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Posts Tagged ‘Manjarín’

Eine Strophe aus dem Kinderlied „Zwischen Berg und tiefem Tag saßen einst zwei Hasen“ beschreibt den Morgen in Perfektion:

„Als sie sich nun aufgerappelt hatt’n und sich besannen, ob sie noch am Leben, Leben war’n hüpften sie von dannen.“

Ich kann es kaum glauben, als ich morgens aufwache. Ich bin weder erfroren, noch rennen Ratten über das Bett. Draußen wird es schon hell, und weder hat nachts ein wilder Mann meine Tür eintreten wollen noch habe ich vor Ängsten und Alpträumen die halbe Nacht wachgelegen. Ich bin ehrlich verwundert.

Umso neu belebter packe ich recht schnell meine Sachen zusammen und schiele aus dem Spalt über der Tür. Draußen zeigen sich unglaublicherweise die ersten Sonnenstrahlen. Eigentlich hätte ich die schwarz-weiß-Umgebung von gestern erwartet, grau in grau mit Schneematsch. Statt dessen klar und sonnig. Und so einladend, dass ich mich auch schon traue, loszulaufen. Tomás streunt auch bereits um seine Hütte herum. Vielleicht ist er heute besser gelaunt oder es macht einfach die Sonne, auf jeden Fall wirkt er richtig freundlich, als er nach meiner Nacht fragt und ob ich Frühstück will. Ich bin höflich, alles prima, aber will dann doch schnell von hier weg.

Ein paar hundert Meter entfernt bleibe ich dann etwas außer Atem stehen, packe erstmal etwas zum Frühstücken aus und genieße den wunderschönen Ausblick. Der Nebel lichtet sich gerade über dem winzigen Dorf Manjarín, Sonnenstrahlen brechen überall durch, und die ersten Pilger aus Foncebadón überholen mich schon. Sie sind unbeschwert und glücklich, und es fühlt sich ganz komisch an, dass ich hier als einzige das Gefühl habe, als wäre die Welt gestern untergegangen – und heute neu erschaffen worden. Und ich bin mit dabei.

Der Weg hier ist für mich die Königsetappe des Jakobswegs. Hier trifft man zum ersten Mal auf die Berge, läuft in luftiger Höhe inmitten von Berggipfeln, die Vegetation ist eine ganz andere, und ich habe immer wieder das Gefühl einer Reise durch Zeit und Raum. Kaum hat man den höchsten Punkt erreicht, beginnt ein recht anstrengender und steiler Abstieg über Gestein und Geröll, der Staub und die ungeschützte Hitze erinnern mich an Wüste. Das erste Dort, welches nach einer gefühlten Unendlichkeit sichtbar wird, El Acebo, erinnert an ein Schweizer Bergdorf und ist ziemlich pittoresk.

Dann geht es in die Hitze Korsikas oder Korfus durch verschlungene Pfade voller Kastanienbäume und hoher Ginstersträucher, bevor mit dem kleinen Touristenstädtchen Molinaseca wieder spanische Caminorealität einkehrt.

Ich bekomme ein noch ofenwarmes Minibaguette und passiere wie auch im Vorjahr wieder eine Bushaltestelle, an der eine Gruppe Pilgertouristen wartet. Ein merkwürdiger Anblick. Aber im Gegensatz zu letztem Jahr, als ich das eher verachtet habe, bin ich diesmal milder gestimmt und einfach dankbar, dass ich die Möglichkeit, Zeit und Kraft habe, den Camino in seiner vollen Dimension zu genießen.

Vor der alten Herberge in Molinaseca mache ich meine Mittagspause. Eigentlich wollte ich hier dem Hospitalero einen Besuch abstatten, aber die Herberge ist noch geschlossen. Kein Wunder, es ist ja auch erst Mittag, und bei den ohnehin wenigen Pilger, die sich um diese Zeit im April auf dem Weg befinden, rückt Alfredo sicher erst gegen Abend an. Er betreut noch eine modernere Herberge auf der anderen Straßenseite und pflegt mit seinem Auto hin- und herzugondeln, um beides im Auge zu haben. In sofern halte ich nach seinem Auto Ausschau, vielleicht kommt er ja doch noch vorbei. Tut er nicht, dafür kommt die mütterliche Spanierin vorbei und leistet mir Pausengesellschaft. Es tut gut, ihr von meiner Nacht in Manjarín zu erzählen, das Ganze verliert seinen Schrecken und klingt eher abenteuerlich und spektakulär. Beim Thema Hygiene kreischt sie begeistert in den höchsten Tönen – ich bin direkt erleichtert, dass zu ihrem Weltbild vom deutschen Pilger außer eiskalt duschen nicht auch noch gehört, dass Deutsche gern im Dreck wohnen und gern erfrieren.

Schweren Herzens verlasse ich Molinaseca, ohne Alfredo getroffen zu haben. Die Spanierin hat es ein bisschen eilig. Sie hat einen Anruf bekommen, dass sie früher als geplant wieder arbeiten kommen muss, und nun möchte sie noch so viel wie möglich vom Weg mitkriegen. Statt wie ich nach Ponferrada will sie noch 2 Stunden weiter.

Ponferrada erreiche ich gegen 15:30 – und bin schon wieder etwas erschlagen von so viel Stadt. Schon aus der Ferne sieht man rauchende Industrieschlote, etwas, was mir so auf dem ganzen Camino nicht so aufgefallen ist. Allerdings sieht man die Orte natürlich selten so schön aus der Vogelperspektive wie heute. Die Herberge soll laut Führer ein kleiner Overkill sein, 300 Betten, auch das Größte, was ich je erlebt habe.

Vor Ort bin ich aber positiv überrascht. Zentral, aber doch ein ganz kleines bisschen abgelegen ist ein großes, abgetrenntes Areal, auf der einen Seite die Herberge, auf der anderen eine kleine Hauskapelle. Bevor die Herberge um 16.00 öffnet, ist man eingeladen, auf den Bänkchen in der kleinen Gartenanlage zu warten. Dort wartet bisher erst die lockenköpfige Französin, wieder einmal freudestrahlend, die Erste zu sein. Ihre Kommunikation geht auch immer nur dahingehend, sich selbstzufrieden auf die Schulter zu klopfen oder, wie es eine Freundin sagen würde, sich selbstzubeweihräuchern.

Pünktlich wird geöffnet, mittlerweile sind es doch etwa 30 Leute, die in der akribischen Schlange an der Rezeption warten. Alles ist sehr neu, sehr weiß, sehr sauber und eben etwas akribisch und perfekt. Allein schon die 4 Betreuer, die sich um die Organisation kümmern. Sobald ein gleichgeschlechtliches Grüppchen à 6 komplett ist (und nur dann), wird in das Schlafgemach geführt. Mein Grüppchen ist tendenziell eher älter, sodass mich die Betreuerin mit missbilligendem Blick darauf aufmerksam macht, dass die Jüngeren die oberen Betten belegen. Der Raum ist recht beengt und intuitiv könnte ich es mir nett vorstellen, alle nur halb zu belegen, aber ich fühle mich so wohl, dass ich gar nicht genervt sein kann. Nach der gestrigen Nacht ist diese Herberge wie für mich gemacht, die Sauberkeit und Organisation und Sicherheit macht mich ganz high.

Ich kann wieder heiß duschen, es fühlt sich befreiend an. Dann mache ich mich auf die Suche nach einem Supermarkt und treffe wieder auf einen absoluten Hypermarkt. Ein ganzes Regal fantastischer Nussmischungen, ein ganzes Regal exotischer Fruchtsäfte inklusive meinem heißgeliebten Mandarinensaft, Empanadas, die gefüllten Teigtaschen, Blätterteiggebäck für das Frühstück… für den Nachmittag plane ich ein Riesenomelette, diese Idee spukt mir schon seit meinem ersten Caminotag im Kopf herum. Angeblich holt sich der Körper, was er braucht. Vielleicht verlangen meine Muskeln ja nach Eiweiß und steuern mich deshalb zum Eierregal.

Und ich erfülle mir nach dem warmen Ohrenwärmer in Astorga einen weiteren Luxuswunsch, ich kaufe eine Gesichtscreme. Im Vorfeld habe ich das alles rigoros aus dem Gepäck verbannt nach dem Motto „Schnörkel“, aber nachdem sich mein Gesicht langsam ziemlich schält, kreisen meine Gedanken auch darum. Obwohl ich beruflich eigentlich Kosmetikexpertin bin, stehe ich sehr verloren vor dem Regal. Die spanischen Fachbegriffe verstehe ich nicht, die Marken sagen mir nichts, und nachdem es ja doch so leicht wie möglich sein soll, fällt ein Glastiegel auch flach. Ich hole mir schlussendlich eine perfekt gestylte Verkäuferin zu Hilfe, die mich recht süss und ein wenig hilflos berät. Auf Pilgerbedürfnisse ist sie wohl nicht so recht eingestellt.

Kaum habe ich den Laden verlassen, haue ich mir meine Feuchtigkeitscreme mit Aloe vera in dicker Schicht ins Gesicht. Um ehrlich zu sein habe ich mich vom sehr pflegeproduktbewussten José leiten lassen, der mir immer einen Vortrag gehalten hat, wie wichtig Gesichts-, Hand- und Fußpflege ist – und eben mit Aloe vera. Das Cremchen fühlt sich toll an, sodass ich es zurück in der Herberge auch gleich noch um meine Knöchel herum schiere. Da sieht die Haut nämlich langsam von den scheuernden Stiefelschäften auch schon etwas merkwürdig aus.

Ich mache mich in der riesigen Küche breit, leider gibt es weit und breit kein Öl. Ich frage die Betreuerin, die aber auch nur mitleidig lächelt (vielleicht habe ich statt Öl ja auch wieder Essig oder etwas ganz anderes gesagt). Ein kleines Männchen im Blaumann, der den Damen gerade Wechselgeld bringt, wedelt allerdings vielsagend mit den schmutzigen Händen und schleppt mir eine Flasche Öl an – ich bin selig. Ich koche mit zwei Spaniern, die sich ein atemberaubendes (und sehr gesundes) Menü schnitzeln, und habe direkt ein schlechtes Gewissen, als sie meine schön aussehende Tortilla loben. Tortilla ist gut, ich habe 4 Eier verquirlt.

Beim Wäschewaschen hinter dem kleinen Kirchlein treffe ich Helmut wieder, der mir dröhnend seine letzten Tage zusammenfasst. Eine Amerikanerin wäscht auch mit, und nachdem sie fusslahm ist, hat sie heute eine Minietappe von Molinaseca hingelegt. Ich erkundige mich begeistert, ob sie in der alten Herberge war und Alfredo getroffen hat. Hat sie der Beschreibung nach. Schön.

In meinem Zimmer lagert eine silberhaarige ältere Dame dahingestreckt auf ihrem Bett und moniert den Ausblick. Ich bin heute in Superstimmung und denke also nur „wozu aufregen, ich muss ja nicht mit ihr reden“. Statt dessen erkunde ich die große Herberge und den Lesesaal, einen riesigen Raum mit verstreuten Sesseln und Sofas und einem Bücherregal voller zumeist gläubig angehauchter Bücher in allen möglichen Sprachen. In den Sesseln sitzen frischgeduschte grauhaarige Männer und lesen in Bibeln – ein unbeschreiblicher Frieden, und welch ein Balsam für meiner Seele.

Weiter hat es zwei Computer mit Internet, und nachdem ich meiner Mutter schon lange kein Lebenszeichen mehr geschickt habe, eigentlich seit vor León nicht mehr, logge ich mich ein. In meinem Postfach ist eine Mail von José, was mich total überrascht. Dass er sich melden würde, hätte ich eh nicht unbedingt gedacht, und vor allem nicht, während ich noch unterwegs bin. Er ist ein Verfechter von Abgeschiedenheit und liest seine Mails unterwegs nie.

Die Mail füllt den Monitor, und noch einige Seiten mehr. José schreibt mir alles, was ich vielleicht während des Caminos gerne gehört hätte, und noch viel mehr. Es beginnt damit, dass er ständig an mich denken muss und dass ich das Beste gewesen wäre, was ihm auf diesem Camino passiert wäre. Ich hätte ihm das Vertrauen zurückgegeben, dass es auf dieser Welt noch Frauen mit Werten, Prinzipien, Glauben und Schönheit hätte, die es zu suchen lohnt. Meine beschriftete Tüte hätte er zu Hause in ein Schmuckkästchen gelegt, denn für ihn wäre sie ein Juwel. Er wäre den einen Tag extra 27 km gelaufen, um mich einzuholen, in Mansilla de las Mulas hätte er rumgefragt, und eine Hospitalera hätte mich vorbeilaufen sehen. Das hätte ihn beruhigt. Offensichtlich dachte er, ich wäre den einsamen Weg gelaufen, und hatte sich Sorgen gemacht. In León hat er dann auch gleich noch die Herbergen abtelefoniert und sich gefreut, dass ich demnach gut auf dem Weg bin.

Er bedankt sich tausendmal für meine Gesellschaft auf dem Camino und mein großes Herz, dass alle um mich herum mit Liebe überschüttet (offensichtlich verwechselt er da etwas. Ich erinnere mich nur, dass ich so richtig viel gezickt habe). Und der Knüller in zwei Zeilen am Schluss: egal, wo ich am Wochenende bin, er kommt mich besuchen. Ich bin platt und sprachlos und sprachlos und platt.

Zu der Freude, ihn demnach wiederzusehen, und dem versöhnlichen Gefühl, dass nicht nur er mir einseitig etwas bedeutet hat, mischt sich aber auch etwas wie Panik und Widerwillen. Ich habe mich so mühsam freigekämpft, bin gerade dabei, wieder eigene Kraft und Eigenständigkeit zu entwickeln und zu genießen. Zudem erdrückt mich diese Erwartungshaltung. Ich bin kein guter Mensch, erst recht nicht die Reinkarnation von Werten und Großherzigkeit. Sollte man das Märchen nicht vielleicht lieber im besten Moment auf dem Höhepunkt der Illusion beschließen? So fällt meine Rückmail an José dann wohl auch etwas zurückhaltend aus.

Ich schwebe beschwingt auf einem Wattewölkchen die Treppe hinunter, wo ich voll in die beiden Dänen aus Astorga laufe. Auch heute sind sie wieder geduldig und lächeln mich schweigend und freundlich an, während ich ihnen mein Melodram von gestern schildere, das nach dem dritten Erzählen langsam an Schrecken verliert und sich wohl der objektiven Realität annähert, nämlich dass ich eine Nacht allein in einer Herberge verbringen musste, was nicht ganz so unterhaltsam war wie sonst, und dass es kalt war und ich mich deswegen nicht bis spät in die Nacht sonnen konnte.

Ich besuche die Messe in der kleinen Kapelle, in der der kleine Mann im Blaumann schon geschäftig die Lichter anzündet und rückt und richtet. Trotz vergleichsweise vielen Pilgern in der Herberge kommen nicht einmal 10 zu der Messe. Helmut ist wieder mit dabei, sowie die beiden Jungspunde aus Astorga, die (ich habe es mir fast gedacht) nicht viel mit Gott am Hut haben und die ganze Zeit nur Kichern und sich über alles lustig machen. Ich bin schon fast geneigt, sie rauszuwerfen, meine Messe ist mir heilig, aber zum Glück beginnt die Predigt. Vielmehr fängt der kleine Blaumann an, einen Segen zu sprechen und zu erklären, dass er sich nicht umzieht, wenn es recht ist, man hat ja so viel zu werkeln. Ich bin baff.

Er strahlt große Begeisterung für seinen Beruf aus, ebenso wie für die Gestaltung des Gottesdienstes. Wir lassen eine Kerze durch die Reihen gehen, bei der jeder etwas dazu singen oder beten oder auch nur denken kann. Alle denken. Dann sollen wir ein Liedchen singen, jeder irgendwas. Der Pfarrer rudert ermutigend mit den Händen (er spricht nur Spanisch und ich bin die einzige, die ihn zumindest ganz rudimentär versteht). Glücklicherweise setzt Helmut dröhnend und erstaunlich wohlklingend zu ein paar sehr passenden Kirchenliedern an. Nach dem Gottesdienst sind wir eingeladen, noch in der Kirche zu verweilen, der gute Pfarrer lässt auch extra noch das Licht und die Heizung an. In einem Buch können wir unsere Gebete eintragen, und die betet der Pfarrer dann für uns bis zum angegebenen Datum. Ich fühle mich in der Kirche sehr wohl, schreibe für alle Fälle mein Gebet auf und halte die Kerze nochmal in aller Ruhe in der Hand; ich habe recht viel auf dem Herzen, das ich verbeten will, wenn hier gerade mal so eine gute Atmosphäre ist.

In meinem Zimmer liegt die Silberhaarige immer noch an der gleichen Stelle in ihrem Bett, sodass ich sie doch anspreche. Sie kommt aus Neuseeland und hat etwas sehr erhabenes. Zu den perfekt gepflegten Haaren trägt sie Perlenohrringe. Aber entgegen meinem ersten Eindruck ist auch sie eine gute Pilgerin, wenn auch im Moment vielleicht etwas verzweifelt, da am Ende der Kräfte und wohl etwas allein. Sie hört gar nicht mehr auf zu erzählen, offensichtlich hat sie in der Herberge hier keine Freunde und vielleicht auch sonst nicht viel Gelegenheit zum Austausch. Der Camino erfüllt sie mit einer großen Ehrfurcht. Mit Tränen in den Augen und ungläubigem Kopfschütteln erzählt sie mir von immer neuen Erlebnissen, davon, dass ihr Einheimische einen Kaffee oder einen Stuhl angeboten hätten, dass ihr ein Pilger in den Bergen ihr Gepäck abgenommen hätte und die schweren Sachen schon mal in El Acebo für sie deponiert hätte. Sie kann es gar nicht glauben, sie ist so erschüttert von so viel Zuneigung ohne eigene Gegenleistung, dass selbst ich die ein oder andere Träne kaum zurückhalten kann. Das ist der Camino, die Magie und die unglaubliche Schönheit.

Wieder im Flur laufe ich Angelo in die Arme, der mit verklärt lächelndem Blick unter seinem hellblauen Ohrenwärmer hervorstrahlt. Er ist erschöpft und gerade angekommen – um 20.00. Er scheint seinen Weg bis ins kleinste Detail zu genießen und auszukosten. Ich freue mich unheimlich; auch wenn wir gar nichts reden, ist seine Anwesenheit einfach nur schön. Mit seinen dunklen Augen strahlt er mich einfach in Zeitlupentempo an, bringt nach einer Minute vielleicht ein „meine Peregrina“ heraus, strahlt noch mehr und strahlt noch weiter. Ein faszinierender Mann.

Zwei Meter weiter hält mich eine junge Frau an. Sie spricht Englisch, und vielleicht bin ich noch im Bann von Angelos Langsamkeit, jedenfalls raffe ich überhaupt nichts. Sie redet von Hospitalero und Molinaseca und Freundin und Amerika. Langsam verstehe ich, dass sie die Freundin von der Amerikanerin vom Waschen ist, die ihr wiederrum erzählt hat, dass ich Alfredo kenne, der da wäre. Da wäre? Ich verstehe nichts. Sie schiebt mich etwas nachdrücklich in den großen Aufenthaltsraum und lenkt meinen Blick an den Hospitaleratisch, als ob ich schwer von Begriff wäre (bin ich ja auch). Und Tatsache, da steht Alfredo. Der Groschen fällt, und ich bedanke mich bei ihr wieder in normaler Geschwindigkeit, was sie offensichtlich erleichtert. Lustigerweise hätte ich vorher nicht mehr sagen können, wie Alfredo überhaupt aussieht, aber jetzt, wo ich ihn vor mir sehe, ist alles wieder da.

Wie ich von José gelernt habe, ein guter Spanier bespaßt immer die Hospitaleras, so natürlich auch Alfredo. Als ich mich nähere, wird er plötzlich stutzig und hält mitten im Satz inne. Offensichtlich geht es ihm ähnlich, und mit einem Schlag kommt eine Erinnerung zurück. (Für einen Moment spukt mir panisch durch den Kopf, ob ich ihm letztes Jahr nicht vielleicht doch eine Bettwanze eingeschleppt habe, die sich dann explosionsartig vermehrt hat, und vielleicht hat er mein Gesicht auf einem imaginären „wanted-dead or alive“-Plakat in seinem Gedächtnis). Als der Groschen bei ihm fällt, bricht er in dröhnendes Lachen aus (also doch keine von mir verschuldete Bettwanzeninvasion) und lacht sich kaputt, dass ich Verrückte schon wieder auf dem Camino bin und mich noch an ihn erinnere. Lustigerweise hat er mich nicht an meiner charakteristischen Gestalt erkannt (doppelt so lang und dreifach so dünn wie die typische Pilgerin), sondern an den Augen. Nach dem frisch diagnostizierten großen Herz wundert mich jetzt auch das nicht mehr.

Ich rede ein paar Minuten mit ihm, er erzählt von einer Herberge in Finisterre, die er plant, und ich buche mich als die erste Hospitalera ein, wenn das Ding dann wirklich mal steht. Alfredo ist ein ganz faszinierender Mensch (wer hier eigentlich nicht?), einerseits fühlt man sich bei ihm wie bei einem Pilger mit Leib und Seele (was er ja auch immer wieder ist), andererseits hat er im Gegensatz zu José und Angelo etwas sehr lebensnahes, und seine sehr intensiven, dunklen Augen können sicher auch eine starke männliche Faszination versprühen.

Ich muss mich ins Bett sputen, es ist schon 22.00 und damit offizielles Lichterlöschen. Im Bett bin ich noch überhaupt nicht müde. Ich fühle mich so sicher und so wohl, in dieser wunderschönen Herberge, nach dieser sehr persönlichen Messe, nach diesem sonnigen Tag wie neugeboren. Ich habe die Dänen wieder, Angelo, Helmut, irgendwie auch José, Alfredo wiedergesehen, und dank der Lady im Bett unter mir habe ich auch wieder die unglaubliche Magie des Caminos verdeutlicht bekommen. Warum auch immer der liebe Gott mich gestern scheinbar verlassen hat, heute ist er wieder sehr, sehr nah.

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Seit langem gönne ich mir mal wieder ein offizielles Herbergsfrühstück, das hier Hotelcharakter haben soll. Bis ich mich durch die diversen Kuchen und Säfte durchgearbeitet habe, sind die meisten Pilger schon wieder aufgebrochen. Ich will auch gerade aufstehen, als die beiden Deutschen vom Vorabend kommen. Nachdem sie sich zu mir setzen, bleibe ich noch ein bisschen und höre mir ihre Geschichte an. Eigentlich wollten sie die Via de la Plata laufen, aber irgendwie war das nicht nach ihrem Gusto. Zu heiß und zu wenig Herbergen, deswegen sind sie jetzt kurzerhand mit dem Bus hierher in den Norden gefahren. Einer der beiden, ein sportlich Schlanker, ist den Weg letztes Jahr schon gelaufen, und diesmal hat er seinen Kumpel auch dafür begeistert. Besagter Kumpel ist ungefähr dreifach so dick und schwitzt schon beim Frühstücken. Deutlich sympathischer als gestern Abend werden sie mir auch jetzt nicht; ihre Art, an allem herumzumeckern und sich zu echauffieren passt mir nicht.

Ich verabschiede mich von „meinem“ Hospitalero, der mir irgendwie schon ganz vertraut ist. Ich bedanke mich und sage ihm, dass er ein toller Hospitalero ist und ich dank ihm ein ganz tolles Flair und einen sehr entspannenden Aufenthalt geniessen durfte. Er meint, ich wäre eine gute Pilgerin. Nur den Guten würde so etwas überhaupt auffallen.

Das heutige Etappenziel ist Foncebadón, worauf ich mich schon sehr freue. Ein ehemals verlassenes Dörfchen, jetzt schon wieder besiedelt, aber immer noch mit einem Hauch von Einsamkeit behaftet und schön in den Bergen gelegen. Angelo kennt die dortige Herberge mit gemeinsamem Kochen und Andacht, genau richtig.

Der morgendliche Weg führt wieder über sandig roten Boden, eingerahmt von rauen, farbenprächtigen Büschen. Ich bin als eine der Letzten gestartet und sehe jetzt also ungewohnt viele Rucksäcke und Stöcke vor mir. Ich lege meinen Schnellschritt ein und überhole Stück für Stück, ich brauche morgens einfach meine freie Sicht und meine Einsamkeit. Ich überhole auch Angelo, der wie üblich fest eingemummelt in sein Stirnband und Kapuze meditativ vor sich hinschleicht. Er ist definitiv das Langsamste, was ich jemals auf dem Camino gesehen habe.

Der Weg hier ist eines meiner Lieblingsstücke, genauso wie die Kirche in Rabanal einer meiner Lieblingsorte ist. Sie sieht noch genauso aus wie vor einem halben Jahr, genau die gleiche Baustelle, immer noch wackelige Holzbretter als Bankersatz. Ich bin direkt wehmütig, dass ich heute weitergehen werde und die Messe hier verpasse.

Mir gefallen vor allem Strecken, die fernab sind von Städten oder Straßen, insofern bin ich hier genau richtig. Soweit das Auge reicht, ist nichts außer im Wind wehenden Sträuchern oder Berggipfeln in der Ferne. Gegen Mittag habe ich Foncebadón erreicht, aber meine geplante Herberge ist verwaist und geschlossen. Ich gehe zurück zu einem der wenigen Häuser zu Beginn des kleinen Dorfes. Dort herrscht deutlich mehr Betrieb. Die Tische in der Bar sind restlos bevölkert, und um überhaupt hinein zu kommen, muss man ordentliche Musikbeschallung über sich ergehen lassen, die mich an eine österreichische Skihütte erinnert. Ich frage den Besitzer nach der Herberge oben, und wie ich befürchtet hatte, sie macht erst später im Jahr auf. Bei ihm könne man theoretisch auch schlafen, aber das geht für mich absolut nicht. Auch die dritte (und damit letzte) Schlafgelegenheit in Foncebadón hat auf den ersten Blick eher Hotel- als Herbergscharakter, sodass ich mich höchst spontan entschließe, einfach weiterzulaufen nach Manjarín. Die Herberge dort soll wirklich ursprünglich sein.

Kaum habe ich Foncebadón hinter mir gelassen, zieht ein leichter Wind auf und schiebt Wolken vor meinen lückenlos blauen Himmel. Vor dem Cruz de Ferro wird es dann direkt ein bisschen neblig, und wenige Meter vorher setzt ein leichter Nieselregen ein. Ich denke „perfektes Timing“, ich habe nämlich noch nicht Mittag gegessen und überbrücke den kleinen Wetterwechsel gemütlich auf einem windgeschützten, überdachten Plätzchen mit unverbautem Blick auf das imposante Cruz de Ferro. Ich esse und esse, und so richtig besser wird das Wetter nicht. Irgendwann bin ich fertig mit essen, und mittlerweile regnet es wie aus Kübeln. Für einen Moment überkommt mich ein mulmiges Gefühl, ich bin hier wirklich ziemlich weit im Nichts, nach mir kommt diesen Weg heute wohl niemand mehr, und so ganz wohl ist mir der aufkommende Nebel nicht. Am Kreuz parkt neuerdings ein Wohnmobil, allerdings macht (verständlicherweise) keiner Anstalten, auszusteigen. Ein bisschen beruhigt mich diese Anwesenheit, habe ich doch das Gefühl, nicht ganz so allein zu sein.

Ich lege meinen von zu Hause mitgebrachten Stein am Kreuz ab. Wegen dem Regen wird das Ganze aber deutlich kürzer und unromantischer als geplant. Ich verziehe mich wieder in den trockenen Unterstand, aber langsam wird mir kalt. Und ich traue meinen Augen kaum, als es dann auch noch zu schneien anfängt. Heute morgen noch strahlender blauer Himmel und Sonne, nun windet und schneestürmt es hier. Mir wird immer mulmiger.

Plötzlich kommen zwei Gestalten durch den Schnee geeilt, eine läuft auf das Wohnmobil zu, eine kommt zu mir. Mein Exemplar ist ein junger Deutscher, der fröhlich strahlt und der plaudert, als wäre hier der normalste Tag auf dem Camino. Er erzählt mir, dass er mit einem spanischen Pfarrer unterwegs ist, und beide wiederum mit der Schwester des Pfarrers im Begleitfahrzeug, besagtem Wohnmobil. Sie haben immer Handykontakt und können sich umziehen oder aufwärmen, wann immer sie wollen. Nur gelaufen wird strikt selber. So kommt auch der Pfarrer dann irgendwann wieder aus dem Wohnmobil und wartet mit uns auf Wetterbesserung. Mittlerweile haben auch ein polnischer Vater und Sohn sowie ein italienischer Radpilger Schutz unter der Überdachung gesucht, und ich bin deutlich erleichtert. Vor allem der Italiener ist gar nicht glücklich mit dem Wetter, er findet es sehr gefährlich, aber nachdem ich jetzt nicht mehr alleine bin, ist mir das alles ziemlich egal.

Die beiden Herren mit Begleitfahrzeug wollen sich entlang der Fahrstraße auf den Weg machen, und ich sehe es als meine Chance, mich da anzuhängen und in sicherer Begleitung bis Manjarín mitzulaufen. Trotz Schneesturm brechen wir zu dritt auf. Der spanische Pfarrer ist halb so groß und doppelt so alt wie wir, aber er schlägt ein unglaubliches Tempo an. Muss man auch, denn es ist extrem kalt. Der Schnee kommt einem horizontal wie in großen Platten entgegen, ich muss mich alle paar Meter schütteln, um eine Schneeschicht von meinem Bauch zu bekommen. So gut meine Regenjacke bisher auch mitgemacht hat, hier ist nach wenigen Minuten Ende. Zu meiner Kapuze und am Hals kommt Schnee herein und fließt mir eiskalt in die unteren Schichten. Meine Hände sind feuerrot und nass, genauso wie die Ärmel meiner Jacke und meiner beiden Fleecejacken darunter. Ich trage im Moment alles Warme am Körper, und alles wird patschnass. Der Deutsche neben mir ist interessiert um Konversation bemüht, aber ich kann jetzt beim besten Willen nicht reden. Ich versuche, die Straße im Auge zu behalten und gleichzeitig mit tief gesenktem Kopf nicht allzu viel Schnee in die Augen und Jacke zu bekommen. Meine Gedanken kreisen absolut panisch um Erfrierungstod oder zumindest Lungenentzündung.

Als rechts von der Straße Manjarín auftaucht, setze ich alles auf eine Karte und biege ab. Wenn diese Herberge nun auch geschlossen ist, bin ich aufgeschmissen, denn so schnell wie wir gelaufen sind, sind die beiden anderen nach einer halben Minute schon in uneinholbarer Entfernung. Und allein kann ich das nicht laufen, ich bin schon in heller Aufregung gewesen auch mit der an sich tröstlichen Gesellschaft eines Pfarrers und Begleitfahrzeugs. Die Herberge ist dunkel, und mein Klopfen hallt ebenso dunkel ins Nichts. Nach einigen endlos schweren Sekunden öffnet sich die Tür dann doch – und für den ersten Moment bin ich selig.

Von Tomás, dem berühmten Hospitalero und Tempelritter in einem, habe ich schon viel gehört. Jetzt so in meiner verzweifelten Stimmung wirkt er etwas einschüchternd auf mich. Er zeigt mir einen Ofen in der Mitte des Raumes, an den ich mich setzen soll, und verschwindet murmelnd in einem anderen Raum. Die Herberge wird in Führern liebevoll von „einfach“ bis „speziell“ beschrieben. Die einzige Beleuchtung in Form einer Lampe von der Stärke eines Glühwürmchens lässt erahnen, dass sich in dem Raum entlang der Küchenflächen etwa 50 ungespülte und übereinandergestapelte Gedecke türmen. In der Spüle steht eine große Plastikwanne mit einer Flüssigkeit, die sowohl zum eventuellen Abspülen als auch gleichzeitig für alles andere dient, z.B. als Hundetränke und zum Händewaschen.

Es klopft an der Tür, und die beiden Polen kommen, um sich aufzuwärmen. Sie haben überhaupt keine Regenausrüstung, nicht mal eine Regenjacke, und auch nur Turnschuhe. Sie sind also noch verfrorener als ich und ebenso verzweifelt. Vermute ich zumindest, als der eine seine nassen Sachen direkt auf den heißen Ofen legt, „Hauptsache, sie werden trocken“, obwohl es ungut riecht und dem Material wohl eher weniger zuträglich ist. Ich bin erleichtert über die Gesellschaft, aber sie wollen nicht übernachten, sondern weiter, sobald es ihnen wieder etwas wärmer ist. Sie wollen bis runter ins Tal, entlang der Fahrstraße. Diese Möglichkeit kommt für mich nicht in Frage. Zum einen ist es noch richtig weit, mehrere Stunden, ich habe keine Ahnung, wie lang die Fahrstraße noch extra ist, es wird schon langsam dunkel, ich bin eh schon patschnass und eiskalt, und ganz abgesehen davon ist das die beste Strecke vom ganzen Camino, und die möchte ich sicher nicht im totalen Blindflug und in Erfrierungshalluzinationen zurücklegen.

Nachdem ich übernachten will, zeigt mir Tomás das Schlafgebäude. Eigentlich recht hübsch in einem Steinhaus mit (Natur-)Steinboden, dadurch natürlich reichlich kalt, aber stolz zeigt mir Tomás seinen neuen Ofen, den er dann auch extra für mich anfeuert. Etwas skeptisch macht mich höchstens sein Welpe, der, nass wie er ist,  begeistert auf allen Matratzen und auf meinen Sachen herumspringt. Ich versuche gerade das Beste aus der Lage zu machen, als Tomás schon wiederkommt mit drei Schwestern im Schlepptau, die hier auch schlafen wollen. Im ersten Moment bin ich erleichtert, allerdings sammeln sie bereits eine viertel Stunde später alles wieder ein, nachdem die eine die Freilufttoilette inspiziert hat und absolut geschockt stammelt, dass sie hier nicht bleiben kann.

So bin ich also wieder allein, noch dazu ist der Ofen auch gleich wieder ausgegangen, und in dem Steinhäuschen herrschen die gleichen Temperaturen wie draußen. Meine nassen Sachen hängen quer durch den Raum verteilt, aber wovon sollen sie trocknen. Zwar habe ich im Moment meine Zweitgarnitur an, ein trockenes T-Shirt und eine trockene Hose, aber ohne Fleecepulli ist es kalt, und um in das Haupthaus zu kommen, muss ich durch einen matschigen Hof und bin bei der aktuellen Lage gleich wieder nass.

Ich entscheide mich für Haupthaus und den warmen Ofen, allerdings ist es mit Tomás mühsam. Er redet von sich aus nichts, ich komme mir irgendwie wie ein Störfaktor vor. Wenn ich etwas frage, brummelt er eher missmutig eine Antwort. Er redet von Energien, die er spüren kann, manche Pilger hätten gute und manche schlechte, und guckt mich grimmig an. Er meint, 2012 würde die Welt untergehen. Mir macht das alles in meiner momentanen Situation einfach nur Angst, ich verstehe sein Spanisch kaum, ich verstehe nicht, was er mir sagen will oder was ich machen soll. Er sagt, um 8 gäbe es Abendessen. Das ist ja nett, aber ich weiß nicht, ob ich helfen soll oder kann, sitze also nur untätig dumm rum und fühle mich total beschissen.

Das Abendessen ist eine Suppe, von der ich lieber nicht wissen will, ob die Grundlage auch aus der Allzweckplastikschüssel kommt. Der Hund schlabbert vorher aus den Tellern und als die Suppe drin ist. Ich bin an sich nicht übermäßig heikel, aber vermutlich hätte mich das unter normalen Umständen eher gestört. Im Moment bin ich aber wie narkotisiert, fühle mich hilflos und ausgeliefert und hoffe einfach nur irgendwie, dass das rumgeht bzw. Tomás nicht mit mir böse ist. Irgendwann brummelt er etwas von seinem Hund (er hat viele), der weggelaufen ist, und geht raus. Ich sitze noch eine Weile, irgendwann kommt ein Mann, der Gemüse bringt und nach Tomás fragt. Ich habe aber auch keine Ahnung, wo der ist, nutze aber die Chance, das Haupthaus zu verlassen, solange mir jemand hilft, die Türen so zu öffnen und zu schließen, dass das restliche Heimtierarsenal nicht auch noch begeistert wegläuft.

Die Schlafhütte ist an sich romantisch und nett, denkt man an Sommer und eine lustige Mischung netter Mitpilger, die vielleicht auch noch Spanisch können. Tomás ist ja schließlich auch ein netter und interessanter Mensch, wenn er einen nicht gerade in einem Moment erwischt, in dem einem alles und jedes Angst macht. Aber jetzt so allein bei Eiseskälte ist die Hütte der Horror. Es gibt eine dicke Holztür, zum Glück mit einem tollen, schweren Riegel, den ich erstmal begeistert vorschiebe. Aber über und unter der Tür sind schlappe 20 cm Luft, draußen hört man Hunde und sonstiges; was Getier angeht könnte ich wahrscheinlich genauso gut draußen schlafen. Und hier ist ja nichts Dorf oder so, sondern wildlife at its best.

Ich schnappe mir alle 7 Decken. Ich bin eiskalt, mein Schlafsack ist eiskalt, die Decken sind eiskalt. Meine Wasserflasche neben mir beschlägt schon. Ich bin in einer ganz merkwürdigen Stimmung. Ich kann mir nicht mehr vorstellen, dass es ein paar Kilometer weiter ein anderes Leben gibt, ich erinnere mich nicht an Herbergen und Freunde, die Geborgenheit von Astorga. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es ein Morgen gibt. Ich kann nicht mal mehr vernünftig denken, ich fühle mich so hilflos und schicksalsergeben. Dieser Wetterumschwung hat mich in doppelter Hinsicht geschockt. Ich wollte meinen Stein niederlegen, mit Gebeten und Wünschen. Am liebsten hätte ich in diesem Moment, wie so oft, einen Regenbogen oder einen Sonnenstrahl gehabt, der mich dann vollends in Tränen der Rührung hätte ausbrechen lassen. Statt dessen hat mir die höhere Instanz ein Unwetter geschickt und bestraft mich mit dieser Herberge (anders kann ich das im Moment nicht sehen). Ich kann nicht mal mehr beten, dass ich diese Nacht gut überstehe, ich habe das Gefühl, dass derjenige gerade sehr genau mein Schicksal im Auge hat, sowieso seine Pläne mit mir hat, die er durchsetzt – und es zieht mir jeglichen Boden unter den Füßen weg, dass ich momentan das Gefühl habe, dass er mir gar nicht wohlgesonnen ist.

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