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Archive for Februar 2010

Wie so oft möchte ich morgens einfach schnell weg. Dieses stundenlange Zusammenpacken einer Horde morgenmuffliger Pilger, der erzwungene Smalltalk, bis es draußen hell ist, das ist für mich kein guter Start in den Tag. Ich habe zudem richtig schlecht geschlafen, bin übellaunig und auch beim besten Willen nicht bereit für weitere Engelstheorien.

Ich schleiche mich in den Empfangsbereich hinunter, wo die beiden Schweizer schon hellwach und fertig gepackt sitzen. Sie sitzen und tun nichts. Als ich mich etwas überrascht zeige, meinen sie, sie starten um 6:15, und das ist es noch nicht. Merkwürdig. Ich pflege loszulaufen, sobald ich fertig bin. Heute genehmige ich mir aber erst noch einen Automatenkaffee, so verkatert und zerschlagen fühle ich mich.

Auch auf dem Weg wird es nicht viel besser. Das Wetter lässt zu wünschen übrig, es ist regnerisch und trüb. Landschaftlich sehe ich heute keine Highlights und freue mich einfach aufs Ankommen. Nach ein paar Stunden tun mir meine Füße recht deutlich weh, sodass ich sicherheitshalber mal einen Blick riskiere. Und wirklich, an beiden Füßen bilden sich hinten ziemliche Blasen. Komisch, so plötzlich. Ich klebe Compeed drüber und gehe weiter.

Aber bereits eine halbe Stunde später schmerzt es wieder ungewöhnlich. Normalerweise ist eine Blase mit Compeed friedlich versorgt. Diesmal hat sich das Compeed bereits gelöst und dabei die gesamte Haut mitgenommen, sowas habe ich ja noch nie gesehen. Ich pflastere nochmal neu, aber so richtige Zuversicht stellt sich nicht mehr ein. Der halbe Fuss sieht aus, als ob sich die Haut gleich ablösen würde. So fühlt es sich dann auch weiterhin an, aber ich spare mir ein weiteres Füßeauspacken.

Meine Laune ist höchst moderat, als ich einem Pilger begegne, der mir irgendwie bekannt vorkommt. Ich bin schon halb vorbei, als mir mit einem Schlag einfällt, dass es der Italiener von gestern ist, den ich als erstes weiterschicken musste. Während ich noch denke „hoffentlich erkennt er mich nicht!“, tut er natürlich gerade das. Zum Glück ist er nicht irgendwie noch sauer, allerdings auch ohne Hitze heute ein wenig abgedreht und unheimlich. Ich möchte wirklich einfach meine Ruhe und lasse mich nach einem kurzen Gespräch unter einem Pausenvorwand zurückfallen.

Ich passiere Estella und kurz darauf den berühmten Weinbrunnen von Irache. Diesmal sprudelt daraus wirklich noch Rotwein. Ich beschränke mich darauf, den Deckel meiner Wasserflasche ganz vorsichtig zu füllen. Für mich als Nichtweinkenner schmeckt er besonders – und so auch mein Wasser den restlichen Tag, mit einem Hauch von Erinnerung an spanischen Camino-Rotwein.

Auch komme ich an einem weiteren Gedenkstein hier auf dem Camino vorbei. Wie so oft berührt mich die Inschrift.

„Möge sie immer über die Felder von Gold wandern können“; trotz aller Tragik für mich auch ein wunderschöner Satz.

Mein heutiges Etappenziel ist schon in Sichtweite, als plötzlich auch noch mein Vorderfuß zu brennen anfängt. Vermutlich entwickelt sich auch da gerade eine wunderbare Blase, ich könnte ausrasten. Ich hinke und hatsche daher wie eine 90-Jährige, und das nach einer entspannten, ebenen, kühlen Mini-Etappe.

In der Herberge warten bereits die beiden Schweizer. Obwohl ein Schild am Eingang hängt, dass noch kein Hospitalero da ist, man sich aber einfach schon mal ein Bett nehmen soll und es sich gemütlich machen, sitzen die Herren schon wieder wartend herum. Mir ist gerade echt nicht mehr nach kompliziert, ich schnappe mir ein Bett und gehe duschen, auch wenn der ältere Deutschsprechende den Eindruck hat, dass man vielleicht doch lieber noch warten könnte.

Mit meiner nassen Wäsche und meinem Nachmittagswerk in Form von Führer, Tagebuch und Bändel mache ich mich auf die Terrasse auf. Kaum habe ich alles aufgehängt, fängt es an zu nieseln. Alle Stühle sind feucht, ich kriege die Krise. Mein Fuß ist ein Desaster, es fühlt sich an, als hätte ich ein sattes Wasserpölsterchen untergelegt. Aber statt einer aufstechbaren Blase ist nichts zu sehen, das Wasserpölsterchen sitzt gefühlt mitten im Fuß – und tut bei jedem Schritt weh. Ich hab das Gefühl, in einem Körper zu stecken, der nicht zu mir gehört und grade munter macht, was ihm Spaß macht, ohne dass ich irgendeinen Einfluss drauf hätte. Ich könnte heulen.

Unten am Weg sehe ich auf die Entfernung die kleine Dänin. Mit wortlosen Handzeichen geben wir uns zu verstehen, dass es ihr prächtig geht, sie weiterläuft, sie stark ist. Und sie strahlt, auch auf 50 Meter Entfernung.

Wenige Minuten später taucht João an der selben Stelle auf. Seine Begleitung geht in eine Bar, er kommt derweil zu mir hoch an die Herberge. Vorsichtig fragt er, was ich hier mache. Offensichtlich dämmert aber auch ihm, dass das sehr nach Ende für heute aussieht. Und er fragt, ob es heute nicht gut gelaufen wäre, ob ich heute nicht „gefloatet“ wäre. Mehr als ein bitteres Nicken bringe ich nicht zustande. Etwas betroffen und traurig meint er, dass ich heute vielleicht meine Flügel nicht gehabt hätte. Dafür würde es bei ihm blendend laufen. Er hätte die ganze Nacht über nachgedacht; er wäre angesteckt worden von meiner Faszination und Begeisterung vom Camino, von den Erzählungen über die schweren Momente, vom Gott treffen, vom völlig kaputt sein, vom ein guter Pilger sein, vom alles zu Fuß gehen, vom Santiago erreichen und den Botafumeiro bekommen. Er möchte das auch alles erleben, auch wenn es schwierig wird, denn er hat nur noch 20 Tage Zeit. Er muss heute weiter. Und nach einer Mammutetappe sieht er heute auch aus. Taufrisch, kraftvoll, voller Tatendrang, entschlossen, beseelt. Infiziert mit dem Pilgervirus. Wie ich gestern sicher war, dass er nicht weiter kann, so sicher bin ich mir heute, dass er versuchen muss, in seiner Zeit Santiago zu erreichen.

Ich kann heute nicht weiter, und ich werde ihn auch nie wieder einholen.

Wir sitzen einige Minuten schweigend. Ich bin einfach nur sehr leer und sehr unglücklich, bei João bemerke ich Verwirrung. Er versteht nicht, dass hier schon Ende mit unserer Freundschaft ist. Wir kennen uns seit gerade einmal einem halben Tag, aber es fühlt sich (wie so oft auf dem Camino) an, als würde man sich von seinem besten Freund verabschieden müssen, als würde einem ein Stück vom Herzen herausgerissen, als würde sich die Welt hinterher anders drehen.

Sein Kollege ist mit dem Abstecher in die Bar fertig, er winkt von der Straße unten, ob es weitergeht. João will nicht, er ist wieder ähnlich verwirrt wie gestern. Ich beschließe für ihn, dass er jetzt weiter muss, dass das zur Magie des Camino dazugehört. Er glaubt mir wieder. Zum Abschied umarmen wir uns eine gefühlte Ewigkeit und drücken uns fast die Luft ab.

Hinterher fühle ich mich komplett leer, in absoluter Tiefpunktstimmung. Ich sitze hier im Regen vor einer hexenhausähnlichen, düsteren Herberge, jeder geht frohgemut weiter, hat innerhalb von ein paar Tagen Pilgern Kraft und Strahlen gewonnen. Und nach ein paar Ausflügen ins Reich der Engel habe ich nun sonstwas an den Füßen, irgendwas an mir will einfach nicht mehr laufen. Meine neu gewonnene „Pilgerfamilie“ zieht ohne mich weiter, und João lässt sich auch nicht so einfach wegstecken. Auf wie üblich sehr rätselhafte Weise ist zwischen uns etwas ganz besonderes. Oder bessergesagt „war“.

Ich entscheide mich für die altbewährte Lösung, wenn ich nicht weiterweiß und einfach nur verzweifelt und leer bin – ich zurre mich in meinen Schlafsack, bete und heule im Wechsel, werde einschlafen und hinterher hoffentlich irgendwie anders aufwachen.

Einschlafen tue ich wirklich, aber als ich die Augen wieder aufmache, liege ich immer noch in einer windschiefen, düsteren Herberge auf einer anheimelnden Plastikmatratze, über mir das obere Stockbett, neben mir eine schmutzige Wand undefinierbarer Farbe. Ich könnte gerade weiterschlafen.

Ich erschrecke fast ein bisschen, als mir bewusst wird, dass ich nicht allein im Raum bin. In dem kleinen Raum mit 4 Stockbetten sitzt in einer anderen Ecke der schweigsame französische Schweizer auf seinem Bett, schaut auf und nimmt seine Kopfhörer ab. Ich frage, was er hört. Bach, worauf ich anerkennend etwas murmele. Viel mehr ist auch nicht bei meinem doch sehr eingerosteten Schulfranzösisch. Offensichtlich begeistert ihn diese Musik, er taut sichtlich auf, ich darf mithören, und als ich „sehr schön“ meine, schreibt er mir genau auf, wie das Ding heißt, damit ich es mir zu Hause runterladen kann. Wir kommen ein wenig über den Camino ins Gespräch, etwas, was nun wiederum mich auftauen lässt. Als ich erwähne, dass ich Gott hier eher spüren kann, lacht er eine Mischung aus bitter und höhnisch. Ich frage, ob er nicht an Gott glaubt. Er sagt, nicht mehr. Die Konversation ist schwierig, ich habe Mühe mit der Sprache, bin insgesamt recht eingeschüchtert, und die abweisende Art und extreme Kurzangebundenheit verunsichern mich. Ich weiß nicht, woran ich bei ihm bin, und fühle mich bei allem, was ich sage, klein, dumm und unterlegen. Er erzählt, dass er als Türsteher arbeitet. Früher war er Leibwächter für eine Familie. Dann ist er nach Ruanda gegangen, und was er dort gesehen hat, lässt ihn nicht mehr glauben. Schon seit ein paar Jahren nicht mehr, und Freude und Emotionen hat er auch nicht mehr. Seine Frau hätte sich gefreut, dass er den Camino macht, in der Hoffnung, dass er wieder der Alte wird. Aber daran glaubt er auch nicht.

Ich fühle mich noch viel kleiner und dümmer. Zum einen ist das Ganze sehr bedrückend, wir sitzen in einem dunklen, grauen Raum ohne richtige Beleuchtung, er spricht so beklemmend seelenlos und kalt. Er klingt noch nicht einmal mehr traurig. Diese Emotion ist auch abhanden gekommen. Zum anderen fühle ich mich sehr hilflos. Seit einer Weile scheine ich Zuversicht spenden zu können, wenn jemand an seinen Kräften auf dem Camino zweifelt, wenn jemand durch Blasen oder Bettwanzen beunruhigt ist oder noch nicht den Frieden des Caminos gefunden hat. Aber schon die Dänin mit ihren vielen Schicksalsschlägen hat mich überfordert, und wie könnte ich erst hier etwas sagen. Genau das sagt der Blick des Schweizers auch. Mit einer Mischung aus nicht böse gemeintem Spott und Nachsicht für meine Naivität scheint er zu sagen „glaube Du ruhig an Gott, solange Du kannst“.

Das beklemmende Schweigen wird zum Glück unterbrochen durch seine Frage nach meinem Fuß, einem doch sichereren Terrain. Ich klage ihm jämmerlich mein Leid, woraufhin er meint, ich solle es doch einfach aufstechen. Ich gucke entgeistert, ich kann doch nicht einfach auf gut Glück irgendwo in den Fuß hinein stechen. Er kramt schon sein Medikamententäschchen heraus und meint, natürlich auch nicht ohne Betäubung, und wenn ich mich nicht traue, kann er mir helfen. Vor meinem inneren Auge sehe ich nur eine Art riesigen Nagel einmal von oben nach unten durch den Fuß gestochen; vielleicht fließt dann dieses komische Wasserpolster wirklich ab, aber dann habe ich auch definitiv eine Infektion und Blutvergiftung. Nein nein nein. Resigniert zuckt er mit den Schultern.

Ich flüchte vor Ruanda-Erinnerungen, Seelenlosigkeit und riesigen Nägeln in den Eingangsbereich, wo nun um 16.00 Einchecken angesagt ist. Ich habe die Herberge von meinem ersten Camino 2006 in besonderer Erinnerung. Sie wird von protestantischen, niederländischen Freiwilligen geleitet. Damals haben derer etwa 6 gleichzeitig dort gewohnt, sie haben die Zeit bis 16.00 mit gemeinsamem Beten und Singen verbracht, sich dann um die Pilger gekümmert, zu jedem Stempel in den Credencial ein 10-minütiges Gespräch geführt und sich den ganzen Tag um die Pilger fast schon seelsorgerisch gekümmert, bevor es abends ein gemeinsames Abendessen mit gemeinsamem Gebet und kleinem Gebetbüchlein gab. Heute sitzt eine verdrießlich dreinblickende Holländerin regensicher aufgehoben in der kleinen Eingangshalle, stempelt wortlos im Akkord die Ausweise und sammelt das Geld ein. Als der Ansturm vorbei ist, frage ich sie, wie lange sie schon hier ist und ob sie selber den Camino schon gegangen ist. Sie guckt mich entgeistert an. Nein! Ob sie denn noch will, frage ich zaghaft. Nein! Diese Pilgermentalität, diese Herbergen, diese Gesellschaft, das findet sie ganz fürchterlich. Sie ist lieber allein und hat ihre Ruhe und ihr sauberes Hotelzimmer. Ich bin sprachlos.

Von den restlichen Hospitaleros ist wenig zu sehen, dafür klart das Wetter ein klein wenig auf. Es regnet nicht mehr, und die bereits eingetroffenen Pilger kommen sichtlich erleichtert aus ihren Mauselöchern. Von der Terrasse genießen wir den Blick auf das Tal und auf die neu eintreffenden Pilger. Die kanadischen Brüder stoppen dank Knieproblem auch schon hier, wenigstens ein paar bekannte Gesichter.

Ein fröhlich strahlendes, braungebranntes Gesicht mit wildem Lockenkopf schiebt sich plötzlich in mein Blickfeld, ob der Stuhl neben mir noch frei wäre. Die Dame um die 50 heißt Joy- und noch nie war ein Name passender. Inmitten des grauen Tages und meiner ebenso grauen Grundstimmung, strahlt sie unglaubliche Wärme und Fröhlichkeit und Ruhe aus. Nicht zuletzt auch unheimlich viel Farbe, sie ist eingekleidet in knallige rot-orange-gelb-Töne. Sie kommt aus Südafrika, ja, ja, schon ein Stückchen, lacht sie heiter. Sie ist schon mal den Camino gegangen, voll infiziert, und nun will sie einfach nochmal nachspüren. Dazu geht sie ganz langsam, 15-20 km am Tag. Wir verstehen uns blind, sie ist unheimlich angenehm, einerseits ein wahrer Brunnen an Lebensfreude und Energie, zugleich aber eher wie ein samtig, seidig, warm dahingleitender Fluss. Nicht laut, nicht hektisch, nicht bestimmend, nicht besserwisserisch.

Ich schütte ihr mein Herz aus, die Sorgen mit dem Fuß, vor allem aber die Freunde, die ich verloren habe. Wenn ich es ihr so erzähle, merke ich selber, dass es eigentlich keine Probleme sind und dass es eigentlich selbst für mich zu einem Camino dazugehört. Trotzdem sind ihre Worte Balsam, als sie sagt, dass das mit dem Fuß sicher einen Sinn hat. Und sie sagt, dass das doch gerade das Schöne am Camino ist, dass man Freunde findet und sie auch wieder gehen lässt. Jeden Tag aufs Neue. Ein ständiges Beschenktwerden und wieder Loslassen. Höhen und Tiefen. Sie lebt das jeden Tag bewusst, macht extra ihre kurzen Etappen und freut sich an jedem Freund, den sie weiterziehen lässt. Die Frau ist der Hammer. Oder besser gesagt: ein Engel.

Wir sitzen lange schweigend, ziemlich alle Pilger versammelt, mit Blick auf den Sonnenuntergang. Für mich scheinen hier heute zwei Sonnen, und eine geht nicht unter.

Zum gemeinsamen Essen wird von einem jüngeren Paar zumindest ein Gebet gesprochen. Für 21.00 wird noch zu einer gemeinsamen Andacht eingeladen, wenigstens etwas. Ich bin etwas enttäuscht, wobei auch da wieder die imaginäre Joy in meinem Kopf milde lächelnd sagt, dass schöne Erinnerungen nicht dazu da sind, sie wiederbeleben zu wollen. Und eigentlich kann auch ich schon wieder fast milde lächeln.

Nach dem Essen räume ich meinen Rucksackinhalt etwas zusammen. Das Zimmer ist mittlerweile restlos gefüllt mit durchweg älteren Herren. Neben den beiden Kanadiern, den beiden Schweizern und einem Pilger, den ich nicht kenne, logieren mir gegenüber zwei Österreicher. Bis auf den französischen Schweizer haben alle einen wunderbaren, trockenen Humor. Als ich verzagt meinen Fuß inspiziere, fällt ein Österreicher aus allen Wolken, warum ich denn auch nicht cremen würde. Cremen wäre das A und O, schon Wochen vorher! Der andere Österreicher und der Schweizer stimmen mit ein, sie lächeln mich allesamt milde an, wie man nur so doof sein kann, ohne gecremte Füße zu laufen. Ich fühle mich in dem Moment auch recht naiv und doof. Jämmerlich frage ich, ob sie denken, dass das mit dem Fuß wieder wird, ich habe irgendwie das Gefühl, als ob ich jeden Moment sterben könnte. Sie lachen erheitert, sie sehen es nicht so dramatisch, und wenn so ein Haufen weiser Männer das so sagt, dann kann ich das ja nur glauben. Ich bin sehr erleichtert. Und morgen werde ich in der ersten Stadt erstmal eine Fußcreme kaufen.

Der 80-jährige Schweizer fragt, wohin ich morgen will. Ich gucke ratlos. Mal schauen, was meine Füße morgen sagen. Wann ich denn morgen ankommen will. Keine Ahnung. Ich muss das doch wissen, damit ich weiß, auf wann ich meinen Wecker stellen muss! Ich gucke betreten, was er richtig dahingehend interpretiert, dass ich mir darüber noch gar nie Gedanken gemacht habe. Er steht fast senkrecht im Bett vor Ungläubigkeit, und ich bin schon fast besorgt, dass er vor lauter rot anlaufen noch einen Herzinfarkt bekommt. Er wettert etwas von „dieses Mädchen!!! Und da wundert sie sich!!!“, und ich fühle mich sehr schuldbewusst mit meinem fehlenden Konzept und meinen schändlich vernachlässigten Füßen.

Die Herren sind vor 21.00 alle schon bettfertig, auch der verschlossene Türsteher verstaut seinen Waschbeutel. Es kostet mich reichlich Überwindung, mein heutiges Bändel zu überreichen. Ich sage sehr schnell mit ein paar Brocken Französisch, dass es ihm Glück bringen soll und dass er es ja an seinen Rucksack binden kann. Oder es wegschmeißen, denke ich. Dann ergreife ich schnell die Flucht.

Zu der Pilgerandacht kommt außer dem jungen Paar und der säuerlichen Stemplerin nur noch eine andere Pilgerin, die ich nicht kenne. So ganz wohl fühle ich mich in dieser kleinen, unbekannten Runde nicht, ich habe ständig Angst, etwas sagen oder machen zu müssen. Die Andacht ist jedoch sehr nett gemacht, mit Kerzen, meditativer Musik und vielen Gebeten. Ich bete vor allem für die kleine Dänin und João, wo auch immer sie jetzt sein mögen. Ein versöhnlicher Abschluss.

Es ist schon kurz vor 22.00, als ich zu meinem Zimmer zurück gehe. In einem Zimmer auf einem oberen Bett sitzt Joy inmitten einem Berg von Tüchern in fröhlichen Farben. Auch sie bekommt ein Bändel, nur fällt es mir hier deutlich leichter, meine guten Wünsche und meine Dankbarkeit in Worte zu fassen. Sie freut sich so, dass sie mich umarmt und dabei fast vom Bett herunterfällt. Eine wunderbare Begegnung.

In meinem Zimmer ist es schon dunkel. Mich empfängt ein vielstimmiges, friedliches Schnorcheln. Das Licht, das vom Flur hereinfällt, beleuchtet den schlafenden Leibwächter, der bei der Kälte mit freiem (beeindruckenden) Oberkörper daliegt. Sein einer Arm hängt aus dem Bett in den Gang hinaus – und trägt mein Armbändel.

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Wie üblich wache ich im Dunklen und in kompletter Stille auf, vermute aber, dass es nach 6 Uhr ist und somit eine gute Zeit zum Losgehen. Ich taste nach meinem vertrauten „Nachttisch“-Sammelsurium unter dem Bett. Dort lagert mit routinierter Zuverlässigkeit mein Waschbeutel, mein Kontaktlinsenschälchen und Brille, meine Schachtel Ohrstöpsel und meine Stirnlampe. Heute greife ich in etwas warmes Weiches. Huarg. Nach dem ersten Schreck linse ich vorsichtig über meinen Matratzenrand, und tatsächlich, anstatt Boden und meinen Sachen liegt da eine ganze Matratze. Und wie sich im Dunkel erkennen lässt, liegt darauf der dunkle Bär. Ich erinnere mich dunkel, dass für den gestern Abend ja kein Bett mehr übrig war. So geräuschlos wie bei den quietschenden Bettfedern möglich vollführe ich ein artistisches Kunststück, um meine Sachen von nun unter dem Bett an dem Schlafenden vorbei zu bergen. Ich stopfe alles in den Schlafsack und schleiche mich in die Küche, wo schon mehrere andere Pilger bei guter Beleuchtung packen.

Auch die beiden Deutschen tauchen verschlafen im Gang auf, und ich beeile mich, loszukommen, denn für den Tschechen bin ich heute noch nicht gewappnet.

Es ist noch wirklich stockdunkel draußen und ein wenig unheimlich. Weit hinter mir sehe ich plötzlich eine einzelne Gestalt, die aber auch immer wieder verschwindet und keinen Rucksack zu tragen scheint. Ich verstecke mich. Die Gestalt läuft noch etwas ziellos durch die Gegend, um dann aber auf der Fahrstraße in eine andere Richtung zu verschwinden. Ich bin erleichtert, gleichzeitig aber auch etwas wütend auf mich. Warum muss ich auch immer im Stockdunklen unterwegs sein, wo sonst kein vernünftiger Pilger mit unterwegs ist.

Dafür durchwärmt mich nach einer Weile von hinten ein wunderschöner, dunkelrot beginnender Sonnenaufgang. Ein unvergleichliches Gefühl, und ein unvergleichlicher Start in den Tag.

Heute geht es auf den Alto del Perdón, eine mit Windrädern besetzte Anhöhe. Der Anstieg ist kurz, aber intensiv. Glücklicherweise ist es noch sehr kühl, sodass mir die Bewegung direkt gut tut. Während ich noch laufe, wechselt das Wetter von morgendlichen Sonnenstrahlen zu dunkel aufziehenden Wolkendecken. Nicht umsonst ist das hier eine Wetterscheide.

Atemlos oben angekommen, mache ich erstmal meine Frühstückspause. Es bläst ein ordentlicher Wind, so ganz genießen kann man die tolle Aussicht und die beeindruckenden Pilgerdenkmäler kaum. Ein paar Minute nach mir kommt schon ein Schwung spanischer Radpilger ziemlich ausgepowert daher, dankbar über jemanden zum Beweisfotos von ihnen schießen. Kaum habe ich wieder meine Ruhe, lässt sich ein weißhaariger Kanadier schwer atmend und mit rotem Kopf sehr erleichtert zu mir fallen. Ich habe ihn gestern schon in der Herberge mit seinem Freund getroffen; sie sind mit dem Taxi nochmal nach Pamplona zurück, um das Knie seines Freundes nach einem Sturz untersuchen zu lassen. Beide wirken sehr kultiviert und freundlich, sodass ich mich über die Gesellschaft hier sehr freue. Ich frage nach dem Freund; anscheinend war das Ergebnis beim Arzt nicht sehr gut, er wäre mit dem Taxi nach Puente la Reina weitergefahren, dort würden sie sich dann wieder treffen.

Inmitten unserer trauten Zweisamkeit müht sich mit dröhnenden Motoren ein Reisebus die Fahrstraße hinauf – und spuckt an die 80 deutsche Touristen aus. Wild lärmend schießen auch sie stolze Erinnerungsbilder, Arm in Arm mit den Pilgerstatuen. Der Kanadier verabschiedet sich schnell, er will auch seinen Freund nicht zu lange warten lassen, und auch ich beende mein Frühstück etwas früher als geplant, weil diese Invasion hier doch befremdlich ist. Ich bemühe mich, jedem Pilger seine Art des Pilgerns zuzugestehen. Die stolzgeschwellten Pilgerbrüste nach dem Aussteigen aus dem Reisebus sind mir so am frühen Morgen aber doch noch etwas zu viel.

Heute zieht es mich aus unerfindlichen Gründen nach Cirauqui, ich möchte endlich mal wieder eine längere Strecke laufen und nicht nach 4 Stunden bereits am Etappenziel angekommen sein. So passiere ich etwas reumütig die schöne Herberge in Obanos, mache dort aber einen längeren Einkauf im Mercado und lasse mir schon wieder bei einer Vesperpause Oliven, Schafskäse und ein wunderbares, frisches Baguette schmecken. Während ich gemütlich pausiere, passieren mich reinste Heerscharen von Pilgern. Dadurch, dass ich meist noch im Dunklen loslaufe, laufe ich in gefühlter kompletter Einsamkeit. Punkt Sonnenaufgang läuft dann aber offensichtlich die komplette restliche Herbergenbelegschaft los. Ich warte diese Welle noch kurz  ab und mache mich anschließend wieder auf den Weg. Irgendwie brauche ich beim Laufen meine Ruhe und kann nicht ständig vor und hinter mir Rucksäcke haben.

Puente la Reina passiere ich recht zügig, schon wieder Essenspause machen kann ich ja schlecht. Das macht dafür offensichtlich recht geschlossen der Pilgerpulk, in jeder Bar erkenne ich ein paar bekannte Gesichter. Auch mein dunkelhäutiger Bettnachbar strahlt mich fröhlich an.

Nach der berühmten Brücke mache ich ein paar Schritte zurück auf der Fahrstraße, um das perfekte Motiv zu erwischen. So sehe ich einen Pilger, an das Geländer gelehnt. Ich stutze, gehe dann aber doch auf ihn zu. Es ist der zweite Kanadier, der sehr erleichtert ist, als ich ihm erzähle, am Morgen früh seinen Freund getroffen zu haben (der sich nun als sein Bruder herausstellt). So ganz erleichtert bin ich nicht, eigentlich wähnte ich den Bruder vor mir, und so geschickt, wie der Gute hier jenseits des Caminos wartet, haben sie sich vielleicht verpasst. Ich schicke ihn auf die Brücke, damit sie sich wenn, dann sicher treffen. Zu seinem lädierten Knie meint er, dass sie vielleicht versuchen wollen, noch ein paar Schritte zu laufen. Solange es nicht bergauf geht, müsste es eigentlich gehen.

Ich verabschiede mich und schicke mich an, die nächsten paar Kilometer nach Cirauqui zu laufen. Irgendwie habe ich das aber falsch in Erinnerung, es zieht sich fürchterlich und geht auch noch manierlich einen Berg hoch. Ich bekomme eine schlechtes Gewissen, weil ich dem Kanadier die Strecke als schön eben angepriesen habe. Mit einem kaputten Knie, halleluja.

Als ich endlich Cirauqui erreiche, bin ich ziemlich kaputt und außer Atem. Es ist wieder heiß, ich bin wieder recht spät dran, und die Herberge ist wieder klein. Vor allem finde ich sie nicht. Dafür herrscht in der Stadt Fiesta, alles ist auf den Beinen und am Feiern. Mit piepsiger Stimme versuche ich mich gegen den Lärm einer Kapelle verständlich zu machen und frage nach der Herberge. Als Antwort bekomme ich resolut ein Baguette mit Tortilla drauf in die Hand gedrückt und werde zum Mitfeiern eingeladen. Die Feiernden sind sich mehrheitlich einig, dass hier gar keine Herberge offen hätte, und mir ist nach Heulen zumute, denn weiter schaffe ich es in dieser Gluthitze wirklich nicht mehr.

Glücklicherweise kennt dann doch jemand eine private Herberge – und wieder ist sie fast menschenleer. Außer mir checkt gerade ein Schwede ein. Er soll sich in einem Zimmer unten rechts ein Bett aussuchen, diskutiert aber mit dem genervten Hospitalero, dass er lieber ein Stockwerk höher gehen würde, wo es noch einen komplett unbelegten Raum hat. Der Gute ist ganz resigniert, als der Schwede dann selbstherrlich in den ersten Stock zieht. Er wirkt gestresst und meint, überall diese Fiesta, das wäre ja schrecklich. Er müsste das ganze Jahr arbeiten, da will er nachts doch manierlich schlafen, und das ginge nun schon eine Woche. Jetzt wäre auch noch seine Frau krank, die macht normalerweise den Empfang, sein Ding ist das gar nicht, und er zeigt mit einem schiefen, entnervten Grinsen Richtung Schwede. Ich gebe mir Mühe, ganz und gar pflegeleicht und geräuschlos zu sein.

Ich wasche meine Sachen und hänge sie an das Geländer des Balkons in die Sonne. Außer mir sitzen dort drei entspannte ältere Herren. Zwei sind Schweizer, einer davon aber französischsprachig und nicht in Plauderlaune. Der Dritte ist Holländer und eine wunderbare Frohnatur. Er stellt sich als passionierter (und an sich pensionierter) Zahnarzt heraus, der fließend Deutsch spricht, weil er nach Ostfriesland ausgewandert ist, nachdem er in Holland altershalber nicht mehr arbeiten durfte. Auch Deutschland schiebt ihm nun langsam einen Riegel vor, deswegen hat er jetzt Irland im Visier. Er lacht dröhnend, als ich vorsichtig frage, ob er das Arbeiten einfach so gern hat. Ja, genau, er liebt das einfach, das ist sein Leben. Generell liebt er sein Leben und seinen Camino hier genau so, wie er ist, und ich bin beeindruckt von so einer Zufriedenheit und Ausgeglichenheit. Seine Füße haben Blasen und auf meine ebenfalls vorsichtige Frage, ob er die Belastungen hier so problemlos wegsteckt, lacht er auch nur in sich ruhend und meint, natürlich nicht, deswegen muss er halt schauen, dass er sich nicht zu viel zumutet. Nichts, aber auch gar nichts, erfüllt ihn mit Groll oder Selbstmitleid oder Frustration. Manchmal treffe ich Pilger mit einer besonderen Aura. Dieser hier strahlt definitiv.

Ich lehne mich vom Balkon herunter, als unten gerade suchend die Dänin vorbeiläuft. Ich winke intuitiv strahlend nach unten, und sie winkt ebenfalls strahlend zurück. Sie setzt sich zu mir, und auch sie hat eine besondere Aura bekommen. In Zubiri meinte sie noch zweifelnd und verbittert, dass sie nicht mehr als 20 km am Tag machen will, sie will sich ja nicht zu Grunde richten und abhetzen. Hier strahlt sie das Strahlen jemandes, der heute wie ich bei einer ziemlichen Hitze eine ziemliche Monsteretappe hinter sich gebracht hat. Sie sagt, es würde toll laufen, es würde ganz von selber gehen. Von sich aus bringt sie die Sprache auf ihre Schicksalsschläge. Außer dem Sohn sind auch noch die Eltern sowie zwei beste Freundinnen und noch alles möglich andere im letzten Jahr gestorben, wieder kämpft sie mit versteinertem Gesicht mit den Tränen. Ich glaube, dass es dafür wirklich eine ganz unglaubliche Stärke braucht, das alles wegzustecken. Aber sie hat sie ganz klar. Sie wankt noch, was die Etappenlängen angeht, ihre heutige Leistung scheint ihr selber suspekt zu sein. Ich kann ihr versichern, wenn nicht sie, noch dazu mit dem 4 kg-Rucksack, wer soll dann den Camino schaffen.

In einer ruhigen Minute kommt der Hospitalero zu einer kleinen Zigarettenpause zu uns auf den Balkon. Auf meine Frage, ob er selber mal den Camino gelaufen wäre, schüttelt er wild den Kopf, wann denn?! Nie, nie hätte er frei, jahraus, jahrein käme immer ein Pilger. Auf meine Frage, ob er nicht einen Hospitalero anstellen kann, um mal ein paar Tage in Urlaub zu gehen, guckt er verwirrt. Für mich ist das ein Traumjob, für viele andere Pilger ja auch, mich wundert, dass hier noch niemand arbeiten wollte. Nein, nein, er muss ja auch kochen, Abendessen für die Meute, und alles muss gut in Schuss sein. Im Flur unten ruft schon wieder ein Neuankömmling, und er drückt eilig seine Zigarette aus.

Von meinem Balkon sehe ich zu meiner riesigen Freude den kleinen Iren vom Anfang sich schwitzend den Berg hochschleppen, und auch der bärige Brasilianer torkelt um eine Ecke. Ich bin überglücklich, in dieser wunderschönen Herberge lauter bekannte Gesichter wiederzutreffen, und springe zur Begrüßung in den Flur. Dort hat sich der Brasilianer auf einen Stuhl fallen lassen, sein Gesicht ist unter der dunklen Haut trotzdem als dunkelrot zu erkennen, ihm laufen Bäche von Schweiß das Gesicht hinunter, selbst sein T-Shirt ist fast komplett durchnässt. Ich muss lachen und meine, dass er wohl auch recht froh ist, angekommen zu sein. Er hat Mühe, mich zu fixieren und stammelt nur abwesend und ohne Unterlass, dass er nicht hierbleibt, er muss weiter, sonst schafft er es nicht rechtzeitig bis Santiago. Dabei knickt er mehrmals mit dem Kopf weg und hat Mühe, sich zu sammeln. Ich unterbreche sein Gemurmel ziemlich geschockt und sage ihm, dass er heute definitiv nicht weitergehen kann und hierbleibt. Er lässt sich nach hinten fallen und sagt „ja gut“. Aus sicherer Entfernung schaue ich noch zu, dass er auch wirklich eincheckt, bevor ich wieder auf den Balkon gehe.

Nach ein paar Minuten erscheint der Hospitalero im Türrahmen, „heh Du!“. Ich weiß nicht, ob er mich meint. Ich wäre doch die, die gern Hospitalera wäre. Öh, ja. Er winkt mich ungeduldig zur Tür, das könnte ich doch dann jetzt grad machen. Ich kann mein Glück gar nicht fassen. Er schiebt mich gleich auf den Chefsessel, drückt mir den Stempel und die Liste in die Hand, er hätte da volles Vertrauen in mich. Er muss jetzt mit Kochen anfangen, falls ich ihn brauche, ein halbes Stockwerk tiefer. Ich sitze etwas verwirrt, aber stolz wie Oskar im Empfangsbereich, als auch schon meine ersten Pilger kommen. Leider sind es zwei Irinnen mit fürchterlich geschriebenen Namen, die eh schon von „mullgh“s nur so wimmeln. Ich bin total nervös, vergesse fast das Stempeln, muss beim Namen 5 x nachfragen. Sie kennen mich vom Camino und tragen es mit belustigter Fassung. Meine nächsten Pilger empfange ich schon deutlich routinierter, und es ist ein wunderschönes Gefühl, die völlig verschwitzten, kaputten Pilger freundlich lächelnd in Empfang nehmen zu können und ihnen die wunderbaren Betten und einladenden Lokalitäten erklären zu dürfen. Das erleichterte Strahlen in den müden Augen ist einmalig.

Der Herr der Hauses kommt schnell nach dem Rechten schauen, ist sehr zufrieden und macht mit Blick auf die Liste einen dicken Strich unter die 32, mehr nehmen wir nicht auf, den Rest muss ich weiterschicken.  Dann ist er schon wieder weg, als ich in die hoffnungsvollen Augen von Pilger Nummer 28 und 29 blicke. Nummer 30 und 31 sind zu meiner Freude die beiden kanadischen Brüder. Ich bin baff, wie der Knielädierte es bis hierher geschafft hat, und es scheint ihm immer noch gut zu gehen. Nummer 32 ist die Australierin von gestern, ich freue mich sehr, ihr noch ein Bett geben zu können. Sie schickt direkt in der Empfangshalle ein Stoßgebet nach oben, und mir wird nun mehr als mulmig, was ich als nächstes mache, denn die völlig fertigen Pilger kommen im Minutentakt.

Mein erstes Opfer ist ein großer, junger Italiener, der ähnlich von Sinnen ist wie der verschwitzte Brasilianer. Auf mein zerknirschtes „completo“ sagt er entschlossen „nein!“ und guckt mich herausfordernd an. Mir wird schon etwas angst und bange; zum Glück fragt er irgendwann, ob er denn wenigstens Wasser nachfüllen kann. Kann er natürlich, aber als er sich dann torkelnd auf den Weiterweg macht, ist mir nicht ganz wohl.

Die nächsten Pilger sind zum Glück alle von nicht so weit her, sehen noch recht frisch aus und tragen es mit Fassung. Ein Deutscher fragt, ob es im nächsten Ort auch Einzelzimmer hätte. Er schnarcht, und den Ärger will er sich nicht mehr antun. Er meint ärgerlich und resigniert, dass er sich dann lieber gleich ein Taxi nach Estella bestellt, wo es hübsche Hotels hat.

Weniger problemlos läuft es mit einem jungen spanischen Paar. Die weibliche Komponente ist schon total verheult und panisch. Vor lauter Dankbarkeit, endlich die Herberge erreicht zu haben, bricht sie vor mir in Tränen aus. Ihr Freund guckt ziemlich beklommen, erst recht, als er meinen ebenfalls beklommenen Blick auffängt. Irgendwann dämmert auch der Spanierin, dass hier noch nicht alles gut ist. Sie bricht auf dem Boden zusammen, sie kämen von Pamplona, 40 km, sie geht keinen Schritt weiter, sie schläft hier auf dem Boden – und klammert sich schon mal am Fuß des Tisches fest wie ein Greenpeace-Aktivist. Das übersteigt nun meine spanischen und pädagogischen Kompetenzen,  ich beschwichtige und führe sie zum Kellergewölbe um die Herberge herum, wo der Chef am Kochen ist. Mit sehr viel Spanisch und Telefonaten garantiert er ihnen einen Platz im nächsten Ort. Die Spanierin hat sich soweit wieder gefangen, und sie machen sich weiter auf den Weg. Mir teilt der Chef noch mit, dass der nächste Ort auch komplett ist, dort geht auch gar nichts mehr. Die nächsten müssen 12 km weiter nach Estella.

Sehr, sehr mulmig sitze ich in der Rezeption, als die eigentliche Hospitalera die Treppe heruntergeschlichen kommt. Ihr geht es wohl wirklich nicht gut, sie ist leichenblass und kreislauftechnisch nicht einmal zum Treppe hinuntergehen gemacht. Sie guckt nur wenig irritiert, dass ich da herumsitze; vermutlich hat ihr Mann sie informiert. Sie geht zum Kochen helfen.

Als neue Aufgabe muss ich noch nachfragen, wer vegetarisches Abendessen möchte. Die Hälfte hat er schon aufgeschrieben, und nun darf ich anhand der Liste ähnlich einem lustigen Ratespiel überlegen, welcher Name zu welchem Pilger passen könnte. Irgendjemand will wissen, ob es auch ohne Teigwaren ginge, eine andere isst nur mit, wenn nichts mit Tomate dabei ist. Uff. Ich übermittle es geschwind der Küche, alles okay, zurück zu den Pilgern, sind auch happy, zurück zum Empfang.

Im Türrahmen tauchen meine zwei Süddeutschen auf, sie haben zum Glück schon gehört, dass es weitergeht und tragen es wie gewohnt mit Fassung. Sie freuen sich eher mit mir und meiner unverhofften Hospitalera-Tätigkeit. Dafür klingt ein lauter Streit um die Ecke. Der Herr Tscheche ist nicht so angetan vom Weiterlaufen und beschwert sich lautstark. Die arme kranke Hospitalera schreit recht resolut zurück, sie ist das wahrscheinlich schon gewohnt. Trotzdem tut sie mir sehr leid, wie sie sich mühsam an der Wand abstützt, während Marek mit seinem eiskalten Blick recht herzlos seine Sicht der Dinge darlegt.

Zurück in der Herberge bastle ich ein schönes „Completo“-Schild und verlasse meinen Posten. Im Schlafraum laufe ich fast João in die Arme. Frisch geduscht mit einem weißen T-Shirt, das aussieht wie frisch gebügelt, ist er kaum wiederzuerkennen. Er hat etwas auf dem Herzen, und das ist schon wieder recht abgefahren. Er meint, vorhin durch mich Gott gehört zu haben, ich wäre ein Engel gewesen, ich hätte so eine ruhige Stimme gehabt, ich hätte so eine Ruhe ausgestrahlt, er hätte mit einem Schlag inneren Frieden gefunden. Soweit, so gut, er hatte ja auch recht offensichtlich einen Sonnenstich. Nein, nein, er redet immer schneller und aufgebrachter, er hätte mich schon vorher ganz oft schweben sehen, auf dem Weg und am allerersten Tag in der Nacht in Roncesvalles. Das mit dem Schweben auf dem Camino lasse ich ja noch durchgehen, ich erinnere mich an ein paar Begegnungen, als ich beschwingt mit meinem wunderbaren Wanderstab über Stock und Stein gehüpft bin, während er mit der fußlahmen Deutschen seine mindestens doppelt so vielen Kilos den Weg entlang geschleppt hat. Von der Nacht in Roncesvalles weiß ich nichts. Wir wären uns um 3 Uhr nachts auf der Treppe begegnet, ich natürlich als schwebender Engel mit einem seligen Lächeln. Ich möchte mal nicht ausschließen, in meinen eigenen vier Wänden ab und zu schlafwandlerisch zur Toilette zu gehen, aber in dem riesigen, unbekannten Schlafsaal von Roncesvalles mit dem eiskalten Boden schließe ich das mal aus.

Er ist nicht davon abzubringen. Ich sehe es positiv. Irgendwas hat ihn total beseelt und entzündet und belebt. Irgendwie trägt er Gott plötzlich mit aller Macht in seinem Herzen.

Wir sitzen alle noch ein bisschen auf dem Balkon, ich knüpfe ein Bändel für João. Als es fertig ist, passt es nicht. Er hat Riesenpranken, doppelt so breit wie meine Handgelenke. Also auf ein Neues.

Gegen Abend gipfelt die Fiesta in einem Stiertreiben. Wir schließen uns der begeisterten Spanierschaft an, allerdings fehlt uns wohl das letzte Quentchen Begeisterung. Ich bin höchstens geschockt, was für kleine Kinder da vor Stieren herumrennen.

Dann gibt es das seit Stunden gekochte Abendessen in einem sehr stimmungsvollen Kellergewölbe unter der Herberge. Das Ehepaar sowie eine weitere Spanierin springen nonstop durch die Gegend, servieren eine Leckerei nach der anderen, und ich bin vor allem begeistert, dass sie für die zwei Sonderwünschler wirklich extra etwas gekocht haben. Mein Tisch ist eher ruhiger, ich sitze mit den beiden Schweizern. Der französische sagt nach wie vor nichts, während der deutsche, geschätzte 80 Jahre, mit recht interessantem Humor die Australierin beschallt. Ich bin ganz froh über die Ruhe, mir ist heute schon wieder ziemlich viel Chaos im Kopf. Ein Wiedersehen mit so vielen bekannten Gesichtern, die unverhoffte Verwirklichung meines Hospitalera-Traums, und dann noch diese seltsame Engel-Geschichte mit João.

Dieser drängt drauf, noch mit mir spazierengehen zu müssen. Zuerst bedanken sich die Herbergseltern überschwänglich bei mir, ich bekomme mein Abendessen gratis und noch die besten Wünsche und Dankesworte mit auf den Weg. Während ich auf João warte, schnaubt die Dänin höchst verächtlich, dass er einfach ein Weiberheld wäre. Grundsätzlich bin ich dieser Möglichkeit nicht völlig verschlossen, halte es aber nicht für die größte Wahrscheinlichkeit.

Sicherheitshalber promenieren wir brav immer am Rande der Fiesta, so oder so neige ich nicht dazu, mitten in der Nacht im Dunkeln durch irgendwelche spanische Vegetation zu rennen. Wie zu erwarten war, lässt João den eventuellen Weiberheld, wo er hingehört und schwadroniert lieber höchst agitiert von Engeln und Frauen mit übersinnlichen Fähigkeiten. Jetzt fällt es ihm wieder ein, ich erinnere ihn an die Frau aus Paulo Coelhos Buch „Wicca“ (das ich nicht kenne, aber nachdem ich Wicca mit Hexe übersetze, schmeichelt es mir eher moderat). Am liebsten würde er mich nicht mehr aus den Augen und aus seiner Nähe lassen, ich empfehle da mal „eine Nacht drüber schlafen“.

Die Nacht ist wirklich der Horror, trotz Ohrstöpseln tobt die Fiesta bis in die frühen Morgenstunden. Zwar sehe ich ohne meine Kontaktlinsen so viel wie ein Maulwurf, trotzdem habe ich das Gefühl, das João mich vom Bett gegenüber die ganze Nacht anstarrt. Vielleicht möchte er nicht verpassen, falls ich wieder zu schweben anfange.

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Am Morgen lässt mich meine blöde Herbergenangst nicht ruhig schlafen. Hier in Zubiri scheinen nur sehr wenige übernachtet zu haben, der Hauptpulk der gut 100 Leute aus Roncesvalles scheint einen Ort weitergegangen zu sein. Vor meinem geistigen Auge zieht es sie leider auch alle nicht nach Pamplona in dieses sagenumwobene Opernhaus, sondern alle in das kleine Cizur Menor, wo ich gerne neben einer Burg des Malteserordens übernachten würde. Mit nicht einmal 30 Betten.

Zuerst einmal kann ich jedoch den schönen Weg durch die immer noch recht unberührte Natur genießen. An der pittoresquen Brücke von Trinidad de Arre mache ich eine lange Mittagspause, ebenso eine Gruppe junger Männer. Das Wetter ist perfekt, sonnig, nicht zu warm; ich bin sehr entspannt.

Pamplona zu erreichen ist ein lustiges Gefühl. Hier bin ich nun am helligten Tag als Pilgerin, beschützt mit meinem Pilgerstab und meinem Rucksack mit Muschel. Ich fühle mich gelassen, zufrieden und stolz. Dabei ist es erst 3 Tage her, dass ich hier ziemlich verängstigt um ein Bett gebettelt habe.

Und es ist ziemlich genau 2 Jahre her, dass ich hier meinen ersten Camino begonnen habe. Eine gewisse Ruhe überkommt mich, dass ich ab jetzt eine grobe Ahnung habe, was auf mich zukommt. Nachdem es am Abend keine Einkaufsmöglichkeit geben soll, kaufe ich noch schön ein.

Es geht mitten durch Pamplona, entlang einer Verkehrsstraße, und man muss ziemlich genau auf die Markierungen am Boden achten. In großem Abstand vor mir läuft deutlich am schiefen, großen Rucksack zu erkennen ebenfalls ein Pilger, oder besser gesagt, er humpelt ziemlich bemitleidenswert. Irgendwann taucht zur Linken ein großer Park auf, der meine Erinnerung weckt, dass der Weg hier die Straße verlässt. Der Pilger vor mir hat den Abzweig nicht mitbekommen, ist aber viel zu weit weg, als dass ich rufen könnte. Während ich noch stehe und überlege, dreht er sich um und scheint mich zu sehen. Ich verlasse demonstrativ die Straße und gehe zu dem Park hinüber, hoffentlich versteht er es.

Für meine Verhältnisse ist es recht spät, deutlich nach Mittag, ich werde Cizur Menor erst gegen 3 erreichen. Die Sonne brennt ungewohnt stark, ich schwitze vor mich hin, während ich langsam doch immer schneller und unruhiger laufe. Nach Pamplona taucht schon bald auf einem leichten Hügel mein heutiges Etappenziel auf, die rotweiße Malteserfahne weht im Wind.

Ich schleppe mich durch den Hof und zu der Herberge, vor dem schon zwei Leute stehen. Recht erschöpft japse ich, ob es noch ein Bett für mich hat. Der Mann guckt mich verständnislos an, führt mich dann aber in die Herberge. Ohne eine Miene zu verziehen fragt er, ob ich denke, dass da eins für mich dabei wäre. Ich bin die Erste.

Er erklärt mir liebevoll den Ort, dass es in der Küche auch die wichtigsten Grundnahrungsmittel fertig eingekauft schon hätte, falls ich etwas brauche. Aber ja, eine Laden hätte es trotzdem, und natürlich, am Abend hat es eine Messe. Ich dusche in einem riesigen Raum mit 2 Duschen und Fischchen-Duschvorhängen, ich kann mein ganzes Gerümpel auf 2 Stühlen ausbreiten, mich in Ruhe anziehen, und das Waschbecken mit Flüssigseife verfügt sogar über ein (noch) frischgewaschenes, kuschelweiches Handtuch. Ich hatte mich auf eine spartanische, bereits überfüllte Herberge eingestellt, und nun so ein Himmel auf Erden.

Einzig beim Wäschewaschen hinter dem Haus holt mich ein bisschen die Realität wieder ein. Aus dem Wasserhahn spritzt unkontrolliert ein riesiger Schwall kaltes Wasser, ich bin also gleich nochmal geduscht, und mein recht eiliges Waschen wird kommentiert von drei großen Schäferhunden, die wenige Meter entfernt angekettet sind, an ihren Ketten reißen und sich die Seele aus dem Leib bellen.

Mit sich wieder beruhigendem Puls krame ich meinen Reiseführer, mein Tagebuch und einen weiteren Satz Bändelwolle aus meinem Rucksack und setze mich an einen der Tische im Innenhof. Der Hospitalero bietet mir eine große Schüssel an für ein kühles Fußbad, das täte gut. Unter reichlicher Anteilnahme der drei Hunde und mit einem diesmal schon etwas routinierterem Spritzwasserausweichen sitze ich dann endlich komplett entspannt in der Sonne, meine Füße in fröhlichem Eiskalt.

Der nächste Pilger lässt nicht lange auf sich warten; zu meiner Erleichterung ist es der Hinkende, der seinen Weg demnach doch noch gefunden zu haben scheint. Er grüßt mich vorsichtig erkennend. Ebenfalls freue ich mich über die Dänin aus Zubiri, die mich zur Begrüßung kurz anstrahlt, bevor sie sich fast schuldbewusst mit wieder versteinertem Blick ans Einchecken macht. Nun kommen im Minutentakt Pilger in den Hof geströmt, und ich bin fast etwas erleichtert, dass sie von einer ähnlichen Unruhe und Sorge getrieben zu sein scheinen. Ich treffe eine kleine Deutsche mit einem doppelt so hohen und breiten dunkelhäutigen Bär von einem Mann wieder, denen ich die letzten Tage immer wieder begegnet bin.

Meine Fußbadewanne gebe ich an den Hinkenden weiter, der sich zu mir setzt und sich als in Spanien lebender Belgier herausstellt. Mit seiner Frau möchte er hier eine Ferienanlage etablieren, aber wie ich so zwischen den Zeilen lese, so ganz nach Plan läuft es noch nicht. Auch der Camino wohl nicht, er hat nach ein paar Tagen schon ziemliche Beinprobleme. Er ist ein Trumm von einem Mann, spricht aber sehr leise und unsicher.

Weniger Probleme hat da eine Holländerin, junge Mutter, die sich dazugesellt und unbekümmert das Gespräch schmeißt. Zu Hause wacht ihr Mann über den Säugling, und sie kichert belustigt, dass er sicher am Verzweifeln ist. Die Fußbadewanne wandert an die kleine Deutsche, ebenfalls nicht mit Schüchternheit geschlagen, dafür mit Beinproblemen, die sie aber recht ironisch und lapidar kommentiert.

Ich werde zunehmend stiller und beschränke mich fasziniert auf das Zuhören und Beobachten der doch sehr unterschiedlichen Charaktere. Die drei Herrn von der Mittagsrast treffen ein, und ich bin recht fasziniert. Sie sehen jung und attraktiv aus, reden laut und viel auf Englisch und lachen herzlich, gleichzeitig strahlen sie aber auch eine besondere Atmosphäre aus, eine Art Ruhe und Respekt, die sie mir auf Anhieb sympathisch macht.

Wie sich herausstellt, ist einer ein Tscheche, der die anderen beiden, zwei Freunde aus Süddeutschland, auf dem Weg getroffen hat. Seitdem laufen sie zusammen. Der Tscheche ist schon einmal gepilgert, er wirkt sehr bedächtig und nachdenklich, während der Deutsche einfach eine unbeschwerte, wenn auch ruhige Frohnatur zu sein scheint. Nummer 3 ist gerade abwesend, er wäscht immer als erstes die Wäsche für alle, wie mir grinsend erzählt wird.

Ich springe schnell in den Laden des Örtchens und koche mir mein erstes Pilgeressen auf diesem Camino, Pasta mit Gemüse. Zu mir gesellt sich eine Australierin. Sie wirkt ähnlich wie der Belgier ein bisschen bedrückt. Sie hat sich die letzten Tage einen Magen-Darm-Infekt eingefangen und stochert mit wenig Appetit in ihren Spaghetti aus dem Plastikbeutel. Sie kennt hier noch niemanden, erst recht nicht den Camino und Spanien, noch dazu die Sorge um eine moderate körperliche Verlässlichkeit.

Während wir uns unterhalten, kommt plötzlich der chilenische grauhaarige Engel hereingeschwebt und lässt sich wissend milde lächelnd auf einem Stuhl gegenüber nieder. Er dreht sich in unsere Richtung und guckt weiter milde lächelnd, statt etwas zu sagen oder sich um sich selber zu kümmern. Mich irritiert das, zumal ich mir ihn hier nicht erklären kann, hat er doch gestern so ein flammendes Plädoyer gegen die Herberge hier gehalten. Mir kommt der Gedanke, dass er schon immer den Plan hatte, hier zu übernachten, und nur möglichst wenig Konkurrenz um die Betten haben wollte.

Die Nummer 3 der jungen Herren kommt konzentriert einen nassen Wäscheberg balancierend in die Küche, um nochmal mit etwas warmem Wasser nachzuspülen. Mir rutscht forsch heraus, dass er also der mit dem Waschspleen ist. Dafür, dass er mich rein gar nicht kennt, reagiert er sehr souverän und freundlich.

Als er zufrieden samt Wäschehäufchen die Küche verlassen hat und auch die Australierin sich noch ein bisschen hinlegen gegangen ist, sitze ich allein mit der Pilgerreinkarnation. Etwas an ihm passt mir gar nicht, ich merke, wie ich spontan auf Abwehr schalte und mich am liebsten in Schweigen hülle. Bis ich meinen Teller leer habe, fragt er mich hartnäckig über meine Beweggründe aus. Ich erzähle von meinen Erfahrungen, was mich so gefesselt hat, und dass das unter anderem die Begegnung mit Gott war. Und dass es mich fasziniert, dass hier vieles so abläuft, als wäre es genau für mich gemacht. Ich erzähle ihm von der Begegnung mit José auf meinem letzten Camino, dass er wie ein Engel genau in dem Moment zu mir geschickt worden wäre, wo ich ihn gebraucht habe. Wie schon seit der letzten viertel Stunde lächelt mein Gegenüber entrückt und wissend und selig, als hätte ich gerade eine Schulaufgabe gut bewältigt. Ja, ja, es gäbe Engel, die würde man hier treffen. Und diesmal wäre dann ja ich selber als Engel unterwegs. Stopp. Als Engel sehe ich mich nun wirklich nicht. Doch, ob ich das denn nicht sehen würde. Er würde mich schon seit einer Weile beobachten, und ich würde den ganzen Tag integrieren und ermutigen und Zuversicht spenden. Er hätte es doch gerade hier gesehen, er zeigt auf den leeren Platz der Australierin und auf den Warmwasserwaschplatz. Zum Glück bin ich mit meinem Essen fertig. Ich wasche schnell ab und verabschiede mich mit einem resoluten „na ja, mal schauen, was der Camino so bringt“.

Ich bin ihm nie wieder begegnet.

Es ist Zeit für den Gottesdienst. Kaum bin ich auf der kleinen Anhöhe der Kirche, bietet sich mir so ein wunderschöner Blick auf die Burg und Herberge im Sonnenuntergang, dass ich schnell noch einmal zurückspringe und meinen Foto hole.

Die Messe ist schön und verbreitet die gewohnte Atmosphäre. Ich genieße das „Vater Unser“ auf Spanisch und mache mich beschwingt auf den Rückweg. In den letzten Sonnenstrahlen sitzen die meisten Pilger an den Tischen im Hof zusammen. Ich setze mich zu den drei Herrn, und wir unterhalten uns bestimmt eine Stunde in einer beeindruckenden Wohlfühlatmosphäre. Damit der Tscheche etwas versteht, mühen wir uns auf Englisch mit schwäbischem Akzent. Die beiden Deutschen mir gegenüber sind sehr sympathisch, sehr interessiert, haben immer ein beeindruckend ruhiges Strahlen im Gesicht und ein fast unmerkliches Lächeln auf den Lippen, wenn wir nicht gerade ohnehin herzlich über etwas lachen. Wir tauschen uns über den Camino aus, ich schwelge in Erinnerungen und erzähle von meinen Erfahrungen.

Als sie mich noch zu einer Flasche Wein einladen, lehne ich dankend ab. Der Tscheche hat die ganze Zeit kein Wort geredet, und ich habe das Gefühl, die traute Dreiergruppe gestört zu haben. Ich witzele, dass er meine Gesellschaft ja nicht so sehr zu schätzen scheint. Er guckt mich todernst und voller Abscheu an und sagt „ja genau, ich mag Dich nicht“. Ich weiß erst nicht so recht, was ich sagen soll, als er nachlegt, dass ich mir einbilden würde, alles über den Camino zu wissen, und das könnte er nicht leiden. Ich weiß immer noch nicht, was ich sagen soll, ich bin sprichwörtlich sprachlos, schaffe es aber noch zu einem reichlich geschockten „gute Nacht dann“.

In der Herberge sehe ich fast Sternchen, so geschockt bin ich. Der erste Schock wird abgelöst von unbändiger Wut, ich würde ihm am liebsten sonstwas zurücksagen. Leider stelle ich beim zu Bett gehen fest, dass meine Wäsche noch draußen hängt, ich also nochmal da raus muss. Das ist vielleicht auch ganz gut, denn so kann ich jetzt eh absolut nicht schlafen. Auf dem Rückweg vom Wäscheständer gehe ich folglich nochmal kurz bei ihnen vorbei. Ich bin schon wieder so weit, dass es mir gelingt, mich zu entschuldigen, dass es zumindest nicht meine Absicht war, ihn zu verärgern, und dass ich auch sicher nicht den Eindruck erwecken wollte, den Camino in allen Facetten zu kennen. Auch er entschuldigt sich diplomatisch, und wir verabschieden uns recht versöhnlich damit, dass wir uns ja einfach ein bisschen aus dem Weg gehen können.

Ich bin zumindest nicht mehr wütend und auch nicht mehr geschockt, aber insgesamt sehr, sehr verwirrt. Der eine sieht einen Engel in mir, für den anderen bin ich ein rotes Tuch. Dabei habe ich eigentlich einfach nur friedlich meinen Tag gelebt. Im Bett über mir feiert die kleine Deutsche die reinste Mitternachtsparty mit ihren Bettnachbarinnen. Sie stellen kichernd fest, dass die eine Freundin jetzt versehentlich das Bett des dunkelhäutigen Bären belegt hat, der noch aushäusig unterwegs ist, und dass die Herberge ja completo ist.

Mir ist für heute wirklich alles zu viel, ich verdrille meine Ohrstöpsel und bin heilfroh über die sich ausbreitende Geräuschlosigkeit. In meinen Ohren und in meinen Gedanken.

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