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Posts Tagged ‘Villar de Mazarife’

Ein unguter Stern leuchtet schon am frühen Morgen beim Aufstehen, oder besser, es leuchtet nichts. Meine geliebte Stirnlampe macht keinen Mucks mehr, dabei bedeutet sie mir so viel Sicherheit und Freiheit. Das gute Gefühl, starten zu können, wann immer ich will, ohne auf den Sonnenaufgang warten zu müssen, die entspannte Ruhe, dass ich auf diese Weise selbst bei vollen Herbergen immer genügend Luft hätte. Außerdem schleppe ich nun den ganzen Camino 150g für nichts mit, oder soll ich sie gleich wegwerfen?

Wegwerfen tue ich erst einmal genüsslich meine Plastikdosensammlung, und mit kompakt gepacktem Rucksack geht es auf die ersten schnurgeraden Kilometer entlang der Straße. Meine Gedanken sind alles andere als entspannt, ich habe auf diesem Camino einiges zu klären und abzuschließen, und das versuche ich gerade mit wilden Argumentationen mit mir selber. Nach 2 Stunden raucht mein Kopf, ich werde überhaupt nicht schlauer, sondern immer nur verzweifelter (und selbstmitleidiger, zudem noch angesichts der nahenden Herberge, in der ich eigentlich als Hospitalera hätte arbeiten wollen, anstatt wieder selber zu laufen). Im größten Moment der Verzweiflung durchbricht plötzlich ein gleißender Lichtstrahl das zur Stimmung passende trübe Wetter. Ein Zeichen! Ein Zeichen! denke ich begeistert. Allerdings kommen die Zeichen in Minutenabständen und mit einem nicht wirklich durchschaubaren Zusammenhang zu meinen Gedanken und Beschlüssen, sodass ich resigniert akzeptiere, dass es wirklich auch einfach Wolken und logische meteorologische Zusammenhänge gibt und mir Gott jetzt einfach nicht weiterhelfen will mit meiner geistigen Gewaltanstrengung.

Ich erreiche Hospital de Órbigo, wo ich den ersten Pilger am heutigen Tag treffe. Er humpelt etwas, trägt ein Zelt und kommt aus einem Seitenweg. Nach der legendären Brücke dreht er sich um und fragt nach dem Weg, weil es zu einer Herberge nach rechts ab geht. Wir laufen gemeinsam weiter.

Kristian ist Norweger, in meinem Alter, ausgesprochen gutaussehend und sehr eloquent. Er schleppt ein Zelt mit, das er aber nur die ersten beiden Tage benutzt hat, weil es zu kalt war. Eine Isomatte hat er auch, sowie eine selbstaufblasende Matte, die ihm jemand geschenkt hat. Seinem Fuß nach zu urteilen ist der Rucksack zu schwer und das ganze Gezelte offensichtlich unnötig. Auf die Frage, warum er es nicht einfach vorausschickt, meint er, das wäre zu teuer.

Interessanterweise rotzt und spuckt der Gute alle paar Meter lautstark in die Vegetation und verwendet „fuck“ und „fucking“, als wäre es die Luft zum Atmen. Ich schlage ihm vor, eine Sonnenbrille zu tragen, nachdem es wieder windet und die Sonne strahlt und ihm schon Tränen über das gesamte Gesicht laufen. Das käme nicht von der Sonne, sondern weil er an seine Großmutter denkt, die jetzt gerade während des Caminos stirbt. Ich bin perplex und etwas von der Rolle. Wir laufen schweigend nebeneinander her, ich würde so gern seine Hand nehmen und drücken. Aber nach 3 Minuten Bekanntschaft steht mir das vielleicht nicht zu. Und mit ein paarmal Spucken und Fluchen scheint er auch wieder der Alte zu sein, der jetzt dringend einen Kaffee braucht.

Ich habe die Fastenzeit über auf Kaffee verzichtet. Nun dürfte ich zwar wieder, möchte meinen ersten Kaffee aber irgendwie speziell zelebrieren oder einen besonderen Kaffee trinken. Also laufe ich allein weiter, Kristian meint gönnerhaft, er würde mich dann ja eh wieder einholen.

Wieder erreiche ich eine absolute Lieblingsstrecke von mir, und als ich über einen kleinen Hügel komme, bin ich direkt erschlagen von den faszinierenden, unglaublich grünen Wiesen. Ein Effekt wie letztes Jahr in der Meseta, ich spüre unendliche Energie. Die Sonne strahlt und ich bin so euphorisch, dass ich zu singen anfange – mir kommt „Amazing grace“ in den Sinn, in passender Abwandlung als „Amazing green“.

Im nächsten kleinen Dorf höre ich schon von weitem eine Predigt. Heute ist Ostersonntag, sodass ich hinter jeder Ecke eine große Osterprozession vermute. Es wird immer lauter, bis ich vor einer Kirche stehe – allerdings weit und breit kein Mensch, dafür entdecke ich Lautsprecher auf dem Dach. Gerade singt ein Frauenchor eine spanische Version von „How many roads must a man walk down“. Ich bin reichlich ergriffen und probiere die Tür. Ich komme gerade rechtzeitig zum Ende der Messe und zum Hostienempfang.

Ich mache mich weiter auf den Weg, bzw. stoppe alle paar Meter, um Fotos zu machen. Sonst ist das weniger meine Art, ich vertrete mittlerweile die Auffassung, dass man auch im Herzen konservieren kann, und das manchmal besser, wenn man nicht alles nur durch den Sucher eines Fotos sieht. So holt mich dann auch Kristian wieder ein. Wir reden kurz über seinen Beruf, er erzählt etwas von Maler und Musiker, aber so richtig praktizieren tut er es nicht. Bei meinem nächsten Fotostop verabschiedet er sich dann auch recht eilig, was mich ein bisschen enttäuscht. Ich habe den Eindruck, irgendetwas falsch gemacht zu haben.

Dafür kann ich nun in Ruhe den wunderschönen Weg nach Astorga genießen. Am Kreuz mit Blick auf die Stadt mache ich noch einmal eine ausgiebige Rast. Auf den Bänken sitzt eine Gruppe lauter Deutscher, sodass ich mich kurz entschlossen direkt an das Kreuz setze. Irgendwie brauche ich hier und heute etwas Ruhe und will alles so intensiv auf mich wirken lassen.

Es ist ziemlich heiss, meine Wasserflasche ist leer und ich freue mich, endlich Astorga zu erreichen. Getreu meinem neuen Plan möchte ich nicht in die bekannte Herberge gehen, zumal ich dort letztes Jahr eine einzigartige Atmosphäre genossen habe, sodass alles weitere wirklich nur enttäuschen kann. So richtig reizt mich die Herberge am Stadteingang aber auch nicht. Zumal ich sehr gern Kristian wiedersehen würde. Ich setze mich ein bisschen vor die Herberge und versuche, meine Gefühle zu ergründen. Irgendwann packt mich dann wirklich die Überzeugung, dass das so gut ist.

Die Herberge ist ganz anders, als ich mir vorgestellt habe, sehr hell, modern und großzügig. Der ältere Hospitalero nimmt sich schön Zeit und vertieft sich gewissenhaft in seinen Raumplan. Er erklärt mir ausgiebig, dass es einen Raum für junge Leute gibt, sowie dass die Älteren in kleineren Zimmern dann eher unter sich sein können. Leuchtet soweit ein, aber statt mich mal in dem großen Raum einzutragen, schaut er nur wie ein hypnotisiertes Kaninchen auf den Plan, um sich dann für einen Raum mit drei 70-jährigen Deutschen zu entscheiden. Ich gucke wohl etwas irritiert und er erklärt betreten, dass in dem Jugendraum bisher eben erst ein einzelner Mann wäre. Das scheint ihm Bauchschmerzen zu machen. Ich linse auf die Pilgerliste, und als ich etwas von Norwegen lese, muss ich herzlich lachen. Einerseits kann ich es gar nicht fassen, gegen jede Erwartung die „richtige“ Herberge gewählt zu haben, andererseits amüsiert mich die Vorstellung, bei Kristian Bedenken zu haben.

Ich absolviere mein übliches Dusch- und Waschprogramm und erkunde die mehrstöckige Herberge mit Garten und riesigen Wäscheleinen in der prallen Sonne. Ich versuche mich ein bisschen hinzusetzen, aber leider ist es entweder zu sonnig oder im Schatten zu kühl. Ich setze mich auf mein Bett und fange an, ein weiteres Armband zu knüpfen. Für Kristian.

Der rennt derweil rastlos wie ein Tiger im Käfig herum. Geduscht hat er noch nicht, aber alle Vorräte gegessen, die noch in der Küche waren. Das wäre immer das erste, was er in einer Herberge macht. Er wirkt total unter Strom und weiß nichts mit sich anzufangen, am liebsten würde ich sagen „setz Dich mal zu mir aufs Bett und erzähl was“. Statt dessen beende ich mein Bändel und gehe in die Stadt, wo ich in einem Schinkenladen ein Brot und Schinken für morgen früh bekomme. Merkwürdiges Frühstück, aber es ist Sonntag, sodass ich froh bin, überhaupt etwas bekommen zu haben.

Für den Mittag und Abend in einem koche ich mir die Reste meiner gestrigen Pasta. Allerdings hat es nur Curry zum Würzen, meine dazu verdrückte Banane macht es auch nicht besser. Grässlich, aber Hauptsache, Kalorien.

Unser Jugendzimmer füllt sich, eines der beiden Mädels von gestern kommt mit Chuck und Luca, einem Italiener. Amber ist Belgierin, erinnert ein bisschen an eine Zigeunerin und hat eine sehr direkt Art und eine dröhnende Lache. Sie fragt, ob ich mit Tapas essen gehen will, aber ich will in die Messe direkt neben der Herberge, und auf Chuck habe ich keinerlei Lust. Er auch nicht auf mich.

Mein Auge tut ziemlich weh, ich habe mal wieder trotz Wind und Sonne keine Sonnenbrille getragen. Erst beim Herausnehmen meiner Linsen merke ich, dass es auch stark gerötet ist. Ich bin etwas beunruhigt, tropfe Augentropfen und mache mich ab ins Bett.

Kristian tigert ausnahmsweise gerade mal im Zimmer auf und ab, sodass ich ihm sein Bändel überreichen kann. Er guckt recht konsterniert drauf und meint „strange“. (Ich denke „du mich auch“). Allerdings erläutert er, dass er von zu Hause ein Bändel mitbekommen hat, als Abschied und für einen guten Camino, und dass er dieses gerade vor 2 Tagen verloren hat. Er bedankt sich ganz bewegt und meint, es wäre sehr schön. Er schickt sich auch ernsthaft an, es sich umzubinden. Als ich vom Zähneputzen zurückkomme, ist er immer noch darin vertieft und ich darf ihm helfen. Er hat es mit dem Messer irgendwie bearbeitet, und als ich im Spaß frage, warum er es denn zerstört hat, meint er, er wäre eben strange. Und ich auch. Ich soll es ihm ganz fest knoten, damit er es auch ja nicht verliert. Während ich Knoten Nummer 5 fitzele, sage ich ihm, dass er nicht strange ist. Ich weiss nicht, warum, es ist wie eine Eingebung, und ich bin so überzeugt.

Er fragt, ob ich schon gegessen hätte. Die Currypampe ist mir noch lebhaft im oberen Magen. Er selber hat offensichtlich seit Mittag nichts gegessen, warum auch immer, und ich biete ihm mein morgiges Frühstück an. Er lehnt zwar dankend ab, aber er scheint wirklich Hunger zu haben, sodass ich es ihm ans Bett stelle und meine, er kann es sich ja noch überlegen. Dann gehe ich endgültig ins Bett. Sekunden später entnehme ich dem Rascheln der Tüte, dass er sich damit in Richtung Küche aufmacht. Vorher kommt er aber noch an mein Bett und überreicht mir einen Stein. Er hätte ihn gefunden für das Cruz de Ferro, aber gefühlt, dass er nicht für ihn wäre. Und er wäre definitiv für mich.

Ich habe einen hässlichen, schweren Stein bekommen, aber bin total gerührt und sprachlos.

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Ich habe prima geschlafen und wache recht zeitgleich mit dem geplanten Weckerklingeln auf. Mein Gerümpel wandert recht lose in den Rucksack, dafür mein Pfefferspray aus den Tiefen einsatzbereit in die rechte Hand. Ich habe das gute Stück noch nie ansatzweise gebraucht, aber für den heutigen Rückweg zum Busbahnhof ist mir damit wieder einmal einfach wohler.

Heute brüllt mich aber keine dubiose Gestalt an, sodass ich vor dem Busbahnhof schnell wieder verschämt mein Döschen einpacke – nicht, dass sich noch jemand von mir bedroht fühlt.

Mein Bus primera clase wartet schon, ich bin sehr gespannt (und erleichtert, dass ausser mich auch ganz normale Leute warten und man nicht im Smoking reisen muss). Ich habe einen Einzelsitz in schwarzem Leder mit möglicherweise Teakholz, der Knüller kommt aber, kaum dass wir losgefahren sind. Für die nur knapp 10 Fahrgäste gibt es eine freundliche Bedienung, die rund um die Uhr von vorne nach hinten durchwandert und Säftchen? Bonbon? Kaffee? Frühstück? Keks? Wasser? Kopfhörer? Säftchen? Kaugummi? offeriert. Ich fühle mich wie im Paradies, und während wir ohne Unterbrechung bis nach León durchbrausen, erwische ich auch noch „Vivo per lei“ auf den Kopfhörern, was mir in dem Moment ein unheimlich gutes Gefühl vermittelt. Wir durchfahren Nebel und Schnee, aber gegen León wird es strahlend sonnig. Es gibt sogar ein Abschiedsgeschenk in Form eine Täschchens mit Spiegel und Bürste, welches ich aber schweren Herzens zurückgehen lasse. Schließlich bin ich spartanischer Pilger und habe einen hartumkämpften, möglichst leichten Rucksack.

In León erwartet mich erstmal extremer Trubel und erstaunlich viele Pilger, allerdings in Gegenrichtung. Es ist Ostern, und vermutlich endet hier für viele Spanier eine Teiletappe des Caminos. Ich erstehe noch schnell einen Film für meinen noch nicht digitalen Foto und mache mich frohgemut (und so spät wie noch nie) auf den Weg zu meiner ersten Etappe.

Mein Rucksack ist noch nicht sehr pilgertauglich gepackt, schon allein, weil ich noch 3 riesige Plastikdosen mit aktuell noch einer Kiwi, einer Karotte und einer Paprikascheibe herumtrage. Mein Rucksack sieht also riesengroß aus bzw. ordentlich schief. Ich suche verzweifelt meinen Sonnenhut in den Tiefen des Hauptfaches, erfolglos, bis ich irgendwann so ziemlich alles ausgepackt habe und auf dem Gehweg ausgebreitet. Zwei Pilgerinnen gucken schon recht interessiert und belustigt.

Mit hellblauem Schlapphut und immer noch schiefem Chaosrucksack überhole ich sie dann wieder. Sie fragen, woher ich denn komme, und bei „erster Tag“ merke ich eine gewisse Schadenfreude. Ich kann es ihnen nicht übelnehmen, dass sie den Eindruck haben, dass ich Pilgerneuling mich mit meinem schnellen Tempo und meinem riesigen (wenn auch superleichten) Rucksack übernehme.

Etwas später treffe ich am ersten Brunnen einen jungen Pilger mit schwarzem Hut, der sich freundlich als Chuck aus England vorstellt und sich anschickt, die nächsten Meter mit mir laufen zu wollen. Auch er freut sich sichtlich über mich vermeintlichen Pilgerneuling und erzählt mir ein wenig die Geschichte vom Pferd. Er hat ein recht stattliches Selbstverständnis, erzählt stolz von seinem Blog und – und da beginnt es zwischen uns schon etwas zu kriseln – er ist bis oben hin voll von seiner Sicht des Caminos. Egal, was ich sage, er widerlegt es mit irgendwelchen Weisheiten. Er findet, man könne eh nicht an das Pilgerleben früherer Zeiten anknüpfen, nur weil ich mich auf spartanische Herbergen und einen entbehrlichen Weg freue. Da hat er sicher recht, aber das will ich ja auch gar nicht. Unsere Kommunikation besteht zunehmend aus „a good discussion indeed“ und „fair argument, I can’t contradict you on that point“, sodass ich recht erleichtert bin, als er irgendwann von sich aus beschließt, etwas schneller allein weiter zu laufen. Wohlgemerkt, weil er sich nicht sicher ist, ob überhaupt noch ein Bett zu bekommen ist, zu dieser Zeit. Bei drei großen Herbergen auf der weniger begangenen Wegalternative wird da zumindest mir nicht allzu bang ums Herz.

Die Strecke ist wie immer wunderschön und betankt mich mit unergründlichen Energien. Einerseits knallt die Sonne, andererseits weht so ein scharfer Wind, dass ich mein Astorga-Stirnband dankbar herauskrame. Die Kombination Ohrenwärmer und Sonnenhut ist sicher auch ein Bild für die Götter.

In Villar de Mazarife entscheide ich mich gegen die bekannte, gute Herberge. Ich möchte diesen Camino nicht als Aufwärmen alter Erinnerungen betreiben. Nachdem die Strecke nun schon die gleiche ist, möchte ich wenigstens in anderen Orten stoppen – und nachdem auch das heute nicht geht, wenigstens in anderen Herbergen.

Ich muss über Chuck lächeln, als ich die Herberge betrete – kein Mensch ist zu sehen, und im offen liegenden Buch stehen heute bisher drei Pilger verzeichnet. Im Innenhof schnarcht ein Mann in der Sonne, und ein kleiner kläffender Hund ruft eine Spanierin auf den Plan, die mich einchecken lässt und mir ein leeres Zimmerchen mit 2 Stockbetten zeigt. Eine große Küche hat es auch, und trotz Samstag Abend hätte es einen Supermarkt, der auf Klingeln öffnet.

Ich kaufe schnell überglücklich etwas Pasta und Gemüse, um dann in Ruhe zu duschen, zu waschen und zu kochen. Ich fühle mich unheimlich glücklich und „angekommen“ in meiner Welt.

In der Sonne im Innenhof lässt eine Pilgerin ihre nasse Lockenpracht trocknen. Wie der schlafende Pilger strahlt auch sie eine unheimliche Ruhe aus. Auch im Gespräch ist sie sehr angenehm, sie pilgert zwar auch erst seit heute, war aber früher schon mal auf dem Camino. Kein Vergleich zu Chuck, sie nickt einfach viel mit leuchtenden Augen und einem blinden Verständnis.

Ein kleiner, etwas nervös wirkender Spanier gesellt sich zu uns, und gegen 20 Uhr kommen in aller Seelenruhe auch die beiden Pilgerinnen, denen ich heute als erstes begegnet bin. Sie sind glücklich über die Reste meiner Gemüsepasta.

Es wird schon ziemlich kühl, aber der Spanier und der Herbergsvater bauen kurzerhand ein Feuerchen im Hof auf, um das dann nicht nur unsere kleine Pilgergemeinschaft, sondern auch der Herbergsvater mit Tochter, Enkeln, Schwiegersohn und Großfamilie sitzt und steht. Marco dreht sich zwar immer noch etwas nervös und gehetzt eine Zigarette nach der anderen, durch gewisse Sprachschwierigkeiten hindurch entdecke ich aber auch eine deutliche Sympathie. Er hat ein weihrauchähnliches Pulver dabei, das er ins Feuer portioniert. Die lockige Holländerin Sanne dagegen lächelt still entrückt. Eigentlich wollen wir beide die Messe besuchen, aber nachdem sie erst um 22.00 ist, geben wir das Vorhaben dann doch auf.

Ich gehe ins Bett, bevor ich richtig durchfroren bin. Vorher lege ich Sanne, die todesmutig unter freiem Himmel im Innenhof ihr Nachtlager aufgeschlagen hat, noch ein Armbändel aufs Kopfkissen.

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Wie auch gestern haben sich meine Füße über Nacht perfekt erholt und scheinen lauffreudig – was mich nun doch schon wieder übermütig werden lässt. Der einzige Ort, den ich auf diesem Camino unbedingt nochmal sehen will, ist die Herberge in Hospital de Órbigo. Und dummerweise liegt das kilometertechnisch ziemlich ungünstig, nämlich 38km von León entfernt. Bei meinem noch im Rückstand befindlichen Zeitplan definitiv zu wenig für 2 Etappen, und für eine Etappe ist es dann doch auch wieder etwas weit, zumal ich mir ja schon vor zwei Tagen praktisch geschworen habe, nie wieder so unvernünftig zu sein und mehr als 30km zu laufen. Prompt die 36km gestern, für die ich meinen Füßen mehr als dankbar bin. Aber dreimal hintereinander den Bogen überspannen könnte sich vielleicht doch rächen.

Ich beschließe, es auf mich zukommen zu lassen und genieße erst einmal die ersten bekannten Meter hinter León. Mir kommt alles vor, als wäre ich erst gestern hier entlanggelaufen, und vor allem, als wäre ich ein paar hundert Mal hier langgelaufen. Ich erinnere mich an jeden versteckten Wegweiser, ahne die unauffälligen Abzweigungen und Supermärkte und kann schnellen Schrittes zielstrebig ausschreiten. Unterwegs treffe ich viele Pilger, die hier wohl ihren ersten Tag haben, sich noch wie ich damals panisch an ihren Führer klammern und versuchen, sich an den Beschreibungen entlangzuhangeln. So stehen sie dann auch prompt an jeder Straßenecke mit großen Fragezeichen im Gesicht. Vielleicht entwickelt man erst im Lauf der Zeit den Blick für die Pfeile und Muscheln.

Recht schnell habe ich mich auf verschlungenen Wegen aus León herausgearbeitet, und von einem nahezu schon sonnigen Himmel begleitet geht es Richtung Virgen del Camino, wo ich der Kirche wieder einen Besuch abstatte (eine der wenigen, die tagsüber geöffnet haben). Und passend zum Blick für die Pfeile und Muscheln springt mir direkt nach der Kirche ein gelber Pfeil nach links über die Straße ins Auge, und so komme ich ganz unspektakulär gleich auf den richtigen Weg, anstatt wie letztes Jahr herumzuirren, Autobahnen zu übersprinten und merkwürdigen Wegbeschreibungen zu folgen.

Aus unerfindlichen Gründen bin ich ziemlich einsam unterwegs, aber die Ruhe und Stille ist wunderschön. Ich mache ausgiebige Rasten und genieße die Folgen des gestrigen Riesensupermarktes. Statt Brot unterschiedlicher Schmackhaftigkeit und der immer gleichschmeckenden Chorizo oder wahlweise Käse stehen heute für mich lecker gefüllte Teigtaschen auf dem Pausenplan. Kein Wunder, dass ich gegen 11 bereits meinen ganzen Tagesproviant aufgegessen habe.

Die Strecke zwischen León und Astorga hatte ich als eher unspektakulär in Erinnerung. Nun bin ich aber heilfroh, nicht den Zug genommen zu haben, denn die Einsamkeit und die Farbspiele sind unvergleichlich schön (ganz abgesehen davon, dass Zug natürlich wirklich keine echte Alternative für einen Pilger wie mich ist).

Das Wetter spielt toll mit; nach dem Dauerregen der Meseta ist es eine absolute Wohltat, ohne Kapuze laufen zu können, blauen Himmel zu sehen oder sogar vereinzelte Sonnenstrahlen.

Als ich gegen Mittag Villar de Mazarife passiere, bin ich entschlossen, Hospital de Órbigo in Angriff zu nehmen. Ich bin fit, ich habe noch Zeit, und nach einem Einkauf in einem Laden voller nostalgischer Erinnerungen an rettende honig-parfümierte Taschentücher habe ich auch wieder genug Proviant für meinen doch recht beeindruckenden Appetit.

Den ganzen Tag über begegne ich keinem Menschen, und vielleicht trägt auch das dazu bei, dass ich irgendwann schon ein wenig das Gefühl habe, sämtliche Grenzen überschritten zu haben. Als ich endlich Hospital de Órbigo sehe, überkommt mich mal wieder die berühmte Erschöpfung-Erleichterung-Dankbarkeit, und ich bin überglücklich, als es auf die letzten Meter zu „meiner“ Herberge zugeht.

Ich biege um die Ecke und sehe förmlich den Innenhof vor mir mit einem strahlenden, alles beleuchtenden Mose (auch wenn ich weiß, dass er diesmal nicht da sein wird). Statt dessen stehe ich vor einem Tor. Und dieses lässt sich nicht öffnen. Ich linse zu den Fenstern hinein und bekomme einen halben Schock, weil alles im Inneren wie aus einem Schwarz-Weiß-Film aussieht. Im Innenhof fliegen Spatzen auf, und es wirkt wie ein Museumsdorf. Eins ist klar, hier ist heute keine Herberge für mich geöffnet. Ich versuche es in der Herberge direkt gegenüber, die auch schön sein soll. Auch diese hat einen großen Innenhof, nur ist weit und breit keine Menschenseele. Ich laufe recht orientierungslos durch die Anlage, als ich hinter einer schweren, schiefen Holztür Stimmen höre. Der Anblick lässt mich die Tür fast wieder zuschlagen. In ebenfalls gefühltem schwarz-weiß und trübem Licht sitzen an einem dreckigen, schiefen Holztisch zwei finstere Gestalten, getrennt von Weinflaschen und umflort von einem ebensolchen Geruch. Sie grölen etwas Erheitertes auf deutsch, und da mache ich wirklich die Türe wieder zu und stehe wieder auf der Straße. Vor mir die Herberge, die nicht aufmacht, und hinter mir die Herberge wie aus Ali Baba und die vierzig Räuber. Für einen Moment bin ich versucht, noch weiterzulaufen, aber das geht nun wirklich nicht mehr.

Ich mache noch einen Versuch hinter die dicke Holztür und erkundige mich bei den beiden Gestalten, wie die Herberge denn so funktioniert. Ich finde mich dann aber schon wieder auf der Straße wieder. Ich bin dermaßen hin- und hergerissen, es ist unglaublich. Irgendwann fasse ich mir ein Herz und checke todesmutig ein.

Die grölenden Herren zeigen mir daraufhin das Damenzimmer, das winzig klein ist, und alle unteren Betten sind schon belegt. Ich mache mich etwas zögerlich ans Auspacken und dusche. Die Duschen sind im Innenhof, reichlich zugig, und zum zweiten Mal auf diesem Camino hat es nur noch eiskaltes Wasser. Als ich in mein Zimmer zurückkomme, sind die vier restlichen Damen schon wieder eingetroffen – und ich bin sehr erleichtert, drei bekannte Gesichter wiederzusehen. Zwei davon waren mit mir in León, und eine kennt mich aus der Meseta und fragt begeistert, ob denn mein Freund auch hier wäre. Vermutlich meint sie José. Plötzlich wirkt die Herberge nicht mehr ganz so schwarz-weiß. Ich jammere über das eisige Wasser, und natürlich hatten die Damen alle warmes Wasser. Aber sie lachen auf Spanisch aus tiefstem Herzen und meinen „Du bist deutsch, Du bist hart im Nehmen, Du duscht mit kaltem Wasser“. Wobei es ja einen feinen Unterschied gibt zwischen Willen und Notwendigkeit.

Als ich wieder etwas ziellos im Innenhof lande, habe ich die reinste Erscheinung: aus den Duschkabinen tritt wie aus dem Ei gepellt, in duftiges Hellblau gehüllt, perfekt frisiert und rasiert, mit einem seligen Lächeln auf den Lippen ein Mann, und mir klappt schier der Unterkiefer herunter. Der Typ wirkt, als würde er auf einer kleinen Privatwolke schweben, als würde ihn ein strahlendes Licht umgeben, während er freundlich und doch ein wenig abwesend wie von einer anderen Welt in die Menge (die wenigen Pilger) lächelt und grüßt. Sofort überkommt mich ein heimisches Gefühl in Bezug auf diese Herberge, vergessen sind Ali Baba und die Weinflaschen. Ich komme nicht umhin, diese Erscheinung in ein Gespräch zu verwickeln. Er ist Italiener, heißt Angelo, läuft schon seit den Pyrenäen, will bis Finisterre, macht den Camino schon zum zweiten Mal – wir sprechen auf Spanisch, was wir beide nicht wirklich können, aber wie so oft auf dem Camino, wir verstehen uns. Auch er hat wieder diese wunderbaren dunklen, großen Augen, in denen man versinken kann, in denen man alles lesen kann, und bei denen man Gespräche und Worte eigentlich eher als nebensächliche Randuntermalung einsetzt.

Ich bereite mir in der kleinen Küche mein vitaminreiches Gemüsepfännchen mit der magischen Tomatensoße zu, interessiert kommentiert von Angelo. Er kann auch kochen, und glücklicherweise findet seine Tochter seine Spaghetti Carbonara ganz toll. Ich verpflichte ihn, mir diese mal zu kochen, aber vor allem bin ich erleichtert, dass ich es mit einem Familienvater zu tun habe und die ganze Magie von vorneherein etwas abgeklärter sehen kann.

Mit dem engen Damenzimmer werde ich immer noch nicht so warm und beschließe, in ein neu aufgemachtes Zimmer zu ziehen, in dem sich gerade ein Deutscher und ein Engländer niedergelassen haben. Beide sind sehr nett, humorvoll und unterhaltsam, und als dann noch 2 extrem laut lachende ältere Schwedinnen in den Raum einbrechen, mit minutenlangem Riesenhallo die beiden Herren wiedererkennen und den Raum in Beschlag nehmen, fühle ich mich wieder vollends wohl. Zwar ist mir heute nicht mehr groß nach Kontaktaufnahme und Freundschaften knüpfen, ich lehne mich einfach etwas in meinem Bett zurück. Aber die Räuberhöhle ist plötzlich gefüllt von Lachen und netten Leuten, und irgendwo draußen schwebt selig lächelnd Angelo, der die nächsten 5 oder 6 Etappen genau wie ich geplant hat.

Abends gehe ich in die Kirche, die allerdings recht ausgestorben ist. Ich will schon fast wieder gehen, als mir auffällt, dass viele Leute in einem kleinen Türchen verschwinden. Und auf Nachfrage werde ich sofort freundlich miteingeschleust – in den Wintermonaten findet die Messe in einem kleinen Nebenräumchen statt, weil man so nicht so viel heizen muss. Das Räumchen ist somit proppenvoll, und erfreulicherweise sind auch zahlreiche Pilger mit dabei. Einige Gesichter kenne ich aus meiner Herberge, und zwei Reihen vor mir meine ich auch einen Pilger zu erkennen – ein sehr gut gepflegter, älterer Herr mit einer penibel sitzenden Windjacke. Ich dagegen brilliere wie üblich im verschwitzt verknitterten Zwiebel-Look.

Auf dem Heimweg spricht mich jemand von hinten auf deutsch an, er sei übrigens der Helmut. Es ist der gut Gepflegte, und mir dämmert, woher ich ihn kenne – es ist einer der beiden grölenden Deutschen aus dem finsteren Räumchen. Aber ohne dem Hut im Gesicht, der Weinflasche und dem alkoholseligen Kumpan hat er nun eine komplett andere Wirkung auf mich. Ich muss an ein Sprichwort denken „Wo man singt, da lasse dich ruhig nieder, böse Menschen kennen keine Lieder“. So geht es mir schon mit Pilgern allgemein, aber erst recht mit Kirchenbesuchenden.

So lasse ich mich für heute sehr ruhig in meiner Herberge nieder, umgeben von fröhlichen, heiteren und gläubigen Menschen – und einem Italiener, der schon wieder einfach dieses „Mehr“ ausstrahlt.


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Als ich aufwache, geht über dem Feld gerade tiefrot die Sonne auf. Ein Blick auf meine Uhr zeigt fast 8, und ich bin hellauf begeistert, daß alle noch schlafen und nicht ab 5 Uhr schon auf den Beinen sind und Hektik verbreiten. Nur das Mädel mit den Stichen ist schon weg, sodaß ich heute keine Gewissensbisse haben muß oder mich erklären, daß ich lieber allein laufen würde. Ich genieße meine Ruhe, das Alleinsein, mache meine Pausen, wann ich will, und fühle mich endlich richtig eigenbestimmt.

Kurz vor meinem geplanten Etappenziel steht plötzlich jemand mitten auf den Bahngleisen neben dem Weg. Nach dem ersten Schreck handelt sich sich nur um die kleine Kanadierin vom Vortrag, die das einen schönen Fotoplatz fand. Wir gehen den restlichen Weg zusammen. Sie ist ein klein bißchen irre und dadurch höchst unterhaltsam. Auf der Suche nach dem richtigen Weg zieht sie ein fast 8 cm dickes Kompendium aus ihrem Rucksack (während ich meinen mini-formatigen Taschenbuchführer zu Hause rigoros mit dem Küchenmesser halbiert habe, da ich ja die Strecke vor León nicht brauche); auf meine erstaunte Frage, was der denn wiege bzw. das Gepäck insgesamt, lächelt sie schief und sagt, sie hätte ihn halt probiert und ihn tragen können. Allerdings tun ihr auch schon die Knie weh, sodaß sie schweren Herzens auch die heutige Minietappe ins Auge faßt.

Kurz nach 11 erreichen wir Hospital de Órbigo mit einer sagenumwobenen Brücke. Ich bin ein ziemlicher Kulturbanause, und auch wenn ich in meinem Führer spätestens hinterher die kulturellen Aspekte nachlese, vergesse ich auch wieder fast alles. Diese Brücke ist mir aber in Erinnerung geblieben. Dort verteidigte im Mittelalter ein Ritter mit seinen Gefährten auf Grund eines Liebesschwurs mehrere Wochen lang diese Brücke gegen alle Ritter aus dem Land, die es mit ihm aufnehmen wollten.

Als wir in die Herberge eintreten, winkt uns die Herbergsmama mit dem Schrubber in der Hand entgegen und fragt, ob wie einen sello wollen, einen Stempel, der beweist, daß wir da waren. Wir drucksen etwas herum, daß wir ja eigentlich schon was zum schlafen suchen. Geht auch, sie will nur noch etwas putzen, sodaß wir uns noch ein Weilchen anderweitig beschäftigen sollen. Die Kanadierin bekommt leuchtende Augen und widmet sich ihrer Lieblingsbeschäftigung, den guten Restaurants Spaniens. Ich habe mich ja eher für das entbehrliche und puristische entschieden und halte daher Ausschau nach Supermarkt und Kirche für den Abend.

Zurück in der Herberge geleitet mich der lateinamerikanisch anmutende Hospitalero in den Schlafsaal, und nachdem ich schon wieder so nichtsnutzig rumstehe, bekomme ich einen Grüntee und Unterhaltung. Nicht nur meine kleine Kanadierin ist irre, auch Mose. Er strahlt, kichert und plappert, und alle paar Minuten springt er auf, hüpft wie ein Flummi durch die Gegend, legt ein paar Tanzschritte hin und springt zum Empfang, um die langsam eintreffenden PIlger einzuweisen.
Die Herberge ist ganz beeindruckend. Zuerst sitze ich im Innenhof, die Füße in einer Wanne mit kaltem Wasser. Die Herberge ist hellblau, die Wände des Innenhofs strahlend gelb, der Himmel strahlend blau, und die Sonne scheint mir mit jedem Strahl Wärme, Energie und Geborgenheit einzustrahlen. In der Herberge steht eine Staffelei mit Farben, die Wände sind vollgepflastert mit Bildern, die Pilger gemalt haben und an denen ich mich gar nicht satt sehen kann. Viele Bilder handeln von Rittern mit stolzen Gesichtsausdrücken, ihren Pferden, der berühmten Brücke. Einige beschreiben recht einfach und plastisch das Pilgerleben mit Blasen an den Füßen oder den Strapazen. Aber viele Bilder bestechen auch durch das Gefühl, das sie vermitteln oder zumindest in mir wecken. Eine ganze Bilderserie zeigt eine Wiese bei unterschiedlichen Lichtverhältnissen, an deren Horizont einige Gestalten schattenschaft zu erkennen sind. Einige Bilder wirken innerlich zerrissen, und mein absoluter Favorit ist ein meisterhaft gemaltes Bild einer Frauenfigur mit einer Art Engelsflügeln, die aus dem Dunkel des Bodens vor einer Art Wasserfall in die Höhe ins gleißende Licht gezogen wird. Ich weiß nicht, was der Maler empfunden hat, aber ich habe das Gefühl, es zu verstehen.

Der Hospitalero kommt hüpfend, pfeifend und frisch geduscht mit einem rosa Handtuch um die Hüften die Treppe heruntergesprungen, und als ich mich beeindruckt von seiner Energie zeige, verpflichtet er mich zu einer Fußmassage eine halbe Stunde später. Mich wundert nichts mehr, als auch er sich in gebrochenem Englisch als medizinisch bewandert herausstellt, und nach den gestrigen Atemübungen schockt mich dann auch nichts mehr, als er mit einem Blick auf meinen Fuß sofort feststellt, daß ich in späteren Jahren Blaseninfektionen bekommen werde. Ansonsten gibt es zum Glück nichts weiteres zu lesen und zu berichten. 2 ältere Österreicher nähern sich interessiert, und als der eine seine wehen Füße erwähnt, liegt er auch schon auf der Massagebank. Mose verpflichtet mich zum Dolmetschen, massiert Füße, drückt hier und da herum, legt spührend Hände auf, um sich dann an mich zu wenden und mir aus dem Leben des armen Österreicher zu erzählen. Von seinen vielen Geschwistern, der harten Vaterrolle, der unterdrückten Kreativität, der nicht liebenden Ehefrau. Jeden Redeschwall beendet er mit „nah, no, don’t not translate this!“, während der Österreicher mich erwartungsvoll anschaut und eine Übersetzung möchte. Ich versuche mich mit belanglosen Kleinigkeiten aus der Affaire zu ziehen, stelle aber zumindest überrascht fest, daß Mose sein Handauflegen zu beherrschen scheint, denn er hat wirklich 8 Geschwister und ihm tut wirklich das eine Bein, daß für Vater steht, mehr weh als das andere. Nach über einer halben Stunde „don’t not translate that!“-Erkenntnissen brennt mir dann doch die Frage auf der Zunge, warum man da so viel lesen kann und bei mir nur Blasenprobleme zu Tage treten. Mose schaut mich mitleidig an, läßt sich nochmal meine Hand geben, um darin seinen Verdacht zu bestätigen: ich bin wie er ein Mensch mit 6. Sinn, ich kann eh alles fühlen und weiß alles, mit mir muß man nicht sprechen.

Etwas Normalität kommt in Form der kleinen Kanadierin. Sie ist wohl etwas in sich gegangen, hat ein Taschenmesser und einen kleinen Führer in der Hand. Sie erklärt freudestrahlend, daß sie den großen bereits in den Müll verfrachtet hat und nun dem kleinen nach meinem Vorbild mit dem Messer zu Leibe rücken will. Sie schnitzt drauf los, und ich bekomme ein ganz schlechtes Gewissen. Aber sie strahlt und sagt „it feels good!“. Sie hätte auch schon ihre Sachen durchgesehen und etwas geordnet, und es wäre nett, wenn ich ihr da nochmal helfen könnte, was sie wegschmeißen soll. Dafür, daß es mein zweiter recht kläglicher Tag auf dem Camino bin, ehrt mich dieses Vertrauen enorm.

Eins will ich jetzt noch wissen, was der gute Mose in seinen eigenen Füßen liest. Er sträubt sich etwas, bis er seine dicken Angorasocken auszieht und mir wortlos seine Füße zeigt. Da verstehe selbst ich ohne Worte (und ohne den neu erworbenen 6. Sinn), daß da etwas nicht stimmt. Sie sind komplett verkrustet und trocken, wie ich es noch nie gesehen habe. Er erklärt mir, daß es mit seiner großen Liebe zusammenhängt, daß es da gerade nicht vorangeht und schüttet mir wildfremderweise sein ganzes Herz aus.

Plötzlich kommt ein spanischer Pilger in den Raum, der mir auf dem Camino sicher Angst gemacht hätte. Gedrungen, breitschultrig, tätowiert bis obenhin, laut und mit einer stattlichen Alkoholfahne. Er legt blitzschnell und wortlos jedem ein kleines Perlenarmbändchen um und ist auch schon wieder weg.

Gegen Abend kaufe ich mir meinen entbehrlichen Pilgerklassiker, ein Glas Tomatensoße und Nudeln und möchte mich gerade ans Kochen machen, als ich die kleine Kanadierin treffe und sie eher auf gut Glück frage, ob sie nicht mitessen will. Ich kenne ja ihr Faible für gediegenes Essen und rechne nicht mit einer Zusage. Aber sie scheint ehrlich erfreut und begeistert, und es tut mir richtig leid, daß es ja nun wirklich nicht besonders schmeckt. Mir drängt die Zeit wegen der Pilgermesse, als der mysteriöse Tätowierte und Mose schwer bepackt vom Supermarkt kommen und verkündigen, für uns zu kochen. Leider habe ich mir die Messe schon seit Tagen vorgenommen, und meine Pläne wegen anderen über den Haufen werfen will ich zumindest hier auf dem Camino nicht mehr.

Ich sitze also seit einem Jahr zum ersten Mal wieder in einer spanischen Kirche, etwas, was ich in Deutschland selten machen würde und wenn, dann nur meinem sehr gläubigen Freund zuliebe. Wie schon im Jahr davor hat der Gottesdienst etwas faszinierendes. Der ganze kleine Ort scheint (jeden Tag!) alles stehen und liegen zu lassen. Von alten Leuten in bestem Sonntagsstaat über Geschäftsmänner mittleren Alters bis hin zu Jugend (mit Piercing und gerade ausgedrückter Zigarette) ist die Kirche gefüllt bis zum letzten Platz. Die Selbstverständlichkeit, mit der hier Kirche im Alltag integriert wird, beeindruckt mich und steckt an. Auch ich fühle mich in den Kirchen in Spanien völlig entspannt, aufgehoben und einfach wohl. Vom Gottesdienst verstehe ich leider überhaupt nichts und bin schon froh, wenn ich den Moment abpasse, in dem man den Umstehenden die Hände schüttelt.

Leider bekomme ich wieder mein allabendliches Fieber, mir wird heiß und kalt und schwindelig, und ich bin ziemlich geplättet und etwas verzweifelt, als ich wieder in die Herberge zurückkomme. Mose erwartet mich schon erwartungsvoll und verpflichtet mich an den Küchentisch. Die kleine Kanadierin schimpft heftig, daß sie nach meinen Tomatennudeln nun auch das ganze Menue der Herren ausbaden mußte und dermaßen am Platzen wäre.

Ich komme mit dem Tätowierten ins Gespräch (soweit es sprachlich möglich ist). Ich entnehme, daß er (überraschenderweise) von Beruf Tätowierer ist, aber er nicht viel von Arbeit und Geld hält, sondern lieber Menschen eine Freude macht und ein Lächeln wertvoll findet. Er hat allen Ernstes seit einem Jahr diese Perlenarmbänder geflochten, 1000 Stück an der Zahl, und die verschenkt er jetzt auf dem Camino (300 hat er schon weg). Ich bin in einem sehr unwirklichen Zustand; vor 3 Tagen war ich noch normal in Deutschland in meinem Beruf, und ich kann mich schon an nichts mehr erinnern. Die letzten Tage waren so dicht von Bekanntschaften, Erkenntnissen und Überraschungen, mich wundert schon gar nichts mehr. Daß da nun ein Trumm von einem Mann vor mir sitzt, fleißig der dritten Flasche Rotwein zuspricht und mir derweil erzählt, daß er Perlenarmbänder flechtet – es paßt prima ins Bild.

Die beiden Österreicher schauen noch kurz vor dem Schlafengehen vorbei. Ich habe ein etwas ungutes Gefühl, weil Mose so viel über den einen erzählt hat und ich das untrügliche Gefühl habe, daß er sicher viel davon verstanden hat (trotz „don’t not translate this“). Aber das ist keinerlei Problem, er kennt das alles schon, seine Frau ist auch eher offen für derart Übersinnliches. Er findet es faszinierend und interessant und ist so wunderbar ruhig und ausgeglichen. Er stellt sich als medizinisch bewandert heraus (ich kippe schier vom Stuhl) und liest in meiner Hand. Meine Lebenslinie ist lang. Ich zeige mich erleichtert, was er gar nicht versteht. Ich finde es vollkommen logisch, daß einen ein langes Leben freut, er überhaupt nicht. Er erklärt mir, daß man 80 Jahre falsch leben kann und nichts davon hat, man doch aber auch mit 35 schon nach einem glücklich erfüllten Leben beruhigt sterben kann. Diese Erkenntnis hat etwas und prägt sich mir tief ein. Ich bin auch beeindruckt, wie dieser Mann trotz Kenntnis seiner unterdrückten Kreativitäten und sonstiger Probleme mit sich selbst zufrieden und im Reinen ist. (So oder so bin ich froh, daß die Lebenslinie lang ist).

Als ich mich gegen 23:00 ins Bett begebe, mein Perlenarmband ums Handgelenk, fühle ich reichlich unwirklich, aber nicht unbedingt schlecht.

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Ich habe gut geschlafen und sitze noch etwas unsicher im Frühstücksraum. Um mich herum das geschäftige Treiben der Pilger, die schon seit Wochen unterwegs sind, sich kennen, ihre Blasen abkleben, Routen absprechen… ich stehe noch etwas verloren, als mich eine Deutsche anspricht, ob wir bei Tagesanbruch zusammen los wollen. Aus meiner ersten Freude wird Skepsis, ich laufe dann plötzlich doch lieber mit den 3 Schwestern von gestern los, aber auch da überkommt mich bereits nach wenigen Minuten einfach ein ungutes Gefühl. Ich weiß nicht, was ich auf diesem Weg wollte, aber wahrscheinlich keine deutsche Sprache, reges Plaudern und starke Menschen an meiner Seite, die schon alles für mich regeln. Mit einem schlechten Gewissen verabschiede ich mich also unerwartet und laufe von da ab meinen Weg allein. Anfangs fühlt es sich unsicher an, alleine den Weg zu finden, aber es funktioniert, und ich spüre, daß es sich einfach gut anfühlt, richtig ist und so sein muß.

Der Weg gabelt sich im Lauf des Tages, ich habe mir die ungewöhnlichere Variante in den Kopf gesetzt. Mit einigen Pilgern vor mir verlaufe ich mich gehörig, wir stehen fast eine Stunde auf einer Wiese und wissen nicht mehr, wohin. Als wir wieder die Markierungen gefunden haben, stellt sich raus, daß sie alle die andere Route laufen wollen und ich doppelt falsch bin. Wieder widerstrebt es mir, einfach umzudisponieren und mitzulaufen. Ich laufe in die Gegenrichtung zurück, bis mir ein Spanier eine merkwürdige Straße beschreibt. Ich kann ihm nicht verständlich machen, daß ich nicht nur zu dem Ort will, sondern ja auch auf dem Jakobsweg und nicht nur auf direktem Weg die Autostraße. Aber er gestikuliert so wild und beobachtet mich so lange bzw. fängt zu rufen an, wenn ich nicht gleich in die gewünschte Richtung laufe, daß ich irgendwann einfach den Versuch starte. Und nach ein paar Minuten sehe ich einzelne Pilger aus einem Feld nebenan kommen, und irgendwann sind auch wirklich wieder die Muschel-Wegzeiger da. Ich bin auf dem richtigen Weg und irgendwann auch am Tagesziel.

Außer mir ist die Herberge noch leer, riesengroß und sehr sauber. Ich dusche in aller Ruhe, wasche meine Wäsche und lege mich ein bißchen hin. Während es sich so langsam etwas füllt, lerne ich eine junge Pilgerin aus Deutschland kennen, die sich, wie sich herausstellt, sehr sorgt, weil sie überall am Körper juckende Stiche hat. Flöhe und Bettwanzen kenne ich von meinem Abstecher von 2006, sodaß ich sie zu beruhigen versuche. Als wir am späten Nachmittag zum Supermarkt wollen (ich habe kein einziges Taschentuch mehr und halte den Kopf schon etwas schief), nimmt uns der Herbergsvater ins Gebet. Er spricht nur Spanisch, aus Prinzip, weil er findet, daß es wichtig ist für das ganze Flair. Er hat sich bewußt für die Pilgerherberge entschieden, weil er selbst begeisterter Pilger ist. Er erzählt uns, daß er viel beobachtet. Wenn man ihn nicht fragen würde, würde er sich heraushalten, aber wenn man ihn fragen würde, dann… eigentlich haben wir ja gar nicht gefragt, sondern stehen etwas eingeschüchtert in der Ecke, weil wir ihn ja kaum verstehen und etwas überwältigt von seinem leidenschaftlichen Plädoyer sind. Er gibt zu verstehen, daß seine Herberge früher ein Pilgerkrankenhaus war und er medizinische Fähigkeiten hat, und stürzt sich prompt auf meinen mittlerweile recht asthmatischen Husten. Er diagnostiziert falsche Atemtechnik und zu kleine Lungen und beginnt, mir eindringlich Körperübungen vorzuführen. Ich verzweifle so langsam, weil ich mich nicht verständlich machen kann und er offensichtlich zu denken scheint, daß ich mein Leben lang mit verstopfter Nase, Hustenanfällen und fiebrigem Glanz in den Augen herumlaufe. Meine Freundin kommt besser weg, sie ist nur schüchtern und muß keine Übungen machen.

Der Supermarkt erfüllt wieder alle meine Wünsche, diesmal nach Taschentüchern in pilgergerechter Abpackung. Sie riechen etwas merkwürdig, aber nachdem mir die Aufschrift dämmert und ich merke, daß sie mit Honig parfümiert sind, fühle ich mich bei jedem Gebrauch wie von Mama umsorgt.

Abends gibt es Paella; wir sind nicht einmal 10 Pilger und sitzen bunt gewürfelt zusammen. Eine kleine Kanadierin, ein Italiener, eine Finnin und noch 3 Deutsche außer mir versuchen, eine gemeinsame Sprache zu finden. Die Finnin schüttelt selbst zu Englisch und Schwedisch den Kopf, der Italiener plaudert resolut auf Italienisch, die Kanadierin schweigt meist. Man spricht also Deutsch, und ich bin hin- und hergerissen zwischen Gedanken und Gefühlen. Ich fühle mich nicht gut, in Spanien Deutsch zu sprechen, noch dazu, wenn andere Nationen am Tisch sitzen und es nicht verstehen. Vorherrschend fühle ich mich gesundheitlich ganz unheimlich schlecht, verstärkt durch den spanischen Wunderdoktor, und mache mir Sorgen, ob es da so weise ist, anstrengend zu pilgern. Für morgen verordne ich mir daher eine Mini-Etappe, bin aber gleichzeitig wehmütig, wenn ich die Pläne der restlichen Gruppe höre und weiß, sie nicht wieder zu sehen.

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