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Archive for the ‘Via de la Plata April 2010’ Category

Epilog 04/10

Im Vorfeld wurde mir die Via de la Plata als wunderschöne Wegalternative für Pilger, die Einsamkeit und Ruhe vom Pilgertourismus suchen, beschrieben. Das hat es voll getroffen.

Landschaftlich wunderschön, die blühenden Mohnfelder, die duftenden Orangenblüten und mein Favorit, die Dehesas mit den würdevollen Rindern, den Korkeichen, den Steinmäuerchen und der wunderbar ruhigen Atmosphäre. Dazu die Herbergen in wunderschönen Gebäuden, mit neuen Matratzen und frisch bezogener Bettwäsche. Moderate Etappen, keinerlei körperliche Probleme.

Es war ein wunderschöner Fernwanderweg, hatte aber für mich nicht diese Magie, die ich mit dem Camino Frances verbinde.

Die Via hat erst recht meine Sehnsucht danach neu entfacht. Nach dem Gefühl, in einer wildfremden Kirche und Gemeinde jeden Abend auf’s Neue eine wunderbare Geborgenheit zu spüren. Nach Entbehrung, Verzweiflung und Erschöpfung; Gefühle, mit denen ich mich den Pilgern Jahrhunderte vor mir verbundener gefühlt habe als den Touristen heute. Vor allem aber auch nach den Mitpilgern, den Suchenden, Verunsicherten, Unschlüssigen; nach der Offenheit, mit der man sich gegenseitig seine Sorgen und Zweifel offenbart hat. Und damit dem tröstlichen Gefühl, nie allein zu sein. Nach den magischen Begegnungen, in denen mir jemand Trost, Kraft, Fröhlichkeit und Glauben spenden konnte – und denen, in denen ich die Hand damit gefüllt bekam und selber zu so einem Spender werden konnte.

Wahrscheinlich hat mir vor allem Gott  gefehlt. Sicher kann man ihn auf der Via genauso finden, vielleicht hätte ich ihn zu einem anderen Zeitpunkt im Leben oder mit einer anderen Wahrnehmung auch dort genauso magisch gespürt. Vielleicht war dieser Camino für eine Erkenntnis gut, die weniger offensichtlich war wie die Magie.

„Der Camino/Gott gibt Dir nicht, was Du willst, sondern was gut für Dich ist“

Die Intuition, die mich im April auf die Via de la Plata geschickt hat, schickt mich nun nächsten Monat wieder auf den Hauptweg. Ich bin gespannt, was er diesmal für mich bereit hält.

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Ich gebe mir Mühe, lange zu schlafen. Gegen 8 bin ich dann trotzdem wach und packe mit meiner Zimmerkollegin, während unter unserem Balkon mal wieder ein Taxi vorfährt.

Es ist ein komisches Gefühl, nicht mehr zu pilgern; ich überlege mir sogar, ob ich überhaupt noch mein Trekkinghemd anziehen soll. Ich plane etwas Sightseeing, Fototour mit meinem neu ausgerüsteten Foto, Souvenir-Shopping und einen letzten Supermarkteinkauf, für ein paar an den Camino erinnernde Alltags-Utensilien, bevor ich um 12 meinen Bus nach Madrid habe.

Im Gegensatz zu gestern ist die Stadt heute komplett ausgestorben. In der ein oder anderen Ecke kehrt ein Straßenkehrer, ansonsten keine Menschenseele. Auch die wenigen Läden machen keine Anstalten zu öffnen, und wenn, sind es nicht die Art von Läden (wie z.B. in Mérida), die mir vorschweben würden. Ein kitschiges Souvenir suche ich schon mal nicht; mir hätte vielleicht noch ein paar Ohrringe oder ein Kettenanhänger gefallen.

Mit einem Programmpunkt weniger mache ich mich also in der frühen Morgensonne auf Fotojagd, wobei auch das irgendwie schwierig ist. Überall um die Stadtmauer herum hat es kleine, schmale Gässchen. Direkt an der Stadtmauer sehen die Bilder dann eben aber auch so aus, wie direkt vor der Stadtmauer gemacht. Mir fehlt ein erschlagendes Panorama aus der Vogelperspektive.

So beschließe ich dann recht früh, schon mal den Supermarkt zu suchen. Es soll einen richtig großen Mercadona haben. Voller Vorfreude schlage ich mich durch die Straßen und durchquere halb Cáceres. Immer, wenn ich denke, irgendwie schon dran vorbei zu sein, winkt mich jemand motiviert lächelnd weiter, doch, doch, direkt um die nächste Ecke. Irgendwie sind das hier komische Spanier, jede nächste Ecke ist nochmal 10 Minuten weg. Und als ich den Supermarkt endlich gefunden habe, bin ich doch etwas desillusioniert. Aus England nehme ich mir z.B. immer gerne Teebeutel mit, damit ich die nächsten Monate noch oft eine Erinnerung an den Urlaub habe. Nicht umsonst ist England für das Teetrinken bekannt und Spanien nicht, so hält sich die spektakuläre Auswahl dann auch sehr in Grenzen. Ich kaufe Proviant für heute und morgen, in dem guten Gewissen, nicht mehr auf Gewicht achten zu müssen.

Gegen halb 11 beschließe ich dann doch sicherheitshalber, mich zum Busbahnhof aufzumachen. Der Supermarkt lag recht weit außerhalb, und zum Busbahnhof war es ja auch eine gewisse Strecke. Einen Plan habe ich nicht, ich hoffe, wie gestern überall die Busschilder zu sehen.

Obwohl ich richtig schnell unterwegs bin, brauche ich über eine halbe Stunde, bis ich überhaupt wieder auf Höhe der Herberge zurück bin. Ich werde fast schon ein bisschen unruhig. Ich halte mich immer links, so müsste ich nach meiner Orientierung eigentlich Richtung Busbahnhof kommen. Leider hat es wenig Schilder, und die Straße läuft auch ziemlich verschlungen nicht wirklich in eine Richtung. Ich stehe irgendwann ziemlich verloren in einem Häuser- und Straßenmeer und muss wieder vorbeieilende Spanier fragen, ob meine Richtung stimmt. Ich bin ziemlich im Stress, und gerade heute kann sich keiner auf „si“ oder „no“ beschränken, sondern redet liebevoll minutenlang alles mögliche, was ich eh nicht verstehe oder mir merken kann. Ich gucke laufend auf die Uhr, und jedesmal sind bereits 10 Minuten vergangen, ohne dass ich wirklich weitergekommen wäre. Es ist schon halb 12, von einem Busbahnhof weit und breit keine Spur. Ich kenne auch die Straßen nicht, die ich hier entlanglaufe. Es ist nicht das, wo ich gestern entlanggelaufen bin. Mich beschleicht das Gefühl, komplett in die falsche Richtung zu rennen. Mittlerweile habe ich wirklich schon fast Laufschritt drauf, ich muss ständig fragen und verzweifle fast, warum mir heute niemand einfach nur sagen kann „ja, Richtung richtig, weiter!“. Einmal frage ich, ob das in 20 Minuten machbar ist; nach ewig langem Überlegen meint die Passantin, nein, eher 25 Minuten. Oder 30? Nein, wenn man schnell ist, vielleicht ja doch 20? Eine andere frage ich, ob ich mit einem Bus dorthin schneller bin. Mit Engelsgeduld fragt sie, was ich für einen Bus möchte, ob Innerstadtbus oder der weiter weg fährt. Sie beginnt mir zu erklären, wo die Busse nach Madrid abfahren. Ich bin heute wohl ziemlich unhöflich und lasse alle mitten im Satz stehen.

Es wird Viertel vor 12 und 10 vor 12. Immer noch kenne ich die Gegend nicht, von dem eigentlich riesigen Busbahnhofs-Areal keine Spur. Ich laufe immer noch durch hohe Wohnblocks und Einkaufsstraßen. Ich habe seit Ewigkeiten nichts mehr getrunken, bin noch zu warm angezogen, habe weder Sonnenmilch noch Sonnenhut. Mir wird schon ganz komisch, vor allem aber ist mir zum Heulen zumute.

Es ist 5 vor 12, keine Chance. Ich bin komplett verzweifelt; mach doch, dass endlich dieser beschissene Busbahnhof kommt. In diesem Moment biege ich in eine Wohnsiedlung, deren Kinderspielplatz mir seltsam bekannt vorkommt. Ist das etwa…? Und wirklich, direkt dahinter erstrecken sich die Umzäunungen des Busbahnhofs.

Mit Tränen der Erleichterung und auch Berührtheit (es war das dritte, völlig unbewusste Stoßgebet innerhalb von wenigen Tagen, das postwendend erhört wurde), garniert mit verschwitzten Vorboten eines Hitzschlags, stelle ich eine interessante Erscheinung für die Wartenden dar. Mir bleibt sogar noch Zeit, meine Jakobsmuschel liebevoll und bedächtig vom Rucksack abzunehmen und sorgfältig in meinen Waschbeutel einzubetten, bevor er im Bauch des Überlandbusses verschwindet.

Den größten Teil der Fahrt verschlafe ich. Zwischendurch haben wir einen längeren Aufenthalt irgendwo im Nichts, bevor wir um 16.00 in Madrid ankommen. Für einen Moment spiele ich mit dem Gedanken, erstmalig ein paar Schritte in Madrid zu machen, entscheide mich dann aber doch in alter Gewohnheit direkt für den Untergrund zur Metro.

Ich finde die passenden Züge problemlos. Beim Warten fällt mir ein komplett schwarz gekleideter, etwas furchterregender Mann auf, der sich so mitten vor ein Gebläse stellt, dass ihm seine langen, schwarzen Haare vors Gesicht gepustet werden. Ein echter Eyecatcher.

In der Metro sitzt er mir wieder gegenüber, den Kopf diesmal gebeugt, sodass auch ohne Gepuste die Haare alles verdecken. Irgendwann fängt er mit zittrigen, fahrigen Händen an, in seiner satanistisch anmutenden Tasche zu kramen. Er beginnt allen Ernstes, ein Bändel zu knüpfen. (Er hat schon sicher 10 verschiedene am Handgelenk). Die gesamte Insassenschaft schaut entgeistert und wie hypnotisiert. Auch ich bin etwas hypnotisiert; ich folge mal wieder einer völlig verrückten Camino-Intuition, als ich ihn beim Aussteigen anstupse (woraufhin er erstmal einen Kopfhörer unter der Perücke hervorwurstelt und sich die Haare aus dem Gesicht streicht) und ihm mein Bändel hinstrecke. Wider Erwarten hat er ein hübsches Gesicht, eine sanfte Stimme und gepflegte Umgangsformen. Er bedankt sich und bietet mir dafür im Gegenzug sein in Arbeit befindliches Werk an. Zum Glück schließen sich die Türen bereits wieder, und ich muss einen Hechtsprung hinlegen.

Wird Zeit, dass es wieder der Normalität zugeht.

Mit einer zweiten Linie fahre ich Richtung Flughafen, wo ich in Barajas mein Hotel gebucht habe. Leider habe ich wieder keinerlei Ahnung, wo ich dort aussteigen soll, es hat 3 verschiedene Haltestellen. Ich entscheide mich für die mittlere. Nun komme ich doch noch zu meinen Schritten auf freiem Boden in Madrid. Die Passanten hier sind ähnlich hilfsbereit wie auf dem Camino; der erste kennt gleich mein Hotel und winkt weit ausholend „todo recto, todo recto“! Ich trabe frohgemut die Straße entlang und finde das Hotel auch sofort. Ich bekomme ein wunderschönes Zimmer, mit einem riesigen, weiß überzogenen Bett, Parkettboden und einem türkisen Bad voller Glas und Spiegel. Ich esse in Ruhe und verbringe bestimmt eine halbe Stunde im Bad, endlich mal ohne Hektik, mit Unmengen Duschgel und haufenweise duftender, weißer Handtücher.

Ich schreibe noch mein Tagebuch zu Ende und trenne meinen Rucksackinhalt schon einmal in Waschmaschine und Sonstiges. Ein komisches Gefühl.

Der Zwischentag tut gut, es ist ein langsamer Übergang wieder zurück in die normale Welt.

Am nächsten Morgen um 6 geht es wieder zur Metrostation und um 8 mit dem Flieger nach Hause.

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Beim ersten Rascheln im Schlafsaal ist es gegen 6. Ich bin erleichtert, dass mein Rücken nach diesem Bett nicht weh tut und auch meine gestern etwas steifen Füße sich lauffähig anfühlen. Ich schleife mein Hab und Gut ins Wohnzimmer, wo schon 5 andere packen. Unter anderem auch die große Deutsche, die leicht fluchend erzählt, gleich dort auf dem Sofa geschlafen zu haben, mit dem Bett hätte sie sich wirklich nicht anfreunden können.

Die Packenden sind allesamt junge, kräftige Pilger, die vermutlich so früh losgehen, weil sie auch bis Cáceres wollen. Umso geschockter bin ich, als sich der Engländer ganz casual und selbstverständlich bei zwei anderen erkundigt, ob sie von hier Taxi nehmen. Ebenso casual und ohne eine Miene zu verziehen antworten sie „nein, erst im nächsten Ort“. Für mich würde eine Welt zusammenbrechen, müsste ich ein Stück des Weges abkürzen. Ich habe zugleich vollstes Verständnis, dass manche Umstände es nötig machen oder vernünftiger erscheinen lassen. Das hier verstehe ich eher weniger.

So laufe ich dann in der beginnenden Morgendämmerung über weitere Viehweiden aus Alcuéscar heraus, flott überholt von kraftvoll voranschreitenden Mitpilgern, von denen ich nun weiß, dass sie nur so flott bis zum nächsten Ort laufen.

Der Morgen verbreitet noch einmal eine stimmungsvolle Atmosphäre. Lange halten sich Nebelfelder über den Wiesen, die mit der Sonne ein sehr fotogenes Farbenspiel ergeben. Und ich habe noch 3 Bilder auf meiner Kamera.

Für mich läuft es heute gut, wie von selbst, ein Stück weit auch losgelöst von Sorgen à la „nur nicht überanstrengen“ und „wie soll das die nächsten Tage noch werden“. Heute ist mein letzter wandernder Tag. Zum einen bin ich natürlich wehmütig, zum anderen fühlt es sich auch einfach nach Abschluss an. Ich laufe in einer Gruppe, in der ich niemanden kenne. Der Abschied wird mir recht leicht fallen.

Unterwegs treffe ich den Schweizer vom Vorabend. Heute haben wir vertauschte Rollen. Heute bin ich ganz fit, er dagegen hadert etwas zweifelnd mit seinem Knie und generell mit seiner Fitness. Sein Ziel ist auch Cáceres, aber passend zur vorherrschenden Mentalität will er zwischendurch auch ein Taxi nehmen.

Es wird heißer, und ich bin froh über einen Brunnen zum Nachfüllen meiner Flaschen. Mein Antipilger von gestern morgen überholt mich, wir grüßen uns freundlich und lassen uns sonst in Ruhe. Versöhnlich.

Zwischendurch habe ich ein skurriles Erlebnis. Eine dicke Fliege fliegt minutenlang immer wieder rechts gegen meine Sonnenbrille. Irgendwann summt es nach mehreren Fliegen, eine davon verirrt sich auch in meine Haare. Als ich versuche, sie wegzustreichen, summt plötzlich mein halber Kopf wie wild. Irgendwie attackieren mich gerade mindestens 20 brummende Riesenfliegen. Ich drehe schier durch, völlig allein auf weiter Flur, mit lauter Brummseln in meinen Haaren und um meine Ohren. Mein Reiseführer tut mir den besten Nutzen auf der ganzen Via bisher, ich wedele wild damit über meinem Kopf herum, und nach ein paar Minuten kehrt wieder Ruhe ein. Ganz seltsam.

Heute klappt es auch wieder mit meinem intuitiven Zeitgefühl, Aldea del Cano erreiche ich wie geplant, ebenso Valdesalor. Über 6 Stunden sind es bis hierher, ich bin überhaupt noch nicht müde. Die verbleibenden 2 1/2 Stunden erscheinen heute wie eine Lappalie. Auch recht seltsam, wie unterschiedlich dieselben Grundvoraussetzung erscheinen können.

Hinter Valdesalor mache ich meine Mittagsrast. Der Schweizer macht ein Foto von mir (um es seiner Frau zu zeigen und mich dann mal auf der Arbeit zu besuchen. Halleluja. Mein dekoratives Stirnband, der hellblaue Schlapphut, die bis zu den Knie schlammverdreckte Hose, die diversen umgebundenen Jacken und Pullis, und alles garniert mit einem Haufen Chips- und Brotkrümeln… ein Bild für die Götter). Weiter fragt er, ob ich einige von der gestrigen Pilgertruppe getroffen hätte. Sie wollten ab Valdesalor ein Taxi nehmen, er würde sich gerne anschließen, aber nachdem keiner zu sehen ist, macht er sich eben doch etwas verdrossen zu Fuß auf die nächsten Kilometer.

Nach ein paar letzten Hügeln kommt Cáceres schon in Sicht. Es geht an lustigen Bauernhöfen entlang. Zuerst schleiche ich mich an einer kleinen Herde Schafe vorbei, die am Wegesrand unter einem Baum Zuflucht vor der Sonne gesucht haben (und sich wenig von mir erschrecken lassen). Kaum vorbei, begegnet mir auf dem Weg eine Herde Ziegen. Ein paar hundert Meter weiter läuft eine einzelne Kuh interessiert aufschauend den Weg und den grasigen Seitenstreifen ab. Mein idyllisches Bild von einem kleinen Hof wird nur von den beiden Pferden getrübt, auf die ich zuletzt treffe. In bewährter spanischer Manier sind ihre Beine mit Stricken zusammengebunden, sodass sie nicht schnell und weit, eigentlich überhaupt nicht gehen können. Sie hüpfen eher mühsam zentimeterweise vorwärts, aktuell über eine befahrene Straße, und ich überlege mir schon im Geiste, wie ich ein panisches, umgefallenes Pferd wieder aufrichten kann.

Pünktlich zu einer größeren Stadt bin ich mir mit den Markierungen wieder nicht so sicher und konsultiere meinen fliegenerprobten Führer. Er hält sich auch eher bedeckt, und als ich dafür ein Schild zum Busbahnhof entdecke, beschließe ich spontan, erstmal dorthin zu gehen, um mein Ticket für Madrid für morgen unter Dach und Fach zu bringen. So laufe ich erstmalig nicht nach gelben Pfeilen, sondern nach Straßenschildern mit Bussymbol.

Im Vergleich zum viel bekannteren Mérida mit seinen 50.000 Einwohnern wartet das unscheinbare Cáceres mit 80.000 auf. Entsprechend lang sind dann auch die Wege, die ich nun in der Mittagshitze und mit heutigen 38 km in den Beinen zurücklege. Aber heute ist die Motivation auf meiner Seite, und auch der Ticketkauf klappt problemlos.

Den Weg zurück auf den Camino muss ich etwas improvisieren, denn der Busbahnhof ist nicht auf meinem Kartenausschnitt verzeichnet. Ich laufe immer grob rechtshaltend geradeaus, damit muss ich eigentlich irgendwann wieder auf den Camino oder zumindest auf meinen Kartenausschnitt stoßen. Ein paarmal frage ich nach „Plaza Mayor“ und bekomme ein aufmunterndes Winken geradeaus. Allerdings ein weit, weit, weit geradeaus.

Intuitiv müsste ich langsam mal wieder da sein. Eine Spanierin mit Kinderwagen, von der ich nun endlich mal meine genaue Position auf der Karte wissen möchte, entschließt sich irgendwann resigniert, dass wir uns generell noch sehr, sehr weit entfernt von diesem Kartenausschnitt befinden müssen, sie kennt überhaupt nichts. Beruhigend. Nach über einer Stunde kreuz und quer durch hohe Häuserblocks, Einkaufsstraßen und Verkehrschaos erreiche ich dann doch die Plaza, auf der ein riesen Trubel herrscht. Mit etwas Umweg finde ich auch die Herberge, die sich mit 17 Euro und einer etwas geschäftigeren Atmosphäre deutlich von den bisherigen Pilgerherbergen abhebt. Ich bekomme ein Bett in einem 6-Bett-Zimmer, in dem bisher nur eine im Moment nicht anwesende Holländerin logiert. Das männliche Nebenzimmer ist dagegen lautstark gefüllt. Außer dem Schweizer klopfen sich auch die morgendlichen Taxi-Jungs wohlwollend auf die Schulter in Anbetracht der gestandenen Leistung.

Nach Duschen und Waschen und Aufhängen der Wäsche in dem süßen, kleinen Garten im Hinterhof setze ich mich noch ein bisschen entspannt in die Sonne. Der Schweizer klagt mir sein Knieleid, es ist nicht besser geworden. Morgen will er schon auch wieder weit, dann aber eben mit Taxi. Ich verstehe nicht, warum man sich bei einem open end nicht einfach mal ein paar Tage Ruhe gönnen kann, wenn einem nicht nach langen Strecken ist.

Mein Antipilger kommt suchend in den Garten. Heute bin ich mild gestimmt, wir unterhalten uns nett. Er wollte eigentlich nicht in diese Herberge, er findet sie überteuert, für das Geld kann man auch in ein Hostal. Da hat er durchaus recht. Ich mache mir immer wenig Gedanken darüber, weil ich Hostals mit einem ruhigen Einzelzimmer ja ohnehin nicht so verlockend finde. Heute wäre es aber der Wahnsinn gewesen, absolut alles in der Stadt ist komplett ausgebucht, er hätte gut zwei Stunden nach einem freien Hostal gesucht. Ein Blick in den Reiseführer verrät uns, dass heute großer Feiertag ist, zu Ehren eines uns unbekannten San Jorges wurde die Eroberung der Stadt pompös nachgespielt. Glücklicherweise habe ich mich da vorher gar nicht informiert und folglich auch nicht weiter gesorgt.

Der Festtag bringt allerdings mit sich, dass die Läden bereits geschlossen haben. Irgendwie habe ich schon noch etwas Hunger oder eher Appetit auf ein schönes, frisches Brot und frisches Obst. Gemeinsam ziehen wir los Richtung Stadt. Leider hat nur ein überteuerter Kiosk offen, und nachdem gerade ein Schwung Pilger aus der Herberge kommt auf der Suche nach einem Restaurant für den Abend, komplimentiere ich meinen Mitpilger zu ihnen. Ich bin ja keine geeignete Restaurantbegleitung, und meinen letzten Abend möchte ich auch eher in Ruhe verbringen.

Ich finde eine librería, und diese hat wirklich wie vielerorts verkündet meinen heißersehnten altmodischen Film. Ich begebe mich auf Fototour, allerdings sind die Straßen komplett überfüllt von Touristen mit Reiseführern, und so richtig fotogen bringe ich auch nichts auf einem kleinen Bild unter.

Als Kirchenglocken läuten bin ich mittlerweile schon perfekt konditioniert… läuten die campagnas, beginnt gleich eine Messe. Ich renne dem Geräusch nach und nehme in einer Kirche Platz. Gut eine Viertelstunde geschieht überhaupt nichts, einige wenige Spanier kommen und gehen. Es sieht nicht nach Messe aus, sodass ich wieder gehe. Dafür komme ich auf dem Rückweg an einer großen Kirche vorbei, in die wirklich Menschenmassen strömen. Dort findet dann wirklich Messe statt, allerdings ist die Kirche absolut übervoll, die Menschen stehen in den Gängen, vor allem ist aber auch ein Reges kommen und Gehen von Familien mit Kinderwägen und Kindern. Es erinnert eher an Jahrmarktstrubel, sodass ich mich nach einer halben Stunde etwas frustriert wieder auf den Heimweg mache.

Dort treffe ich meine Zimmernachbarin. Sie wartet schon sehnsüchtig auf mich, denn ich habe begeistert den Schlüssel mitgenommen und gedacht, sie hätte einen eigenen. Das kommt davon, wenn man als Pilger einfach keine Schlüssel mehr gewohnt ist. Wir unterhalten uns kurz; sie pausiert seit einigen Tagen. Zwischendurch ist sie mit den beiden pfeilschnellen holländischen Rentnern gelaufen, irgendwie freut es mich zu wissen, dass es ihnen gut geht. Der Holländerin wäre es auf Dauer zu anstrengend geworden, mit ihnen mitzuhalten, und sie hätte nun auch noch eine Salzallergie entwickelt und schwere Verdauungsstörungen bekommen. Sie ist generell furchtbar hibbelig und sprunghaft und durcheinander, zu viel für meine aktuelle Stimmung. Ich bin ganz froh, als sie nach Karotten (salzfrei) aus einem Topf unter ihrem Bett nochmal in die Stadt will.

Irgendwie hält sich meine Lust auf etwas Schönes zum Essen oder zum Trinken zur Feier des Tages immer noch hartnäckig. Ich lasse mir gerade mein erstes Bier mit Limonade aus dem Automaten, als mich der Herbergsvater anspricht. Nach mir hätte jemand gefragt. Ich bin etwas irritiert, zumal ich den Herbergsvater noch nie gesehen habe (und er mich nicht), aber er kennt wirklich meinen Namen. Es wäre ein großer, dunkler Mann mit Bart gewesen. Und ein Peregrino. Und er wäre wieder gegangen.

Ich bin ziemlich irritiert. So viele große dunkle Männer fallen mir nicht ein, die nach mir suchen könnten. Einzig Steffen fällt mir ein, aber der ist gut einen Tag hinter mir. Und ob er nun einen Bart hatte oder nicht könnte ich ehrlichgesagt gar nicht mehr sagen.

Ich setze mich auf mein Minibalkönchen, trinke meine Dose, schaue auf die Häuser gegenüber und auf einen Konvent, hinter dem so langsam die Sonne untergeht. Ich bin weder traurig noch glücklich; auf eine Weise einsam, aber ohne mir wirklich Gesellschaft zu wünschen. Vielleicht ist es einfach das Gefühl, dass der Camino wegbricht. Die Sorgen und Planungen der anderen Pilger tangieren mich nicht mehr, keine gelben Pfeile mehr, ich bin mein letztes Stück Camino gegangen.

Gegen 9 mache ich mich mangels zündender Alternative so langsam bettfertig. Ich komme gerade aus den Waschräumen, als ich den ominösen großen, dunklen Pilger in mein Zimmer lehnen und nach mir rufen sehe. Es ist allen Ernstes Steffen. Ich bin komplett überrascht. (Er vermutlich auch, dass ich um diese Zeit schon ins Bett will).

Spontan disponiere ich um, und wir setzen uns noch ein bisschen auf die Stufen der Plaza und genießen das ausgesprochen rege Treiben um uns herum. Zuerst will ich natürlich wissen, wieso er jetzt hier ist. Wie ich richtig angenommen habe, hat er die kürzere Etappe gemacht und ist nur bis Aljucén gelaufen. Dort hätte er einen irgendwie anstrengenden Abend verbracht, Sean hätte ihn auf Englisch über seinen Beruf ausgefragt, und dann wäre da noch diese schwierige Schwedin gewesen mit genau dem gleichen Beruf, und irgendwie und überhaupt, es hätte ihn angestrengt. Dann hätte er in Alcuéscar die Herberge mit den Behinderten in Augenschein genommen, und das hätte ihn auch gar nicht angesprochen. Einer der Padres hätte einen Behinderten gerade mit einem Stock über den Platz getrieben; mit etwas Erfahrung im Umgang mit Behinderten hat ihn das abgestoßen. Da wäre ihm dann die spontane Idee gekommen, dass er einfach bis Cáceres fährt, damit ich dann auch nicht meinen letzten Abend ganz allein verbringen muss.

Dass es ihm heute nicht allzu gut geht, ist naheliegend; der sonst ständig widersprechende und alles (zurecht) besserwissende Steffen hat heute, wie er selber zugibt, einen gewissen Caminokoller. Recht offen lässt er mich an seinen Überlegungen teilhaben, ob der Camino momentan überhaupt das richtige für ihn ist und ob er nicht besser irgendwo am Strand in der Sonne liegen sollte. Einerseits würde ich ihn zu gerne etwas aufheitern, andererseits sind solche kleinen Krisen ja auch durchaus wertvoll und bringen einen meist weiter als nur gedankenloser Sonnenschein.

Für mich ist es nochmal eine schöne Gelegenheit, ein bisschen meinen Camino zu reflektieren. Die letzten Tage habe ich von vielen Seiten immer wieder das Motto „leb Dein Leben!“ gehört, etwas, mit dem ich irgendwie gemischte Gefühle verbunden habe. Als nun Steffen recht begeistert mit einem neuen Berufsvorschlag für mich kommt, fügt sich für mich ein kleines Puzzle zusammen. Wieso scheint hier nur jeder davon auszugehen, dass man sein Leben ständig verändern muss, um glücklich zu sein. Von einigen habe ich gehört, dass sie erst lernen mussten, ihr Leben zu leben und sich nicht von den Wünschen und Einflüssen anderer davon ablenken zu lassen. Wahres Glücklichsein im Sinne von in jedem Moment leben, was einem selbst den größten Spaß und Nutzen bringt. Im Gespräch mit Steffen fällt mir jetzt der Knackpunkt auf, der mich daran immer ein wenig gestört hat. Vor allem im Zuge der Caminos habe ich die Erfahrung gemacht, dass es mir meist die größte Freude macht, andere Menschen glücklich zu machen. Für mich muss ein Beruf nicht in jedem Moment atemberaubend und spannend und herausfordernd sein, solange er mir die Möglichkeit bietet, jeden Tag mit neuen Menschen in Kontakt zu kommen, die Hilfe suchen oder Sorgen haben. Wie auch auf dem Camino, wo ich manchmal das Gefühl habe, dass ich mit einer Extraportion Energie und Liebe von oben ausgestattet werde, kann mir das vielleicht auch im normalen Leben gelingen, und ich kann eine viel größere Freude und Erfüllung daraus ziehen, als aus dem Abhecheln von Highlights und möglichst viel spektakulärem Erleben.

Ich bin fast überrascht, dass Steffen, der wie die meisten Pilger hier wenig mit Gott am Hut hat, mich recht widerspruchslos versteht. Im Endeffekt wollen wir beide unser Leben möglichst glücklich bestreiten, aber ich würde lieber den Weg gehen, dieses Glück aus Glücklichmachen meiner Mitmenschen zu verspüren.

Ich fühle mich erstaunlich sortiert und friedlich geerdet – vielleicht auch, weil ich fast schon wieder eine höhere Macht dahinter vermuten kann, dass ich auch auf diesem Camino wieder besondere Menschen an der Seite hatte, die mir im richtigen Moment zu wichtigen Erkenntnissen verholfen haben.

Der arme Steffen ist irgendwann müde (vermutlich erschlagen von meiner heutigen Redeflut), zudem hat auch er den Zimmerschlüssel mitgenommen und nun vermutlich wartende Mitpilger ausgesperrt. Wir verabschieden uns kurz und knapp, typisch für Steffen.

Gegen 11 falle ich sehr zufrieden und sortiert in mein Bett.

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Ab Mérida scheint mit einem Schlag alles viel lebhafter zu sein. Zum ersten Mal klingelt um 6 Uhr ein nervender Handywecker, und zwei Pilger packen und rascheln ungerührt im grellen Licht ihrer Stirnlampe. Sofort springen noch mindestens 5 andere auf in dem Gefühl „hoppla, da geht etwas ohne mich“ bzw. „jetzt bin ich wach, jetzt können auch alle anderen wachwerden“. Ich bin etwas frustriert und wütend angesichts dieser Rücksichtslosigkeit. Oder vielleicht sollte ich es besser positiv sehen und dafür dankbar sein, dass die letzten Tage bisher so friedlich und paradiesisch ruhig waren.

Das Aquädukt passiere ich noch im Dunklen, ich bin ein kleines bisschen fast froh, nun so früh unterwegs zu sein. Direkt mit Steffen starten hätte ich nicht wollen. Heute brauche ich irgendwie wieder ein bisschen Einsamkeit und Ruhe. In Cáceres ist mein Camino für dieses Mal schon zu Ende, und so richtig etwas mitgenommen habe ich noch nicht.

Als es aus Mérida rausgeht, sehe ich im Dunkel vor mir schon einen Pilger laufen, der immer wieder stehen bleibt. Nun ist Steffen ja doch auch schon unterwegs. Meine Gefühle sind etwas ambivalent. Als ich ihn eingeholt habe und freudig anstrahle, merke ich, dass es gar nicht Steffen ist. Hoppla. Der deutsche Pilger, den ich statt dessen vor mir habe, strahlt trotzdem recht begeistert zurück, er ist sich nämlich nicht mehr sicher mit dem Weg. Ich mir auch nicht, die letzten 100 Meter habe ich ja irgendwie nur auf den imaginären Steffen geschaut. Ich beschließe frohgemut, einfach nochmal ein Stück zurückzugehen bis zum letzten Pfeil und dann nochmal aufmerksamer zu schauen. Mein neuer Mitpilger ist die Via schon mal gelaufen und ist sich sicher, dass es bis hierhin richtig ist. Vielleicht ist es einfach noch zu früh am Morgen oder ich habe wirklich meinen einsamkeitsnötigen Tag oder mich nervt sein „letztes Jahr auf der Via“ in jedem Satz, jedenfalls macht er mich ganz hibbelig. Ich habe das Gefühl, ihm erstmal hieb- und stichfest plausibel machen zu müssen, warum ich da jetzt zurückwill, wo er sich doch sicher ist. Zum Glück kommt ein Auto entlanggefahren, und der Fahrer zeigt rigoros mit seinem Daumen hinter sich.

Dummerweise klebt der Gute in meinem Windschatten bzw. zieht auch nicht an mir vorbei, wenn ich mich in ein Schneckentempo fallen lasse. Und ganz dummerweise erinnert er mich haargenau an den Antipilger aus „Saint Jacques – Pilgern auf Französisch“. Er weiß alles besser, ist pingelig penibel und irgendwie feinfühlig wie eine Dampfwalze. Bzw. vermutlich meint er es einfach gut und denkt, diese verschüchterte Pilgerin muss er jetzt in ein Gespräch verwickeln und ich taue schon irgendwann auf. Als das nicht fruchtet, konzentriert er sich auf das Pfeifen eines Liedchens, passend zu seinem rhythmischen, lauten Geklackere seiner Teleskopstöcke. Ja, auch Teleskopstöcke auf Asphalt habe ich hier auch der Via de la Plata dankenswerterweise bisher noch nicht gehört.

Irgendwann schleiche ich dann doch so langsam, dass er mich ein paar Meter überholt. Ich lasse mich begeistert in einen kleinen Seitenweg fallen zu einer weiteren Frühstückspause, bis er außer Sichtweite ist. Wenn mich jemand in ein Gespräch verwickeln will, kann ich ja noch erklärend dankend ablehnen, aber was soll ich denn machen, wenn jemand einfach begeistert in meiner Nähe mit seinen Stöcken rumklackert?

So finde ich dann wieder meine Ruhe und Einsamkeit und laufe im Sonnenaufgang Richtung Prosérpina Stausee Naherholungsgebiet. Als der Blick darauf frei wird, liegt zur Rechten ein unglaubliches Mohnfeld. Ich stürze mich begeistert die Böschung hinunter und habe Glück, keinen Schaden zu nehmen.

Wenn man bedenkt, dass ich zu Beginn des Weges schon querfeldein geprescht bin, wenn ich nur in der Ferne eine einzelne Mohnblüte gesichtet habe… zum wiederholten Male dämmert mir der Sinn einer Digitalkamera mit der Möglichkeit, im Nachhinein zu löschen.

Der Stausee selber besticht nicht durch stimmungsvolle Atmosphäre, da an allen Ecken und Enden gebaut wird. Ich bin hin- und hergerissen, wo der Weg wohl langgeht und ob ich einfach durch die frisch abgesteckten Wege laufen darf oder nicht. Es ist ein etwas mühsames Zögern, alle paar Meter dann doch wieder ermutigt durch einen weiterwinkenden Bauarbeiter.

Pfeile sehe ich die ganze Strecke am See lang keine mehr, und irgendwann schaue ich dann doch mal wieder in meinen Führer, um zu überprüfen, wie lange ich da überhaupt entlanggehen soll. Auf halber Strecke scheint ein Weg abzugehen, aber ob ich den Abzweig schon erreicht habe oder schon drüber hinaus bin, who knows. Kein Pilger in Sicht, kein Mensch in Sicht, erst recht kein Pfeil. Ich stehe ziemlich verloren und unschlüssig im Nichts und versuche, aus dem Führer schlau zu werden. Rechts soll ein weißes Gehöft auf einem Hügel liegen. Vor mir liegt ein definitiv Braunes auf einem Hügel, aber das hilft mir auch nicht weiter. Ich laufe wieder ein wenig zurück zu den Baustellen, wo ein Kranführer in die Richtung winkt, aus der ich gekommen bin. Ich kann das gar nicht haben, keine Ahnung zu haben, wo und wohin ich da stapfe.

Ich beschließe, einfach mal diese Straße zu nehmen und das braune Gehöft als das anzunehmen, was im Führer als weiß beschrieben ist. Ich trotte missmutig und wenig überzeugt den Weg lang, mit dem Blick im Führer, denn „jetzt heißt es, auf ein weißes Haus links zu achten“. Arg. Nichts passt zusammen, aber nach einer gefühlten Ewigkeit kommt dann doch ernsthaft eine Abweigung nach links, die die Straße verlässt und endlich wieder einen gelben Pfeil trägt. Ich bin aus unerfindlichen Gründen total erschöpft und entnervt und mache erst einmal ausgiebig Pause auf einem riesigen, moosbewachsenen Stein inmitten von Korkeichen.

Die Landschaft versöhnt mich recht schnell wieder. Nach den vielen weiten Viehweiden der letzten Tage hatte ich schon befürchtet, gar keine Korkeichen-Dehesas mehr zu Gesicht zu bekommen. Zudem ist das Wetter heute noch absolut perfekt, zum ersten Mal wolkenlos und sonnig. Schade höchstens, dass ich für meine Kamera nur 3 Filme mitgenommen habe und 90% schon verknipst sind (weitgehend mit unscharfen Aufnahmen einzelner Mohnblüten im Regen).

Gegen Mittag erreiche ich Aljucén, das Etappenziel derer, die heute kürzer laufen wollen. Ich habe mich ja für die knackige Herausforderung entschieden, heute 34 und morgen 38 km zu laufen. Was heißt entschieden, ich laufe einfach stur die Etappen meines Führers und komme jetzt nicht mehr umhin, etwas ambitionierter mitzugehen.

Zum Glück hat es hier einen Brunnen, an dem ich nochmal alle verfügbaren Wasserflaschen (und somit stolze 2 1/2 Liter) nachfülle. Die plötzliche Hitze und Sonne ist mir etwas suspekt. Es hat sogar einen Laden, in dem ich nach einem Film frage. Leider Fehlanzeige. Und Nahrungsmittel habe ich ja dank des gestrigen Wunderladens noch genug im Rucksack.

Vor mir auf dem Weg müht sich ein weiterer Pilger mit weißhaarigem Zopf durch die Mittagshitze auf die kommenden 4 1/2 Stunden Weg. Ich bin ziemlich schlapp, irgendwie zermürbt die Aussicht, dass es noch so weit ist. Immer öfter mache ich eine Pause, um auch wieder abzukühlen. Der Weißhaarige ist ähnlich flott unterwegs, wir wünschen uns sicher 10 Mal gegenseitig im Vorbeilaufen einen guten Appetit.

Landschaftlich wird es wieder wunderschön, es hat weiße Zistrosen, wilde Büsche, seit langem laufen wir auch wieder direkt durch die Viehweiden und nicht nur an Zäunen und Mäuerchen entlang. Und ich habe nur noch 10 Bilder, ein Jammer.

Normalerweise habe ich eine faszinierende Intuition, was die Uhrzeit und die Kilometer angeht. Meist hole ich alle paar Stunden meine Uhr aus der Tasche und liege auf die Viertelstunde richtig. Und merke mir, wie lang es bis zum nächsten markanten Wegpunkt ist. Der ist dann meist wirklich genau dann erreicht, wenn ich 2 Minuten vorher denke, „jetzt könnte ja so langsam…“.

Heute habe ich bereits etwa hundert Mal das Gefühl gehabt „jetzt könnte so langsam…“, gefühlt war ich schon mindestens 3 x nun wirklich 4 Stunden unterwegs. Aber wann immer ich auf die Uhr schaue, ich bin gerade eine Viertel Stunde weitergekommen. Von Alcuéscar völlig zu schweigen, ich habe noch nicht mal das Wegkreuz, das nach 3 Stunden kommen soll. Ich komme überhaupt nicht vom Fleck und werde auch nicht wirklich frischer und schneller. So langsam mache ich wohl alle 10 Minuten erschöpft eine immer längere Rast. Meinen Füßen geht es gut, aber die Hitze macht mir zu schaffen, vor allem ist meine Motivation völlig hinüber.

Vor lauter Verzweiflung konsultiere ich schon wieder meinen Reiseführer. Ich kann es kaum glaube, dass es von meinem Tor zu einer Hochebene immer noch 1 Stunde bis zu dem Wegkreuz und immer noch über 2 Stunden bis Alcuéscar sein sollen. Der Weg zieht sich noch endloser, geht schnurgeradeaus, es hat weder landschaftliche Abwechslung noch Schatten in irgendeiner Form. Rechts und links ist der Weg direkt eingezäunt, ich kann nicht einmal mehr meine erschöpften Pausen im Schatten machen. 2 Liter Wasser habe ich schon weg, ich muss rationieren, dabei wird es immer heißer. Ich schwitze nicht mehr, mein Kopf entwickelt einfach trockene Hitze, mir ist schwindelig und meine linke Kopfhälfte pocht. Entweder, ich bekomme einen Hitzeschaden oder Migräne. Beides geht gerade gar nicht. Ich brauche dringend eine Pause im Schatten und bin fast schon geneigt, mich in den extrem spärlichen Schatten eines Zaunpfahls auf den Boden zu setzen. In der Ferne taucht ein segensreicher, großer Baum ein, der nicht einmal eingezäunt ist. Als ich mich völlig erschöpft darunter plumpsen lassen will, rascheln mindestens drei Schlangen weg. Ich gehe weiter.

Ich bin total verzweifelt. Laut meiner Uhr ist die Stunde schon längst rum, von meinem Gefühl her mindestens das dreifache. Trotzdem kommt kein Wegkreuz weit und breit. Überhaupt geht überhaupt nichts voran. Was ist das hier für ein Spiel?! Ich kann nicht mehr und fange zu heulen an. Irgendwie gebe ich auf und denke intuitiv „lass doch endlich dieses Kreuz kommen“. Im nächsten Augenblick erscheint in der Ferne das Steinkreuz. Dort hat es auch einen riesigen Baum mit Schatten.

Nach einer Pause mit meinem letzten halben Liter Wasser und meinen letzten Vorräten (ich bin dankbar für meine übertriebene Vorratshaltung und somit einige letzte Bizcochos) habe ich nicht nur wieder einen im wahrsten Sinne des Wortes kühlen Kopf, plötzlich wieder eine Kraft in den Beinen und im Geist, sondern auch ein ganz komisches, unbeschreibliches Gefühl. Ich gehe wie neu geboren, neu belebt, wie auf Wolken, wie von einer unsichtbaren Hand begleitet. Eigentlich ist das nichts ungewöhnliches für mich auf dem Camino, habe ich doch eigentlich Gott schon mehrmals sehr präsent bei mir gespürt. Allerdings noch nicht dieses Jahr, noch nie auf der Via de la Plata, wenn man von dem kleinen Moment eines Sonnenstrahles vor einigen Tagen mal absieht. Ich lasse den bisherigen Weg Revu passieren. Das typische Caminogefühl hat sich bei näherer Betrachtung nie eingestellt, und trotzdem waren es rundum schöne Tage. Die Landschaft hier ist wunderschön und erdend, die Herbergen waren paradiesischer Luxus, die kleinen Minietappen auch. Meine Füße sind zart und unbeschadet, als wäre ich noch keinen Kilometer gelaufen, und Krisen und Verzweiflungen habe ich auch noch nicht erlebt. Nicht an mir selber, und auch nicht an Mitpilgern. Die überwiegend älteren, routinierten Pilger hier haben einfach keine „Anfängerprobleme“ wie Blasen und Zweifel an Etappen und ihrer Leistungsfähigkeit. Die meisten wirken komplett gefestigt und scheinen auch in ihrem Leben weitgehend Frieden gefunden zu haben. Keine heitere Mischung aus Sinnsuchenden, die sich nicht anders zu helfen wissen, als es mit dem Camino zu probieren, völlig überfordert von den läuferischen Anforderungen und erst recht unsicher; erst am Anfang, ihre Stärke zu finden. Ein Teil dieser Sinnsuchenden zu sein, sich treiben zu lassen zwischen Verzweiflung und Sorgen, sich aber auch wunderbar aufhelfen zu lassen von Mitpilgern und eventuell einer höheren Macht, das war mein Caminogefühl, das macht für mich den Camino aus. Die ganze Zeit über haben mir wohl die langen Etappen gefehlt, das über meine geglaubten Grenzen hinausgehen. Dort mit Unsicherheit konfrontiert zu sein, alleine nicht mehr weiterzuwissen, in diesen Momenten völlig hilflos offen zu sein für Hilfe und kleine Wunder. Für mich fügen sich mit dieser Erkenntnis viele Puzzleteile zusammen.

Von da ab läuft es sich plötzlich beschwingt und wie von selber. Die verbleibende Zeit erscheint verschwindend gering im Vergleich zu dem, was ich schon bewältigt habe. Zudem ziehen beruhigend ein paar Wolken auf, die mich faszinierenderweise auch nicht ernsthaft beunruhigen, als sie sich zu dunkelsten Gewitterwolken mausern. Dass der Ort, den ich endlich erreiche, nicht Alcuéscar ist und mich auf der Anhöhe der Sturm wirklich fast schon umbläst, stört auch nicht. Es geht nochmal einige Kilometer weiter. Dann kommt wieder ein Ort in Sicht, ich bin schon freudig erleichtert. Da taucht weiter hinten am Berg oben noch eine viel größere Ansiedlung auf. Ich muss etwas schlucken, langsam bin ich körperlich doch etwas am Nicht-mehr-ganz-flüssig-gehen, aber ich bin von einer Gelassenheit und Dankbarkeit beseelt, die beachtlich ist.

Meine wunderbare Stimmung wird nicht unnötig auf die Probe gestellt, der Weg biegt wirklich in den kleineren Ort ab. Er mündet auf die Fahrstraße, und ich bin wenige Meter vor den ersten Häusern, als das sich lang ankündigende Gewitter losbricht. Bei aller Liebe, ich komme nicht umhin, „och nö…!“ zu denken, es schüttet derart wolkenbruchartig, dass ich sicher patschnass bin, bis ich die Rucksackhülle draußen habe. Ich beschließe zu rennen. „Bitte mach, dass es das erste Haus ist“. Ich hechte um die Ecke und in ein Albergue-Schild.

Eine freundliche Französin, die sich etwas überrascht aus meiner Hechtlinie rettet, entpuppt sich als Hospitalera und leitet mich einige Treppen hinauf in die eigentliche Herberge. Ich bin schon sehr gespannt, verspricht diese Herberge in einem Konvent mit Behindertenheim doch wieder endlich ein bisschen caminotypischer zu werden. Mit Messe und gemeinsamem Abendessen.

Die Französin lacht ein bisschen ironisch, als ich ihr sage, woher ich komme. Als ob sie es mir nicht glauben würde. Die restliche Gruppe scheint ausschließlich von Aljucén gekommen zu sein. Im Schlafsaal sind fast alle Betten belegt, aber kein Pilger weit und breit. Wahrscheinlich sind alle schon seit Stunden da und entsprechend in den Ort ausgeflogen.

Die Französin ist bei näherem Hinsehen gar keine Französin, sondern Spanierin, spricht aber beides sehr fließend. Ihr Mann steht am Fenster; wie sie mir erklärt machen sie das immer, man hat da einen weiten Blick auf den Camino und sieht immer rechtzeitig, wenn ein Pilger im Anmarsch ist. Jetzt gibt er seine Position auf, mehr würde heute wohl nicht mehr kommen. Ich erkläre, dass da noch ein ganzer Haufen kommt, ich bin ja fast die erste, die aus Mérida gestartet ist. Der ganze Pulk kommt erst noch. Stimmt, selbst Steffen habe ich den ganzen Tag heute nicht getroffen. Eigentlich war ich recht sicher, dass er mich nach ein paar Kilometern ohnehin einholen würde.

Ich dusche und wasche überglücklich, gehen schnell einkaufen und beziehe dann meinerseits Position am Fenster, um nach Steffen und den anderen Ausschau zu halten. Der Wolkenbruch war nur von kurzer Dauer, es ist schon wieder trocken, aber vielleicht haben sie sich derweil irgendwo untergestellt und besseres Wetter abgewartet.

Ich schreibe Tagebuch, während die Pilger vom Einkaufen und Stadtbummeln zurückkommen. Seltsamerweise ist hier eine ganz andere Zusammensetzung und Stimmung als bisher. Fast alles sind ältere, schwäbische Ehepaare, und nachdem auch die Herberge einen sehr gutbürgerlichen Wohnzimmercharme hat, fühle ich mich in unserer Sofaecke sehr wie zu Hause. Wenn auch nicht auf eine besonders angenehme Art.

Mein weißbezopfter Weggefährte trifft ein, und mein Antipilger mit den Klapperstöcken ist auch schon lange vor mir angekommen. Er spricht mich natürlich prompt noch drauf an, ob ich ihm am Morgen denn nicht vertraut hätte und ob ich nochmal zurückgegangen wäre.

Die zwei Holländer, die heute morgen in der Herberge mit Stirnlampe gepackt haben, lassen sich recht erschlagen zum Schuhe ausziehen auf den Boden fallen. Ich bin erleichtert, dass nicht nur mir diese eigentlich albernen 34 km lang erschienen sind. Der eine meint sehr entschieden „nie und nimmer 34!“. Er kramt seinen Schrittzähler heraus. Der zeigt 36 km. Na ja, das macht es auch nicht mehr fett. Ich hätte mindestens 50 erwartet, um meine heutigen Kapriolen zu erklären. Beim Einchecken erklären sie der Hospitalera, dass sie die letzten auf der Strecke waren, nach ihnen kommt nichts mehr. Ich bin eine Mischung aus ungläubig und entgeistert. Steffen fehlt doch noch. Wobei ich langsam seit über zwei Stunden hier bin und unterwegs doch so geschlichen bin. Steffen ist meistens wirklich deutlich schneller. Mir kommt der Gedanke, dass er vielleicht in Aljucén geblieben sein könnte. Wir haben uns gestern überhaupt nicht abgesprochen oder verabschiedet, ich war so sicher, dass er auch bis Alcuéscar läuft. Ich bin etwas geschockt.

Gegen 7 treffen wir uns vor der Herberge zur Pilgermesse bzw. vorher einer kleinen Führung. Die Hospitalera teilt Gruppen ein, und nachdem ich ja „als Schweizerin“ „wie jede Schweizerin“ „5 Sprachen fließend spreche“, werde ich der französischen Truppe zugeordnet mit der Bitte, auf Englisch zu übersetzen. Jetzt bin ich erst recht geschockt. Glücklicherweise entpuppt sich der einzige Englishman als französischsprachig, braucht also keinen Dolmetscher, sodass ich der deutschen Gruppe nachspringen darf.

Wir bekommen den Konvent gezeigt und die Institution erklärt. Hier kümmern sich die Padres ohne staatliche Unterstützung um Arme und Behinderte, einzig mit Hilfe von Freiwilligen aus dem Ort und Nahrungsmittelspenden, die als Überschuss bei Firmen oder Festessen anfallen oder von der Haltbarkeit nicht mehr verkauft werden können. Eigentlich alles sehr schön und lobenswert. Mir ist trotzdem irgendwie unwohl. Zum einen schon in der rein deutschen Meute, die unisono jeden zweiten Satz mit „oh wie schön!“, „ach, dass ich toll“, „och, vorbildlich!“ kommentiert. Selbst die Erklärung der Müllentsorgung würde wahrscheinlich einen bewundernden Begeisterungsschwall nach sich ziehen. Das ist mir irgendwie too much und übertrieben. Zudem habe ich ein wenig Berührungsängste mit den Behinderten, von denen einer zum Beispiel gedankenverloren alle paar Sekunden ein paar Hüpfer vor sich hinmacht. Ich kann mich schwer konzentrieren, als er wenige Millimeter vor mir vor sich hinhüpft; ich weiß irgendwie nicht, was ich machen soll und bin etwas unbeholfen.

Restlos begeistert geht es dann durch das Heim selber, es ist „so wunderbar sauber!“ und „hat sogar Fenster, wie schön!“. Ich fühle mich nur weiter sehr unbeholfen angesichts der vielen Leute, die hier rumlaufen und einen anstarren, angrunzen oder fast durch einen hindurchrennen.

Die Messe hält ein etwas mürrisch wirkender Pfarrer, der den vielen Deutschen zuliebe auf Latein predigt. Ich denke noch „häh? Was sollen wir denn damit? Das versteht dann ja gar keiner mehr?“, aber lustigerweise können das wirklich alle hier gebetsmühlenartig. Außer mir. Außer dem Vater Unser erkenne ich wenig.

Das absolute Highlight ist ein junger, dunkelhäutiger Hermano mit Gitarre, der mit uns in den Reihen sitzt und zwischendurch ein paar Lieder schmettert. Mit einem Schlag werde ich erinnert an die peruanische Hermana in Carrión de los Condes, die auch so wunderbar gespielt und gesungen hat. Es klingt, als wäre es das gleiche Lied. Es hat mich damals schon sehr bewegt, und ich habe oft versucht, es im Internet zu finden, aber ohne Erfolg.

Glücklicherweise bewegt es mich hier nicht ganz so stark, ein Gefühlsausbruch wie damals wäre hier wohl etwas fehl am Platze. Zum Schlusslied stürmen meine Mitpilger schon begeistert die wunderbare Einrichtung lobend hinaus Richtung Essen. Ich muss mich ihnen eigentlich anschließen, weil ich nicht weiß, wohin es geht, aber ich kann doch nicht mitten in diesem wunderbaren Schlusslied einfach gehen. Ich bin ziemlich hin- und hergerissen. Der Hermano singt so unheimlich schön und kraftvoll und eben auch wieder mit so ganz viel „mehr“ in der Stimme, dass ich schon halb im Gang, doch nochmal in der Tür stehenbleibe. Ich schaue wohl ganz verzückt. Als er zwischendurch kurz die Augen aufmacht, guckt er zielsicher zur Tür und lächelt zurück. Als er fertig ist, springe ich doch nochmal kurz hin und frage ihn, wie das erste Lied geheißen hat und ob man es wohl im Internet finden kann. Er meinte lächelnd „sicher“, aber den Liedtitel raffe ich überhaupt nicht. Er fragt, ob er es mir aufschreiben soll. Super Idee, nur haben wir nichts zum Schreiben. Ich krame hektisch einen Zettel aus meiner Tasche, den ich etwas zu spät als den Kassenzettel meiner Ohrringe identifiziere. Das schickt sich ja irgendwie erst recht nicht (wobei einen Hermano um Liedtitel fragen vermutlich auch schon etwas grenzwertig ist). Er vertröstet mich „un momento“, löscht die Kerzen und sammelt die Hostien ein, um dann einen Stift zu organisieren und quer an die Wand gelehnt meinen Kassenzettel zu beschriften. Mit „Vine alabar a Dios“ und von einem wunderbar magischen Lächeln begleitet bedanke ich mich schnell und spurte dem letzten sichtbaren Pilger in der Ferne der Gänge hinterher.

Ich bin irgendwie etwas erschlagen von dem heutigen Tag. Ich sitze etwas verschüchtert in meinem neuen Pilgergrüppchen, ich kenne keine Menschenseele und will daran irgendwie auch nichts mehr ändern. Ich brauche ein bisschen Ruhe, um die intensiven Erlebnisse heute auf mich wirken zu lassen. Dieser Moment mit dem Steinkreuz und eben dieser atemberaubende Hermano, irgendwie ist da Gott wieder recht vehement in Erscheinung getreten.

Die Suppenteller werden wieder abgetragen, heute wurde wohl keine Suppe gespendet. Dafür gibt es Nudelsalat, Brot, Schinken, ein Fischstäbchen für jeden und einen Riesenklotz Käse. Mit dem Wissen um die knappen Verfallsdaten schmecken meine Geschmacksknospen Wunderliches.

Neben mir sitzt ein sehr gepflegter, weißhaariger Mann. Wir kommen ins Gespräch, er ist auch aus der Schweiz. Woher, will ich wissen. Er meint, das würde man eh nicht kennen. Nach einigem Einkreisen und Nachfragen stellt sich heraus, dass seine Frau Kundin in meiner Arbeitsstelle ist. Er kann es gar nicht fassen. Zufälle gibt es wirklich. Er fand den Tag heute nicht schlimm und kommt auch von Mérida. Allerdings hat er „die ersten Meter“ bis zum Stausee ein Taxi genommen.

Nach dem Essen waschen wir noch ab, ich bin allerdings wenig kommunikativ. Erst beim Versorgen meiner Kontaktlinsen anschließend im Waschraum rede ich doch noch ein bisschen mit einer ebenfalls kontaktlinsenversorgenden, ebenfalls sehr großen Deutschen. Sie ist nett, aber ich bin heute einfach etwas platt.

Uns graut beiden vor der Nacht. Die Betten sind unglaublich durchgelegen; als ich mich hineinlege, schaue ich ganz verdutzt aus der Wäsche. Ich fühle mich, als ob ich sitzen würde, so tief hängt mein Körperschwerpunkt durch. Ich stopfe mir eine zusammengefaltete Wolldenke unter die Hüfte, um das allerschlimmste auszugleichen; außerdem rolle ich mich ganz klein zusammen und hoffe, dass morgen weder meine Wirbelsäule weh tut noch meine heute doch etwas steifen Füße und Beine streiken.

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Während ich die ersten Tage auf bis zu 13 Stunden Schlaf pro Tag gekommen bin, liege ich in letzter Zeit meist ziemlich viel wach. Diese Nacht ist in dieser Hinsicht noch Rekord. Die beiden Schwaben neben mir scheinen ähnlich schlecht zu schlafen, und so wechseln wir uns mit raschelndem Umdrehen recht lückenlos ab. Ein deutscher Pilger, der spät am Abend noch eingetroffen ist, hat gestern schon durch laufende Selbstgespräche, Schnaufen und Stöhnen brilliert. Bei Nacht macht er das durch schwer in Worte zu fassendes Schnarchen mindestens ebenso wett.

Außerdem bin ich ziemlich rastlos wegen meiner heutigen Etappe. Die Verabredung um 12 mit Steffen war eine Schnapsidee, es bedeutet Stress und frühes Aufstehen. So bin ich dann ganz dankbar, als die Schwedin gegen 7 raschelnd packt und mich dadurch aufweckt. Ich packe alles unkoordiniert in den Rucksack und verlagere mich in den Speisesaal. Zu meiner Überraschung ist Liekes Bett wie am Vorabend leer. Ein derartiger Frühaufsteher ist sie nicht, und auch ihre Sachen scheinen noch da zu sein. Ich mache mir leichte Sorgen.

Nachdem ich alles ordentlich verstaut habe, gehe ich noch zum Wasserauffüllen in das Bad im Erdgeschoss – und laufe fast in Lieke hinein. Sie erzählt, sie hätte sich am Abend noch in das Sofazimmer gesetzt und die Sonnenstrahlen genossen. Dabei wäre sie eingenickt und hätte dann, als sie mitten in der Nacht wieder aufgewacht ist, keine Lust mehr gehabt, mit großem Lärm ihr Bett im Schlafsaal zu beziehen. So hat sie einfach eine Sofaschicht eingelegt.

Wie so oft regnet es auch heute, als ich mich auf die 15 km nach Mérida begebe. Es ist ein komisches Gefühl, diese Strecke zu laufen, die gestern meine zwei Mitpilger schon begangen haben. Sie vielleicht als letztes gestern, ich als erste heute. Schon wieder komme ich nicht umhin, mich irgendwie schwermütig zu fühlen.

Der Weg ist heute irgendwie nicht so klar wie sonst, oft geht es in der Nähe der Straße entlang und ich bin immer etwas unsicher, ob ich nicht einen Abzweig verpasst habe. Während ich mich durch Feldwege (mit monströsen Lehmbehängen an den Stiefeln) schlage, überholt mich auf der Nationalstraße ein pilgerndes Vierergrüppchen. Sie gehen zielsicher und ohne zu zögern auf der Straße weiter; ich bin ein bisschen irritiert, ob sie nun einfach schon so schnell die Pfeile sehen oder ob sie einfach rigoros nur Straße laufen wollen. So zögere ich dann doch wieder alle paar 100m und versuche aus meinem Führer schlau zu werden. Keine gute Idee für jemanden, der sonst nur nach den Pfeilen läuft.

Heute regnet es zum ersten Mal richtig stark. Die Tage vorher habe ich zwar auch fast immer mein Regencape und meine Rucksackhülle herausgekramt, aber eher, um nicht von dem leichten Nieseln auf Dauer doch durchfeuchtet zu werden. Heute ist „durchfeuchten“ fehl am Platz, es regnet einfach so richtig.

Wir laufen parallel zur Nationalstraße, als ein bekanntes Campmobil abzweigt und auf der Via wartet. Schon von weitem wedelt Marie enthusiastisch mit einem weißen Handtuch und guckt mich erwartungsvoll an. Ich hätte mein Handtuch in der Herberge vergessen. Ich muss sie enttäuschen, meins ist das nicht, dafür erkenne ich es ziemlich treffsicher als eines aus der Herberge in den Olivenfeldern wieder. Marie ist sichtlich enttäuscht, jetzt statt als rettender Handtuchengel quasi mit Diebesgut in der Gegend herumzufahren.

Ich bin erleichtert, als es endlich in die im Führer angekündigten Feldwege geht und ich nicht mehr so viel an Seitenstreifen links und Abzweigung hinter Hügelkuppe rechts und ähnliche Scherze denken muss. Mit Erleichterung passiere ich den erwähnten Steinbrunnen und weiß mich auf dem richtigen Weg. Die vier Pilger vor mir dagegen bleiben zögernd stehen und drehen dann wieder um. Sie wollen sicherheitshalber die Fahrstraße laufen, ihnen ist es eh zu schlammig. Komisches Völkchen.

Der Weg ist schön, vor allem hat es wieder die von mir so geliebten Blumen in Hülle und Fülle. Leider immer hinter einem satten Regenvorhang.

Als Mérida in Sicht kommt, erwischt mich noch einmal so richtig ein Wolkenbruch. Die fotogene Römerbrücke (über lehmfarbenem Wasser auf Höchststand) renne ich schon fast entlang und suche recht gestresst die Herberge, die hier irgendwo am Ufer liegen soll. Es ist schon nach 11, und laut meinem Führer muss man an irgendeinem Kiosk den Schlüssel dafür holen, nur sehe ich weit und breit keinen Kiosk. Meine Stimmung ist mal wieder höchst moderat. Zum einen nervt mich dieser blöde Führer, in den ich zwar stundenlang reinschaue und wegen dem ich nach irgendwelchen Biegungen und charakteristischen Gebäuden Ausschau halte, aber auch nicht vorwärts komme. Zum anderen bin ich wütend auf mich selber, mit Steffen diesen Termin abgemacht zu haben. Ein Camino mit Zeitdruck und Verpflichtungen, das ist für mich ein Widerspruch in sich. Zumal bei diesem Wetter.

Zwei Pilger vor mir laufen zielstrebig auf ein Gebäude am Ufer zu, was sich auch ganz ohne Kiosk als die Herberge entpuppt. Ein Hospitalero mit sehr schriller Stimme macht mich mehrmals darauf aufmerksam, dass die Herberge von 13 bis 16.00 schließt, weil er schließlich auch mal Pause braucht. Der Schlafsaal selber ist dunkel und trostlos, die Betten zum ersten Mal so richtig schmutzig und zerlegen. Mir wird bewusst, dass ich das auf dem Camino Frances ganz selbstverständlich hingenommen hätte. Nach den kommerziellen Luxusherbergen der vergangenen Tagen bin ich wohl pilgerisch schon ziemlich verweichlicht.

Durch die geöffneten Fenster hat es ziemlich reingeregnet, die Hälfte des Schlafsaals ist Pfütze. Im hintersten Bett kräht ein älterer Engländer nach einem spanischsprachigen Dolmetscher; offensichtlich hat er heftige Magen-Darm-Probleme und den Hospitalero wegen einer Apotheke gefragt. Dieser hätte etwas von einem Arzt geredet, aber nun wären schon ein paar Stunden vergangen und er weiß nicht, ob das noch etwas wird oder nicht. Ein hilfbereiter Holländer dolmetscht. Der Hospitalero mit der schrillen Stimme ist bei näherer Betrachtung etwas zurückgeblieben und antwortet auf jede Frage und Erklärung nur, dass die Herberge über Mittag schließt, weil er ja schließlich auch mal was essen muss. Der verzweifelte Engländer sucht ein wenig Trost und Ansprache bei mir, aber ich bin etwas im Stress und habe ehrlichgesagt auch Panik davor, mich mit seinem Virus anzustecken.

Ich dusche schnell meinen recht ausgekühlten Körper warm, um dann vor der Wahl zu stehen, meine trockenen Sachen anzuziehen, um diese auch noch patschnass zu machen, oder mich wieder in meine einladend nasskalte Pilgermontur zu werfen. Ich entscheide mich für ein Zwischending. Obenrum kalt, aber meine trockene Nachmittagshose, die ich mit meiner Regenhose zu schützen gedenke. Dafür untenrum meine patschnassen Socken, nachdem die Wanderstiefel ja auch patschnass sind. Ich bin ein einziger Wutanfall. Diese dunkle, feuchte, dreckige Herberge, aus der man nun auch noch über Mittag raus muss, und dann der strömende Regen draußen, in den ich mich jetzt wegen dieser schwachsinnigen Verabredung begeben muss. Ich bin auch schon zu spät dran, noch 10 Minuten bis 12, ich muss auch noch rennen.

Während ich hektisch panisch die Straße zur Römerbrücke zurücklaufe und von dort die Plaza suche, hört es auf zu regnen – und als die Glocken zwölf zu schlagen beginnen und ich auf der Plaza nach Steffen Ausschau halte, kommt mit einem Mal strahlend die Sonne heraus.

Meine Laune ist mit einem Mal auch wieder strahlend, als ich mit dem letzten Glockenschlag stolz einen Sprung vor Steffen mache und ihn aus der vertieften Studie seines Reiseführers schrecke. Wir setzen uns erstmal zu einem Kaffee hin (meinen ersten hier auf der Via. Normalerweise lebe ich ja Bar-autark, aber besondere Umstände verlangen wohl besondere Ausnahmen). Allem Wetter- und Terminfrust zum Trotz freue ich mich mit einem Mal sehr, Steffen wiederzusehen und zu hören, wie es ihnen gestern noch ergangen ist. Die letzten drei Stunden wären nicht so das Problem gewesen, aber bis sie ein Hostal in Sevilla gefunden hätten, das hätte sich ewig hingezogen. Sie wären nochmal gefühlt eine Stunde herumgerannt, und am Abend wäre er dann so erledigt gewesen, dass er sich zum Duschen in die Wanne gesetzt hätte. Er outet sich auch heute noch als total platt und müde und dass ich da jetzt nicht den ganzen Nachmittag Sightseeing von ihm erwarten könne. Ich bin sehr erleichtert, hatte ich doch eben das befürchtet und mir schon Sorgen wegen meiner Selbstbestimmtheit und meinem Freiheitsdrang gemacht.

Wie ein fehlendes Puzzleteil taucht die neongelbe Rucksackhülle von Lieke auf. Steffen brüllt quer über den Platz, bis sie uns bemerkt. Sie hat eine ähnliche Hostal-aversion wie ich und will folglich auch in die öffentliche Herberge, sodass sie sich gleich auf den Weg dorthin macht, um noch vor der ominösen Essenspause einzuchecken.

Etwas ziellos wandere ich mich Steffen durch die Haupteinkaufsmeile von Mérida, die sich wie eine andere Welt anfühlt. Steffen erzählt, dass hier Marc gestern bei der Hostalsuche noch eine halbe Krise gekriegt hätte, weil sie so abgerissen ausgesehen hätten. Das kann ich mir bildlich vorstellen. Mérida ist wie ein Kulturschock, nachdem wir die letzten 10 Tage (vielleicht von Zafra abgesehen) nur lauter kleine Dörfer passiert haben. Das hier ist eine richtige Einkaufsstraße, lauter bekannte Modemarken zur Linken und zur Rechten, und dazu noch ein Gewusele und Gesumme sondergleichen. Und natürlich, außer uns ist niemand abgerissen und dreckig und müde und humpelnd.

Am Ende der Straße erwartet uns ein Park. Ein Blick auf Steffens schlaue Karte zeigt, dass hier das bekannte Teatro romano sein muss, ein beeindruckendes Relikt aus Römerzeiten und auch wieder mit ein Ort, den ich vor der Via unbedingt sehen wollte. So entscheiden wir uns todesmutig und spontan für ein all inclusive Ticket und somit einen Kulturtag.

Leider wimmelt es hier etwas unromantisch nur so von Schulklassen, es ist eine absolut pilgeruntypische Touristenatmosphäre. Aber einmal pro Camino kann ich das vielleicht auch verschmerzen.

Das Teatro ist beeindruckend schön, noch dazu der strahlend blaue Himmel wie aus dem Nichts. Ich bin so richtig glücklich.

Leider müssen wir auch schon recht fix wieder das Gelände verlassen, weil auch hier wohl ausgiebig spanische Mittagspause gemacht wird. Steffen möchte ein Mittagsschläfchen machen und vorher noch etwas essen gehen. Wir verabreden uns auf 16.00 an der Römerbrücke für weiteres Sightseeing und Fotoshooting.

Mich zieht es bei dem tollen Wetter zu meinem persönlichen Highlight hier, dem Acueducto de los Milagros, dem Wunderaquädukt. Davon möchte ich unbedingt noch ein schönes Foto mitnehmen und mich nicht darauf verlassen, ob morgen beim Verlassen von Mérida schon geeignete Lichtverhältnisse herrschen. Trotz oder vielleicht gerade wegen Steffens Stadtplan tappe ich recht planlos von Straßenecke zu Straßenecke, mit ähnlich großen, staunenden Augen wie in Sevilla. Irgendwann jaulen die Sirenen einer Horde Polizeiautos durch die Straßen, und alles sammelt sich gerade dort, wo ich entlangwandele. Die neugierigen Menschenmenge beobachtet aus sicherer Entfernung, während ich recht unbedarft wahrscheinlich gerade mitten durch den Fluchtweg eines bewaffneten Raubüberfalls promeniere. Mit großen Augen entdecke ich unbeschadet einen riesigen El Arbol Supermarkt, der sogar noch durchgehend geöffnet hat. Und das Innere ist das Paradies auf Erden. Es hat eine ganze Wand voller spannender Brotsorten, und das nach 10 Tagen mit höchst trockenem Weißbrot. Ich schaue bestimmt eine halbe Stunde wie ein hypnotisiertes Kaninchen die Auslagen an und muss mich ziemlich zusammenreißen, nur eine Cola und zwei Empanadas für den akuten Hunger zu kaufen. Alles andere müsste ich ja den Rest des Tages mit mir herumschleppen. Nachdem der Supermarkt bis 21.00 geöffnet hat, tröste ich mich mit einem ausgiebigen zweiten Besuch als Abendprogramm.

Die Sonne brennt mittlerweile wirklich ziemlich heftig, meine Sonnenbrille und Co. liegen natürlich glücklich am anderen Ende von Mérida in einer mittagspäuslich geschlossenen Herberge. Endlich finde ich das Aquädukt, lustigerweise ziemlich direkt mitten in die Stadt integriert. Es ist umgeben von einer gepflegten grünen Parkanlage, die aber um die Zeit wundersamerweise menschenleer ist. Ich schnappe mit ein Bänkchen mit Spitzenblick auf die Arkaden und die darauf nistenden Störche, lege meine nassen Socken zum Trocknen aus und genieße hingebungsvoll mein Premiumlunch.

Irgendwann siegt das schlechte Gewissen wegen der prallen Mittagssonne, und ich transferiere mich an eine andere Stelle unter einen schattenspendenden Baum. Dort kann ich meine Schuhe im letzten Moment vor einem apportierwütigen kleinen Terrier retten. Christian kommt entspannt entlanggetrabt, wir haben heute beide eine wunderbar entspannte Laune. Er will aber noch ein wenig weiter und macht sich nach einem kleinen Plausch wieder auf den Weg.

Fast schon etwas wehmütig verlasse ich gegen halb 4 meinen halbschattigen Platz mit privater Superaussicht und bin schon fast wieder etwas terminfrustriert, als ich wieder durch die Straßen renne. Eigentlich hätte ich gern meine Sonnenbrille im Austausch gegen die Regenhose, aber die Herberge öffnet ja erst zeitgleich mit meinem Treffen mit Steffen.

Mit unserem Kombiticket besuchen wir ein vermutlich auch kulturell sehr bedeutendes Etwas rechts von der Römerbrücke, die Alcazaba. Beeindruckend ist der Blick von dort auf die Brücke sowie eine Hinweistafel auf eine unterirdische Wasserversorgung. Es geht in ein eher unscheinbares Häuschen und von dort viele dunkle Treppen hinab zu einem Wasserreservoir à la kleiner Swimmingpool. Durch einen winzigen Fensterspalt beleuchtet schimmert das Wasser mysteriös leuchtend hellblau klar, durchzogen von einigen kontrastfarben leuchtenden Goldfischen. Ein ganz beeindruckender, fast schon atemberaubend schöner Ort, den wir so ganz unerwartet gefunden haben.

Zum Glück gibt es auf dem Gelände auch einen Brunnen, an dem ich mein Wasser auffüllen kann. Die Hitze hier ist mir ja doch etwas suspekt. Bei Gärten voller antiker Amphoren und Säulenfragmenten plaudern wir über heimische Gärten und Hobbies und Zukunftspläne. Mit dröhnendem Lachen kommt Lieke auf uns zu und zeigt stolz eine Serie künstlerisch durchaus wertvoller Fotos, die sie gerade heimlich von uns gemacht hat. Es ist schön, sie (ohne jegliche Absprache) immer wieder wie durch Zauberhand zu treffen. Ich zeige ihr begeistert den magischen Goldfischteich; beim wieder nach draußen zum wartenden Steffen Laufen stolpert sie fast über die letzte Stufe, was sie zu „oh Steffen, you see, I fall for you!“ verleitet. Die Dame hat einen einmaligen Humor.

Steffen zeigt mir noch ein wenig die Sehenswürdigkeiten der Stadt, wie zum Beispiel den Diana-Tempel. Auch der liegt aber wieder so inmitten der Stadt, eingebettet in Baustellen und umgeben von Baukränen, dass mich nicht wirklich die Fotolust packt. Ihn zieht es noch in ein Museum, wonach mir aber nicht mehr ist. Wir verabschieden uns also erstmal für heute, und ich mache mich auf den Rückweg durch die Einkaufsmeile, die jetzt dank Siesta noch ziemlich ausgestorben ist. Ich kaufe ein Paar Ohrringe als Andenken, außerdem möchte ich endlich Postkarten kaufen. Die geöffneten Geschäfte haben nur wirklich gruselige Motive; in einem Geschäft sehe ich durch die Scheibe noch eine andere Auswahl und lungere gut eine Stunde davor herum, bis es endlich aufmacht. Und nochmal gut eine halbe Stunde, bis ich die perfekte Karte für jeden ausgesucht habe. Der Verkäufer hat sicher das Gefühl, dass ich zu viel Sonne abbekommen habe.

Auf dem Rückweg gönne ich mir noch wie versprochen den wunderbaren Supermarkt und einen wahren Großeinkauf. Ganz spanisch untypisch entscheide ich mich für ein tolles Vollkornbrot mit dem klangvollen Namen „Kornspitz“, ein Glas mit eingelegten gegrillten Paprika, eine Dose Muscheln, Pizzataschen und „artisan“ gebackene Bizcochos. Mit voller, schwerer Tüte mache ich mich auf dem Heimweg noch auf die Suche nach einem Telefon, um meinem Bruder zum Geburtstag zu gratulieren. Nachdem ich meinen Euro eingeworfen habe, vertippe ich mich, finde aber keine Taste zum Korrigieren. Nachdem mir in Spanien beim Einhängen schon einmal einfach das Geld einbehalten wurde, suche ich lieber weiter nach einer Taste und frage sogar eine hilfsbereite Spanierin, die dann ähnlich verzweifelt und erfolglos mit mir herumtippt und -probiert. Sie hält noch den halben Gehweg in Atem, bis jemand meint, ich könnte einfach einhängen. Und wirklich kommt mein Euro für einen weiteren Versuch heraus. Mindestens 5 Leute sind begeistert, eine Arbeit im Team erfolgreich gemeistert zu haben. Und ich bin nach dem Telefonat doppelt froh, denn mein Bruder meint, dass der Luftraum langsam wieder frei wäre und er nicht denkt, dass meinem Rückflug etwas im Wege stehen könnte. Erleichternd, nachdem ich diese Problematik heute bei Steffen angesprochen habe, der erheitert gelacht hat und gemeint hat, warum ich mir da Sorgen machen würde. Wenn nichts fliegen würde, wären die Züge sicher auch schon restlos ausgebucht und ich hätte ohnehin keine Chance, wegzukommen. Steffens desillusionierender Realismus vom Feinsten.

In der Abendsonne komme ich in der Herberge an. Dort packt gerade Sean seinen Rucksack aus. Er ist wirklich ein gewisses Phänomen. Vor ein paar Tagen hat er im Parador genächtigt, heute nun hat er sich wieder die öffentliche Schmuddelherberge ausgesucht. Er berichtet mir, dass Patrick heute da gewesen wäre, und er hätte mir eine Nachricht hinterlassen, wo auch immer. Vor ein paar Tagen hat mir Lieke bereits Grüße von ihm ausgerichtet, er hat unser Tempo nicht mithalten können und beschlossen, nun eher per Bus die noch ausstehenden Sehenswürdigkeiten abzuklappern und dann noch einen Abstecher nach Granada zu machen.

Ich will gerade in meine Croc-Imitate steigen, als ich in meinem rechten Schuh Patricks Nachricht finde. Wie schön.

Ich dusche noch schnell, bevor ich mich mit Tagebuch und meinem reichhaltigen Essensbeutel bewaffnet auf in den Park mache, wo ich inmitten von relaxten Joggern und Familien mit Kindern ein wunderbar schmeckendes Abendessen einnehme. Die Abendsonne scheint warm, ein luftiger Wind trocknet meine noch duschnassen Haare im Nu, einzig mein Anblick ist vielleicht keine so große Wonne. Mangels Besteck fische ich die Paprikas mit den Fingern aus dem Glas, was dem Geschmack und meinem absoluten Wohlgefühl allerdings keinerlei Abbruch tut.

Nach Sonnenuntergang setze ich mich in der Herberge an den einzigen Tisch und schiebe mir einen Bankersatz dazu, um endlich meine Postkarten zu schreiben. Die beiden Schwaben der beiden letzten Tage sind auch hier, der Fußlahme fliegt nun morgen definitiv heim. Vielleicht liegt es an meiner wunderbaren Laune heute, irgendwie verstehen wir uns heute deutlich besser, und es ist noch richtig nett mit ihnen und mit Lieke, die noch dazukommt. Sie lachen sich ungläubig kaputt über meinen riesigen Rucksack, der eigentlich so leicht wäre, wenn ich nicht immer einige Kilo Esswaren mit mir herumschleppen würde. Sie helfen mir gleich ein wenig aus der Misere, indem wir ein paar abendliche Bizcochos vortesten.

Lieke sieht zum unzähligsten Male unseren letzten Abend gekommen, sie schenkt mir einen Stein als Glücksbringer und gibt mir gute Worte mit auf den Weg. Ich fühle mich etwas unbeholfen, weil ich nichts im Gegenzug habe oder erwidern kann. Steffen hat sich da schon besser aus der Affäre gezogen. Analog zu Liekes gestriger Frage, frage heute ich sie „so you met Steffen?!“, denn sie hat auch eine selbstgeschnitzte Minimuschel um den Hals hängen.

Wir plaudern und schreiben bis kurz vor 10, eine für mich recht ungewohnte Zeit. Ich bin erschlagen von den Eindrücken, aber auch von dem vielen Laufen kreuz und quer und hin und her durch die Stadt. Von dem Wolkenbruch und der Hitze. Von meiner miesen Laune und gleichzeitig meinen himmelhoch jauchzenden Momenten. Welch ein Tag.

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Ich schlafe überhaupt nicht gut. Zum einen höre ich die Autobahn, als würde ich direkt auf dem Standstreifen zelten. Die ist zwar in der Nähe, aber den ganzen Nachmittag haben wie nie etwas davon gehört. Zum anderen ist es tierisch kalt (und mein Schlafsack liegt natürlich im Rucksack). Mir zieht es um den Kopf und die Schultern, als ob die Balkontür neben meinem Bett offen wäre. Ich taste im Dunklen danach, aber sie scheint zu zu sein.

Irgendwann steht Marc wieder im Stockdunklen auf. Steffen wird auch davon wach und schaut auf die Uhr. Es ist 5 Uhr, und im Moment entlockt mir das nur ein „Oh mann, dieser Irre“. Wir schlafen auch nicht mehr so richtig. Steffen ist wie üblich morgens ziemlich zerknittert und regt sich über die Mücke und die fürchterlich stickige Luft auf. Ich erzähle von der Kälte, und er meint „klar“, er hätte ja auch die Balkontür aufgemacht. Ich weiß nicht, wonach ich da heute Nacht getastet hab, aber stimmt, sie ist sperrangelweit offen. Nun bin auch ich etwas missgestimmt. Da sterbe ich den halben Erfrierungstod, weil die Herren nur an ihre frische Luft am anderen Ende des Raumes denken, während ich so richtig nett im Durchzug liege.

Marc raucht draußen in der Finsternis, hat sehr eindeutig schlechte Laune und will seine Ruhe. Ich gehe mit Steffen frühstücken, und unser verkatertes Bild wird komplettiert von dem Herbergsvater, der natürlich zu dieser frühen Morgenstunde auch noch nicht das blühende Leben ist.

Das Frühstück komplettiert allerdings auch unseren exzellenten Eindruck von dieser Herberge. Der Kaffee kommt aus einer sehr edlen Espressomaschine, es gibt faszinierend zuckrig-zimtige Kringel und frisch geröstetes Brot. Ich haue ordentlich rein, schließlich bin ich ja ohne Proviant, und nachdem die Herren heute so früh loswollen, werde ich auch Villafrance zu einer Zeit hinter mir lassen, zu der die Läden noch nicht geöffnet haben. Ich habe mittlerweile meine Supermarktsehnsucht komplett überwunden und habe das Gefühl, eigentlich die nächsten Tage gar nichts mehr an Vorräten zu brauchen.

Marc setzt sich zu uns. Er isst nichts, trinkt nur zwei starke Kaffee. Er bräuchte tagsüber nie was, und er hat heute wirklich so schlechte Laune, dass ich mich nicht zu widersprechen oder wie üblich zu scherzen traue.

In der Dunkelheit laufen wir durch die Olivenhaine und an der Straße entlang nach Villafranca. Marc möchte in eine Bar, nochmal 3 Kaffee trinken. Ich gehe schon mal weiter. Irgendwie fühle ich mich heute ziemlich niedergeschlagen und leer. Mit Steffen habe ich beim Frühstück kurz über mein Leben jenseits des Caminos gesprochen und dass ich nicht immer eine kichernde und quasselnde Hupfdohle bin. Nun fühlt er sich beflissen, mir gutgemeinte Ratschläge zu geben. Dafür bin ich im Moment aber noch weniger offen als sonst schon; ich möchte hier meinen Camino genießen, meine Unbeschwertheit, ich möchte noch ein bisschen von dem Gefühl aufsaugen,  glücklich und strahlend und voller Energie zu sein. Und Marc schüttelt nur immer resigniert den Kopf und meint, heute keine gute Stimmung zu haben. Seine Augen strahlen auch nicht mehr.

Wider Erwarten hat gegen 8 schon ein kleiner Laden offen, in dem ich dann doch ein bisschen einkaufe, allerdings ohne den üblichen Enthusiasmus.

Recht bald holt mich Steffen ein, der nicht so lange in der Bar geblieben und schon mal ohne Marc losgelaufen ist. Er möchte heute auch bis Mérida gehen. Ich bleibe bei Torremegía, habe aber ein intuitives Gefühl, Steffen trotzdem wiederzusehen. Er läuft schon mal flott voraus, während ich eher trödele und auf Marc warte. Ich nutze die Gelegenheit, ein kleines Steinbild auf den Weg zu legen.

Selbst das zu dritt laufen ist heute irgendwie anstrengend. Heute haben wir wohl alle den ganzen Tag unsere „5 Minuten“. Laufe ich mit Marc, fragt Steffen, ob es uns stört, wenn er sich anschließt. Laufe ich mit Steffen, legen wir zur angeregten Unterhaltung automatisch unseren Schnellschritt ein, der nicht ganz Marcs Tempo ist – vor allem zickt der dann wieder, dass diese hochgeistigen Gespräche ja einfach nichts für einfache Leute wie ihn sind. Warte ich wieder auf Marc, hat Steffen den Eindruck, da gerade einer zu viel zu sein. Und ich dachte immer, Männer wären pflegeleicht.

Die Sonne scheint heute ziemlich ordentlich, während wir durch Weinberge und eher flaches Gelände laufen. An einigen Stellen ist der Boden von den Regenfällen der vergangenen Tage noch total matschig. Phasenweise haben wir ungefähr 5 cm roten Lehm rund um die Stiefel hängen.

Gegen Mittag haben wir den vor uns laufenden Steffen fast wieder eingeholt. Wir würden gern Pause machen, aber Steffen dreht sich nie um, sodass wir es ihm nicht signalisieren können. Marc könnte vermutlich rufen, hat aber keine Lust, durch die Gegend zu brüllen. Genervt versuche ich, Steffen allein einzuholen, aber nachdem er auch recht schnell ist, wird der Abstand kaum kürzer. Ich versuche es sicher eine Viertelstunde, habe dann aber auch keine Lust mehr. Am Wegrand blühen lauter schöne Blumen, mit der Sonne wären es super Fotomotive, und ich renne hier wie eine Irre nur geradeaus, weil der eine Herr zu fein zum Rufen ist und der andere Herr gerade schmollend drauflosläuft und sich nicht umdreht.

Mit schlechtem Gewissen mache ich also nur mit Marc Pause. Vor meinem inneren Auge nimmt Steffen das wahrscheinlich erst recht persönlich. Es ist beeindruckend, wir verändert Marc ohne seine Strahleaugen ist bzw. wie verändert unsere Beziehung. Wir gehen uns absolut nur auf den Geist. Ich komme nicht umhin, den ein oder anderen Kommentar dazu zu verlieren, den ganzen Tag nichts zu sich zu nehmen außer 5 Kaffee. Oder bei brennender Sonne in einer schwarzen Fleecejacke rumzulaufen, wenn einem der Schweiß schon über das rote Gesicht läuft. Kaum hat er die dann endlich doch noch ausgezogen, bringt ihn meine unschuldige Frage, ob er jetzt wohl auch keine Sonnenmilch drauftut, komplett auf die Palme. Wir haben ein bisschen eine andere Einstellung zum pfleglichen Umgang mit unserem Körper. Er schimpft auch wütend auf Pilger, die mit kleinen Wehwehchen schon aufgeben, und er würde sicher nicht nur wegen einer entzündeten Achillessehne aufhören. Ich bin auch kein Freund von leichtfertigem Aufhören, vor Achillessehnen habe ich aber Respekt. Ich versuche zaghaft Verständnis dafür zu werben, dass wenn die wirklich gerötet und geschwollen ist, ja auch reißen könnte. Na und? Dann soll sie halt reißen. Das würde er gerne in Kauf nehmen. Lieber, als wie ein Weichei vorher aufhören. Es überrascht mich, wie leistungsbezogen er den Camino sieht – und wie er seinen eigenen Wert an (ohnehin fragwürdiger) Leistung festmacht. Eigentlich spricht aus ihm ein erfahrener Pilger, und dazu gehört für mich fast automatisch die Fähigkeit, auf seinen Körper zu hören, seinen Körper zu schätzen und zu pflegen. Und eigentlich auch, seinen Wert nicht an solchen Kleinigkeiten festzulegen. Wo bleibt die Toleranz unter Pilgern, wenn man irgendjemanden als Weichei oder Versager tituliert, nur weil er sein Ziel nicht um jeden Preis erreichen muss? Für mich ist es ein Zeichen von Stärke und Größe und auch davon, auf dem Camino etwas gelernt zu haben, wenn man in der Lage ist, einen Camino aus Vernunftsgründen abzubrechen. Oder bisherige Ziele unter anderen Gesichtspunkten neu zu überdenken.

Ohne die Strahleaugen hat Marc vor allem ziemlich entschiedene, harte Meinungen, die für mich zu unsensibel sind – und vielleicht wirklich nicht besonders intelligent.

Die letzte Stunde laufen wir fast schweigend. An einer Weggabelung sitzt von weitem sichtbar eine gebeugte Gestalt. Zuerst überlege ich, ob es eine Vogelscheuche ist, so wirklich schlaff wie sie dasitzt. Bei genauerer Betrachtung handelt es sich um Lieke, die trotz ihrer Vorankündigungen von kleinen Etappen hier mal wieder voll mithält. Momentan ist sie sichtlich erschöpft, wohl auch von der Hitze. Trotzdem strahlt sie und witzelt „so, you met Steffen?“, weil er an ihr vorbei ist und auch ein Armbändel hatte. Wir laufen weiter, und ich denke noch eine Weile beeindruckt über Lieke nach. Sie hat eine bemerkenswerte Ausstrahlung. Ein Stück weit ist sie wohl eine Kämpfernatur mit der unausgesprochenen Botschaft „bietet mir keine Hilfe an, ich kriege das schon allein hin“.

Torremegía ist schon in Sicht, als sich unser Weg in roten Lehmmorast wandelt – und von einem etwa 5 Meter breiten Wasserlauf durchquert wird. Marc bekommt fluchend den reinsten Tobsuchtsanfall, während ich das Ganze eher gelassen und belustigt sehe. Durchkommen ist da wirklich nicht, denn der ganze Boden gibt nach, aber im schlimmsten Fall gehen wir eben zurück und wo anders lang. Hinter uns tuckert das Geräusch eines Traktors, und ich witzele noch, dass Marc ja den fragen kann, ob er uns mitnimmt. Auf unserer Höhe ist er bereits über einen Meter eingesunken, erschreckend. Noch bevor ich etwas denken kann, winkt der Bauer (von auf Höhe unserer Schuhe) entschieden zum Aufsteigen. Ich finde das eigentlich keine gute Idee, der Traktor kippt und versinkt ja selber. Der Bauer wirkt aber optimistisch und gröhlt nur, dass wir uns gut festhalten sollen. Dann gibt er Vollgas. Jegliche Achterbahn ist nichts dagegen, wir pflügen mit Volldampf durch den Morast und die Brühe. Auf der anderen Seite werden wir wieder abgesetzt, und ich bin noch derart adrenalingeladen, dass ich nur ziemlich hysterisch kichern kann. Und ich bin total begeistert von diesem Zufall.

Mit etwas bangem Gefühl laufen wir nach Torremegía hinein. Was, wenn Steffen nun bereits weiter ist? Offiziell ist es ja unser letzter Tag. Ich bin deutlich erleichtert, als wir ihn dann doch an eine Mauer gelehnt antreffen. Er meint, heute wäre es bei ihm einfach supergut und superschnell gelaufen, da hätte er das ausgenutzt. Wir setzen uns zur finalen Lagebesprechung unter einen Baum in den Schatten. Steffen rekapituliert recht sortiert, dass er sich heute gut fühlt und deswegen definitiv bis Mérida geht, sich morgen dann aber die Stadt anschauen würde. Wann ich denn eintreffe. Ich bin etwas unvorbereitet, ich weiß nur, dass es eine kurze Etappe ist morgen. Ich sage mal pauschal „11 Uhr“, und Steffen legt zielstrebig 12 Uhr auf der Plaza de España fest. Geht mir alles ein wenig schnell. Eigentlich bin ich eh noch ziemlich adrenalingeladen und noch nicht erschöpft, lauftechnisch fühlt es sich komisch an, jetzt hierzubleiben. Vom Gefühl her ist es aber definitiv richtig. Vom ersten Moment an war dieses Dreamteam für mich besonders, irgendwie mehr als normal. Ein Stück weit haben wir so perfekt harmoniert und uns ergänzt, dass es für mich schon wieder das typische Caminogefühl ausgelöst hat – wunderbar, bewegend und magisch. Für mich waren diese Momente ein Geschenk, Augenblicke von etwas besonderem. Es ist schwer in Worte zu fassen, aber ich habe gelernt, mich an diesen Momenten zu freuen, ohne sie halten zu müssen.

Was nicht ausschließt, dass es sich ziemlich beschissen anfühlt, die beiden gehen zu lassen und mich allein auf Herbergssuche zu machen. Irgendwie ist alles ziemlich leer. Vor der Herberge (wieder in einem traumhaften, imposanten Steinkoloss) treffe ich wenigstens Marie mit ihrem Campmobil, es fühlt sich wenigstens einen Hauch von vertraut an. Sie weiß zu berichten, dass die Herberge wunderschön wäre und noch völlig leer. Es wundert mich nicht, schließlich gibt es hier noch andere Herbergen und auch wieder Hostals.

Ein junger Spanier geleitet mich durch die Herberge in den ersten Stock – per völligem Novum, nämlich per Aufzug. Die Herberge ist wieder sehr stylisch, mit in den Boden eingelassenen Glasquadern, durch die Halogenlampen ihr Licht werfen. Allerdings beginnt mich diese Art von Luxus langsam schon zu nerven. Zwar sind es ja auch nicht Herbergen explizit für Pilger, man kann also niemandem einen Vorwurf machen, aber bisher habe ich nun mal immer nur Pilger angetroffen, und was bringt da all der Glamour und die riesigen Speisesäle, wenn es nur eine Dusche gibt, kein heißes Wasser beim Geschirr und keinerlei Möglichkeit, die Wäsche aufzuhängen.

In dem freundlichen, wie immer großzügigen Schlafsaal befindet sich wirklich erst ein älteres, schwedisches Ehepaar, die ich beim Eintreten unsanft aus ihrem yogalichen Handstand reiße. Sie sind schon sehr, sehr esoterisch. Der Schwede geht duschen; meine Idee, derweil wenigstens schon mal meine Wäsche durchzuwaschen, begrabe ich sehr schnell erschreckt wieder. Die Nasszelle ist sehr praktisch durchdacht: Toilette und Waschbecken sind nur zu erreichen, wenn man duschende nackte Tatsachen in Kauf nehmen will. Also warte ich etwas frustriert fast eine halbe Stunde, bis der Schwede sich genüsslich renoviert, rasiert und seine Wäsche gewaschen hat.

Meine triefnasse Wäsche findet keinen Platz mehr an dem einzigen öffenbaren Fenster, sodass ich motiviert um die Herberge herumtrabe. Es hat wirklich nicht viel Wäscheleineartiges. Mir bleiben nur die schönen Gitterfenster vor dem sofabeladenen Aufenthaltsraum. Mit etwas schlechtem Gewissen flagge ich also da meine Socken und Unterwäsche. Die beiden Schweden vom Balkon über mir bieten ihre Wäscheleine an, die ich sehr dankbar annehme und begeistert quer durch die Lande spanne. Heute scheint die Sonne wirklich intensiv, dazu geht ein Windchen, sodass ich gute Chancen habe, heute mal ordentlich trockene Wäsche zu bekommen. Und nachdem ich gleich noch einen verklärten Vortrag zu den Vorteilen von Hanfwäscheleinen bekomme, kann ja wirklich nichts mehr schiefgehen.

Ich setze mich auf das Steinmäuerchen des imposanten Eingangsbereiches und packe meine Einkäufe vom Morgen aus, als Lieke in der Ferne auftaucht. Ich bin irgendwie sehr erleichtert, wenigstens ein bekanntes, liebes Gesicht um mich zu haben. Sie ist im Moment aber fast ein bisschen missgelaunt, sofern das bei ihr möglich ist. Sie sagt, heute hätte sie gelernt, nie anderen Leuten nachzulaufen. Damit meint sie in diesem Fall Marc und mich. Ohne Traktortransport hätte sie es erst in Sandalen durch den roten Morast probiert, wäre aber völlig eingesunken. Und der Dreck ginge einfach nicht mehr raus, sie zeigt frustriert rotlehmige Socken und Schuhe und Beine. Anscheinend wären manch andere über die Bahngleise direkt daneben gegangen, aber eine noch befahrene Eisenbahnbrücke musste es für sie dann doch auch nicht sein, sodass sie wieder zurück zur letzten Kreuzung ist. Sie wirkt erstmalig ein bisschen erschöpft und frustriert.

Ein junger Mann, der auch in der Herberge logiert, kommt vorbeigehinkt. Als ich frage, wie es mit dem Bein geht, meint er „so gut, dass er morgen abbricht“. Mir entfährt ein „oh je“, woraufhin er mich sehr unverständig belehrt, dass das doch gut so ist und überhaupt das ganze Leben ein Camino und wieso ich da jetzt etwas Negatives hineinlege. Hilfe. Ich denke „uff“ und sage gar nichts mehr. Irgendwie sind mir hier alle etwas esoterisch abgehoben. Dieses Gefühl festigt sich noch, als ich ihn später im Schlafsaal wiedertreffe; zusammen mit seinem Kollegen erkenne ich sie als die Pilger wieder, die gestern mit uns in der Ölmühle waren. Wie gestern auch sind sie eher unkommunikativ. In halsbrecherischen Posen turnen sie vermutlich meditativ auf ihren Betten herum; wenn wir uns unterhalten, führt es fast immer zu Missverständnissen.

Ich setze mich in das Sofazimmer, wo mir die Abendsonne den Rücken wärmt. Ich schreibe mein Tagebuch und versuche ein Resumee der letzten Tage. Zum einen fühle ich mich hier unbeschreiblich leer und alleine und freudlos ohne meine beiden so liebgewonnenen Mitpilger. Zum anderen weiß ich, dass der Camino mir erfahrungsgemäß am meisten in eben diesen Momenten gibt. Für plapperndes Entertainment muss ich nicht pilgern gehen. Auch wenn es sich im Moment nicht gut anfühlt, aber ich bin sehr ausgesöhnt damit, wie es jetzt ist. Hätten Marcs Augen auch heute noch so magisch gestrahlt, wäre ich jetzt hier wohl todunglücklich. So bin ich einfach leer und ein bisschen resigniert angesichts unseres heutigen Tages. Man bekommt nicht, was man will, sondern was gut für einen ist.

Mit Lieke gehe ich abends auf mercado-Suche; es hat wider Erwarten einen großen Supermarkt, und ich bin schon so weit, dass ich mich sogar freue, als aus dem Hostal Millenium Jorge mit Begeisterung auf mich zustürmt. Mit jedem Tag verstehen wir uns besser – sicher auch mit jedem Tag, an dem wir keinen Schlafraum teilen und ich nicht sein Schnarchen hören muss.

Entgegen meiner sonstigen Gewohnheiten schreibe ich eine SMS nach Hause. Die Antwort ist nicht direkt stimmungserhellend. Ich lebe seit meiner Ankunft in Spanien ohne Nachrichten. Zwar habe ich etwas mitbekommen von einem Vulkanausbruch in Island, denn Patrick hat etwas anklingen lassen, dass Flüge aus Irland eventuell schwierig wären. Aber das war schon vor Tagen, und ich bin hier im Süden und nicht im Norden. Ich falle aus allen Wolken, dass im Moment der europäische Luftraum stillzustehen scheint und auch mein Rückflug überhaupt nicht gesichert ist.

Wie so oft, wenn mich auf dem Camino Panik angesichts von zu vielen Alltagssorgen überkommt, blende ich es einfach gekonnt aus und esse mit Lieke zu Abend. Sie erzählt von ihrer Brustkrebserkrankung und zwei überstandenen Burnouts. Zwar kommt es für mich nicht völlig überraschend, allerdings ist es trotzdem schwer vorstellbar, dass die unverwüstlich dröhnend lachende Lieke noch nicht immer so war.

Gegen 8 klingen plötzlich die so vielbeschworenen Campanas der Kirche gegenüber. Unglaublich, es scheint eine Messe zu geben. Ich frage einen Mann auf der Straße, der gütig Auskunft gibt und meint, ich könne da sehr gerne kommen, wenn es mir denn nichts ausmacht, dass es eine Totenmesse ist. Ich schlucke etwas, aber er lacht und meint, erster Jahrestag. Das ist mir auch wurst, ich springe begeistert in die vollbesetzte Kirche. Lustigerweise sehe ich den Mann von gerade eben wieder – mit neuem Umhang stellt er sich als der Priester heraus. So ganz Ruhe finde ich nicht, es ist aber trotzdem ein tolles Gefühl, nun endlich nach so vielen Fehlversuchen doch noch einen Gottesdienst mitbekommen zu haben.

Zu meiner Überraschung liegt Lieke noch gar nicht im Bett, normalerweise ist sie mit 20.00 noch ein schlimmerer Frühschlafengeher wie ich. Vielleicht genießt sie draußen noch die letzten Sonnenstrahlen.

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Tiefer Schlaf ist etwas anderes, ich liege die halbe Nacht wach. Aber wieder ist das Geschnorchele meiner Mitpilger irgendwie beruhigend und angenehm. Im Stockdunklen verschwindet irgendwann Marc aus dem Bett gegenüber, und auch Gerhard vom Bett über mir kraxelt halsbrecherisch davon. Ich kann nicht mehr ruhig schlafen, wenn der halbe Schlafsaal auf den Beinen ist.

Ich treffe die beiden an meinem Lieblingsplatz im Innenhof. Es ist gerade mal 6 Uhr, und ich bin noch ziemlich hinüber. Marc raucht, anscheinend verbringt er morgens immer die erste Stunde rauchend in Stille. Gerhard ist wach geworden, musste husten, wollte niemandem mit seinem Krach stören und ist deswegen auch lieber aufgestanden. Hier draußen ist es total dunkel, irgendwie quiekt es undefinierbar wie Ratten, und nachdem die beiden Herren wohl irgendwo zwischen Stille und ernsten Gesprächen verharren, bin ich da sehr eindeutig fehl am Platz. Entweder, ich liege im Bett oder ich mache mich auf den Weg. Eine Stunde ins Dunkel starren und mich anknabbern lassen, gracias. Ich verabrede mich mit Marc, dass er mich um 7 wecken soll, dann können wir zusammen loslaufen.

Er weckt mich natürlich nicht, dafür rumoren zwei andere ältere Herren in unserem Zimmer. Einzig Steffen ist mir ungeheuer sympathisch. Er guckt total verknittert und verkatert und missgestimmt angesichts der eingeschalteten Beleuchtung. Sehr vorbildlich finde ich auch seine lange Schlafanzugshose. Endlich ein Mann, den man beim Reden am Morgen mit gutem Gewissen anschauen kann.

Ich mache mich im Dunkeln mit Marc auf den Weg. Wir treffen den verrückten Japaner, der uns von einer Verkehrsinsel kichernd filmt. Er stolpert eine Weile schnellen Schrittes um uns herum, ist aber im Gegensatz zu uns sehr mit seinem Brustrucksack und den technischen Finessen darin beschäftigt. Er kichert, dass seine Freunde sich das zu Hause dann alles anschauen müssen.

Es geht einen leichten Hügel hinaus. Vor uns flattern weiße Tauben auf, und als wir am höchsten Punkt sind, erstreckt sich vor und unter uns plötzlich wie aus dem Nichts ein Nebelmeer. Gleichzeitig geht die Sonne auf, und der Nebel lichtet sich innerhalb von Minuten. Zuerst wird nur der Kirchturm aus dem Nebel sichtbar, bevor es weiter aufklart. Ein unbeschreiblicher Moment und ein toller Zufall, gerade in diesen Minuten hier zu sein.

Während der Japaner nach ein paar hektischen Bildern panisch Richtung Tal stürzt, holt uns Steffen ein. Als erprobtes Dreamteam laufen wir nach Los Santos de Maimona hinunter. Die Herren zieht es in eine Bar, sodass ich gar nicht so richtig dazukomme, die Stadt zu würdigen. Im Gegensatz zu Castillblanco de los Arroyos ist sie wirklich sehr weiß und sehr beeindruckend. Vielleicht liegt es auch einfach daran, dass es heute nicht regnet, die Sonne zu scheinen beginnt, ich eben einen wunderbaren Sonnenaufgang hatte und „mit meinen Jungs“ unterwegs bin.

Sie witzeln, dass ich doch sicher auch bis 9 Uhr hierbleiben werde, bis ein Supermarkt aufmacht. Wirklich bin ich einen ganzen Tag ohne Einkauf ausgekommen, was sehr ungewöhnlich für meine Supermarktfreude und meine üblichen Hamsterkäufe ist. Ich muss gestehen, dass ich mehr als geneigt bin, noch zu warten, als ich einen erspähe. Aber es ist erst halb 9, und irgendwie will ich dieser Macke auch nicht immer nachgeben.

Trotzig beschließe ich, ohne Einkauf weiterzugehen. Eigentlich ist es doppelt unvernünftig, denn heute plane ich eine sehr kurze Etappe, die ohne weitere Einkaufsmöglichkeit in einer Herberge endet, die ohne sonstige Siedlung inmitten einer Olivenplantage steht.

Das ist auch schon das Riesenproblem, das heute meinen sonst so sorgenfreien Geist in Bewegung hält. Die Jungs wollen beide sehr entschlossen einen Ort weiter. Steffen sieht keinen Sinn darin, heute nur 13.5 km, dafür dann 31.8 km nach Torremegía zu laufen. Er hat etwas Blasen und will es lieber vernünftig aufgeteilt angehen. Und nachdem Marc sich ja gegen den Zug entschieden hat, muss er jetzt ordentlich Kilometer fressen. Er möchte in 2 Tagen in Mérida sein. Das sind über 60 km. Selbst mit dem nächsten Ort hat er am nächsten Tag eine Monsteretappe mit über 40 km. Ich dagegen habe mir schon vor dem Camino vorgenommen, mich ohne zu denken und zu planen an die im Führer vorgegebenen Etappen zu halten, allein, um meine geistige Ruhe zu haben und mich nicht zu irgendwelchen Mammutetappen hinreißen zu lassen. Und mein Führer sagt heute 13.5, morgen 31.8, dann 15.2 km. Mérida in 3 Tagen. Auch freue ich mich auf die lange Etappe morgen, ich will endlich mal wieder so richtig laufen und erschöpft sein. Und wenn das mein Führer so will, muss ich ja auch gar kein schlechtes Gewissen dabei haben. Zudem gibt es in Villafranca keine Herberge, nur wieder Hostal, und das ist absolut nicht mein Ding. Abschließend kommt noch hinzu, dass ich mich spontan für die Via de la Plata entschieden habe, weil ich das Aquädukt in Mérida sehen wollte, die schwarzen Schweine unter den Korkeichen- und einmal in einer ehemaligen Ölmühle in einer Olivenplantage schlafen wollte.

Den ganzen Weg bringe ich meine Gedanken überhaupt nicht zur Ruhe. Ich bin völlig hin- und hergerissen, denke alles mögliche durch… einerseits will ich definitiv in diese Herberge, irgendwie sind das Camino-Eckpfeiler, an denen nicht gerüttelt werden kann. So gern ich nette Mitmenschen auf dem Camino habe, ich brauche die Selbstbestimmtheit auf dem Camino und dass ich mir treu bleibe. Meiner Ölmühle, meiner Hostal-Abneigung, meiner Lust auf die morgige lange Etappe, meinen Etappenendpunkten. Andererseits, Steffen sehe ich ja nach zwei Tagen in Torremegía wieder, das ist zu verkraften, aber Marc ist definitiv weg. Und da stellt sich mein Bauchgefühl absolut quer.

Die Jungs sind frohen Mutes, mich doch noch nach Villafranca zu bekommen. Zum einen kennen sie meinen leeren Rucksack und glauben nicht, dass ich es ohne Supermarkt aushalte. Allerdings kennen sie nicht meine Entschlossenheit und leichte Überempfindlichkeit in Sachen Selbstbestimmtheit. Marc hat sogar angeboten, für den „Abschiedsabend“ mal nicht wie üblich ab dem Nachmittag in Bars zu versumpfen. Er ist ohnehin überzeugt, dass diese Herberge wie auch die Jahre zuvor mehr geschlossen als geöffnet ist. Darauf hoffe ich ehrlichgesagt auch fast, während ich bei wunderschönem Sonnenschein durch die Weinberge und Olivenhaine stapfe.

Der Japaner überholt mich wie üblich stolpernden Schrittes. Ich frage, ob er auch in der Bar war, eigentlich wähnte ich ihn ja vor mir. Nein, nein, im Supermarkt. Wie hat er denn das zeitlich geschafft? Er hätte gefragt, und da hätten sie ihn um halb 9 schon reingelassen. Gemein.

Gegen 11 Uhr kommt der Abzweig. Es geht ein paar hundert Meter nach rechts, bevor ich vor einem beeindruckenden Gebäude stehe. Vor diesem steht ein Auto vor dem geöffneten Tor, eine einladende Tür weist zur Rezeption, und ein Staubsauger dröhnt aus der Ferne. Ich gehe wieder zurück zur Kreuzung und setze mich unter einen Olivenbaum, um auf die Jungs zu warten und mich gegebenenfalls zu verabschieden. Mir wird halb schlecht bei dem Gedanken. Auch ist es total schwachsinnig, an so einem schönen Tag am Vormittag schon zu stoppen. Andererseits, so tröste ich mich, bringt es auch nicht viel mehr, eine Stunde später an so einem schönen Tag am Vormittag zu stoppen. Noch dazu dann in einem Hostal in einem kleinen Zimmer mit Blick auf die Wand, während ich hier nur den Himmel, Olivenbäume und rote Erde habe.

Marcs erste hoffnungsvolle Frage ist, ob die Herberge geschlossen hat. Sie setzen sich zur Lagebesprechung zu mir. Ich bin mir mittlerweile recht sicher, dass ich es nicht mit mir vereinbaren kann, weiterzugehen. Also bleibt nur die Variante, dass die Herren ebenfalls hierbleiben müssen. Ich appelliere wild an Marcs übergroßen Stolz, ob er morgen wirklich läppische 40 km laufen will und ob ihn nicht die Herausforderung reizt, noch 5 dazuzulegen und mit 45 km echt mal einen Akzent zu setzen. Bei Steffen versuche ich medizinisch überzeugend darauf hinzuweisen, dass seine Blasen etwas Erholung brauchen könnten – und gut erholt dann 5 km mehr oder weniger morgen ja auch kein Problem mehr darstellen sollten. Ich preise die wunderschöne Herberge an und stelle sogar in Aussicht, morgen mit ihnen mitten in der Nacht loszulaufen, damit sie die 5 km einholen. Zu meiner Überraschung blättern beide wirklich in ihren Reiseführern. Sie schauen sich an und erklären einstimmig, dass das einleuchtend ist und sie hierbleiben. Mir fehlen die Worte.

Wir schrecken die Hospitalera vom Putzen auf. Sie ist sehr freundlich und ein wenig unkoordiniert. Diese Bögen mit den Personalien auszufüllen ist sicher nicht einfach, aber sie sitzt recht panisch davor und schreibt irgendwann auf gut Glück irgendwo etwas in irgendwelche Lücken. Auch ist sie ganz durcheinander, weil sie noch nicht ganz mit Putzen fertig ist. Ein Zimmer ist schon fertig, und das reicht uns ja. Praktischerweise hat es gerade drei Betten, und nachdem meine Herren gut erzogen bin, komme ich hier zum ersten Mal in den Genuss eines freistehenden Einzelbettes. Die guten Manieren führen weiterhin dazu, dass ich als erste in unserer kleinen Privatdusche ausgiebig heiß duschen darf, während die Herren diskret Wäsche waschen gehen.

Als wir dann zu dritt Wäsche waschen, kommt die aufgelöste Hospitalera schon wieder um die Ecke, es täte ihr so leid, es hätte noch nicht mal Waschmittel am Waschplatz. Sie trägt einen Riesenstapel Handtücher mit kleinen Minishampoos oben drauf und ist doppelt geschockt über meine nassen Haare und die Tatsache, dass ihre Handtücher für mich zu spät kommen. Wie sich herausstellt, haben sie und ihr Mann die Herberge erst seit drei Tagen. Ich frage vorsichtig, ob sie selber schon mal pilgern war bzw. eine Pilgerherberge von innen gesehen hat. Sie verneint strahlend. Mir wird so einiges klar. Ich versuche sie zu beruhigen, dass wir als Pilger doch alles dabei haben, Handtücher, Waschmittel und alles. Sie ist trotzdem ziemlich nervös und aufgeregt. Süß.

Wir bekommen eine Führung durch alle Räume der ehemaligen Ölmühle. Aus unerfindlichen Gründen übersetzt mir Marc heute alles auf Deutsch, dabei haben wir eigentlich ähnliche Spanischkenntnisse, und er hat mir sonst auch noch nie übersetzt. Vielleicht die ungewohnte Sonne heute.

Die Herberge besteht aus unzähligen Räumen, die, wie die Herbergsmama schon wieder entschuldigend erklärt, natürlich noch im Rohbau sind. Aber schon jetzt ist alles sehr beeindruckend. Vermutlich soll diese Herberge auch für größere Anlässe fungieren. Es gibt große Räume mit mindestens 30 edlen, bezogenen Stühlen, sowie um die Mühle herum viele yoga-artige Sitzkissen in Kreisformation. Leider ist es dort noch etwas frisch und meine Jungs sehen nicht wirklich aus, als würde ich sie für Yoga begeistern können, sodass wir uns lieber in den großen Garten setzen.

Zu meiner Erleichterung sind Steffen und Marc ähnlich euphorisch und begeistert von der Herberge wie ich. Ein bisschen verantwortlich fühle ich mich ja schon, sie hier zu dieser Kurzetappe überredet zu haben. Aber Steffen macht begeistert Bilder, und Marc freut sich am Nichtstun. Ich liege gemütlich auf vermutlich ehemaligen Eisenbahnschindeln, die nun als Trittbretter über den Rasen dienen. Der Genuss der warmen Sonnenstrahlen ist mir allerdings nicht lange vergönnt, ich habe meine Haare recht gekonnt in eine Ameisenstraße gelegt. Beim Aufstehen meint Steffen fröhlich, dass ich diese Hose jetzt auch gleich noch waschen könnte, ich hätte mich in Vogeldreck gesetzt. Leider nicht Vogeldreck, sondern Teer, wie ich feststellen muss. Aber nachdem ich eh nur zwei Hosen habe und eine davon gerade patschnass auf der Leine hängt, erübrigt sich die Überlegung ohnehin.

Die rührend aufmerksame Hospitalera bringt uns einen kleine Gartentisch und Stühle. Die Herren bestellen sich wie üblich nach dem Laufen erstmal ein Bier nach dem anderen. Die Señora versinkt schon wieder in Selbstvorwürfen, dass es noch keine großen Gläser hat, und kurze Zeit später kommt sie noch mit einem Päckchen Wäscheklammern um die Ecke. Herrje, das hätten sie auch komplett vergessen, wie kann man nur, aber dann ist der Mann eben mal kurz ins nächste Dorf gefahren. Wir kommen uns umsorgt vor wie in einem Fünf-Sterne-Hotel.

Am Nachmittag trifft noch Gerhard ein sowie zwei junge Pilger, die sich aber nach dem Wäschewaschen schnell wieder in ihrem Zimmer verschanzen. So ganz übelnehmen kann ich es ihnen nicht. Wenn ich unser Dreamteam von außen betrachten würde, fände ich uns vermutlich einen Pilgeralptraum. Wir sind ziemlich laut, ständig am quasseln und kichern, eine ignorant deutsch sprechende Ansammlung auf einem bedächtigen, spanischen Pilgerweg.

Mit Steffen teile ich meine letzten Vorräte; Marc findet, er müsse auf dem Camino tagsüber nichts essen. Kaffee und Bier reichen ihm für den Tag, er hätte genug Reserven. Grundsätzlich hat er davon wohl wirklich mehr als ich, allerdings denke ich nicht, dass sich ein Blutzuckerspiegel bei den Anstrengungen hier allein aus Fettdepots aufrechterhält. Steffen lassen meine Teerflecken nicht los. Passend zu unserem Baguette mit Käse sinniert er bei einer bereits Fetttropfen abscheidenden Käserinde, ob sich der Teer damit nicht lipophilerweise lösen lassen müsste. Und mein einziges Problem wäre dann ja nur noch, wie ich die Fettflecken wieder rausbekomme. Die Vorstellung, dass jetzt jemand meine Teerflecken am lebenden Objekt mit einer stinkenden Käserinde bearbeitet, lässt mich resolut dankend ablehnen.

Wir spinnen wieder ein bisschen naturwissenschaftlich vor uns hin, bis der schweigsame Marc irgendwann findet, dass wir uns nicht um ihn kümmern sollen, er hätte da halt einfach nichts dazu zu sagen, er könnte nicht so schlaue Wörter, würde aber wirklich gern zuhören, wenn sich gebildete Menschen unterhalten. Wir unterhalten uns eigentlich seit mehreren Tagen auf einem absolut einheitlichen Niveau, ohne dass irgendjemand schlauer oder gebildeter wäre. Offensichtlich hat Marc heute aber seinen „nicht-Studierten“-Koller, und als dann noch Gerhard um die Ecke kommt und mir stolz mein Bändel zeigt, das jetzt seine Taschenlampe ziert, hat Marc auch noch „und-ich-dachte-das-wäre-etwas-besonderes“-Koller. Steffen fängt an, ein Holzstück zu beschnitzen und entschuldigt sich, gerade eine unkommunikative Phase zu haben. Marc hat sich bereits zu einer Siesta zurückgezogen, und dazu entschließe ich mich nun auch angesichts der berühmten „5 Minuten“, die gerade jeder zu haben scheint. Mir ist eh ziemlich kalt im Schatten geworden. Ich buddele mich unter viele Decken ein (und friere immer noch), während Marc mit nacktem Oberkörper und unzugedeckt schläft.

Ich werde davon wach, wie draußen Gerhard den wild schnitzenden Steffen in ein Gespräch zu verwickeln versucht. Steffen ist konsequent unkommunikativ und abweisend, außerdem sind die Herren hier generell etwas weniger empfänglich für die traurige Eselsgeschichte, während Lieke und ich da voll mitfühlen können. Ich bleibe lieber noch bei meinem warmen Bett und knüpfe ein Bändel für Steffen.

Ich wage mich erst wieder auf die Terrasse, als die Schnitzgeräusche aufhören. Steffen hat erschöpft sein Werk beendet, ein christliches Tau-Zeichen, wirkt nun wieder sortierter und auch wieder gesprächsbereiter. Er ist stolz auf sein Werk, und im Spaß meine ich, dass er ja schon wenigstens noch eine kleine Muschel für mich schnitzen könnte, so eine wie Marc um den Hals hat, nicht mal einen Zentimeter groß. Zuerst lacht sich Steffen kaputt, wie er mit seinem Riesenmesser und seinen großen Pranken so etwas kleines schnitzen können sollte, fängt dann aber zu meinem Schrecken wirklich nochmal an zu schnitzen. Fast schon wütend entschlossen habe ich ihn wohl falsch bei seinem Ehrgeiz gepackt. Mir wird ganz anders bei seinem wilden Geschnipsele; ich sehe schon bildlich ein Abrutschen vor mir sowie akute Wundversorgung mitten in der Pampa. Oder den chirurgisch sicher sehr kompetenten Notfallarzt im nächsten Kuhkaff.

Irgendwann ist wirklich eine kleine Muschel fertig, und für die passende Aufhängung durchforsten meine beiden Helden das ganze Gelände. Steffen biegt mir mit bloßen Fingern einen Draht von hinter einem Schuppen drumrum, und ich bin stolzer Besitzer (und Steffen sichtlich stolzer Produzent) eines individuell geschnitzten Muschelanhängers. Die Freude wird höchstens getrübt von meinen regen Gedanken um eine fulminante Nickelallergie oder die Aktualität meiner Tetanus-Impfung.

Nach Marcs Bändelkoller traue ich mich kaum, Steffen seins zu überreichen. Glücklicherweise bedankt er sich und ignoriert sogar die Tatsache, dass es viel zu groß ist. Nun ja, vielleicht muss es das ja sein bei jemandem, der sein Halstuch als Armschlinge trägt.

Gegen Abend kommt noch einmal richtig schön wärmend die Sonne heraus. Ich setze mich nochmal vorsichtig auf eine möglichst teerlose Stelle auf den Holzschwellen und schreibe Tagebuch. Der Tag war einfach überwältigend, allein schon die Schönheit und Weite der Herberge mit den lehmroten Steinwänden, dem grünen Gras, den hellen Holzschwellen. Die wunderbare Gesellschaft von Steffen und Marc, die vielen ungezwungenen Gespräche den ganzen Nachmittag. Ich habe nie das Gefühl, mir irgendein Thema aus den Fingern saugen zu müssen oder irgendwie spannend oder interessant sein zu müssen. Alles fließt perfekt harmonisch vor sich hin. Steffen ist unglaublich vielseitig interessiert und interessierbar, einerseits philosophiert er über die Sollbruchstellen im Mauerwerk und die Konstruktionsfehler dieser Herberge, im nächsten Moment plaudert er über Frisuren und Shopping, als wäre er die beste Freundin. Die Konversation mit Marc ist wirklich ein Stück weit einfacher. Oft beschränken wir uns einfach darauf, uns anzustrahlen. Und wie beim ersten Kontakt vor zwei Tagen ist dieses Strahlen der Hammer. Es erfüllt mich mit mehr Energie, Glück, Freude und einem Gefühl von Nähe, als es noch so viele Worte tun könnten.

Die Hospitalera fragt, wann wir abendessen und frühstücken wollen – und trägt es mit bewundernswerter Contenance, als Steffen allen Ernstes 6 Uhr für das Frühstück vorschlägt. Sie erzählt ferner, dass sie in Zukunft noch den natursteinernen Pool im Garten füllen wollen, und ihr Mann bringt eine Schachtel Marlboro für Gerhard, die er extra aus dem Dorf holen gegangen ist. 6 Sterne.

Zum Abendessen sind wir wieder bester Stimmung. Mit Gerhard bekommen wir ein rustikales Abendessen mit Omelette, Tomaten, Schinken, Chorizo, Salchichón und einem speziellen weißen Käse. Zum Nachtisch gibt es Kiwis und Birnen. Die Herbergsleute lernen etwas dazu über den immensen Hunger von Pilgern, und alles könnte so schön sein, wenn nicht der Herbergsvater am anderen Ende des Raumes versuchen würde, einen Papiertuchspender an der Wand zu installieren. Gerhard bleibt der Bissen im Hals stecken angesichts der handwerklichen Unfähigkeit, die da von statten geht (und die sonst keiner bemerkt hätte). Anfangs bin ich noch belustigt und denke, er meint es eher im Spaß, aber ihm ist es bitterer Ernst. Er flucht und poltert lautstark durch den Raum, dass das doch kein Augenmaß wäre, und doch nicht mit diesem Dübel, und also nein, da könnte er ausrasten. Tut er eigentlich angesichts seines rot angelaufenen Gesichts mit geschwollener Stirnschlagader auch fast. Die Situation ist sehr unangenehm. Der Spanier scheint zwar entweder schwerhörig zu sein oder glücklicherweise den Ausbruch nicht auf sich zu beziehen, aber ich bin etwas geschockt, wie man sich so danebenbenehmen kann. Ich habe Gerhard eigentlich als netten Menschen kennengelernt, aber dieser Auftritt passt wirklich nicht zu einem guten Pilger. Meine beiden Herren finden noch reichlich deutlichere Worte, und ich kann auch da wieder nur zu beschwichtigen versuchen. Herrje, hat denn heute jeder Krise und Koller und seine empfindliche Phase?

Steffen regt an, ob wir für die Nacht nicht die Heizung in der Dusche angeschaltet bekommen könnten, um unsere restlichen nassen Sachen zu trocknen. Ich dolmetsche es der Hospitalera und schmücke etwas blumig aus, dass es dem guten Steffen eben etwas kühl ist. Sie ist natürlich sofort wieder Feuer und Flamme, schnappt mich zum Mitkommen und erklärt mir begeistert, dass das daran liegt, dass er oben im Bett liegt und da bisher gar keine richtige Decke ist und dass sie ihm da jetzt natürlich auch noch ein schönes, dickes Federbett hinlegt. Sie dreht noch begeistert die Heizung am Bett an, nimmt den leichten Bettüberwurf resolut wieder mit, und zwischen meinem aufrichtigen Dank für ihre Mühe komme ich aus dem Lachen nicht heraus, als ich zurück am Tisch Steffen erkläre, dass er jetzt als verfrorene Mimose gilt und ein furchtbar dickes Flauschebettchen bekommen hat. Wie zu erwarten bekommt er eine leichte Krise.

Zum Sonnenuntergang springe ich noch schnell mit dem Foto vor die Herberge.

Derweil haben meine Mitbewohner schon blitzschnell für morgen gepackt („damit es dann zügig losgehen kann!“) und liegen schon im Bett. Ich habe noch nichts gepackt, brauche auch immer ziemlich viel Zeug bis zum Morgen um mein Bett verteilt. Ich fühle mich wie ein kapriziöses, verwöhntes Huhn und traue mich kaum mehr, noch schnell nachtruhestörend Zähne zu putzen. Geschweige denn meine Kontaktlinsen in liebevoller Kleinarbeit herauszunehmen und zu versorgen. Auch den Schlafsack lasse ich im Rucksack und hoffe, dass mir die Decke ausreicht.

Kaum liege ich dann auch endlich leicht gestresst im Bett, sirrt die erste Stechmücke des Caminos um mein Ohr. Ich taste nach meinem Autan, aber das liegt natürlich noch irgendwie unten im Rucksack. Noch einmal wildes Geraschel mit schlechtem Gewissen, bis dann auch endlich ich friedlich schlafbereit bin.

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