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Posts Tagged ‘Castilblanco de los Arroyos’

Nach einer schnarcherischen Horrornacht (dieser Spanier!!!) raschelt es gegen 7 zum ersten Mal. Ich nutze die noch dunkle Herberge, mich schnell anzuziehen und mein Gepäck raus in den Gang zu schleppen, wo ich packe. Fast zeitgleich mit ebenfalls Frühaufsteherin Lieke mache ich mich im noch Dunklen auf den Weg.

Ein Blick in den Führer verheißt nichts Gutes. Heute soll es erst einmal 16 km auf asphaltierter Landstraße entlanggehen, bevor es in den Nationalpark El Berrocal geht. Zudem ist es heute mit fast 30 km die erste längere Etappe und die erste wirkliche Prüfung für meine „Tragfähigkeit“.

Die Straße ist wenig befahren und führt eigentlich durch recht schöne Landschaft. Trotzdem komme ich nicht umhin, immer wieder die Uhr aus meiner Hosentasche zu holen, um zu schauen, wieviel der 16 km ich schon habe. Keine gute Strategie. Ähnlich wie am ersten Tag motiviert es nicht sehr, wenn man nach einer gefühlten Ewigkeit realisiert, dass man gerade ein Ministückchen hinter sich gebracht hat.

Ein einzelner Pilger sowie die beiden wie immer makellos schnell und ästhetisch kraftvoll laufenden Holländer überholen mich, als ich mir nach einigen Stunden eine verfrühte Mittagspause gönne. Frohgemut mit Autosuggestion verinnerliche ich, dass es sich nach so einer Unterteilung gleich wieder viel lockerer läuft. Das gute Gebilde bricht zusammen, als ich Kilometerstein „6“ passiere – zu Beginn hieß es „14“. Ich laufe seit 3 1/2 Stunden und habe noch nicht einmal mehr als 8 km? Bitte nicht.

Magischerweise und die dubiosen Zahlen ignorierend wird meine Bitte erhört – im nächsten Moment taucht auf der rechten Seite ein kleines Türmchen sowie ein Tor auf, und die gelben Pfeile zeigen gehäuft einen Wechsel auf die rechte Straßenseite. Ich kann es kaum glauben, aber die Tafel dort heißt wirklich herzlich willkommen im El Berrocal Nationalpark.

Es geht über eine breite Schotterstraße und ist nicht ganz so naturbelassen, wie ich es mir intuitiv vorgestellt hätte. Aber die Sonne scheint, alles grünt und blüht, die Vögel zwitschern. Ich störe die liebliche Idylle, indem ich meine Schuhe ausziehe, meine dampfenden Socken in die Gegend strecke und mich schon wieder autosuggestiv motivierend erholen möchte. Die Holländer kommen schon wieder an mir vorbei (vermutlich habe ich sie bei einer Pause überholt); Rudi Carrell fragt schon wieder ganz besorgt, ob es mir denn gut gehen würde und alles okay wäre. Herrje, warum muss mir denn immer jeder ansehen, dass ich nicht die Superriesenkillerkondition habe?

Eine Stunde später überhole dann wieder ich sie bei einer Pause und sie mich danach wieder. Jedesmal spüre ich den besorgten Blick und kriege schon fast eine Krise. Beziehungsweise meine Motivation sinkt wirklich ein bisschen, wenn ich sie laufen sehe. Sie haben genau die gleiche Schrittlänge, groß gewachsen, setzen schwungvoll und rhythmisch die Arme ein, es ist einfach wunderbar anzuschauen – und sie sind sicher 6 km/h schnell. Ich rangiere dagegen vermutlich langsam eher bei der Hälfte. Jede weitere Stunde wird irgendwie noch mühsamer und langsamer. Ich fühle mich absolut nicht schwebend oder kraftvoll. Mir fallen nur lauter Verben wie schleichen, stolpern, trapsen, trotten, sich schleppen, schwanken, torkeln, taumeln, wanken und ähnlich motivationsfördernde Exemplare ein. Mein Rücken tut weh, und meine Hüften fühlen sich steif an. Noch dazu brennt die Sonne zum ersten Mal ziemlich heiß (es ist ja auch zum ersten Mal schon Nachmittag), ich trage meinen Schlapphut und meine riesen Sonnenbrille. Ich fühle mich erinnert an eine Ausstellung, bei der man in speziell erschwerende Anzüge schlüpft, um zu simulieren, wie sich ältere Menschen mit Sehstörungen und Bewegungseinschränkungen fühlen müssen.

Zwischendurch erschrecke ich, als mich ein „hola“ von rechts grüßt. Ein junger Mann mit grünem Turban sitzt recht gelassen gegen einen Baumstamm gelehnt im Schatten.

Als dann auch noch der letzte Anstieg vor Almadén kommt, bei dem es gefühlt senkrecht den Berg hochgeht, motiviert mich nur noch die Vorstellung, dass oben direkt das Dorf sein soll. Bei näherer Betrachtung hatte ich da etwas falsch im Kopf, es geht erst noch den gleichen Buckel auch wieder runter. Ich hinke und hatsche wirklich ziemlich und habe für die Schönheit der Natur und den theoretisch einzigartigen Ausblick von oben wenig übrig.

Im Dorf treffe ich an einer Tafel den ersten Pilger von heute morgen wieder. Ich frage freudig „albergue, albergue?“. Er stellt sich als deutsch heraus, und er will nicht mal hier in die Albergue, sondern noch eins weiter. Oh Gott. Und ich fühle mich hier schon wie der letzte Mensch.

Er weist mich fürsorglich auf den richtigen Weg zur Herberge, die auch gefühlte 20 km am anderen Ende des Dorfes liegt. Die Tür ist zwar offen, aber auf unzähligen Schildern wird gebeten, nach Ankunft Manuela in irgendeiner Straße 22 zu kontaktieren. Soll ich das jetzt mitten in bester Siestazeit machen? Ich schaue vor die Tür. Ein Haus mit Nummer 46. Na ja, überschaubar. Ich laufe die Straße hinunter bis zur 22, wo ich klingele. Zu spät kommt mir die Idee, ob es überhaupt die richtige Straße ist. Aber eine eher unfreundliche kleine Frau kommt wortlos heraus und watschelt vor mir her. Das ist wohl Manuela.

Die stinkenden Schuhe müssen in die Küche, ich samt einem Schild „angekommen als fünfte“ werde in einen engen Schlafsaal geleitet, wo sie das Schild mit Klettverschluss an mein Bett heftet. Die beiden Holländer sind auch schon da sowie ein weiterer Ire von Castilblanco. Er hat das „angekommen als erster“, was mir ein wenig schleierhaft ist. Er erzählt grinsend, er hätte einfach den Daumen rausgehalten und wäre bis zum Parkeingang getrampt.

Ich dusche zum ersten Mal in einer sehr ordentlichen Sanitäranlage. 5 Waschbecken mit Spiegeln, 3 WCs und 2 Duschen nur für die Frauen. Bzw. momentan nur für mich, und mehr als zwei andere Frauen werden sich heute vermutlich auch nicht mehr herbeihexen.

Es gibt einen großen Speisesaal und eine kleine Küche. Ich nutze die Siesta, schon mal das schmutzige Geschirr abzuwaschen, um nachher die einzige Pfanne für mein Abendessen zu haben. In Erinnerung an meinen schlauen früheren Mitpilger Angelo möchte ich mir heute Omelette mit Thunfisch machen, um meine Muskeln mal so richtig aufzubauen.

Ich rede ein bisschen mit dem Iren Patrick, der auf seinem Bett eine riesige Schulmappe hat. Ich habe alles in leichten Plastiktüten und bin erstaunt, dass er so viel Ballast mitschleppt. Er guckt ungläubig und öffnet mir die Mappe. Die gefühlten 3 Kilo sind ausschließlich Reiseführer! Er hat sich jede Seite einzeln laminiert, hat 5 verschiedene Textmarker und ein ganzes Klebepunktesortiment dabei. Die Texte sind fast lückenlos verschiedenfarbig unterstrichen, harmonisch abgerundet mit zahllosen Klebepunkten mit farblich abgestimmten Farben. Zwischendurch sind noch etwa 30 Telefonnummern pro Etappe notiert. Der Knabe spinnt. Er sieht es mit Humor und kichert, dass er ja fast schon ein bisschen deutsch wäre. Nett ist er wirklich. Im Gegenzug macht er sich über mich lustig, dass ich von allem das Gewicht kenne und im Vorfeld sogar 10 Kulis durchgewogen habe, welches der leichteste ist.

Lieke kommt ähnlich geschafft in die Herberge, ebenso wieder mein Spanier, der sich immer sichtlich freut, wenn er „la chica!“ trifft. Ich mache mich gegen halb 6 auf zu einem Mercado. Der hat noch geschlossen, und so setzte ich mich wartend auf den kleinen Marktplatz und arbeite an meinem ersten Armbändel auf diesem Camino. Nach wenigen Minuten lässt sich mit einem beglückten „la chica! Ah, sie versteht ja eh wieder nichts!“ Jorge neben mir nieder. Ich ignoriere ihn möglichst gekonnt, er lässt sich davon natürlich wieder nicht in seinem Geplapper stören. Vermutlich hat auch er einfach nur das Gefühl, dass ich armes kleines Mädchen hier einsam und verlassen bin und man sich um mich kümmern muss. Zum Glück kommt Lieke, und die beiden gehen ein Bier trinken. Ich meide ja glücklicherweise aus Prinzip Bars und Restaurants und bin froh, dadurch eine Ausrede zu haben.

Um 6 warten Lieke und ich vor dem immer noch geschlossenen Mercado, als ein wahrer Wolkenbruch einsetzt. Wir stehen gerade noch unter einer Überdachung. Die Spanier haben lustige Regenrinnen. Die meisten enden irgendwo in 4 Meter Höhe mitten auf der Straße – oder kurz über dem Gehweg. Lieke bekommt fast eine Ladung in den Schuh. Vor allem spritzt uns jedes Auto so richtig schön nass. Ich klammere mich schon immer vorsorglich an ein vergittertes Fenster des Marktes und ziehe die Beine hoch. Trotzdem sind unsere Hosen patschnass verspritzt, als gegen halb 7 endlich geöffnet wird.

Der Laden ist nichts für Vegetarier. Gleichzeitig ist er wohl eine berühmte Schinkenproduktionsstätte. Die Decke ist vollgehängt mit Schinken – ein beeindruckender Anblick. Ich bin begeistert, meinen Thunfisch und Eier zu bekommen sowie eine Cherimoya zu einem Kilopreis, zu dem man in Deutschland nicht einmal einen Apfel bekommt. Dafür gibt es leider kein Brot und auch nicht meine gewohnten fluffigen Morgengebäcke, mit Vorliebe Muffins oder Magdalenas oder die Blätterteig-Apfel-Puddingstückchen vom Camino Frances. Hauptsache Schinken.

Meine Wäsche in der Herberge ist natürlich nasser als vorher. Tröstlich ist, dass es den jetzt noch eintreffenden Pilgern auch nicht viel besser geht. Die Schwäbin und ihr Begleiter kommen recht erschöpft und nass an; einem unmögliches britisches Radpilgerpärchen gönne ich es dagegen fast.

Ich mache mich begeistert ans Kochen. So ziemlich jeder zeigt sich neidisch und anerkennend anlässlich meines saftigen Omelettes und meiner hübschen dreifarbigen Nudeln. Tatsache ist aber, dass es keinerlei Salz gibt und alles ganz und gar ekelhaft und fettig schmeckt. Ich würde es am liebsten alles wegschmeißen, esse aber tapfer auf. Wenigstens gesund ist es ja sicher.

Zum Nachtisch probiere ich Sonnenblumenkerne, die zurückgelassen in der Küche stehen. Lecker. So ganz sicher bin ich mir dann doch nicht, wie man sie isst und ob ich das richtig mache so mit Schale. Ich frage einen freundlichen Spanier, der mir erklärt, wie man die knackt und von der Schale befreit. Mit meinen locker 20 verspeisten Schalen im Magen wird mir jetzt doppelt schlecht.

Die Stimmung droht schon wieder gefährlich zu kippen. Ich treffe Lieke und überreiche ihr mein Armbändel und ein gewünschtes hartgekochtes Ei aus meinem Sixpack. Ich hänge meine noch nasse Wäsche im Speisesaal auf und stelle auch gleich noch meinen Rucksack dazu. So vergesse ich sie sicher nicht und mache morgen auch wirklich keinen Krach als early starter. Und so beengt, wie die Herberge ist, ist das Packen draußen auch sicher besser.

Danach gehe ich ins Bett, was gar nicht so einfach ist. Die Stockbetten sind so tief, dass man sich wirklich recht artistisch hineinschälen muss. Im Liegen möchte ich meinen Schlafsack am Fußteil ein bisschen aufziehen, aber ich kann mich nicht mal so weit hochbeugen, dass ich hinkomme, sondern muss erst wieder ganz auf den Gang. Gegen 22.00 wache ich nochmal auf, als der Großteil der Pilger vom Essen zurückkommt (und die bikenden Engländer quer durch den Raum brüllen). Zur Freude von Jorge hüpfe ich nochmal kurz im T-Shirt auf die Toilette. Ich schäle mich schon wieder artistisch in meine Schlafnische, als Lieke von 4 Betten weiter wilde Zeichen nach unten macht. Ich kapiere nichts. An mein Bettende sehe ich ja auch nicht und mache wieder eine kunstvolle Wendung über den Gang. Da entdecke ich an meinem Fußende den kleinen Pastiktütenknäuel, in dem ich ihr ihr Ei präsentiert habe. Häh? Ich schaue genauer hin. Drin ist eine zusammengefaltete Serviette. Doppel-Häh? Mit krakeliger Schrift entziffere ich „salt“. Die Gute hat mir nach meinem Kochdesaster im Restaurant extra ein bisschen Salz geklaut. Das ist ja süß. Gerührt über diese Fürsorge schlafe ich ein.

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Irgendwann in aller Frühe startet der Radfahrer, der gestern schon in der Nacht gekommen ist. Er scheint es wirklich eilig zu haben. Ansonsten liegt der kleine Raum aber noch in tiefstem Schlaf, erkennbar an den wirklich unglaublichen Schnarchgeräuschen. Ich möchte die ruhige Stimmung nicht durch frühes Rascheln unterbrechen und bleibe brav liegen, bis endlich die ersten aktiv werden.

Bei Helligkeit kurz vor 8 mache ich mich heilfroh endlich auf den Weg. Meine beiden Schokomuffins von gestern esse ich im Gehen – und schon nach wenigen hundert Metern stehe ich ratlos vor dem Camino, der direkt in einen breiten Fluss mündet. Mein Buch sagt dazu nichts; ich erinnere mich an eine Informationstafel gestern, auf der ich aber nur für die Anleitung zur Herberge richtig Interesse hatte. Ich entscheide mich für die Autobrücke links vom Weg; irgendwie werde ich von dort dann schon wieder auf den Camino kommen, der nach dem Flussbett weiterzugehen scheint. Ich frage einen einsamen Herren am frühen Morgen. So ganz verstehe ich wie immer nicht, was er mir alles erzählt, aber er scheint die Brücke eine gute Idee zu finden sowie die anschließende Rückkehr am Flussufer. Auf der Brücke bietet sich so ein schöner Blick auf den noch nebelverhangenen Fluss, dass ich für ein Foto die Fahrbahn überquere. Leider mit einem etwas zu optimistischen Kalkül meiner Geschwindigkeit. Wie aus dem Nichts taucht ein großer Lastwagen auf, sodass ich recht überstürzt einen Sprung über die Leitplanke mache. Mein rechter Oberschenkel dankt es mir nicht wirklich.

Nach der Brücke schlage ich mich mal wieder wild durch Gestrüpp und Geröll. Auf der anderen Seite kommen schon die nächsten Pilger, probieren die Überquerung und entscheiden sich dann auch für die Brücke. Kaum habe ich die Stelle erreicht, wo der Camino wieder aus dem Wasser kommt, führt der Weg gerade wieder zurück Richtung Straße. Meine Nachfolger haben das wohl geahnt und laufen gleich Fahrstraße. Ich dagegen besteche mal wieder durch beharrliches Laufen auf dem Camino ohne jeglichen Verstand.

Durch ein kleines Industriegebiet geht es endlich in ruhigere Gefilde, und nach einer Weile durchquere ich das erste Viehgatter. Zur rechten an einem Steinpfosten kündigt „Dehesa“ die erste Viehweide an, und kaum habe ich diese betreten, fühle ich mich schlagartig wie in einer anderen Welt. Von einem Meter auf den anderen bin ich plötzlich inmitten von moosigem Grün, unter knorrigen Bäumen und umgeben von einer seltsam verwunschenen Ruhe. Ich bin hin und weg. Dann tauchen auch noch die ersten Kühe auf. Braun und mit riesigen Hörnern, irgendwie beeindruckend, einschüchternd und würdevoll. Die ganze Weide wirkt beeindruckend und lässt mich mir sehr klein und vergänglich erscheinen. Die Steinmauern und das Moos und die Bäume wirken, als wären sie schon immer hier. Und ich, die ich hier ein paar Minuten durchlaufe, falle ausgesprochen wenig ins Gewicht.

Nach den ersten Kühen und einigen weiteren Gattern wird die Landschaft wilder und rauer. Der Weg wird felsiger und die Flora struppiger und robuster. Irgendetwas verbreitet einen ganz speziellen Geruch (mein Führer suggeriert Rosmarin) – und schon wieder ein ganz spezielles Gefühl. Ich fühle mich in kompletter Einsamkeit und Ruhe. Ich treffe Vögel und ganz kleine Kaninchen am Weg, die mich interessiert anschauen und nicht einmal flüchten.

Ich mache eine entspannte Pause in dieser einmaligen Umgebung, als ich plötzlich schwere Schritte höre. Wie aus dem Nichts kommt ein Pilger gestampft, und kaum ist er vorbei, ein zweiter. Ein paar Minuten später stampft es zwar weniger, dafür plappert es umso lauter auf Holländisch. Die beiden Pilger aus der Herberge kommen in leichtfüßigem Sturmschritt entlanggeprescht. Mit meiner schönen Ruhe und Einsamkeit ist es mit einem Schlag vorbei, sodass ich mich etwas frustriert wieder auf den Weg mache.

Neben mir weiden vereinzelt Pferde, die auch interessiert und neugierig aufschauen. Ich passiere die beiden Pilger mit den schweren Schritten, die auch gerade Pause gemacht haben. Eine Weile laufen wir recht gleichschnell umeinander herum, und ich bin fasziniert, wie man so schwer auftreten kann. Ich habe wohl einen guten Tag heute, ich befinde mich in annäherndem Schwebemodus, und mein einziges Geräusch sind die Steine, die unter mir knirschen und wegrollen. Die beiden Herren dagegen atmen und trampeln und stampfen wie eine Dampfwalze. Ich bin froh, ihnen beim nächsten Fotostop einen ausreichenden Vorsprung und Abstand geben zu können. So kommt für mich kein entspannendes Pilgern auf.

Mit der großen Entspannung hat es sich für den Moment sowieso. Wir laufen asphaltierte Landstraße. Aufgeheitert dadurch, dass häufig Autofahrer hupen und winken, was mich immer unheimlich freut.

Gegen Mittag erreiche ich mein heutiges Etappenziel Castilblanco de los Arroyos, eine als wunderschön weiß beschriebene Stadt. Für den Moment interessiert mich nur die Herberge. Dort lärmt es ohrenbetäubend. Offensichtlich ist ein Behindertenheim direkt angeschlossen, und gerade ist ausgelassene Pausenstimmung. Ich bin fast erleichtert, als ich mich in den ersten Stock durchgewurstelt habe und eine ruhige, noch menschenleere Herberge antreffe. Es gibt in verschiedenen Räumen verschachtelt haufenweise Betten, und in Anbetracht des gestrigen Schnarchkonzerts entscheide ich mich dankbar für einen kleinen Vorraum mit nur zwei Stockbetten. Schnell springe ich nochmal auf die Straße und in einen kleinen Laden, bevor die Siesta beginnt. Ich bekomme Brot und Chorizo und Artischockenherzen, und die Inhaberin fragt mich interessiert, ob ich denn alleine unterwegs wäre. Sie schaut ungläubig; ob ich denn nicht Angst hätte, so alleine. Bisher nicht.

In der Herberge dusche ich in einer lustigen Dusche, bei der mir der halbe Duschkopf entgegenfällt. Zudem flute ich das halbe Badezimmer, weil der Ablauf komplett verstopft ist. Mein Bein hat von der heutigen Leitplanke eine schicke Schürfung und entwickelt einen beeindruckenden Bluterguss. Beim pflichtbewussten Versuch, die Fensterluke zu öffnen, muss ich auf das WC steigen und stürze fast ab. Halleluja.

Die Herberge verfügt über zwei riesige Dachterrassen, auf denen ich meine Wäsche im soeben einsetzenden Sonnenschein aufhängen kann. Ich fühle mich beschwingt und wunschlos glücklich. Die beiden Holländer treffen ein, sie waren noch erst in einer Bar. Einer der beiden erinnert mich ziemlich an Rudi Carrell. Er scheint ähnlich wie die Spanierin im Laden das Gefühl zu haben, dass ich alleine auf der großen Via de la Plata ziemlich verloren aussehe. Er fragt wie auch schon unterwegs heute, ob es mir gutgehe und würdigt sehr wohlwollend meinen Essensbeutel. „Ja ja, die Essen ist sehr wichtig!“.

Mit meiner sehr wichtigen Kalorienzufuhr und meinem Tagebuch (alias diversen Ausdrucken, deren Rückseiten ich gewichtssparend recycle) setze ich mich vor der Herberge in ein kleines Steinrondell mit römisch anmutendem Torbogen, das irgendwie eine sehr geborgene Stimmung verbreitet. Ich creme liebevoll meine Füße und bin sehr froh, heute fuß- und beintechnisch kein weiteres Zwicken gespürt zu haben. Ich fühle mich auch wieder eher eins mit meinem Körper und habe nicht wie gestern das Gefühl, das meine Beine mir keinerlei Rückmeldung geben und einfach irgendwann streiken. Heute melden sie mir einen Hauch von Erschöpfung, aber ich bin ja auch schon brav und ruhig in der Herberge.

Am Nachmittag wird mir doch wieder etwas langweilig. Ich gehe Richtung Kirche, in der Hoffnung auf ein paar beeindruckend weiße Fotos. So richtig fotogen sind die Straßen aber doch nicht, außerdem windet es trotz der Sonne ziemlich und ist etwas ungemütlich. In der Herberge sehe ich zu meiner Freude Lieke wieder; mit weniger Freude registriere ich, dass sich der suspekte Spanier das Bett neben mir gesichert hat. Ansonsten füllt sich gegen Abend die Herberge mit neuen Gesichtern. Ein weißhaariger Pilger bietet mir seine Fußstütze zum Sitzen an. Ich verneine dankend auf Spanisch und frage, wo er herkommt. Er sagt „Irlandia“, und mir entfleucht ein erleichtertes „oh, English“. Er guckt verbiestert „no! Irish!“. Ja, ja, ich dachte ja nur, dass er dann ja Englisch spricht. Aber auch das ist natürlich falsch. „Irish!“. Die weitere Konversation rückt mich auch nicht gerade in ein besseres Licht. Sean ist vor seiner Rente ein hohes Tier in der Regierung gewesen, spricht irgendwie jede nur erdenkliche Sprache, kennt jedes Land und jeden Ort von irgendeinem Kongress oder einer Messe oder einer Ausstellung. Dass ich nicht mal in meinem Geburtsort jedes Kunstmuseum kenne, scheint ihn nicht sehr zu amusen. Ich ziehe mich ein wenig eingeschüchtert in eine andere Ecke des Balkons zurück. Ich fühle mich ein bisschen verloren und denke reumütig an den Camino Frances zurück. Ich erinnere mich an lustiges gemeinsames Blasenaufstechen am Abend, heiter-besorgten Austausch über Konditionszweifel, Wegfindung und allgemeine Unsicherheit. Hier hat niemand Blasen, heiter-besorgt ist auch niemand, und Zweifel und Unsicherheit gibt es erst recht nicht. Die (zumeist männlichen und im Rentenalter befindlichen) Pilger hier sind alle schon mindestens von zu Hause aus gepilgert, haben eine stoische Ruhe und sind meist auch perfekt vorbereitet. Die beiden schnellen Holländer laufen seit einem Jahr zweimal pro Woche 20km mit 15 Kilo Probegepäck. Ich fühle mich immer kleiner und unbedarfter und unsicherer.

Eine Schwäbin (außer Lieke und mir die einzige Frau hier) hat mein Gespräch mit Sean mitgehört und stellt sich vor. Wir haben nicht die gleiche Wellenlänge, aber wenigstens ist sie auch nicht superdurchtrainiert, sondern kommt direkt von der Arbeit und hat keine Ahnung, was sie kann.

Am Abend laufe ich nochmal zur Messe in die Stadt. Die Kirche ist verschlossen. Als ich frage, erhalte ich Schulterzucken. Messe ist, falls die Glocken klingen. Ich soll darauf warten. Ich warte ein Viertelstündchen, mache mich dann aber auf den Heimweg. Kaum bin ich nach einer Viertelstunde wieder in der Herberge, klingeln zwar Glocken, aber nochmal sprinte ich da nicht mehr hin.

Ich bin ein bisschen geknickt, als zwei spanische, vergleichsweise junge Radpilger etwas Leben in die Herberge bringen (schon allein dadurch, dass sie ihre vollbeladenen Räder die Treppe in den ersten Stock in die Zimmer hochschleppen). Einer scheint scharfsinnig erkannt zu haben, dass ich noch die eheste Chance bin, sich mit seinem männlichen Charme zu profilieren. Er redet ganz furchtbar viel, offensichtlich ist auch ihm etwas einsam zumute. Er ist immerhin lustig, erklärt mir mit Händen und Füßen von seiner Musikalität, dass er Trompete und Horn und Gitarre spielt. Er trommelt mit Fingernägeln, Fingerspitzen, Fingerknöcheln und Handflächen auf dem Stromverteilerkasten zwischen uns herum, und ich muss anerkennend zugeben, dass ein Schlagzeuger nichts dagegen ist. Er fragt, ob ich mit etwas essen komme. Ich habe schon gegessen, scheitere aber mit der Verständigung, weil mir keinerlei spanische Vergangenheitsform einfällt und er auch nicht wirklich die Ruhe mitbringt, mal mehr als zwei Wörter in Ruhe zuzuhören. Etwas enttäuscht macht er sich erstmal zum Duschen auf.

Der unheimliche Spanier steht wieder einsam rauchend auf der Terrasse herum. Er überschüttet mich mit einigen Wortschwallen, meint es vermutlich auch gut. Mich ärgert aber seine Art, mir nie zuzuhören und immer dieses „hach, sie versteht wieder nichts“ anzubringen. Ich suche mein Heil mal wieder im Schlafengehen. Als hätte er das geahnt, beendet er sein Rauchen schnell und liegt wieder in die Gegend starrend auf seinem Bett. Nachdem „die Gegend“ gerade mein Bett ist, gehe ich zum T-Shirt-Wechsel ins Bad. Danach lauert er leider immer noch; ich bin geneigt, in Trekkinghose zu schlafen. Ich ringe mich durch, ihm keine böse Absicht zu unterstellen, wechsle möglichst schnell in den Schlafsack und beende mit meinen Ohrstöpseln für heute den Tag.

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