madame des Hauses vorbei. Beim Eintragen meiner Personalien fragt sie, ob es mein erster Camino ist, und als ich verneine, schlägt sie strahlend auf den Tisch, dass ich fast erschrecke. Ich wäre doch schon mal da gewesen! Da hat sie recht. Ich habe sie zwar auch wiedererkannt, aber vermutlich ist es leichter, sich als Pilger eine Hospitalera zu merken als als Hospitalera 40 oder mehr Pilger pro Tag.

Auf meine Frage, ob es normal wäre, dass so wenig Leute kommen, zuckt sie recht gleichgültig mit den Schultern. Das könnte schon vorkommen. Noch bevor ich eine Sinnkrise bekommen kann, läuft in diesem Moment ein bekannter, großer, dunkler Schatten am Fenster vorbei. Ich springe auf und reiße die Tür auf – es ist wirklich Jelle. Wir sind beide absolut erleichtert und über alles glücklich, uns gefunden zu haben.

Jelle scheint den Nerv der Hospitalera zu treffen, wegen ihm schaltet sie sogar eine Heizung in unserem Schlafsaal und im Aufenthaltsraum an. Ich bin sehr erleichtert, denn meine Sachen sind ziemlich nass, und bei den Temperaturen trocknet sicher nichts von selber.

Gemeinsam gehen wir einkaufen, wir wollen zusammen kochen. Ich möchte Paella machen, endlich mal wieder, Jelle dagegen eine salad soup, unter der ich mir nichts vorstellen kann. Nachdem jeder auf seiner Idee beharrt, machen wir einfach beides.

Bevor wir kochen, ruft aber erst noch die Messe, die ich in Triacastela in besonderer Erinnerung habe. Ich werfe mich in meine kalten, nassen Stiefel, während Jelle sich für seine Badeschlappen ohne Socken entscheidet. Beides moderate Ideen angesichts der wenig erwärmenden Temperaturen.

Die Kirche ist ähnlich ausgestorben wie die Herberge; wir sind 7 Pilger, sodass uns der Pfarrer allesamt vorne am Altar vereint. Auch sonst scheint er angesichts der ungewöhnlich kleinen Runde auch ein ungewöhnliches Programm zu improvisieren. Jedenfalls finden wir uns nach ein paar Minuten als Zuhörer ein Diskussion wieder, die quer über den Altar hinweg zwischen den ansonsten spanisch sprechenden Pilgern vor sich geht. Soweit ich verstehe, ist die Fraktion rechts des Altars aus Galizien, meine Bank dagegen normal spanisch. Und offensichtlich scheiden sich die Geister daran, ob man in Galizien die Messen statt auf Spanisch auf Gallego halten sollte. Mir ist das sowas von wurst, aber ich fühle mich ziemlich unwohl. Die Herren der Schöpfung werden immer hitziger, ich habe jeden Moment das Gefühl, dass sie aufeinander losgehen wollen. Auch der Pfarrer strahlt nicht die erhoffte Ruhe und Besonnenheit aus, sondern diskutiert wild mit. Der arme Jelle versteht noch nicht mal etwas von der Diskussion und friert zudem furchtbar. Wir halten tapfer fast eine Stunde aus, überlegen dann aber ernsthaft, ob wir einfach gehen sollen. Irgendwie ist das doch kein Gottesdienst, sich über den Altar hinweg zu beschimpfen.

Glücklicherweise endet dieser merkwürdige Gottesdienst dann ohnehin. Zeit zum Ärgern oder Nachdenken bleibt eh nicht, wir rennen durch den Regen zurück heim, um wieder warm zu werden, und machen ziemlich zittrig ganz schnell etwas Warmes zu essen. Wir sind übrigens immer noch die einzigen in der Herberge.

Meine Paella köchelt friedlich vor sich hin, als Jelle in einem Topf einen schönen Salat anmacht. Kopfsalat mit kleinen Zwiebelringen und Tomatenscheiben, Essig und Öl. Diese leckere Komposition stellt er dann allen Ernstes seelenruhig auf den Herd und kocht ordentlich auf. Mir klappt der Unterkiefer herunter, aber Jelle ist überzeugt, dass man das so macht und es schmecken wird. Na ja, wahrscheinlich Belgiern, denke ich.

Es schmeckt wirklich besser als befürchtet, zumindest das Warme tut sehr gut. Als wir wieder ein bisschen aufgewärmt sind, möchte Jelle wissen, was ich ihm heute Mittag erzählen wollte. Er hört mir geduldig bestimmt eine halbe Stunde ohne Unterbrechung zu, meine Philosophien über das Pilgern, warum es mir so heilig ist, was ich unter einem guten Pilger verstehe, warum ich auch gerne so werden würde… es ist unglaublich, er ist still und verständig und beeindruckt. Kaum vorstellbar, dass ich hier dem gleichen Pilger gegenübersitze wie vor 2 Tagen. Auch Jelle hat nachgedacht, glücklicherweise versteht er mich. Und schon nach 3 Tagen Pilgern hat ihm der Camino vermittelt, dass das hier mehr ist als „Hotelurlaub, nur noch etwas mehr Entspannung“.

Nach vielen Stunden Quatschen gehen wir gegen 10 ins Bett. Vor dem Einschlafen denke ich dran, dass ich morgen José wieder treffen werde, der nur um mich wiederzusehen von Madrid nach Sarria kommt. Es ist ein komisches Gefühl. Vor einer Woche waren wir uns noch so nah, er war ständig präsent in meinen Gedanken, und jetzt bin ich irgendwie schon wieder in einer ganz anderen Welt und in einem ganz anderen Stadium. Irgendwie bin ich auch nervös und unsicher. Ich fühle einen gewissen Druck, habe das Gefühl, einer Erwartung entsprechen zu müssen, von der ich noch nicht einmal weiß, wie sie aussieht.

Jelle ist wieder ganz der besserwisserische Anti-Pilger, als er sich auf diese Thematik stürzt. Warum ich mich denn überhaupt mit ihm wiedertreffe, wo ich doch einen Freund habe, und überhaupt, das ginge doch nicht, die Art, wie ich ihn beschrieben hätte (ich habe im Lauf des Abends im Zusammenhang mit meinen Pilgeridealen wohl von meiner ersten längeren Begegnung mit José erzählt). Wie ich denn bei einem fremden Mann die Augen wunderschön finden könnte und die Stimme und bock-bock-boooook. Bei meinen Erklärungsversuchen landen wir unbeabsichtigt bei tieferen Einblicken in mein Leben fernab des Caminos. Etwas, was ich generell nicht sehr schätze, möchte ich doch hier gerade den Kopf davon etwas frei bekommen. Ganz abgesehen davon fühle ich mich auch deutlich wohler in meiner Rolle als „peregrina“. Das hier ist etwas, was ich voll im Griff habe und voll genieße. Wohl nicht nur Per sieht mich hier als „strong“, etwas, worüber ich hier auf dem Camino überrascht bin und worüber ich zu Hause bitter lachen würde.

Mit jedem entschiedenen „so ist das und nicht anders und wird auch nie so werden“ von Jelle aus der anderen Ecke des dunklen Schlafsaals verschwindet ein weiteres Stückchen peregrina, bis irgendwann nur noch Unsicherheit und Verzweiflung übrig bleiben. Ich habe das Gefühl, hier in dieser einsamen Herberge im Stockdunkel zu ersticken oder irgendwie unkontrolliert panisch zu werden.

Dass ich nicht ersticke, ist naheliegend, aber dass die erwartete Riesenpanik ausbleibt, grenzt an ein kleines Wunder. Mit einem Mal wird mir ganz licht; es ist zwar immer noch stockdunkel und ich rede in einen (bis auf Jelle) leeren Schlafsaal, aber es fühlt sich an, als ob in meinem Kopf eine Kerze angezündet worden wäre, die mir einen Weg aus seiner so erschlagenden Argumentation leuchtet. Plötzlich habe ich wieder die Stärke und Sicherheit der peregrina, diesmal sogar in Anbetracht meines Lebens abseits des Caminos. Mir ist völlig egal, was logisch und naheliegend und wahrscheinlich ist. Ich glaube an meine Visionen. Unwahrscheinlichkeiten schrecken mich nicht. Und selbst Unmöglichkeiten können lernen müssen, dass nichts unmöglich ist.

Ich habe mich noch nie so an der Hand genommen und geleitet gefühlt wie in dieser tränenreichen Nacht.

Mein heutiger Tag beginnt mit dem Camino duro, der alpineren Variante des Caminos. Kurz vor dem Ortsausgang geht es nach der Brücke recht steil den Berg nach oben, und komischerweise kennen die wenigsten diesen Weg und folgen automatisch der Variante entlang der Fahrstraße. Ich finde diese einsame, verwunschene Etappe wunderschön und habe sie gestern so ziemlich jedem Gesprächspartner ans Herz gelegt.

Am Ende der Bergetappe kommt hinter mir der schweigsame Ungar mit den Bundeswehrhosen den Weg entlang. Ich frage, ob meine Empfehlung sich gelohnt hat. Er macht nur den Daumen nach oben, aber hat das gleiche Strahlen wie ich. Zwei Pilger, die heimlich dem Himmel näher waren.

Zurück im Tal in Trabadelo ärgere ich mich über den unfreundlichen und teuren Lebensmittelladen und verlasse ihn auch ohne Einkauf wieder. Umso erleichterter bin ich dann, als ich kurz vor Mittag in Vega de Valcarce einen noch geöffneten Supermarkt finde, denn Vorräte habe ich im Moment keine mehr, und nachdem ich den Brunnen misstraue, sollte zumindest regelmäßig eine Wasserflasche nachgekauft werden.

In Ruitélan treffe ich in einer Bar an der Strasse sitzend Helmut wieder, der sich in der prallen Mittagssonne ein überdimensionales Bierchen schmecken lässt. In seiner Begleitung ist ein netter Österreicher, der aber etwas kleinlaut erzählt, dass er den Camino bei einer Organisation gebucht hat. Höflich, wie er ist, schimpft er zwar nicht offenkundig, aber er zeigt sich etwas traurig darüber, dass er fest gebuchte Privatunterkünfte in viel zu kurzen Etappen hat. Es ist gerade Mittag, er ist fit und elangeladen, aber seine Unterkunft ist nun einmal schon hier. Auch wirkt er etwas wehmütig angesichts des großen Hallos und Wiedererkennens der Pilger, die sich aus den gemeinsamen Herbergen kennen. Während ich weiterlaufe, bin ich heilfroh, mich für die „ungeplantere“ Variante entschieden zu haben. Für mich macht den Camino zu einem großen Teil auch das Gefühl von Freiheit aus, jeden Tag aufs Neue entscheiden zu können, ob ich eine kurze Tour laufen will, ob ich mich verrückt verausgaben will, ob mir eine Herberge einfach vom Gefühl zusagt, vor allem aber auch, ob befreundete Pilger dort absteigen oder eher jemand, den ich nicht unbedingt um mich haben muss.

Ein paar Dörfer weiter mache ich ausgiebig Mittagspause mit meinen neu erstandenen Vorräten, als auch Helmut schon wieder den Weg entlang kommt. Nachdem er bisher nur Bier intus hat und auch meint, tagsüber nichts essen zu müssen, überrede ich ihn zu etwas Nahrungsaufnahme mit mir. Er ist schon ein rechtes Original, immer mit viel zu lauter Stimme vor sich hindonnernd und teilweise etwas lustige Ansichten vertretend, aber ich denke, er hat sein Herz am rechten Fleck, und seine Religiosität gefällt mir.

Helmut ist schon wieder vorausgegangen, als ich mich ausgesprochen entspannt wieder auf den Weg mache. Ich liege prima in der Zeit, es ist nicht besonders heiß, und vor allem weiß ich, was heute auf mich zukommt. Kein Vergleich zu letztem Jahr, als ich diese Strecke ziemlich neben mir gelaufen bin. Und ich habe gelernt, dass man Berge nur langsam genug angehen muss, dann strengen sie auch nicht an.

Durch die kleinen Weiler und Kuhweiden geht es auf den grobsteinigen Pfad unter Bäumen. Kurz vor La Faba höre ich vor mir Helmut laut wettern; der Berg ist ihm viel zu steil und anstrengend und überhaupt. Er torkelt ziemlich, vermutlich macht sich das Bier bemerkbar. Trinken lehnt er ab, er will jetzt endlich ankommen. Ich überrede ihn dann doch noch, ein paar Minuten stehen zu bleiben und etwas Wasser zu trinken. Die letzten Meter gehen wir schön langsam, ich will hier keinen kollabierten älteren Herren versorgen müssen.

Es ist gegen 14 Uhr, als wir an der heimisch bekannten Herberge anklopfen. Ein schwäbischer Hospitalero öffnet uns vorzeitig mit der bekannten Herzlichkeit und „hospitalidad“ von La Faba, wir sollen doch erstmal ein Bett beziehen und uns frisch machen, nur keinen Stress mit Einchecken oder Bezahlen. Helmut dröhnt begeistert, dass ich eh nicht zahlen muss, weil ich ja aus Schwaben komme. Die Herberge ist mitfinanziert von einem schwäbischen Dichter, der zur Auflage gemacht hat, dass Pilger aus seiner Heimat gegen Vortragen eines schwäbischen Gedichtes gratis logieren dürfen. Mir ist das eher peinlich, ich würde lieber unauffällig zahlen, aber nicht nur Helmut ist begeistert, auch der Hospitalero. Er holt nur noch schnell seine Frau, denn wie er erklärt, ist er schwerhörig, und das wäre ja schade um das schöne Gedicht. Die Gattin springt auch gleich wieder weg, um noch den Fotoapparat zu holen. Mir wird Angst und Bange, aber das Paar ist einfach noch recht neu in der Herberge, hat von diesem Brauch gelesen, ist aber noch nie damit in Berührung gekommen, und möchte mich jetzt für das persönliche Erinnerungsalbum an die Zeit als Hospitaleros. Ich trage Eduard Mörikes „Im Nebel ruhet noch die Welt“ vor, das zum Glück keiner kennt und auf Richtigkeit überprüfen kann. Die Hospitaleros sind begeistert und bewirten uns gleich noch mit selbstgebackenem Kuchen.

Ein weiterer Pilger trifft ein, was mir die Laune ziemlich verhagelt. Es ist der stressige Belgier Jelle, der mir gestern seinen tollen Etappenplan erklärt hat (so und nicht anders, auch wenn ich nur 17 km pro Tag etwas wenig fand. Lauf Du nur Deine 17 km, dann kreuzen sich unsere Wege schon nicht mehr). Nun hat er sich doch gegen den Führer entschieden, und seine erste Frage ist zielsicher „why are you mad at me?“. Arg, das wird ja noch kompliziert.

Dafür kommen gegen Abend auch die beiden Dänen aus Astorga sowie mein Engel Angelo. Ansonsten ist die Herberge recht spärlich besucht, die meisten gehen doch eher gleich bis O Cebreiro. Angelo kommt die Idee, ja heute hier die Spaghetti Carbonara kochen zu können, und am besten gleich für alle. Ich frage herum, wer alles mitessen will und male das Ganze noch blumig aus, indem ich dem guten Angelo kurzerhand einen versteckten Spitzenkoch andichte. Im wirklichen Leben ist er Consultant, und als er meine feurigen Essenseinladungen mitbekommt, lacht er und meint, er würde mich zu seinem Advertising Manager machen. Bevor wir einkaufen gehen können, müssen wir aber noch auf Aurélie warten, die heute auch La Faba auf dem Plan haben sollte. Eigentlich ist Aurélie supersympathisch, natürlich und herzlich. So ganz öffnen kann ich mich aber noch nicht für sie, denn ich spüre recht eindeutig, dass Angelo und sie zusammen gehören. Und die Rolle der Nummer 2 braucht bei mir immer ein paar Tage Adaptionszeit.

Angelo strahlt aber so glückselig, als sie endlich mit ihrer Mutter eintrifft, dass die Nummer 2 kaum mehr weh tut. Und Aurélie punktet ein weiteres Mal bei mir, indem sie keine Sekunde Pause nach dem langen Tag haben will, sondern sofort zur Shoppingtour bereit ist.

Der kleine Laden öffnet auf Klingeln, und Maitre de Cuisine des Abends Angelo ist mit einem mal völlig ausgewechselt. Vorbei ruhiges, seliges Lächeln, hier plant ein akribischer, perfektionistischer Italiener ein Abendessen. Alles wird mit einem kritischen „hm…. noooooo…. naaaah… hm“ und sehr gerunzelter Stirn kommentiert (dabei gibt es herzlich wenig Auswahl), bis wir endlich Eier, Schinken, Spaghetti und Wein haben.

Zurück in der Herberge passt mich Jelle unnachgiebig ab, ob er etwas falsch gemacht hätte. Er schaut so betroffen, dass ich wirklich ein schlechtes Gewissen bekomme, immer nur „nein, nein“ zu lügen, und so erkläre ich ihm kurz und knapp, wo mein Problem liegt. Dass er durch und durch nichts falsch gemacht hat und ja jeder ein Recht drauf hat, seinen Camino so zu gestalten und zu genießen, wie es ihm gefällt. Dass aber für mich der Camino und das Pilgersein etwas sehr heiliges ist, dass mir hier die Ruhe und die Werte des Pilgerns viel bedeuten, ich hier nicht mit jemandem hitzig über mein Leben diskutieren will oder darüber, ob man auch im Urlaub Stress haben muss. Ich schließe, dass es bei uns einfach nicht so recht passt, wir uns ja aber problemlos ein bisschen aus dem Weg gehen können. Er nickt eher bedröppelt und sagt nichts.

Anschließend steht Pilgermesse auf dem Programm, leider ohne Geistlichen. Das Herbergspaar nimmt mit uns in den Bänken Platz und leitet von dort recht schlicht und unauffällig den Gottesdienst. Wieder gibt es einige Texte in verschiedenen Sprachen, manches lesen oder singen wir gemeinsam, manches wieder einzelne Pilger. Zum ersten Mal bekomme ich keine panische Angst und versinke intensiv meine Füße studierend in meiner Bank. Prompt bekomme ich einen Text zum Verlesen, aber ich fühle mich hier in dieser Kirche schon so heimisch, umgeben von lauter vertrauten Freunden, sodass mir das Vorlesen ganz ruhig und locker gelingt – und es fühlt sich sogar schön an. Bei „gebt euch ein Zeichen des Friedens“ studiert Jelle neben mir fast schon bedröppelt seine Fußspitzen und wirkt ganz überrascht, dass ich ihm noch die Hand gebe. Zwar bin ich im Moment noch im Gottesdienst verhaftet, aber ich spüre, dass ich das so nicht lassen kann.

Danach steht endlich der Kochevent an. Angelo fragt den Hospitalero leidgeprüft, ob er denn nicht vielleicht wenigstens Kristallsalz hätte, nachdem er mit normalem Salz keine guten Spaghetti kochen kann. (Mir ist das schon fast peinlich, aber zu meinem Erstaunen hat er wirklich).

Ich ziehe mich schnell zu Spülzwecken und einfachen Arbeiten zurück, denn „hm… ah… naaaaaah… hm“, keine Schüssel ist richtig, keine Gabel perfekt geformt, kein Eigelb im richtigen Farbton. Dafür ist die Stimmung in dem kleinen Aufenthaltsraum mit Küche unbeschreiblich. Wir sind etwa 15 Leute, und alle helfen zusammen beim Vorbereiten und tragen ihren Teil dazu bei. Die Dänen zerkleinern großzügig ihre ganze verbliebene Astorga-Schokolade, während in der anderen Ecke Orangen zum Dessert filetiert werden. Und jeder wendet sich an mich, als wäre ich der Chef oder hätte sonst irgendeine Ahnung.

Angelo ist hochkonzentriert und ungewöhnlich unter Druck, bis wir alle um die zusammengeschobenen Tische sitzen und jeder seinen Teller Spaghetti Carbonara vor sich hat. Es schmeckt lecker, aber am beeindruckendsten dabei ist die Atmosphäre. Lückenlos alle Pilger sitzen zusammen wie eine Familie, die sich seit jeher kennt. Diese Gemeinschaft hier und heute hat eine ganz spezielle Magie.

Danach machen sich alle gemeinsam an den Abwasch, ein ziemliches Gedränge. Angelo strahlt stolz und überglücklich, wir klatschen sicher alle Viertelstunde aufs Neue auf unsere gelungene Working Cooperation ab. Alle bedanken sich für die Einladung und den beeindruckenden Abend. Beeindruckend ist für mich vor allem, dass da etwas beeindruckt hat, wofür weder Angelo noch ich verantwortlich waren.

Heute abend darf ich in vollen Zügen das Zweierteam mit Angelo genießen und spüre auch keine Wehmut mehr beim Gedanken, dass Angelo in den nächsten Tagen in einem neuen Zweierteam aufgehen wird.

Angelo überreicht mir seine Emailadresse, was mir eine große Ehre ist. Auch Per, mein Lieblingsdäne, gibt mir seine Email und erzählt, dass er an einem Blog schreibt. Ich witzele, dass er ja wohl hoffentlich nicht auch über mich schreibt. Und will wissen, wie er mich denn in seinem Werk beschreiben und charakterisieren würde. Er lächelt auf seine berühmte, stille, allwissende Art und meint, ich wäre strong, interesting und sweet.

Mit noch ziemlich viel Adrenalin vom Kochen und ziemlich viel Glücklichkeit liege ich im gleichen Bundeswehrbettchen wie im Vorjahr und denke über diese drei wunderschönen Adjektive nach – keines davon hätte ich auch nur im Traum erwartet.

Epilog April 2009

Das Gefühl, von Engeln getragen und begleitet zu werden, hat zum ersten Mal auch nach dem Camino nicht nachgelassen.

Als ich zu Hause meine Emails abgerufen habe, war der Camino direkt in meiner Wohnung.

Ganz besonders gefreut habe ich mich über eine Mail von Sanne. Als ich ihr zurückgeschrieben habe, wurde daraus ungewollt eine seitenlange Mail, und das Gleiche kam von ihr zurück. Auf dem Camino haben wir wortlos ein gewisses Verständnis gefühlt – und dass es kein trügerisches Gefühl war, hat sich hinterher bewahrheitet. Wir befinden uns wohl auf einer ähnlichen Suche.

Von Sanne weiß ich, dass Marco gleich nochmal einen Camino drangehängt hat. Immer noch auf der Suche nach der Antwort auf seine Frage. Und wahrscheinlich immer noch grashalmkauend und in sich hineinspürend. Es würde mich nicht wundern, wenn sich ihm die Antwort irgendwann in Form eines gemeinsam strahlenden Sonnenuntergangs zeigen würde. Ich denke, er wird mir irgendwann schreiben, wenn er seinen Flow gefunden hat. Und ich freue mich darauf; ich weiß, er wird ihn finden.

Von Kristian habe ich direkt danach eine kurze Mail bekommen, dass er nun gerade in Madrid ist und ihm erst dort aufgefallen ist, was der Camino an ihm bewirkt hätte, „wow“. Ich habe bis heute nicht erfahren, was ihm nun aufgefallen ist. Aber es wäre ja auch einfach nicht Kristian, wenn er nicht chaotisch, unberechenbar und etwas verplant wäre. Er wird immer einen Platz in meinem Herzen haben, und ich wünsche ihm von ganzem Herzen, dass er irgendwann sein girl und seine Kinder und seinen Platz im Leben findet.

Jelle ist nach wie vor mein Fels in der Brandung. Letztes Jahr hat er seine und meine Rucksackmuschel zusammengebunden und an meinem Lieblingsplatz in Muxía dem Meer übergeben. Er glaubt, dass uns das für immer eine besondere Verbindung haben lässt. Ich glaube nicht, dass wir dafür Muscheln brauchen.

Zu guter Letzt habe ich bei meiner Heimkehr auch von meinem Chef eine Mail vorgefunden – mit der etwas irritierten Frage, ob ich denn wie geplant wieder zum Arbeiten komme. Über die Homepage hätte sich jemand gemeldet mit „Schöne Grüße aus der Notaufnahme in Santiago, wollte mich nach dem Zustand der Patientin erkundigen“. Zwei Tage später hatte ich dann auch noch einen süßen handgeschriebenen Brief im Briefkasten, mit der Frage, wie es denn meinem Bein geht und wie ich die lange Rückreise überlebt habe. Mein Bein hat sich wunderbar entwickelt, aber ich schreibe immer noch täglich mit meinem Engel aus der Notaufnahme. Ich habe keine Ahnung, warum, aber es fühlt sich an wie Camino pur -  bewegend, wunderschön und magisch…

Ich wache vor 7 auf und treffe Sanne im Waschraum. Sie hat mir gestern von ihrem Santiagokoller erzählt und dass sie heute einfach ganz früh auf den Flughafen will und schauen, ob sie bereits heute hier wegkommt. Ihr Flieger geht offiziell erst in 2 Tagen, und ich verstehe sie nur zu gut. Auch ich bin sehr ungern in Santiago. Zu schnell verblasst das Pilgern und rücken die Touristenbusse, die Läden mit „No pain, no glory“-T-Shirts und die Feierstimmung in den Vordergrund. Die ganze Magie, das persönliche Erleben weicht ein bisschen einem Gefühl, mit dem zumindest ich nichts anfangen kann.

Noch dazu verschwindet die bekannte Pilgerfamilie von einem Tag auf den anderen. Ein oder zwei Tage in Santiago sind herrlich. Man kann auf der Plaza sitzen und trifft im Minutentakt Leute wieder, die man vielleicht vor 2 Wochen mal gesehen hat. Aber schon am dritten Tag treffen völlig fremde Gesichter ein, liegt der eigene Camino zu weit zurück. Man fühlt sich ausgeschlossen und überflüssig.

Zwischen Haarbürste und Zahnpasta schaut mich Sanne mit großen Augen an und sagt ehrfurchtsvoll „Dein Freund stinkt aber echt!!!“. Da bin ich froh, dass das endlich auch mal jemand so sieht. Mit genauso leuchtenden Augen fragt sie dann, ob ich ihn denn gesehen hätte. Ich erinnere mich an den gestrigen Fußgeruch im benachbarten Schlafsaal (heute morgen hatte ich für einen Moment auch den Hauch einer Erinnerung in der Nase) und nicke. Sie meint, nein, bei uns im Schlafsaal. Hoppla, das ist mir neu. Sie meint, in der Nacht! Er hätte an meinem Bett gesessen. Schreck lass nach, das ist mir nun wirklich entgangen. Sie erklärt, dass sie davon aufgewacht sei, wie er plötzlich an ihrem Bett gesessen hätte und auf sie eingeredet hätte. Irgendwann hätte sie ihre Ohrstöpsel herausgenommen und ihn angeschaut, da hätte er sich entschuldigt, dass er das falsche Bett hätte und gefragt, wo denn die „chica“ sei. Sanne hätte vermutet, dass er damit mich meint und auf das Bett gegenüber gezeigt. Er wäre dann dort hinüber gezogen. Sie hätte ihn eine Weile aus den Augenwinkeln beobachtet, etwas besorgt, was er im Schilde führt. Er hätte mit mir gesprochen und dann noch etwa eine halbe Stunde einfach an meinem Bett gesessen. Zu schade, dass ich davon kein bisschen mitgekriegt habe.

Zurück im Schlafsaal bei beginnender Helligkeit sehe ich die lustige Bettenkonstellation der Nacht. Links von mir hatte sich Sanne das Bett genommen, Jelle rechts von mir. Und direkt daneben liegt eine Wolldecke chaotisch übereinandergetürmt, aus der unten ein dicker, einbandagierter Fuß ragt.

Jelle ist schon wach. Ich habe ihm schon vor dem Camino gesagt, dass ich diesen Camino allein machen will. So weiß er auch, dass ich den Tag jetzt nicht mit ihm verbringen werde. Es tut mir zwar sehr leid, dass er seine Pilgerclique extra wegen mir kurz vor Ende verlassen hat und nun noch keine Menschenseele hier kennt, aber ich weiß auch, dass er mich versteht. Und wir wissen beide, dass ein Tag mehr oder weniger unsere Freundschaft nicht beeinträchtigt. Wir frühstücken gemeinsam, dann geht er mit seinem gesamten Gepäck Richtung Kathedrale, um seine Freunde willkommen zu heißen. Er ist den ganzen Camino in einer festen Gruppe von 7 Leuten gelaufen, die sich am ersten Tag zufällig gefunden haben. Seitdem sind sie jeden Tag zusammen gelaufen, haben in der gleichen Herberge geschlafen, zusammen gekocht und anscheinend sehr viel Spaß gehabt. Jelle strahlt ununterbrochen über beide Ohren, insofern war es für ihn genau das richtige. Ich dagegen bin froh über meine eher ruhige, besinnliche Variante.

Ich widme mich meinem Camino und setze mich zu dem Deckenknäuel ans Bett. Mir ist schleierhaft, wie Kristian atmet, denn die Decke schließt hermetisch um seinen Kopf ab. Ich ziehe und zerre eine Weile. Kristian reagiert, wie man auf der Straße wohl reagiert, wenn jemand einem im Schlaf die Decke wegzieht, er ist von einer Sekunde auf die andere hellwach und kampfbereit. Er scheint mich aber zu erkennen, allerdings macht er unwillig gleich wieder die Augen zu und zieht die Decke über den Kopf. Ich suche unter der Decke nach seiner Hand, aber er ist offensichtlich übellaunig. Irgendwann fragt er extrem verkatert, warum ich gestern gegangen wäre. Ich hatte ihm eigentlich extra noch ein Briefchen geschrieben, mich für meinen Abgang entschuldigt und erklärt, dass ich mit ihm unter Alkohol einfach nicht klarkomme. Und hoffe, dass wir heute noch einen schönen letzten Tag zusammen haben können. Er trennt sich irgendwann von seiner Decke, starrt bockig und abgrundtief enttäuscht an mir vorbei, fragt noch mehrmals „why?!“, weiß nicht, ob er jetzt noch etwas mit mir machen will und streift gedankenverloren mein Bändel ab. Er weiß auch nicht, ob er das jetzt noch tragen will. Das wiederum macht nun mich ziemlich geschockt und betroffen. Ich wollte ihm doch nicht weh tun. Er faucht mich an, ich soll ihn jetzt doch einfach mal zwei Minuten in Ruhe lassen. Er knallt mir 10 Euro und seinen Ausweis hin, ich soll ihn nochmal für eine Nacht einbuchen.

Mache ich brav, und als ich wiederkomme, schaut er mir schon wieder in die Augen und lächelt verschmitzt wie immer. Er ist abmarschbereit, und meine vorsichtige Frage, ob er nicht mal duschen will, verwundert ihn zutiefst. Nicht nur sein Fuß riecht jenseits von Gut und Böse, er riecht mal wieder versoffen und verraucht, und mittlerweile riecht auch seine Hose höchst wechselbedürftig. Mit Andeutungen komme ich wohl nicht weiter, aber selbst als ich ihn plastisch drauf anspreche, schnüffelt er nur gelenkig und interessiert an seinem Unterschenkel, um mit ehrlichem Erstaunen und freudigem Lächeln zu sagen, dass er da nichts riecht. Wie könnte ich ihm jemals böse sein.

Ich schließe meinen Rucksack bei ihm im Schrank ein, und wir gehen Richtung Kathedrale. Auf Parador hat er wieder keine Lust, er möchte etwas Herzhaftes. Ein Glück, dass ich gerade wieder Salami und Baguette dabei habe. Wir frühstücken im Park vor der Herberge, reichlich ungemütlich, denn es ist bewölkt und nieselt. Kein Traumwetter in Anbetracht der Tatsache, dass ich mich bis zum Abend draußen rumtreiben sollte.

Kristian liefert heute nochmal das volle Programm an erheiterndem Wahnsinn. Sein Blick schweift routiniert an den Straßengräben entlang, und ich bemerke sein freudiges Zucken beim Anblick einer denkbar verwitterten, offenen und zugegebenermaßen immerhin mit einer bräunlichen Flüssigkeit halb gefüllten Colaflasche unter einem Mülleimer. Glücklicherweise lacht selbst er, wenn ich ihn davon wegzerre und sage, dass er nicht so fucking eklig sein soll.

An einer Straßenecke gibt es dann kein Halten mehr, er hat mit Kennerblick einen Müllsack als Altkleidersack identifiziert und wühlt begeistert darin. Grässliche abgewetzte, bunt karierte Söckchen bietet er, ganz gentleman, zuerst mir an. Ich gucke ihn wohl etwas entgeistert an, woraufhin er sie schulterzuckend in seiner Tasche verschwinden lässt. Er findet noch einen Strickpullover mit braunen Streifen, den er sich begeistert über den Kopf zerrt. Mit viel Gewalt bringt er ihn fast bis zu seinem Gürtel. Beim Loslassen schnappt er wieder auf kurz unter Brusthöhe zurück. Kristian strahlt unendlich glücklich und stolz – und wird nur durch meinen Blick aus der Bahn geworfen. Er interpretiert ihn dahingehend, dass er den Pulli erst mir hätte anbieten können, dabei bin ich noch total unschlüssig zwischen Schock, Verzweiflung und Staunen. Ich entscheide mich letztlich wie so oft dafür, dass ich meinen kleinen Chaoten einfach über alles liebe und er einfach wunderbar ist.

Wir stehen im Nieselregen, als ihm einfällt, dass er mir seine Lieblingslieder verraten will. Die wären so persönlich, dass er sie erst nach einem halben Jahr überhaupt mal jemandem verraten hätte. Und ich wäre es wert, sie zu erfahren. Sie sind offensichtlich so exotisch, dass er sie mir aufschreiben muss, und zu diesem Zweck verschwindet er kurz in einem Geschäft. Ich suche mir einen trockenen Unterstand und warte und warte. Kristian taucht nicht mehr auf, ich finde ihn auch in keinem Geschäft und nirgends in den Straßen. Zu Bedauern mischt sich allerdings auch eine gewisse Frustration und Genervtheit. Mit Kristian unterwegs sein ist höllisch anstrengend, er geht ständig verloren, sieht irgendeinen Mülleimer, hat irgendeine Eingebung, steht geistesabwesend mit Blick an eine Mauer oder bleibt sehr gerne mitten auf der Straße selig lächelnd stehen, weil er gerade ein Kind sieht und Kinder über alles liebt… ein Sack Flöhe lässt sich definitiv einfacher hüten.

Ich gehe in die Kathedrale, und unglaublich, dort hängt auch bei genauerem Hinschauen noch der mächtige Botafumeiro. Ich kann mein Glück kaum fassen und suche Kristian, den ich auch wirklich in einer Seitenstraße zufällig erwische. Ich trommele ihm vor Begeisterung strahlend den halben Brustkorb ein. Sein erster Tipp ist „Du bist schwanger?“, gefolgt von „Du heiratest?“. An Stelle drei rangiert dann schon der Botafumeiro. Aber statt sich zu freuen, verzieht er das Gesicht, guckt an mir vorbei und meint abwesend, dass er nicht glaubt, dass er da mitgeht. Ich verstehe gar nichts, merke nur, dass mein Enthusiasmus in Sekundenschnelle zusammengebrochen ist. Er hat das Gefühl, dass das eh eher was für mich ist.

Er möchte mir etwas im Internet zeigen, so humpeln wir ewig suchend durch den Nieselregen. Als wir endlich ein Internetcafe gefunden haben, liest er erstmal minutenlang seine Mails. Ich komme mir irgendwie doof vor, ich kann noch nicht mit der Enttäuschung auf seine Reaktion umgehen. Ich verabschiede mich Richtung Kathedrale, er weiß ja, wo er mich findet.

Jelle sitzt schon auf dem gleichen Platz wie letztes Jahr. Damals haben wir uns an den Händen gehalten, während der Botafumeiro rauchend und gewaltig an uns vorbeigeschwungen ist. Es war mit einer der emotionalsten Momente unserer Freundschaft, und ich werde mich dieses Jahr sicher nicht wieder an den gleichen Platz setzen.

Ich setze mich auf die gegenüberliegende Seite in die erste Reihe im Seitenschiff, Gangplatz, absoluter Premiumplatz für den Weihrauchkessel. Ich bin erleichtert, als die beiden Dänen kommen, die Jelle hier zum ersten Mal wiedersehen. Sie setzen sich zu ihm, und ich weiß ihn gut aufgehoben. Ich schaue mich ständig um, wo Kristian denn bleibt. Mit Blick auf den Weihrauchkessel, wie er so in der Höhe hängt, muss ich an Sanne denken, die jetzt sicher schon hoch über Santiago in einem Flieger nach Hause sitzt. Kaum habe ich den Gedanken zu Ende gedacht, kommt sie mir strahlend entgegen. Ich verstehe die Welt nicht mehr. Sie war morgens auf dem Flughafen, aber es hätte keinerlei Flüge mehr gehabt, und da hätte sie eben (mal wieder!) gespürt, dass sie doch noch in Santiago bleiben soll. Und das tut sie jetzt ohne jede Bitterkeit. Sie strahlt, dass wir nun doch noch den Botafumeiro bekommen.

In mir macht sich immer mehr Leere breit; ich halte nach Kristian Ausschau, erst mit der Sorge, wohin er sich setzen soll, nachdem nun Sanne auf seinem Platz sitzt und sich die Kirche massiv füllt. Viele Leute stehen sogar schon. Mit Beginn der Messe überwiegt aber dann das Gefühl, dass er einfach gar nicht kommt. Auf eine gewisse Weise ist es ein Herzenswunsch, in der Kathedrale mit meinen Liebsten den Weihrauchkessel zu erleben. Das weiß er, und er erfüllt ihn mir nicht.

Die Messe ist ein würdiger Abschluss, die Kathedrale ist zum Bersten gefüllt, Sanne neben mir schnieft würdig ergriffen schon bei der Messe, und als dann noch die bekannten 8 Männer zu den schweren Seilen gehen und den Kessel kraftvoll in Schwingungen bringen, bis er in Wahnsinnstempo an uns vorbei bis unter die Decke der Kathedrale saust und raucht, ist die Stimmung perfekt.

http://www.youtube.com/watch?v=2QFd_55El1I

Für mich bleibt es vor allem eine Messe ohne Kristian.

Ich möchte allein sein und ziehe mich unter die Torbögen gegenüber der Kathedrale zurück. Warum liegen auf dem Camino Schmerz und Freude immer so nah beieinander.

Wie auf Kommando erscheint Kristian strahlend vor mir. Er war im Parador Mittagessen und ist sehr zufrieden mit sich und der Welt. Als ich ihn frage, ob er nun genügend Rache für gestern Abend genommen hat, zuckt er etwas schuldbewusst die Schultern. Er meint aber lapidar, dass es so für mich besser gewesen wäre. Vermutlich hat er recht.

Direkt auf dem Kathedralenplatz bekomme ich mein versprochenes Lied. Es ist ein norwegisches Lied, ein Lied von Sehnsucht und Sorge, welches Seefahrer wieder zu ihren Liebsten heimführen soll.

Danach will Kristian weg aus dem Zentrum, und so laufen wir im Nieselregen ziellos durch die Gegend. Eigentlich sollten wie beide besser unsere Beine schonen, und ich habe meine einzig trockene Ausrüstung an, die Regenjacke lagert praktisch in der Herberge. Wir frieren in einem Park und unter einer Art Wohnwagen (immerhin trocken), und ich bin irgendwann einfach zu müde. Müde von der eher schlaflosen Nacht, müde von dem schmerzenden Bein, müde von der zu langen Zeit in Santiago, aber auch müde von zu viel Zeit mir Kristian. Langsam sehne ich mich wieder nach einem Stückchen Kontinuität, Verlässlichkeit und Vorhersehbarkeit. Mir brummt der Kopf vor lauter seinen Einbrüchen in Gefängnisse, weil das interessant ist, seinen Freunden, die Polizisten in die Beine beißen, dass er nachts gern Alpträume hat, weil es spannender ist.

Nachdem Kristian ohnehin nochmal ins Internet will, verabschiede ich mich schweren Herzens in die Herberge. Zwar sind es die letzten Stunden mit ihm, aber wir gehen uns nur auf den Geist, und ich bin im Moment auch alles andere als spritzig spannend interessant. Mit schlechtem Gewissen mogele ich mich durch den Eingangsbereich, offiziell bin ich ja kein zahlender Gast mehr. Aber das sieht man mir offensichtlich nicht an.

In der Herberge ist großes Hallo, Jelle hat seine Clique gefunden und sie überzeugen können, kollektiv in dieser Herberge abzusteigen. Sie haben definitiv sehr viel Spaß und sind ordentlich laut.

Ich schlafe ein bisschen. Als ich wieder aufwache, ist auch Kristian aus der Stadt zurück. Er bemerkt, dass er glaubt, dass wir nicht heiraten werden.

Ich mache mich gegen 17.00 nochmal auf den Weg zur Kathedrale. Ich möchte noch ein letztes Mal von dem Platz davor Abschied nehmen, ein letztes Mal im Parador essen, und dann zu meinem Bus gehen, der um 21.00 startet. Außerdem suche ich Jelle, um mich von ihm zu verabschieden. Kristian will wieder alles 5 Minuten anders, sodass ich einfach alleine losgehe. Ich habe tierisch Santiago-Koller, bin genervt, gereizt und mürbe. Es tut mir leid, dass er das nun abkriegt.

Gegen 6 sitze ich wieder am Garagentor vor dem Parador, ich bin die erste. Allerdings kommt ein paar Minuten später eine Gruppe von recht lauten und größtenteils recht deutschen Männern. Sie sind zu neunt, das heißt, wir sind komplett. Irgendwas an ihrer Art passt mir nicht, und ohne irgendein bekanntes Gesicht will ich eh nicht Abendessen. Sanne kommt kurz darauf, sie ist auch ziemlich enttäuscht, dass es nun nicht mehr wird mit unserem Abendessen. Selbst Kristian kommt zu einer an sich ausreichenden Zeit. Ich biete ihm kurzentschlossen meinen Platz an, aber er hat heute wieder seinen Weltverbesserertag und möchte jemanden essen lassen, der es nötiger hat. Er humpelt schon wieder ohne weiteres Kommentar davon, ich kriege hier noch die Krise. Mein Bein möchte endlich seine Ruhe und hochgelegt werden, und statt dessen muss ich jetzt halb Santiago abrennen, um meine Leute zu finden und zumindest „tschüss“ zu sagen.

Kurzerhand buche ich Sanne zum Abendessen ein, es scheint ihr nichts auszumachen, mit dieser komischen Truppe zu essen. Ich sage ihr, dass ich an der Kathedrale auf sie warten werde, bevor ich auf den Bus gehe. Kaum habe ich Kristian fast wieder eingeholt, erspähe ich Jelle mit seinem Harem.

Zum Abschied setzen wir uns nochmal auf meinen Lieblingsplatz, mitten auf dem Platz, zu der Steinmuschel im Boden. Jelle strahlt einfach überglücklich, er hat seine Freunde wieder, er hatte einen wunderschönen Camino, er hat mich wieder. Und wie immer hat er eine entwaffnende Art, er ist der geborene aufmerksame Zuhörer. So breche ich nach ein paar Sätzen in Tränen aus und schütte ihm mein ganzes Herz aus, meine ungelösten und ungeklärten zwischenzeitlichen Eingebungen, meinen Santiagokoller, dass ich einfach endlich heimwill, wieder Normalität, dass Kristian mich überfordert und mir grade insgesamt alles zu viel ist. Und ebenfalls wie so oft darf ich ihm die Schulter vollheulen, er hält mich im Arm und sagt mit der schönsten Überzeugung, dass er an mich glaubt. Mein Fels in der Brandung.

Ich entscheide mich spontan, schon jetzt zum Busbahnhof zu gehen. Ich erwische Sanne noch kurz vor dem Essen. Sie versteht mich absolut ohne Worte.

Fehlt nur noch Kristian zum Verabschieden, aber er ist mal wieder weg, und ich habe überhaupt keinen Nerv mehr, jetzt noch die Stadt und die Herberge nach ihm abzusuchen. Ganz ohne Abschied geht aber definitiv auch nicht. Während ich noch Gewitterwölkchen produziere, warum man mit ihm nie mal was absprechen oder koordinieren kann, entdecke ich ihn friedlich an der Kathedrale sitzend. Er ist mal wieder in Gesellschaft von zwei anderen sehr relaxten Pilgern und sehr cool, sodass ich mich eher kurz und bündig verabschiede.

Zu meiner Überraschung steht er auf und begleitet mich noch ein Stück in die Richtung zu meinem Bus. Er versteht nicht, warum ich hier gerade eine Krise schiebe, er war doch die ganze Zeit da und hat mich unter Beobachtung gehabt. Und ich hätte ja offensichtlich „eine sehr gute Konversation“ gehabt, bei der er mich nicht hätte stören wollen.

Ich entschuldige mich für meine Launen in den letzten Tagen; er nimmt es nicht persönlich, sondern versteht, dass mir hier gerade einfach zu viel auf einmal zusammenkommt.

Ich bin recht überrascht, als Kristian mir auf die letzten Meter direkt noch den Arm um die Schultern legt. Er meint lapidar, dass er keine Abschiede mag und dann jetzt umdreht. Er denkt, er wird mir schreiben, sehr sicher sogar. Die wenigen Worte und die kurze Umarmung zum Abschied sind ein anderes Kaliber als mit Jelle, aber sie fühlen sich unendlich reich und intensiv an. Und es tut ordentlich weh, ihn zum letzten Mal davonhumpeln zu sehen.

Ich bin aber wieder erstaunlich sortiert und in Gedanken einfach nur noch auf dem Heimweg. Im Busbahnhof zeige ich auf gut Glück den Zettel von dem Notaufnahmearzt, dass ich mein Bein hochlegen sollte, aber die Dame hinter Glas meint nur ohne Gesichtsregung, der Bus wäre ausgebucht. Macht mir gar nichts, ich bin höchstens sehr froh, dass ich meiner Intuition gefolgt bin und mein Ticket bereits vor dem Camino reserviert habe. Die Zeit mit Kristian hat Spuren hinterlassen, ich packe ungerührt mitten in der Wartehalle meinen Schlafsack aus und verschwinde ausgiebig in den Waschräumen zum Zähneputzen, Frisieren und Kontaktlinsen Reinigen. Immerhin bin ich die nächsten 27 Stunden auf Heimreise.

Ich treffe noch einen Tschechen aus Fonfría wieder, der auch meinen Bus nimmt. Ich habe 10 Stunden Aufenthalt am Flughafen in Madrid, er relativiert mir das prächtig mit mehr als einem ganzen Tag. Wir haben nicht viel gemeinsam, aber es ist ein schönes, beruhigendes Gefühl, dass wir wechselweise auf unsere Sachen aufpassen können und uns zu unserem Bus durchschlagen.

Der Nachtbus hält etwa alle halbe Stunde irgendwo an, und das über 9 Stunden. Ich versuche manchmal, mein Bein über den Gang zu strecken, irgendwann lege ich mich kurzerhand mit meinem Schlafsack auf den Gangboden. Alle halbe Stunde tritt mir dann folglich jemand wahlweise auf Fuß oder Kopf, aber ich bin glücklich und ausgeglichen und störe mich an überhaupt nichts mehr.

Unsere Route führt ziemlich genau den Camino entlang. Im Dunkel der Nacht erkenne ich Vega de Valcarce, hier bin ich vor gerade mal einer Woche in Richtung La Faba vorbeigelaufen. Mir kommen plötzlich alle möglichen Momente in den Sinn, ich denke an die vielen Menschen, die ich eigentlich erst vor zwei Wochen getroffen habe, und die mich doch wieder so bereichert und bewegt haben. Alle Erfahrungen, auch die schwereren Momente waren wieder einmal so wertvoll und besonders, sie haben mir das Gefühl gegeben, intensiv zu leben und intensiv zu fühlen.

Die vielen Stunden auf dem Flughafen verbringe ich ungerührt mit meinem Schlafsack auf dem Boden und in der Kapelle, die ich zu meiner Freude auf dem hektischen und lauten Flughafen entdecke. Beim Einchecken frage ich nach einem Gangplatz für mein Bein, und wie ich erst im Flieger bemerke, habe ich sogar den einzig freien Platz in der riesigen Maschine neben meinem bekommen.

Ich habe so viele Engel getroffen, ich fühle mich, als würde ich heimgeleitet.

Die Nacht ist reichlich skurril, wirklich viel schlafe ich nicht, und die Gedanken um mein Bein sind bei Nacht noch wirrer als vernünftig bei Tag betrachtet. Am Morgen könnte ich mir einbilden, dass die Schmerzen schon besser sind. Noch dicker ist es auch nicht geworden; vermutlich habe ich mich einfach deutlich überanstrengt und werde mich die nächsten Tage komplett schonen.

Der Japaner neben mir liegt noch im Bett, und ich blicke gar nicht mehr durch, was jetzt sein Problem mit dem Messe Verpassen war.

Ich gehe frühstücken, wieder mit Blick auf den Sonnenaufgang. Heute fühle ich mich nun endlich nach meinem ersten Kaffee. Wenn nicht hier und jetzt mit Blick auf die Kathedrale, wann dann. Es ist zwar nur ein Automatenkaffee und absolut nicht lecker, zumal ich das Umrühren vergessen habe, aber nach riesengroßen Gefühlen und Melodram ist mir momentan eh nicht mehr.

Dafür spicke ich auf Kristians Bett im anderen Schlafsaal, welches komischerweise leer ist. Ich mache mich abmarschbereit, als ich in meinem eigenen Schlafsaal plötzlich fast in Kristian reinlaufe, der dort seinen Schlafsack zusammenrollt. Ich bin schon nah dran, mich zu freuen, als ich in der gleichen Sekunde strahlend neben ihm ebenfalls schlafsackzusammenrollend Nadine sehe. Mich haut es ein paar Schritte rückwärts, das Teufelchen lacht, kichert, stichelt und tanzt Polka zugleich.

Ich mache auf dem Absatz kehrt und will mit meinem Tagesgepäck gerade Richtung Kathedrale flüchten, als Kristian mich leider erspäht und ruft. Ich soll mich mal zu ihm setzen. Von seinem Bett aus habe ich weiter Blick auf Nadine, allerdings hat sie ihren Rucksack auf der anderen Seite und drei Betten weiter. Und sie packt für Finisterre, während Kristian mich fragt, ob ich noch eine Nacht hierbleibe, um sich dann auch noch weiter einzubuchen. Was wir heute machen wollen. Ich bin immer noch etwas vorsichtig, aber eigentlich schon wieder halb versöhnt. Ich sage, dass ich zur Kathedrale will, einfach die Atmosphäre genießen und auf Leute warten. Und vorher noch um 9 zum Frühstücken in den Parador. Er moniert, dass das eh doof ist und zeitlich zu knapp bei seinem lahmen Fuß. Das ist mir jetzt egal, ich gehe und er kann ja schauen, ob er mitwill oder nicht.

Ich sehe ihn beim Abschied von Nadine. Es ist nicht sehr ritterlich von dem Engelchen in meinem Kopf, wie es dem Teufelchen ein Bein stellt und sich noch triumphierend auf den Unterlegenen draufstellt. Was auch immer das Teufelchen mir suggerieren wollte die letzten Tage, es hat mich schön hereingelegt. Das einzige, was zwischen Nadine und Kristian ist, ist vielleicht seine übliche Nähephobie.

Nadine läuft los Richtung Finisterre, ich humpele hinterher, so schnell es mir möglich ist. Ich frage sie, ob sie noch kurz mit Frühstücken kommt, und sie lässt sich schnell von der Idee überzeugen. Wir laufen die Viertelstunde zum Parador einträchtig, und ich kann endlich ihre nette Art einfach so genießen und eine ähnliche Wellenlänge zulassen.

Zehn Minuten vor 9 wartet sonst noch niemand am Garagentor, fünf vor kommen noch zwei Deutsche zum Gratisessen. Und Punkt 9 kommt charakteristisch humpelnd auch Kristian doch noch angetrottet.

Nadine und ich schwelgen in verrücktem Optimismus, was wir wohl für ein tolles Frühstück bekommen könnten; wir hypnotisieren die Teller mit Spiegeleiern und Toast, werden aber recht unsanft in die Realität zurückgeholt, als ein Koch „no no“ sagt und uns einen anderen Teller in die Hand drückt. Aber auch mit dem kann ich mich prima anfreunden. Ofenwarme Croissants, Hefegepäck und Fettausgebackenes, mit Puderzucker überstreut. Unsere kleine Runde ist nett und gemütlich, ich könnte Nadine umarmen, und Kristian natürlich gleich mit. Er wirkt ein bisschen verloren, weil wir nur deutsch sprechen und er wahrscheinlich meine diversen Sinneswandel nicht so recht versteht.

Nadine und die beiden Deutschen verabschieden sich nach Finisterre, und ich bin am Ziel meiner diesjährigen Caminoträume. In Santiago mit meinem Soulmate, der solange bei mir bleibt, bis ich heimfliege.

Wir sitzen vor der Kathedrale in der Sonne, und er erzählt von seinem Camino so weit. Bereits am ersten Tag nach unserer Trennung konnte er wider Erwarten gut laufen. Während ich den Camino duro gemacht habe und ab da bummelnd auf ihn gewartet habe, ist er bereits an dem Tag weiter nach O Cebreiro und war die ganze Zeit vor mir. Sein Fuß ist immer noch oder wieder ein Klumpen, mittlerweile mit einem schicken, professionellen Verband um den Knöchel. Ich bin erleichtert, dass er es demnach wohl mal einem Arzt gezeigt hat. Er wird verlegen und eher rot. Ein Pilger hat ihm den Verband gemacht, und weniger wegen dem Fuß, sondern weil er in Arca im Vollrausch aus dem Stockbett gefallen ist und nun auch noch einen kaputten Knöchel hat. Immerhin kennt er auf Nachfrage meine beiden Dänen, die anscheinend nicht weniger besoffen waren, allerdings schlau genug, sich nicht zu lädieren.

Wie auf Kommando erspähe ich sie gerade, wie sie den Kathedralenplatz langgehen. Ich habe sie letztes Jahr drei Tage lang gesehen, und doch verbindet mich sehr viel mit ihnen, oder zumindest mit einem von ihnen, Per. Ich fliege ihnen humpelnd in die Arme, und auch Kristian kommt kurz zum Hallosagen. Sie haben auf dem Monte de Gozo übernachtet und sind erst heute nach Santiago reingelaufen. Sie schlagen vor, zusammen einen Kaffee trinken zu gehen, aber Kristian ist schon wieder weg, schlendert ziellos und abwesend in eine andere Richtung, und ich bin hin- und hergerissen. Ich vertröste meine Dänen mit einem etwas schlechten Gewissen auf später und erwische Kristian gerade noch. Er lehnt auf einer Mauer und guckt regungslos ins Nichts. Ich weiß nicht, was in ihm vorgeht, aber praktischerweise spüren wir ja immer, wenn der andere traurig ist. Ich überrede ihn, irgendwo anders hinzugehen, bevor die Dänen vom Pilgerbüro zurückkommen. Mit mir allein kommt er wieder gut zurecht, wir humpeln sehr einträchtig möglichst nicht zu weit zu einer Treppe, auf die wir uns in die Sonne setzen.

Wir reden über alles mögliche, und es ist einfach wunderschön. Kristian ist so verrückt, kindlich begeistert, gegen jede Konvention, dass es einfach befreiend ist. Seine Augen leuchten vor Schalk, wenn auch im Moment unter abgesengten Wimpern, weil er sich besoffen eine Zigarette angezündet hat. Einerseits hängt er gerne mal den großen Frauenheld und Coolen raus, andererseits ist alles an ihm so liebenswert, schüchtern und empfindsam. Rechtzeitig durchbrochen von seinem typischen Gerotze und Gefluche.

Er fragt, ob er aus meiner Wasserflasche trinken darf oder ob ich das eklig finde. Letzteres. Er geht ungerührt zu einem Getränkeautomaten, wühlt dort im Müll, findet eine leere Coladose und befüllt sich diese an einem Brunnen. Lecker.

Gegen 11 gehen wir auf den Kathedralenplatz zurück, wo Sanne und die Dänen warten. Von weitem sehe ich Marco. Er deutet Richtung Camino und winkt mir einen stillen Abschied. Er geht bereits heute Richtung Finisterre, sein Herz hat wohl mal wieder gesprochen.

Ich bin fast am Ausflippen, als ich in der Kathedrale den Weihrauchkessel hängen sehe – und auch Sanne ist aus dem Häuschen über meine Entdeckung. Ich habe ihr davon erzählt, dass das für mich so etwa die Krönung überhaupt ist. Leider stellt sich bei näherem Hinsehen heraus, dass es doch nicht der Botafumeiro ist. Ich bin bodenlos enttäuscht, habe ich doch immer an die Caminoweisheit geglaubt „jeder bekommt den Empfang, den er verdient“.

Die Messe ist eh eine einzige Enttäuschung. Nicht meine Lieblingsnonne singt, vorher wird überhaupt nicht geübt wie sonst, beim Verlesen der Pilger werden Kristian und ich nicht erwähnt, die Bänke sind nur spärlich besetzt, es hat nur einen einzigen Priester, und der stört sich derart an den Touristen in seiner Messe, dass er zwischendurch mehrmals ein Donnerwetter loslässt, dass sie bitte verschwinden sollen. Leider macht das nur die Pilger betroffen, und die Herrschaften mit den dicken Kameras promenieren noch immer interessiert vor seiner Nase herum.

Ich sitze umrahmt von Sanne, Kristian und Per. Eigentlich wieder eine Traumkonstellation. Sanne ist wie üblich emotional ergriffen, Kristian wie üblich unruhig. Zudem riechen seine Füße so außerirdisch, dass ich mich schwer konzentrieren kann.

Nach der Messe treffen Sanne und ich zu unserer großen Freude Amber wieder; sie ist wie vermutet bereits einen Tag hier und geht heute nach Finisterre weiter. Wie üblich kommt die Idee auf, einen Kaffee trinken zu gehen. Ich schaue in erwartungsvolle Gesichter von Sanne, Amber und Per, und gleichzeitig schaue ich suchend über den Kathedralenplatz, auf dem Kristian schon wieder wegwandelt. Wieder stoße ich alle vor den Kopf und renne Kristian hinterher.

Wir treffen die zwei Kanadier, die ihm den Knöchel verbunden haben. Nachdem mein Bein wirklich nicht so der Knüller ist, fasse ich mir ein Herz und frage den medizinisch Erfahrenen, was er dazu meint. Zum dicken Bein meint er erst etwas in Richtung typischer Pilgerverschleiß, aber als ich ihm die roten Flecke in der Kniebeuge zeige, die sich seit ein paar Stunden ausbreiten, meint er recht resolut, dass das ein Fall für den Arzt wäre. Es könnte eine Phlebitis sein, und damit wäre nicht zu spaßen. Es hätte hier tolle Ärzte, ich könnte grad einfach in der Touristeninformation fragen.

Ich bin überaus einverstanden, habe ich diese Sorge doch auch seit gestern. Ich hole Kristian ein und informiere ihn über mein Vorhaben. Er lacht sich ungläubig kaputt, dass ich zum Arzt will, und dann auch gleich jetzt sofort, schließlich läuft er seit 2 Wochen mit dickem Fuß.

Ich gehe frohgemut in die Touristeninformation und frage freundlich motiviert nach einem Arzt. Die Dame am Tresen guckt mich an wie vom Mond und muss erst zwei Kollegen dazubeordern. Sie beratschlagen wild hin und her und stellen lustige Fragen nach meiner Art der Versicherung und ob ich ein Notfall wäre oder nicht. Weiß ich alles nicht so recht und habe ein ungutes Gefühl, als sie sich dann wie ausgewürfelt unentschlossen für eine Ärzteambulanz und gegen die Klinik entscheiden. Die läge nur eine Viertelstunde zu Fuß weg, und ich solle mich beeilen, damit ich vor 14.00 dort bin.

Ich düse fröhlich los, in freudiger Erwartung eines netten Pilgerarztes, der nur auf mich und mein dickes Bein wartet. Die Ambulanz ist ein Riesenkomplex, und ich steuere etwas unschlüssig ein paar Damen hinter dicken Glasscheiben an. Die ersten beiden schütteln nur stumm den Kopf und deuten auf eine Dritte, die dann reichlich genervt fragt, was ich will. Ich kiekse mein Sprüchlein gegen die dicke Glasscheibe, während die Dame sich in ihrem Drehstuhl zurücklehnt, die Arme verschränkt und ohne eine Miene zu verziehen meint, sie verstünde mich nicht. Regungslos will sie meine Versicherungskarte und beginnt 5 Minuten ohne Kommentar auf ihren Computer einzuhacken. Dann möchte sie meinen Pass, der sinnvollerweise in der Herberge sehr gut liegt. Sie guckt nicht mehr regungslos, sondern als wäre ich sehr suspekt. Ob ich ein Notfall wäre. Ja, herrje, für mich ist ein Notfall, wenn mir akut der Hals zuschwillt oder mein Herz stehenbleibt und ich Verlangen nach Blaulicht und rennenden Weißkitteln habe. Also bin ich kein Notfall. Wer denn hier mein Hausarzt wäre. Ach, ich bin gar nicht von Santiago (Überraschung). Wie lange ich denn hier wäre. Was, heute noch einen Termin?! Nein, keine Chance. Nur Notfälle. Dabei guckt sie mich die ganze Zeit völlig unbeteiligt und kalt an und tippt stundenlang in ihrem Rechner herum. Ich sage, dass ich ja extra hier bin, weil ich wissen will, ob ich ein Notfall bin. Offensichtlich wird ihr bewusst, dass ich sie gleich verklagen werde, wenn ich hier wegen einer nicht erkannten Thrombose Schaden nehme, und sie lässt sich zu einem kommentarlosen Zettel herab, den sie unter der Glasscheibe hindurch schiebt. Ich muss mehrmals nachfragen, was ich damit jetzt machen soll, bevor sie mich endlich in den vierten Stock schickt.

Dort tappe ich vergleichsweise vollmotiviert an einen weiteren Tresen, diesmal ohne Glasplatte. Ich zeige dem Herrn dort mein Zettelchen, und er bedeutet mir, Platz zu nehmen. Außer mir sitzen nur zwei andere, ich werde also bald dran kommen. Über mir ist eine Anzeigetafel, auf der Räume und Nummern aufgerufen werden, und die Patienten neben mir springen eifrig auf. Auf meinem Zettel ist leider keine Nummer, sodass ich nochmal beim Empfang frage. Der Herr ist schon reichlich gereizt und wedelt mich zu „warten!“. Es kommen immer neue Patienten, alle bekommen freudestrahlend einen Ausdruck mit einer großen Nummer drauf und wandern Minuten später in die aufgerufenen Räume. Ich warte gut eine Stunde immer verzweifelter, denn wie soll ich aufgerufen werden, wenn ich nicht mal eine Nummer habe. Ein Schichtwechsel findet statt, und ich kralle mir eine Dame in Weiß und frage, was ich mit meinem Zettel soll. Sie guckt irritiert drauf und meint, der Arzt darauf würde heute doch gar nicht arbeiten. Ich solle mal warten. Mache ich auch ziemlich schicksalsergeben. Die nächste junge Dame, die ich damit nerve, schaut wenigstens schon in den Computer, schüttelt voller Anteilnahme den Kopf und sagt, heute wäre nichts mehr frei. Was ich denn hätte. Ich habe dazugelernt und sage „vielleicht eine Thrombose“, und nachdem ich mittlerweile so gestresst bin von dieser hoffnungslosen Warterei, klinge ich wohl auch wirklich so dramatisch, dass sie nach einer Lösung sucht und mir den langersehnten Nummernzettel rausläßt. Mir klappt der Unterkiefer herunter, als ich als „geschätzer Termin“ 17:30 lese. Aber ich bin eh schon komplett schicksalsergeben. Ich verstehe kein Wort, ich glaube nicht dran, dass ich hier irgendwie mal drankomme, und ich fühle mich definitiv wie der letzte Pilgerabschaum. So werde ich ja auch behandelt. Ich kämpfe bereits mit den Tränen, als die junge Weißkittelin kurz zu mir herüberschwebt, mir meinen Zettel aus der Hand nimmt und mir dafür einen anderen hineindrückt. Ganz leise sagt sie, der wäre besser. Termin 15:15. Ich könnte sie umarmen.

Gegen 16:00, nach 2 1/2 Stunden warten, blinkt meine Nummer. Ich humpele in einen Raum, in dem ein junger Arzt auf seinen Monitor schaut und tippt, ohne mich zu begrüßen. Ich setze mich artig hin und warte. Er grummelt irgendwas, was ich nicht verstehe, also warte ich freundlich weiter. Er grummelt nochmal, reichlich ungehalten, und ich vermute, dass er wissen will, was ich hier will. Ich sage zwei Sätze, woraufhin er aufsteht und mir ein paarmal mit den Fingern resolut ins Bein piekt und fragt, ob ich Probleme mit der circulation hätte. Ich spare mir meine Antwort, dass ich das nicht weiß und deswegen ja hier bin, denn irgendwie kommt das hier nicht so gut an. Er folgert dann selber, dass ich Probleme mit der circulation hätte, setzt sich wieder und beginnt wild, ein Formular auszufüllen. Ich weiß nicht, was er macht, und für eine Verschreibung ist es langsam zu viel Text. Zudem steht noch etwas von Hospital drauf. Mein erster Gedanke ist „wenn der mich jetzt trotzdem noch in die Klinik schickt und ich 3 Stunden umsonst verplempert habe, drehe ich durch“. Genau das macht er aber kommentarlos. Er wedelt mit dem Zettel und bedeutet mir die Tür. Ich will dann doch mal wissen, was jetzt eigentlich los ist. Er lässt sich zu einem „Verdacht auf Phlebitis“ hinreißen. Ich frage, ob ich damit jetzt noch beruhigt in die Klinik laufen kann. Er guckt mich entgeistert an. Ob es denn gefährlich wäre? Er gibt ein bitteres Lachen von sich, na, das könnte man schon sagen. Ich bin irgendwie sowas von geschockt von den letzten paar Stunden, dass ich gar nichts mehr sage und gehe. Mein Terminengel guckt mich besorgt an, ich zeige ihr den Zettel und frage, was ich damit jetzt machen soll. Sie wechselt sogar auf Englisch und erklärt mir die Busverbindungen.

Total neben mir verlasse ich die Klinik und laufe den Weg zu der genannten Bushaltestelle zurück. In meinem Kopf ist nur noch „Phlebitis“, „peligroso“, das harte Lachen von dem Arzt; mein Bein tut unheimlich weh, ich bekomme panische Angst vor der Klinik, dass man mich dabehält, dass ich nicht heimfliegen darf. Auf halbem Weg geht mein rechtes Ohr zu; ich bekomme komplette Panik, fühle den gefährlichen Blutklumpen bereits in meinem Hirn angekommen und mich gleich tot auf der Straße. In einem Stadtteil, wo es keine Pilger gibt und wo die Einheimischen wahrscheinlich noch einen weiten Hygienebogen um meine Leiche machen würden.

Erstaunlicherweise erreiche ich aber lebend die Bushaltestelle, frage mich zu der richtigen Straße durch, sehe auch einen rettenden Bus mit Anzeige „Hospital“. Aber der freundliche Busfahrer meint, falsche Richtung und deutet auf einen Bus gut hundert Meter entfernt auf der anderen Straßenseite. Die mehrspurige Straße überquere ich unbesehen, aber der Bus ist viel zu weit weg und fährt schon an. Wunderbarerweise hält er auf meiner Höhe extra nochmal an. Ich lasse mich auf den Behindertensitzplatz plumpsen und werde etwas ruhiger.

Die Klinik ist Endstation, und ich gelange in eine riesige Halle wie in einem Hotel. Ich steuere einen weiteren Empfangstresen an, und hier ist man erstaunlich freundlich und weist mir den Weg, als ich meinen Zettel fragend entgegenstrecke. Leider wird auf eine Tür gedeutet, die ich beim besten Willen nicht sehe. Die Frau probiert es auf Englisch, und ein anderer Mann kommt hilfsbereit dazu, aber ich sehe immer noch keine Tür, sage aber irgendwann „ah, klar, danke“ und laufe mal auf gut Glück los. Das sieht man mir wohl auch an, denn der Mann kommt mir hinterher, lotst mich bis zu einem Fenster, aus dem er mir ein weiteres Gebäude zeigt, vor dem Krankenwagen parken, und vergewissert sich sogar noch, ob ich auch im Lift den richtigen Knopf gedrückt habe.

Die nächste Eingangshalle wirkt eher chaotisch in unschönem grünlich-kaltem Licht. Überall wuseln Weißkittel und Patienten. Jemand schiebt mich wieder an einen verglasten Empfang. Ein ähnliches Spielchen wie in der Ambulanz beginnt, glücklicherweise ist mein fehlender Pass hier kein Problem. Ich soll „dort“ warten. Wieder habe ich überhaupt keine Peilung und bin nicht so recht da; irgendjemand nimmt mich am Arm und führt mich zu einem Stuhl in einem Raum, in dem gefühlte 50 verzweifelte Patienten sitzen. Über mir ist ein Lautsprecher, und ich soll aufpassen, wann ich aufgerufen werde. Ich bin total hinüber, schon jenseits von Verzweiflung. Wieder stundenlang warten, und ich denke nicht, dass ich meinen Namen verstehen werde, nachdem ich ja seit einer Weile überhaupt schon nichts mehr so richtig auf die Reihe kriege.

Sekunden später klingt glockenklar mein Name in perfektem Deutsch aus dem Lautsprecher. Ich schaffe es, aufzustehen, bin dann aber schon wieder mit meinem Latein am Ende. Irgendwann zeigt die ganze wartende Patientenschar freundlich lächelnd und ermutigend auf eine Tür. Drinnen sitzt ein nonstop quasselnder Arzt, aber er wirkt freundlich, er quasselt für mich, und vor allem quasselt er Deutsch. Ich plumpse auf meinen Stuhl und bin wie am Ende eines Marathons. Ich habe es geschafft. Ich bin in einer Klinik, ich habe einen Arzt, und ich kann mich verständlich machen. Jetzt wird alles gut. Ich bin so erleichtert, dass ich noch kein Wort bewusst verstanden habe.

Irgendwann will er wissen, was los ist, soweit bin ich wieder da. Er findet mein Beinchen wohl auch etwas dick; mittlerweile färbt es sich auch zunehmend blutunterlaufen. Er interviewt mich, als wäre ich geistig zurückgeblieben, ob ich Pilgerin wäre, ob ich also den Camino gemacht hätte, ob ich also gelaufen wäre, ob ich also viel gelaufen wäre. Ich bin froh, den „Ja“s gewachsen zu sein, und sehr schnell darf ich mich wieder hinsetzen, und er erklärt kurz und bündig, dass man dann keine Thrombose hat, sondern einen Muskelfaserriss. Was?! Ich erinnere ihn an den Wisch von dem anderen Arzt, den er stirnrunzelnd mit einem „ach, ja, da haben wir ja auch noch etwas“ kommentiert. Aber es wäre sicher nichts mit den Venen. So langsam verschwindet folglich auch der imaginäre Blutklumpen in meinem Kopf, und ich kann mein Glück kaum fassen. Ich frage ihn wahrscheinlich hundert Mal, ob ich jetzt dann gar nicht sterbe, ob da auch im Flieger nichts passieren kann, ob er sich wirklich sicher ist… er bewahrt bemerkenswerte Contenance.

Ich bin schon fast an der Tür; nachdem ich ja nun wundersamerweise kein Notfall mehr bin, muss ich ja auch nicht die Notaufnahme blockieren. Der Doc ist aber noch nicht fertig und will mein Bein erst noch verbinden. Finde ich zwar moderat wichtig, hauptsache, ich sterbe nicht, aber von mir aus. Ich werde durch die Katakomben geleitet an lauter Leuten mit Infusionen im Arm oder in geschobenen Betten vorbei, und bekomme von drei lustigen Ladies etwas unkoordiniert mein Bein eingewickelt. Dann soll ich nochmal zum Doc zurück, der zufrieden mit dem Werk ist und meint, ich könne das Hosenbein dann wieder runterkrempeln. Können vor Lachen, mein dickes Bein samt noch dickerem Wattebindenverband ist komplett dagegen. Da müssten wir dann was anderes machen, meint der Doc stirnrunzelnd. Müssen wir jetzt nicht, bin ich sehr entschieden. Man kann es auch übertreiben.

Ich bekomme ein Schmerzmittel verordnet, obwohl ich eigentlich irgendwelchen Kram schon noch in meiner Reiseapotheke habe. Nein, so ganz ganz optimal ist das ja nicht. Na gut. Meine morgige neunstündige Busreise nach Madrid wird abgesegnet, allerdings mit dem Hinweis, das mein Bein dann doppelt so dick wird. Schwer vorstellbar. Aber nachdem auch das definitiv unbedenklich sein soll, grinse und strahle ich nur über beide Ohren in Anbetracht dieser Prognose. Der Doc schreibt mir stirnrunzelnd noch einen Zettel auf Spanisch, den ich dem Busfahrer zeigen soll, damit ich drei Plätze bekomme und mein Bein hochlegen kann. Er feilt an der optimalen Formulierung auf Deutsch, was die Diagnose angeht. Anscheinend hat er als Kind 10 Jahre in Deutschland verbracht, ist ansonsten aber Spanier. Ich schwanke nur zwischen „Mann, hast Du sonst nichts zu tun?!“ und endlosem Strahlen und Glücksgefühl. Der Gute hat ziemlich Glück, dass ich ihn zum Abschied nicht vor Freude und Dankbarkeit abküsse.

Als komplett neuer Mensch und mit komplett anderen Augen verlasse ich die Klinik. Draußen scheint die Sonne, jeder scheint mich anzustrahlen, der Bus kommt genau im richtigen Moment, der Busfahrer strahlt mich an. Ich bin mindestens ebenso wiedergeboren wie letztes Jahr nach meinem Schneesturm in Manjarín.

Ich schaue auf mein Handy. Eine SMS von Jelle. „Komme heute Abend nach Santiago“. Scheiße. Er macht wegen mir auch die zwei Tage in einem, und er ist nochmal 10 km weiter entfernt gestartet. 55 km. Ich schaue mein Bein an und denke „bitte nicht!“.

Der Busfahrer wirft mich in Kathedralennähe raus. Ich laufe zwar überaus moderat, traue mich mein dickes Bein nicht mehr beugen, sondern schleife es recht plakativ hinter mir her. Aber ich bin so unendlich glücklich, das Strahlen hört gar nicht mehr auf. Ich erlebe wie so oft das für mich typische Caminogefühl, diese Sicherheit, dass man nicht allein ist. Dass man bei Bedarf Gott spürt, direkt oder durch andere Menschen. Wenn ich jetzt dran denke, was die letzten Stunden alles passiert ist, die flüsternde Arzthelferin mit dem neueren Terminzettel, der Busfahrer, der extra wegen mir angehalten hat, der Wegbegleiter zur Notaufnahme, die vielen hilfsbereiten Menschen auf dem Weg dorthin und allen voran der Engel von Arzt.

Ich versuche, mein Medikament in einer Apotheke zu bekommen, aber es ist so exotisch, dass es niemand hat. Ich muss eine Apothekenhelferin schwer bearbeiten, dass sie mir wenigstens etwas anderes gibt. Offensichtlich hat sie Respekt vor der Notaufnahme und denkt, ohne dieses Mittel falle ich tot um und sie ist schuld.

Zur etwa gleichen Zeit wie gestern komme ich ähnlich schwerfällig auf den Kathedralenplatz. Nur ist er heute nicht leer, sondern alle meine Lieben sitzen wie die Hühner auf der Stange auf dem Mäuerchen um den Platz. Sie freuen sich, mich wiederzusehen und sind geschockt von meinem dicken Verband. Ich bin aber einfach nur überglücklich, strahle und freue mich. Sie gucken etwas irritiert.

Mit Sanne wollte ich ja zum Gratisessen in den Parador, mein Ausweichhighlight, nachdem es schon nichts war mit dem Botafumeiro. Per entscheidet sich spontan auch dafür, und auf dem Weg zum Garagentor läuft uns Günther über den Weg, der gerade angekommen ist, und den wir auch schnell noch einpacken. Fünf Minuten vor Beginn laufen zwei junge Tschechen mit Zelt an uns vorbei Richtung Finisterre, und auch sie sind für die Idee zu haben, im 5-Sterne-Hotel Abend zu essen. Wir sind neun Leute, als seelenruhig und üblich leger auch noch Kristian den Weg heruntergehumpelt kommt. Ich zeige ihm mein Bein und sage ihm leise, dass er sich darauf jetzt verdammt nochmal etwas einbilden kann. So einen Scheiß hätte ich noch nie gemacht, nur um einen Mann wiederzusehen. Er lächelt mich liebevoll an, und ich bekomme sein typisches schüchternes Wangenküsschen.

Ich fühle mich grandios. Im Pilgerspeisesaal darf ich schon mal mein Bein hochlegen, während mir ein anderer Pilger mein Tablett bringt. Es gibt den ersten frischen Salat meines Caminos, tolle Bratkartoffeln mit undefinierbarem, aber noch tollerem Fleisch und ein monströses Blätterteigstückchen zum Nachtisch. Neben mir sitzt mir leuchtenden Augen Sanne, und ich habe mal wieder fast alle meine Lieben am letzten Tag vereint. Zum vollkommenen Glück würde ein Wassertag von Kristian noch fehlen, aber den Gefallen tut er mir leider nicht.

Hinterher setzen wir uns nochmal auf den Kathedralenplatz. Ich schaue meine SMS an; Jelle ist vor einer halben Stunde in meiner Herberge angekommen.

Wie üblich stehe ich vor der Wahl, mit meinen erwartungsvollen Freunden den Abend ausklingen zu lassen oder mich für Kristian zu entscheiden. Ich bleibe meinen Gewohnheiten treu.

Er freut sich auf den Abend mit mir, er will mir heute mein versprochenes Lied singen und mit mir in der Stadt irgendwo ins Internet, um mir etwas zu zeigen. Wir beginnen wieder, wegen seines Alkoholkonsums zu streiten. Er findet es komplett fein und lustig, und schaden würde es ihm definitiv nicht. Ich sehe das minimal anders.

Wir passieren einen Platz, auf dem am Rand ein Betrunkener inmitten einer Flaschensammlung sitzt. Kristian steuert begeistert auf ihn zu und unterhält sich mit ihm. Zu allem Überfluss ist der Gute Deutscher und fragt mich mit ekelhaft schleimigen Augen aus. Ich sage Kristian, dass ich glaube ich lieber gehe. Er fragt „wieso?“ und bleibt sitzen. Ich versuche mein Bestes, Kristian zuliebe, aber als mir kichernd Klosterfrau Melissengeist angeboten wird, halte ich es wirklich nicht mehr aus. Kristian fragt nochmal „warum?“ und ist enttäuscht. Und ich erst.

Ich mache mich humpelnd auf den Heimweg. Aus einer weiteren merkwürdigen Gruppe löst sich ein Mann und folgt mir. Bingo, ich bin ja der Hit mit meinem Bein. Ich bin heilfroh, eine belebtere Straße zu finden und im letzten Moment jemand in einer kleinen Kirche vor mir verschwinden zu sehen. Ich hieve mein Bein begeistert auch über die Türschwelle und wohne noch etwas Gottesdienst bei. Genug zu danken habe ich heute wirklich.

In der Herberge suche ich Jelle, aber er ist nicht da. Ich vermute, er sucht mich in der Stadt. Seine Sachen liegen in dem Bett neben meinem, auf der anderen Seite hat sich Sanne niedergelassen. Ich schaue den Sonnenuntergang mit ihr an. Sie bemerkt mal wieder meine Enttäuschung über Kristian. Sie fragt mich, ob ich ihn wiedersehen werde und ob ich ihn liebe. Dass man auf dem Camino starke Gefühle haben kann, ohne dass es mit Liebe im herkömmlichen Sinn zusammenhängt, versteht sie ohne Erklärung. Auch sie glaubt, dass hier hinter allem die ultimative Liebe von Gott steckt. Ebenso versteht sie, dass ich mit seinem Lebensstil zu große Probleme habe, um lange mit ihm Zeit verbringen zu können. Er ist ein wunderbarer Mensch, ganz genauso, wie er ist. Aber ich könnte sein Trinken trotzdem nie akzeptieren, wir streiten ja jetzt schon jeden Abend.

Sanne geht ins Bett, als ich von Weitem Jelle erspähe. Wir freuen uns tierisch, und vor lauter Aufregung und Freude reden wir ungefähr drei Stunden gleichzeitig und durcheinander. Es ist ganz schön konfus und anstrengend. Jeder hat so viel spezielle Erfahrungen gemacht und ist so voller Eindrücke. Und wir stehen uns sehr nah, sodass wir es unbedingt teilen wollen.

Um Mitternacht scheuche ich ihn ins Bett. Ich bin etwas beunruhigt, wo Kristian ist. Als ich durch das Stockdunkel des ersten Schlafsaals meinen Weg suche, muss ich beruhigt lächeln. Auf Höhe seines Bettes riecht es astronomisch nach stinkenden Füßen.

Ich mache mich möglichst schnell und leise bettfertig, alles schläft ja schon. Groß umziehen ist eh nicht, ich kriege meine Trekkinghose ja nicht über das Bein.

„Ein schöner Tag, die Welt steht still, ein schöner Tag,

komm Welt lass Dich umarmen, welch ein Tag!“

Die Nacht ist erstaunlich warm. Eigentlich habe ich gestern in weiser Voraussicht nach einer Decke gefragt, aber die Hospitalera (oder der fehlenden Pilgerseele nach nenne ich sie mal Herbergsverwalterin) meinte nur, es gäbe nicht genug für alle. Okay, ob ich trotzdem eine haben könnte. Das müsse man um 21.30 dann mal sehen. Die Logik bleibt mir verborgen, und um diese Zeit schlafe ich ja eh schon. Soll sie eben die 20 Decken in ihrem Schrank vergammeln lassen.

Hier ist nicht nur der Schlafraum ordentlich beheizt, auch der Frühstücksraum ist morgens mollig warm. Das ist nun wirklich fast unnötiger Luxus, kommt mir aber entgegen. Die nebligen Morgen sind immer ein etwas schwieriger Start.

Mein Bein ist heute der Horror. Die Druckstellen merke ich kaum mehr, aber das linke Bein fühlt sich vom Knie abwärts an wie ein einziger Krampf. Bei jedem Schritt spüre ich ein Gefühl wie ein Reißen und bin etwas ratlos. Ich habe gelernt, auf den Caminos auf meinen Körper zu hören, ich weiß, dass es sich rächt, wenn man das nicht tut. Aber zwei Tage vor Santiago passt mir das mal rein gar nicht, und das sage ich meinem Bein auch recht deutlich. Ich biete ihm freundliche Kooperation an. 5 Stunden Laufen, und dann pflege und schone ich es klaglos den ganzen Nachmittag. Aber bist Du nicht willig, so brauch ich Gewalt.

Jegliche etwaige Schönheit des Weges bleibt auf der Strecke, ich fühle nur den blöden Schmerz, denke zu viel darüber nach und sehne die Herberge herbei. Wieder gibt es kaum Brunnen, und als ich endlich einen sehe und freudig den letzten Rest aus meiner Flasche trinke, muss ich feststellen, dass er nicht funktioniert.

Ich erreiche die Herberge mit Ach und Krach kurz vor dem Öffnen. Der Supermarkt hat noch offen, und so gehe ich noch schnell einkaufen. Ich kaufe erstmal nur für den Mittag, denn Marco und Sanne haben so grob anklingen lassen, dass sie den letzten Abend mit endlich wieder einer tollen Küche gerne nochmal zelebrieren wollen.

Wieder drängeln sich alle in die fürchterlichen Duschen, während ich heimlich das Luxusbadezimmer, die Tür direkt neben der Treppe, in Beschlag nehme. Frisch geduscht wasche ich noch schnell und setze mich dann für den Rest des Nachmittags zur Erholung bereit vor die Herberge. Ich freue mich auf Sanne und Marco, und irgendwie spüre ich fast, dass heute auch Kristian hier stoppen müsste. Eigentlich müssten hier alle stoppen, die nicht wirklich einen ganzen Tag vor mir liegen. An Arco/Pedrouzo gibt es eigentlich kein Vorbeikommen. 5 Stunden vorher ist die letzte Herberge, und bis Santiago sind es nochmal grob 5 Stunden.

Ich genieße meinen Tintenfisch, fast einen ganzen Laib Brot, Joghurt und meine erste Coladose auf dem ganzen Camino. Mein Bein wird gecremt und hochgelegt. Ich fühle mich gut und entspannt angesichts des kommenden Nachmittags.

Die sieben Spanier von gestern treffen mit großem Hallo ein und posieren für ein Foto. Als ich mit Blick auf ihre Digicam zufrieden meine „sehr schön!“, kommentieren sie es mit „kein Wunder, so schön wie wir sind“. Lustige Gestalten.

Gut gesättigt und sonnengetankt tappe ich dann wieder in die Herberge, wo ich mein Bett überziehe und den Schlafsack ausbreite. Eher zufällig komme ich mit der Hospitalera ins Gespräch und frage noch zufälliger, ob hier nicht zufällig mal ein Norweger war. Sie fragt begeistert nach, ob ich so einen Dunklen meine. Hm, nein, eigentlich nicht, ich lächele freundlich und will schon wieder gehen. Sie springt aber schon zu ihrem Schränkchen und holt einen furchtbar dicken Stapel mit den Namen vom Vortag heraus, die sie alle liebevoll mit mir durchgeht. Alles sind Spanier oder ganz andere Nationalitäten, und ich überlege, wie ich bei Pilger 60 so langsam sagen kann, dass es gut ist. Da stolpere ich plötzlich über die beiden Dänen. Und während es in meinem Kopf langsam zu arbeiten anfängt, fällt mein Blick direkt drunter auf „Norwegen“ und auf „Kristian“. Ich bin wie gelähmt, einerseits muss ich ja damit gerechnet haben, sonst hätte ich nicht gefragt, aber gleichzeitig war ich so sicher, dass er hinter mir wäre. Und nun ist er einen ganzen Tag vor mir… die Hospitalera guckt mich mit großen Augen an und fragt wohl schon zum wiederholten Male, ob es der wäre, nach dem ich suche. Ich gucke immer noch wie ein hypnotisiertes Kaninchen ganz geschockt auf die Liste und sage irgendwann „ich muss weiter“. Sie schaut mich etwas besorgt an, ich brauche nochmal eine ganze Weile, bevor ich lächeln muss, ihr nochmal gleichzeitig danke und mich entschuldige und nur „continuar“ stammele.

Ich sammle meine Sachen hektisch zusammen und stopfe sie unsortiert in den Rucksack. Ich stelle irritiert fest, dass ich ja meine Nachmittagsgarnitur anhabe, so einen Sonnenbrand kriege und dann nichts Frisches mehr zum Wechseln habe. Ich laufe zur Wäscheleine und ziehe mich direkt dort um, hinein in das patschnasse Trekkinghemd. Meine Bettnachbarinnen schauen auch etwas konsterniert, aber mein Kopf ist nur noch „continuar“.

Ich bin wieder auf der Strecke, als mir einfällt, dass mein Bein ja ziemlich hinüber ist. Aber bevor mein Verstand zum Zug kommt, breitet sich schon wieder „continuar“ aus. Im kleinen Wäldchen kommt mir eine bekannte Silhouette entgegen, es ist Sanne. Sie schaut irritiert, ich radebreche mein „ich muss weiter“ und dass ich jetzt einfach die Leute wiedersehen muss, dass mein Herz das jetzt einfach verlangt, ich kann nichts dafür. Sie fragt, ob Marco bei mir in der Herberge gewesen sei, sie ist sich nicht sicher, wo er ist. Er wäre morgens ganz früh los. Sie hat den Verdacht, dass er auch bis Santiago durch will. Ich habe ihn nicht gesehen und kann ihr nicht weiterhelfen.

Ich laufe gut eine halbe Stunde, als ich mich eher zufällig umdrehe. Ich erschrecke fast. Hinter mir läuft Sanne. Ich bin komplett überrascht, aber sie sagt nur unter Tränen, dass da etwas in meinen Worten gewesen wäre, was ihr Herz berührt hätte, und für sie würde es sich auch richtig anfühlen. Ich bin irgendwie überglücklich, zum ersten Mal laufe ich mit Sanne, wir haben die Endorphine der Verrückten, wir leben nach unseren Gefühle und Intuitionen, und wahrscheinlich wollen wir beide einfach die Männer wiedersehen, mit denen uns entgegen jeglicher Logik etwas ganz Starkes verbindet. Wir verstehen uns ohne Worte. Ein ganz klein wenig reden wir dann doch, und ein Missverständnis lässt sich klären. Statt „Norwegian“ hat Sanne immer „Novizian“ verstanden. Vor ihrem inneren Auge sehne ich mich also nach einem Ordensmann, was mich anlässlich der Realität doch sehr schmunzeln lässt.

Leider läuft Sanne unheimlich schnell. Schneller, als ich sonst laufen würde, und vor allem viel zu schnell für mein Bein, mit dem ich wahrscheinlich besser humpeln sollte. Bzw. eigentlich definitiv gar nicht mehr laufen. Ich blende es komplett aus. So schnell, wie wir laufen und nur Santiago und das Wiedersehen im Kopf haben, spüre ich meinen Körper überhaupt nicht mehr.

Unsere Flaschen sind leer, als wir auf Höhe des Flughafens schnurstracks in einem feinen Hotel auf die Toilette stürmen und Wasser nachtanken. Das wieder Anlaufen nach dem kurzen Stehen ist die Hölle. An einem kleinen Bach möchte Sanne kurz ihre Füße baden. Ich gehe dankbar schon voraus, ganz langsam.

Ich erreiche erleichtert den Monte de Gozo und sehe Santiago; ich werde es schaffen. Aber ich bin zu erschöpft, um auch nur zum Denkmal zu gehen oder stehenzubleiben. Ich steuere die Herberge an. Ich habe mit Sanne überlegt, wo sich unsere Männer aufhalten könnten, und wir mussten lachen, dass sie beide wohl immer die billigste Herberge ansteuern würden.

Vor dem riesigen Herbergskomplex in der Sonne liegt, an einem Grashalm kauend, Marco. Er lächelt mich wenig erstaunt an. Ob er hier bleibt oder nicht, versucht er gerade zu erspüren. Ich spreche kurzerhand eine in der Sonne sitzende Pilgerin an, ungeachtet dessen, dass sie gerade ein halbes Brot im Mund zu haben scheint. Sie kennt Kristian nicht, und auch in der Rezeption bekomme ich ein eindeutiges Kopfschütteln. Als ich mich wieder auf den Weg mache, biegt gerade Sanne um die Ecke, und ich bekomme gerade noch mit, wie da wieder Energien synergistisch aufleuchten. Stimmt, es ist ja auch wieder Abendsonne. Sie rufen mir noch viel Glück nach, bevor sie wahrscheinlich gemeinsam in sich hineinspüren und den richtigen Ort für die Nacht erfühlen.

Ich erreiche Santiago und muss am Ortsschild kurz vor Dankbarkeit weinen. Ich habe 46 km geschafft. Mein Bein hat es geschafft. Aber nicht einvernehmlich, sondern ich habe Gewalt gebraucht.

Ich checke die nächste Herberge, die leider unendlich viele Treppenstufen abseits vom Weg liegt. Auch hier kein Norweger, und mir kommen so langsam Zweifel. Meine geplante Herberge, die einzige, die ich sonst noch kenne, kostet 10 Euro, und ich kann mir nicht vorstellen, dass Kristian dort nächtigt. Was, wenn er irgendwo mit seinem Zelt campiert? Da finde ich ihn nie.

Ich erreiche völlig k.o. die Kathedrale, wo ich mich auf den Boden plumpsen lasse. Weit und breit kein bekanntes Gesicht, kein Kristian, keine Dänen, keine Amber oder sonst jemand. Zum ersten Mal seit dem Mittag schaue ich auf die Uhr. Ich habe keine Ahnung, wann ich losgelaufen bin und wie spät es jetzt ist. Ich rechne mit 18, aber es ist schon kurz vor 19 Uhr. Mein letzter Gedanke ist das Pilgeressen im Parador; falls Kristian davon weiß, ist er sicher dort anzutreffen. Ich gehe die paar Meter, bis man Blick auf die wartende Gruppe vor der Garageneinfahrt hat. Und schon von weitem erkenne ich gegen die Sonne Kristian an seiner charakteristischen Frisur.

Ich bin nur noch am Strahlen, seit 5 Stunden habe ich mich auf diesen Moment gefreut. Kristian hängt cool mit drei ebenso coolen Gestalten gegen die Wand gelehnt und lässt sich im letzten Moment herab, zwei Schritte auf mich zuzugehen, mich kurz zu umarmen und nach einem „nice to see you“ wieder an der Wand abzuhängen. Dafür attackieren mich bestimmt vier kleinwüchsige, hysterische Hühner, dass ich hier nicht essen könnte, es wären schon 10 und bok- book- boooook. Will ich doch auch gar nicht. Ich habe Schwierigkeiten, mich zu konzentrieren und die Situation zu bewerten, als sich vor mir strahlend Nadine umdreht. Soweit arbeitet mein Hirn dann wieder, ich merke mit einem Mal magische Energien, die sich um Nadine und Kristian ranken, und mir leuchtet seine abweisende Art ein. Das Teufelchen in meinem Kopf lacht sich halb tot und rammt mir seinen Dreizack im Sekundentakt in den Kopf. Mir wird schlagartig so einiges klar. Nadine redet freundlich lächelnd wie ein Wasserfall auf mich ein, von der Überwältigung beim Ankommen, dass sie mich da total versteht, dass sie noch schauen muss, wo sie schläft, die Herberge gefällt ihr nicht. Kristian schläft dort, und ich denke nur „scheinheilige Kuh, natürlich wirst Du auch dort landen“.

Ich bin komplett leer. Den Weg zurück zur Kathedrale schaffe ich gerade noch, dann macht mein Bein aber komplett nicht mehr mit. Keine Endorphine mehr, die den Schmerz überdecken und mich zur Höchstleistung anspornen. Nur ein sich kugelnder kleiner Teufel in meinem Kopf, und er hat ja so recht.

Ich setze mich zwei Minuten in die leere Kathedrale, hole meine Compostela und etwas zu essen im Supermarkt. Ich brauche fast eine ganze Stunde zur Herberge. Dort frage ich nach den beiden Dänen. Sie sind nicht da.

Ich pfeife auf meine Vorsätze in Sachen „dem Schicksal überlassen“ und schreibe meinem Belgier eine SMS, dass ich in Santiago bin. Er ist zwei Etappen hinter mir.

Ich sehe Kristians Sachen auf einem Bett. Der Teufel in meinem Kopf lacht nicht mal mehr, überall Leere, und so schreibe ich einen kurzen Zettel, dass seine Email nicht funktioniert hat und schreibe ihm meine auf. Mir war die ganze Zeit über klar, dass ein Wiedersehen ein Risiko darstellt. Aber es hat mich so verzweifelt gemacht, eventuell nie schreiben zu können, selbst falls jemand wollte, und das nicht erklären zu können. Das habe ich hiermit getan. Es fühlt sich jetzt wieder sortierter an, und ich kann das Thema abschließen.

Ich setze mich noch kurz in den Aufenthaltsraum und schaue den Sonnenuntergang an. Meine ewigen Engel kommen in die Herberge. Zum Glück fragt Sanne nichts. Wahrscheinlich spürt sie es. Beide sind glücklich und wollen heute mit mir feiern. Ich würde wirklich gern, die beiden waren mein Camino 2009, mein stiller Halt und meine Kontinuität. Aber mein Bein, das ich mir jetzt zum ersten Mal besehen habe, ist doppelt so dick wie sonst, fühlt sich an wie kurz vor dem Platzen, wie mit Wasser gefüllt und denkbar beunruhigend. Damit laufe ich keinen Schritt mehr. Marco bietet begeistert an, hier zu kochen, aber es gibt nur eine Mikrowelle, und Sanne sieht auch so aus, als ob sie den Abend gerne mit einem Glas Wein feiern würde. Das sehe ich auch so, mir ist wichtig, dass sie einen schönen Abschluss haben. So schicke ich sie gerne ohne mich zurück in die Stadt.

Ein Japaner, den ich in Fonfría gesehen habe, hat das Bett neben mir. Ich will eigentlich schon schlafen, aber er plaudert noch. Er plant einen Abgang um 5 Uhr morgens. Ich frage, ob er nicht zur Messe will, seinen Namen hören. Er kennt weder Messe noch den Brauch, dass die Nationalitäten der Pilger vorgelesen werden. Ich erkläre ihm, dass es das Beste am ganzen Camino ist, das „heute erreichte uns ein Japaner, gestartet in SJPDP“. Ihm dämmert, dass ihm das gefallen könnte und versinkt zu meinem Schrecken in einen Monolog voller Selbstvorwürfe. Fehlt nur noch, dass er anfängt, sich selber zu schlagen. Ich rudere schnell zurück und meine, so wichtig wäre das auch nicht, eigentlich doch nur ein einziger Satz, aber er kann sein Unglück gar nicht fassen.

Mein Kopfwirrwarr ist wieder gut, nur mein Bein ist der Horror. Allein die Berührung mit der Matratze lässt mich schon jubilieren. Ich nehme eine Schmerztablette und male mir schon aus, morgen das Krankenhaus aufzusuchen.

Mein versprochenes Frühstücksei steht schon auf dem Tisch, ebenso eine Tasse Tee. Sanne und Marco sind schon fertig mit essen und machen sich auf den Weg.

Meine Druckstellen tun heute unglaublich weh. Ich schnüre alle paar Meter um, aber ohne Erfolg. Seit Tagen trage ich zur Polsterung schon meinen Fleecehandschuh im Schuh, aber egal, wie ich ihn schiebe, es tut höllisch weh. In meiner Verzweiflung probiere ich schon Abstandshalter wie Steine, Holzstückchen und Flaschendeckel, aber so richtig besser wird es nicht, und vermutlich habe ich nachher noch zusätzliche Probleme und Druckstellen. Ich beschließe, es zu ignorieren und einfach weiterzulaufen.

Nach 1 1/2 Stunden freue ich mich in Palas de Rei dann auf Einkaufen und ein ausgiebiges zweites Frühstück. Ich komme gerade rechtzeitig zum Öffnen des Supermarktes, aber zuerst statte ich meiner Lieblingsbäckerei einen Besuch ab, kaufe ein Pain au chocolat (wie auch immer das in korrektem Spanisch heißen mag), eine schöne Empanada mit Fleischfüllung und ein Baguette. Alles noch ofenwarm, herrlich. Im Supermarkt meinen ebenfalls liebgewonnenen Tintenfisch in Soße sowie Frühstücksartikel, denn mein heutiges geplantes Etappenziel brilliert schon wieder durch fehlenden Laden. Mit Sanne und Marco bin ich mir einig; nach zwei Tagen in kleinen Herbergen zwischen den großen Etappenzielen möchten wir heute unsere Gruppe wieder einholen. Allen voran Amber, aber selbst Chuck würde ich langsam in Kauf nehmen.

Für mich wird es ab hier zusätzlich spannend; zwei dänische Freunde vom Vorjahr machen zeitgleich den Camino Primitivo, der hier nun auf den Hauptweg einbiegt. Ich habe es nicht mehr genau im Kopf, aber sie sollten um meinen Ankunftstag in Santiago ankommen, wahrscheinlich sind sie jetzt nur ein paar Kilometer von mir entfernt. Ebenfalls spätestens in Santiago treffen werde ich meinen belgischen Pilgerfreund Jelle, der ebenfalls in León, aber einen Tag nach mir gestartet ist. Zwischenzeitlich hatte ich fast Angst, ihn vorher wiederzutreffen, schließlich möchte ich meinen Camino gehen, mit meinen neuen Leuten und meinen neuen Erlebnissen. Aber so langsam bin ich bereit dafür und würde mich sehr über diesen Abschluss freuen. Ich ärgere mich fast ein bisschen, mir nicht genauer notiert zu haben, wann sie ihren Flug ab Santiago haben, aber ich wollte es dem Schicksal überlassen, ob und wann wir uns treffen. Und nachdem ich ihre Emailadressen habe und wir ohnehin regelmäßig in Kontakt sind, ist mir das Treffen auch nicht so übermäßig wichtig.

Heute stehen 34 km auf dem Programm, deutlich mehr, als ich in den letzten Tagen gelaufen bin. Mein Bummeln in der Hoffnung auf Kristian habe ich nun aufgegeben und möchte lieber wieder die bekannten Gesichter treffen.

Vor Mélide treffe ich schon mal die energetische Spanierin aus La Faba wieder, was mich sehr freut. Im Park mit den Pilgerbäumen mache ich eine gemütliche Mittagspause mit meinen Unmengen an Vorräten. Mein Rucksack sieht schon ganz komisch aus von dem quer reingestopften Baguette.

Die letzten Kilometer ziehen sich ziemlich endlos dahin. Ich bin definitiv etwas verweichlicht in den letzten Tagen.

Die Herberge von Ribadiso liegt friedlich im Sonnenschein am plätschernden Bach, von bekannten Gesichtern allerdings keine Spur. Ich bin etwas enttäuscht, vermutlich gilt auch diese Herberge wieder als „Zwischenetappenziel“, und der große Pulk ist eine Stunde weiter in Arzúa. Meinen ganzen Camino habe ich in den Herbergen immer nur wenige Pilger getroffen, meist maximal 20, dabei wäre ein großer Pilgerschub mit fast 100 Leuten direkt einen Tag vor uns. Ich war immer heilfroh, nicht auf diesen aufzulaufen, habe ich doch das Gefühl, das mein diesjähriger Camino eher in der Einsamkeit und dem Ahnen der Zuckerwattefäden sein Ziel hat. Trotzdem, heute wäre mir nach großem Hallo und Wiedersehen und Leben.

Die Herberge erscheint mir heute noch idyllischer wie eh schon. Ich dusche Ewigkeiten brühendheiß, und meine Wäsche trocknet blitzschnell in der Mischung aus Sonne und Wind. Ich halte meine Füße in den eiskalten Bach, was auch dringend nötig ist. Die Druckstellen erlauben langsam nicht mal mehr den Kontakt mit meinen watteweichen Crocs-Imitaten, und zu allem Überfluss zwickt es mich seit dem Ankommen in der linken Wade und Kniekehle, was ich mir eigentlich nicht erklären kann. Es ist nicht schlimm, aber ich creme für alle Fälle mal mit Arnika.

Auf einem Bänkchen in der Sonne esse ich mein Abendessen, unterhalten von einem recht süßen schwäbischen Pensionär. Meine beiden stillen Engel tauchen mit der Abendsonne auf, aber heute sind ihre Schwingungen füreinander so stark, dass ich mich zurückziehe. Sie strahlen sich so selig und harmonisch an, da passt niemand drittes mehr dazu, erst recht nicht jemand, der nicht so strahlt und leuchtet. Ich bewundere beide für ihre Fähigkeit, auf ihre innere Stimme zu hören. Beide stehen oder sitzen oft still da, lächeln vor sich hin und warten. Ich habe ein etwas gespaltenes Verhältnis zu meiner inneren Stimme. Kleine Blitze von Intuition habe ich auch manchmal, aber das Gefühl ist schwer greifbar, und mein Gehirn schaltet sich sofort ein und versucht eine Analyse. Das kommt dann einem verzweifelten Gedankenstrudel näher als dem seligen Lächeln.

Ein Bauer treibt seine Kuhherde von der benachbarten Weide. Schon in den vergangenen Tagen war ich beeindruckter Zeuge der Art von Kuhhaltung hier. Einmal bin ich einem Bauer mit seiner Kuhherde auf der Straße begegnet, der allen Kühen voran entlanggerannt ist und mit leuchtenden Augen und absoluter Passion rhythmische, antreibende Worte gerufen hat. Running with the cows als Lebenserfüllung. Gestern Abend in Areixe ist ein Bauer ungefähr eine halbe Stunde mit 4 Kühen immer wieder um den Stall und einmal kurz eine Runde durchs Dorf gerannt. Macht das besseres Fleisch und wirkt Verfettung entgegen? Heute wird die kleine Herde an unseren Bach getrieben und getränkt. Einige Kühe gehen ordentlich tief hinein und fühlen sich derart wohl, dass sich Blase und Darm entleeren. Ich ziehe schnell meine Füße aus dem Wasser. Anschließend wird die Herde dann komplett durch den Fluss durchgetrieben; praktisch, saubere Kühe, und sicher auch etwas für die Venen und den Kreislauf getan. Ich muss lachen beim Gedanken an das wunderschöne, kristallklare Wasser, in dem Marco vorher sogar todesmutig gebadet hat. Jetzt ist es ein einziger verdünnter, trüber Kuhfladen. Und bis zum nächsten Nachmittag erfreuen sich die nächsten Pilger an dem klaren Kristall.

In der Herberge herrscht Partyatmosphäre; eine Gruppe von sieben spanischen Männern in meinem Alter genießt den Camino auf ihre Weise. Wohl weniger meditativ und selbstfinderisch, sondern vor allem auf Spaß angelegt. Sie versuchen mich als weibliche Begleitung für die Bar zu gewinnen, und ich habe im Gegenzug meinen Spaß daran, ihre Kommunikationsversuche zu verfolgen. Der wohl am besten Englischsprechende wird vorangeschickt, um zu fragen, ob ich englisch wäre. Ich verneine, sage „Suiza“, und man kann förmlich die Köpfe rauchen sehen. Sie beratschlagen auf Spanisch, was ich dann wohl spreche bzw. welcher von ihnen dann die Gesprächsführung übernehmen soll. Ich habe meinen Spaß mit verständnislosem, hilflosem Schulterzucken und bin gespannt, was sie sich noch einfallen lassen bzw. was ich bis dahin noch alles belauschen darf. Leider durchschaut mich einer von ihnen dann doch, und so kann ich auf Spanisch dankend ihre Einladung ablehnen. So einer Horde geballter Männlichkeit fühle ich mich heute Abend nicht gewachsen.

Es ist kaum 8, und ich überlege mir, schlafen zu gehen. Sanne und Marco kochen zusammen, sonst kenne ich niemanden. Draußen lacht es auf Englisch, und ich überwinde mich doch nochmal und setze mich dazu. Zwei junge Amerikaner und ein Deutscher haben ordentlich Spaß zusammen. Der Deutsche ist wie ich vor 2 Jahren bis Arzúa weitergelaufen, um einzukaufen, und versorgt jetzt seine neuen amerikanischen Freunde und mich mit seinen Errungenschaften. Er hat einen guten Humor, recht treffend und knapp, und soweit ich es erfassen kann, ist er mir als Pilger sympathisch. Seit 20 Jahren macht er zum ersten Mal Urlaub, und er ist begeistert vom Camino und hat sich schon für das nächste Jahr als Hospitalero verpflichtet. Er läuft recht schnell, und eher zufällig frage ich, ob er dann irgendwo in den letzten Tagen zufällig meinen Norweger gesehen hat. Klar. Waaaaas? Ich falle fast von der Bank. Sie hätten sich in O Cebreiro getroffen, er erinnert sich genau an ihn, und er hätte gewirkt, als ob er schon noch weiterlaufen könne. Ich rechne chaotisch herum, wann das war, leider hat keiner von uns so richtig Zeitgefühl. Auf alle Fälle scheint Kristian demnach aber weitgehend normale Etappen laufen zu können, und etwas sagt mir, dass er es dann auch rechtzeitig für mich nach Santiago schaffen wird. Ich bin überglücklich, warum auch immer. Ich fühle mich wie der Liedtitel „I can reach heaven from here“.

Ich bin Günther unendlich dankbar, ebenfalls warum auch immer. Eben noch wollte ich etwas einsam und verlassen zu früh ins Bett, und nun habe ich mich eine Stunde brillant und lebhaft unterhalten, das Caminogefühl ausgetauscht und geteilt, leckere Cremeschnittchen aufgedrängt bekommen – und mit einem Mal wieder diese unbeschreiblich schönen Bewegungen meines Herzens, das seinen Soulmate wieder spürt.

Ich gebe Günther mit ganz viel Liebe ein Bändel und packe mich in meinen Schlafsack, als er nochmal kurz an mein Bett kommt und mir seine geschlossene Faust hinstreckt. Er sagt so etwas wie, dass es manchmal einfach stimmen und passen würde. Er ist schon wieder weg, als ich sein Geschenk näher betrachten kann – eine wunderschöne kleine Maus aus Metall.

Ich schlafe mal wieder unendlich glücklich und reich ein.

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