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Posts Tagged ‘Alcuéscar’

Beim ersten Rascheln im Schlafsaal ist es gegen 6. Ich bin erleichtert, dass mein Rücken nach diesem Bett nicht weh tut und auch meine gestern etwas steifen Füße sich lauffähig anfühlen. Ich schleife mein Hab und Gut ins Wohnzimmer, wo schon 5 andere packen. Unter anderem auch die große Deutsche, die leicht fluchend erzählt, gleich dort auf dem Sofa geschlafen zu haben, mit dem Bett hätte sie sich wirklich nicht anfreunden können.

Die Packenden sind allesamt junge, kräftige Pilger, die vermutlich so früh losgehen, weil sie auch bis Cáceres wollen. Umso geschockter bin ich, als sich der Engländer ganz casual und selbstverständlich bei zwei anderen erkundigt, ob sie von hier Taxi nehmen. Ebenso casual und ohne eine Miene zu verziehen antworten sie „nein, erst im nächsten Ort“. Für mich würde eine Welt zusammenbrechen, müsste ich ein Stück des Weges abkürzen. Ich habe zugleich vollstes Verständnis, dass manche Umstände es nötig machen oder vernünftiger erscheinen lassen. Das hier verstehe ich eher weniger.

So laufe ich dann in der beginnenden Morgendämmerung über weitere Viehweiden aus Alcuéscar heraus, flott überholt von kraftvoll voranschreitenden Mitpilgern, von denen ich nun weiß, dass sie nur so flott bis zum nächsten Ort laufen.

Der Morgen verbreitet noch einmal eine stimmungsvolle Atmosphäre. Lange halten sich Nebelfelder über den Wiesen, die mit der Sonne ein sehr fotogenes Farbenspiel ergeben. Und ich habe noch 3 Bilder auf meiner Kamera.

Für mich läuft es heute gut, wie von selbst, ein Stück weit auch losgelöst von Sorgen à la „nur nicht überanstrengen“ und „wie soll das die nächsten Tage noch werden“. Heute ist mein letzter wandernder Tag. Zum einen bin ich natürlich wehmütig, zum anderen fühlt es sich auch einfach nach Abschluss an. Ich laufe in einer Gruppe, in der ich niemanden kenne. Der Abschied wird mir recht leicht fallen.

Unterwegs treffe ich den Schweizer vom Vorabend. Heute haben wir vertauschte Rollen. Heute bin ich ganz fit, er dagegen hadert etwas zweifelnd mit seinem Knie und generell mit seiner Fitness. Sein Ziel ist auch Cáceres, aber passend zur vorherrschenden Mentalität will er zwischendurch auch ein Taxi nehmen.

Es wird heißer, und ich bin froh über einen Brunnen zum Nachfüllen meiner Flaschen. Mein Antipilger von gestern morgen überholt mich, wir grüßen uns freundlich und lassen uns sonst in Ruhe. Versöhnlich.

Zwischendurch habe ich ein skurriles Erlebnis. Eine dicke Fliege fliegt minutenlang immer wieder rechts gegen meine Sonnenbrille. Irgendwann summt es nach mehreren Fliegen, eine davon verirrt sich auch in meine Haare. Als ich versuche, sie wegzustreichen, summt plötzlich mein halber Kopf wie wild. Irgendwie attackieren mich gerade mindestens 20 brummende Riesenfliegen. Ich drehe schier durch, völlig allein auf weiter Flur, mit lauter Brummseln in meinen Haaren und um meine Ohren. Mein Reiseführer tut mir den besten Nutzen auf der ganzen Via bisher, ich wedele wild damit über meinem Kopf herum, und nach ein paar Minuten kehrt wieder Ruhe ein. Ganz seltsam.

Heute klappt es auch wieder mit meinem intuitiven Zeitgefühl, Aldea del Cano erreiche ich wie geplant, ebenso Valdesalor. Über 6 Stunden sind es bis hierher, ich bin überhaupt noch nicht müde. Die verbleibenden 2 1/2 Stunden erscheinen heute wie eine Lappalie. Auch recht seltsam, wie unterschiedlich dieselben Grundvoraussetzung erscheinen können.

Hinter Valdesalor mache ich meine Mittagsrast. Der Schweizer macht ein Foto von mir (um es seiner Frau zu zeigen und mich dann mal auf der Arbeit zu besuchen. Halleluja. Mein dekoratives Stirnband, der hellblaue Schlapphut, die bis zu den Knie schlammverdreckte Hose, die diversen umgebundenen Jacken und Pullis, und alles garniert mit einem Haufen Chips- und Brotkrümeln… ein Bild für die Götter). Weiter fragt er, ob ich einige von der gestrigen Pilgertruppe getroffen hätte. Sie wollten ab Valdesalor ein Taxi nehmen, er würde sich gerne anschließen, aber nachdem keiner zu sehen ist, macht er sich eben doch etwas verdrossen zu Fuß auf die nächsten Kilometer.

Nach ein paar letzten Hügeln kommt Cáceres schon in Sicht. Es geht an lustigen Bauernhöfen entlang. Zuerst schleiche ich mich an einer kleinen Herde Schafe vorbei, die am Wegesrand unter einem Baum Zuflucht vor der Sonne gesucht haben (und sich wenig von mir erschrecken lassen). Kaum vorbei, begegnet mir auf dem Weg eine Herde Ziegen. Ein paar hundert Meter weiter läuft eine einzelne Kuh interessiert aufschauend den Weg und den grasigen Seitenstreifen ab. Mein idyllisches Bild von einem kleinen Hof wird nur von den beiden Pferden getrübt, auf die ich zuletzt treffe. In bewährter spanischer Manier sind ihre Beine mit Stricken zusammengebunden, sodass sie nicht schnell und weit, eigentlich überhaupt nicht gehen können. Sie hüpfen eher mühsam zentimeterweise vorwärts, aktuell über eine befahrene Straße, und ich überlege mir schon im Geiste, wie ich ein panisches, umgefallenes Pferd wieder aufrichten kann.

Pünktlich zu einer größeren Stadt bin ich mir mit den Markierungen wieder nicht so sicher und konsultiere meinen fliegenerprobten Führer. Er hält sich auch eher bedeckt, und als ich dafür ein Schild zum Busbahnhof entdecke, beschließe ich spontan, erstmal dorthin zu gehen, um mein Ticket für Madrid für morgen unter Dach und Fach zu bringen. So laufe ich erstmalig nicht nach gelben Pfeilen, sondern nach Straßenschildern mit Bussymbol.

Im Vergleich zum viel bekannteren Mérida mit seinen 50.000 Einwohnern wartet das unscheinbare Cáceres mit 80.000 auf. Entsprechend lang sind dann auch die Wege, die ich nun in der Mittagshitze und mit heutigen 38 km in den Beinen zurücklege. Aber heute ist die Motivation auf meiner Seite, und auch der Ticketkauf klappt problemlos.

Den Weg zurück auf den Camino muss ich etwas improvisieren, denn der Busbahnhof ist nicht auf meinem Kartenausschnitt verzeichnet. Ich laufe immer grob rechtshaltend geradeaus, damit muss ich eigentlich irgendwann wieder auf den Camino oder zumindest auf meinen Kartenausschnitt stoßen. Ein paarmal frage ich nach „Plaza Mayor“ und bekomme ein aufmunterndes Winken geradeaus. Allerdings ein weit, weit, weit geradeaus.

Intuitiv müsste ich langsam mal wieder da sein. Eine Spanierin mit Kinderwagen, von der ich nun endlich mal meine genaue Position auf der Karte wissen möchte, entschließt sich irgendwann resigniert, dass wir uns generell noch sehr, sehr weit entfernt von diesem Kartenausschnitt befinden müssen, sie kennt überhaupt nichts. Beruhigend. Nach über einer Stunde kreuz und quer durch hohe Häuserblocks, Einkaufsstraßen und Verkehrschaos erreiche ich dann doch die Plaza, auf der ein riesen Trubel herrscht. Mit etwas Umweg finde ich auch die Herberge, die sich mit 17 Euro und einer etwas geschäftigeren Atmosphäre deutlich von den bisherigen Pilgerherbergen abhebt. Ich bekomme ein Bett in einem 6-Bett-Zimmer, in dem bisher nur eine im Moment nicht anwesende Holländerin logiert. Das männliche Nebenzimmer ist dagegen lautstark gefüllt. Außer dem Schweizer klopfen sich auch die morgendlichen Taxi-Jungs wohlwollend auf die Schulter in Anbetracht der gestandenen Leistung.

Nach Duschen und Waschen und Aufhängen der Wäsche in dem süßen, kleinen Garten im Hinterhof setze ich mich noch ein bisschen entspannt in die Sonne. Der Schweizer klagt mir sein Knieleid, es ist nicht besser geworden. Morgen will er schon auch wieder weit, dann aber eben mit Taxi. Ich verstehe nicht, warum man sich bei einem open end nicht einfach mal ein paar Tage Ruhe gönnen kann, wenn einem nicht nach langen Strecken ist.

Mein Antipilger kommt suchend in den Garten. Heute bin ich mild gestimmt, wir unterhalten uns nett. Er wollte eigentlich nicht in diese Herberge, er findet sie überteuert, für das Geld kann man auch in ein Hostal. Da hat er durchaus recht. Ich mache mir immer wenig Gedanken darüber, weil ich Hostals mit einem ruhigen Einzelzimmer ja ohnehin nicht so verlockend finde. Heute wäre es aber der Wahnsinn gewesen, absolut alles in der Stadt ist komplett ausgebucht, er hätte gut zwei Stunden nach einem freien Hostal gesucht. Ein Blick in den Reiseführer verrät uns, dass heute großer Feiertag ist, zu Ehren eines uns unbekannten San Jorges wurde die Eroberung der Stadt pompös nachgespielt. Glücklicherweise habe ich mich da vorher gar nicht informiert und folglich auch nicht weiter gesorgt.

Der Festtag bringt allerdings mit sich, dass die Läden bereits geschlossen haben. Irgendwie habe ich schon noch etwas Hunger oder eher Appetit auf ein schönes, frisches Brot und frisches Obst. Gemeinsam ziehen wir los Richtung Stadt. Leider hat nur ein überteuerter Kiosk offen, und nachdem gerade ein Schwung Pilger aus der Herberge kommt auf der Suche nach einem Restaurant für den Abend, komplimentiere ich meinen Mitpilger zu ihnen. Ich bin ja keine geeignete Restaurantbegleitung, und meinen letzten Abend möchte ich auch eher in Ruhe verbringen.

Ich finde eine librería, und diese hat wirklich wie vielerorts verkündet meinen heißersehnten altmodischen Film. Ich begebe mich auf Fototour, allerdings sind die Straßen komplett überfüllt von Touristen mit Reiseführern, und so richtig fotogen bringe ich auch nichts auf einem kleinen Bild unter.

Als Kirchenglocken läuten bin ich mittlerweile schon perfekt konditioniert… läuten die campagnas, beginnt gleich eine Messe. Ich renne dem Geräusch nach und nehme in einer Kirche Platz. Gut eine Viertelstunde geschieht überhaupt nichts, einige wenige Spanier kommen und gehen. Es sieht nicht nach Messe aus, sodass ich wieder gehe. Dafür komme ich auf dem Rückweg an einer großen Kirche vorbei, in die wirklich Menschenmassen strömen. Dort findet dann wirklich Messe statt, allerdings ist die Kirche absolut übervoll, die Menschen stehen in den Gängen, vor allem ist aber auch ein Reges kommen und Gehen von Familien mit Kinderwägen und Kindern. Es erinnert eher an Jahrmarktstrubel, sodass ich mich nach einer halben Stunde etwas frustriert wieder auf den Heimweg mache.

Dort treffe ich meine Zimmernachbarin. Sie wartet schon sehnsüchtig auf mich, denn ich habe begeistert den Schlüssel mitgenommen und gedacht, sie hätte einen eigenen. Das kommt davon, wenn man als Pilger einfach keine Schlüssel mehr gewohnt ist. Wir unterhalten uns kurz; sie pausiert seit einigen Tagen. Zwischendurch ist sie mit den beiden pfeilschnellen holländischen Rentnern gelaufen, irgendwie freut es mich zu wissen, dass es ihnen gut geht. Der Holländerin wäre es auf Dauer zu anstrengend geworden, mit ihnen mitzuhalten, und sie hätte nun auch noch eine Salzallergie entwickelt und schwere Verdauungsstörungen bekommen. Sie ist generell furchtbar hibbelig und sprunghaft und durcheinander, zu viel für meine aktuelle Stimmung. Ich bin ganz froh, als sie nach Karotten (salzfrei) aus einem Topf unter ihrem Bett nochmal in die Stadt will.

Irgendwie hält sich meine Lust auf etwas Schönes zum Essen oder zum Trinken zur Feier des Tages immer noch hartnäckig. Ich lasse mir gerade mein erstes Bier mit Limonade aus dem Automaten, als mich der Herbergsvater anspricht. Nach mir hätte jemand gefragt. Ich bin etwas irritiert, zumal ich den Herbergsvater noch nie gesehen habe (und er mich nicht), aber er kennt wirklich meinen Namen. Es wäre ein großer, dunkler Mann mit Bart gewesen. Und ein Peregrino. Und er wäre wieder gegangen.

Ich bin ziemlich irritiert. So viele große dunkle Männer fallen mir nicht ein, die nach mir suchen könnten. Einzig Steffen fällt mir ein, aber der ist gut einen Tag hinter mir. Und ob er nun einen Bart hatte oder nicht könnte ich ehrlichgesagt gar nicht mehr sagen.

Ich setze mich auf mein Minibalkönchen, trinke meine Dose, schaue auf die Häuser gegenüber und auf einen Konvent, hinter dem so langsam die Sonne untergeht. Ich bin weder traurig noch glücklich; auf eine Weise einsam, aber ohne mir wirklich Gesellschaft zu wünschen. Vielleicht ist es einfach das Gefühl, dass der Camino wegbricht. Die Sorgen und Planungen der anderen Pilger tangieren mich nicht mehr, keine gelben Pfeile mehr, ich bin mein letztes Stück Camino gegangen.

Gegen 9 mache ich mich mangels zündender Alternative so langsam bettfertig. Ich komme gerade aus den Waschräumen, als ich den ominösen großen, dunklen Pilger in mein Zimmer lehnen und nach mir rufen sehe. Es ist allen Ernstes Steffen. Ich bin komplett überrascht. (Er vermutlich auch, dass ich um diese Zeit schon ins Bett will).

Spontan disponiere ich um, und wir setzen uns noch ein bisschen auf die Stufen der Plaza und genießen das ausgesprochen rege Treiben um uns herum. Zuerst will ich natürlich wissen, wieso er jetzt hier ist. Wie ich richtig angenommen habe, hat er die kürzere Etappe gemacht und ist nur bis Aljucén gelaufen. Dort hätte er einen irgendwie anstrengenden Abend verbracht, Sean hätte ihn auf Englisch über seinen Beruf ausgefragt, und dann wäre da noch diese schwierige Schwedin gewesen mit genau dem gleichen Beruf, und irgendwie und überhaupt, es hätte ihn angestrengt. Dann hätte er in Alcuéscar die Herberge mit den Behinderten in Augenschein genommen, und das hätte ihn auch gar nicht angesprochen. Einer der Padres hätte einen Behinderten gerade mit einem Stock über den Platz getrieben; mit etwas Erfahrung im Umgang mit Behinderten hat ihn das abgestoßen. Da wäre ihm dann die spontane Idee gekommen, dass er einfach bis Cáceres fährt, damit ich dann auch nicht meinen letzten Abend ganz allein verbringen muss.

Dass es ihm heute nicht allzu gut geht, ist naheliegend; der sonst ständig widersprechende und alles (zurecht) besserwissende Steffen hat heute, wie er selber zugibt, einen gewissen Caminokoller. Recht offen lässt er mich an seinen Überlegungen teilhaben, ob der Camino momentan überhaupt das richtige für ihn ist und ob er nicht besser irgendwo am Strand in der Sonne liegen sollte. Einerseits würde ich ihn zu gerne etwas aufheitern, andererseits sind solche kleinen Krisen ja auch durchaus wertvoll und bringen einen meist weiter als nur gedankenloser Sonnenschein.

Für mich ist es nochmal eine schöne Gelegenheit, ein bisschen meinen Camino zu reflektieren. Die letzten Tage habe ich von vielen Seiten immer wieder das Motto „leb Dein Leben!“ gehört, etwas, mit dem ich irgendwie gemischte Gefühle verbunden habe. Als nun Steffen recht begeistert mit einem neuen Berufsvorschlag für mich kommt, fügt sich für mich ein kleines Puzzle zusammen. Wieso scheint hier nur jeder davon auszugehen, dass man sein Leben ständig verändern muss, um glücklich zu sein. Von einigen habe ich gehört, dass sie erst lernen mussten, ihr Leben zu leben und sich nicht von den Wünschen und Einflüssen anderer davon ablenken zu lassen. Wahres Glücklichsein im Sinne von in jedem Moment leben, was einem selbst den größten Spaß und Nutzen bringt. Im Gespräch mit Steffen fällt mir jetzt der Knackpunkt auf, der mich daran immer ein wenig gestört hat. Vor allem im Zuge der Caminos habe ich die Erfahrung gemacht, dass es mir meist die größte Freude macht, andere Menschen glücklich zu machen. Für mich muss ein Beruf nicht in jedem Moment atemberaubend und spannend und herausfordernd sein, solange er mir die Möglichkeit bietet, jeden Tag mit neuen Menschen in Kontakt zu kommen, die Hilfe suchen oder Sorgen haben. Wie auch auf dem Camino, wo ich manchmal das Gefühl habe, dass ich mit einer Extraportion Energie und Liebe von oben ausgestattet werde, kann mir das vielleicht auch im normalen Leben gelingen, und ich kann eine viel größere Freude und Erfüllung daraus ziehen, als aus dem Abhecheln von Highlights und möglichst viel spektakulärem Erleben.

Ich bin fast überrascht, dass Steffen, der wie die meisten Pilger hier wenig mit Gott am Hut hat, mich recht widerspruchslos versteht. Im Endeffekt wollen wir beide unser Leben möglichst glücklich bestreiten, aber ich würde lieber den Weg gehen, dieses Glück aus Glücklichmachen meiner Mitmenschen zu verspüren.

Ich fühle mich erstaunlich sortiert und friedlich geerdet – vielleicht auch, weil ich fast schon wieder eine höhere Macht dahinter vermuten kann, dass ich auch auf diesem Camino wieder besondere Menschen an der Seite hatte, die mir im richtigen Moment zu wichtigen Erkenntnissen verholfen haben.

Der arme Steffen ist irgendwann müde (vermutlich erschlagen von meiner heutigen Redeflut), zudem hat auch er den Zimmerschlüssel mitgenommen und nun vermutlich wartende Mitpilger ausgesperrt. Wir verabschieden uns kurz und knapp, typisch für Steffen.

Gegen 11 falle ich sehr zufrieden und sortiert in mein Bett.

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Ab Mérida scheint mit einem Schlag alles viel lebhafter zu sein. Zum ersten Mal klingelt um 6 Uhr ein nervender Handywecker, und zwei Pilger packen und rascheln ungerührt im grellen Licht ihrer Stirnlampe. Sofort springen noch mindestens 5 andere auf in dem Gefühl „hoppla, da geht etwas ohne mich“ bzw. „jetzt bin ich wach, jetzt können auch alle anderen wachwerden“. Ich bin etwas frustriert und wütend angesichts dieser Rücksichtslosigkeit. Oder vielleicht sollte ich es besser positiv sehen und dafür dankbar sein, dass die letzten Tage bisher so friedlich und paradiesisch ruhig waren.

Das Aquädukt passiere ich noch im Dunklen, ich bin ein kleines bisschen fast froh, nun so früh unterwegs zu sein. Direkt mit Steffen starten hätte ich nicht wollen. Heute brauche ich irgendwie wieder ein bisschen Einsamkeit und Ruhe. In Cáceres ist mein Camino für dieses Mal schon zu Ende, und so richtig etwas mitgenommen habe ich noch nicht.

Als es aus Mérida rausgeht, sehe ich im Dunkel vor mir schon einen Pilger laufen, der immer wieder stehen bleibt. Nun ist Steffen ja doch auch schon unterwegs. Meine Gefühle sind etwas ambivalent. Als ich ihn eingeholt habe und freudig anstrahle, merke ich, dass es gar nicht Steffen ist. Hoppla. Der deutsche Pilger, den ich statt dessen vor mir habe, strahlt trotzdem recht begeistert zurück, er ist sich nämlich nicht mehr sicher mit dem Weg. Ich mir auch nicht, die letzten 100 Meter habe ich ja irgendwie nur auf den imaginären Steffen geschaut. Ich beschließe frohgemut, einfach nochmal ein Stück zurückzugehen bis zum letzten Pfeil und dann nochmal aufmerksamer zu schauen. Mein neuer Mitpilger ist die Via schon mal gelaufen und ist sich sicher, dass es bis hierhin richtig ist. Vielleicht ist es einfach noch zu früh am Morgen oder ich habe wirklich meinen einsamkeitsnötigen Tag oder mich nervt sein „letztes Jahr auf der Via“ in jedem Satz, jedenfalls macht er mich ganz hibbelig. Ich habe das Gefühl, ihm erstmal hieb- und stichfest plausibel machen zu müssen, warum ich da jetzt zurückwill, wo er sich doch sicher ist. Zum Glück kommt ein Auto entlanggefahren, und der Fahrer zeigt rigoros mit seinem Daumen hinter sich.

Dummerweise klebt der Gute in meinem Windschatten bzw. zieht auch nicht an mir vorbei, wenn ich mich in ein Schneckentempo fallen lasse. Und ganz dummerweise erinnert er mich haargenau an den Antipilger aus „Saint Jacques – Pilgern auf Französisch“. Er weiß alles besser, ist pingelig penibel und irgendwie feinfühlig wie eine Dampfwalze. Bzw. vermutlich meint er es einfach gut und denkt, diese verschüchterte Pilgerin muss er jetzt in ein Gespräch verwickeln und ich taue schon irgendwann auf. Als das nicht fruchtet, konzentriert er sich auf das Pfeifen eines Liedchens, passend zu seinem rhythmischen, lauten Geklackere seiner Teleskopstöcke. Ja, auch Teleskopstöcke auf Asphalt habe ich hier auch der Via de la Plata dankenswerterweise bisher noch nicht gehört.

Irgendwann schleiche ich dann doch so langsam, dass er mich ein paar Meter überholt. Ich lasse mich begeistert in einen kleinen Seitenweg fallen zu einer weiteren Frühstückspause, bis er außer Sichtweite ist. Wenn mich jemand in ein Gespräch verwickeln will, kann ich ja noch erklärend dankend ablehnen, aber was soll ich denn machen, wenn jemand einfach begeistert in meiner Nähe mit seinen Stöcken rumklackert?

So finde ich dann wieder meine Ruhe und Einsamkeit und laufe im Sonnenaufgang Richtung Prosérpina Stausee Naherholungsgebiet. Als der Blick darauf frei wird, liegt zur Rechten ein unglaubliches Mohnfeld. Ich stürze mich begeistert die Böschung hinunter und habe Glück, keinen Schaden zu nehmen.

Wenn man bedenkt, dass ich zu Beginn des Weges schon querfeldein geprescht bin, wenn ich nur in der Ferne eine einzelne Mohnblüte gesichtet habe… zum wiederholten Male dämmert mir der Sinn einer Digitalkamera mit der Möglichkeit, im Nachhinein zu löschen.

Der Stausee selber besticht nicht durch stimmungsvolle Atmosphäre, da an allen Ecken und Enden gebaut wird. Ich bin hin- und hergerissen, wo der Weg wohl langgeht und ob ich einfach durch die frisch abgesteckten Wege laufen darf oder nicht. Es ist ein etwas mühsames Zögern, alle paar Meter dann doch wieder ermutigt durch einen weiterwinkenden Bauarbeiter.

Pfeile sehe ich die ganze Strecke am See lang keine mehr, und irgendwann schaue ich dann doch mal wieder in meinen Führer, um zu überprüfen, wie lange ich da überhaupt entlanggehen soll. Auf halber Strecke scheint ein Weg abzugehen, aber ob ich den Abzweig schon erreicht habe oder schon drüber hinaus bin, who knows. Kein Pilger in Sicht, kein Mensch in Sicht, erst recht kein Pfeil. Ich stehe ziemlich verloren und unschlüssig im Nichts und versuche, aus dem Führer schlau zu werden. Rechts soll ein weißes Gehöft auf einem Hügel liegen. Vor mir liegt ein definitiv Braunes auf einem Hügel, aber das hilft mir auch nicht weiter. Ich laufe wieder ein wenig zurück zu den Baustellen, wo ein Kranführer in die Richtung winkt, aus der ich gekommen bin. Ich kann das gar nicht haben, keine Ahnung zu haben, wo und wohin ich da stapfe.

Ich beschließe, einfach mal diese Straße zu nehmen und das braune Gehöft als das anzunehmen, was im Führer als weiß beschrieben ist. Ich trotte missmutig und wenig überzeugt den Weg lang, mit dem Blick im Führer, denn „jetzt heißt es, auf ein weißes Haus links zu achten“. Arg. Nichts passt zusammen, aber nach einer gefühlten Ewigkeit kommt dann doch ernsthaft eine Abweigung nach links, die die Straße verlässt und endlich wieder einen gelben Pfeil trägt. Ich bin aus unerfindlichen Gründen total erschöpft und entnervt und mache erst einmal ausgiebig Pause auf einem riesigen, moosbewachsenen Stein inmitten von Korkeichen.

Die Landschaft versöhnt mich recht schnell wieder. Nach den vielen weiten Viehweiden der letzten Tage hatte ich schon befürchtet, gar keine Korkeichen-Dehesas mehr zu Gesicht zu bekommen. Zudem ist das Wetter heute noch absolut perfekt, zum ersten Mal wolkenlos und sonnig. Schade höchstens, dass ich für meine Kamera nur 3 Filme mitgenommen habe und 90% schon verknipst sind (weitgehend mit unscharfen Aufnahmen einzelner Mohnblüten im Regen).

Gegen Mittag erreiche ich Aljucén, das Etappenziel derer, die heute kürzer laufen wollen. Ich habe mich ja für die knackige Herausforderung entschieden, heute 34 und morgen 38 km zu laufen. Was heißt entschieden, ich laufe einfach stur die Etappen meines Führers und komme jetzt nicht mehr umhin, etwas ambitionierter mitzugehen.

Zum Glück hat es hier einen Brunnen, an dem ich nochmal alle verfügbaren Wasserflaschen (und somit stolze 2 1/2 Liter) nachfülle. Die plötzliche Hitze und Sonne ist mir etwas suspekt. Es hat sogar einen Laden, in dem ich nach einem Film frage. Leider Fehlanzeige. Und Nahrungsmittel habe ich ja dank des gestrigen Wunderladens noch genug im Rucksack.

Vor mir auf dem Weg müht sich ein weiterer Pilger mit weißhaarigem Zopf durch die Mittagshitze auf die kommenden 4 1/2 Stunden Weg. Ich bin ziemlich schlapp, irgendwie zermürbt die Aussicht, dass es noch so weit ist. Immer öfter mache ich eine Pause, um auch wieder abzukühlen. Der Weißhaarige ist ähnlich flott unterwegs, wir wünschen uns sicher 10 Mal gegenseitig im Vorbeilaufen einen guten Appetit.

Landschaftlich wird es wieder wunderschön, es hat weiße Zistrosen, wilde Büsche, seit langem laufen wir auch wieder direkt durch die Viehweiden und nicht nur an Zäunen und Mäuerchen entlang. Und ich habe nur noch 10 Bilder, ein Jammer.

Normalerweise habe ich eine faszinierende Intuition, was die Uhrzeit und die Kilometer angeht. Meist hole ich alle paar Stunden meine Uhr aus der Tasche und liege auf die Viertelstunde richtig. Und merke mir, wie lang es bis zum nächsten markanten Wegpunkt ist. Der ist dann meist wirklich genau dann erreicht, wenn ich 2 Minuten vorher denke, „jetzt könnte ja so langsam…“.

Heute habe ich bereits etwa hundert Mal das Gefühl gehabt „jetzt könnte so langsam…“, gefühlt war ich schon mindestens 3 x nun wirklich 4 Stunden unterwegs. Aber wann immer ich auf die Uhr schaue, ich bin gerade eine Viertel Stunde weitergekommen. Von Alcuéscar völlig zu schweigen, ich habe noch nicht mal das Wegkreuz, das nach 3 Stunden kommen soll. Ich komme überhaupt nicht vom Fleck und werde auch nicht wirklich frischer und schneller. So langsam mache ich wohl alle 10 Minuten erschöpft eine immer längere Rast. Meinen Füßen geht es gut, aber die Hitze macht mir zu schaffen, vor allem ist meine Motivation völlig hinüber.

Vor lauter Verzweiflung konsultiere ich schon wieder meinen Reiseführer. Ich kann es kaum glaube, dass es von meinem Tor zu einer Hochebene immer noch 1 Stunde bis zu dem Wegkreuz und immer noch über 2 Stunden bis Alcuéscar sein sollen. Der Weg zieht sich noch endloser, geht schnurgeradeaus, es hat weder landschaftliche Abwechslung noch Schatten in irgendeiner Form. Rechts und links ist der Weg direkt eingezäunt, ich kann nicht einmal mehr meine erschöpften Pausen im Schatten machen. 2 Liter Wasser habe ich schon weg, ich muss rationieren, dabei wird es immer heißer. Ich schwitze nicht mehr, mein Kopf entwickelt einfach trockene Hitze, mir ist schwindelig und meine linke Kopfhälfte pocht. Entweder, ich bekomme einen Hitzeschaden oder Migräne. Beides geht gerade gar nicht. Ich brauche dringend eine Pause im Schatten und bin fast schon geneigt, mich in den extrem spärlichen Schatten eines Zaunpfahls auf den Boden zu setzen. In der Ferne taucht ein segensreicher, großer Baum ein, der nicht einmal eingezäunt ist. Als ich mich völlig erschöpft darunter plumpsen lassen will, rascheln mindestens drei Schlangen weg. Ich gehe weiter.

Ich bin total verzweifelt. Laut meiner Uhr ist die Stunde schon längst rum, von meinem Gefühl her mindestens das dreifache. Trotzdem kommt kein Wegkreuz weit und breit. Überhaupt geht überhaupt nichts voran. Was ist das hier für ein Spiel?! Ich kann nicht mehr und fange zu heulen an. Irgendwie gebe ich auf und denke intuitiv „lass doch endlich dieses Kreuz kommen“. Im nächsten Augenblick erscheint in der Ferne das Steinkreuz. Dort hat es auch einen riesigen Baum mit Schatten.

Nach einer Pause mit meinem letzten halben Liter Wasser und meinen letzten Vorräten (ich bin dankbar für meine übertriebene Vorratshaltung und somit einige letzte Bizcochos) habe ich nicht nur wieder einen im wahrsten Sinne des Wortes kühlen Kopf, plötzlich wieder eine Kraft in den Beinen und im Geist, sondern auch ein ganz komisches, unbeschreibliches Gefühl. Ich gehe wie neu geboren, neu belebt, wie auf Wolken, wie von einer unsichtbaren Hand begleitet. Eigentlich ist das nichts ungewöhnliches für mich auf dem Camino, habe ich doch eigentlich Gott schon mehrmals sehr präsent bei mir gespürt. Allerdings noch nicht dieses Jahr, noch nie auf der Via de la Plata, wenn man von dem kleinen Moment eines Sonnenstrahles vor einigen Tagen mal absieht. Ich lasse den bisherigen Weg Revu passieren. Das typische Caminogefühl hat sich bei näherer Betrachtung nie eingestellt, und trotzdem waren es rundum schöne Tage. Die Landschaft hier ist wunderschön und erdend, die Herbergen waren paradiesischer Luxus, die kleinen Minietappen auch. Meine Füße sind zart und unbeschadet, als wäre ich noch keinen Kilometer gelaufen, und Krisen und Verzweiflungen habe ich auch noch nicht erlebt. Nicht an mir selber, und auch nicht an Mitpilgern. Die überwiegend älteren, routinierten Pilger hier haben einfach keine „Anfängerprobleme“ wie Blasen und Zweifel an Etappen und ihrer Leistungsfähigkeit. Die meisten wirken komplett gefestigt und scheinen auch in ihrem Leben weitgehend Frieden gefunden zu haben. Keine heitere Mischung aus Sinnsuchenden, die sich nicht anders zu helfen wissen, als es mit dem Camino zu probieren, völlig überfordert von den läuferischen Anforderungen und erst recht unsicher; erst am Anfang, ihre Stärke zu finden. Ein Teil dieser Sinnsuchenden zu sein, sich treiben zu lassen zwischen Verzweiflung und Sorgen, sich aber auch wunderbar aufhelfen zu lassen von Mitpilgern und eventuell einer höheren Macht, das war mein Caminogefühl, das macht für mich den Camino aus. Die ganze Zeit über haben mir wohl die langen Etappen gefehlt, das über meine geglaubten Grenzen hinausgehen. Dort mit Unsicherheit konfrontiert zu sein, alleine nicht mehr weiterzuwissen, in diesen Momenten völlig hilflos offen zu sein für Hilfe und kleine Wunder. Für mich fügen sich mit dieser Erkenntnis viele Puzzleteile zusammen.

Von da ab läuft es sich plötzlich beschwingt und wie von selber. Die verbleibende Zeit erscheint verschwindend gering im Vergleich zu dem, was ich schon bewältigt habe. Zudem ziehen beruhigend ein paar Wolken auf, die mich faszinierenderweise auch nicht ernsthaft beunruhigen, als sie sich zu dunkelsten Gewitterwolken mausern. Dass der Ort, den ich endlich erreiche, nicht Alcuéscar ist und mich auf der Anhöhe der Sturm wirklich fast schon umbläst, stört auch nicht. Es geht nochmal einige Kilometer weiter. Dann kommt wieder ein Ort in Sicht, ich bin schon freudig erleichtert. Da taucht weiter hinten am Berg oben noch eine viel größere Ansiedlung auf. Ich muss etwas schlucken, langsam bin ich körperlich doch etwas am Nicht-mehr-ganz-flüssig-gehen, aber ich bin von einer Gelassenheit und Dankbarkeit beseelt, die beachtlich ist.

Meine wunderbare Stimmung wird nicht unnötig auf die Probe gestellt, der Weg biegt wirklich in den kleineren Ort ab. Er mündet auf die Fahrstraße, und ich bin wenige Meter vor den ersten Häusern, als das sich lang ankündigende Gewitter losbricht. Bei aller Liebe, ich komme nicht umhin, „och nö…!“ zu denken, es schüttet derart wolkenbruchartig, dass ich sicher patschnass bin, bis ich die Rucksackhülle draußen habe. Ich beschließe zu rennen. „Bitte mach, dass es das erste Haus ist“. Ich hechte um die Ecke und in ein Albergue-Schild.

Eine freundliche Französin, die sich etwas überrascht aus meiner Hechtlinie rettet, entpuppt sich als Hospitalera und leitet mich einige Treppen hinauf in die eigentliche Herberge. Ich bin schon sehr gespannt, verspricht diese Herberge in einem Konvent mit Behindertenheim doch wieder endlich ein bisschen caminotypischer zu werden. Mit Messe und gemeinsamem Abendessen.

Die Französin lacht ein bisschen ironisch, als ich ihr sage, woher ich komme. Als ob sie es mir nicht glauben würde. Die restliche Gruppe scheint ausschließlich von Aljucén gekommen zu sein. Im Schlafsaal sind fast alle Betten belegt, aber kein Pilger weit und breit. Wahrscheinlich sind alle schon seit Stunden da und entsprechend in den Ort ausgeflogen.

Die Französin ist bei näherem Hinsehen gar keine Französin, sondern Spanierin, spricht aber beides sehr fließend. Ihr Mann steht am Fenster; wie sie mir erklärt machen sie das immer, man hat da einen weiten Blick auf den Camino und sieht immer rechtzeitig, wenn ein Pilger im Anmarsch ist. Jetzt gibt er seine Position auf, mehr würde heute wohl nicht mehr kommen. Ich erkläre, dass da noch ein ganzer Haufen kommt, ich bin ja fast die erste, die aus Mérida gestartet ist. Der ganze Pulk kommt erst noch. Stimmt, selbst Steffen habe ich den ganzen Tag heute nicht getroffen. Eigentlich war ich recht sicher, dass er mich nach ein paar Kilometern ohnehin einholen würde.

Ich dusche und wasche überglücklich, gehen schnell einkaufen und beziehe dann meinerseits Position am Fenster, um nach Steffen und den anderen Ausschau zu halten. Der Wolkenbruch war nur von kurzer Dauer, es ist schon wieder trocken, aber vielleicht haben sie sich derweil irgendwo untergestellt und besseres Wetter abgewartet.

Ich schreibe Tagebuch, während die Pilger vom Einkaufen und Stadtbummeln zurückkommen. Seltsamerweise ist hier eine ganz andere Zusammensetzung und Stimmung als bisher. Fast alles sind ältere, schwäbische Ehepaare, und nachdem auch die Herberge einen sehr gutbürgerlichen Wohnzimmercharme hat, fühle ich mich in unserer Sofaecke sehr wie zu Hause. Wenn auch nicht auf eine besonders angenehme Art.

Mein weißbezopfter Weggefährte trifft ein, und mein Antipilger mit den Klapperstöcken ist auch schon lange vor mir angekommen. Er spricht mich natürlich prompt noch drauf an, ob ich ihm am Morgen denn nicht vertraut hätte und ob ich nochmal zurückgegangen wäre.

Die zwei Holländer, die heute morgen in der Herberge mit Stirnlampe gepackt haben, lassen sich recht erschlagen zum Schuhe ausziehen auf den Boden fallen. Ich bin erleichtert, dass nicht nur mir diese eigentlich albernen 34 km lang erschienen sind. Der eine meint sehr entschieden „nie und nimmer 34!“. Er kramt seinen Schrittzähler heraus. Der zeigt 36 km. Na ja, das macht es auch nicht mehr fett. Ich hätte mindestens 50 erwartet, um meine heutigen Kapriolen zu erklären. Beim Einchecken erklären sie der Hospitalera, dass sie die letzten auf der Strecke waren, nach ihnen kommt nichts mehr. Ich bin eine Mischung aus ungläubig und entgeistert. Steffen fehlt doch noch. Wobei ich langsam seit über zwei Stunden hier bin und unterwegs doch so geschlichen bin. Steffen ist meistens wirklich deutlich schneller. Mir kommt der Gedanke, dass er vielleicht in Aljucén geblieben sein könnte. Wir haben uns gestern überhaupt nicht abgesprochen oder verabschiedet, ich war so sicher, dass er auch bis Alcuéscar läuft. Ich bin etwas geschockt.

Gegen 7 treffen wir uns vor der Herberge zur Pilgermesse bzw. vorher einer kleinen Führung. Die Hospitalera teilt Gruppen ein, und nachdem ich ja „als Schweizerin“ „wie jede Schweizerin“ „5 Sprachen fließend spreche“, werde ich der französischen Truppe zugeordnet mit der Bitte, auf Englisch zu übersetzen. Jetzt bin ich erst recht geschockt. Glücklicherweise entpuppt sich der einzige Englishman als französischsprachig, braucht also keinen Dolmetscher, sodass ich der deutschen Gruppe nachspringen darf.

Wir bekommen den Konvent gezeigt und die Institution erklärt. Hier kümmern sich die Padres ohne staatliche Unterstützung um Arme und Behinderte, einzig mit Hilfe von Freiwilligen aus dem Ort und Nahrungsmittelspenden, die als Überschuss bei Firmen oder Festessen anfallen oder von der Haltbarkeit nicht mehr verkauft werden können. Eigentlich alles sehr schön und lobenswert. Mir ist trotzdem irgendwie unwohl. Zum einen schon in der rein deutschen Meute, die unisono jeden zweiten Satz mit „oh wie schön!“, „ach, dass ich toll“, „och, vorbildlich!“ kommentiert. Selbst die Erklärung der Müllentsorgung würde wahrscheinlich einen bewundernden Begeisterungsschwall nach sich ziehen. Das ist mir irgendwie too much und übertrieben. Zudem habe ich ein wenig Berührungsängste mit den Behinderten, von denen einer zum Beispiel gedankenverloren alle paar Sekunden ein paar Hüpfer vor sich hinmacht. Ich kann mich schwer konzentrieren, als er wenige Millimeter vor mir vor sich hinhüpft; ich weiß irgendwie nicht, was ich machen soll und bin etwas unbeholfen.

Restlos begeistert geht es dann durch das Heim selber, es ist „so wunderbar sauber!“ und „hat sogar Fenster, wie schön!“. Ich fühle mich nur weiter sehr unbeholfen angesichts der vielen Leute, die hier rumlaufen und einen anstarren, angrunzen oder fast durch einen hindurchrennen.

Die Messe hält ein etwas mürrisch wirkender Pfarrer, der den vielen Deutschen zuliebe auf Latein predigt. Ich denke noch „häh? Was sollen wir denn damit? Das versteht dann ja gar keiner mehr?“, aber lustigerweise können das wirklich alle hier gebetsmühlenartig. Außer mir. Außer dem Vater Unser erkenne ich wenig.

Das absolute Highlight ist ein junger, dunkelhäutiger Hermano mit Gitarre, der mit uns in den Reihen sitzt und zwischendurch ein paar Lieder schmettert. Mit einem Schlag werde ich erinnert an die peruanische Hermana in Carrión de los Condes, die auch so wunderbar gespielt und gesungen hat. Es klingt, als wäre es das gleiche Lied. Es hat mich damals schon sehr bewegt, und ich habe oft versucht, es im Internet zu finden, aber ohne Erfolg.

Glücklicherweise bewegt es mich hier nicht ganz so stark, ein Gefühlsausbruch wie damals wäre hier wohl etwas fehl am Platze. Zum Schlusslied stürmen meine Mitpilger schon begeistert die wunderbare Einrichtung lobend hinaus Richtung Essen. Ich muss mich ihnen eigentlich anschließen, weil ich nicht weiß, wohin es geht, aber ich kann doch nicht mitten in diesem wunderbaren Schlusslied einfach gehen. Ich bin ziemlich hin- und hergerissen. Der Hermano singt so unheimlich schön und kraftvoll und eben auch wieder mit so ganz viel „mehr“ in der Stimme, dass ich schon halb im Gang, doch nochmal in der Tür stehenbleibe. Ich schaue wohl ganz verzückt. Als er zwischendurch kurz die Augen aufmacht, guckt er zielsicher zur Tür und lächelt zurück. Als er fertig ist, springe ich doch nochmal kurz hin und frage ihn, wie das erste Lied geheißen hat und ob man es wohl im Internet finden kann. Er meinte lächelnd „sicher“, aber den Liedtitel raffe ich überhaupt nicht. Er fragt, ob er es mir aufschreiben soll. Super Idee, nur haben wir nichts zum Schreiben. Ich krame hektisch einen Zettel aus meiner Tasche, den ich etwas zu spät als den Kassenzettel meiner Ohrringe identifiziere. Das schickt sich ja irgendwie erst recht nicht (wobei einen Hermano um Liedtitel fragen vermutlich auch schon etwas grenzwertig ist). Er vertröstet mich „un momento“, löscht die Kerzen und sammelt die Hostien ein, um dann einen Stift zu organisieren und quer an die Wand gelehnt meinen Kassenzettel zu beschriften. Mit „Vine alabar a Dios“ und von einem wunderbar magischen Lächeln begleitet bedanke ich mich schnell und spurte dem letzten sichtbaren Pilger in der Ferne der Gänge hinterher.

Ich bin irgendwie etwas erschlagen von dem heutigen Tag. Ich sitze etwas verschüchtert in meinem neuen Pilgergrüppchen, ich kenne keine Menschenseele und will daran irgendwie auch nichts mehr ändern. Ich brauche ein bisschen Ruhe, um die intensiven Erlebnisse heute auf mich wirken zu lassen. Dieser Moment mit dem Steinkreuz und eben dieser atemberaubende Hermano, irgendwie ist da Gott wieder recht vehement in Erscheinung getreten.

Die Suppenteller werden wieder abgetragen, heute wurde wohl keine Suppe gespendet. Dafür gibt es Nudelsalat, Brot, Schinken, ein Fischstäbchen für jeden und einen Riesenklotz Käse. Mit dem Wissen um die knappen Verfallsdaten schmecken meine Geschmacksknospen Wunderliches.

Neben mir sitzt ein sehr gepflegter, weißhaariger Mann. Wir kommen ins Gespräch, er ist auch aus der Schweiz. Woher, will ich wissen. Er meint, das würde man eh nicht kennen. Nach einigem Einkreisen und Nachfragen stellt sich heraus, dass seine Frau Kundin in meiner Arbeitsstelle ist. Er kann es gar nicht fassen. Zufälle gibt es wirklich. Er fand den Tag heute nicht schlimm und kommt auch von Mérida. Allerdings hat er „die ersten Meter“ bis zum Stausee ein Taxi genommen.

Nach dem Essen waschen wir noch ab, ich bin allerdings wenig kommunikativ. Erst beim Versorgen meiner Kontaktlinsen anschließend im Waschraum rede ich doch noch ein bisschen mit einer ebenfalls kontaktlinsenversorgenden, ebenfalls sehr großen Deutschen. Sie ist nett, aber ich bin heute einfach etwas platt.

Uns graut beiden vor der Nacht. Die Betten sind unglaublich durchgelegen; als ich mich hineinlege, schaue ich ganz verdutzt aus der Wäsche. Ich fühle mich, als ob ich sitzen würde, so tief hängt mein Körperschwerpunkt durch. Ich stopfe mir eine zusammengefaltete Wolldenke unter die Hüfte, um das allerschlimmste auszugleichen; außerdem rolle ich mich ganz klein zusammen und hoffe, dass morgen weder meine Wirbelsäule weh tut noch meine heute doch etwas steifen Füße und Beine streiken.

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