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Posts Tagged ‘Polanco’

Am Morgen wuselt es schon hektisch in der Herberge. Vor dem einzigen Frauenbadezimmer ist schon eine riesen Schlange. Ich esse schnell meinen Joghurt und ergreife die Flucht. So ein ganz kleines bisschen zügig unterwegs sein möchte ich heute auf Grund meiner geplanten Herberge in Polanco, die nur 6 Betten hat. Allerdings wird der Großteil vermutlich eh bis Santillana durchgehen.

Während ich mit der aufgehenden Sonne aus Santander hinauslaufe, bereue ich, nicht doch für das Herbergsbad angestanden zu haben. Die erste halbe Stunde hetze ich nur mit panischem Blick nach einer Austrittsmöglichkeit durch die Gegend und werde erst wieder zu einem normalen Menschen, als sich in einem Industriegebiet eine Tankstelle mit WC finden lässt.

Durch einige Vororte geht es eigentlich immer an der kleinen Bahnlinie entlang. Wie auch schon vor Bilbao finde ich das etwas befremdlich. Prompt laufen auch zwei Pilger vor mir zielstrebig auf einen Bahnsteig zu. Mir ist es irgendwie lieber, durch völlige Pampa zu laufen, ohne Abkürzmöglichkeit.

Bei meinem ersten kleinen Päuschen fällt mein Blick auf meine Wäsche, die ich zum Nachtrocknen außen am Rucksack befestigt habe. Darauf prangt ein satter, dicker Taubenklecks. Hatte ich doch gleich geahnt, dass es diese Wäscheleine im Innenhof der Herberge in sich haben könnte.

Heute läuft es sich ziemlich gut, es ist leicht bewölkt und angenehm kühl. Die heutigen 6 Stunden sind ja auch ein überschaubares Pensum.

Ich hänge zur Hälfte fotografierend in irgendwelchen Vorgärten, halb in meinem Führer, um meine Abzweigung heute nicht zu verpassen. Ich passiere die Haltestellen von Mompía und Bóo de Piélagos, um dann die Abkürzung über die Eisenbahnbrücke in Angriff zu nehmen. Fast schon ein Highlight, ich freue mich drauf, zwischen ratternden Zügen einen Sprint hinzulegen. Einen vom Padre als gut abgesegneten, wohlgemerkt.

Während ich mich abenteuerlustig Richtung Bahnstrecke entlangschlage, bin ich fast ein wenig enttäuscht, als das Brücklein in Sicht kommt. Abgesehen davon, dass vor mir gerade ein Zug durchgetuckert ist und der nächste erst in 20 Minuten ansteht, ist der Weg für Fußgänger wirklich mehr als breit ausgebaut. Vermutlich hätte ich mir absolut nichts dabei gedacht, wenn ich darübergelaufen wäre und derweil ein Zug die Brücke mitbenutzt hätte. Also kein atemloser Sprint. Einen kleinen atemlosen Moment bekomme ich dann doch, als mir direkt nach der Brücke ein paar Bahnarbeiter entgegenlaufen. Ich bin ja recht offensichtlich die verbotene Brücke entlanggelaufen. Aber sie grüßen freundlich. Während ich mich durch das legendäre weiße Gras wurstele, kündigt ein minutenlanges Warnhupen dann doch noch einen Bummelzug an. Sehr rücksichtsvoll und pilgerfreundlich.

Nach diesem Abenteuer des Tages mache ich nach dem Bahnhof von Mogro erstmal eine ausgiebige Pause am Santuario de la Virgen del Monte, einer hübschen Kirche mit noch viel liebevollerem Park mit Bänkchen und Brunnen. Ich trabe anschließend frohgemut weiter, immer geradeaus, auch wenn ich etwas verwundert bin, dass an den vielen Kreuzungen so gar keine Pfeile angebracht sind. Als ich an einer Kreuzung einen fahrenden Bäcker treffe, stehe ich für alle Fälle mal demonstrativ wegsuchend herum. Er schaltet extra den Motor ab und steigt aus, um mir liebevoll zu erklären, dass ich hier gerade so ein bisschen ganz falsch bin. Ich könnte geradeaus weiter laufen, dann käme ich schon auch irgendwann wieder auf den Weg, aber das will ich natürlich nicht. Nur Camino, und gerne immer mit Pfeilen. So ein komisches „sich irgendwie durchschlagen“ ohne Markierungen entspricht gar nicht meinem Sicherheitsbedürfnis.

Ich verstehe eigentlich nicht, wie ich auf einen falschen Weg kommen konnte. Der nachträgliche Blick in den Führer erwähnt einen Weg scharf rechts nach der Kirche. Kein Wunder, dass ich den verpasst habe. Nur mit Blick auf die schattigen Bänkchen bin ich ohne Augen für eventuelle Abzweigungen vollmotiviert an dem kleinen Weg vorbeigedüst.

Nach einigen hübschen Ausblicken auf das Meer in der Ferne geht es irgendwann auf die schnurgerade Piste, die von roten Abwasserrohren flankiert wird. Ich bin flott unterwegs und kann es kaum fassen, dass ich recht problemlos schon so weit bin. Bis auf die beiden bahnfahrenden Pilger von Weitem bin ich heute noch keinem Pilger begegnet, vermutlich bin ich auch als erste gestartet. Ich denke über meine geplante Herberge in Polanco mit den wenigen Betten nach. Vermutlich habe ich den Platz dort sicher. Und vermutlich sitze ich seit Stunden relaxt und fit wie ein Turnschuh auf meinem Bettchen, wenn gegen spätem Nachmittag einige verschwitzte, überanstrengte Pilger hoffnungsvoll zur Tür hereinlinsen. Vor meinem inneren Auge sehe ich mich „sorry, alles voll, ihr müsst noch 4 Stunden weiter!“ sagen, bzw. ich kann mir das überhaupt nicht vorstellen. Ich habe das dumpfe Gefühl, heute frischer und besser unterwegs zu sein als vielleicht einige andere der riesigen Gruppe von Santander. Ich konsultiere meinen Führer. Eigentlich wollte ich mir die nächsten 3 Etappen auf 4 aufteilen. Mit Stopp in Polanco habe ich dann aber entweder morgen einen ziemlichen Brocken von auch wieder 40km oder am Tag darauf. Ob ich die nun heute laufe oder später, schenkt sich auch nicht mehr viel. So laufe ich dann zügig an dem gelben Pfeil auf den Rohren vorbei, der den Abzweig zur Herberge nach links signalisiert. Die 6 Betten für Bedürftigere.

Nach einer Weile gehen mir die Rohre dann doch etwas auf den Geist, zumal ich keine Markierungen mehr sehe und auch langsam nicht mehr sicher bin, ob ich überhaupt noch richtig bin. Ich presche hier so begeistert durch die Gegend, was weiß ich, ob ich irgendein Stoppschild, bei dem es links hätte gehen sollen, schon längst passiert habe. So bin ich dann sehr erleichtert, als irgendwann in der Ferne besagtes rotes Schild auftaucht und auch wieder Pfeile. Eine Überführung leitet mich über die Bahngleise von Requejada, gefühlt 100 Stufen hinauf und wieder 100 hinunter. Ich hatsche nun langsam doch ein bisschen, die vielen Kilometer zeigen Wirkung.

Auf einem Bänkchen danach winkt mir das schwäbische Pärchen entgegen. Ich freue mich, habe sie ja auch seit Tagen nicht mehr gesehen. Sie haben vor Güemes übernachtet und in Santander eine Pension genommen – und hinter Laredo auch den Bus. Sie hätten extra nochmal bis 9 gewartet, um in der Touristeninfo nachzufragen, wo sie nochmal die Auskunft erhalten hätten, dass keine Fähre fährt. Sehr merkwürdig, aber ich bin immerhin erleichtert, dass sie nicht nur wegen meiner vagen Fehlinformation darauf verzichtet haben. Peter lässt es sich nicht nehmen, anerkennend zu meinen, dass ich ja wirklich gut unterwegs wäre. Als er mich das erste Mal gesehen hätte, hätte er mir das nicht zugetraut. Ich schwanke zwischen Freude und etwas Negativerem. Nur, weil ich langsam laufe, muss es doch nicht heißen, dass ich nicht in der Lage bin, Etappen um 25 – 35km zu gehen. Vielleicht kommen mir seine Anmerkungen vor allem deswegen so merkwürdig vor, weil er mich coacht, als würde ich meine ersten Gehversuche auf dem Camino unternehmen. Er lobt mich hier begeistert für moderate Etappen und die Tatsache, dass ich nicht mehr ganz so schleiche wie anfangs. In meinem Hinterkopf ist dagegen noch die Peregrina von vor einigen Jahren, die jedes Tempo und jede Strecke gehen kann, die jedem als strong und schnell in Erinnerung bleibt, die auch problemlos 45km gehen kann – die aber einfach nicht mehr dieses grenzenlose Vertrauen in ihre Beine hat, seit damals etwas gerissen ist.

Als ich weitergehe, denke ich darüber noch etwas nach. Über diese seitdem bestehende Übervorsichtigkeit und Sorge um meine Beine. Ich erinnere mich an die ersten Tage hier auf dem Camino und daran, dass ich eigentlich die meiste Zeit nur verzweifelt irgendwelchem etwaigen Ziepen nachgespürt habe. Und mir wird bewusst, dass ich zumindest heute noch keinen einzigen Gedanken daran verschwendet habe, keinen einzigen Moment bewusst langsam gegangen bin. Vor allem aber wird mir bewusst, dass ich ebenfalls seit den letzten Tagen ganz automatisch meine Gedanken wieder mit „lieber Gott“ beginne. Jeder schöne Ausblick, jede überstandene Etappe, jeder nette Pilgerkontakt lässt mich ganz selbstverständlich „danke, das sieht ja wahnsinnig schön aus“ oder „lieber Gott, danke, dass das heute auch wieder geklappt hat“ denken. In den Kirchen und bei den Gottesdiensten habe ich Gott gestern noch etwas resigniert erfolglos gesucht – dabei ist meine persönliche Spezialleitung doch seit ein paar Tagen schon ganz unbemerkt wieder eingerichtet worden. Unspektakulär, aber bei näherer Betrachtung sehr wesentlich und bewegend.

Meine Wasserreserven schwinden etwas, sodass ich nach einem Supermarkt Ausschau halte. Momentan ist Siesta, keine Chance. Dafür fällt mein Blick auf eine Bar und eine Eiskarte. Eine tolle Idee, ich verwöhne mich mit einem leckeren Eis. Ich schaue einige Minuten mit großen Augen in die Truhe. Irgendwie bringt das der Camino so mit sich; man kann nicht einfach alles Mögliche in den Wagen laden, irgendwann wird man es schon essen, sondern alles muss wohlüberlegt und gewichtssparend sein. Im letzten Moment dämmert mir, dass fast alle Sorten Schokolade haben. Da geht die Wahl schon viel schneller vonstatten, es läuft so oder so auf ein gelbgrünes Wassereis hinaus. Ich mache noch Anstalten, mit meinem Wasserfläschchen aufs WC zu laufen, als der Wirt abwinkt und es mir von hinterm Tresen auffüllt.

Das Eis ist lecker, und ich muss dran denken, dass es vermutlich das Gleiche ist, das mein Mitpilger Joaquin vor einem halben Jahr gegessen hat (allerdings im Fünferpack).

So ein bisschen ist läuferisch gerade etwas die Luft raus, ich mache wieder haufenweise erschöpfte Pausen und bummele. Peter und Heike sind auch nicht viel besser, wir überholen uns alle halbe Stunde wechselseitig.

Die letzte Stunde geht es nochmal voll durch Weideland und endloses Grün. Mein Favorit sind natürlich die krachenden Wellen an der Küste, aber auch dieses reine Grün, so weit das Auge reicht in strahlend Hellgrün und strahlend Dunkelgrün und strahlend Froschgrün…

Als ein Ort in Sicht kommt, bin ich dann doch recht erleichtert, dass es wirklich schon Santillana ist. So ganz arg viel mehr würde ich heute nicht gehen wollen, und es ist auch bereits schon 17:30. Allerdings habe ich damit die vorgegebene Zeit exakt eingehalten, was mich nun doch überrascht.

Ich stolpere recht erschlagen in den Ort hinein, in dem es von Andenkenläden, Touristen und Schulklassen nur so wimmelt. Ich finde die schwer zu übersehende Kirche mit gegenüber einem Museum, durch dessen Garten es zur Herberge gehen soll. Ich durchquere den Garten und stehe vor einem riesigen, schwarzen Tor, welches ich nicht so recht aufkriege (und auch gar nicht sicher bin, ob ich das darf. Von Herberge steht nichts dran). Irgendwann fasse ich mir doch ein Herz, bringe den Riegel mit atemberaubendem Quietschen auf und habe Blick auf einen geschotterten Innenhof mit einer kleinen Herberge, vor dem schon die Kanadierin, Miguel und der Spanier mit Macho in der Sonne sitzen. Die Herberge hat irgendwie Puppenhausgröße, alles ist sehr eng beieinander, aber durchaus praktischer und moderner als gestern in Santander. Rechts und links gibt es einen kleinen Schlafraum voll mit 4 Stockbetten, davor noch je eine kleine Waschabteilung mit separater Dusche, WC und zwei separaten Waschbecken.

Zu meiner grenzenlosen Überraschung ist auch die Koreanerin schon da. Allerdings grinst sie, sie hat die Brückenproblematik heute per Zug umfahren, und gleich noch ein bisschen mehr. Auch der angenehme Rentner aus Güemes ist hier. Außer mir und der Koreanerin haben alle gestern eine längere Etappe gemacht und sind noch aus Santander herausgelaufen.

Ich wasche schnell (der Taubenklecks stört mich wirklich) und gehe noch auf Supermarktsuche, Helmut schließt sich mir an. Ich würde am liebsten in den kitschigen Souvenirläden nach irgendwelchen Kettenanhängern suchen oder in Ruhe Fotos machen, der Ort ist kitschig schön wie eine Filmkulisse.

Auch im Supermarkt ist Helmut nach ein paar Handgriffen fertig, während ich wie üblich unentschlossen und reizüberflutet alle möglichen Kombinationen durchspiele. Heute probiere ich einmal eine Fertigtortilla. Helmut ist nicht mehr im Laden, was mich nicht weiter wundert. So kann ich jetzt wenigstens auf dem Rückweg noch etwas bummeln. Ich kriege einen kleinen Schreck, als er noch brav vor dem Supermarkt wartet. Nachdem er derweil schon einen Dreiviertelliter Kakao geleert hat, habe ich wohl Ewigkeiten gebraucht.

Auf dem Rückweg druckst Helmut etwas herum. Ihm wäre aufgefallen, dass ich so unnahbar wirken würde. Nicht, dass das eine Eigenschaft wäre, die mir nicht auch schon mal durch den Kopf gegangen wäre, aber es überrascht mich doch sehr, nachdem ich gerade bei Helmut das Gefühl hatte, eigentlich sehr offen und vertrauensvoll zu sein. Ich frage, weswegen er das denkt. Er bringt ein Beispiel, als ich auf einem Hügel einfach in die Ferne geschaut und ihn und die Koreanerin nicht einmal gegrüßt hätte. Das wäre weit vor Güemes gewesen. Kunststück; nachdem ich ihn in Güemes das erste Mal gesehen habe, habe ich bei diesem imaginären Hügel vielleicht wirklich einfach nicht diese zwei Pilger bemerkt. Ich versichere, dass ich gegrüßt hätte, hätte ich sie gesehen, und dass ich eigentlich keinen besonderen Grund hätte, irgendwie unnahbar wirken zu wollen. Es verhallt recht ungehört, er philosophiert schon weiter, dass ich an den Klippen nach Güemes so abweisend gewirkt hätte und er sich da gedacht hätte „hey, dieses Mädchen schleppt etwas ganz, ganz Schweres mit sich herum“. An diesen Moment erinnere ich mich wirklich, und abweisend war ich vermutlich auch. An diesem Morgen war alle 20m ein Pilger unterwegs, und ich habe recht verzweifelt einfach mal eine pilgerfreie Minute gesucht, um geschwind in die Büsche zu verschwinden. Und auch ganz ehrlich habe ich meine Ruhe und die besondere Stimmung dort so genossen, ich hätte wirklich um keinen Preis mit jemandem laufen wollen. Ich war einfach überglücklich mit mir, dem Camino und vielleicht subtil ein paar ganz kleinen, versteckten Schwingungen von Gott. Helmut ist von seiner „ganz, ganz schweren“ Theorie überhaupt nicht abzubringen, ich kann erklären, so viel ich will. Er erzählt mir, dass er auf seinem letzten Camino gemerkt hat, dass er gut zuhören kann, dass sich vor allem auch Jüngere gern bei ihm „ausgekotzt“ haben. Während ich im ersten Moment fast ein bisschen geschockt war, wie er denken kann, dass ich absichtlich unnahbar bin, und mir dieser Eindruck sehr leid getan hat, so merke ich jetzt wirklich, wie meine Stimmung zu „unnahbar“ und Ablehnung wechselt. Er ist ein unheimlich netter Mensch, sicher wirklich auch ein guter Zuhörer, und dass es sich gut anfühlt, Leuten ein offenes Ohr zu bieten und ihnen dadurch zu helfen, weiß ich auch nur zu gut. Vermutlich hätte ich ihm auch früher oder später das ein oder andere erzählt, aber derart penetrant machen bei mir alle Schotten dicht. Es geht einfach überhaupt nicht. Wer hat schon Lust, sich offiziell „auszukotzen“. Ich trage auch nichts sehr, sehr Schweres mit mir herum. Gewisse Sorgen und Probleme sicher, aber die werden im Speziellen durch Auskotzen auch nicht besser, bzw. ich teile sie lieber mit Menschen, die ich näher kenne und bei denen es ein wechselseitiges Geben und Nehmen ist.

Ich sitze in der Abendsonne mit der Koreanerin, die mit Macho Stöckchenwerfen spielt. Er ist wirklich ein außergewöhnlich intelligenter Hund, und nachdem er mich mittlerweile kennt und nicht mehr anspringt und bebellt, kommen wir prima miteinander aus. Kurz vor 8 kommt noch ein erschöpfter Pilger unschlüssig in den Hof gestolpert. Er ist aus Deutschland und in Santander gestartet. Bis Bóo hat er den Zug genommen und wollte dann bis Polanco, so als Einstieg für den Anfang. Diesen und den nächsten Abzweig hat er dann verpasst und damit eine ungewollte Riesenetappe hinter sich. Entsprechend fertig ist er. Eine halbe Stunde später liegt er schon schlafend im Bett.

Ich stopfe meine Tortilla in die Mikrowelle, begeistert, dass das mit Folie geht und somit sehr abwaschfreundlich ist. Die heiße Tortilla balanciere ich dann Richtung Kirchplatz, wo ich nochmal die schöne Abendsonne und den Ausblick genießen will. Mir dämmert der Sinn von wärmenden Kartoffelwickeln. Die Tortilla bleibt die ganze Zeit wunderbar heiß.

Die beiden Schwaben setzen sich zu mir auf die Steinbank. Sie sind wieder in einer Pension untergekommen, und es stellt sich heraus, dass auch sie heute ein Stück Zug gefahren sind. Intuitiv hatte ich erwartet, dass Minuten nach mir der Pilgerpulk von Santander wie die Heuschrecken einfällt, aber auch 2 Stunden später ist niemand mehr gekommen. Ich bin die einzige, die heute die 40km gelaufen ist.

Die beiden warten auf Restaurantöffnung um 20:00. Wir plaudern ein bisschen, bzw. aktuell habe ich einen schweren Anfall von Redefluss. Die Frage, ob ich dann das nächste Mal dort weitermache, wo ich diesmal in wenigen Tagen aufhöre, ist ein Stich ins Wespennest. Ich erkläre, warum mein Herz schon auch ziemlich am Camino Frances hängt und was ich von dort vermisse. Hinterher habe ich fast ein schlechtes Gewissen, so viel herausgesprudelt zu haben. Na ja, wenigstens war ich nicht unnahbar.

Um 8 springe ich in die Kirche, die aber noch dunkel und leer ist. Die Messe ist in einem winzigen Nebenraum. Der Priester hustet die ganze Zeit, als würde er gleich kollabieren, und auch die wenigen anderen Misabesucher husten derart, dass ich ganz froh bin, dass es diesmal kein Zeichen des Friedens mit Händeschütteln gibt. Der Priester rattert sein Pensum seelenlos und schnell wie ein Maschinengewehr herunter. Ich versuche, mich dadurch zu trösten, dass er vielleicht einfach schwer krank ist und fiebrig nur im Kopf hat, möglichst schnell wieder ins Bett zu kommen.

Ich fange die letzten Sonnenstrahlen vor der Herberge ein. Helmut kommt dazu, er erzählt mir von einem Tagebuch, welches seine Familie extra für ihn angelegt und auf seinem ersten Camino in sein Gepäck geschmuggelt hat. Jeder hat liebe Worte auf die ersten Seiten geschrieben, und mir kommen auch fast mit die Tränen, als er erzählt, wie gerührt er davon war. Er erzählt, dass er seitdem dieses Tagebuch immer dabei hat und auch liebe Pilgerbekanntschaften etwas hineinschreiben lässt. Mir schwant schon Ungutes, sodass ich (denkbar unnahbar) nur diplomatisch meine, dass das ja sehr schön ist. Er scherzt, dass ich damit rechnen müsste, mich im Lauf des Caminos auch noch darin zu verewigen. Ich grinse höchst schief zurück. Mir ist das Ganze sehr unangenehm. Ich schätze Helmut wirklich sehr, kann aber einfach nicht das bieten, was er sich wohl erhofft. Und will ganz sicher nicht in sein heiliges Tagebuch schreiben, wenn ich nachher als unfreundliche Enttäuschung ende, die irgendwann einen Wutanfall bekommen hat. Ich bringe es nicht übers Herz, ihm zu sagen, dass mir seine Hilfsbereitschaft einfach zu aufdringlich ist.

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