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Archive for Januar 2011

Nach einer allein schon stundentechnisch recht langen Nacht mit vielen Wachphasen, vielen Gebeten und viel gefühltem dicken Bein wache ich morgens zumindest ein Stück weit beruhigt und geerdet auf. Vielleicht habe ich wieder einen Muskelfaserriss, vielleicht ist damit Ende mit Laufen, aber mir bricht damit ja keinerlei Welt zusammen. Die Compostela brauche ich eh nicht, wollte ich diesmal ja ohnehin nicht unbedingt. Die Strecke kenne ich, Bus genommen habe ich dieses Mal auch schon. Mir bricht wirklich kein Zacken aus der Krone, wenn ich nun nochmal abkürzen muss. Vermutlich ist es etwas anderes, wenn man von weit her kommt, sich mit dem Camino einen Lebenstraum erfüllt, seit Wochen oder Monaten unterwegs ist und einfach um jeden Preis manierlich pilgernd Santiago erreichen will. Insofern tangiert mich auch mein immer noch dickes und treppenunwilliges Bein heute am Morgen nicht so besonders.

Ich frühstücke mit einer Amerikanerin und einer Kanadierin. Während mein Frühstücksluxus daraus besteht, dass ich zu einem süßen Teilchen einen lauwarmen Pfefferminztee aus der Mikrowelle trinke, bevölkern die beiden den halben Tisch mit fröhlichem Müsli-Geschnibbele. Aus einem halb-Kilo-Beutel kommen Haferflocken, dazu eine halbe Birne, halbe Banane und ein halber Apfel, plus diverse Milch-Produkte. Der Rest wird wieder sorgsam zugeklebt eingepackt. Ich bekomme akut ein schlechte-Ernährung-schlechtes-Gewissen und bin ganz baff, was die so alles mitschleppen. Im letzten Moment fällt mir ein, dass eine der beiden ihren Rucksack transportieren lässt. Ich bin beruhigt und verschiebe die Vollkornflocken mit gutem Gewissen auf nach meiner Heimkehr.

Nachdem ich beintechnisch doch etwas verunsichert bin, frage ich die beiden, ob sie denken, dass das normal ist. Die Amerikanerin guckt mich fast entgeistert hat, ja natürlich, nach den Bergen, ihnen würden auch total die Beine weh tun. Bei jedem Schritt die Treppe hinunter, und sie macht eine nette allgemeinverständliche Untermalung mit ihrer Gesichtsmimik dazu. Für einen Moment frage ich mich, wie doof ich eigentlich mal wieder bin, Muskelkater nach einem Abstieg kenne ich doch eigentlich wirklich. Es überwiegt aber einfach die Erleichterung.

Derart erleichtert mit schlichtweg etwas Muskelkater in den Waden mache ich mich auf den Weg. Zu meinem ehemals so heißgeliebten Hannah Montana Schirm habe ich mittlerweile ein leicht gespaltenes Verhältnis. Die Motivation, darunter trocken begeistert durch die Gegend zu spurten, war vielleicht etwas kontraproduktiv. Am Abzweig zum Camino Duro ringe ich für einen Moment mit mir. Zu gern würde ich ihn doch wieder laufen, nachdem ich nun ja gar nicht wirklich lädiert bin. Allerdings habe ich bei meinen nächtlichen Gebeten versprochen, in Zukunft sorgsamer mit mir umzugehen, auf den Camino Duro zu verzichten und auch immer schön brav Pausen zu machen, wenn es nur wieder ein bisschen besser wird. Vermutlich sollte ich mich an meine eigenen Bedingungen halten.

So marschiere ich sehr wehmütig die stinklangweilige Straße entlang. Es zieht sich endlos, dank des üblichen Nebelregens ist alles grau in grau, und ich ahne zu sehr die Sonne und das erhabene Gefühl in der Höhe.

In Pereje mache ich brav meine erste Viertelstunde Pause, in Trabadelo gleich die zweite. Diese Form des auf sich Achtgebens macht Spaß und ist ein gutes und neues Gefühl. Achtgebenderweise packe ich meine Füße aus und höre in mich hinein, ob es ihnen auch gut geht. Tut es, nichts drückt oder reißt. Zur Vervollständigung der Kontrolle gucke ich mir noch interessehalber mein Problembein an – und kriege einen Riesenschreck. Ich bekomme die Hose kaum mehr über die Wade, das Ding ist monströs angeschwollen und scheint locker einen Liter mehr als sonst zu fassen. Jegliche Überlegungen, ob mir das nur mal wieder so scheint, erübrigen sich beim Anblick der Venen, die ich sonst nie sehe, und die nun dick an der Oberfläche heraustreten wie Krampfadern auf einem übervollen Euter. Wie ein dickes, bleiches Euter sieht mein Bein ohnehin aus, und mir wird so richtig schlecht. Muskelkaterlogik in allen Ehren, aber da ist wieder etwas mehr als kaputt, und sofort kommen mir auch wieder Zweifel, ob das vor 1 1/2 Jahren wirklich ein Muskelfaserriss war oder doch etwas mit den Venen. Ich kriege hellauf Panik, vor allem angesichts des Sonntags und morgendlichen Feiertags in dieser Ansammlung von kleinsten Kuhkäffern.

Ich bin wie betäubt, kann keinen klaren Gedanken fassen, mir wird nur immer schlecht, wenn ich daran denke, was ich da links vom Knie abwärts habe. In meinem Kopf jagen sich alle möglichen Gedanken, ob ich nun zu einem Arzt muss, wo sich wohl einer finden könnte, ob ich besser nach Villafranca zurückgehe, ab wo ich einen Bus über die Berge nehmen kann. Ich erinnere mich, an Vega de Valcarce mal mit einem Bus vorbeigefahren zu sein. Aber zuerst muss ich wissen, ob dieses Riesenbein gefährlich ist, und das kann mir in Vega de Valcarce sicher niemand sagen. Ich schwanke zwischen Weitergehen bis Ruitelán, wo es in der Herberge einen besorgten Hospitalero mit Kenntnissen in Shiatsu und Homöopathie geben soll. Der käme mir gerade richtig, könnte mir vielleicht sagen, was das ist oder noch besser, mich gleich mit dem passenden Kügelchen oder rätselhaftem Griff wunderheilen. Die andere Alternative hieße wie geplant La Faba, wo auch der Österreicher absteigen will. Auch ihm traue ich einen wundersamen Massagegriff zu, notfalls würde ich mich auch mit seiner mysteriösen Urschrei-Therapie kurieren lassen oder mich von mir aus den ganzen Abend über irgendwelche Bodenplattenlinien bewegen, um verschiedene Energien aufzunehmen und abzuleiten. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob er wirklich dort stoppt. La Faba ist weit, es geht vor allem den Berg hoch, und dort sitze ich dann ohne jegliche Busverbindung mitten am Berg und muss am nächsten Tag zu Fuß über O Cebreiro. Mein völlig rotierendes Hirn entschließt sich für den Wunderhospitalero in Vega de Valcarce – Nähe.

Ich bin völlig kläglich und wirr und panisch besorgt, als ich irgendwann in Ruitelán ankomme. Es ist gerade 13.00 Uhr, laut Zettel an der Herberge Öffnungszeit. Ich trete etwas zaghaft ein und löse ein lautes Glockengeläut aus. Nach einer Weile erscheint ein Mann im Türrahmen, und als ich schüchtern frage, ob schon offen wäre, brummelt er vor sich hin, dass ich sonst ja wohl nicht da wäre. Halleluja. Ich bin noch verzagter und frage ganz sicher noch nicht wegen meines Beins.

Ich suche mir ein Bett in der noch leeren Herberge aus und dusche. Danach setze ich mich in den Aufenthaltsraum mit Blick auf die regnerische Straße und lese im Gästebuch. Demnach ist die Herberge, die Hospitaleros und vor allem das Essen der Hammer. Beruhigend. Ich beginne mit meiner Bändelmeditation, um meine Gedanken wieder ein bisschen unter Kontrolle zu bekommen. Momentan habe ich nicht nur ein dickes Bein, sondern vor allem einen total unkontrolliert sorgenden Kopf.

Wildes Glockengeläut kündigt die nächste Pilgergruppe an. Der Hospitalero schält sich aus dem Untergeschoss, ähnlich überschäumend wie bei mir. Eine etwas übermotivierte Pilgerin fragt hektisch, ob es hier eine Holländerin hätte. Der Hospitalero antwortet tonlos „nein“. Die Pilgerin erklärt, dass sie nämlich auf eine wartet und die hier sein müsste und und und. Nachdem auch ein weiteres tonloses „nein“ nicht zur Einsicht führt, poltert er, dass es hier exakt einen Pilgerin hätte, die wäre nicht holländisch, und dann sollten sie eben verschwinden und ihre Holländerin wo anders suchen. Glockengeläut Tür zu. Oha, ich frage erst recht nicht wegen meines Beins.

Eine halbe Stunde später klingelt es erneut, diesmal höre ich vom Gang bemühtes spanisches Radebrechen mit recht beeindruckendem Akzent. Die eh schon etwas schrille Pilgerin erkundigt sich sehr höflich nach den Herbergsmodalitäten und ob es eine Küche hätte. Auf ein tonloses „nein“ schraubt sie überrascht ein paar Tonlagen hoch und wiederholt etwas zu häufig und zu laut ungläubig „no hay cocina?!“. Wieder platzt dem Hospitalero schier der Kragen, und er bringt sie mit einem ähnlich lauten „NO HAY COCINA!!!“ dann wirklich zum Schweigen. Ich male mir schon gar nicht mehr aus, nach meinem Bein zu fragen.

Der nächste Wutanfall schwebt beim nächsten Klingeln im Raum, nachdem zwei neue Pilger eintreffen und auf ein Riesenchaos im Flur treffen. Die Französin hat den Hinweis, nasse Sachen im Flur zu lassen, etwas zu wörtlich genommen und liebevoll alles auf den Bänken und dem Boden ausgebreitet. Ich sitze höchst kleinlaut einfach friedlich bändelknüpfend auf meinem Klappstuhl und hoffe, nicht irgendwie in Ungnade zu fallen. Die beiden Neuankömmlinge sind jung und auf den ersten Blick ein klarer Fall von Caminoliebe. Die Nationalitäten lassen sich schwer ausmachen. Der Mann spricht perfekt Spanisch, die Frau auch sehr gut, aber untereinander reden sie Englisch (auch das recht perfekt, aber zumindest sie wohl auch nicht muttersprachlich). Sie beschließen, jetzt erstmal Mittag zu essen. Hinter meiner Tür wird mir ganz anders, ich suche intuitiv eine Fluchtmöglichkeit. Nach idyllisch zarter Bande neben mir ist mir heute grad gar nicht, zumal es mir jedes Mal etwas weh tut, diese Caminopärchen zu sehen. Wenn ich Bestandteil eines solchen war, habe ich mir nie Gedanken gemacht, wie das auf die anderen Pilger gewirkt haben mag. Nun aus der außenstehenden Sicht fällt mir viel eher auf, welch eine uneinladende Mauerwirkung sich um zwei Menschen rankt, die nur Augen und Schwingungen füreinander haben. Meist habe ich eh schon Hemmungen, so jemanden anzusprechen, und noch erst recht, wenn die Damenkomponente sich wie ein Platzhirsch aufführt.

Mir ist also schon höchst unwohl, als die Tür aufgeht und sich die beiden schwer bepackt am Tisch ausbreiten. Die Damenkomponente erkenne ich wieder, ich bin ihr in Molinaseca kurz vorgestellt worden. Auch jetzt füllt ihr strahlender Gruß den ganzen Raum, gefolgt von der Entschuldigung, dass sie sich an meinen Namen nicht mehr erinnert. Die männliche Kompontente grüßt weniger und stellt sich erst recht nicht vor, aber kaum haben die beiden mit essen begonnen, fragt Anke aufgeräumt, woher ich denn nun nochmal komme und ob ich wirklich schon 7 Caminos gelaufen bin und welche… ich bin sehr überrascht, derart in das Gespräch eingebunden zu werden. Anke hat etwas sehr, sehr spezielles an sich. Vielleicht sind es die großen Augen, dass allzeit breite, strahlende Lächeln oder die wild abstehenden, blonden Haare, die ihr eh schon ein sonniges Aussehen verleihen. Aber auch alles, was sie sagt, wirkt wunderbar interessiert und offen. Falls sie aus Höflichkeit die augenscheinlich nicht allzu glückliche, einsame Pilgerin in das Gespräch mit einzubeziehen versucht, macht sie das jedenfalls hervorragend, ich fühle mich plötzlich locker und entspannt in ihrer Gesellschaft. Nur Joaquin verunsichert mich etwas. Er sagt nichts, guckt mich nicht an, grinst höchstens etwas schief ab und zu einen schnellen Kommentar zu Anke. Vermutlich ist er nicht ganz so glücklich über den Störenfried in der trauten Zweisamkeit. Ich habe ohnehin ein ganz heftiges Deja-vu; mit seiner Abwesenheit und seinem reichhaltigen Fluchen erinnert er mich unglaublich an Kristian.

Irgendwann richtet er dann doch mal das Wort an mich (allerdings ohne mich näher anzuschauen). Ich wäre ja auch recht schnell, begleitet von einem abwesenden Grinsen irgendwohin auf seinen Teller. Ich kann nicht so recht einordnen, was er damit meint und vermute es als Ironie meines heutigen Tempos. Nein, er meint wirklich, er hätte mich da mal mit einer Koreanerin gesehen. Schnell gelaufen dieses Jahr bin ich selten, und wenn, dann in Einsamkeit mit meinem Regenschirm. Und mit einer Koreanerin erst recht nicht. Doch, doch… er weiß nur nicht mehr, wo. Während ich mit Anke weiterrede und er weiterisst, wirft er alle paar Sekunden irgendeinen Ort ein, an dem er mich gesehen zu haben meint. Mittlerweile ist er sich so sicher, dass er mich sogar fast schon mit triumphierendem Blick direkt anschaut. Allerdings sind es alles Orte irgendwo vor Burgos oder in der Meseta um León herum, wo ich ganz definitiv in einem spanischen Bus gesessen bin. Er verschwindet, um mit seinem Führer zurückzukehren. Während er weiterisst, fährt er mit dem Finger die einzelnen Orte ab. Er sucht ernsthaft noch nach dem Ort, wo er mich gesehen zu haben meint. Ganz sicher verwechselt er mich, ich habe ihn schließlich noch nie gesehen, aber nein, nein, nein, er sucht geistesabwesend weiter. Nach vielen weiteren Orten in der Meseta produziert er mit einem Mal strahlend etwas hinter Astorga heraus, ich hätte mit einer Koreanerin vor einer Kirche gesessen. Gesessen, na gut, das dämmert mir. Das war You-Seok vor Rabanal, als wir vor der englischen Herberge gewartet haben. Und mit einem kleinen Schrecken dämmert mir, dass Joaquin der gewesen sein könnte, der etwas begriffsstutzig nach einer Herberge gefragt hat und dem ich unter Nachwirkung der argentinischen Dramaqueen vermutlich etwas zu resolut die Beschilderung gezeigt habe. Mir schließt sich der Kreis, ich bin also nicht schnell im Sinne von hoher Geschwindigkeit, sondern schnell im Sinne von mit langen Tagesetappen unterwegs. Joaquin lächelt höchst befriedigt vor sich hin, und ich scheine sogar minimal in seiner Gunst gestiegen zu sein, jetzt, wo er mich passend einordnen kann.

Es klingelt, diesmal kommen zwei Spanier, die sich glücklicherweise absolut problemlos einfügen und den armen Hospitalero nicht wieder zur Weißglut bringen. Anke kennt beide schon, wieder knipst sie ein besonders strahlendes Lächeln an und bewirkt ein rundum gemütliches „Willkommen zu Hause“-Gefühl. Je länger ich mit ihr spreche, desto mehr muss ich meine Caminoliebetheorie widerlegen. Zwar bewirkt es eine wundersame Verstärkung, wenn sie und Joaquin sich verschwörerisch anstrahlen, aber eigentlich strahlt sie immer derart, ob nun für Joaquin, mich oder die Spanier. Und sie erzählt mir, dass sie verheiratet ist und ihr Mann mit einer Etappe Zeitverzögerung hinter ihr herläuft.

Einer der beiden Spanier trägt eine Brille zur Halbglatze und sieht recht seriös aus. Sein Kumpan ist in meinem Alter, extrem gutaussehend und von einer Fitnessstudio-geformten Modelfigur. Mit einem strahlenden Lächeln sucht er den Boden nach einem Platz ab, wo er seine Isomatte ausbreiten kann, um ein halbstündiges Workout zu starten. Sein Kollege und Anke kennen das schon, anscheinend geht er jeden Tag nach dem Wandern noch einen halbe Stunde durch das Dorf rennen und dann seine Übungen machen. Heute fällt das Rennen ausnahmsweise flach, weil sie sich mehrstündig verirrt haben. Die kleine Runde lacht sich halb kaputt, wie man sich hier verirren kann. Es herrscht eine ausgelassene Stimmung, während Miguel in einer eleganten weißen Trainingshose diszipliniert Liegestützen und Sitzups macht und zwischen konzentriertem Schnaufen noch ab und zu strahlend in die Runde lächelt.

Vor lauter Strahlen und gelöster Stimmung bin ich mittlerweile schon wieder so sortiert, dass ich bei nächster Gelegenheit den Hospitalero abpasse und doch wegen meinem Bein frage. Wie zu erwarten, zeigt er sich moderat enthusiastisch, immerhin poltert er nicht. Dass ich Wasser im Bein habe, kann sicher nicht sein. Und gefährlich kann es natürlich auch nicht sein. Meine zaghafte Frage, ob ich damit weiterlaufen kann, kommentiert er irritiert mit einem tonlosen „natürlich“. Ich falle überrascht aus allen Wolken, und er erklärt etwas gereizt, dass man halt einfach vorsichtig laufen muss, aber dass das kein Problem wäre. Aha, okay, mhm… ich bin etwas überrumpelt und frage noch, was ich da jetzt machen kann. Er guckt eine Mischung aus gelangweilt und gereizt, dass ich doch sicher schon gesehen hätte, wie Pilger Creme auf die Beine tun. Und etwas massieren. Und etwas stretchen. Er guckt mich an, als wäre ich schon ausgesprochen umständlich und schwer von Begriff. Ich bin sehr durcheinander. Grundlegend muss ich mich zwischen zwei Varianten entscheiden, entweder, ich halte den Knaben für kompetent oder für inkompetent. In letzterem Falle, den mein Verstand sehr bevorzugen würde, ist er der Hospitalero der beiden, der keine Ahnung von Shiatsu und Co hat, ich kann nichts auf sein Urteil geben, bin genauso schlau wie vorher und sitze sehr aufgeschmissen ohne schlauen Rat mit einem potenziell gefährlichen Bein da. Und kann den Rest des Tags, die Nacht und die kommenden Tage bis zur nächsten größeren Stadt munter durchdrehen. Oder ich unterstelle ihm Kompetenz, habe demnach kein Wasser in den Beinen, auch sonst überhaupt kein Problem, kann morgen bedenkenlos über mit den höchsten Berg des Caminos, muss nur einfach ein bisschen bedächtig gehen und jetzt ein wenig cremen, massieren und stretchen. Letztere Variante heilt zumindest meinen Kopf mit einem Schlag, und ich beschließe, mich dafür zu entscheiden. Es gelingt mir auch erstaunlich gut.

Den Rest des Nachmittags sitze ich mit der rundum positive Schwingungen verbreitenden Gruppe im Aufenthaltsraum, höre Entspannungsmusik im Hintergrund und creme stundenlang meine halbe Tube Arnikacreme in mein Monsterbein, das ja gar keins ist. Irgendwann steht ein Rotschopf im Flur, er hat die falsche Tür genommen und ist dem Glockengeläut entkommen. Ich klingele noch schnell pflichtbewusst nach. Nach einer englischen Einweisung entpuppt er sich als Deutscher, und nach einer weiteren Stunde kommt zu seiner großen Freude noch sein österreichischer Kollege an, der auch irgendwie nett, vertrauenserweckend und sympathisch aussieht.

Ich erfahre von den Spaniern, dass sie zusammen auf Menorca in einem Club arbeiten (der Bebrillte an der Rezeption, sein Kollege erstaunlicherweise nicht als sportiver Animateur, sondern an der Bar). Aus Joaquin lässt sich eher mühsam herauspressen, dass er Brasilianer ist, in Holland geboren, momentan lebend in Portugal, aber zwischendurch auch in Frankreich, Spanien, Amerika und sonstwo. Er spricht einfach alle Sprachen fließend. Ich muss mich eh schon immer sehr am Riemen reißen, nicht Kristian in ihm zu sehen. Er hat eine sehr anziehende Aura, wie ich sie normalerweise nur bei Seelenverwandten verspüre. Seelenverwandt sind wir aber überhaupt nicht, unsere Kommunikation ist extrem harzig, er schaut mich häufig unverständig und entgeistert an (sofern er überhaupt schaut und nicht irgendwo verträumt die Wand betrachtet). Sein Blick verleiht mir regelmäßig den Eindruck, dass er mich für reichlich bescheuert und retardiert hält. So auch, als ich frage, was er im normalen Leben so mache. Er antwortet der Wand mit verklärtem Lächeln, dass er ein „emotional healer“sei. Ich fühle mich reichlich dämlich, dass ich damit rein gar nichts anfangen kann. Er ist sehr faszinierend, allein von seiner Lebensgeschichte, seinem Wesen und seinem Aussehen. Er erinnert an einen Elf, unglaublich filigran und ätherisch – und auch schon wieder reichlich gutaussehend. Nicht nur dank meines extra beschwerten Monsterbeins habe ich wohl zu viel Bodenhaftung, als dass ich mich problemlos in seine Sphären einfügen könnte. Ich beschließe, mich etwas von ihm fern zu halten.

Anke erzählt mir derweil sehr offen aus ihrem Leben. Beruflich macht sie gerade nichts (sie nimmt nicht etwa eine Auszeit oder ein Sabbatical oder sonstwas klangvolles, sie hat einfach gerade keine Arbeit). Vor ein paar Jahren hatte sie einfach frank und frei ein Burnout und seitdem ihre Balance noch nicht wiedergefunden. Ich bin beeindruckt über die Art, wie sie das völlig selbstverständlich und casual erwähnt. Überraschenderweise gibt es dann doch noch Dinge, die sie aus der Ruhe bringen. Plötzlich läuft sie puterrot an, es wäre ihr furchtbar peinlich, sie hätte es auch noch niemandem gesagt, es wäre wirklich nicht ihre Art, hui, nein, wäre ihr das jetzt unangenehm, sie könnte das kaum aussprechen. Ich mache mich intuitiv auf irgendein Geständnis Joaquin betreffend gefasst. Knapp daneben. Sie hat heute auf dem Weg irgendwo auf einem Straßenschild ein „Ich liebe Dich“ für ihren Mann hinterlassen. Ich bin moderat geschockt.

Heute tun selbst die beiden deutschsprachigen Pilger irgendwie gut. Markus 1 ist fertig studierter Jurist, der einzige bisher, der offen zugibt, dass er ganz dringend rechtzeitig zum Papst ankommen will. Markus 2 ist österreichischer Lokführer. Beide haben sich zufällig zu Beginn des Caminos kennengelernt und laufen seitdem eigentlich zufällig immer die gleichen Etappen. Beide sehen irgendwie sehr vertrauenserweckend aus, sodass ich ihnen meine Beinunsicherheit anvertraue. Markus 2 meint sofort routiniert, dass man in den ersten 48 Stunden kühlen müsse, und wo wir jetzt wohl Eis herbekämen. Er schaut schon geschäftig Richtung Küche. Ich kann abwehren, dass die 48 Stunden wohl schon rum sind. Nachdenklich meint er, dass dann milde Wärme angezeigt wäre, vornehmlich in Form von leichter Bewegung. Er meint auch, dass bedächtiges Wandern morgen voll drin liegt. Mit Markus 1 ist er sich einig, dass da vielleicht ein Muskel angerissen ist, das jetzt eben die Nachwirkungen sind, deswegen aber nichts weiter reißt, sondern Tag für Tag besser wird. Wunderbare Aussichten, und diesmal scheint selbst mein Verstand einverstanden zu sein. Die beiden wirken so seriös und kompetent, ich bin vollends beruhigt.

Plötzlich steht Joaquin frisch geduscht im Raum und fragt Markus 2 irgendetwas wegen einer Unterhose. Der stößt einen spitzen Schrei aus und flüchtet in die Dusche. Wie sich herausstellt, hat er sich nach dem Duschen versehentlich in die Bekleidung des Brasilianers geworfen.

Endlich gibt es gemeinsames Abendessen. Markus 2 hat unterwegs schon gegessen, auch die Französin nimmt nicht teil. Sie liegt den ganzen Tag schon in ihrem Bett. Ich habe ein schlechtes Gewissen deswegen, vor allem, weil sich die Gruppe lautstark darüber lustig macht. Ich fürchte, dass sie auch Englisch soweit versteht, dass sie merkt, dass über sie gesprochen wird. Und so ablehnend Caminopärchen wirken können, so ablehnend wirkt sicher auch eine pausenlos laut wiehernde Gruppe, zumal wenn sie über einen selber wiehert.

Zu Beginn der Mahlzeit hält der Hospitalero eine kleine Ansprache. Diesmal ist es der zweite Hospitalero, den ich automatisch eher als den atmosphärischen Shiatsu-Mann identifiziere. Er ist ein gemütliches, kleines Männchen mit grauen Haaren und dunklen Augen. Mit dunklen Strahleaugen von wieder einmal ganz besonderer Qualität. Kein helles, leuchtendes, ausgelassenes Strahlen und Scheinen wie bei Anke, aber eine besondere, beruhigende, grundlegende Tiefenwärme. Während er spricht, legt er ganz selbstverständlich seine Hände schwer und doch zugleich leicht auf den Schultern des nächstbesten Pilgers ab (der zufälligerweise ich bin). Zwar habe ich hier und heute keine Shiatsu-Massage bekommen, aber geheilt worden bin ich trotzdem. Mein Kopf ist wunderbar ruhig und hat Frieden gefunden – ob durch den Hospitalero, die Atmosphäre der Herberge, die besonderen Leute hier, Ankes wunderbare Art, ich weiss es nicht.

Es gibt eine Riesenschüssel Karottencremesuppe, gefolgt von einer Salatplatte. Als Hauptgericht Spaghetti Carbonara und vegetarische Pilze für Joaquin, zum Nachtisch eine Creme mit Galleta. Ich habe selten so gut, vor allem selten so liebevoll gekocht gegessen.

Die Stimmung der kleinen Tischgesellschaft ist familiär und ausgelassen heiter. Die beiden Spanier sind sehr lustig und mit einer ordentlichen Portion Selbstironie gesegnet. Anke ist auch wieder blendender Strahlestimmung. Mir gegenüber sitzt Joaquin, der sich bei einer lustigen Altersraterunde als 20 ausgibt. Ich bin fast geschockt. Viel älter aussehen tut er wirklich nicht, aber seine Themen und Sphären sind doch ziemlich anspruchsvoll und abgehoben. Für 20 ist er ein ziemliches Kaliber.

Das stellt er nochmal eindrücklich unter Beweis, als er sich über ein Päckchen Haselnuss-Muffins echauffiert, in denen ja nur 8% Haselnuss drin wären. Ich verkneife mir eine Überlegung, ob er schon mal Muffins mit 80 oder 90% Nussanteil gebacken hat. Ich sehe offensichtlich nicht geschockt genug aus, denn er setzt zu einem viertelstündlichen Vortrag über gesunde Ernährung an. Als ob ich nicht ganz zurechnungsfähig wäre, hält er mir 5 Finger unter die Nase, um die 5 Ernährungsfeinde des Menschen zu verdeutlichen. Unter anderem um künstliche Süßstoffe und gehärtete Fette rankt er interessante Verschwörungstheorien, auf welche Weise sie im Menschen das Gehirn und sein Denken verändern sollen. Ich muss mich schon etwas beherrschen, das ein oder andere nicht interessiert in Frage zu stellen. Nachdem er seinen oberlehrerhaften Vortrag dann aber noch mit „so ist das. Also, falls Du davon auch nur irgendetwas verstanden haben solltest…“ beendet und einen gönnerhaft abschätzigen Blick wirft, entfleucht mir ein ausgesprochen zickiges und schnippisches „ich habe das studiert“. Ich bereue es sofort, zumal er überhaupt nicht zurückzickt, sondern betroffen entschuldigend meint, dass er das nicht gewusst hat. Es ist ohnehin Bettgehzeit, sodass ich mir für heute keine weiteren Gedanken machen will über den recht außergewöhnlichen Joaquin und warum wir leider immer aneinander rasseln.

Im Schlafraum stinkt es astronomisch, und mir wird mit Schrecken bewusst, dass ich daran schuld bin. Im ersten Moment des Ankommens habe ich meine patschnassen Sachen einfach auf die Heizung gelegt. Bei ungewaschenen Socken eine ganz, ganz schlechte Idee.

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Ich träume reichlich durcheinander und bin ganz froh, irgendwann wieder Realität und „festen Boden“ unter mir zu haben. Die Heizung der Herberge hat ganze Arbeit geleistet, meine Sachen sind lückenlos trocken. Ich verabschiede mich von Helmut, er möchte heute auch nach Villafranca del Bierzo in die gleiche Herberge.

Noch regnet es nicht, wirklich vielversprechend sieht es aber auch nicht aus. Ich laufe den Weg an der Straße entlang. Einerseits weiß ich, dass er recht lang an der Straße bleibt, trotzdem habe ich nach einer langen Weile das Gefühl, nun doch den Abzweig verpasst zu haben. Ich bin schon nah dran, wieder umzukehren, da kommt die Abzweigung zum Glück doch noch. In einem weitausholenden Bogen geht es auf Ponferrada zu, ein Lichtermeer im Morgengrauen.

Ich treffe gegen 9 ein und muss noch ein bisschen warten, bis mein Lieblingssupermarkt aufmacht. Ich bekomme ein ofenwarmes Croissant und Ciabatta und einen Käse von der Theke. Mein üblicher Liter Fruchtsaft komplettiert auch schon meinen Einkauf. Unter den misstrauischen Augen der Kassiererin zittere ich den Saft tropfenfrei in meine beiden Plastikfläschchen. Vor der Tür sitzt ein Bettler, und obwohl ich einen frisch gefüllten Rucksack habe, fühle ich mich momentan auch ein wenig heimatlos. Das Croissant esse ich im Laufen, während nun doch wieder Regen einsetzt. Wieder ist alles grau und wolkenverhangen, kaum ein Mensch auf der Straße, jeder flüchtet unter seinem trockenen Schirm in irgendein Haus. Nur ich habe einen superlangen Tag vor mir, zum ersten Mal mehr als 30km, und nun regnet es gleich zu Beginn. Vermutlich ist nach spätestens einer Stunde alles nass, ich bin total niedergeschlagen und hoffnungslos. Für einen Moment kommt mir die Idee, dass ich mir einen Schirm kaufen könnte, allerdings bin ich schon ein gutes Stück vom Supermarkt weg, und dort hätte ich ohnehin noch nie einen Schirm gesehen. Wo kauft man sowas überhaupt? Ich lasse den Blick auf der linken Straßenseite entlangschweifen, aber hier ist eher Industriegebiet, und die Läden sehen nach Gärtnerbedarf und Eisenwaren aus, aber nicht nach Schirm. Da fällt mein Blick auf die rechte Seite und einen Mülleimer direkt neben mir, aus dem zielsicher ein rosa Griff ragt. Fast schon atemlos linse ich den den Eimer, es ist wirklich ein Schirm. Ich ziehe in heraus und hoffe und bitte, dass er aufgeht und funktioniert. Tut er zuerst leider nicht, aber nachdem ich die Arretierung verstanden habe, öffnet er sich wundersam. Ganz intakt ist er naheliegenderweise natürlich nicht, zwei Speichen sind gebrochen, aber das schadet überhaupt nichts. Ich bin überglücklich, einen rundum trockenen Kopf zu haben, nichts kann mehr in den Kragen laufen, ich muss nicht immer die Augen halb zusammenkneifen und die Schultern hochziehen.

Die wenigen Passanten schauen mich ein klein wenig entgeistert an. Für einen kurzen Moment streift mich auch der Gedanke, ob man nun normalerweise kaputte Schirme aus Mülleimern zieht. Ich muss grinsen und an Kristian denken. Er hätte vermutlich nicht nur den Schirm mitgenommen, sondern gleich noch kurz nach einem angekauten Sandwich gewühlt.

Egal, der Schirm ist himmlisch, und vermutlich schauen die Passanten auch deswegen etwas befremdet, weil ich von lieblichem rosa-lila und einer begeistert singenden Hannah Montana trocken gehalten werde. Die Begeisterung der strahlenden Blondine auf dem Schirm steckt an, ich bin mit einem Mal auch vollkommen motiviert und beflügelt. Einziger Unterschied ist vermutlich, dass sie perfekt gestylt perfekt lächelt und ich mal wieder sehr, sehr verpilgert aussehe.

Ich presche wieder in gewohntem Tempo der früheren Jahre durch die Lande, bei dem aktuellen Regen und Nebel reizt Verweilen und Genießen auch nicht sonderlich. Begeistert stelle ich fest, dass ich unter Hannah bequem und regengeschützt fotografieren kann.

Ich erreiche Cacabelos, wo ich einer Kirche kurz einen Besuch abstatte. Die Ausstattung ist sehr schlicht, aber das hell beleuchtete Kreuz inmitten der sonst dunklen Kirche strahlt etwas Besonderes aus. Ich bedanke mich für meinen wundersam gefundenen Regenschirm, bevor es wieder hinaus ins Grau geht.

Nach ein paar Kilometern Straße biegt der Camino rechts in die Weinberge. Eine Gruppe vor mir läuft nach kurzem Zögern zielstrebig geradeaus weiter. Wieder einmal wünsche ich mir eine laute, donnernd dröhnende Stimme, um schon aus ein paar hundert Meter Entfernung auf mich aufmerksam machen zu können. Ich tröste mich damit, dass sie vielleicht einfach bewusst nicht den Matsch gehen wollten.

Der Weg (eine weitere Lieblingsstrecke) ist trotz Nebel beeindruckend. Soweit das Auge reicht, nichts als Weinberge, Weinstöcke in rot, gelb oder grün.

Irgendwann kommt für einen kleinen Moment ein Hauch von Sonne heraus. Ich bleibe unschlüssig stehen und würde am liebsten die letzte Stunde nochmal zurücklaufen, um die Farbenpracht bei Sonne zu erleben. Aber da schiebt sich schon wieder eine Wolke davor, es ist wohl noch nicht der Beginn eines sonnigen Nachmittags.

Es geht einen kleinen, steilen Hügel empor, und gerade, als ich oben mein Traumhaus erspähe, kommt wieder recht gewaltig die Sonne heraus. Ich werfe schnell meinen Rucksack hin und zücke den Foto. Während ich wieder panisch durch die Gegend springe, erstrampelt sich den Hügel ein Rudel Radpilger, die in Anbetracht der Aussicht und der unverhofften Sonne einer um den anderen in erstaunten Jubel ausbrechen. Ich sitze glücklich auf einem kleinen Holzbrettchen, genieße die Sonne und ein Kitkat und die begeisterte Jubeluntermalung von der Seite.

Kaum bin ich an dem Traumhaus in den Weinbergen vorbei, ziehe die Wolken wieder zu. Ich bin schon wieder dankbar.

Recht früh komme ich in Villafranca del Bierzo an – ich bin heute wirklich mal wieder gerast. Ich laufe die Treppe zur städtischen Herberge hinunter, die ich heute ausprobieren will. Von der anderen Seite kommt ein junger Mann, der Anstalten macht, an die Hauswand zu pinkeln. Im letzten Moment sieht er mich dann doch noch, was ihn aber nicht in seinem Vorhaben stört. Wie kann man nur.

Zwei Minuten später sind er und zwei Freunde von ihm am vor mir Einchecken in die Herberge. Sie diskutieren ewig herum, bestimmt 10 Minuten, und ich werde schon reichlich ungeduldig und unleidlich in meiner Regenmontur. Zur Ablenkung mache ich mich auf den Weg in die Stadt in Mission Abendessen Einkaufen. Als ich dazu eine weitere Treppe in Angriff nehme, merke ich plötzlich, wie meine Beine ziemlich schmerzen und ziehen. Unterwegs war ich mal wieder derart im Laufrausch, dass ich nicht drauf geachtet habe, aber nun kommt mir doch wieder in den Sinn, dass ich heute schon eine lange Etappe in den Beinen habe und vielleicht nicht unsinnigerweise durch die Gegend laufen sollte. Die Wahrscheinlichkeit, am frühen Nachmittag einen Supermarkt zu finden, ist vermutlich eh moderat. So trapse ich zur Herberge zurück, wo der Herr Wandpinkler und Konsorten immer noch laut am Diskutieren und Kichern sind. Ganz, ganz schlechte Schwingungen.

Als ich endlich dran bin, hellt sich meine Stimmung auch nicht gerade auf, als mir die Dame am Empfang mit biestiger Miene zu verstehen gibt, dass es zwar eine Küche hat, aber keinen Herd. Das 8-Bett-Zimmer ist fast schon überfüllt mit den drei Italienern, und als nach mir noch eine Koreanerin kommt und schon ein oberes Bett besiedeln muss, wird es erst recht eng. Die Italiener sind der Knüller, sie stecken die Köpfe zusammen und lästern völlig unbekümmert über alles, was ihnen über den Weg läuft. Sie hocken auf ihrem Bett, gucken mich abschätzig an und tauschen sich aus, was ich für einen Eindruck auf sie mache (vermutlich einen angepissten). Mir geht ja schon nicht in den Kopf, wie man an eine Herberge urinieren kann, wenn man dort eh gleich eincheckt, aber wie man sich auf dem Camino auf Italienisch unterhalten kann und das Gefühl haben, nicht verstanden zu werden, das erst recht nicht. Mir schwillt schon wieder eine imaginäre Hirnschlagader, während in meinem Kopf wild hin- und herrast, ob ich jetzt einfach auf Deutsch eine wüste Schimpftirade loslassen soll oder auf Spanisch. Letzteres würde wohl einleuchtender vermitteln, dass ich sie verstehe, wäre aber vermutlich nicht ganz so souverän. Glücklicherweise gehe ich statt dessen duschen.

Mit mir am Abtrocknen ist dann auch die weibliche Komponente meines Lieblingstrios, die neben einer Originalflasche Shampoo auch noch eine Originalgröße von etwas dabei hat, was ich meinen Haaren nicht mal zu Hause gönne. Meine Stimmung wird nicht ausgeglichener, dazu noch die unpersönliche, kalte Herberge. Überall hängen Schilder, was man alles nicht darf, z. B. keine Türen schlagen. We don’t want that. In der Küche hängt ein Zettel, dass Essen nur aufgewärmt werden darf und keinesfalls gebraten. Die Dame des Hauses hat Glück, dass der Herd im Moment eh in Reparatur ist, ansonsten hätte ich mir höchst garantiert heute Abend Paprika frittiert.

Ich bin in einer ungewohnt aggressiven Stimmung, die dann auch sehr bald ins Weinerliche schwappt. Ich gehe zum ersten Mal ins Internet; trotz heimeligem Pfefferminztee (aus der Mikrowelle) und Feuer im Kamin fühle ich mich einfach richtig einsam. Helmut ist immer noch nicht da; im Moment habe ich sogar schon richtig Sehnsucht nach seinem summenden Gequassel.

In Anbetracht des morgigen Sonntags und anschließenden Feiertags kaufe ich etwas mehr als nötig in einem unfreundlichen Supermarkt ein. Auf dem Rückweg sticht mir eine Tafel mit „Empanada con pulpo“ ins Auge. Das erscheint mir irgendwie versöhnlich an diesem grauen Tag. Die junge Frau in dem Laden packt gerade einem älteren Herrn liebevoll seine Einkäufe ein, lässt seiner gesamten Verwandtschaft liebe Grüße ausrichten und hält ihm die Tür auf. Auch zu mir ist sie ähnlich freundlich, strahlend und zuwendungsvoll. Ich bekomme mein Teigteilchen mit ganz vielen lila Beinchen und Tentakeln und Saugnäpfen und bin richtig traurig, dass ich ja schon eine volle Tasche vom Supermarkt habe. Das Brot und die Früchte bei ihr sehen tausendmal besser aus – und liebevoller.

Auf dem Rückweg laufe ich Helmut und seiner Grinsefreundin über den Weg, die sich auch gerade in die Stadt aufmachen. Sie sind in der anderen Herberge abgestiegen. Die Freundin grinst, dazu hätte sie ihn überredet. Die liebevollen Pulpo-Schwingungen halten nicht lange vor, ich bin schon wieder durch und durch gehässig und denke nur wütend „schon klar“. Ich habe wenig Lust auf kleine Konkurrenzkämpfchen um die Gunst der wenigen interessanten Begleiter, sodass ich den Herrn mit den Schwingungen resigniert ihr überlasse.

Zur Superstimmung passt dann auch noch mein Eintopf aus der Dose, der ewig nicht richtig warm wird, ich schleppe den übervollen Teller sicher dreimal vom Tisch doch nochmal zurück in die Mikrowelle. Ein paar spinat- oder suppenkrautähnliche Fäden schwimmen in einer leidigen Brühe mit Fettaugen. Jippie.

Ich rede ein bisschen mit einer ansonsten netten Koreanerin, die aber leider nicht so viel Englisch kann. Pulpo kennt sie und probiert begeistert meine Empanada. Gegen Abend kommt tropfnass auch noch die spanische Radpilgerin, die ich in Frómista getroffen habe. Alle sitzen mehr oder weniger bedröppelt um den Kamin, vor dem alle Schuhe und Einlegesohlen aufgereiht sind und ein windschiefer Wäscheständer balanciert. Vermutlich sind alle so verzweifelt mit der Nässe, dass sie geröstete Socken und geschmolzene Schuhe in Kauf nehmen.

Bei jedem Mal Treppelaufen tut mein linkes Bein beachtlich weh. Im Schlafraum inspiziere ich es mal sicherheitshalber und kriege eine halbe Krise, weil es schon wieder dick aussieht. Je länger ich schaue, desto dicker wird es natürlich. Ich bin schon wieder so verunsichert, dass ich sogar die anwesende Radpilgerin frage, ob sie mal kurz meine Beindicke anschauen kann. Zuerst schaut sie mich recht erschrocken an. Offensichtlich wirke ich einen Hauch von verzagt, denn sie guckt diensteifrig, um dann wunderbar liebevoll zu sagen, dass es wenn, dann höchstens einen kleinen Hauch dicker ist, wirklich nur einen Hauch, und ich mir keine Sorgen machen soll.

Mache ich mir natürlich doch. Der Tag ist in vielerlei Hinsicht eh schon im Eimer, jetzt auch noch das Bein. Ich gehe um 7 ins Bett. Ist bestimmt wieder der Knüller für meine italienischen Freunde, und ich finde es selber auch etwas befremdlich, aber ich weiß mal wieder nicht weiter und ziehe es vor, die nächsten Stunden in jeder wachen Minute zu beten, dass mein Bein morgen gut ist.

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In aller Herrgottsfrühe schlappe ich als erste Amtshandlung in die Küche, um mein geliebtes (halbes) Bocadillo aus dem Kühlschrank zu holen. Um das nicht zu vergessen, habe ich mir mit meinen Socken sehr plakative Riesenschleifen an die Crocs gemacht. Brendan ist schon am Frühstückrichten und lacht.

Er meint, heute sähe es wirklich nach Regen aus. Das hat er gestern schon gesagt, aber nach so viel Sonne der letzten Woche habe ich es lachend beiseite geschoben. Und wenn, dann regnet es halt ein bisschen. Optimismus pur.

Heute zieht es mich mal wieder früh los. Ich verabschiede mich von Brendan und schaffe es nun doch noch, ihm mein Bändel zu überreichen. Erleichtert mache ich mich auf ins Dunkel.

Trotz oder gerade wegen der aufziehenden leichten Wolken ist der Sonnenaufgang wieder einmal beeindruckend. Wie so oft ist mir aber auch etwas mulmig mit den diversen Geräuschen im Dunkeln. Irgendjemand scheint hinter mir zu laufen. Bei einem weiteren Fotostopp stellt sich dieser Jemand als You-Seok heraus. Sie ist offensichtlich weniger ängstlich, sie hätte sich schon immer gewundert, was dieses rote Licht im Dunkeln ist. Während sie sich bei einem Fotolicht „wundert“, wäre ich sicher keinen Schritt weitergegangen, wenn mich aus der Ferne ein glutäugiges Ungetüm angestarrt hätte. Und dann noch einäugig glutäugig.

Auch dieser Abschnitt des Camino gehört zu meinen Lieblingsstrecken, und ich bin fast ein bisschen wehmütig, ihn so im Halbdunkel ohne geeignete Fotobeleuchtung runterzuspulen. Allerdings, da hat Brendan leider recht, nach ganz wolkenlos strahlendem Himmel wie gestern sieht es heute nicht aus.

Pünktlich zu Foncebadón kommt die Sonne so richtig heraus, und ich springe panisch zwischen den Ruinen auf und ab. Die Herbstfärbung, die goldene Morgensonne, die mystischen Ruinen… ein Gedicht. Auch wenn natürlich die Zivilisation Einzug gehalten hat und ich schon immer Umwege krakseln muss, um keinen dekorativen Müllcontainer im Bild zu haben.

Beim Anblick der Kirche werde ich schon wieder von Erinnerungen eingeholt; dieser Ort hat heute für mich eine ganze spezielle Atmosphäre, und ich würde am liebsten, ähnlich wie bei San Antón, ewig hier campieren. Die Wetter- und Wolkenlage dagegen veranlasst mich eher, das Cruz de Ferro schnell hinter mich bringen zu wollen. Auch damit verbinde ich Erinnerungen, wenn auch weniger ansprechende.

Als ich am Kreuz und am höchsten Punkt angekommen bin, weht bereits wieder ein sehr kalter Wind, alles ist grau in grau. In einem kleinen Unterstand optimiere ich erst einmal meine Zwiebelschichten und ziehe alles an, was ich dabei habe. Ich lege meinen Stein nieder.

Manchmal berührt mich dieser Ort unheimlich, fühle ich doch mit jedem Stein die Hoffnungen, Lasten und Herzenswünsche von vielen tausend Pilgern vor mir. Heute bleibt der Steinhaufen für mich ein Steinhaufen. Vielleicht liegt es am grauen Wetter oder meiner wenig rührseligen Stimmung.

Dafür beschließe ich, dass ein besonderes Bocadillo an einem besonderen Ort gegessen werden muss, schließlich brauche ich Energie, Kalorien und innere Wärme für den kalten Abstieg.

Während ich mich in beginnendem, feinen Nieselregen und jagenden Nebelwolken auf den Weg mache, registriere ich erstaunt, dass ich nicht einmal enttäuscht bin. Automatisch hätte ich erwartet, dass es mich frustriert, diesen wichtigen Punkt ohne mitreißendes Foto und große Gefühle hinter mir zu lassen. Statt dessen bin ich innerlich am Strahlen, wunderbar gelaunt und in erster Linie furchtbar dankbar über den Bocadillonachgeschmack und vor allem meine wunderbar warme, weiche Einpackung. Es ist grau und kalt, aber ich habe warme Fleecehandschuhe, ein warmes Fleecestirnband um die Ohren und meinen Mehrzweckschlauch bis unter die Augen gezogen. Regenjacke und Regenhose flattern im Wind, halten mich aber auch warm. Noch schöner als Freude über strahlenden Sonnenschein ist wohl das Empfinden von Freude über Kleinigkeiten.

Zu der Freude über Kleinigkeiten kommt ganz akut noch die Freude darüber, dass sich selbst in diesem mistigen Wetter immer wieder schöne Blicke ergeben und mich selbst die Macht der dunklen Wolken noch freut. Ich werde schon wieder furchtbar langsam vor lauter Schauen und Fotografieren und Genießen, so dass mich auf Höhe von Manjarín wohl so ziemlich alles überholt hat, was heute auf der Strecke ist. Auch das erfüllt mich mit einer seltsamen Freude. Sonst bin ich immer wie gejagt durch die Gegend geprescht, als erste los und als erste angekommen, am liebsten immer in der Einsamkeit vor dem großen Pulk. Neuerdings macht mir selbst der Pulk nicht mehr viel aus, vor allem ist es ein neues Gefühl, in der Einsamkeit hinter jeglichem Pulk zu laufen. Auf eine Weise bin ich begeistert davon, dass es so etwas wie Weiterentwicklung zu geben scheint.

Irgendwann ermüdet mich das endlose Grau dann doch ein wenig, zumal ich unter meiner zugezogenen Kapuze auch nicht allzu viel sehe. Nachdem es steil bergab geht, muss ich mich eh weitgehend auf den Weg konzentrieren. Als ich endlich mit El Acebo das erste Dorf erreiche, hat sich der Nieselregen in einen hartnäckigen Dauerregen verwandelt; die wenigen Pilger vor mir flüchten in Bars. Mir kommt der Pilger entgegen, dem ich seit Astorga oft über den Weg gelaufen bin und der mich immer so freundlich gegrüßt hat. Heute sagt er nach dem üblichen herzlichen „Hola“, dass wir ja wohl auch „Hallo“ sagen könnten, er wäre auch deutsch. Wegen des Regens hat er wider Erwarten beschlossen, in El Acebo zu bleiben. Morgen ist für ihn ab Ponferrada ohnehin Heimreise angesagt, er macht den Camino Stück für Stück in Etappen. Zum Abschluss fragt er noch, wie ich heiße – für die Akten und die Erinnerung, wie er fast entschuldigend hinzufügt. Wir wünschen uns einen letzten „buen camino“, ich bin fast etwas nachdenklich und bewegt. So, wie Steinhaufen Steinhaufen oder eine emotionale Welle sein können, so können auch Pilgerbegegnungen Begegnungen oder irgendwie mehr sein.

Dafür kippt jetzt etwas meine Wohlfühleinstellung zum Thema „warm verpackt durch Wind und Wetter“. Es schüttet fürchterlich aus Kübeln. Meine Fleecehandschuhe sind patschnass, ich kann sie triefend auswringen. Dazu zieht mir mal wieder die Feuchtigkeit innen die Ärmel hoch. Nachdem ich wenig Lust habe, meine beiden Fleecepullis nass zu bekommen, würde ich sie gerne hochkrempeln. Aber selbst dazu fehlt ein kurzfristig trockener Unterstand.

In Riego de Ambros muss ich schon fast lachen, als ich die überflutete Straße entlanglaufe. Ein Pilgergrüppchen vor mir steht zögernd am Ortsausgang und entscheidet sich nach einem kritischen Blick für die Fahrstraße. Ich natürlich nicht, mitten rein in den Trampelpfad. Wobei ich nun wirklich lachen muss. Ich laufe in einem soeben frisch begonnenen Flussbett, um mich plätschert und gluckert lustig ein Bächlein von etwa 5 cm Tiefe. Ich laufe gleiches Tempo mit mitschwimmenden Blättern. Dass meine Schuhe nachher patschnass sind, macht vollends auch nichts mehr. Mich überkommt höchstens ein mulmiges Gefühl anlässlich meines Höllentempos über die patschnassen, moosbewachsenen Steine.

Irgendwas durchnässt meine Hose unter der Regenhose, und irgendwas schlägt mir immer von hinten gegen die Beine. Als ich meinen Rucksack abnehme, entleert sich ein Schwall von mindestens einem Liter Wasser, der sich in meiner Regenhülle von innen gesammelt hat (und dadurch tief hinunter gezogen hat). Wie ich es mit patschnassen Handschuhen im strömendem Regen beurteilen kann, ist mein Rucksack alles andere als trocken geblieben. Alles ist unglaublich nass. Bisher hat mein Allzweckschlauch erstaunlich gut allen Regen aufgefangen, der mir vorne in den Hals fließen wollte. Seit einer Weile wringe ich auch dieses Tuch regelmäßig aus, aber als Molinaseca in Sicht kommt, beginnt auch das endlich, gänzlich zu durchfeuchten.

Eigentlich wollte ich fest eingeplant bis Ponferrada weiter. Aber zum einen erinnere ich mich nur an die Waschbecken im Garten und die Wäscheleinen dort, wie soll ich da meine patschnassen Sachen trocken bekommen. Und zum anderen überzeugt mich mein kapitulierendes Allzwecktuch. Wenn ich jetzt rundum einen kalten, nassen Hals bekomme und meine Fleecepullis auch noch vom Kragen an durchfeuchten, ist wirklich Schluss mit lustig. Ich presche noch etwas unentschlossen und mit mir ringend durch den Platzregen von Molinaseca, aber als vor mir auch ein nett (und hartgesotten) aussehender Österreicher zur Herberge abbiegt, darf ich das wohl auch.

Wir ziehen vor der Tür unsere Schuhe aus, aber selbst in Socken hinterlasse ich sofort große Pfützchen. Ich bin gespannt auf die Herberge, den Stolz von Hospitalero Alfredo, den ich zwar bei jedem Camino kurz besuche, gegen dessen Luxusherberge ich mich aber bisher immer tapfer gesträubt habe. Ich bin nicht sonderlich überrascht, dass an der Rezeption ein älterer Herr sitzt. Alfredo hat vermutlich anderes zu tun, als jahraus-, jahrein in seiner Herberge abzuhängen.

Wir bringen unsere nassen Sachen in den Keller, um dann eine edle Holztreppe bis unter das Dach hochzulaufen, wo es einen zugegebenermaßen sehr schicken Raum hat. Unter der Dachschräge, durchzogen von Holzbalken – und mit Einzelbetten. Ich flagge erst einmal alles Halbnasse über die verfügbaren Heizungen und Balken und springe dann nochmal in den Keller, um meine Schuhe mit alten Zeitungen trockenzulegen. Beim Vorbeispringen am Erdgeschoss fällt mein Blick auf die Rezeption, an der nun doch sehr charakteristisch Alfredo sitzt. Ich grüße schüchtern lächelnd. Als ich wieder die Treppe hochspringe, grinse ich nochmal quer durch den Raum. Er schaut schon etwas irritiert.

Nachdem mein Equipment weitgehend versorgt ist, widme ich mich endlich einer heißen Dusche. Im Keller hat nur die Herrenabteilung geöffnet, was solls, außer mir ist eh keiner da. Ich bin schon fast fertiggeduscht in meinem Kabinchen, als laut grölend eine Horde Männer den Raum betritt und sich vermutlich vor meinem Kabinchen auszuziehen beginnt. Uah arg. Ich schnappe mir schnell alles, solange sich die Herren hoffentlich erst in der Socken-Auszieh-Phase befinden. Während die meisten Herren es mit einem stillen Grinsen nehmen, wer da aus der Dusche geschossen kommt, brüllt mir der fröhliche Österreicher Helmut natürlich noch alles mögliche nach. Er ist schon in der Handtuchphase, herrje, da habe ich ja nochmal Glück gehabt.

Endlich sind alle Handgriffe des Tages erledigt, und ich lasse mich auf mein Bett plumpsen. Und plumpse gleich eine Etage tiefer als erwartet. Bei näherem Hinsehen fehlt eine Latte an wichtiger Stelle. So kann ich nicht schlafen. Zum Glück hat es noch ein weiteres freies Bett an der Tür, sodass ich umziehe. Helmut findet das schade, dass ich nun nicht mehr neben ihm logiere und meint, wir könnten doch einfach die Betten austauschen. Macht er dann auch allen Ernstes.

Kaum sitze ich nun wirklich bereit zum Entspannen auf meinem neuen Bett an alter Stelle, rumort es von der Treppe. Matthias, dem grummeligen Deutschen, wird von Alfredo der Raum gezeigt und das noch einzig freie Bett an der Tür zugewiesen. Mit schlechtem Gewissen springe ich auf und versuche zu erklären, dass das neuerdings über eine gebrochene Latte verfügt. Ich hebe die Matratze hoch, aber Alfredo meint, da könne man schon drauf schlafen. Ich lasse mich wieder auf mein Bett fallen, aber Alfredo fixiert mich nun mit scharfem Blick. Heh, mich würde er doch kennen. Als ihm die Verknüpfung dämmert, dass ich die Verrückte bin, die ihn jedes Jahr besucht, lacht er sich halb kaputt. Er fragt, mein wievielter Camino das ist. Vor Matthias und Helmut ist mir das ein wenig peinlich, ich mache verschämt eine wortlose Zahl mit beiden Händen. Er bricht erst recht in dröhnendes Lachen aus und verpflichtet mich zur Herbergsführung.

Aktuell ist er auf dem Japantrip, plant für den nächsten Monat selbst einen Pilgerweg in Japan, zeigt mir einen Wandteppich, den man in Japan anscheinend statt einer Compostela bekommt sowie einen Wegstein, in dem in japanischen Hieroglyphen ein Wegweiser zu seiner Herberge eingemeißelt ist. Er stellt mich allen möglichen Pilgern vor. Einen habe ich heute rennend gesehen und noch überlegt, ob ihm im Wind etwas davongeweht ist. Nein, es ist einfach sein dreizehnter Camino, und er rennt sie alle. Ich bekomme stolz sämtliche Schaukästen erklärt, die Bilder von Alfredo im Pilgerkostüm mit Ehrung durch den spanischen König und den Zeitungsartikel über Papst Benedikt, der noch als Joseph Ratzinger in Alfredos alter Herberge geschlafen hat, damals aber schon mit „zukünftiger Papst“ unterschrieben hat.

Dank Alfredos Vorstellung kennen mich nun alle ehrfurchtsvoll als eine Pilgerin, die bereits 7 mal den Camino gegangen ist. Das ist mir mal elegant peinlich, zumal es ja reichlich an der Wahrheit vorbeigeht. 7 Caminohäppchen würden es wohl besser treffen. Er zeigt mir seine Fotoalben von früheren Caminos. Auffallend sind die vielen „sehr gefährlichen Frauen“ und „blutjungen Abenteuer“, begleitet vom üblichen dröhnenden Lachen. Ich muss mir für einen Moment vorstellen, ob in meinem heimischen Freundeskreis ein verheirateter Mann ähnlich begeistert und selbstbewusst seine Fotos zeigen würde. Vermutlich ein Mentalitätsunterschied.

Nachdem es wider Erwarten kein Essen in der Herberge gibt (die Köchin ist krank), muss ich nochmal kurz raus in den Regen. Der Laden wäre nichts und viel zu teuer, warnt mich Helmut vor. Nachdem ich ja nur notdürftig etwas bis Ponferrada brauche, ist mir das weitgehend egal. Ich bekomme sogar eine getrocknete Feige angeboten und eine Scheibe unglaublich lecker schmeckende Honigmelone. Nur nicht unbedingt verkaufsfördernd; vermutlich kaufen sich die wenigsten Pilger daraufhin begeistert so einen zwei Kilo schweren Trümmer.

Ich esse mit Helmut und einer deutschen Freundin von ihm. Er ist wirklich lustig, nett und interessant, leider redet er unheimlich viel, schnell und in so einem extremen Dialekt, dass ich fast noch weniger verstehe als bei Spaniern oder Italienern. Für mich summt es nur immer irgendwie. Er erzählt von seinem Beruf als Masseur und von alternativem Schnickschnack wie Klangtherapie und Körperspannungen und vielem mehr. Völlig ungeniert stößt er im vollbesetzten Aufenthaltsraum irgendwelche an Kuh mit Rinderwahn erinnernde Laute aus, die irgendwelche Verspannungen lösen sollen. Seine ständig breit grinsende Freundin und ich dürfen uns auf den Fliesen im Raum aufstellen, und er erklärt uns, dass je nachdem, auf was für einem Fliesenkreuz wir stehen, wir schwach oder stark sind. Es funktioniert, auch so finde ich das Ganze sehr spannend und beeindruckend, allerdings ist mir wie so oft auch etwas unwohl beim Gedanken, dass da jemand mehr von mir weiß und spürt als ich selber. Helmut sieht mir derart kompetent aus, dass er wahrscheinlich sonstwas an mir manipulieren kann mit dem Klang seiner Stimme oder einer Körperhaltung. Ich werde einen Hauch von paranoid.

Mittlerweile hat sich auch Matthias eingefunden, nachdem seine einzige Hose wieder soweit trocken zu sein scheint, dass er sich aus seinem Schlafsack heraustraut. Als Helmut angesichts dieser wunderbar deutschen Clique den Rest des Abends Karten spielen will, verdünnisiere ich mich lieber aufs Sofa. Erst dieses Restunwohlsein über diese ganze Magie, die ich nicht durchschaue, und jetzt noch die Vorstellung, so richtig deutsch Karten zu spielen. Irgendwie ist das gerade nicht so meins.

Statt dessen mache ich ein Bändel für Alfredo. Als er sich interessiert dazusetzt und fragt, was ich mache, sage ich ungerührt, ich würde ihm für seinen Camino in Japan ein Bändel flechten und „Hallo, ich heiße Alfredo und suche Abenteuer“ in japanischen Schriftzeichen einflechten. Ich ernte einen Schlag mit der Zeitung und die dröhnend lachende Belehrung, dass er keine Abenteuer sucht, sondern Begegnungen. Na dann.

Im Austausch für das Bändel bekomme ich eine weitere Rucksackmuschel. Alfredo erzählt mir viel vom Herbergsalltag; mir dämmert langsam, dass ich mich als Hospitalera wohl nicht einmal eignen würde, ich kann nicht einmal richtig putzen. Zumindest wenn man unter Putzen das versteht, was Spitzenhospitaleros wie Brendan oder Alfredo darunter verstehen. Alfredo erzählt mir von seiner chinesisch anmutenden Wundersalbe gegen alle Arten von Pilgerbeschwerden (zum Glück habe ich keinerlei) sowie von seinen koreanischen Massagekünsten (bei denen es erstmal höllisch weh tun soll. Zum doppelten Glück muss ich das nicht ausprobieren). Auch kann er Köpfe heilen. Ich bin interessiert, wie das geht. Er meint, einfach durch Zuhören und will es bei mir zum Beweis gleich ausprobieren. Darauf habe ich mal wieder überhaupt keine Lust. Zum Heilen gibt es da sicher viel, vermutlich hat er da auch wirklich Talent, aber nachdem ich mich noch nicht mal von dem übersinnlichen Helmut erholt habe, fehlt mir gerade noch so ein „ich weiß schon alles, was Du noch nicht weißt“.

Wir verabschieden uns bis zum nächsten Mal. Wir könnten ja mal den Camino Portugues zusammen gehen. Aber bis dahin soll ich bitte noch gut kochen lernen (im Geiste kann ich mir ein „wenn Du schon keine Abenteuer magst“ nicht verkneifen. Oder die Vorstellung, welche Heerscharen von Pilgerinnen mit ihm durch Portugal pflügen würden, wenn auch nur die Hälfte darauf zurückkommen würde.) Qué hombre!

Vor dem Einschlafen lässt mich Helmut noch ein Lied von seinem Kopfhörer mithören. Nachdem er vorhin schon einen komischen Test mit mir gemacht hat, bei dem einem eine Energie gesagt hat „Du bist gut, ganz genauso, wie Du bist, ohne etwas geben oder nehmen zu müssen“, habe ich nun auch bei dem Lied haargenau das Gefühl, dass es mir etwas sagen soll. Vermutlich bin ich heute langsam schon zu müde vom „Emotionalebarrikadenerrichten“, ich lasse die wirklich wunderschöne Musik einfach auf mich wirken. Ich könnte heulen.

One day I’ll grow up, I’ll be a beautiful woman.
One day I’ll grow up, I’ll be a beautiful girl.
But for today I am a child, for today I am a boy.
One day I’ll grow up, I’ll feel the power in me.
One day I’ll grow up, of this I’m sure.
One day I’ll grow up, I know whom within me.
One day I’ll grow up, feel it full and pure.

(Antony and the Johnsons)

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Statt des sonstigen 5-Sterne-Frühstücks bleibt der Frühstücksraum heute geschlossen. Schade, hatte ich mich vorratstechnisch fast darauf verlassen. Macht aber auch nichts, so esse ich wenigstens noch meine Sharon und Kiwi und eine weitere leidige Mandarine, bevor ich mich auf den Weg mache. Schließlich habe ich beschlossen, aber heute Leichtpilger zu werden. Das süffisante „dafür pilgerst Du wohl noch nicht lang genug“ geht ja gar nicht.

Auf dem Weg ist unerwartet ziemlicher Trubel, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass wir nur etwa 10 Pilger in der Herberge waren und es noch nicht einmal richtig hell ist. Ich habe morgens wie immer einen Riesenschluck Wasser getrunken, um nicht so viel mitschleppen zu müssen und „meine Sehnen ordentlich zu hydrieren“. Jetzt sterbe ich schier, dass alle 20 Meter ein Pilger läuft und ich absolut keine Chance für einen Abstecher ins Gebüsch habe. Der erste Ort Murias de Rechivaldo würde unter normalen Umständen mein Fotografenherz mehr als erfreuen. Jedes noch so heruntergekommene Haus ziert eine leuchtend blaue Tür oder ein leuchtend grünes Garagentor. In der gerade einsetzenden strahlenden Sonne ein Gedicht. Offensichtlich stoppen die Pilgermassen entweder für Fotos oder für ein Frühstück, jedenfalls ist am Ortsausgang plötzlich niemand mehr hinter mir zu sehen. Segensreich. Oder Rettung in letzter Sekunde.

Ebenfalls entgegen meines gestrigen Eindrucks ist das Wetter genauso perfekt wie in der Meseta, der Himmel im Sonnenaufgang ist wieder wolkenlos, und nachdem hier weitgehend der Wind fehlt, lassen die Temperaturen richtiggehend Frühlingsgefühle aufkommen.

Das Wetter ist wunderschön, die Strecke mit dem rötlichen Boden und der eher ruppigen Vegetation gehört zu einer meiner Lieblingsstrecken, und noch dazu erscheinen mir die Pilger heute auch irgendwie sympathischer. Bereits gestern in der Herberge hatte ich diesen Eindruck. Vielleicht liegt es daran, dass hier viele allein unterwegs sind oder still zu zweit. Diese lauten Rudel aus der Meseta scheint es hier auf den ersten Blick gar nicht zu haben.

Als nächsten Programmpunkt habe ich „Operation Pilgermuschel“. Nachdem mir die Exemplare in Burgos ja zu seelenlos kommerziell waren, laufe ich immer noch ohne Muschel am Rucksack, habe aber in Erinnerung, dass vor irgendeinem kleinen Dörfchen hinter Astorga immer ein Stock- und Muschelverkäufer steht. Die Stelle erkenne ich wieder, vermutlich auch das Männchen dazu, allerdings kämpft er gerade weniger in Muschel- als in Stockmission mit irgendeinem Stab auf dem Boden. Vermutlich ist er gerade ausverkauft, es hat diesmal keinen Stand. Etwas enttäuscht durchquere ich Santa Catalina de Somoza, wo ich fast zufällig auf der rechten Straßenseite einen Haufen Muscheln an einer Tür hängen sehe. Glücklicherweise ist mir eine davon genehm, und nachdem ich ein paar Minuten etwas unschlüssig und zaghaft „hola?“- krähend in den Innenhof gelinst habe, kommt auch eine Dame zum Geldentgegennehmen. Ich binde fröhlich meine Muschel an den Rucksack, als mir auffällt, dass ich nun doch noch mein Foto von einer blauen Tür im Sonnenschein bekomme.

Heute ist ein reges Grüßen von netten Pilgern angesagt. Ich promeniere heute mal wieder im Schleichmodus und mache viel zu viele Fotos, sodass ich ständig die gleichen Pilger wiedertreffe, selbst wenn sie jede Bar für einen Kaffee mitnehmen. Ein Mann mittleren Alters fällt mir besonders auf, er grüßt wie „aus tiefster Seele“, auch wenn ich nicht genauer erklären könnte, was ich damit meine.

Mich überholt der grummelige Deutsche von gestern. Wirklich besser geht es seinen Beinen heute anscheinend auch nicht, aber er hat sich in Astorga Trekkingstöcke gekauft, und na ja, vielleicht geht es damit. Inmitten der Sonne und des Strahlens an allen Ecken und Enden wirkt er noch doppelt niedergeschlagen, lustlos und schlecht gelaunt. Ebenfalls vom Busbahnhof in León sehe ich ein Pärchen wieder, die mir irgendwie chilenisch aussehen und bei denen ich gestern schon gegrübelt habe, ob sie wohl Pilger sind, was an ihnen nach Pilger aussieht und was nicht. Sie sind ganz eindeutig zu gepflegt, tragen kleine Sightseeing-Rucksäcke, sie einen modischen Minirock und er eine Bundfaltenhose zu eleganten Büroschuhen. Wie sich herausstellt, sind es Spanier, in dieser Aufmachung bereits routinierte Pilger, die heute noch nach Ponferrada wollen (wo ich einen vollen Wandertag später anzukommen gedenke). Respekt. Und mal wieder eine Lektion in Sachen „sich nicht vom ersten Schein täuschen lassen“.

Ich könnte mal wieder schier ausflippen angesichts der wunderbaren Umgebung; überall dieses in der Sonne fast weiß schimmernde Gras, welches sich zart im Wind bewegt. Mein Wohlgefühl lasse ich darin gipfeln, mich an einem Rastplatz niederzulassen und das Trauma des schlechten Pilgers hinter mich zu bringen. Ich vernichte jegliche Schokolade, das Mandarinenkollektiv, letzte Schokoriegel sowie mit wirklich etwas schlechtem Gewissen noch heimisches Vollkornbrot und Salamisticks. Mein Rucksack ist zum ersten Mal so richtig zusammengefallen leer.

Zwei Franzosen rasten mit mir. Ihr Mitpilger kommt mit etwas Verspätung schon aus der Ferne erahnbar. Er summt und singt unter seinen Kopfhörern, und als die beiden Vespernden ihm weitausholend winken, sich doch dazu zu setzen, winkt er nur ebenso weitausholend ab, um sich mit voller Inbrunst und mit voller Lautstärke seinem aktuellen Song hinzugeben. In schauderhaftem Englisch, mit sich überschlagender Stimme, aber mit einer Lebensfreude sondergleichen brüllt er im Weitergehen „Gif a little bee!“, bis er um die nächste Ecke verschwunden ist. Ich habe Mühe, mir ein strahlendes Lächeln aus dem Gesicht zu knipsen und würde am liebsten auch „Gif a little bee!“ schmettern. Das Ganze hier ist gerade Wohlgefühl vom Feinsten.

Der schöne Tag geht viel zu schnell rum, bald passiere ich schon El Ganso, das letzte Örtchen vor meinem heutigen Etappenziel Rabanal del Camino. Vor einem kleinen Anstieg biegt der Weg von der Fahrstraße ab und windet sich einen steinigen Pfad unter golden gefärbten Bäumen entlang. Ich bin mal wieder hellauf begeistert am Fotografieren, vor allem die vielen Kreuze aus Holzstückchen, die Pilger vor mir in den Zaun an der Seite gesteckt haben. Mein begeistertes Zaunfotografieren findet ein jähes Ende, als mir untrüglich dämmert, dass seit einer Weile etwas in ein paar Meter Abstand hinter dem Zaun mit mir mitläuft. Vermutlich eine Kuh, die ich unten weiden sehen habe, aber es ist mir einen Hauch unheimlich, sodass ich lieber schnell weitergehe.

Die ersten Krokusse kurz vor Rabanal komplettieren meinen Eindruck, dass es an einem 30.Oktober in Spanien gerade mal Frühling ist.

Rabanal liegt fast verlassen in völliger Mittagsruhe, es ist ja auch gerade mal 12 Uhr. Ich bin wie üblich hin- und hergerissen, ob ich nicht doch weitergehen soll. Aber schon seit langem wollte ich einmal die englische Herberge in Rabanal ausprobieren, sodass ich mich gemütlich an der Kirche gegenüber ausbreite. Die Herberge öffnet leider erst um 15 Uhr, ich habe also genügend Zeit, der Kirche einen Besuch abzustatten. Seit ich dort 2007 eine sehr bewegende Misa erlebt habe, verbindet mich etwas mit diesem Ort, und so schaue ich auch bei jedem Camino vorbei, wie es mit den Bauarbeiten vorangeht. Unvergessen die klappernden, provisorischen Holzbänke. Als ich diesmal erwartungsvoll nach links um die Ecke schiele, erschrecke ich fast. Kein provisorischer Altar mehr. Fast noch mehr erschrecke ich aber, als ich nach rechts schaue, wo in der Vergangenheit Baugitter eine Schutthalde abgegrenzt haben – und wo sich nun eine komplette, perfekte kleine Kirche mit eleganten Holzbänken und rotem Teppichbelag erstreckt. Ich bin fast sprachlos vor Überraschung, und das Ergebnis sieht berührend schön aus.

Ich setze mich vor die Kirche in die Sonne und beschließe, meinen Füßen endlich mal die versprochene Zuwendung zukommen zu lassen. Jeder Fuß bekommt eine liebevolle Massage – und ich werde so barfuß höchstens ein bisschen unruhig, als ich registriere, dass der Baum, unter dem ich sitze, begeistert alle möglichen Insekten anzieht, unter anderem auch ein paar stattliche Hornissen.

Eine Koreanerin biegt um die Ecke, auch auf der Suche nach der englischen Herberge. Sie setzt sich klaglos zu mir in Anbetracht der Stunden Wartezeit, die wir noch vor uns haben. Ich überlege, ob ich mal noch kurz etwas einkaufen gehe, bevor die Siesta beginnt. You Seok klärt mich auf, dass es hier keinen Supermarkt hätte. Doch, doch, und was für einen. Wobei ich mich eigentlich auch gewundert habe, dass er mir auf dem Hinweg nicht aufgefallen ist. Ich gehe mit wachem Blick nochmal die Straße entlang, und wirklich, da wo sonst der kleine Laden war, hängt jetzt ein Schild, dass er ein paar Wochen geschlossen hat. Und das am ersten Tag meines Lebens als vorratslose Pilgerin.

You Seok entpuppt sich glücklicherweise als interessante Gesprächspartnerin mit hervorragendem Englisch. Es ist fast schon ungewohnt, mit einer Koreanerin ganz locker flockig plaudern zu können, ohne alles intuitiv mit reichhaltiger Gestik und Mimik zu untermalen. Sie erzählt, dass man in ihrem Betrieb bei 15 Jahren Betriebszugehörigkeit ein Geschenk bekommt, nämlich die Möglichkeit, bei halber Lohnfortzahlung ein halbes oder ein ganzes Jahr Auszeit zu nehmen. Sie hat sich für ersteres entschieden. Faszinierenderweise gibt es dieses Angebot einmal im Leben; wer nach 15 Jahren nicht möchte, aber vielleicht ein Jahr später, hat einfach für den Rest seines Lebens Pech gehabt. So sehr You Seok auch das Reisen und Pilgern gern hat, so betrüben sie aktuell ihre Füße ziemlich. Auch sie ist ein Exemplar der Gattung „es tut alles irgendwie weh“, kann aber nicht sagen, wo genau was. Sie will sich jetzt einfach in Minietappen nach Santiago schleppen, Zeit hat sie ja zum Glück noch ein halbes Jahr.

Noch mehr asiatisches Flair findet sich unter unserem Baum ein. Irgendwie kommt mir der Radpilger seltsam bekannt vor. Der Groschen fällt, ich kenne ihn aus Burgos. Er ist mir damals schon aufgefallen mit dem Fußpilgerrucksack auf dem Gepäckträger. Er scheint froh zu sein, ein wenig Pause machen zu können. Er kommt aus Taiwan, ist schon seit Monaten unterwegs, hat gerade halb Russland und die Türkei durchquert, hat seinen Laptop in den Satteltaschen und sich das Rad extra auf dem Camino gekauft, weil er so das Gefühl hatte, dass er jetzt zum Radpilgern bestimmt ist. Eine sehr sympathische Erscheinung mit einem ordentlichen Schuss Spontaneität und Verrücktheit.

Während wie weiter warten, biegen immer mehr Pilger suchend um die Ecke. Einige wollen weiter, einige zu anderen Herbergen. Eine Pilgerin gewinnt innerhalb von Sekunden nicht gerade meine Sympathie, indem sie ohne vorherigen Gruß fragt, ob das die beste Herberge wäre. Ich sage, dass es die englische Herberge ist und die gut sein soll. Was sie wissen will, ist, ob es DIE BESTE ist. Ich sehe schon ziemlich rot angesichts ihres Tonfalls. Sie guckt mich etwas spöttisch und mitleidig an, dass ich vor einer Herberge warte, ohne definitiv zu wissen, ob es die beste ist. Dafür fragt sie dann noch, ob die denn auch wirklich sauber wäre. Ich spare mir jeden weiteren Kommentar, aber vermutlich spricht mein Gesichtsausdruck Bände, und ich bin heilfroh, als sie mit erhobenem Näschen erstmal weiter stolziert.

Der nächste Pilger will wissen, wo es zur Herberge geht. Ich bin noch restgereizt und fauche ihn schon fast an, zu welcher er denn will (zur besten oder zur saubersten oder sonstwas, ohne meinen Anwalt sage ich gar nichts mehr). Er guckt etwas verstört und retardiert, meint dann, dass „municipal“ schon recht wäre. Ich weise ihm die Richtung, die er nicht kapiert. Ich deute auf das Schild in Pfeilform, was keine 10 Meter vor ihm nach links weist. Er guckt mich nur an wie ein Schaf. Irgendwann springe ich schon todesmutig barfuß durch die Mischung aus Blättern und Hornissen, um ihm dieses vermaledeite Schild zu zeigen. Er guckt mich immer noch entgeistert an wie ein Schaf und denkt sich vermutlich „schon gut, schon gut, ich wollte doch nur einen Weg wissen“.

Glücklicherweise rappelt es endlich hinter dem eleganten Tor an der elegant gemauerten Herberge (ich kann mich nicht erwehren, „very british“ zu denken), und ein Traum von einem Hospitalero begrüßt uns mit „welcome to paradise“. Brendan ist mir auf Anhieb sympathisch, ein resoluter Pilger durch und durch – und ein sehr stolzer Hospitalero. Er ist hier mit seiner Frau, und an einem Klapptisch im Innenhof wird nun erstmal die Begrüßung zelebriert. Ob es okay ist, die für You Seok und mich nur einmal zu machen. Äh, ja. Madame instruiert uns liebevoll gut 10 Minuten über Waschmöglichkeiten, ihr selbstgekochtes Birnenmus mit Fallobst aus dem herbergseigenen Garten, die Anzahl Residualspaghetti in der Küche, die wir nehmen dürfen, den Modalitäten der Messe und vielem mehr. Ein bisschen wird die Herzlichkeit höchstens von dem etwas verbiesterten „we don’t want that“ getrübt, was sie alle paar Minuten einstreut. So werden wir belehrt, dass wir gar nicht im Schlafsaal rauchen dürfen. We don’t want that. Och nööööö.

Brendan geleitet uns dann persönlich in die oberen Räume, zeigt uns den wunderbaren Rundblick vom Balkon, den Garten, die Waschräume. Alles ist picobello sauber – und eben einen Hauch von british.

Ich sprinte etwas hyperaktiv durch die Gegend, hänge meinen Schlafsack von einem Bettwanzen-Hinweisplakat inspiriert auf die Wäscheleine in die Sonne und wasche im Garten meine Pilgermontur mit derart eiskaltem Wasser, dass meine Finger nachher so steif sind, dass ich nicht mal mehr meine Socken auswringen kann. Muss ich auch nicht, denn Brendan naht schon hilfsbereit und aktiviert die Wäscheschleuder für mich. Ich bin begeistert, als literweise Wasser unten herausfließt und meine Socken wirklich nahezu trocken an die Leine können.

Nachdem ich mehrmals das weitläufige Gelände durchquert habe, weil mir immer noch irgendein Artikel aus dem Schlafraum einfällt, sobald ich gerade unten im Garten bin, sitze ich endlich wirklich paradiesisch in der Sonne im riesigen Garten, während die Frau des Hauses bereits akribisch mit einer Kehrschaufel ein vom Baum fallendes Blatt empfängt. Ich schreibe Tagebuch und unterhalte mich mit You Seok, als zu meiner unbeschreiblichen Freude die beste, sauberste Pilgerin ihre Wäsche auf die Leine schmeißt und sich zu uns setzt. Die Bühne gehört komplett ihr, während sie uns theatralisch illustriert, wie sie in jeder größeren Stadt eine Parfümerie sucht, sich dort hineinschleppt und wie eine Sterbende danach ruft, mit Parfum besprüht zu werden. Der Auftritt ist wirklich big drama, nicht schlecht. Die Stirn in tiefste Kummerfalten gelegt, eine Hand in der Herzgegend verkrampft, die andere anklagend gen Himmel gerichtet, dazu die lamentierende Stimme. Noch besser ist aber eigentlich You Seoks Gesichtsausdruck dazu. Wir leiden wohl beide nicht so furchtbar drunter, auf dem Camino kein Parfum zu haben, aber You Seok mit ihrem schwarzen Kochtopfschopf und dem wenig mimosenhaften Auftreten ist noch echt cool.

Ich bin schon fast geneigt, die Argentinierin unterhaltsam zu finden, als sie auch schon mit ähnlich herzverkrampfter Haltung die morgige Etappe zu einem Drama vertextet. Nicht, dass You Seoks Mimik in irgendeiner Weise auf Beunruhigung schließen lassen würde; trotzdem fühle ich mich zum Widerspruch gedrängt. Wenn man nur langsam genug in kleinen Schritten läuft, ist auch eine Steigung nicht viel anstrengender, als weitausholend durchs Flachland zu preschen. Neinneinnein. Argentinien belehrt mich eines besseren, wie bei einem BelastungsEKG nämlich die Herzfrequenz steigt. Ich wiederhole (schon wieder leicht gereizt), dass man darum ja einfach langsame, kleine Schritte machen kann und hier ja auch keiner von einem BelastungsEKG redet. Dochdochdoch. Sie hat sowas nämlich schon mal gemacht, und wenn man da dann ganz arg belasten muss, kommt man so richtig ins Schwitzen und das Herz schlägt schneller… bei mir schwillt vor allem gerade irgendeine Ader an der Schläfe an, und ich kann nur noch ganz schwer ein „are you a doctor? Otherwise shut up“ unterdrücken. Da bin ich nun ein mustergültiger Pilger mit leerem Rucksack und leerem Magen, aber überhaupt nicht mitmenschenfreundlich gelassen, tolerant und liebevoll. Toller Tausch.

Für den Abend haben You Seok und ich die Spaghetti-Reste auf dem Plan, aber wegen morgen mache ich mich auf zu der anderen Herberge, wo es zumindest Bocadillos geben soll. Welch ein Zustand, ich werde morgen auf eine Etappe Einsamkeit gehen mit nichts als einem Bocadillo.

In der anderen Herberge ist ordentlich Trubel; ich bin ganz froh, very british abgestiegen zu sein. An einem langen Bartresen warte ich auf mein Tortilla-Bocadillo zum Mitnehmen, ich rechne mir damit die meisten Kalorien aus. Was ich nachher für wieder einmal schlappe 3 Euro in Händen halte, ist ein Traum von einem Brot. Die Tortilla ist fluffiges Ei mit zarten Kartoffeln, zu einer saftigen Einheit mit dem knusprigen Baguette verschmelzend. Zurück in der Herberge halte ich schon ein klägliches halb so großes Alufolienpäckchen in Händen. Ich bin hin und hergerissen, nochmal zurück zu gehen. Eine Etappe Einsamkeit mit einem halben Bocadillo. Irrsinn. Aber wieder einen vollgehamsterten Rucksack und kiloweise Bocadillos bis nach Ponferrada schleppen, das geht erst recht nicht.

Die Herberge hat sich zwischenzeitlich noch recht gut gefüllt. Ich starte eine kollektive Meinungsumfrage, wer alles Lust auf Spaghetti zum Abendessen hat (schließlich ist unser geplantes Essen ja Allgemeingut). Glücklicherweise hat außer der Argentinierin und einem jungen Franzosen jeder auswärtige Pläne. Wir beginnen zeitig zu kochen, nachdem ich um 7 zur Messe will. Mit leicht schlechtem Gewissen, denn Madame hat mich vorhin (beim Birneneinsammeln) hoffnungsfroh gefragt, ob ich da nachher in der Messe ein paar Worte in Englisch verlesen will. Geschockt habe ich verneint, habe ich doch Mikrofon-, Kirchen-, Öffentlichkeits- und Ausspracheangst in einem. Zum einen tut es mir leid, sie enttäuscht zu haben, zum anderen ist es wieder einer der vielen Caminofälle, wo ich mit einem Ziehen an meinem Herzen merke, dass ich mich zu einem Schritt überwinden sollte. Und es fühlt sich mal wieder denkbar dämlich an, versagt zu haben und nun nicht in der wunderbaren Kirche ein paar wunderbar stimmungsvolle Worte Gottes zu verlesen. Scheiße.

In der Küche überlasse ich weitgehend You Seok das Regiment, sie scheint da deutlich praktischer und zupackender zu sein (und eliminiert entschlossen meinen zu kleinen Spaghettitopf). Dafür hält mich der junge Franzose in Atem. Irgendwas stimmt absolut nicht mit ihm. Vorhin lag er auf seinem Bett, als hätte er hohes Fieber. Er hat ein graues Gesicht und blaue Lippen, gleichzeitig schwitzt er. Wir drei sind ziemlich betreten mit ihm. Argentinien fragt direkt feinfühlig, ob es ihm gut geht, was er bejaht. Einerseits versteht er offensichtlich Spanisch, Englisch und natürlich Französisch, trotzdem scheint er Mühe zu haben, auf eine Frage zu antworten, es scheint ihn sehr zu stressen, sich darauf konzentrieren zu müssen. Er wirkt total fahrig und rastlos. Entweder er hat Entzugserscheinungen oder Panikattacken oder sonstwas. Als das Essen endlich fertig ist, schaufelt er seine Portion in Windeseile in sich hinein. Er fragt, ob sonst noch jemand Nachschub will und kippt den Rest direkt aus dem Topf auf seinen Teller, während die Argentinierin ihm noch helfend schöpfen will. Ihr entfährt ein „der isst ja wie ein Verhungernder“, woraufhin er mit flackernden Augen „ja“ sagt. Die Tischgesellschaft ist generell recht betreten, es wird auch nicht besser, als er uns kurz informiert, dass er seit 2 Monaten unterwegs ist und in SJPdP angefangen hat. Das hat You Seok auch, aber vor 3 Wochen. Offensichtlich hat er nichts, zu dem er eilig zurückkehren müsste. Die Argentinierin rangiert derweil wieder treffsicher auf Fettnäpfchenkurs, während sie philosophiert, wie alt das Knäblein wohl sein mag. Zwischen hastigem Schlingen sagt er „31“. Ich hätte ihn auch jünger geschätzt, aber gut. Nicht so für die Dramaqueen, die ihm minutenlang erklärt, dass es 21 heißen muss, und 31 ja drei, drei Finger, wäre. Er guckt sie flackernd an, als würde er sich gleich in einen grauen Werwolf verwandeln.

Nachdem wir uns alle mehr als einig sind, dass er nicht beim Abspülen helfen muss, räumen wir dann zu dritt recht bedrückt die Küche wieder in Ordnung. Dieses graue Gesicht mit den Schweißperlen und den hellen, gehetzten Augen verfolgt mich noch lange.

Ich schleppe You Seok mit in die Messe, und selbst Drama kommt mit, allerdings nur wegen der gregorianischen Gesänge und wirklich nicht wegen der Messe, weil mit der Katholischen Kirche hat sie es gar nicht mehr, ganz schlechtes Karma. Ich will das schon gar nicht mehr wissen.

Punkt 7 kommt ein Mönch in schwarz vom neben der Herberge liegenden Konvent. Ich sehe die Gesänge in weite Ferne rücken, allerdings hatte mich Brendan ja schon vorgewarnt, dass es gerade nicht viele Mönche hätte und der eine schon ein Fortschritt wäre. Dafür ist der ein sehr junger und ausgesprochen attraktiver Fortschritt, der erstmal mit einem tollen Lächeln und einer samtenen, leisen Stimme jeden fragt, woher er kommt und welche Sprache er will. Ich bin superfein mit Englisch oder Spanisch, aber nein, nein, er schaut dann schon, dass er noch etwas in deutscher Sprache einbaut.

In Ermangelung eines freiwilligen, der englischen Sprache gut mächtigen Pilgers (arg) liest Brendan einleitend einen Text. Die Predigt gestaltet sich multilingual, allerdings ohne Gesänge, woraufhin jemand dann theatralisch die Haare nach hinten wirft und die Kirche verlässt. So richtig berührte Kirchenstimmung kommt bei mir (wie schon seit längerem) nicht auf. Diesmal könnte es auch nicht unbedeutend an der Person des Mönchs liegen, der meine Gedanken weitgehend dahin okkupiert, warum so ein toller Mann ausgerechnet Mönch werden muss.

Nach der Messe sitze ich noch kurz in der Kirche, während hinter mir jemand wild Fotos macht. Es klickt und blitzt minutenlang, bis ich es mit der Kirchenstimmung für heute wirklich aufgebe. Der Mönch schließt mit einem beeindruckenden Riesenschlüssel, den er an einer Kordel um die Taille trägt, hinter uns ab. Eine Österreicherin verwickelt ihn in ein interessantes Gespräch über die Zukunft seines Ordens hier und seiner Herkunft. Er hat vorher 4 Jahre in München gewirkt, was natürlich auch die fließenden Sprachkenntnisse erklärt. Und mit den gregorianischen Gesängen würde es so schnell auch nichts mehr. Nächste Woche käme zwar noch ein Zusatzmönch, aber der Bruder Weissnichtwas könnte nicht so gut singen (wozu er sehr charmant grinst). Neben mir mache ich die Ursache des fotografischen Dauergewitters aus; ein älterer Pilger aus Thailand ist begeistert von der Kirche, dem Mönch und dem Schlüssel. Nach dem etwa hundertsten Bild grinst der Mönch mitten im Gespräch kurz und meint, ob der denn jetzt irgendwann mal fertig wäre. Der halb so große Thailänder versteht das natürlich nicht, lächelt nur total begeistert und knipst strahlend weiter. Schon bekomme ich den Foto in die Hand gedrückt, Thailänder mit Mönch mit Schlüssel. Der Knabe kennt da wirklich nichts, er stellt sich breit grinsend neben den Mönch und legt ihm den Arm um die Schulter. Die wahlbayrische Frohnatur ist sichtlich hin- und hergerissen zwischen Erstaunen und Amüsement, während die Österreicherin noch tapfer an ihrer Fragerunde festhält. Ich übergebe den Foto wieder, der Thailänder ist sichtlich erfreut und möchte jetzt nur noch den imposanten Schlüssel in Großaufnahme für seine Kollektion. Dazu rückt er dem Mönch mal wieder derart auf die Pelle und nestelt an dessen Kutte herum, dass diesem dann doch ein „jetzt reichts aber mal!“ entfährt. Man hats nicht leicht.

Derweil hat der fürsorgliche Spitzenhospitalero schon ein Feuer im Kaminzimmer entfacht, um restliche Wäsche zu trocknen und den Schlafsaal direkt darüber zu beheizen. Wir sitzen gemütlich zusammen, ich tausche Emailadressen mit You Seok aus, höre mir Brendans spannenden beruflichen Werdegang an und seine Pilgererfahrungen. Ein bisschen betrübt zeigt er sich vom Pilgerrückgang in den letzten Jahren. Früher gab es in Foncebadón keine Übernachtungsmöglichkeit, auch in Rabanal waren die Betten spärlich gesät. Die englische Herberge war mit die einzige Möglichkeit, vor den Bergen zu übernachten. Interessant finde ich auch die Hospitalero-Modalitäten in dieser Herberge: um zwei Wochen hier arbeiten zu „dürfen“, muss man sich mindestens ein Jahr im Voraus anmelden, der Job ist heiß begehrt. Dass es eine absolute Ehre und Kür für Brendan ist, merkt man ihm auch mit jeder Pore an. Es überrascht mich dagegen nicht weiter, als er erzählt, dass seine Frau selber noch nie gepilgert ist (und es auch nicht will). We don’t like that.

Ich flechte noch halb panisch an meinen Bändeln. Ich möchte You Seok auf alle Fälle eins geben, und eigentlich auch Brendan. Allerdings habe ich langsam etwas Materialmangel und außerdem gestandene-Männern-könnten-kitschige-Bändelgeschenke-doof-finden-Angst. Wieder zieht mein Herz, und wieder schaffe ich es nicht, den kleinen Schritt zu machen.

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