Die Nacht ist reichlich skurril, wirklich viel schlafe ich nicht, und die Gedanken um mein Bein sind bei Nacht noch wirrer als vernünftig bei Tag betrachtet. Am Morgen könnte ich mir einbilden, dass die Schmerzen schon besser sind. Noch dicker ist es auch nicht geworden; vermutlich habe ich mich einfach deutlich überanstrengt und werde mich die nächsten Tage komplett schonen.
Der Japaner neben mir liegt noch im Bett, und ich blicke gar nicht mehr durch, was jetzt sein Problem mit dem Messe Verpassen war.
Ich gehe frühstücken, wieder mit Blick auf den Sonnenaufgang. Heute fühle ich mich nun endlich nach meinem ersten Kaffee. Wenn nicht hier und jetzt mit Blick auf die Kathedrale, wann dann. Es ist zwar nur ein Automatenkaffee und absolut nicht lecker, zumal ich das Umrühren vergessen habe, aber nach riesengroßen Gefühlen und Melodram ist mir momentan eh nicht mehr.
Dafür spicke ich auf Kristians Bett im anderen Schlafsaal, welches komischerweise leer ist. Ich mache mich abmarschbereit, als ich in meinem eigenen Schlafsaal plötzlich fast in Kristian reinlaufe, der dort seinen Schlafsack zusammenrollt. Ich bin schon nah dran, mich zu freuen, als ich in der gleichen Sekunde strahlend neben ihm ebenfalls schlafsackzusammenrollend Nadine sehe. Mich haut es ein paar Schritte rückwärts, das Teufelchen lacht, kichert, stichelt und tanzt Polka zugleich.
Ich mache auf dem Absatz kehrt und will mit meinem Tagesgepäck gerade Richtung Kathedrale flüchten, als Kristian mich leider erspäht und ruft. Ich soll mich mal zu ihm setzen. Von seinem Bett aus habe ich weiter Blick auf Nadine, allerdings hat sie ihren Rucksack auf der anderen Seite und drei Betten weiter. Und sie packt für Finisterre, während Kristian mich fragt, ob ich noch eine Nacht hierbleibe, um sich dann auch noch weiter einzubuchen. Was wir heute machen wollen. Ich bin immer noch etwas vorsichtig, aber eigentlich schon wieder halb versöhnt. Ich sage, dass ich zur Kathedrale will, einfach die Atmosphäre genießen und auf Leute warten. Und vorher noch um 9 zum Frühstücken in den Parador. Er moniert, dass das eh doof ist und zeitlich zu knapp bei seinem lahmen Fuß. Das ist mir jetzt egal, ich gehe und er kann ja schauen, ob er mitwill oder nicht.
Ich sehe ihn beim Abschied von Nadine. Es ist nicht sehr ritterlich von dem Engelchen in meinem Kopf, wie es dem Teufelchen ein Bein stellt und sich noch triumphierend auf den Unterlegenen draufstellt. Was auch immer das Teufelchen mir suggerieren wollte die letzten Tage, es hat mich schön hereingelegt. Das einzige, was zwischen Nadine und Kristian ist, ist vielleicht seine übliche Nähephobie.
Nadine läuft los Richtung Finisterre, ich humpele hinterher, so schnell es mir möglich ist. Ich frage sie, ob sie noch kurz mit Frühstücken kommt, und sie lässt sich schnell von der Idee überzeugen. Wir laufen die Viertelstunde zum Parador einträchtig, und ich kann endlich ihre nette Art einfach so genießen und eine ähnliche Wellenlänge zulassen.
Zehn Minuten vor 9 wartet sonst noch niemand am Garagentor, fünf vor kommen noch zwei Deutsche zum Gratisessen. Und Punkt 9 kommt charakteristisch humpelnd auch Kristian doch noch angetrottet.
Nadine und ich schwelgen in verrücktem Optimismus, was wir wohl für ein tolles Frühstück bekommen könnten; wir hypnotisieren die Teller mit Spiegeleiern und Toast, werden aber recht unsanft in die Realität zurückgeholt, als ein Koch „no no“ sagt und uns einen anderen Teller in die Hand drückt. Aber auch mit dem kann ich mich prima anfreunden. Ofenwarme Croissants, Hefegepäck und Fettausgebackenes, mit Puderzucker überstreut. Unsere kleine Runde ist nett und gemütlich, ich könnte Nadine umarmen, und Kristian natürlich gleich mit. Er wirkt ein bisschen verloren, weil wir nur deutsch sprechen und er wahrscheinlich meine diversen Sinneswandel nicht so recht versteht.
Nadine und die beiden Deutschen verabschieden sich nach Finisterre, und ich bin am Ziel meiner diesjährigen Caminoträume. In Santiago mit meinem Soulmate, der solange bei mir bleibt, bis ich heimfliege.
Wir sitzen vor der Kathedrale in der Sonne, und er erzählt von seinem Camino so weit. Bereits am ersten Tag nach unserer Trennung konnte er wider Erwarten gut laufen. Während ich den Camino duro gemacht habe und ab da bummelnd auf ihn gewartet habe, ist er bereits an dem Tag weiter nach O Cebreiro und war die ganze Zeit vor mir. Sein Fuß ist immer noch oder wieder ein Klumpen, mittlerweile mit einem schicken, professionellen Verband um den Knöchel. Ich bin erleichtert, dass er es demnach wohl mal einem Arzt gezeigt hat. Er wird verlegen und eher rot. Ein Pilger hat ihm den Verband gemacht, und weniger wegen dem Fuß, sondern weil er in Arca im Vollrausch aus dem Stockbett gefallen ist und nun auch noch einen kaputten Knöchel hat. Immerhin kennt er auf Nachfrage meine beiden Dänen, die anscheinend nicht weniger besoffen waren, allerdings schlau genug, sich nicht zu lädieren.
Wie auf Kommando erspähe ich sie gerade, wie sie den Kathedralenplatz langgehen. Ich habe sie letztes Jahr drei Tage lang gesehen, und doch verbindet mich sehr viel mit ihnen, oder zumindest mit einem von ihnen, Per. Ich fliege ihnen humpelnd in die Arme, und auch Kristian kommt kurz zum Hallosagen. Sie haben auf dem Monte de Gozo übernachtet und sind erst heute nach Santiago reingelaufen. Sie schlagen vor, zusammen einen Kaffee trinken zu gehen, aber Kristian ist schon wieder weg, schlendert ziellos und abwesend in eine andere Richtung, und ich bin hin- und hergerissen. Ich vertröste meine Dänen mit einem etwas schlechten Gewissen auf später und erwische Kristian gerade noch. Er lehnt auf einer Mauer und guckt regungslos ins Nichts. Ich weiß nicht, was in ihm vorgeht, aber praktischerweise spüren wir ja immer, wenn der andere traurig ist. Ich überrede ihn, irgendwo anders hinzugehen, bevor die Dänen vom Pilgerbüro zurückkommen. Mit mir allein kommt er wieder gut zurecht, wir humpeln sehr einträchtig möglichst nicht zu weit zu einer Treppe, auf die wir uns in die Sonne setzen.
Wir reden über alles mögliche, und es ist einfach wunderschön. Kristian ist so verrückt, kindlich begeistert, gegen jede Konvention, dass es einfach befreiend ist. Seine Augen leuchten vor Schalk, wenn auch im Moment unter abgesengten Wimpern, weil er sich besoffen eine Zigarette angezündet hat. Einerseits hängt er gerne mal den großen Frauenheld und Coolen raus, andererseits ist alles an ihm so liebenswert, schüchtern und empfindsam. Rechtzeitig durchbrochen von seinem typischen Gerotze und Gefluche.
Er fragt, ob er aus meiner Wasserflasche trinken darf oder ob ich das eklig finde. Letzteres. Er geht ungerührt zu einem Getränkeautomaten, wühlt dort im Müll, findet eine leere Coladose und befüllt sich diese an einem Brunnen. Lecker.
Gegen 11 gehen wir auf den Kathedralenplatz zurück, wo Sanne und die Dänen warten. Von weitem sehe ich Marco. Er deutet Richtung Camino und winkt mir einen stillen Abschied. Er geht bereits heute Richtung Finisterre, sein Herz hat wohl mal wieder gesprochen.
Ich bin fast am Ausflippen, als ich in der Kathedrale den Weihrauchkessel hängen sehe – und auch Sanne ist aus dem Häuschen über meine Entdeckung. Ich habe ihr davon erzählt, dass das für mich so etwa die Krönung überhaupt ist. Leider stellt sich bei näherem Hinsehen heraus, dass es doch nicht der Botafumeiro ist. Ich bin bodenlos enttäuscht, habe ich doch immer an die Caminoweisheit geglaubt „jeder bekommt den Empfang, den er verdient“.
Die Messe ist eh eine einzige Enttäuschung. Nicht meine Lieblingsnonne singt, vorher wird überhaupt nicht geübt wie sonst, beim Verlesen der Pilger werden Kristian und ich nicht erwähnt, die Bänke sind nur spärlich besetzt, es hat nur einen einzigen Priester, und der stört sich derart an den Touristen in seiner Messe, dass er zwischendurch mehrmals ein Donnerwetter loslässt, dass sie bitte verschwinden sollen. Leider macht das nur die Pilger betroffen, und die Herrschaften mit den dicken Kameras promenieren noch immer interessiert vor seiner Nase herum.
Ich sitze umrahmt von Sanne, Kristian und Per. Eigentlich wieder eine Traumkonstellation. Sanne ist wie üblich emotional ergriffen, Kristian wie üblich unruhig. Zudem riechen seine Füße so außerirdisch, dass ich mich schwer konzentrieren kann.
Nach der Messe treffen Sanne und ich zu unserer großen Freude Amber wieder; sie ist wie vermutet bereits einen Tag hier und geht heute nach Finisterre weiter. Wie üblich kommt die Idee auf, einen Kaffee trinken zu gehen. Ich schaue in erwartungsvolle Gesichter von Sanne, Amber und Per, und gleichzeitig schaue ich suchend über den Kathedralenplatz, auf dem Kristian schon wieder wegwandelt. Wieder stoße ich alle vor den Kopf und renne Kristian hinterher.
Wir treffen die zwei Kanadier, die ihm den Knöchel verbunden haben. Nachdem mein Bein wirklich nicht so der Knüller ist, fasse ich mir ein Herz und frage den medizinisch Erfahrenen, was er dazu meint. Zum dicken Bein meint er erst etwas in Richtung typischer Pilgerverschleiß, aber als ich ihm die roten Flecke in der Kniebeuge zeige, die sich seit ein paar Stunden ausbreiten, meint er recht resolut, dass das ein Fall für den Arzt wäre. Es könnte eine Phlebitis sein, und damit wäre nicht zu spaßen. Es hätte hier tolle Ärzte, ich könnte grad einfach in der Touristeninformation fragen.
Ich bin überaus einverstanden, habe ich diese Sorge doch auch seit gestern. Ich hole Kristian ein und informiere ihn über mein Vorhaben. Er lacht sich ungläubig kaputt, dass ich zum Arzt will, und dann auch gleich jetzt sofort, schließlich läuft er seit 2 Wochen mit dickem Fuß.
Ich gehe frohgemut in die Touristeninformation und frage freundlich motiviert nach einem Arzt. Die Dame am Tresen guckt mich an wie vom Mond und muss erst zwei Kollegen dazubeordern. Sie beratschlagen wild hin und her und stellen lustige Fragen nach meiner Art der Versicherung und ob ich ein Notfall wäre oder nicht. Weiß ich alles nicht so recht und habe ein ungutes Gefühl, als sie sich dann wie ausgewürfelt unentschlossen für eine Ärzteambulanz und gegen die Klinik entscheiden. Die läge nur eine Viertelstunde zu Fuß weg, und ich solle mich beeilen, damit ich vor 14.00 dort bin.
Ich düse fröhlich los, in freudiger Erwartung eines netten Pilgerarztes, der nur auf mich und mein dickes Bein wartet. Die Ambulanz ist ein Riesenkomplex, und ich steuere etwas unschlüssig ein paar Damen hinter dicken Glasscheiben an. Die ersten beiden schütteln nur stumm den Kopf und deuten auf eine Dritte, die dann reichlich genervt fragt, was ich will. Ich kiekse mein Sprüchlein gegen die dicke Glasscheibe, während die Dame sich in ihrem Drehstuhl zurücklehnt, die Arme verschränkt und ohne eine Miene zu verziehen meint, sie verstünde mich nicht. Regungslos will sie meine Versicherungskarte und beginnt 5 Minuten ohne Kommentar auf ihren Computer einzuhacken. Dann möchte sie meinen Pass, der sinnvollerweise in der Herberge sehr gut liegt. Sie guckt nicht mehr regungslos, sondern als wäre ich sehr suspekt. Ob ich ein Notfall wäre. Ja, herrje, für mich ist ein Notfall, wenn mir akut der Hals zuschwillt oder mein Herz stehenbleibt und ich Verlangen nach Blaulicht und rennenden Weißkitteln habe. Also bin ich kein Notfall. Wer denn hier mein Hausarzt wäre. Ach, ich bin gar nicht von Santiago (Überraschung). Wie lange ich denn hier wäre. Was, heute noch einen Termin?! Nein, keine Chance. Nur Notfälle. Dabei guckt sie mich die ganze Zeit völlig unbeteiligt und kalt an und tippt stundenlang in ihrem Rechner herum. Ich sage, dass ich ja extra hier bin, weil ich wissen will, ob ich ein Notfall bin. Offensichtlich wird ihr bewusst, dass ich sie gleich verklagen werde, wenn ich hier wegen einer nicht erkannten Thrombose Schaden nehme, und sie lässt sich zu einem kommentarlosen Zettel herab, den sie unter der Glasscheibe hindurch schiebt. Ich muss mehrmals nachfragen, was ich damit jetzt machen soll, bevor sie mich endlich in den vierten Stock schickt.
Dort tappe ich vergleichsweise vollmotiviert an einen weiteren Tresen, diesmal ohne Glasplatte. Ich zeige dem Herrn dort mein Zettelchen, und er bedeutet mir, Platz zu nehmen. Außer mir sitzen nur zwei andere, ich werde also bald dran kommen. Über mir ist eine Anzeigetafel, auf der Räume und Nummern aufgerufen werden, und die Patienten neben mir springen eifrig auf. Auf meinem Zettel ist leider keine Nummer, sodass ich nochmal beim Empfang frage. Der Herr ist schon reichlich gereizt und wedelt mich zu „warten!“. Es kommen immer neue Patienten, alle bekommen freudestrahlend einen Ausdruck mit einer großen Nummer drauf und wandern Minuten später in die aufgerufenen Räume. Ich warte gut eine Stunde immer verzweifelter, denn wie soll ich aufgerufen werden, wenn ich nicht mal eine Nummer habe. Ein Schichtwechsel findet statt, und ich kralle mir eine Dame in Weiß und frage, was ich mit meinem Zettel soll. Sie guckt irritiert drauf und meint, der Arzt darauf würde heute doch gar nicht arbeiten. Ich solle mal warten. Mache ich auch ziemlich schicksalsergeben. Die nächste junge Dame, die ich damit nerve, schaut wenigstens schon in den Computer, schüttelt voller Anteilnahme den Kopf und sagt, heute wäre nichts mehr frei. Was ich denn hätte. Ich habe dazugelernt und sage „vielleicht eine Thrombose“, und nachdem ich mittlerweile so gestresst bin von dieser hoffnungslosen Warterei, klinge ich wohl auch wirklich so dramatisch, dass sie nach einer Lösung sucht und mir den langersehnten Nummernzettel rausläßt. Mir klappt der Unterkiefer herunter, als ich als „geschätzer Termin“ 17:30 lese. Aber ich bin eh schon komplett schicksalsergeben. Ich verstehe kein Wort, ich glaube nicht dran, dass ich hier irgendwie mal drankomme, und ich fühle mich definitiv wie der letzte Pilgerabschaum. So werde ich ja auch behandelt. Ich kämpfe bereits mit den Tränen, als die junge Weißkittelin kurz zu mir herüberschwebt, mir meinen Zettel aus der Hand nimmt und mir dafür einen anderen hineindrückt. Ganz leise sagt sie, der wäre besser. Termin 15:15. Ich könnte sie umarmen.
Gegen 16:00, nach 2 1/2 Stunden warten, blinkt meine Nummer. Ich humpele in einen Raum, in dem ein junger Arzt auf seinen Monitor schaut und tippt, ohne mich zu begrüßen. Ich setze mich artig hin und warte. Er grummelt irgendwas, was ich nicht verstehe, also warte ich freundlich weiter. Er grummelt nochmal, reichlich ungehalten, und ich vermute, dass er wissen will, was ich hier will. Ich sage zwei Sätze, woraufhin er aufsteht und mir ein paarmal mit den Fingern resolut ins Bein piekt und fragt, ob ich Probleme mit der circulation hätte. Ich spare mir meine Antwort, dass ich das nicht weiß und deswegen ja hier bin, denn irgendwie kommt das hier nicht so gut an. Er folgert dann selber, dass ich Probleme mit der circulation hätte, setzt sich wieder und beginnt wild, ein Formular auszufüllen. Ich weiß nicht, was er macht, und für eine Verschreibung ist es langsam zu viel Text. Zudem steht noch etwas von Hospital drauf. Mein erster Gedanke ist „wenn der mich jetzt trotzdem noch in die Klinik schickt und ich 3 Stunden umsonst verplempert habe, drehe ich durch“. Genau das macht er aber kommentarlos. Er wedelt mit dem Zettel und bedeutet mir die Tür. Ich will dann doch mal wissen, was jetzt eigentlich los ist. Er lässt sich zu einem „Verdacht auf Phlebitis“ hinreißen. Ich frage, ob ich damit jetzt noch beruhigt in die Klinik laufen kann. Er guckt mich entgeistert an. Ob es denn gefährlich wäre? Er gibt ein bitteres Lachen von sich, na, das könnte man schon sagen. Ich bin irgendwie sowas von geschockt von den letzten paar Stunden, dass ich gar nichts mehr sage und gehe. Mein Terminengel guckt mich besorgt an, ich zeige ihr den Zettel und frage, was ich damit jetzt machen soll. Sie wechselt sogar auf Englisch und erklärt mir die Busverbindungen.
Total neben mir verlasse ich die Klinik und laufe den Weg zu der genannten Bushaltestelle zurück. In meinem Kopf ist nur noch „Phlebitis“, „peligroso“, das harte Lachen von dem Arzt; mein Bein tut unheimlich weh, ich bekomme panische Angst vor der Klinik, dass man mich dabehält, dass ich nicht heimfliegen darf. Auf halbem Weg geht mein rechtes Ohr zu; ich bekomme komplette Panik, fühle den gefährlichen Blutklumpen bereits in meinem Hirn angekommen und mich gleich tot auf der Straße. In einem Stadtteil, wo es keine Pilger gibt und wo die Einheimischen wahrscheinlich noch einen weiten Hygienebogen um meine Leiche machen würden.
Erstaunlicherweise erreiche ich aber lebend die Bushaltestelle, frage mich zu der richtigen Straße durch, sehe auch einen rettenden Bus mit Anzeige „Hospital“. Aber der freundliche Busfahrer meint, falsche Richtung und deutet auf einen Bus gut hundert Meter entfernt auf der anderen Straßenseite. Die mehrspurige Straße überquere ich unbesehen, aber der Bus ist viel zu weit weg und fährt schon an. Wunderbarerweise hält er auf meiner Höhe extra nochmal an. Ich lasse mich auf den Behindertensitzplatz plumpsen und werde etwas ruhiger.
Die Klinik ist Endstation, und ich gelange in eine riesige Halle wie in einem Hotel. Ich steuere einen weiteren Empfangstresen an, und hier ist man erstaunlich freundlich und weist mir den Weg, als ich meinen Zettel fragend entgegenstrecke. Leider wird auf eine Tür gedeutet, die ich beim besten Willen nicht sehe. Die Frau probiert es auf Englisch, und ein anderer Mann kommt hilfsbereit dazu, aber ich sehe immer noch keine Tür, sage aber irgendwann „ah, klar, danke“ und laufe mal auf gut Glück los. Das sieht man mir wohl auch an, denn der Mann kommt mir hinterher, lotst mich bis zu einem Fenster, aus dem er mir ein weiteres Gebäude zeigt, vor dem Krankenwagen parken, und vergewissert sich sogar noch, ob ich auch im Lift den richtigen Knopf gedrückt habe.
Die nächste Eingangshalle wirkt eher chaotisch in unschönem grünlich-kaltem Licht. Überall wuseln Weißkittel und Patienten. Jemand schiebt mich wieder an einen verglasten Empfang. Ein ähnliches Spielchen wie in der Ambulanz beginnt, glücklicherweise ist mein fehlender Pass hier kein Problem. Ich soll „dort“ warten. Wieder habe ich überhaupt keine Peilung und bin nicht so recht da; irgendjemand nimmt mich am Arm und führt mich zu einem Stuhl in einem Raum, in dem gefühlte 50 verzweifelte Patienten sitzen. Über mir ist ein Lautsprecher, und ich soll aufpassen, wann ich aufgerufen werde. Ich bin total hinüber, schon jenseits von Verzweiflung. Wieder stundenlang warten, und ich denke nicht, dass ich meinen Namen verstehen werde, nachdem ich ja seit einer Weile überhaupt schon nichts mehr so richtig auf die Reihe kriege.
Sekunden später klingt glockenklar mein Name in perfektem Deutsch aus dem Lautsprecher. Ich schaffe es, aufzustehen, bin dann aber schon wieder mit meinem Latein am Ende. Irgendwann zeigt die ganze wartende Patientenschar freundlich lächelnd und ermutigend auf eine Tür. Drinnen sitzt ein nonstop quasselnder Arzt, aber er wirkt freundlich, er quasselt für mich, und vor allem quasselt er Deutsch. Ich plumpse auf meinen Stuhl und bin wie am Ende eines Marathons. Ich habe es geschafft. Ich bin in einer Klinik, ich habe einen Arzt, und ich kann mich verständlich machen. Jetzt wird alles gut. Ich bin so erleichtert, dass ich noch kein Wort bewusst verstanden habe.
Irgendwann will er wissen, was los ist, soweit bin ich wieder da. Er findet mein Beinchen wohl auch etwas dick; mittlerweile färbt es sich auch zunehmend blutunterlaufen. Er interviewt mich, als wäre ich geistig zurückgeblieben, ob ich Pilgerin wäre, ob ich also den Camino gemacht hätte, ob ich also gelaufen wäre, ob ich also viel gelaufen wäre. Ich bin froh, den „Ja“s gewachsen zu sein, und sehr schnell darf ich mich wieder hinsetzen, und er erklärt kurz und bündig, dass man dann keine Thrombose hat, sondern einen Muskelfaserriss. Was?! Ich erinnere ihn an den Wisch von dem anderen Arzt, den er stirnrunzelnd mit einem „ach, ja, da haben wir ja auch noch etwas“ kommentiert. Aber es wäre sicher nichts mit den Venen. So langsam verschwindet folglich auch der imaginäre Blutklumpen in meinem Kopf, und ich kann mein Glück kaum fassen. Ich frage ihn wahrscheinlich hundert Mal, ob ich jetzt dann gar nicht sterbe, ob da auch im Flieger nichts passieren kann, ob er sich wirklich sicher ist… er bewahrt bemerkenswerte Contenance.
Ich bin schon fast an der Tür; nachdem ich ja nun wundersamerweise kein Notfall mehr bin, muss ich ja auch nicht die Notaufnahme blockieren. Der Doc ist aber noch nicht fertig und will mein Bein erst noch verbinden. Finde ich zwar moderat wichtig, hauptsache, ich sterbe nicht, aber von mir aus. Ich werde durch die Katakomben geleitet an lauter Leuten mit Infusionen im Arm oder in geschobenen Betten vorbei, und bekomme von drei lustigen Ladies etwas unkoordiniert mein Bein eingewickelt. Dann soll ich nochmal zum Doc zurück, der zufrieden mit dem Werk ist und meint, ich könne das Hosenbein dann wieder runterkrempeln. Können vor Lachen, mein dickes Bein samt noch dickerem Wattebindenverband ist komplett dagegen. Da müssten wir dann was anderes machen, meint der Doc stirnrunzelnd. Müssen wir jetzt nicht, bin ich sehr entschieden. Man kann es auch übertreiben.
Ich bekomme ein Schmerzmittel verordnet, obwohl ich eigentlich irgendwelchen Kram schon noch in meiner Reiseapotheke habe. Nein, so ganz ganz optimal ist das ja nicht. Na gut. Meine morgige neunstündige Busreise nach Madrid wird abgesegnet, allerdings mit dem Hinweis, das mein Bein dann doppelt so dick wird. Schwer vorstellbar. Aber nachdem auch das definitiv unbedenklich sein soll, grinse und strahle ich nur über beide Ohren in Anbetracht dieser Prognose. Der Doc schreibt mir stirnrunzelnd noch einen Zettel auf Spanisch, den ich dem Busfahrer zeigen soll, damit ich drei Plätze bekomme und mein Bein hochlegen kann. Er feilt an der optimalen Formulierung auf Deutsch, was die Diagnose angeht. Anscheinend hat er als Kind 10 Jahre in Deutschland verbracht, ist ansonsten aber Spanier. Ich schwanke nur zwischen „Mann, hast Du sonst nichts zu tun?!“ und endlosem Strahlen und Glücksgefühl. Der Gute hat ziemlich Glück, dass ich ihn zum Abschied nicht vor Freude und Dankbarkeit abküsse.
Als komplett neuer Mensch und mit komplett anderen Augen verlasse ich die Klinik. Draußen scheint die Sonne, jeder scheint mich anzustrahlen, der Bus kommt genau im richtigen Moment, der Busfahrer strahlt mich an. Ich bin mindestens ebenso wiedergeboren wie letztes Jahr nach meinem Schneesturm in Manjarín.
Ich schaue auf mein Handy. Eine SMS von Jelle. „Komme heute Abend nach Santiago“. Scheiße. Er macht wegen mir auch die zwei Tage in einem, und er ist nochmal 10 km weiter entfernt gestartet. 55 km. Ich schaue mein Bein an und denke „bitte nicht!“.
Der Busfahrer wirft mich in Kathedralennähe raus. Ich laufe zwar überaus moderat, traue mich mein dickes Bein nicht mehr beugen, sondern schleife es recht plakativ hinter mir her. Aber ich bin so unendlich glücklich, das Strahlen hört gar nicht mehr auf. Ich erlebe wie so oft das für mich typische Caminogefühl, diese Sicherheit, dass man nicht allein ist. Dass man bei Bedarf Gott spürt, direkt oder durch andere Menschen. Wenn ich jetzt dran denke, was die letzten Stunden alles passiert ist, die flüsternde Arzthelferin mit dem neueren Terminzettel, der Busfahrer, der extra wegen mir angehalten hat, der Wegbegleiter zur Notaufnahme, die vielen hilfsbereiten Menschen auf dem Weg dorthin und allen voran der Engel von Arzt.
Ich versuche, mein Medikament in einer Apotheke zu bekommen, aber es ist so exotisch, dass es niemand hat. Ich muss eine Apothekenhelferin schwer bearbeiten, dass sie mir wenigstens etwas anderes gibt. Offensichtlich hat sie Respekt vor der Notaufnahme und denkt, ohne dieses Mittel falle ich tot um und sie ist schuld.
Zur etwa gleichen Zeit wie gestern komme ich ähnlich schwerfällig auf den Kathedralenplatz. Nur ist er heute nicht leer, sondern alle meine Lieben sitzen wie die Hühner auf der Stange auf dem Mäuerchen um den Platz. Sie freuen sich, mich wiederzusehen und sind geschockt von meinem dicken Verband. Ich bin aber einfach nur überglücklich, strahle und freue mich. Sie gucken etwas irritiert.
Mit Sanne wollte ich ja zum Gratisessen in den Parador, mein Ausweichhighlight, nachdem es schon nichts war mit dem Botafumeiro. Per entscheidet sich spontan auch dafür, und auf dem Weg zum Garagentor läuft uns Günther über den Weg, der gerade angekommen ist, und den wir auch schnell noch einpacken. Fünf Minuten vor Beginn laufen zwei junge Tschechen mit Zelt an uns vorbei Richtung Finisterre, und auch sie sind für die Idee zu haben, im 5-Sterne-Hotel Abend zu essen. Wir sind neun Leute, als seelenruhig und üblich leger auch noch Kristian den Weg heruntergehumpelt kommt. Ich zeige ihm mein Bein und sage ihm leise, dass er sich darauf jetzt verdammt nochmal etwas einbilden kann. So einen Scheiß hätte ich noch nie gemacht, nur um einen Mann wiederzusehen. Er lächelt mich liebevoll an, und ich bekomme sein typisches schüchternes Wangenküsschen.
Ich fühle mich grandios. Im Pilgerspeisesaal darf ich schon mal mein Bein hochlegen, während mir ein anderer Pilger mein Tablett bringt. Es gibt den ersten frischen Salat meines Caminos, tolle Bratkartoffeln mit undefinierbarem, aber noch tollerem Fleisch und ein monströses Blätterteigstückchen zum Nachtisch. Neben mir sitzt mir leuchtenden Augen Sanne, und ich habe mal wieder fast alle meine Lieben am letzten Tag vereint. Zum vollkommenen Glück würde ein Wassertag von Kristian noch fehlen, aber den Gefallen tut er mir leider nicht.
Hinterher setzen wir uns nochmal auf den Kathedralenplatz. Ich schaue meine SMS an; Jelle ist vor einer halben Stunde in meiner Herberge angekommen.
Wie üblich stehe ich vor der Wahl, mit meinen erwartungsvollen Freunden den Abend ausklingen zu lassen oder mich für Kristian zu entscheiden. Ich bleibe meinen Gewohnheiten treu.
Er freut sich auf den Abend mit mir, er will mir heute mein versprochenes Lied singen und mit mir in der Stadt irgendwo ins Internet, um mir etwas zu zeigen. Wir beginnen wieder, wegen seines Alkoholkonsums zu streiten. Er findet es komplett fein und lustig, und schaden würde es ihm definitiv nicht. Ich sehe das minimal anders.
Wir passieren einen Platz, auf dem am Rand ein Betrunkener inmitten einer Flaschensammlung sitzt. Kristian steuert begeistert auf ihn zu und unterhält sich mit ihm. Zu allem Überfluss ist der Gute Deutscher und fragt mich mit ekelhaft schleimigen Augen aus. Ich sage Kristian, dass ich glaube ich lieber gehe. Er fragt „wieso?“ und bleibt sitzen. Ich versuche mein Bestes, Kristian zuliebe, aber als mir kichernd Klosterfrau Melissengeist angeboten wird, halte ich es wirklich nicht mehr aus. Kristian fragt nochmal „warum?“ und ist enttäuscht. Und ich erst.
Ich mache mich humpelnd auf den Heimweg. Aus einer weiteren merkwürdigen Gruppe löst sich ein Mann und folgt mir. Bingo, ich bin ja der Hit mit meinem Bein. Ich bin heilfroh, eine belebtere Straße zu finden und im letzten Moment jemand in einer kleinen Kirche vor mir verschwinden zu sehen. Ich hieve mein Bein begeistert auch über die Türschwelle und wohne noch etwas Gottesdienst bei. Genug zu danken habe ich heute wirklich.
In der Herberge suche ich Jelle, aber er ist nicht da. Ich vermute, er sucht mich in der Stadt. Seine Sachen liegen in dem Bett neben meinem, auf der anderen Seite hat sich Sanne niedergelassen. Ich schaue den Sonnenuntergang mit ihr an. Sie bemerkt mal wieder meine Enttäuschung über Kristian. Sie fragt mich, ob ich ihn wiedersehen werde und ob ich ihn liebe. Dass man auf dem Camino starke Gefühle haben kann, ohne dass es mit Liebe im herkömmlichen Sinn zusammenhängt, versteht sie ohne Erklärung. Auch sie glaubt, dass hier hinter allem die ultimative Liebe von Gott steckt. Ebenso versteht sie, dass ich mit seinem Lebensstil zu große Probleme habe, um lange mit ihm Zeit verbringen zu können. Er ist ein wunderbarer Mensch, ganz genauso, wie er ist. Aber ich könnte sein Trinken trotzdem nie akzeptieren, wir streiten ja jetzt schon jeden Abend.
Sanne geht ins Bett, als ich von Weitem Jelle erspähe. Wir freuen uns tierisch, und vor lauter Aufregung und Freude reden wir ungefähr drei Stunden gleichzeitig und durcheinander. Es ist ganz schön konfus und anstrengend. Jeder hat so viel spezielle Erfahrungen gemacht und ist so voller Eindrücke. Und wir stehen uns sehr nah, sodass wir es unbedingt teilen wollen.
Um Mitternacht scheuche ich ihn ins Bett. Ich bin etwas beunruhigt, wo Kristian ist. Als ich durch das Stockdunkel des ersten Schlafsaals meinen Weg suche, muss ich beruhigt lächeln. Auf Höhe seines Bettes riecht es astronomisch nach stinkenden Füßen.
Ich mache mich möglichst schnell und leise bettfertig, alles schläft ja schon. Groß umziehen ist eh nicht, ich kriege meine Trekkinghose ja nicht über das Bein.
„Ein schöner Tag, die Welt steht still, ein schöner Tag,
komm Welt lass Dich umarmen, welch ein Tag!“