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Posts Tagged ‘Viloria de Rioja’

Meine Nachtruhe verläuft unruhig. Ich lebe generell in ständiger Angst, hemmungslos zu verschlafen. Normalerweise beruhigt mich ein Blick auf die Uhr aber wieder schnell und lässt mich beruhigt einige Stunden weiterschlafen. Hier hat der Schlafsaal kein Tageslicht, ich kann auf der Uhr überhaupt nichts erkennen und verbringe wahrscheinlich ab 3 Uhr morgens die Nacht in einem unruhigen Halbschlaf.

Gegen 7 mache ich mich mit dem Deutschen aufbruchbereit. Orietta ist extra wegen uns aufgestanden, dabei hat sie gestern sicher länger gearbeitet als wir. Sie bringt jeden persönlich zur Tür und verabschiedet uns. Ich bin beeindruckt und berührt. Ein Stück weit auch irgendwie beseelt; heute läuft es sich wieder sehr gut.

Mir kreist eine kleine Schnapsidee durch den Kopf; sobald ich zu Hause bin, möchte ich eine Karte an das Pilgerbüro in Santiago schreiben und diejenigen grüssen, die ich auf dem Weg kennengelernt habe und die die gesamte Strecke gehen. Wenn ich Revue passieren lasse, wer mir da alles einfällt, stimmt es mich fast schon wieder versöhnlich. Ein bisschen hadere ich ja doch jeden Tag mit meinen Minietappen und den fehlenden Freunden und der fehlenden Familie. Ich muss an die vielen besinnlichen Gedichte in der Herberge denken; an die Stelle in meinem Lieblingsgedicht „aprendí que de nada sirve ser luz sí no vas a iluminar el camino de los demás“ – „es macht keinen Sinn, Licht zu sein, wenn man nicht den Weg für die nach einem erhellt“. Wenn auch mein eigener Camino nicht in jedem Moment von großen Glücksmomenten bestimmt ist, vielleicht habe ich wenigstens für manch Pilger entlang des Weges eine Funktion gehabt. Manch einer hat sich Ballast von der Seele geredet, und mit etwas Glück läuft ein dicker Brasilianer Santiago entgegen in dem Gefühl, dass es Engel (und vermutlich wichtiger) einen Gott gibt.

Auf Villafranca Montes de Oca freue ich mich nicht besonders. Ich habe es in Erinnerung als Durchgangsstraße mit unendlich vielen Lastwagen. Auch diesmal macht der letzte Kilometer entlang der Straße nicht viel Spaß. Den meisten Camino über laufen wir ohne Straße, und wenn, ist sie wenig befahren, und die vereinzelten Fahrer wechseln rücksichtsvoll in weitem Bogen auf die Gegenspur, oft noch von einem ermutigenden Winken oder Hupen begleitet. Hier donnert der Schwerlastverkehr die kleine Landstraße entlang, die Straße reicht kaum für zwei sich entgegenkommende Lastwagen, an Ausweichen gar nicht zu denken. Ich bin ziemlich froh, als ich vor der Herberge stehe.

Diese ist auch wieder romantisch direkt an der Straße und hat den unleugbaren Charme eines ehemaligen Schulhauses. Hospitalero hat es nicht, sodass ich einfach mal den Geräuschen nach in den ersten Stock tappe. Dort hat es für die Tageszeit bereits überraschend viele Pilger, und zwei davon kommen auch gleich schon wild kreischend auf mich zugestürmt. Es sind zwei Koreanerinnen, mit denen ich in den vergangenen Tagen wohl mal ein paar Worte gewechselt habe. Seit ich „Sonnenblume“ in ihrer Landessprache gesagt habe, habe ich offensichtlich einen Stein im Brett. Heute sind sie so, so froh mich zu sehen, ich muss ihnen helfen. Die Ladies sind schier in Tränen aufgelöst und mit den Nerven halb am Ende. Sie haben mal zwischendurch einen koreanischen Pilger getroffen (vermutlich den, bei dem ich in Cizur Menor Sonnenblumen-Stein-gebrettet habe), der ihnen seinen Führer ausgeliehen hat. Sie haben vergessen, ihn zurückzugeben, und nun ist der Koreaner weit voraus, wohl schon in Burgos, und oh weh, sie haben ja noch seinen Führer. Soweit verstehe ich es, nur das Drama erschließt sich mir nicht so ganz. Ich vermute, dass das patente Kerlchen entweder ohne Führer klarkommt oder sich einen Neuen gekauft hat oder im worst case ohne Führer völlig in der spanischen Wildnis verschollen ist, aber dann ist er jetzt ja wohl auch kaum in Burgos. Jegliche Beruhigungs- und Beschwichtigungsversuche bringen nichts, vermutlich geht es um ein mentalitätsspezifisches Stolzgefühl, so verspreche ich also, für sie den Dolmetscher zu machen und die Herbergen in Burgos nach dem Koreaner abzutelefonieren.

Sie sind so dankbar (mir ist das alles sehr schleierhaft), dass ich gleich zum Essen eingeladen werde. Aus der Tupperdose mit Zwischenstation Mikrowelle gibt es ein Omelette mit Meeresfrüchten, das sie gestern selber gebastelt haben. Ich esse es im todesmutigen Vertrauen auf meine gesunde Darmflora und lasse mich von den beiden Damen bespaßen. Trotz Weltzusammenbruch wegen unterschlagenem Reiseführer sind sie nicht allzu traditionell koreanisch. Beide sind um die 40 und arbeiten als Reiseleiterinnen. Europa kennen sie daher schon in- und auswendig, und erzählen kichernd und gackernd von ihrer Arbeit, z.B., dass man da natürlich schon ganz schön schreien muss, wenn man 40 Leute durch die Stadt zu treiben hat. Beide sehen aus wie 20 und als könnten sie kein Wässerchen trüben. Die eine ist mit einem Schwaben verheiratet und lebt auch in Deutschland. Statt Englisch reden wir einen Moment Schwäbisch – ein skurriles Gefühl.

Anschließend ist Siesta angesagt. Zumindest für den Großteil der Pilger. Nicht so für eine ziemlich dicke und ziemlich laute Pilgerin, die im Schlafsaal ihr Essen einnimmt und die beiden ebenfalls am Tisch sitzenden Pilger lautstark beschallt. Es geht über eine halbe Stunde so, und vermutlich ruhe ich heute nicht besonders gut in meinem Chi, ich könnte jeden Moment explodieren.

Glücklicherweise entscheide ich mich für den friedlicheren Weg und begrabe einfach meine Siestapläne. Ich setze mich mit an den Tisch, schreibe mein Tagebuch und widme mich wieder meiner Nachmittag-Standard-Beschäftigung und knüpfe Armbändel. Die junge Finnin gegenüber guckt mich etwas belustigt an und meint „so, so, mein Ruf würde mir ja vorauseilen“. Ich bin etwas irritiert, vermute aber, dass es um mein ständiges Bändelflechten geht. Die Andeutung versteht sie aber überhaupt nicht. Als ich nachfrage, meint sie, ich wäre doch dieses Sprachgenie. Ich muss lachen, da verwechselt sie mich dann wohl. Nein, nein, sie hat das selber gesehen. Sie rechnet mir den Abend in Santo Domingo minutiös vor; als sie gekommen wäre, hätte ich Spanisch und Englisch gesprochen. Später Französisch. Italienisch könnte ich auch (bezugnehmend auf meine Konversation mit einem Italiener, der wie ich auf das Heißwerden seines Wassers warten musste und zu dessen Gemüse im Wasser ich effektvoll „ah, Minestrrronnne!“ überbrückt habe). Zum Glück hat sie nicht meine koreanische Sonnenblume und mein „jag pratar svenska“ zu dem schwedischen Prof gehört. Ich fühle mich sehr geschmeichelt, habe ehrlichgesagt aber eher das Gefühl, annehmbar Englisch zu sprechen, mich radebrechend auf Spanisch verständlich machen zu können und damit das Soll schon erfüllt zu haben.

Die Koreanerinnen haben in der Zwischenzeit einen Supermarkt gefunden und sind kichernd begeistert von einer Flasche Rotwein. Offensichtlich haben sie noch irgendwo einen Koreaner aufgetrieben, der das Buch jetzt auch irgendwie noch mitnehmen kann, sodass die Welt auch ohne Anrufversuche nach Burgos wieder in Ordnung ist. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Und die Koreanerinnen verschwinden schon wieder kichernd, allerdings die Form wahrend und mit der Rotweinflasche diskret in einer Tüte unter einem T-Shirt versteckt.

Ich finde es etwas trostlos und seelenlos in dieser Herberge direkt an der Straße. Ich suche den Supermarkt, auch dieser ist etwas weltfremd bestückt. Ein deutschsprechender Mann sucht hilflos mit seiner Mutter nach etwas. Ich zeige ihm die richtige Dose, woraufhin er mit leuchtenden Augen fragt, ob ich denn zufällig „so eine Pilgerin“ wäre. Er hätte davon ja gelesen und das wäre ja spannend und so. Seine Mutter um die 80 wird auch gleich noch dazugerufen, die wollte schon auch immer mal „so eine Pilgerin“ sehen. Wir plaudern nett (und ich gebe mir Mühe, ein gutes Bild abzugeben); sie wollen wissen, in welchen Hotels wir denn so schlafen und wie das mit dem Gepäcktransport so klappt. So süß sie auch sind, aber da ist es noch ein langer Weg zum Pilger.

In der Herberge ist es irgendwie kühl; als ich zum Kochen in den Verschlag auf dem Pausenhof gehe, weht erst recht ein kühler Wind. Ich esse sehr schnell fröstelig meine Linsensuppe, während sich ein deutscher Pilger recht penetrant neben mich setzt und mich ebenso penetrant in ein Gespräch verwickelt. Wir haben gar keine guten Schwingungen, er ist mir rundum unsympathisch. Alles läuft nur darauf heraus, wie gut und erfolgreich er ist. Seine Witzchen betreffen meistens wirklich hochgestochene Themen, bei denen ich nicht mitreden kann (und eigentlich auch nicht will). So spüle ich schnell ab, sammle meine Wäsche von der Leine und lasse ihn recht unhöflich allein sitzen. Ganz mein Stil ist das eigentlich nicht, aber irgendwie ist heute nicht mehr drin. Generell bin ich mit den Gedanken schon weitgehend bei Burgos und dem Abschluss. Ganz so tief in neue Pilgerbeziehungen eintauchen will ich innerlich wohl einfach nicht mehr. Ich fühle mich gar nicht mehr so richtig verwurzelt im Pilgern, der donnernde Schwerlastverkehr tut sein übriges.

Ich knüpfe noch meine zwei Bändel fertig und lege sie den Koreanerinnen aufs Kopfkissen.

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Gegen 6 rumort der früh startende Kanadier in meinem Schlafabteil, sodass auch ich mich früh aufmache. Unterwegs treffe ich ihn und wechsle ein paar Worte mit ihm. Er spricht nur französisch und ist kein Mann unnötiger Worte, aber es scheint durch, dass er im Leben so ziemlich alles erreicht hat. Auf die Frage, wie es ihm auf dem Camino so gefällt, lacht er wie befreit und meint „fantastique“. Und er geht den Weg „pour apprendre à m’aimer“, um sich lieben zu lernen. Ich lasse ihn allein weiterlaufen, weil mir sein Tempo zu hoch ist, aber ich denke noch ziemlich lange über ihn nach. Und über diese Aussage. Manchmal sprechen Bilder mehr als 1000 Worte, und so glücklich und befreit wie er wirkt, scheint er mit dem Camino und dieser Feststellung einen Schlüssel dazu gefunden zu haben, worauf es im Leben ankommt. Und worin man wahres Glück findet.

Pünktlich zur normalen Startzeit bin ich wie so oft einen Ort weiter in Grañón, wo ich fast schon wie verabredet die Schwaben treffe. Für sie ist auch Schluss in Burgos, allerdings wollen sie sich ein wenig beeilen, um dann noch einen Tag zum Party machen zu haben. Nachdem ich heute wieder einen üblichen 4-Stunden-Mini-Tag einlege, werden sich hiermit also unsere Wege trennen.

Sie erzählen sehr begeistert von ihrer Übernachtung in der Kirche von Grañón, das hätte mir vermutlich auch gefallen. Heute beschließe ich spontan, auf Marek zu warten und mich zum Abschied ordentlich von ihm zu verabschieden. Wir sprechen uns in ein paar wenigen Sätzen aus, im Endeffekt haben wir wohl beide ein ähnlich schlechtes Gewissen einander gegenüber. Über mein Bändel ist er fast schon gerührt, er lässt es sich sogar anlegen. Alle zusammen machen wir noch ein paar Erinnerungsfotos; mein Lieblingsschwabe verspricht, sie mir zu schicken und notiert dazu meinem Email in seinem Tagebuch. Ich muss lachen, als ich ein paar Zeilen davon lese. Er hat eine lustige Art, alles festzuhalten, und seine Kommentare zu meiner Person sind recht erheiternd.

Als sie weg sind, bin ich reichlich schwermütig. Wieder einmal fühle ich mich daran erinnert, dass ich anders als sonst nicht wochenlang in ein und derselben Pilgerfamilie mitschwimme, sondern fast jeden Tag die bekannten Gesichter ziehen lassen muss. Ich vermisse Vertrautheit und Freunde. Dafür habe ich eine neue riesengroße Blase am Fuß, ich bin ein Stück weit frustriert und resigniert. Irgendetwas will mir der Camino damit sicher sagen. Im Moment habe ich das Gefühl, dass es ist „Du sollst nicht immer wieder hierherkommen und die gleichen Wunder wie die Male zuvor erwarten“. Und mir liegt ungut im Magen, dass ich für alle möglichen Pilger ein Bändel geknüpft habe, aber für meine beiden Sonnenscheinchen nicht.

Mein heutiges Tagesziel heißt Viloria de Rioja, ein verschlafenes Nest, in dem mir meine Pilgerfreundin Bärbel eine Herberge wärmstens empfohlen hat. Sie war dort 2 Wochen vorher bei Acacio und Orietta, und ihre kurze Nachricht auf die Schnelle zwischen ihrem Heimkommen und meinem Losgehen war „da musst Du unbedingt hin“.

Laut Führer ist die Herberge klein, 12 Betten, und man wohnt direkt mit den beiden Inhabern. Spannendes Konzept. Am meisten lässt es allerdings mein Herz in die Höhe schlagen, als ich im dortigen allgemein zugänglichen Wohnzimmer Marek am Rechner sitzen sehe. Er hat die Schwaben schon mal weitergehen lassen, schreibt noch kurz seiner Familie und macht sich dann auch wieder auf den Weg. Die Lösung für zumindest meine Bändelunzufriedenheit liegt in greifbarer Nähe, allerdings habe ich gerade jetzt keinen üblichen Vorrat in der Tasche. Ich lasse meinen Rucksack auf das Bett plumpsen, wühle panisch nach Wolle und Sicherheitsnadel und flechte in zittriger Eile ein erst halbfertiges Bändel weiter. Es ist nur ein völlig belangloses Bändel, aber irgendwie habe ich mal wieder das Gefühl, dass ich das jetzt noch rechtzeitig fertig bekommen muss.

Fast schon im Hechtsprung springe ich zurück ins Wohnzimmer, wo Marek auch wirklich gerade seinen Rucksack aufzieht und sich zum Losgehen anschickt. Ich drücke ihm atemlos meine Bändel (Marke „in der Eile mehr gewollt als gekonnt“) in die Hand und bitte ihn, sie seinen Kumpanen weiterzuleiten. Danach fühle ich mich absolut erleichtert und befreit und kann endlich in Ruhe ankommen und duschen.

Für die nur 12 Betten hat es einen riesigen, schicken Nassbereich in sehr liebevoller Ausstattung. Bisher bin ich die einzige Pilgerin (kein Wunder, es ist gerade mal Mittag), und so erkunde ich neugierig die Herberge und das Betreiberehepaar.

Küche, Esszimmer und Wohnzimmer teilen sie mit den Pilgern. Es hat rund um die Uhr Kaffee, und ebenso rund um die Uhr kommen Pilger für eine kurze Pause vorbei, setzen sich in die Sessel um den Kaminofen, lesen in den ausliegenden Büchern und Heften und ziehen wieder weiter.

Acacio sitzt die meiste Zeit vor dem Computer; der Ort wäre so klein, da müsste man auf diese Weise Kommunikation mit anderen Hospitaleros und Freunden führen. Überall hängen Fotos von gemeinsamen Treffen, und lustigerweise erkenne ich einige davon, z.B. Alfredo aus Molinaseca. Er erzählt mir sein Konzept dieser Herberge. Für ihn und seine Frau war es ein Traum, eine Herberge zu haben, und momentan sind sie noch am Umbauen, bis es irgendwann seinen Vorstellungen genügt. Es soll schöner und gemütlicher werden – nur größer sicher nicht. Ich bin fast etwas verwundert, so viel Aufwand für so wenig Pilger. Aber ihnen ist es wichtig, sich um die Pilger kümmern zu können und nicht nur einen Massenbetrieb aufrecht zu erhalten. Ich erzähle ihm, dass Bärbel mir seine Herberge empfohlen hat. Er kann mit dem Namen nichts anfangen und lässt sie sich beschreiben. Sehr schnell kann er sie wieder einordnen, auch seine Frau weiß gleich, wen er mit „die mit den besonderen Augen“ meint. Ja, das wäre eine gute Pilgerin gewesen.

Trotz allem fühle ich mich ein ganz klein wenig unwohl. Vermutlich fühlt es sich eben einfach so an, wenn man stundenlang in einem fremden Wohnzimmer herumsitzt.

Ich vertiefe mich in die Sammlungen von Klarsichthüllen voller Gedichte und Weisheiten. Zwei Gedichte auf Spanisch treffen mich ein Stück weit mitten ins Herz, ich könnte heulen, wenn ich das jetzt nicht doppelt unpassend in einem fremden Wohnzimmer finden würde. Irgendwie fühle ich mich einsam und fehl am Platz, aber gleichzeitig auch herrlich getröstet durch die Gedichte, die so viel Wahres für mich beinhalten.

Auch wenn es nicht einmal fürchterlich kalt ist, macht Acacio den kleinen Ofen an. Ich sitze in einem wunderbaren Großvaterstuhl, neben mir leuchtet und knistert und wärmt ein loderndes Feuerchen, während ich die Texte abschreibe.

Im Laufe des Nachmittags kommen zwei weitere Pilger, ein junger Deutscher und ein sehr alter Amerikaner, der sich erst einmal hinlegt.

Der Deutsche setzt sich irgendwann zu mir. Er hat eine furchtbar unruhige und hibbelige und unsichere Ausstrahlung. Er ist sicher schon über 30, aber es vergehen keine 2 Minuten, dass ihm nicht einfällt „oh Gott, das schaffe ich sicher alles gar nicht“, „ich habe bestimmt die falsche Ausrüstung“, „ich bin sicher nicht trainiert genug“, „ich mache sicher alles falsch“. Er springt ständig auf und läuft im Kreis, um sich wieder rastlos für ein paar weitere Minuten hinzusetzen. Ich bin fast ein bisschen belustigt und versuche ihm zu versichern, dass das schon alles gut wird und gar nicht so schwierig ist. Erleichtert lächelt er dann ein paar Sekunden, damit ihm danach schon wieder eine Schreckensvision einfällt. Ich versuche ihn damit zu beruhigen, dass mir meine Probleme zu Beginn des Caminos meist auch riesengroß erscheinen und ich unsicher bin, sich das aber meist auch wieder schnell relativiert, wenn ich zum einen meine eigene Stärke kennenlerne, zum anderen mit den anderen Pilgerschicksalen aber auch aufgezeigt bekomme, dass es anderen viel schlechter geht und sie mit viel größeren Problemen und Sorgen zu Streich kommen. Ich erzähle ihm Beispiele von Pilgern, die den Weg laufen, um über Verluste geliebter Menschen hinwegzukommen oder die sich mit einer schweren Krankheit konfrontiert sehen.

Interessanterweise wird er plötzlich ruhiger, aber mir zieht es dafür schier die Socken aus, als er nachdenklich und besinnlich meint, ja, ja, seine Tochter sei mit einem schweren Herzfehler auf die Welt gekommen. Sie haben die ersten 3 Jahre nur in Krankenhäusern und auf Intensivstationen verbracht. Er erzählt ruhig und ohne größere emotionale Regung, während ich immer kleiner mit Hut werde. Ich bin heilfroh und sehr erleichtert, als er irgendwann damit schließt, dass sie das jetzt soweit überstanden hat und es ihr gut geht und sie einer ganz normalen Kindheit entgegensieht. Ich wittere uns gerade wieder auf einem sicheren Terrain, als er wieder recht ruhig und unbeteiligt meint „ja, und dann hat mich meine Frau verlassen“. Er erzählt sicher zwei Stunden lang, er scheint viel auf dem Herzen zu haben. Und ich könnte eh kein Wort sagen, ich bin wie schon so oft erschlagen und fühle mich sehr, sehr naiv.

Gegen Abend hat der Deutsche eine gewisse Ruhe gefunden. Er ist selber zu dem Schluss gekommen, dass so arg viel mehr eigentlich nicht schiefgehen kann und man es eh nicht in der Hand hat. Bob, der 84-jährige Amerikaner, kommt zu uns an den Kamin gehinkt. Vorsichtig frage ich, woher er kommt und wie weit er will, so ganz fit sieht er nicht aus. Ehrlichgesagt überrascht es mich heute nicht mehr, dass er zwar diesmal nicht so weit will, aber letztes Jahr 2000 km ab Frankreich gepilgert ist. Er ist eine sehr beeindruckende, charismatische Persönlichkeit mit viel Pilgerweisheit. Fast schon etwas zu viel, ich habe den Eindruck, dass er auf all meine Überlegungen und ungestellten Fragen die Antwort eigentlich in sich schon weiß.

Zum Abendessen kommen noch zwei Freunde von Acacio, wir sind eine kleine Gruppe um einen mit Schüsseln und Töpfen vollgeladenen Tisch. Orietta spricht ein sehr bewegendes Tischgebet, sie dankt dem lieben Gott dafür, dass sie heute und jeden Tag Pilger beherbergen dürfen und ihnen heute das Geschenk zuteil wird, mit Bob, dem Deutschen und mir ihr Essen teilen zu dürfen. Interessante Sichtweise.

Acacio erklärt auf Englisch, dass es so bei ihnen Brauch ist, dass jeder sich vor dem Essen kurz vorstellt, und zwar in seiner Landessprache. Auch ein sehr interessantes Konzept. Ich verstehe zum Glück ein paar Brocken Spanisch, aber auch so ist es ein faszinierender Moment, einfach den Klang der Worte, die Mimik und Gestik auf sich wirken zu lassen. Der Deutsche neben mir ist allerdings wieder voll in seinem nervösen und unsicheren Element. Ich kann förmlich spüren, wie er sich während den anderen Vorstellungen seinen Text zurechtlegt. Er ist nervös, als müsse er eine Präsentation darbieten, vor allem ist er nicht davon abzubringen, immer wieder auf Englisch zu wechseln, obwohl Acacio ihn immer wieder freundlich anlächelt und zur deutschen Sprache einlädt. Auf eine Weise kann ich ihn sehr gut verstehen und mit ihm fühlen; ich wünsche ihm nur von Herzen, dass der Camino ihn eine gewisse Ruhe spüren lässt. Und ihn von der Stärke überzeugt, die er ja sehr offensichtlich besitzt.

Das Essen ist superlecker, und ich bin sehr gerührt und bewegt von der familiären Atmosphäre. Den Nachmittag habe ich mich wie in einem fremden Wohnzimmer gefühlt, aber in dem Esszimmer fühle ich mich nun wie zu Hause.

Anschließend nimmt Orietta bereitwillig mein Angebot an, den Abwasch zu machen. Sie erzählt, dass eine Pilgerherberge zwar schön, aber fürchterlich viel Verwaltungsarbeit und Papierkram wäre. Sie wäre meist bis in die Nacht beschäftigt mit irgendwelchen Auflagen, und es wäre schon auch sehr anstrengend.

Die verbleibende Stunde verbringen wir lesend an dem wunderbaren Kamin. Orietta und Acacio haben ein tolles Bücherregal voller Pilgerbücher in allen möglichen Sprachen. Ein Großteil stammt von Paulo Coelho, einem Freund des Hauses, wie Acacio sehr stolz betont. Ich lese ein bisschen Shirley MacLaine, habe aber den Eindruck, dass ich mit ihr noch deutlich weniger anfangen kann als mit Hape Kerkeling und Paulo Coelho. Zumindest scheine ich nicht die einzige zu sein, die auf dem Camino ab und an ein bisschen spinnt.

Während Bob konzentriert am Esstisch im Schein der Lampe seine 11 Tabletten für den Abend und 18 Tabletten für den Morgen richtet, gebe ich dem Deutschen meine Fertigung des Nachmittags, mit sehr vielen persönlichen Wünschen in jedem Knoten. Er bedankt sich und meint, da würde sich seine Tochter sicher drüber freuen. Na ja, die kann die guten Wünsche ja sicher auch gebrauchen.

Ein sehr ruhiger Tag mit endlosen Stunden am Kaminfeuer, ein Tag voller bewegender Erkenntnisse – vor allem der Erkenntnis, dass ich noch sehr, sehr viel zu lernen habe.

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