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Posts Tagged ‘La Faba’

Nachdem ich gestern recht eindeutig von dem fröhlichen „NO HAY COCINA!!!“-Hospitalero instruiert worden bin, dass wir geweckt werden und bis dahin gefälligst im Bett zu bleiben haben, liege ich brav halbwach im Dunkeln. Miguel und Joaquin schälen sich schon grazil aus ihren Betten; ich gebe mir Mühe, die Augen rücksichtsvoll wieder zu schließen.

Da donnert mit einem Mal in einer unglaublichen Lautstärke Musik los, die in ein stimmungsvolles „Ave Maria“ mündet. Während ich mich in meine Trekkingmontur werfe, geht es noch wändewackelnder mit Nessun Dorma weiter. Ohnehin schon ein Lieblingslied von mir, und dann noch an diesem besonderen Morgen in dieser besonderen Herberge. Ich renne ungekämmt und noch reichlich verquollen in den Aufenthaltsraum und setze mich direkt unter die Boxen. Miguel sitzt da bereits schon am Frühstückstisch – allerdings deutlich aus dem Ei gepellter.

So nett die Herberge und die Leute und die Musik sind, ich will wieder los. Nach Frühstücken ist mir nicht. Alles hat seine Faszination, so lange sie unausgesprochen ist. Im Schlafraum ist schon ein begeistertes Beweihräuchern, jeder findet alles so toll. Genau. Ja! Und das erst! Ja, superstimmungsvoll. Irgendwie bin ich da gerade allergisch. Ich packe schnell unter wunderschönem „Alegria“, gesungen von einer so glockenhellen Stimme und voll von einer fröhlichen Leichtigkeit, dass es einfach nur zu diesem unwirklichen, magischen Aufenthalt passt. Bevor ich losgehe, lege ich Anke ein Bändel aufs Bett.

Mein Bein erscheint mit heute nicht ganz so übelkeitserregend, mein Geist ist „Alegria“, ich werde heute vorsichtig laufen, und es wird gutgehen. Ich schleiche also in Minischrittchen die wunderschönen kleinen Weiler vor dem ersten Aufstieg entlang, leider ist es wie immer regnerisch, neblig verhangen, grau in grau.

Am ersten Berg überwältigen mich schon wieder Erinnerungen an meinen eindrücklichen Wandertag in 2007, vermutlich bin ich heute auch weitgehend mürbe und spirituell offen. Ich mache gerade ein Foto zurück, als am Ende des Weges hektisch und schnell ein Pilger angedüst kommt. Es ist Matthias mit seinen neu erworbenen Trekkingstöcken, klack-klack, klack-klack. Zu meinem Schrecken überholt er nicht mal freundlich grüßend, sondern macht Anstalten, sich meinem Tempo anzupassen. Er ist guter Laune, ich habe nichts gegen seine Gesellschaft, aber ich laufe fürchterlich langsam und kann mich überhaupt nicht konzentrieren, weil ich die ganze Zeit nur fühle, wie er viel schneller gehen könnte. Und mein Kopf ist voll von der Vorstellung, dass er panisch überlegt, wie er da jetzt wieder rauskommt und dass er wahrscheinlich 1000 Tode stirbt, weil er mit mir laufen muss, ohne es zu wollen. So verabschiede ich mich nach ein paar Minuten resolut damit, dass ich jetzt eine Frühstückspause einlege. Während ich ihm einen ordentlichen Vorsprung lasse, frage ich mich, was bei mir im Hirn eigentlich abläuft. Dass er ein schnelleres Tempo in den Beinen hat, zweifellos, aber woher nehme ich die Überzeugung, dass er sich quält? Und selbst wenn, muss das mein Problem sein?

Der Weg mündet von der Straße in das steilere Stück, den steinigen Weg unter Kastanienbäumen. Der Regen der letzten Tage hat Unmengen von Kastanien von den Bäumen gespült, sodass ich auf einem Teppich aus unversehrten Stachelpäckchen laufe. Irgendwie beeindruckend.

Ich gehe den Weg unglaublich langsam. Im Ohr klingt mir der Hospitalero mit seinem Lachen, dass ich natürlich laufen könnte, aber eben einfach mit „cuidado“. Ein schönes Wort, welches sich mit Achtsamkeit, Bedacht, Behutsamkeit, Fürsorge, Schonung, Sorge und Sorgsamkeit übersetzen lässt. Genau das Richtige für das Verhältnis eines Pilgers zu seinem Körper.

In derartiger Bedächtigkeit keimt in mir auf Höhe von La Faba die Idee, doch wieder mit einem Stock zu laufen. Auf den Wiesen zur Linken hat es immer wieder Haufen mit mehr oder weniger dicken Stöcken, und als ich mich zum Stockgehen entschließe, hat es prompt auch genau das, was ich mir vorstelle. Ein dünnes, biegsames Stöcklein, gerade gewachsen, genau in der richtigen Höhe. Nichts, um sich zentnerschwer abzustützen, aber ich laufe ja eh mit cuidado.

In La Faba biege ich mit einem üblich bewegten Gefühl zu „meiner“ schwäbischen Herberge und „meiner“ Kirche ein. Die Küche der Herberge ist hell erleuchtet, es war also gestern wirklich noch geöffnet. Viele Herbergen schließen auf November oder auch schon ein paar Tage vorher. Ich gehe für ein paar Minuten in die Kirche, lasse das dortige Gedicht und die vielen Kerzen auf mich wirken. Ein Stück weit fühle ich in der dunklen, leeren Kirche die Schwingungen von so vielen Pilger, Gottesdiensten und bewegenden Momenten, dass mich eine komische Melancholie ergreift. Die Kirche wird nun vermutlich bis zum Frühjahr eingemottet, ruht im Winterschlaf und öffnet dann wieder ihre Mauern, um Schwingungen aufzunehmen und Schwingungen abzugeben. Schwingungen, Stimmungen, Tränen, Verzweiflung, Hoffnung, Dankbarkeit, Gemeinschaftsgefühl, Glauben, überschäumende Freude.

Mit meinem neu erworbenen Stöckchen geht es asphaltiert weiter in die Höhe. Der Himmel zieht wieder wolkig und neblig zu wie immer. Seltsam, „wie immer“ sind gerade einmal 3 oder 4 Tage.

Als ich zwischendurch eine cuidadotive Verschnaufspause mache und zurückschaue, hält der Himmel für mich einen beeindruckenden Hoffnungsschimmer inmitten der Wolken bereit. Die Gegend um La Faba ist für mich mit einer gewissen Magie behaftet.

Dann ist aber auch wieder genug mit Licht und Hoffnung für heute, die Wolken ziehen zu, in der Höhe umschließt mich eine feuchte Nebelwolke, und auch der bekannte Nieselregen setzt wieder ein. Mit Stock in der einen und Hannah Montana in der anderen Hand mache ich mich an die Bezwingung des wetterspinnenden O Cebreiro.

Der Weg zieht sich überraschend in die Länge, und mit jedem Kilometer wird der Regen heftiger, der Wind dazu waagerechter. Hannah büßt eine weitere Strebe ein, und mein mittlerweile nur noch halber Kinderregenschirm wirkt recht kläglich und verloren gegen die Wettergewalten.

O Cebreiro liegt wie immer im Regen und Nebel, es ist schweinekalt, aber erstaunlich belebt. Beim Überqueren der Straße werde ich dreimal fast umgefahren. Ich will der Kirche einen kleinen Besuch abstatten. Dort ist aber Riesentrubel, und wie mir einfällt, vermutlich, weil heute Allerheiligen ist. Ich schaue auf die Uhr, es ist etwa halb 12. Offensichtlich gibt es zum Mittag eine Festmesse, habe ich ein Glück. Ich mache es mir in einer hinteren Reihe bequem, setze mich mit möglichst großer Trockenoberfläche hin und lege mein Bein bestmöglich hoch, ohne die Pietät der Kirche zu verletzen.

Während ich sitze, warte und versuche, etwas zur Ruhe und Besinnung zu kommen, legt sich mir plötzlich eine Hand warm und schwer auf die Schulter. Anke strahlt mich mit wie üblich unglaublichem Leuchten in den Augen wortlos an, bevor sie sich mit Joaquin in eine andere Bank setzt.

Bis der Gottesdienst beginnt, wird mir langsam fast schon etwas kalt und unruhig. Wie üblich kann ich am helligten Tag nicht so richtig loslassen, zumal ich zu rechnen beginne, dass ich mich vielleicht etwas beeilen sollte, wenn ich heute bis Triacastela will. Anke und die beiden Spanier wollen nur bis Fonfría, aber Joaquin und die beiden Markusse nach Triacastela, wo ich dann endlich auch den verrückten Österreicher wiederzutreffen hoffe.

Nicht nur meine Gedanken, auch die Kirche kommt überhaupt nicht zur Ruhe. Es ist ein reges Kommen und Grüßen, hier trifft sich alles, was sonst wohl nicht in die Kirche geht. Recht offensichtlich steht der Glaube auch etwas im Hintergrund, es scheint viel um das Gesehenwerden zu gehen. Vor mir sitzen Mutter und Tochter, feinst herausgeputzt und alle paar Minuten an der eh schon perfekten Frisur nestelnd und sich in Positur setzend. Höchstens unterbrochen durch einen agitierten Austausch, wer da gerade neu in die Kirche gekommen ist und dass der wohl auch schon mal besser ausgesehen hat. Ich starre wie hypnotisiert auf die perfekte Frisur vor mir. Seit Tagen schwanken meine Haare zwischen pudelnass triefend, strähnig trocknend oder feucht lockend, passend in Form gepresst von entweder Stirnband oder Regenjackenkapuze.

Nach einer halben Stunde beschließe ich etwas frustriert, es dem Großteil der merkwürdigen Gemeinde gleichzutun und mitten im Gottesdienst rauszugehen. Ich kann hier und heute einfach überhaupt nichts mitnehmen. Ich sammle Hannah Montana von vor der Tür ein und mache mich recht stoisch auf in den windigen Regennebel.

Ich laufe schier in den österreichischen Markus, der trotz des Wetters irgendwie hervorragend aussieht. Statt notdürftig mit einem kaputten Regenschirm rumzuwedeln, lässt er es einfach selbstbewusst auf die windschnittige, graumelierte Frisur regnen. Statt schützend die Augen zusammenzukneifen, guckt er mit stahlgrauen Augen einfach entschlossen und direkt in den Regen. Und anstatt mit einem dünnen Ästchen entlangzuhumpeln, hat er einen akuraten, entschlossenen, unbeirrbaren Schritt. Reflexartig ist mein erster Gedanke nur wieder „herrje, was mache ich nur, damit er jetzt nicht das Gefühl hat, mit mir laufen zu müssen“, aber auf die Idee kommt er bei seinem zielstrebigen Turbopilgern zum Glück eh nicht.

Ich trotte triefend und tropfend durch den Nebel, als an einer Weggabelung plötzlich Markus von rechts angeschossen kommt. Irgendwie muss er sich verlaufen haben und einen ziemlichen Umweg gegangen sein. Diesmal nimmt er deutlich das Tempo raus und scheint mit mir reden zu wollen. Ich brauche wieder ein paar Minuten, um den Kopf frei zu bekommen und nicht mehr pausenlos zu denken „der will doch viel schneller laufen; gib ihm eine Chance, sich schadlos aus der Affäre zu ziehen“. Markus läuft offenkundig derart schnell und ist derart bestimmt, dass mein Geist sich irgendwann doch noch entspannt.

Offensichtlich hat Markus im Moment Redebedarf. Ich bin recht überrascht, welche Zweifel und Unsicherheiten sich hinter diesem auf den ersten Blick so absolut geradlinigen Pilger verbergen. Dass Äusserlichkeiten täuschen, habe ich auf dem Camino oft genug gelernt, trotzdem zieht die Intuition immer wieder unbemerkt begeistert irgendwelche Schubladen auf.

Einig sind wir uns schon mal über den magischen, alles überstrahlenden Joaquin. Ich bin fast ein bisschen erleichtert, dass auch Markus absolut begeistert ins Schwärmen kommt. Hatte ich doch schon fast befürchtet, dass da zwischengeschlechtliche Faszination im Spiel sein könnte. Markus ist begeistert von seiner Gelassenheit und Souveränität – allein schon gestern bei der Unterhosenverwechslung. Dieses Beispiel überrascht mich ein wenig. Markus kann es gar nicht fassen, dass er nicht ausgerastet ist oder Vorwürfe gemacht hat. Es wurmt ihn immer noch sehr, wie er so einen peinlichen, doofen Fehler machen konnte, auch wenn Joaquin ihn in seiner wunderbaren Art beruhigt hätte, dass doch gar nichts passiert wäre. Das verblüfft nun mich schon auch kolossal. Wieso sollte man denn ausrasten, wenn jemand gerade seit ein paar Minuten versehentlich die eigene Unterhose trägt – und die hinterher sogar noch maschinengewaschen zurückgibt? Offensichtlich habe nicht nur ich ab und an lustige Hirngespinste.

Weiter erzählt Markus, dass er nie etwas fertigbringt. Alles fängt er an, und er und seine Kollegen wissen, dass er es eh nie durchzieht. Ihn wurmt es, dass er zum Beispiel nie eine Sprache durchgezogen hat. Sein Englisch ist lückenhaft, und deswegen hätte er sich dann gestern auch nicht zu der Tischgesellschaft getraut. Ich bin geschockt. Zum einen, dass so ein Trumm von einem Mann Selbstzweifel haben kann. Davon, dass er einen ganzen Abend in einem leeren Schlafsaal von Zweifeln und schlechten Gefühlen zernagt wird, nur weil er sein Englisch für nicht gut genug hält. Und letztlich davon, wie wir einen Abend in ausgelassener Runde verbringen konnten, ohne darüber nachzudenken, warum die Französin und Markus den ganzen Abend in ihrem Bett verbringen – und warum nicht einer von uns auch nur kurz nach ihnen geschaut hat.

Ab und zu streue ich einen kleinen Gedanken ein oder versuche etwas zu entschärfen, aber in erster Linie brodeln im Moment einfach ganz viele Erkenntnisse in Markus. Der Wunderberg von La Faba hat wohl auch an ihm gewirkt. Er erinnert mich an einem dampfenden, Wölkchen ausstoßenden Stier, als er furios sein halbes Leben abhandelt und mit einer unglaublichen Wut und Entschlossenheit zugleich beschließt, diesmal zum ersten Mal etwas zu Ende zu bringen. Er möchte in Finisterre am Ende der Welt stehen und sein altes Leben hinter sich lassen. Zum ersten Mal wissen, etwas zu Ende gebracht zu haben. Und wenn man einen Camino schafft, kann man alles schaffen.

Ich brauche es nicht einmal zu kommentieren. Bereits jetzt hier auf dem Camino ist er schon derart voll von Stärke und Entschlossenheit, dass ich sein altes Leben gar nicht erst gesehen hätte. Bei ihm setzt diese Erkenntnis offensichtlich erst mit einiger Zeitverzögerung ein. Auch wenn er das im Moment noch mit sorgenvollem Zweifel sieht, aber natürlich wird er in zwei Wochen in Finisterre stehen und natürlich wird er das Gefühl erfahren, nun alles schaffen zu können. Da bin nun ausnahmsweise ich mir sicher mit etwas.

Markus sucht in den kleinen Örtchen vergeblich nach einer Bar, um etwas Warmes zu sich zu nehmen. Ich will (cuidado hin oder her) nicht nochmal stoppen, zumal ich keine allzu guten Erinnerungen an lieblose, spanische Gerichte habe. Markus gibt mir recht, so ganz toll wäre es selten. Und er würde schon seit Beginn seiner Pilgerschaft auf eine Paella hoffen, aber das gäbe es nie. Meist wäre auf einem Schild groß Paella angekündigt, und kaum säße man im dem Restaurant, hieße es immer „Paella schon aus“ oder „erst am Abend“.

Wir passieren die Passhöhe San Roque mit der Pilgerstatue im Nebel, und als es zum nächsten Pass hochgeht, beschließt Markus, dann dort endlich etwas essen zu gehen. Ich nutze die willkommene Gelegenheit, ihn schon mal vorausspurten zu lassen. In seiner Gesellschaft bin ich doch wieder viel zu schnell gelaufen, und spätestens beim Anstieg und dem Ziehen in den Waden möchte ich nun wieder einen auf cuidado machen. Er bedankt sich für das Gespräch bzw. fürs Zuhören und fliegt förmlich den Berg hoch. Als ich Minuten später endlich sehr achtsam die Höhe erklommen habe, kommt Markus freudestrahlend und wie ein Flummi aus dem Restaurant geschossen. Es hätte Paella!!! Ich wünsche ihm lächelnd einen guten Appetit und bin recht merkwürdig bewegt, als ich mechanisch weitertrotte. Vermutlich hat jeder gewisse Schlüsselmomente auf dem Camino, voller Erkenntnisse und Emotionen. Vermutlich bin ich heute wieder überaus empathisch, jedenfalls bin ich auch als bloßer Zuhörer ein Stück weit emotional erschöpft und von einer typischen Caminoleere erfüllt.

Mit einem Mal zieht sich plötzlich der Weg dann auch ziemlich endlos. So richtig überschäumende Freude daran empfinden kann ich bei dem feuchten, kalten Nebel ohnehin nicht. Trotz Schirmresten werde ich so langsam nass, vor allem meine Schuhe sind patschnass. Und einfach irgendwas in mir ist müde und sträubt sich subtil gegen jeden Schritt. Und ich habe noch nicht mal Fonfría.

Ich tappe durch die kleinen Kuhdörfer, und als ich plötzlich die bekannte Herberge sehe und demnach schon in Fonfría bin, gehe ich ganz spontan ein paar Momente in mich und versuche zu erfühlen, ob ich heute wirklich bis Triacastela muss. Zum einen möchte ich die ganzen Leute wiedersehen, außerdem habe ich ja auch einen groben Zeitplan einzuhalten. Andererseits aber wäre eine Heizung für die nassen Sachen mal wieder nicht schlecht, Triacastela an einem Feiertag nur halb so spannend, ich müsste irgendwann nochmal in die Kälte raus, um irgendwo ein Bocadillo zu erstehen, selbst für den Gottesdienst müsste ich in den Regen hinaus. In Fonfría dagegen gibt es eh nichts zu kaufen, weder in einem mercado noch in einer Bar, und ich kann den ganzen restlichen Tag in schön trockener Kleidung rumlaufen, während meine nasse Garnitur genauso schön über irgendeiner Heizung trocknet.

So entscheide ich mich in Minutenschnelle um. Der Herr hinter der Rezeption guckt etwas verwirrt, sodass ich sicherheitshalber lieber frage, ob ich denn überhaupt hier schlafen kann. Er lacht, ja klar, wenn es mir nichts ausmacht, die einzige zu sein und eventuell zu bleiben. Meine Frage nach Heizung lässt ihn kurz grübeln. Er führt mich in die Herberge und erklärt, dass er mir zum Preis des Schlafsaalbettes ein kleines Doppelzimmer gibt, weil das einfacher zu heizen ist. Und falls noch mehr kommen, kann ich dann immer noch umziehen. Nein, nein, ich beschwichtige ihn. Der Schlafsaal ist prima, und mollig warm geheizt brauche ich es doch auch nicht. Einen Heizkörper für 2 Stunden, bis die Wäsche trocken ist. Schließlich schleppe ich nicht umsonst meinen 2-Kilo-Schlafsack, in dem mir jede Nacht so heiß ist, dass ich irgendwann schwitzend aufwache und irgendwelche Reißverschlüsse aufziehe.

Ich genieße viel zu lang den Luxus einer Dusche mit Thermostat und muss an die Kanadierin aus Villafranca denken. Sie meinte, sie duscht gern heiß. Und sie meint richtig heiß. Sie muss rot wie ein Krebs sein. Und das, ohne eine Miene zu verziehen. Irgendwie habe ich ein Faible für lustige Aussagen zu versteinerten Gesichtsausdrücken.

Dann drapiere ich meine nassen Sachen überall über Stuhllehnen und das obere Stockbett. Auch wenn der Schlafsaal momentan etwas kalt, dunkel und ungemütlich aussieht (und vor allem leer) – die Betten sind einfach der Hammer. Aus dicken, runden Baumstämmen. Ich fühle mich wie ein Lachsfischer in seiner Blockhütte in Alaska. Nachdem ich noch liebevoll meine Schuhe mit einem Riesenstapel Zeitungen ausgestopft habe, widme ich mir als letzte liebevolle Pilgerhandlung meinen Beinen und Füßen – und stelle zum ersten Mal überrascht fest, dass ich gestern noch ein fürchterliches Beinproblem hatte und nicht im Traum daran gedacht hätte, O Cebreiro zu Fuß überqueren zu können. Bei der Überlegung zwischen Fonfría und Triacastela habe ich nur an nasse Kleidung gedacht und keinen Moment daran, ob 31 km mit wildem Rauf und Runter so der Knüller gewesen wären. Ich creme dankbar den nächsten Rest Arnikacreme in meine Problemwade und nehme mir vor, mir morgen in Triacastela in der Apotheke diese asiatische Salbe zu kaufen, von der Alfredo so geschwärmt hat.

Vor allem bin ich wirklich einfach dankbar. Schon lange fühle ich Gott nicht mehr intensiv bei mir, nicht einmal mehr in den Gottesdiensten. Auch jetzt bleibt er mir verborgen, aber die Häufung an besonderen Menschen in den letzten 24 Stunden lässt ein ähnliches Geborgenheitsgefühl aufkommen. Manchmal zeigt sich Gott selber, manchmal in der Natur, manchmal in Erkenntnissen, die plötzlich wie zufällig aus dem eigenen Inneren kommen, oder aber in Form von Level 2 Pilgern, die ihre Päckchen von Liebe und Zuversicht überbringen.

Ich beginne gerade etwas unruhig zu werden, weil ich auch Stunden später noch die einzige in der Herberge bin. Da steht plötzlich Anke an der Rezeption. Wie üblich ist sie eine beeindruckende Erscheinung und schafft es, trotz patschnassen Haaren immer noch wie eine Sonne zu strahlen.

Am späteren Nachmittag kommen wie angekündigt die beiden Spanier, ein etwas zurückgezogenes Pärchen und (zu meiner unbändigen Freude) das Italienergrüppchen von Villafranca. Allerdings geschrumpft auf zwei, der Wandpinkler ist nicht mehr dabei. Und aus unerfindlichen Gründen sind sie heute gedrückter Stimmung, still und leise, und verbringen den restlichen Tag damit, ihrer Kleidung beim Trocknen zuzuschauen.

Schon gefühlte Sekunden nach dem Einchecken ist Miguel schon strahlend mit seinem Isomättchen beschäftigt, einen geeigneten Platz für sein Workout zu eruieren. Das findet sich dann wenige Meter von meinem Sofa entfernt, und wieder habe ich alle Mühe der Welt, mich auf mein Tagebuch zu konzentrieren, während er herzallerliebst keuchend und stöhnend seinen Astralkörper ertüchtigt.

Mit zum ersten Mal reichlich Zeit und vielen Blicken in meinen Führer fällt mir auf, dass ich mit meinem intuitiven Frühstopp heute das ein oder andere Problem habe. Meine nächsten Etappen tragen alle eine klangvolle 3 vor der hinteren Stelle, und irgendwie erfüllt mich das rein intuitiv nicht mit der adrenalinigen Vorfreude wie auch schon. Mein tapferes Bein in allen Ehren, aber ich sehe im Moment keinerlei Chance, wie ich diese langen Etappen mit meiner cuidado vereinbaren soll. So disponiere ich kurzentschlossen um. Statt Ankunft Samstag Nachmittag und Heimflug Sonntag Nachmittag laufe ich einfach alle Tage voll aus. Ich denke gar nicht weiter drüber nach, ob das riskant ist bzw. ob ein Tag in Santiago nicht nett wäre. Es geht ja einfach nicht anders. Die Dreier gehen überhaupt nicht, danke an meine klare Intuition.

Anke setzt sich zu mir aufs Sofa. Sie sagt, wie schön es wäre, dass ich auch hier bin, und mein erster Gedanke ist, dass sie lügt. Mein sehr postwendend zweiter Gedanke ist, warum ich so etwas denke. Sie hat ja schließlich nicht gesagt, dass ich das Schönste bin, was ihr jemals passiert ist, sondern einfach, dass es schön ist, dass ich da bin. Vermutlich ist jeder heute ehrlich froh über jeden, der die Herberge ein bisschen mit Leben füllt.

Joaquin ist nicht wie geplant nach Triacastela durchgelaufen, sondern hat sogar schon vorher in Hospital gestoppt. Intuitiv freue ich mich, ihn demnach irgendwann nochmal zu sehen. Gleichzeitig ist er vielleicht aber auch der Grund, dass ich mich mit Anke so ein wenig unwohl fühle. Ich fühle mich wie ein Ersatz, was soweit keinerlei Problem wäre. Aber ich fühle mich wie ein ganz und gar mangelhafter und schäbiger Ersatz. Anke und Joaquin sind Meister des Strahlens, Meister der Emotionen, Meister der Kommunikation, Meister der tiefgründigen Gespräche und fühlen sich in 4-5 Sprachen spielend zu Hause. Dass Anke Joaquin mit seligem Lächeln anstrahlt, leuchtet mir ein, aber dass ich das gleiche Lächeln bekomme, kommt mir irgendwie nicht schlüssig vor. Ich gucke jämmerlich, radebreche mit grässlichem Akzent meine Bruchstücke Englisch und Spanisch, fühle mich meistens jämmerlich und bin Gesamtpaket jämmerlich.

Das junge Pärchen gesellt sich zu uns. Beide sind aus Kalifornien und das genaue Gegenteil von jämmerlich. Zumindest die weibliche Komponente redet stundenlang wie ein Wasserfall und mit einem Selbstverständnis und Selbstbewusstsein, das mir dann im Gegenzug fast auch schon wieder ein bisschen unsympathisch ist und mich nachdenklich zu dem Schluss kommen lässt, dass es wohl irgendwo eine goldene Mitte gibt. Und die Erkenntnis ist nicht weit, dass ich dieser goldenen Mitte schon einmal deutlich näher war – und auch irgendwann wieder deutlich näher sein werde. So sicher wie Markus irgendwann in Finisterre stehen wird.

Wir bekommen Abendessen in einem kleinen Tipi-ähnlichen Raum. Zur Vorspeise gibt es Caldo Gallego, diesmal deutlich schmackhafter als aus meiner Dose in Villafranca. Trotzdem werde ich mit der bohnig-kartoffligen, trüben Brühe mit den Grünkohlfäden nicht so warm. Zum Hauptgericht gibt es tellerweise verschiedene Tortillas, leider sind wir nach zwei Tellern schon satt. Das Kochteam verabschiedet sich, nachdem sie uns zur Nachspeise einen Teller Santiago-Mandeltorte hingestellt haben. Sie müssen nämlich noch mit der Köchin ins Spital fahren, sie hat schlimmen Brechdurchfall. Ah ja.

Unsere kleine Runde verlagert sich wieder in Begleitung der Rotweinflasche auf das Sofa. Es ist nun wirklich recht kalt, da wegen uns Häufchen verständlicherweise nicht die ganze Herberge beheizt wird. In Minutenabständen verschwindet Pilger um Pilger, um mit einer Jacke oder einer Wolldecke zurückzukommen. Wir sitzen dick eingemummelt, während vor allem die Kalifornierin redet. Ich beschränke mich weitgehend aufs Zuhören, was aber heute auch absolut in Ordnung ist. Wie ich mir schon an den ersten Tagen etwas Zeit gegeben habe, um mich ans Pilgern zu gewöhnen, so beschließe ich auch nun, mir etwas Zeit zu geben auf dem Weg von der Jämmerlichkeit in die goldene Mitte.

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Als ich aufwache, ist es schon taghell. Ein Blick auf die Uhr zeigt bereits nach 8 Uhr an. Wie konnte das passieren, normalerweise fallen meine Ohrstöpsel nach einigen Stunden von selbst raus, sodass ich ab 6 Uhr meistens die ersten Geräusche höre und so langsam mit aufwache. Heute stecken sie noch fest, und auch ohne ist es absolut still. Ich springe aus dem Bundeswehrbett und linse um die Ecke – und bin beruhigt. Alle und alles noch da, ich habe nicht als einzige verschlafen. Im Bad treffe ich die Spanierin, die als einzige sonst schon wach ist. Ich muss an Chuck denken, der mich am ersten Tag vorgewarnt hat vor dem morgendlichen Horror. Ab 5 wäre nicht mehr an Schlaf zu denken, um 6 wären alle schon auf der Strecke, um sich ihr Bett zu sichern. Aha.

Wir richten Frühstück (von der Hospitalera nach wie vor keine Spur), kochen Tee und rösten Brot. In der Abendbesetzung frühstücken wir nochmal gemeinsam, mich zieht es dann aber wieder los.

Das Wetter verspricht Spannung. Die Berge sind heute weiß bezuckert, und es windet und wolkt. Zum Glück bin ich ja Schnee gewöhnt und abgehärtet.

Auch dieses Jahr bleibt mir die Magie von O Cebreiro weitgehend verschlossen. Ich bin irgendwie immer im Morgengrauen dort, alles ist neblig grau, nur fragwürdig erheitert durch die touristenwirksame galizische Musik, die aus den vielen Touristenläden plärrt. Immerhin ist die Kirche dort offen, sofern man vorsichtig über den kalbsähnlichen Labrador steigt, der vor dem Eingang schläft.

Wieder habe ich einen guten Moment und kann Gott ansatzweise erahnen. Und heule schon wieder.

Kaum bin ich auf dem kleinen Hügel hinter O Cebreiro, kommt die Sonne heraus, beleuchtet das kleine Dorf und die grünen Hügel und Weiden nach La Faba. Bewegend.

Der Weg heute fühlt sich speziell an. Zum einen laufe ich vom Anfang bis Ende komplett allein; ein Stück weit fühle ich mich auch allein. Aber gleichzeitig fühle ich mich geborgen und begleitet. Mein Kopf denkt nichts, keine ängstlichen Sorgen, keine Sehnsucht nach meinen Soulmates. Vielleicht muss man das beides hinter sich lassen, um dieses kaum greifbare Gefühl zu bekommen.

Ich fühle mich allein, selbstbestimmt und frei. Zugleich habe ich aber auch das Gefühl, dass eine kaum spürbare Hand wie aus rosa Zuckerwatte in fünf Meter Entfernung um mich herum nur darauf wartet, mich unbemerkt wieder auf den richtigen Kurs zu bringen, wenn ich die falsche Richtung einschlage. Ich zweifle meine Entscheidungen nicht an, ich habe volles Vertrauen, dass ich die unmerkliche Kurskorrektur bekomme, wenn ich etwas Dummes mache. Vielleicht höre ich einfach meine innere Stimme? Oder kann ihr zum ersten Mal vertrauen?

Ich passiere kleine Dörfer. In einem fällt mir eine wunderschöne Kirche auf, die man über eine Treppe sogar besteigen kann. Ich kann gerade noch dem Verlangen widerstehen, die Seile zu den großen Glocken zu ziehen.

Ich erreiche Fonfría und checke ein. Ich bin die erste, viel mehr werden es wohl auch nicht werden, wahrscheinlich werde ich hier heute niemand Bekanntes wiedersehen. Aber ich bin innerlich so ruhig und gelassen, es fühlt sich einfach richtig und gut an.

Der Schlafsaal ist groß, voller massiver dunkelbrauner Holzbetten mit gewaltigen Matratzen. Es gibt zwar keine Küche, aber einen großen „Salon“ mit vielen schönen Sesseln und Panoramafensterfront auf die hinter mir liegenden Berge. Es ist ziemlich kalt, aber ich schnappe mir eine Decke und widme mich der Bändelmeditation.

Aus dem Nieselregen mit „Kapuze an oder doch lieber aus?“ entwickelt sich zunehmend ein Wolkenbruch. Zeitweise kommt der Regen fast waagerecht am Fenster vorbei bzw. in Flockenform. Durch mein Fenster sehe ich dick in Regenponchos eingepackte Pilger mit gesenktem Kopf gegen dieses Wetter ankämpfen – und die meisten stoppen zumindest für einen Kaffee im Trockenen. Mein Herz schlägt ein paar Takte schneller, als ich Walter und Marco in der Rezeption höre. Walter will hierbleiben, Marco muss erst noch in sich hineinspüren, wahrscheinlich belastet ihn die fehlende Kochgelegenheit. Aber auch er bleibt. Als er den Korridor entlangschwebt und mich auf seine typische Art anlächelt, bin ich so richtig angekommen.

Dröhnendes Lachen kündigt eine pudelnasse, aber wie immer unverwüstliche Amber an, und ein paar Minuten später sehe ich Sanne zum ersten Mal seit dem ersten Tag wieder. Ich hatte mich schon so drauf eingestellt, notfalls den ganzen Tag allein zu bleiben, und nun kommt im Minutentakt etwas Neues, Spannendes durch die Tür. Großes Hallo mit einem 70-jährigen Gentleman aus Wales, den ich in Astorga kennengelernt habe und der langsam, aber sicher sein Golfen vermisst. Die britischen Inseln sind gut vertreten, ich mache die Bekanntschaft mit einer ebenfalls 70-jährigen Lady, die einen extrem britischen Humor hat. Mir rutscht heraus, dass ich es toll finde, dass sie den Weg so allein macht. Sie guckt mich konsterniert an, ich würde ihn doch auch allein machen. Wo wäre denn da der Unterschied, übersieht sie provokant 40 Jahre Altersunterschied und eine massiv unterschiedliche körperliche Konstitution.

Bestimmt 30 Leute tummeln sich in dem Salon und sind bemüht, ihre Schuhe zu trocknen, zu reinigen und Füße zu kitten. Marco zeigt mir seine Schuhe, die deutliche Brandspuren zeigen. Die Story dazu ist einfach, er ist in einen Bach getreten, und um nicht mit nassen Schuhen weiterlaufen zu müssen, hat er sich kurzerhand ein Feuer angemacht. Woher er denn bei dem Wetter trockenes Holz hatte, will ich wissen. Er ist unter den Brücken der Nationalstraße entlang gelaufen. Findiges Kerlchen. Röstet einfach mal eine Stunde mitten auf der Strecke unter der Autobahn seine Schuhe – wenn auch eine Spur zu intensiv.

Er will die Armbändel lernen, und so sitzen wir einträchtig nebeneinander, die beiden Bändel an der gemeinsamen Wolldecke festgemacht und knoten wortlos vor uns hin. Bzw. auf jeden Knoten von ihm kommt ein Analysieren und wieder Auftrennen von mir, aber wer Feuer machen kann, muss ja auch nicht Armbändel flechten können. Sanne setzt sich zu uns; zu meiner Freude entdecke ich an ihrem Handgelenk mein Armband. Sie hat es die ganze Zeit getragen, ohne zu wissen, von wem es war.

Auf recht deutliche Proteste der gesamten Pilgerschaft hin werden gegen Abend endlich die Heizungen eingeschaltet. Ich habe einen Superplatz, die Füße an der heißen Heizung, die Schultern in die weiche Decke eingeschlagen, umgeben von wechselnden liebgewonnenen Menschen. DANKE!!!

Mit etwa zehn anderen Pilgern entscheide ich mich für das Pilgermenü der Herberge. Eigentlich bin ich auch lieber Selbstversorger, aber ich habe keinerlei Vorräte mehr, Fonfría hat keine Läden, und ich freue mich auf ein schönes warmes Essen in netter Gesellschaft.

Es gibt eine lecker duftende Suppe mit Bohnen, Fleisch und Kartoffeln. Das Hauptgericht bleibt dann etwas hinter den Erwartungen zurück, denn es gibt Fleisch mit Kartoffeln und Bohnen, nur eben ohne Brühe. Zum Nachtisch wird als Vorgeschmack auf Santiago schon die berühmte Mandeltorte gereicht.

Es ist immer noch recht kalt, und irgendwie bin ich erschöpft. Ich gehe gleich nach dem Essen ins Bett, wieder routinemässig unter drei Decken verpackt.

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Um 7 wache ich auf, eine prima Zeit zum Aufstehen. Die Herberge liegt noch in kompletter Stille (bzw. dem Schnarchen nach zu urteilen zumindest in seligem Tiefschlaf). Ich fühle mich unbeobachtet und ziehe mich in aller Seelenruhe um. Kaum bin ich fertig, erklingt ein hellwaches „good morning“ neben mir. Glückwunsch.

Ich packe meine Sachen zusammen, frühstücke und lege Regenmontur an. An sich will ich ja nicht planen, aber so ein bisschen schießt mir schon mein grober Zeitplan durch den Kopf. Heute wollte ich bis O Cebreiro, dann Samos, was zwei ziemlichen Mammutetappen entspricht. Dann wäre ich 3 Tage zu früh in Santiago.

Ich spiele mit dem Gedanken, einfach loszulaufen, nachdem Kristian weiterhin hellwach im Dunkeln liegt und seit dem „good morning“ kein weiteres Wort mehr verschwendet hat. Ich lege ihm noch mein typisches Apfelfrühstückstörtchen neben den Rucksack sowie mein Voltaren Gel. Ich setze mich dann doch nochmal zu ihm. Er fragt, ob ich jetzt gehe, was ich bejahe. Was ich mit so viel Tagen in Santiago machen will. Ich gebe zu, dass ich mit dem Gedanken spiele, den Weg nach Samos auf drei Etappen zu verteilen. Ich frage, wie er sich fühlt. Der Fuß ist scheiße, aber seine Energien wären gut. Ich bin erleichtert. Er meint lapidar, wir würden uns sicher bald wieder sehen. Genau. So muss man sich wenigstens nichts abbrechen und sich zum Abschied eventuell kurz umarmen.

Eigentlich wollte ich bei dem Regen diesmal auf den Camino duro verzichten. Als ich an der Abzweigung stehe, habe ich aber doch wieder das Gefühl, mich ein bisschen auspowern zu müssen und Luft und Freiheit zu fühlen. Und irgendwie einen gewissen Abschluss zu vollziehen.

Wieder einmal ist der Weg wunderwunderschön. Der Regen hat aufgehört und ich laufe in Wolken und Nebel, ganz mystisch verwunschen. Der gelbe und weiße Ginster, die abgestorbenen Bäume, die komplette Einsamkeit und gefühlte Unberührtheit… und der Blick ins Tal, auf die Autobahn und die Straße, auf der die Pilger wie Ameisen stupide geradeaus Kilometer fressen.

Zurück im Tal in Trabadelo mache ich eine intensive Frühstückspause. Heute will ich nur nach Ruitelán, wo es eine sehr atmosphärische Herberge geben soll. Und ich muss ja ein bisschen runterbremsen, wenn ich erst in 3 Tagen in Samos sein will.

In Vega de Valcarce erwische ich mal eine offene Kirche. Ich höre zwar noch nichts, fühle mich aber schon wieder ein bisschen gewohnt zu Hause.

Auf dem Weg ist nun recht viel los, vor und hinter mir sehe ich ständig Pilgergrüppchen. Das richtige Energie- und Naturerlebnis bekomme ich leider nur, wenn ich mich komplett alleine fühle und durch nichts gestört werde. Sobald ich Leute vor mir sehe, trabe ich recht abwesend Rucksäcken hinterher.

Ruitelán ist klein und wirkt zu Mittag recht unbelebt. Die Herberge hat noch geschlossen, sodass ich mich zum Warten vor die Eingangstüre setze, die ein bisschen überdacht ist. Es regnet schon wieder. Walter, ein älterer Österreicher, mit dem ich gestern schon ein paar Worte gewechselt habe, zieht fröhlich grüßend vorbei. Der Hospitalero trifft mit Tüten beladen ein; offensichtlich sitze ich im Weg. Ich springe sofort auf, aber er grunzt nur missgelaunt und schubst meinen Rucksack in eine andere Ecke, dabei hält sich die Beeinträchtigung in Grenzen. Er knallt die Türe wieder hinter sich zu. Ich bin ja eigentlich auf dem Camino, um auf mein Herz zu hören und meine Etappen nach Lust und Laune und Gefühl zu planen. Mein Gefühl sagt im Moment ganz klar nein, und so laufe ich kurzentschlossen weiter Richtung La Faba. Schon wieder eine Herberge, die ich kenne, aber besser als das hier.

Der Aufstieg zieht sich etwas in die Länge, und es beginnt schon wieder zu regnen. Ich schiebe alle zwei Minuten die Regenkappe vor oder zurück. So richtig schlimm regnet es ja nicht. Aber dann doch zu viel, als dass man nass werden wollte. Nervig.

Kurz vor La Faba treffe ich Walter. Lustig, zum dritten Mal laufe ich die letzten Meter in Begleitung eines älteren, deutsch sprechenden Pilgers. Walter möchte auch in die schwäbische Herberge und findet es ein Glück, mich Expertin gerade aufgelesen zu haben.

La Faba verbinde ich mit überschäumender, wenn auch sehr deutsch geprägter Gastfreundschaft. Diesmal ist nur eine einzelne Hospitalera da, etwa in meinem Alter. Sie hat sich am Eingang eine kleine Rezeption aufgebaut und ist ziemlich effizient geschäftig direkt. Ich vermisse das bekannte Wohnzimmergefühl, welches ich auch in Foncebadón erleben durfte. „Komm erst mal rein, setz Dich, schön, dass Du da bist. Such Dir erst mal ein Bett, mach Dich frisch, willst Du einen Tee?“. Zum Glück kenne ich mich gut genug aus, um mich eben selber liebevoll willkommen zu heißen.

Ich setze mich in den Aufenthaltsraum und versinke in Bändelknüpfen, während die Hospitalera mit einer spanischen Pilgerin redet. Ich höre unbeteiligt zu und denke mir ab und zu meinen Teil. Die Spanierin lacht sehr viel und klingt nett und offen.

Draußen regnet es in Strömen, fast schon wie Schneeregen. Ich bin froh, es noch rechtzeitig geschafft zu haben. Marco, der nervöse Spanier vom allerersten Tag, schafft den Weg zu uns ins Trockene. Die Hospitalera redet laut deutsch auf ihn ein, ich finde sie fürchterlich unsensibel und bin froh, als sie gegen 3 sagt, sie ginge jetzt mal in ihre Wohnung hoch. Sie kommt abends noch einmal kurz zum Kassieren, ansonsten sehe ich sie nie wieder. Und das in La Faba.

Die Spanierin ist lustig. Sie interessiert sich für meine Bändel und dass ich gute Energien reinknüpfe. Sie findet das gar nicht ungewöhnlich; selbst als ich von meiner Fußwunderheilung erzähle und dass ich doch gar nicht heilen kann, lächelt sie nur gütig und irgendwie allwissend, dass jeder Energien hätte und seine Hände benützen könnte. Etwas an ihr ist merkwürdig, sie wirkt definitiv nicht allein, sondern sehr gespeist von Energien und Spirituellem. Wir sparen uns den üblichen Smalltalk und das Durchkauen der üblichen Fakten (die habe ich beim Gespräch mit der Hospitalera eh zur Genüge gehört). Als mein Bändel fertig ist, gebe ich es ihr. Sie freut sich überschwänglich.

A propos Bändel freue ich mich auch sehr, Marco wiederzusehen. Ich weiß nicht, warum, aber bereits am ersten Tag hatte ich das Gefühl, ihm auch gern ein Bändel machen zu wollen. Ich spüre eine gewisse Nachdenklichkeit und Schwere in ihm, andererseits aber auch eine besondere Verbindung. Er ist ein ganz ruhiger, zurückgezogener, der wenig spricht. Aber etwas in seinen Augen zeigt mir, dass er versteht. Ich brauche nur unbeholfen einen Satz zu sagen, und seine Augen sagen mir, dass er die ganzen Gefühle, Gedanken und Probleme drumherum versteht und mit mir fühlt.

Walter und Marco kennen sich; allerdings ist es eine lustige Freundschaft. Marco versteht nur spärliches Englisch, und Walter redet nur Deutsch mit so einem massiven österreichischen Einschlag, dass selbst ich ihn schwierig verstehe. Aber er erklärt mir, dass sie sich schon seit ein paar Tagen begleiten und „gut verstehen“. Für den Abend will Marco für alle Chinesischen Reis kochen. Ich bin etwas zögerlich und hätte fast schon lieber wieder meine Freiheit, aber nachdem wir hier nur so eine Kleinfamilie sind in einem verregneten Mini-Ort, ist heute vielleicht nicht der geeignete Tag für meinen Egotrip.

Der Regen peitscht absolut wild, als in schwarzer Regenkluft Chuck pudelnass bei uns notlandet. Eigentlich wollte er bis O Cebreiro. Heute hat er Geburtstag, wie er schon seit Tagen jedem erzählt. Die große Party sollte dort steigen, und heute hat er auf dem Weg jedem Wein und Brot angeboten, zur Feier des Tages. Er ist wieder ganz der Alte; mehrmals schreit er durch den Raum, wo seine Geschenke seien, heute wäre doch sein Geburtstag. Ich kriege die Krise und lehne seinen Wein dankend ab. Er kommentiert es supersensibel mit „come on, davon wirst Du schon nicht gleich zum Alkoholiker“, was in mir dann erst recht massive Zuneigung weckt.

In einer kurzen Regenpause gehen wir zu dem kleinen Mercado. Es gibt diesmal wirklich sehr wenig zu kaufen, nicht mal Gemüse. Marco ist aber ein prima Koch und improvisiert mit Karotten-Kartoffeln-Erbsen aus dem Glas und meint, es würde schon gehen. Seinem Wunsch nach Eiern wird auch nachgekommen. Die Inhaberin verschwindet kurz für 5 Minuten ums Haus, es gackert und wir bekommen unsere Eier wahrscheinlich noch huhnwarm.

Zurück in der Herberge fragen wir Chuck, ob er auch mitessen will. Er guckt entgeistert und meint, es wäre doch sein Geburtstag, da ginge er doch natürlich in ein Restaurant. Optimistische Bezeichnung für die Bar in diesem Ort. Und komische Art zu feiern. Ganz allein.

In der Kirche neben der Herberge findet diesmal leider auch wieder kein Gottesdienst statt. Ich setze mich allein ein paar Minuten vor den Altar. Ich heule minutenlang Rotz und Wasser, ohne einen konkreten Gedanken dazu zu haben. Vermutlich treffe ich Gott.

Die Truppe in der Herberge ist prima, keiner zeigt sich irritiert von meinem verheulten Gesamtbild. Walter erklärt mir eingespielt, dass man Marco am besten allein kochen lässt und hinterher nur abspült. Ich darf immerhin die Kartoffeln aus dem Gemüseglas sortieren (die passen ihm nicht) und die Paprikas aus dem Glas in feine Streifen filetieren. Ansonsten kocht er zielsicher und geschwind vor sich hin. Aus den Tiefen seines Rucksacks zaubert er Sojasoße, die er in weiser Voraussicht noch im Tal eingekauft hat. Die wirklich unglaublich gelben Eier macht er zu Omelette, welches in Trapezform geschnitten über den Gemüsereis wandert. Das Abendessen mit Walter, Marco und der Spanierin mit der guten Energie ist nett, so richtig freuen kann ich mich aber nicht. Kristian fehlt mir, mir fehlen unsere intensiven gemeinsamen Schwingungen. Ich wüsste gern, wo er jetzt ist, wie es seinem Fuß geht und seiner Stimmung. Ich hoffe, er ist nicht wieder betrunken oder kriegt eine rastlose Krise und läuft in Wollsocken rauchend im Regen herum. Beim Gedanken an Rauchen muss ich lächeln. Ich habe zum Abschied gesagt, dass er jetzt ja sicher noch ab und zu an mich denken wird, wenn er seine platten Zigaretten raucht. Und er meinte, das würde er sowieso.

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Der morgendliche Blick aus dem Fenster verheißt nichts Gutes – es geht da weiter, wo es gestern aufgehört hat, und zwar mit Regen. Glücklicherweise mit rundum trockenen Sachen, dank dem liebevollen Hospitalero-Ehepaar, das die Wäsche von der Außenleine nicht nur in den Vorraum verfrachtet hat, sondern dort auch noch mit einem Heizkörper versehen.

Dieser Pilgerluxus findet am Morgen seine Fortsetzung – die beiden sind schon wach und eifrig am Rumoren. Es gibt nicht nur Frühstückszutaten, sondern auch Frühstücksbetreuung. Der Tisch ist liebevoll gedeckt, die Hospitalera fragt nach Kaffee- oder Teewunsch, während der Ehemann für jeden persönlich nach jeweiligem Wunsch ein weiches Ei macht. Dazu gibt es selbstgekochte Marmelade und sogar selbstgemachte Salami sowie frisch geröstetes Brot. Normalerweise bin ich kein Frühstückstyp, am liebsten laufe ich morgens gleich los. Diese verschlafene, sich hinziehende Stimmung kann ich normalerweise nicht wirklich brauchen. Aber das hier ist ein wirkliches Paradies, ein Tag Auftanken und umsorgt Werden. La Faba eben, unbeschreiblich.

Jelle kommt wie neuerdings üblich recht zerknirscht daher. Er ist sehr still und deutlich zurückhaltender. Er macht sich vor mir auf den Weg, bedankt sich vorher aber überschwänglich bei den Hospitaleros und stopft 10 Euro als Donativo fürs Frühstück in die Spendenkasse. Ich bin positiv überrascht.

Gut erholt und irgendwie beflügelt mache ich mich vor dem Massenaufbruch auf den Weg. Die Dänen und Angelo wollen heute auch alle bis Triacastela, wir werden uns also wiedersehen. Nur mein liebgewonnener alter Herr mit der Donnerstimme möchte heute eine kurze Etappe einlegen, weil er sonst zu früh in Santiago ist. Unsere Wege werden sich damit trennen. Es ist ein komisches Gefühl, ich habe sehr selten während des Weges bewusst Abschied von jemandem genommen.

Meistens winkt man sich morgens im Vorbeigehen einen kurzen Gruß zu und nimmt wie selbstverständlich an, sich am Abend oder doch zumindest am Tag drauf wiederzusehen. Komischerweise klappt das auch fast immer wirklich. Erst in ruhigen Momenten, wenn ich über die bisherigen Begegnungen nachdenke, manchmal erst zurück in Deutschland, fallen mir dann all jene ein, die ich doch nicht wiedergesehen habe. Treffend aus einem englischen Lied „lost along the way“.

Heute also ein geplanter, bewusster Abschied. Helmut legt mir zum Abschluss eine Hand auf und wünscht mir Gottes Segen bei meiner Suche und auf meinen Wegen. Ich bin traurig.

Das Wetter passt perfekt zu meiner Stimmung, es nebelt irgendwie jegliche Geräusche verschluckend, dazu nieselt es. Den Wegstein, der den Übertritt nach Galicien markiert, erlebe ich schon mit Puderzuckerhaube, es schneit.

O Cebreiro präsentiert sich im regnerischen Nebel, und den weiteren Weg entlang der Strasse wird es nicht besser. Ich habe meine volle Regenmontur an, den Kopf gesenkt, damit mir die Brühe nicht in den Hals rinnt. Wer auch immer meine heiß geliebte Regenjacke konzipiert hat, er ist nie den Camino bei Regen gelaufen. Sollte ich jemals eine neue Jacke kaufen, dann eine mit einem kleinen Schild vorne an der Kapuze und mit dichter verschließbarer Halspartie.

Ich stapfe durch den Regen, schaue nur auf die Strasse und schiebe mir im Minutentakt mit schwammig durchweichten Fingern ein Exemplar aus meiner Nussmischung in den Mund. Auf eine ausgiebige Pause habe ich bei diesem Wetter keine Lust. Meine Gedanken wandern zu Jelle, ich bin etwas betroffen davon, wie meine Abneigung ihn getroffen zu haben scheint. Ich verstehe selber nicht, wieso ich so allergisch auf ihn reagiere. Eigentlich möchte ich doch als Pilger offen und tolerant sein, und in den meisten Fällen gelingt mir das doch auch – dabei gibt es wirklich schillerndere Persönlichkeiten als Jelle. Mir fällt plötzlich sehr viel ein, und ich habe mit einem Mal ein ziemliches Verlangen, ihn wiederzusehen und es ihm zu erklären. Schon seit gestern fühle ich mich ziemlich schlecht und schuldig. Gemessen an meiner selbst erstellten Messlatte von einem guten Pilger komme ich nicht sehr gut weg; ich habe definitiv überreagiert, und das noch nicht einmal, weil Jelle ein schlechter oder auch nur schwieriger Mensch ist, sondern weil er mich zielsicher an wunden Punkten getroffen hat. Die Vorstellung, ihn vielleicht nicht mehr zu treffen, lässt mich deutlich schneller gehen.

Und wirklich, mitten in diesen Gedanken, mitten in zunehmendem Schneesturm, treffe ich auf der ersten Passhöhe, dem Alto de San Roque, die große, dunkle Gestalt von Jelle wieder. Es ist zu viel Wasser zwischen uns, um länger zu reden, aber ich glaube, er versteht intuitiv, dass ich zerknirscht bin. Wir verabreden uns für Triacastela.

Bevor sich unsere Wege wieder trennen, machen wir gegenseitig Fotos vor der dortigen Statue – einer sehr beeindruckenden, sehr hohen Pilgerstatue, die sich, den Hut festhaltend, gegen den Wind stemmt. In welches Szenario könnte sie besser passen als in das heutige. Wenn schon meine Jacke kein Pilger entworfen hat; wer auch immer die Statue gestaltet hat, er hat es sehr gut getroffen. Das ist nicht nur eine Statue in Pilgermontur, das ist ein Pilger.

Ich gehe voraus, als ein paar hundert Meter später plötzlich wieder die Sonne hervorkommt. Ich bin total beschwingt und beseelt, vermutlich nicht nur wegen der Sonnenstrahlen. Ich muss mich direkt schon zusammenreißen, nicht zu hüpfen und zu springen.

Bis Triacastela holt mich dann doch wieder der trübe Regen ein. Eine aufdringliche Hospitalera versperrt mir richtiggehend den Weg und will mich in ihre Herberge lotsen, alle anderen wären schlecht. Finde ich eine ziemliche Frechheit; zum Glück kenne ich meine Zielherberge und laufe unbeirrt weiter.

Die Herberge liegt recht verlassen da, ist aber offen. Weit und breit sehe ich keine Menschenseele, und nachdem ich ziemlich nass bin, lasse ich meinen Ausweis am Empfang liegen und „komme schon einmal an“. Ich schäle mich aus den zahlreichen Schichten und dekoriere einen ganzen Schlafsaal mit meinen zu trocknenden Sachen. Ich stopfe meine Schuhe mit Zeitung aus und lege meinen Schlafsack und mein Schlafshirt zurecht. Immer noch tut sich nichts im Erdgeschoss. Ich fühle mich etwas seltsam, als ich dann eben ins Bad gehe.

Ich habe wieder den bekannten „ladies bathroom“, ein Bad nur für mich. Es ist ungewohnter Luxus, meine Sachen nicht aus und in zwei an einem Haken in einer engen Duschkabine hängende Einkaufstüten jonglieren zu müssen. Und es fühlt sich direkt ungewohnt an, nicht wie sonst üblich notdürftig abgetrocknet und halbnass in Unterwäsche möglichst schnell die Dusche für die wartenden Pilger nach mir zu räumen.

Auch im frisch geduschten Zustand wartet noch niemand auf mich, die Läden haben auch noch geschlossen, so setze ich mich in den ziemlich kalten Aufenthaltsraum und schreibe an meinem Tagebuch. So ein kleines bisschen macht sich langsam Leere in mir breit, ich sitze hier seit 2 Stunden ohne eine weitere Menschenseele, irgendwas stimmt hier nicht.

Irgendwann kommt dann immerhin die Madame des Hauses vorbei. Beim Eintragen meiner Personalien fragt sie, ob es mein erster Camino ist, und als ich verneine, schlägt sie strahlend auf den Tisch, dass ich fast erschrecke. Ich wäre doch schon mal da gewesen! Da hat sie recht. Ich habe sie zwar auch wiedererkannt, aber vermutlich ist es leichter, sich als Pilger eine Hospitalera zu merken als als Hospitalera 40 oder mehr Pilger pro Tag.

Auf meine Frage, ob es normal wäre, dass so wenig Leute kommen, zuckt sie recht gleichgültig mit den Schultern. Das könnte schon vorkommen. Noch bevor ich eine Sinnkrise bekommen kann, läuft in diesem Moment ein bekannter, großer, dunkler Schatten am Fenster vorbei. Ich springe auf und reiße die Tür auf – es ist wirklich Jelle. Wir sind beide absolut erleichtert und über alles glücklich, uns gefunden zu haben.

Jelle scheint den Nerv der Hospitalera zu treffen, wegen ihm schaltet sie sogar eine Heizung in unserem Schlafsaal und im Aufenthaltsraum an. Ich bin sehr erleichtert, denn meine Sachen sind ziemlich nass, und bei den Temperaturen trocknet sicher nichts von selber.

Gemeinsam gehen wir einkaufen, wir wollen zusammen kochen. Ich möchte Paella machen, endlich mal wieder, Jelle dagegen eine salad soup, unter der ich mir nichts vorstellen kann. Nachdem jeder auf seiner Idee beharrt, machen wir einfach beides.

Bevor wir kochen, ruft aber erst noch die Messe, die ich in Triacastela in besonderer Erinnerung habe. Ich werfe mich in meine kalten, nassen Stiefel, während Jelle sich für seine Badeschlappen ohne Socken entscheidet. Beides moderate Ideen angesichts der wenig erwärmenden Temperaturen.

Die Kirche ist ähnlich ausgestorben wie die Herberge; wir sind 7 Pilger, sodass uns der Pfarrer allesamt vorne am Altar vereint. Auch sonst scheint er angesichts der ungewöhnlich kleinen Runde auch ein ungewöhnliches Programm zu improvisieren. Jedenfalls finden wir uns nach ein paar Minuten als Zuhörer ein Diskussion wieder, die quer über den Altar hinweg zwischen den ansonsten spanisch sprechenden Pilgern vor sich geht. Soweit ich verstehe, ist die Fraktion rechts des Altars aus Galizien, meine Bank dagegen normal spanisch. Und offensichtlich scheiden sich die Geister daran, ob man in Galizien die Messen statt auf Spanisch auf Gallego halten sollte. Mir ist das sowas von wurst, aber ich fühle mich ziemlich unwohl. Die Herren der Schöpfung werden immer hitziger, ich habe jeden Moment das Gefühl, dass sie aufeinander losgehen wollen. Auch der Pfarrer strahlt nicht die erhoffte Ruhe und Besonnenheit aus, sondern diskutiert wild mit. Der arme Jelle versteht noch nicht mal etwas von der Diskussion und friert zudem furchtbar. Wir halten tapfer fast eine Stunde aus, überlegen dann aber ernsthaft, ob wir einfach gehen sollen. Irgendwie ist das doch kein Gottesdienst, sich über den Altar hinweg zu beschimpfen.

Glücklicherweise endet dieser merkwürdige Gottesdienst dann ohnehin. Zeit zum Ärgern oder Nachdenken bleibt eh nicht, wir rennen durch den Regen zurück heim, um wieder warm zu werden, und machen ziemlich zittrig ganz schnell etwas Warmes zu essen. Wir sind übrigens immer noch die einzigen in der Herberge.

Meine Paella köchelt friedlich vor sich hin, als Jelle in einem Topf einen schönen Salat anmacht. Kopfsalat mit kleinen Zwiebelringen und Tomatenscheiben, Essig und Öl. Diese leckere Komposition stellt er dann allen Ernstes seelenruhig auf den Herd und kocht ordentlich auf. Mir klappt der Unterkiefer herunter, aber Jelle ist überzeugt, dass man das so macht und es schmecken wird. Na ja, wahrscheinlich Belgiern, denke ich.

Es schmeckt wirklich besser als befürchtet, zumindest das Warme tut sehr gut. Als wir wieder ein bisschen aufgewärmt sind, möchte Jelle wissen, was ich ihm heute Mittag erzählen wollte. Er hört mir geduldig bestimmt eine halbe Stunde ohne Unterbrechung zu, meine Philosophien über das Pilgern, warum es mir so heilig ist, was ich unter einem guten Pilger verstehe, warum ich auch gerne so werden würde… es ist unglaublich, er ist still und verständig und beeindruckt. Kaum vorstellbar, dass ich hier dem gleichen Pilger gegenübersitze wie vor 2 Tagen. Auch Jelle hat nachgedacht, glücklicherweise versteht er mich. Und schon nach 3 Tagen Pilgern hat ihm der Camino vermittelt, dass das hier mehr ist als „Hotelurlaub, nur noch etwas mehr Entspannung“.

Nach vielen Stunden Quatschen gehen wir gegen 10 ins Bett. Vor dem Einschlafen denke ich dran, dass ich morgen José wieder treffen werde, der nur um mich wiederzusehen von Madrid nach Sarria kommt. Es ist ein komisches Gefühl. Vor einer Woche waren wir uns noch so nah, er war ständig präsent in meinen Gedanken, und jetzt bin ich irgendwie schon wieder in einer ganz anderen Welt und in einem ganz anderen Stadium. Irgendwie bin ich auch nervös und unsicher. Ich fühle einen gewissen Druck, habe das Gefühl, einer Erwartung entsprechen zu müssen, von der ich noch nicht einmal weiß, wie sie aussieht.

Jelle ist wieder ganz der besserwisserische Anti-Pilger, als er sich auf diese Thematik stürzt. Warum ich mich denn überhaupt mit ihm wiedertreffe, wo ich doch einen Freund habe, und überhaupt, das ginge doch nicht, die Art, wie ich ihn beschrieben hätte (ich habe im Lauf des Abends im Zusammenhang mit meinen Pilgeridealen wohl von meiner ersten längeren Begegnung mit José erzählt). Wie ich denn bei einem fremden Mann die Augen wunderschön finden könnte und die Stimme und bock-bock-boooook. Bei meinen Erklärungsversuchen landen wir unbeabsichtigt bei tieferen Einblicken in mein Leben fernab des Caminos. Etwas, was ich generell nicht sehr schätze, möchte ich doch hier gerade den Kopf davon etwas frei bekommen. Ganz abgesehen davon fühle ich mich auch deutlich wohler in meiner Rolle als „peregrina“. Das hier ist etwas, was ich voll im Griff habe und voll genieße. Wohl nicht nur Per sieht mich hier als „strong“, etwas, worüber ich hier auf dem Camino überrascht bin und worüber ich zu Hause bitter lachen würde.

Mit jedem entschiedenen „so ist das und nicht anders und wird auch nie so werden“ von Jelle aus der anderen Ecke des dunklen Schlafsaals verschwindet ein weiteres Stückchen peregrina, bis irgendwann nur noch Unsicherheit und Verzweiflung übrig bleiben. Ich habe das Gefühl, hier in dieser einsamen Herberge im Stockdunkel zu ersticken oder irgendwie unkontrolliert panisch zu werden.

Dass ich nicht ersticke, ist naheliegend, aber dass die erwartete Riesenpanik ausbleibt, grenzt an ein kleines Wunder. Mit einem Mal wird mir ganz licht; es ist zwar immer noch stockdunkel und ich rede in einen (bis auf Jelle) leeren Schlafsaal, aber es fühlt sich an, als ob in meinem Kopf eine Kerze angezündet worden wäre, die mir einen Weg aus seiner so erschlagenden Argumentation leuchtet. Plötzlich habe ich wieder die Stärke und Sicherheit der peregrina, diesmal sogar in Anbetracht meines Lebens abseits des Caminos. Mir ist völlig egal, was logisch und naheliegend und wahrscheinlich ist. Ich glaube an meine Visionen. Unwahrscheinlichkeiten schrecken mich nicht. Und selbst Unmöglichkeiten können lernen müssen, dass nichts unmöglich ist.

Ich habe mich noch nie so an der Hand genommen und geleitet gefühlt wie in dieser tränenreichen Nacht.

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Mein heutiger Tag beginnt mit dem Camino duro, der alpineren Variante des Caminos. Kurz vor dem Ortsausgang geht es nach der Brücke recht steil den Berg nach oben, und komischerweise kennen die wenigsten diesen Weg und folgen automatisch der Variante entlang der Fahrstraße. Ich finde diese einsame, verwunschene Etappe wunderschön und habe sie gestern so ziemlich jedem Gesprächspartner ans Herz gelegt.

Am Ende der Bergetappe kommt hinter mir der schweigsame Ungar mit den Bundeswehrhosen den Weg entlang. Ich frage, ob meine Empfehlung sich gelohnt hat. Er macht nur den Daumen nach oben, aber hat das gleiche Strahlen wie ich. Zwei Pilger, die heimlich dem Himmel näher waren.

Zurück im Tal in Trabadelo ärgere ich mich über den unfreundlichen und teuren Lebensmittelladen und verlasse ihn auch ohne Einkauf wieder. Umso erleichterter bin ich dann, als ich kurz vor Mittag in Vega de Valcarce einen noch geöffneten Supermarkt finde, denn Vorräte habe ich im Moment keine mehr, und nachdem ich den Brunnen misstraue, sollte zumindest regelmäßig eine Wasserflasche nachgekauft werden.

In Ruitélan treffe ich in einer Bar an der Strasse sitzend Helmut wieder, der sich in der prallen Mittagssonne ein überdimensionales Bierchen schmecken lässt. In seiner Begleitung ist ein netter Österreicher, der aber etwas kleinlaut erzählt, dass er den Camino bei einer Organisation gebucht hat. Höflich, wie er ist, schimpft er zwar nicht offenkundig, aber er zeigt sich etwas traurig darüber, dass er fest gebuchte Privatunterkünfte in viel zu kurzen Etappen hat. Es ist gerade Mittag, er ist fit und elangeladen, aber seine Unterkunft ist nun einmal schon hier. Auch wirkt er etwas wehmütig angesichts des großen Hallos und Wiedererkennens der Pilger, die sich aus den gemeinsamen Herbergen kennen. Während ich weiterlaufe, bin ich heilfroh, mich für die „ungeplantere“ Variante entschieden zu haben. Für mich macht den Camino zu einem großen Teil auch das Gefühl von Freiheit aus, jeden Tag aufs Neue entscheiden zu können, ob ich eine kurze Tour laufen will, ob ich mich verrückt verausgaben will, ob mir eine Herberge einfach vom Gefühl zusagt, vor allem aber auch, ob befreundete Pilger dort absteigen oder eher jemand, den ich nicht unbedingt um mich haben muss.

Ein paar Dörfer weiter mache ich ausgiebig Mittagspause mit meinen neu erstandenen Vorräten, als auch Helmut schon wieder den Weg entlang kommt. Nachdem er bisher nur Bier intus hat und auch meint, tagsüber nichts essen zu müssen, überrede ich ihn zu etwas Nahrungsaufnahme mit mir. Er ist schon ein rechtes Original, immer mit viel zu lauter Stimme vor sich hindonnernd und teilweise etwas lustige Ansichten vertretend, aber ich denke, er hat sein Herz am rechten Fleck, und seine Religiosität gefällt mir.

Helmut ist schon wieder vorausgegangen, als ich mich ausgesprochen entspannt wieder auf den Weg mache. Ich liege prima in der Zeit, es ist nicht besonders heiß, und vor allem weiß ich, was heute auf mich zukommt. Kein Vergleich zu letztem Jahr, als ich diese Strecke ziemlich neben mir gelaufen bin. Und ich habe gelernt, dass man Berge nur langsam genug angehen muss, dann strengen sie auch nicht an.

Durch die kleinen Weiler und Kuhweiden geht es auf den grobsteinigen Pfad unter Bäumen. Kurz vor La Faba höre ich vor mir Helmut laut wettern; der Berg ist ihm viel zu steil und anstrengend und überhaupt. Er torkelt ziemlich, vermutlich macht sich das Bier bemerkbar. Trinken lehnt er ab, er will jetzt endlich ankommen. Ich überrede ihn dann doch noch, ein paar Minuten stehen zu bleiben und etwas Wasser zu trinken. Die letzten Meter gehen wir schön langsam, ich will hier keinen kollabierten älteren Herren versorgen müssen.

Es ist gegen 14 Uhr, als wir an der heimisch bekannten Herberge anklopfen. Ein schwäbischer Hospitalero öffnet uns vorzeitig mit der bekannten Herzlichkeit und „hospitalidad“ von La Faba, wir sollen doch erstmal ein Bett beziehen und uns frisch machen, nur keinen Stress mit Einchecken oder Bezahlen. Helmut dröhnt begeistert, dass ich eh nicht zahlen muss, weil ich ja aus Schwaben komme. Die Herberge ist mitfinanziert von einem schwäbischen Dichter, der zur Auflage gemacht hat, dass Pilger aus seiner Heimat gegen Vortragen eines schwäbischen Gedichtes gratis logieren dürfen. Mir ist das eher peinlich, ich würde lieber unauffällig zahlen, aber nicht nur Helmut ist begeistert, auch der Hospitalero. Er holt nur noch schnell seine Frau, denn wie er erklärt, ist er schwerhörig, und das wäre ja schade um das schöne Gedicht. Die Gattin springt auch gleich wieder weg, um noch den Fotoapparat zu holen. Mir wird Angst und Bange, aber das Paar ist einfach noch recht neu in der Herberge, hat von diesem Brauch gelesen, ist aber noch nie damit in Berührung gekommen, und möchte mich jetzt für das persönliche Erinnerungsalbum an die Zeit als Hospitaleros. Ich trage Eduard Mörikes „Im Nebel ruhet noch die Welt“ vor, das zum Glück keiner kennt und auf Richtigkeit überprüfen kann. Die Hospitaleros sind begeistert und bewirten uns gleich noch mit selbstgebackenem Kuchen.

Ein weiterer Pilger trifft ein, was mir die Laune ziemlich verhagelt. Es ist der stressige Belgier Jelle, der mir gestern seinen tollen Etappenplan erklärt hat (so und nicht anders, auch wenn ich nur 17 km pro Tag etwas wenig fand. Lauf Du nur Deine 17 km, dann kreuzen sich unsere Wege schon nicht mehr). Nun hat er sich doch gegen den Führer entschieden, und seine erste Frage ist zielsicher „why are you mad at me?“. Arg, das wird ja noch kompliziert.

Dafür kommen gegen Abend auch die beiden Dänen aus Astorga sowie mein Engel Angelo. Ansonsten ist die Herberge recht spärlich besucht, die meisten gehen doch eher gleich bis O Cebreiro. Angelo kommt die Idee, ja heute hier die Spaghetti Carbonara kochen zu können, und am besten gleich für alle. Ich frage herum, wer alles mitessen will und male das Ganze noch blumig aus, indem ich dem guten Angelo kurzerhand einen versteckten Spitzenkoch andichte. Im wirklichen Leben ist er Consultant, und als er meine feurigen Essenseinladungen mitbekommt, lacht er und meint, er würde mich zu seinem Advertising Manager machen. Bevor wir einkaufen gehen können, müssen wir aber noch auf Aurélie warten, die heute auch La Faba auf dem Plan haben sollte. Eigentlich ist Aurélie supersympathisch, natürlich und herzlich. So ganz öffnen kann ich mich aber noch nicht für sie, denn ich spüre recht eindeutig, dass Angelo und sie zusammen gehören. Und die Rolle der Nummer 2 braucht bei mir immer ein paar Tage Adaptionszeit.

Angelo strahlt aber so glückselig, als sie endlich mit ihrer Mutter eintrifft, dass die Nummer 2 kaum mehr weh tut. Und Aurélie punktet ein weiteres Mal bei mir, indem sie keine Sekunde Pause nach dem langen Tag haben will, sondern sofort zur Shoppingtour bereit ist.

Der kleine Laden öffnet auf Klingeln, und Maitre de Cuisine des Abends Angelo ist mit einem mal völlig ausgewechselt. Vorbei ruhiges, seliges Lächeln, hier plant ein akribischer, perfektionistischer Italiener ein Abendessen. Alles wird mit einem kritischen „hm…. noooooo…. naaaah… hm“ und sehr gerunzelter Stirn kommentiert (dabei gibt es herzlich wenig Auswahl), bis wir endlich Eier, Schinken, Spaghetti und Wein haben.

Zurück in der Herberge passt mich Jelle unnachgiebig ab, ob er etwas falsch gemacht hätte. Er schaut so betroffen, dass ich wirklich ein schlechtes Gewissen bekomme, immer nur „nein, nein“ zu lügen, und so erkläre ich ihm kurz und knapp, wo mein Problem liegt. Dass er durch und durch nichts falsch gemacht hat und ja jeder ein Recht drauf hat, seinen Camino so zu gestalten und zu genießen, wie es ihm gefällt. Dass aber für mich der Camino und das Pilgersein etwas sehr heiliges ist, dass mir hier die Ruhe und die Werte des Pilgerns viel bedeuten, ich hier nicht mit jemandem hitzig über mein Leben diskutieren will oder darüber, ob man auch im Urlaub Stress haben muss. Ich schließe, dass es bei uns einfach nicht so recht passt, wir uns ja aber problemlos ein bisschen aus dem Weg gehen können. Er nickt eher bedröppelt und sagt nichts.

Anschließend steht Pilgermesse auf dem Programm, leider ohne Geistlichen. Das Herbergspaar nimmt mit uns in den Bänken Platz und leitet von dort recht schlicht und unauffällig den Gottesdienst. Wieder gibt es einige Texte in verschiedenen Sprachen, manches lesen oder singen wir gemeinsam, manches wieder einzelne Pilger. Zum ersten Mal bekomme ich keine panische Angst und versinke intensiv meine Füße studierend in meiner Bank. Prompt bekomme ich einen Text zum Verlesen, aber ich fühle mich hier in dieser Kirche schon so heimisch, umgeben von lauter vertrauten Freunden, sodass mir das Vorlesen ganz ruhig und locker gelingt – und es fühlt sich sogar schön an. Bei „gebt euch ein Zeichen des Friedens“ studiert Jelle neben mir fast schon bedröppelt seine Fußspitzen und wirkt ganz überrascht, dass ich ihm noch die Hand gebe. Zwar bin ich im Moment noch im Gottesdienst verhaftet, aber ich spüre, dass ich das so nicht lassen kann.

Danach steht endlich der Kochevent an. Angelo fragt den Hospitalero leidgeprüft, ob er denn nicht vielleicht wenigstens Kristallsalz hätte, nachdem er mit normalem Salz keine guten Spaghetti kochen kann. (Mir ist das schon fast peinlich, aber zu meinem Erstaunen hat er wirklich).

Ich ziehe mich schnell zu Spülzwecken und einfachen Arbeiten zurück, denn „hm… ah… naaaaaah… hm“, keine Schüssel ist richtig, keine Gabel perfekt geformt, kein Eigelb im richtigen Farbton. Dafür ist die Stimmung in dem kleinen Aufenthaltsraum mit Küche unbeschreiblich. Wir sind etwa 15 Leute, und alle helfen zusammen beim Vorbereiten und tragen ihren Teil dazu bei. Die Dänen zerkleinern großzügig ihre ganze verbliebene Astorga-Schokolade, während in der anderen Ecke Orangen zum Dessert filetiert werden. Und jeder wendet sich an mich, als wäre ich der Chef oder hätte sonst irgendeine Ahnung.

Angelo ist hochkonzentriert und ungewöhnlich unter Druck, bis wir alle um die zusammengeschobenen Tische sitzen und jeder seinen Teller Spaghetti Carbonara vor sich hat. Es schmeckt lecker, aber am beeindruckendsten dabei ist die Atmosphäre. Lückenlos alle Pilger sitzen zusammen wie eine Familie, die sich seit jeher kennt. Diese Gemeinschaft hier und heute hat eine ganz spezielle Magie.

Danach machen sich alle gemeinsam an den Abwasch, ein ziemliches Gedränge. Angelo strahlt stolz und überglücklich, wir klatschen sicher alle Viertelstunde aufs Neue auf unsere gelungene Working Cooperation ab. Alle bedanken sich für die Einladung und den beeindruckenden Abend. Beeindruckend ist für mich vor allem, dass da etwas beeindruckt hat, wofür weder Angelo noch ich verantwortlich waren.

Heute abend darf ich in vollen Zügen das Zweierteam mit Angelo genießen und spüre auch keine Wehmut mehr beim Gedanken, dass Angelo in den nächsten Tagen in einem neuen Zweierteam aufgehen wird.

Angelo überreicht mir seine Emailadresse, was mir eine große Ehre ist. Auch Per, mein Lieblingsdäne, gibt mir seine Email und erzählt, dass er an einem Blog schreibt. Ich witzele, dass er ja wohl hoffentlich nicht auch über mich schreibt. Und will wissen, wie er mich denn in seinem Werk beschreiben und charakterisieren würde. Er lächelt auf seine berühmte, stille, allwissende Art und meint, ich wäre strong, interesting und sweet.

Mit noch ziemlich viel Adrenalin vom Kochen und ziemlich viel Glücklichkeit liege ich im gleichen Bundeswehrbettchen wie im Vorjahr und denke über diese drei wunderschönen Adjektive nach – keines davon hätte ich auch nur im Traum erwartet.

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Nach dem gestrigen aufwühlenden Tag lasse ich mir heute etwas Zeit mit dem Losgehen und genieße meinen Aufstieg zu O’Cebreiro bei Sonnenaufgang. Entgegen dem Eindruck in meinem Pilgerführer handelt es sich um keinen steilen Berg, und die Stunde bis zum Gipfel vergeht erstaunlich unspektakulär. Vielleicht bin ich heute einfach nicht so melodramatisch und nervlich angegriffen wie gestern.

Das berühmte gallien-ähnliche Dörfchen liegt noch im Tiefschlaf bzw. Nebel, von Touristenströmen merke ich erst recht nichts und bin fast etwas enttäuscht.

Der Weg nach Triacastela bleibt mir in ebenso unspektakulärer Erinnerung. Wie immer bin ich trotz spätem Start die erste in meiner Wunschherberge – und jeden Tag auf’s Neue frage ich mich, warum ich mich dann unterwegs immer so stresse, meist panisch meine Brötchen wieder einpacke und weiterlaufe, wenn ganze Pilgermassen an mir vorbeiziehen, und warum ich mir jeden Tag ausmale, dass meine Herberge überfüllt sein könnte.

Immerhin bekomme ich zum ersten Mal auf meinem Camino ein ganzes, richtiges Badezimmer zugewiesen. Es ist schön, sich in Ruhe im Spiegel betrachten zu können und endlich mal etwas Ablagefläche zu haben, anstatt routiniert mit diversen Plastiktüten zu jonglieren, in die die alte Wäsche kommt und in der die neue Wechselkleidung wartet und in der die feuchten Duschartikel zwischengelagert werden…

Die Zeit zur Öffnung des Supermarktes verbringe ich im Aufenthaltsraum und warte auf das Freiwerden des Internets, an dem die Tochter der Herbergsmutter seit 2 Stunden chattet und wild auf die Männer schimpft, soweit ich verstehe. Dazu raucht sie noch eine Zigarette nach der anderen. Nachdem ich endlich das übliche Lebenszeichen in die Heimat gesendet habe (und sich die Tochter wieder glücklich fluchend in den Sessel fallen lässt), tätige ich meine Einkäufe und koche mir eine schöne Nudelpfanne mit Paprika und Chorizo. In der Herbergsküche stehen viele interessante Übrigbleibsel der Pilger vor mir herum, sodass ich mich begeistert über das Paella-Gewürz hermache, das weitgehend oder ausschließlich aus „Colorante“ besteht und meine Nudelpfanne appetitlich quietschgelb werden lässt.

Mittlerweile sind auch Bärbel und Steffi aus La Faba eingetroffen. Steffi bringt mir deutlich ein Problem wieder in Erinnerung, das mich seit dem morgendlichen Käfer in Astorga immer mehr oder weniger verfolgt – hin und wieder ein kleiner, roter Fleck am Körper. Zwar sind definitiv noch keine Abermillionen von Bettwanzen in meinem Rucksack geschlüpft, aber in etwas weniger guten Momenten erfüllt es mich nicht gerade mit Heiterkeit, dass ich zumindest einen zähen Mitbewohner die Strecke nach Santiago trage. Bereits Sun hat mir ihre schwer verquollenen Beine gezeigt und erzählt, dass sie danach erst einmal alles samt Schlafsack durchgewaschen hat und auch seither direkt nach dem Ankommen nicht duscht oder wäscht, sondern den Schlafsack in die Sonne hängt, in der guten Hoffnung, damit Bettwanzen vertreiben oder abwehren zu können. Steffi ist nicht nur am ganzen Körper schwer verstochen, sie reagiert auch noch allergisch oder überempfindlich, durfte deswegen schon einen Krankenhausaufenthalt mit Kortisonspritze über sich ergehen lassen, schmiert minütlich starke Kortisoncreme, als wäre es Bodylotion, und trotzdem juckt sie alles fürchterlich. Mich jucken meine wenigen Stiche zum Glück überhaupt nicht, aber der Gedanke, dass das ja noch kommen könnte, noch dazu in Deutschland, trübt meine Laune beträchtlich.

Wie üblich verbringe ich den späten Nachmittag damit, meine zahlreichen Führer und Kopien um mich herum auszubreiten und mit rauchendem Kopf alle Eventualitäten der nächsten Tage zu durchdenken. Obwohl ich in Deutschland dachte, dass 3 Wochen für meine geplante Etappe mehr als reichlich wären, scheint mir jetzt alles etwas eng zu werden, zumal sich meine Überlegung, bis ans Ende der Welt zu gehen, zu einem feststehenden Entschluss manifestiert hat. Ebenso manifestiert sich in diesem Moment aber auch die Gewissheit, dass mich dieses Planen stresst und nervt und offensichtlich reichlich überflüssig ist, da außer mir nie jemand derart plant. Ich entwerfe resolut einen groben Plan, setze für jeden Tag kurzerhand ein Etappenziel fest und habe nach 5 Minuten alles beruhigend vor Augen. Ab diesem Tag verschwende ich keinen Minute mehr auf Planung, Rechnen, Überlegen oder beunruhigtes Zeitplaneinhalten, ich habe für jeden Tag mein Ziel, das es zu erreichen gilt, und damit basta.

Auf dem Weg in die Pilgermesse fällt mein Blick auf ein Straßencafé, besser gesagt auf einen großen Teller voller Schnitzel, Soße und fettgebackenen Kartoffelprodukten. Beim Heben des Blickes schaut mir der gemütliche (und gemütlich kauende) Bayer aus Astorga entgegen. Ich freue mich über das Wiedersehen nach so langer Zeit.

Die Messe in Triacastela ist berühmt, und das nicht zu Unrecht. Jeder Neuankömmling wird nach seiner Nationalität verhört und nicht eher entlassen, bis er ein Blatt in seiner Landessprache in Händen hält. Und es sind mindestens 27 Sprachen. Der Gottesdienst beginnt schleppend, weil den Pfarrer das Licht blendet, das durch die Türe herein fällt. Oder er schaut deswegen so verdrießlich, weil die Pilger in der Kirche verstreut sitzen und das geändert werden muss. Zögerlich versteht jeder früher oder später, dass erst Ruhe gegeben wird, wenn die vorderen Reihen eingenommen sind. Auch dann ist nicht alles geklärt, denn in den vorderen Reihen sitzen Pilger ohne Blatt, die sich bei der Nationenabfrage noch nicht gemeldet haben. Sie entpuppen sich als Österreicher, und der Pfarrer versteht nicht, warum sie sich dann nicht bei „Alemania“ gemeldet haben. Die Österreicher wiederum verstehen das wohl sehr gut, geben sich wegen der Sprachbarriere dann aber geschlagen.

Nach einer guten Viertelstunde ist alles zur Zufriedenheit arrangiert, die Sonne ist mittlerweile auch untergegangen und blendet nicht mehr zur Tür herein. Am Altar haben sich vier Freiwillige eingefunden, die die Mehrsprachigkeit garantieren sollen. Ich kann meine Begeisterung kaum im Zaum halten, als ich sehe, dass der französische Part mit der kleinen Französin aus Astorga besetzt ist. Offensichtlich hat sie ihre Mutter also wiedergetroffen und scheint ihre Knieprobleme soweit in den Griff bekommen zu haben, dass ihrem großen Siegeszug nach Santiago nichts mehr im Wege steht. Ich freue mich über das Wiedersehen, aber noch mehr für sie.

Die Messe ist schön, bewegend und faszinierend. Die Pfarrer allein faszinieren mich schon, auch wenn ich wenig verstehe. Die mehrsprachigen Übersetzungen und Lesungen von den verschiedenen Pilgern berühren mich aber noch um ein Vielfaches mehr, ich habe das Gefühl, einen Teil von ihrem persönlichen Glauben mitzubekommen.

Der Zettel ist auch unglaublich schön, darin sind 10 Beweggründe beschrieben, warum manche Leute den Weg gehen. Diese Frage stelle ich mir seit meinem ersten Ausflug in die Pilgerwelt auch oft, ich will eine Erklärung haben meinen Freunden gegenüber, was denn jetzt so besonders und speziell ist. Nein, die Landschaft allein ist so prall jetzt auch nicht. Nein, der Partyeffekt ist es sicherlich auch nicht. Die Erfahrungen eines Hape Kerkelings sind es sicher auch nicht, das Genießen von schönen Pensionen, das lange Ausschlafen, die deutschen Fernsehprogramme und unzählige dekadente Tassen Kaffee. Mit vagen Hinweisen auf Übersinnliches will ich auch keinen strapazieren. Aber auf diesem Zettel spricht mir alles derart aus dem Herzen, trifft genau meine Emotionen und Gefühle, ist genau das, was ich empfinde und sagen will. Und es ist ein schönes Gefühl, dass ich offensichtlich nicht die erste und einzige bin, die so denkt.

Auch auf meinem Rückweg sitzt der Bayern-Andi noch immer gemütlich kauend am gleichen Fleck. Über seine mir unbekannten Tischnachbarn hinweg finden wir heraus, dass wir morgen das gleiche Etappenziel haben. Ich beschließe, das Gespräch auf dann zu verlegen, anstatt mich der etwas zu deutschen Schnitzel-Pommes-Salat-Runde anzuschließen.

Morgen stehen zwei Streckenvarianten auf dem Programm. Wie beim Camino duro möchte ich natürlich auch wieder auf alle Fälle das Schönere, Anstrengendere mitnehmen, wobei das diesmal etwas schwer zu identifizieren ist. Meine neuen Freundinnen Bärbel und Steffi wollen nicht wie ich über das Kloster Samos gehen, aber wir scheinen uns am Tagesziel Sarria wiederzutreffen. Merkwürdigerweise trifft man manche Pilger immer wieder. Manche trifft man genau einmal, weil sie besonders langsam oder besonders schnell sind. Die anderen, die man zweimal trifft, haben meist ein ähnliches Tempo, und wenn nicht am nächsten Tag, so trifft man sie ziemlich sicher am übernächsten Tag wieder. Und obwohl ich nach wie vor unheimlich gerne allein laufe, meinen Weg ungern teile und mich nicht binden und verabreden möchte, freue ich mich doch, wenn in einer Herberge ein altbekanntes Gesicht um die Ecke biegt.

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Heute habe ich einen langen Tag vor mir, weswegen ich ganz froh bin, zeitig wach zu werden. Das Bett neben mir ist komplett leer, es fehlt sogar die Matratze. Der Französin war das Schnarchen aus dem Nebenzimmer zu laut, sodass sie kurzentschlossen unter freiem Himmel geschlafen hat. Es passt zu ihr. Sie ist natürlich auch schon wach, weil sie auch gerne allein läuft und es kühl hat.

Ich lasse mir gerade den ersten Cappuccino meines Caminos aus dem Automaten, als ich eine Belgierin vom Vortag erspähe und kurz entschlossen frage, ob wir zusammen losgehen wollen. 2006 habe ich immer den Sonnenaufgang abgewartet, dieses Jahr laufe ich auch gern mal einige Minuten vorher los. Aber so ganz im Dunkeln ist es mir allein unwohl. Nach einer Weile holen wir zwei Engländer ein, eine Mutter mit ihrem Sohn. Wir kommen ins Gespräch. Schon in den vergangenen Tagen habe ich sie oft sehr schnell und diszipliniert laufen sehen, und wie sie mir nun erzählen, ist ihr Camino von langer Hand geplant. Die Mutter trainiert seit einem Jahr mit dem Vater lange Strecken und das Laufen mit schwerem Rucksack, der Vater hat zudem die optimalen Routen ausgearbeitet. Sie laufen nur bis O Cebreiro, weil für mehr die Zeit nicht reicht. Ich bin überrascht, wie man gerade dort aufhören kann und will wissen, ob es denn da einen Bus gibt. Sie drucksen etwas herum, nein, da würde der Vater sie dann abholen. Es stellt sich heraus, dass er die ganze Tour im Begleitfahrzeug mitmacht und sie sich jeden Abend zur Übernachtung treffen. Trotzdem ziehen sie das Pilgern voll durch und tragen jeden Tag sämtliches Gepäck auf dem Rücken. Kurios.

Als die Sonne aufgeht, befinde ich mich inmitten von Weinbergen mit wunderschönen Ausblicken. In der Stille des morgendlichen Nebels, erwärmt von den ersten Sonnenstrahlen, erreiche ich Villafranca del Bierzo.

Dort beginnt heute mein „camino duro“, mein harter Weg. Ein Weg führt an der Fahrstraße entlang, der andere soll recht anstrengend mitten über einen Berg gehen. Fahrstraße ist mir zu langweilig, zu gefährlich und sicher nicht gut für die Füße, sodass ich schon sehr nach der Herausforderung lechze – und umso enttäuschter bin, als die Stadt zu Ende ist und ich meinen Abzweig nicht gefunden habe. Einige Pilger um mich herum laufen eben schulterzuckend die Straße entlang, aber ich kehre doch wieder um und frage mich durch, bis mir jemand die etwas versteckte Abzweigung zeigen kann. Es geht wirklich recht steil den Berg hoch, aber es ist noch kühl und darum kein Problem. Ich bin wieder ganz berauscht von dem Höhengewinn, der Aussicht, wieder einmal dem Gefühl, alles unter sich zu lassen, allem zu entfliehen und frei zu sein.

Auf dem Plateau angekommen geht es sich wunderschön. Die Sonne taucht die Landschaft wie in flüssiges Gold, auf einem kleinen Trampelpfad geht es beschwingt und ebenerdig weiter. Weit unten im Tal sehe ich die Asphaltstraße und freue mich noch umso mehr, hier so nah am Himmel zu sein. Ein bisschen einsam ist es allerdings, weit und breit kein anderer Pilger, und meine ängstliche Seite kommt durch, die sich fragt, was ich mache, wenn mich hier im Nichts eine Schlange beißt oder eine der zahlreichen Wespen sticht. Irgendwann taucht hinter mir ein Wanderer auf, ich überlege mir den worst case. Sicherheitshalber setze ich den Rucksack ab, mache eine Frühstückspause und weiß, wo mein Pfefferspray liegt. Aber der Wanderer entpuppt sich als die Französin, die auch ein harter Knochen ist und natürlich auch als einzige diesen verrückten Weg wählt. Den Rest des Weges habe ich sie vor mir in entfernter Sichtweite und kann auch wieder die Wespen genießen.

Nach einem ebenso abrupten Abstieg wie Anstieg erreiche ich gegen Mittag Trabadelo und stehe vor einer schweren Entscheidung, oder besser, dem ersten Mal, dass meine Pläne nicht ganz perfekt und problemlos aufgehen. Am liebsten übernachte ich in Orten mit Supermarkt, ich freue mich, wenn die Herbergen im Führer wärmstens empfohlen werden. Viele Betten beruhigen mich, denn ich habe ständig Herbergsangst. Zwar laufe ich sehr zeitig los, gehe unterwegs nicht in Cafés und habe ein schnelles Gangtempo. Trotzdem bekomme ich ein starkes Unruhegefühl, wenn viele Pilger an mir vorbeilaufen. Vor meinem geistigen Auge zählen sich die Herbergsplätze herunter, noch dazu der Faktor, dass ich nicht weiß, wie viele Nachtschichtpilger schon vor mir sind. So bin ich immer froh, gegen Mittag in der Herberge anzukommen (auch wenn ich mich dann den ganzen Nachmittag langweile und jeden Tag aufs Neue ärgere). Auch habe ich Angst, zu spät in Santiago anzukommen und werde unruhig, wenn die Planung nicht 1-2 Tage Puffer beinhaltet. Zwischen all diesen Zweifeln steht heute groß „La Faba“ auf dem Programm, ein Ort 32 km entfernt, in dem ein Bekannter meines Vaters eine Herberge mitgegründet hat. Und schon bevor ich jemals den Weg gelaufen bin, war mein Vater Feuer und Flamme, dass ich dort mal übernachten müsste. Mein Vater hat sehr wenig Wünsche an mich, und auf eine schwer zu erklärende Weise ist es mir ein ganz dringendes Anliegen, diese Station mitzunehmen. Leider sind 32km ungewohnt viel für mich, noch dazu mit dem Fragezeichen des zusätzlichen camino duro, vor dem kräftetechnisch eher gewarnt wird.

So mache ich mich gegen Mittag, statt mir in Trabadelo ein Bett zu sichern und die Mittagshitze im Schatten zu genießen, mit einem stattlichen Vorrat von 3 Litern Wasser und einigen Bananen auf den Weg nach La Faba, und ich habe das Gefühl, dass es eine Herausforderung werden könnte.

Die Mittagshitze, die ich sonst immer umgangen habe, ist beachtlich. Mir ist leicht schwindelig und ich trinke konsequent. Vor mir befinden sich viele Pilger erschöpft auf den letzten Metern zu den Herbergen in den nächsten Dörfern, die noch vor dem großen Anstieg zu O Cebreiro liegen. In der letzten Herberge, 1 ½ Stunden vor La Faba, hole ich mir nur einen Stempel und trete wieder etwas unwirklich auf die Straße hinaus und laufe weiter. Der Weg ist komplett verlassen, und als ich unsicher ein paar Einheimische nach dem Weg frage, geben sie mir zu verstehen, dass ich zwar auf dem richtigen Weg bin, ich aber langsamer machen soll, wenn ich jemals in Santiago ankommen will. Offensichtlich sehe ich nicht mehr sehr fit aus, und ich muss gestehen, dass ich durch die Hitze schon ziemlich daneben bin. Mich packt ein bisschen die Verzweiflung, was ich hier mitten im Nichts machen soll, wenn ich nun einen Hitzschlag bekomme. Ich schelte mich für meinen blöden Ehrgeiz, den camino duro machen zu müssen und nicht wie jeder vernünftige Mensch aus Cacabelos heute (auch ganz ohne Extratour durch die Berge) nur bis zu den Dörfern vor dem Anstieg zu gehen. Meine erste Wasserflasche ist leer, und nachdem ich bisher immer mit einer vollen 1 ½ l Flasche zur Reserve gelaufen bin und diese jetzt wirklich mal anbrechen muss, wird mir doppelt mulmig. Ich entscheide, dass es so keinen Sinn hat. Diese letzten 5 Kilometer werde ich schaffen, auch bei der Hitze, ich muss nur durchhalten, darf mich nicht überanstrengen, und selbst wenn ich ganz langsam mache und erst abends ankomme, das werde ich schaffen und das ist sicher. Ich mache ab da furchtbar kleine Schritte, ganz bedächtig Schritt für Schritt, ohne dass es mich schwindelt.

Und so passiere ich Weiler um Weiler und merke, dass es zwar langsam geht, aber es geht. Dann stehe ich vor dem wirklichen Anstieg, und wieder schwindet mein Mut. Ich denke unbestimmt „lass mich das schaffen“, und in diesem Moment erhebt sich mitten in der drückenden Mittagshitze über dem flimmernden Asphalt sekundenlang eine absolut kühle Brise. Ich stehe ganz verwirrt da. Mit ein wenig mehr Mut mache ich mich langsam und bedächtig den Berg hoch, als eines der vielen Taxis den Weg entlang fährt, das viele Pilgerrucksäcke, aber auch einige Pilger selbst bequem auf den Gipfel chauffiert. Der Fahrer lässt im Vorbeifahren das Fenster herunter, er gestikuliert wild, strahlt und brüllt „buon camino!!!“. Ich bin total gerührt. Da fährt er ständig Rucksäcke durch die Gegend, und im Herzen wirkt er so, als ob er wirklichen Respekt nur vor denen hat, die es aus eigener Kraft schaffen wollen, die ihren Rucksack auf dem Rücken tragen und sich in der Mittagshitze den Berg hochschleppen.

Von kühler Brise und Taxifahrer bin ich erstaunlich ermutigt, als ich am Straßenrand im Schatten einen Mann stehen sehe. Als ich näher komme, spricht er mich an – und bietet mir einen Keks an. Wir machen uns dann gemeinsam auf den Anstieg. Er meint, er hätte mich schon oft gesehen (ich kann mich wie so oft nicht explizit erinnern), und doch, er würde sich natürlich erinnern, ich hätte so einen auffälligen Laufstil. Ich muss unter meiner Anstrengung schief lächeln und meine, dass er mich daran heute nun wirklich nicht erkannt haben kann. Er lacht auch und meint, gut, heute wäre es der Rucksack gewesen. Ich liebe meinen Rucksack heiß und innig, mit dem ich schon 4 Wochen Zelt und Kocher und Winterklamotten rumgeschleppt habe, und so pilgere ich auch in Spanien mit einem 65+20 Liter-Rucksack, auch wenn der natürlich nur normale 8 Kilo plus der obligatorischen Sicherheitswasserflasche beinhaltet. Gemeinsam schleichen wir den Berg hoch; mein Gegenüber ist schon etwas älter und sehr bedächtig – und er will sogar bis O Cebreiro. Und im Gegensatz zu mir hat er da auch gar keine Zweifel.

In La Faba trennen sich unsere Wege und ich folge dem aus wenigen Häusern bestehenden Ort zu der Herberge. Ich trete durch ein Tor auf ein großes Grundstück, in der Mitte eine Kirche, am Rand ein sauberes Haus, vor dem 3 deutsche Hospitaleros sitzen und jeden Neuankömmling erst mal hinsitzen lassen und ihm ein Glas kalten Tee anbieten. Das Ganze ist so unwirklich, und ich kann noch gar nicht glauben, dass ich den Tag rumgebracht habe und es nun wirklich geschafft habe.

Ich dusche schnell in einem kleinen Bad voller heimisch bekannter deutscher Armaturen und frage nach einer Einkaufsmöglichkeit. Es gibt tatsächlich eine, und die Inhaberin macht auf Klingeln für jeden extra auf. Es gibt diesmal wohl wirklich nur 50 Artikel zur Auswahl, aber alles ist da, was das Herz begehren könnte. Ich kaufe Nudeln und Tomaten und sogar eine Zwiebel, bekomme Brot und Schinken von einem riesigen Laib abgeschnitten, es gibt pilgergerechte Minibutter und ich kann wieder ordentlich Wasser tanken, um den Schwindel wegzutrinken und morgen wieder eine gefüllte Sicherheitsflasche im Rucksack zu haben.

Als ich mit voller Tüte und noch duschfeuchten Haaren in meinen Flip-Flops zurückschlappe, kommen mir auf einmal Tränen in die Augen geschossen. Mein einziger Gedanke ist, dass ich so ein Glück nicht verdient habe. Dass ein Laden extra für mich öffnet und alles hat, was mein Herz begehrt. Dass ich meinen Wagemut und meinen Ehrgeiz nicht bereuen musste. Dass ich in meinen mutlosen Momenten so viel Zeichen und Unterstützung bekommen habe. Dass gerade heute, wo ich etwas labil bin, eine so heimelige Herberge auf mich wartet. Mitten in einer Pfütze mit Jauche stehe ich hemmungslos schluchzend da, und es ist wahrscheinlich die nächste göttliche Fügung, dass mich in diesem Moment niemand sieht.

In der Herberge sitze ich mit vielen Pilgern verstreut im Garten vor der Kirche, offensichtlich ist für viele heute ein bewegender Tag gewesen. Zwischen meinem Tagebuch und meiner Routenplanung zieht es mich immer wieder in die Kirche, in der leise Musik läuft, sonst niemand ist, die nur uns Pilgern gehört und wo ich meinen Tränen noch mal freien Lauf lassen kann und diesmal meine Dankbarkeit an jemanden richten kann.

Bärbel, die ehemals magengeplagte Deutsche, trifft ebenfalls ein und ist ganz euphorisch. Durch das Umpacken ihres Schlafsacks ist der Rucksack heute unheimlich viel leichter zu tragen, das ganze Laufen ist ihr viel leichter gefallen und sie ist ganz baff erstaunt über dieses kleine Wunder.

Ein älterer Franzose, der das Bett gegenüber von mir bewohnt, beantwortet meinen Gruß auch schon wieder ganz wissend. Wir hätten uns doch schon getroffen. Ich gucke wieder etwas dumm aus der Wäsche und bin mir eigentlich sicher, dass nicht. Er holt eifrig sein Tagebuch heraus, oder besser einen konfusen Stapel von Papierfetzen. Er blättert jeden Tag durch, fragt erwartungsvoll nach eventuellen gemeinsamen Stationen – und tatsächlich, am zweiten Tag sind wir uns tatsächlich schon mal begegnet, wie er begeistert seinem Aufschrieb entnimmt. Mich würde ja zu sehr interessieren, was er sich da sonst noch so alles notiert hat, wenn selbst „eine große junge Frau mit großem Rucksack ist heute schnell an mir vorbeigelaufen“ schon Eingang findet.

Um 20:00 ist Messe, nur für uns Pilger. Auf die Minute genau biegt mit quietschenden Reifen ein kleines, weißes Auto in den Hof, und aus den Staubwolken heraus springt auf seinen Teva-Sandalen ein kleiner Mönch in braunem Gewand. Er eröffnet sehr persönlich die Messe und lässt sich gleich zwei Übersetzerinnen geben, die alles in Englisch und Französisch übersetzen. Auf Deutsch verzichten wir, weil schon für jeden etwas dabei war. Er hat eine sehr süße Art, spricht seine spanischen Worte und zeigt dann schüchtern lächelnd auf seine Übersetzerinnen. Zuerst lassen wir das „luz de paz“, das Licht des Friedens, durch die Reihen gehen. Nichts weiter geschieht, als dass alle ruhig und aufmerksam zusehen, während jeder bedächtig die diskusähnliche Scheibe mit dem Petroleumdocht entgegennimmt und weitergibt.

Anschließend werden 5 Freiwillige vorgebeten, sich gegenüber der kleinen Gemeinde hinzusetzen. Er beginnt, der ersten Sitzenden den Fuß zu waschen, und anschließend soll sie so bei ihrer Nebensitzerin verfahren. So geht es minutenlang reihum, und solange herrscht bedächtige Stille in der Kirche. Das kurze Resümee auf Spanisch ist, dass man so, wie man selbst behandelt werden will, auch mit seinem nächsten umgehen soll. Dann will der Pater wissen, ob wir auf diesem Weg schon irgendwelche Erkenntnisse erlangt haben. Wir sitzen uns gegenüber wie in einer kleinen Familie, alles ist so ruhig und geduldig. Ein Brasilianer meldet sich schließlich zu Wort. Ihm ist eine Parallele aufgefallen zwischen Problemen und Blasen: sie kommen nicht über Nacht, sondern man macht schon lange vorher etwas falsch und missachtet erste Warnzeichen. Die übersetzende Belgierin erzählt, dass eine Freundin ihr eine schwere Seelenlast mit auf den Weg gegeben hat. Sie hat ihr nicht gesagt, um was es sich handelt, aber sie wird für sie nach Santiago gehen und die Last für sie dort ablegen. Das bewegt mich wieder sehr und erinnert mich an das Cruz de Ferro, wo auch so viele ihre Last ablegen. Eine Französin steuert noch eine Weisheit bei, wonach man die Stille braucht, um wirklich hören zu können. Die beiden Übersetzerinnen übersetzen nicht nur fehlerfrei, sie sind wohl auch gläubig und innerlich sehr gefestigt, jedenfalls genieße ich sowohl auf Spanisch als auch auf Englisch und Französisch jedes Wort.

Zum Abschluss bittet uns der Pater nach vorne rund um den Altar und möchte ein „abrazo de paz“. Alle stehen etwas unentschlossen herum, bis die ersten anfangen, ihrem Nächsten nicht nur die Hand zu geben, sondern ihn herzlich in den Arm zu nehmen. Und wir belassen es nicht nur beim Nächsten, irgendwann umarmt jeder jeden. Ich umarme den Pater, die Übersetzerinnen, die Hospitaleros, Bärbel, Franzosen, Dänen… die ganze Kirche liegt sich minutenlang in den Armen.

Heute bin ich so voller Glück und Dankbarkeit, dass ich jeden Pilger auf den ganzen 800 km Jakobsweg umarmen könnte.

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