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Posts Tagged ‘Albergue La Almazara’

Ich schlafe überhaupt nicht gut. Zum einen höre ich die Autobahn, als würde ich direkt auf dem Standstreifen zelten. Die ist zwar in der Nähe, aber den ganzen Nachmittag haben wie nie etwas davon gehört. Zum anderen ist es tierisch kalt (und mein Schlafsack liegt natürlich im Rucksack). Mir zieht es um den Kopf und die Schultern, als ob die Balkontür neben meinem Bett offen wäre. Ich taste im Dunklen danach, aber sie scheint zu zu sein.

Irgendwann steht Marc wieder im Stockdunklen auf. Steffen wird auch davon wach und schaut auf die Uhr. Es ist 5 Uhr, und im Moment entlockt mir das nur ein „Oh mann, dieser Irre“. Wir schlafen auch nicht mehr so richtig. Steffen ist wie üblich morgens ziemlich zerknittert und regt sich über die Mücke und die fürchterlich stickige Luft auf. Ich erzähle von der Kälte, und er meint „klar“, er hätte ja auch die Balkontür aufgemacht. Ich weiß nicht, wonach ich da heute Nacht getastet hab, aber stimmt, sie ist sperrangelweit offen. Nun bin auch ich etwas missgestimmt. Da sterbe ich den halben Erfrierungstod, weil die Herren nur an ihre frische Luft am anderen Ende des Raumes denken, während ich so richtig nett im Durchzug liege.

Marc raucht draußen in der Finsternis, hat sehr eindeutig schlechte Laune und will seine Ruhe. Ich gehe mit Steffen frühstücken, und unser verkatertes Bild wird komplettiert von dem Herbergsvater, der natürlich zu dieser frühen Morgenstunde auch noch nicht das blühende Leben ist.

Das Frühstück komplettiert allerdings auch unseren exzellenten Eindruck von dieser Herberge. Der Kaffee kommt aus einer sehr edlen Espressomaschine, es gibt faszinierend zuckrig-zimtige Kringel und frisch geröstetes Brot. Ich haue ordentlich rein, schließlich bin ich ja ohne Proviant, und nachdem die Herren heute so früh loswollen, werde ich auch Villafrance zu einer Zeit hinter mir lassen, zu der die Läden noch nicht geöffnet haben. Ich habe mittlerweile meine Supermarktsehnsucht komplett überwunden und habe das Gefühl, eigentlich die nächsten Tage gar nichts mehr an Vorräten zu brauchen.

Marc setzt sich zu uns. Er isst nichts, trinkt nur zwei starke Kaffee. Er bräuchte tagsüber nie was, und er hat heute wirklich so schlechte Laune, dass ich mich nicht zu widersprechen oder wie üblich zu scherzen traue.

In der Dunkelheit laufen wir durch die Olivenhaine und an der Straße entlang nach Villafranca. Marc möchte in eine Bar, nochmal 3 Kaffee trinken. Ich gehe schon mal weiter. Irgendwie fühle ich mich heute ziemlich niedergeschlagen und leer. Mit Steffen habe ich beim Frühstück kurz über mein Leben jenseits des Caminos gesprochen und dass ich nicht immer eine kichernde und quasselnde Hupfdohle bin. Nun fühlt er sich beflissen, mir gutgemeinte Ratschläge zu geben. Dafür bin ich im Moment aber noch weniger offen als sonst schon; ich möchte hier meinen Camino genießen, meine Unbeschwertheit, ich möchte noch ein bisschen von dem Gefühl aufsaugen,  glücklich und strahlend und voller Energie zu sein. Und Marc schüttelt nur immer resigniert den Kopf und meint, heute keine gute Stimmung zu haben. Seine Augen strahlen auch nicht mehr.

Wider Erwarten hat gegen 8 schon ein kleiner Laden offen, in dem ich dann doch ein bisschen einkaufe, allerdings ohne den üblichen Enthusiasmus.

Recht bald holt mich Steffen ein, der nicht so lange in der Bar geblieben und schon mal ohne Marc losgelaufen ist. Er möchte heute auch bis Mérida gehen. Ich bleibe bei Torremegía, habe aber ein intuitives Gefühl, Steffen trotzdem wiederzusehen. Er läuft schon mal flott voraus, während ich eher trödele und auf Marc warte. Ich nutze die Gelegenheit, ein kleines Steinbild auf den Weg zu legen.

Selbst das zu dritt laufen ist heute irgendwie anstrengend. Heute haben wir wohl alle den ganzen Tag unsere „5 Minuten“. Laufe ich mit Marc, fragt Steffen, ob es uns stört, wenn er sich anschließt. Laufe ich mit Steffen, legen wir zur angeregten Unterhaltung automatisch unseren Schnellschritt ein, der nicht ganz Marcs Tempo ist – vor allem zickt der dann wieder, dass diese hochgeistigen Gespräche ja einfach nichts für einfache Leute wie ihn sind. Warte ich wieder auf Marc, hat Steffen den Eindruck, da gerade einer zu viel zu sein. Und ich dachte immer, Männer wären pflegeleicht.

Die Sonne scheint heute ziemlich ordentlich, während wir durch Weinberge und eher flaches Gelände laufen. An einigen Stellen ist der Boden von den Regenfällen der vergangenen Tage noch total matschig. Phasenweise haben wir ungefähr 5 cm roten Lehm rund um die Stiefel hängen.

Gegen Mittag haben wir den vor uns laufenden Steffen fast wieder eingeholt. Wir würden gern Pause machen, aber Steffen dreht sich nie um, sodass wir es ihm nicht signalisieren können. Marc könnte vermutlich rufen, hat aber keine Lust, durch die Gegend zu brüllen. Genervt versuche ich, Steffen allein einzuholen, aber nachdem er auch recht schnell ist, wird der Abstand kaum kürzer. Ich versuche es sicher eine Viertelstunde, habe dann aber auch keine Lust mehr. Am Wegrand blühen lauter schöne Blumen, mit der Sonne wären es super Fotomotive, und ich renne hier wie eine Irre nur geradeaus, weil der eine Herr zu fein zum Rufen ist und der andere Herr gerade schmollend drauflosläuft und sich nicht umdreht.

Mit schlechtem Gewissen mache ich also nur mit Marc Pause. Vor meinem inneren Auge nimmt Steffen das wahrscheinlich erst recht persönlich. Es ist beeindruckend, wir verändert Marc ohne seine Strahleaugen ist bzw. wie verändert unsere Beziehung. Wir gehen uns absolut nur auf den Geist. Ich komme nicht umhin, den ein oder anderen Kommentar dazu zu verlieren, den ganzen Tag nichts zu sich zu nehmen außer 5 Kaffee. Oder bei brennender Sonne in einer schwarzen Fleecejacke rumzulaufen, wenn einem der Schweiß schon über das rote Gesicht läuft. Kaum hat er die dann endlich doch noch ausgezogen, bringt ihn meine unschuldige Frage, ob er jetzt wohl auch keine Sonnenmilch drauftut, komplett auf die Palme. Wir haben ein bisschen eine andere Einstellung zum pfleglichen Umgang mit unserem Körper. Er schimpft auch wütend auf Pilger, die mit kleinen Wehwehchen schon aufgeben, und er würde sicher nicht nur wegen einer entzündeten Achillessehne aufhören. Ich bin auch kein Freund von leichtfertigem Aufhören, vor Achillessehnen habe ich aber Respekt. Ich versuche zaghaft Verständnis dafür zu werben, dass wenn die wirklich gerötet und geschwollen ist, ja auch reißen könnte. Na und? Dann soll sie halt reißen. Das würde er gerne in Kauf nehmen. Lieber, als wie ein Weichei vorher aufhören. Es überrascht mich, wie leistungsbezogen er den Camino sieht – und wie er seinen eigenen Wert an (ohnehin fragwürdiger) Leistung festmacht. Eigentlich spricht aus ihm ein erfahrener Pilger, und dazu gehört für mich fast automatisch die Fähigkeit, auf seinen Körper zu hören, seinen Körper zu schätzen und zu pflegen. Und eigentlich auch, seinen Wert nicht an solchen Kleinigkeiten festzulegen. Wo bleibt die Toleranz unter Pilgern, wenn man irgendjemanden als Weichei oder Versager tituliert, nur weil er sein Ziel nicht um jeden Preis erreichen muss? Für mich ist es ein Zeichen von Stärke und Größe und auch davon, auf dem Camino etwas gelernt zu haben, wenn man in der Lage ist, einen Camino aus Vernunftsgründen abzubrechen. Oder bisherige Ziele unter anderen Gesichtspunkten neu zu überdenken.

Ohne die Strahleaugen hat Marc vor allem ziemlich entschiedene, harte Meinungen, die für mich zu unsensibel sind – und vielleicht wirklich nicht besonders intelligent.

Die letzte Stunde laufen wir fast schweigend. An einer Weggabelung sitzt von weitem sichtbar eine gebeugte Gestalt. Zuerst überlege ich, ob es eine Vogelscheuche ist, so wirklich schlaff wie sie dasitzt. Bei genauerer Betrachtung handelt es sich um Lieke, die trotz ihrer Vorankündigungen von kleinen Etappen hier mal wieder voll mithält. Momentan ist sie sichtlich erschöpft, wohl auch von der Hitze. Trotzdem strahlt sie und witzelt „so, you met Steffen?“, weil er an ihr vorbei ist und auch ein Armbändel hatte. Wir laufen weiter, und ich denke noch eine Weile beeindruckt über Lieke nach. Sie hat eine bemerkenswerte Ausstrahlung. Ein Stück weit ist sie wohl eine Kämpfernatur mit der unausgesprochenen Botschaft „bietet mir keine Hilfe an, ich kriege das schon allein hin“.

Torremegía ist schon in Sicht, als sich unser Weg in roten Lehmmorast wandelt – und von einem etwa 5 Meter breiten Wasserlauf durchquert wird. Marc bekommt fluchend den reinsten Tobsuchtsanfall, während ich das Ganze eher gelassen und belustigt sehe. Durchkommen ist da wirklich nicht, denn der ganze Boden gibt nach, aber im schlimmsten Fall gehen wir eben zurück und wo anders lang. Hinter uns tuckert das Geräusch eines Traktors, und ich witzele noch, dass Marc ja den fragen kann, ob er uns mitnimmt. Auf unserer Höhe ist er bereits über einen Meter eingesunken, erschreckend. Noch bevor ich etwas denken kann, winkt der Bauer (von auf Höhe unserer Schuhe) entschieden zum Aufsteigen. Ich finde das eigentlich keine gute Idee, der Traktor kippt und versinkt ja selber. Der Bauer wirkt aber optimistisch und gröhlt nur, dass wir uns gut festhalten sollen. Dann gibt er Vollgas. Jegliche Achterbahn ist nichts dagegen, wir pflügen mit Volldampf durch den Morast und die Brühe. Auf der anderen Seite werden wir wieder abgesetzt, und ich bin noch derart adrenalingeladen, dass ich nur ziemlich hysterisch kichern kann. Und ich bin total begeistert von diesem Zufall.

Mit etwas bangem Gefühl laufen wir nach Torremegía hinein. Was, wenn Steffen nun bereits weiter ist? Offiziell ist es ja unser letzter Tag. Ich bin deutlich erleichtert, als wir ihn dann doch an eine Mauer gelehnt antreffen. Er meint, heute wäre es bei ihm einfach supergut und superschnell gelaufen, da hätte er das ausgenutzt. Wir setzen uns zur finalen Lagebesprechung unter einen Baum in den Schatten. Steffen rekapituliert recht sortiert, dass er sich heute gut fühlt und deswegen definitiv bis Mérida geht, sich morgen dann aber die Stadt anschauen würde. Wann ich denn eintreffe. Ich bin etwas unvorbereitet, ich weiß nur, dass es eine kurze Etappe ist morgen. Ich sage mal pauschal „11 Uhr“, und Steffen legt zielstrebig 12 Uhr auf der Plaza de España fest. Geht mir alles ein wenig schnell. Eigentlich bin ich eh noch ziemlich adrenalingeladen und noch nicht erschöpft, lauftechnisch fühlt es sich komisch an, jetzt hierzubleiben. Vom Gefühl her ist es aber definitiv richtig. Vom ersten Moment an war dieses Dreamteam für mich besonders, irgendwie mehr als normal. Ein Stück weit haben wir so perfekt harmoniert und uns ergänzt, dass es für mich schon wieder das typische Caminogefühl ausgelöst hat – wunderbar, bewegend und magisch. Für mich waren diese Momente ein Geschenk, Augenblicke von etwas besonderem. Es ist schwer in Worte zu fassen, aber ich habe gelernt, mich an diesen Momenten zu freuen, ohne sie halten zu müssen.

Was nicht ausschließt, dass es sich ziemlich beschissen anfühlt, die beiden gehen zu lassen und mich allein auf Herbergssuche zu machen. Irgendwie ist alles ziemlich leer. Vor der Herberge (wieder in einem traumhaften, imposanten Steinkoloss) treffe ich wenigstens Marie mit ihrem Campmobil, es fühlt sich wenigstens einen Hauch von vertraut an. Sie weiß zu berichten, dass die Herberge wunderschön wäre und noch völlig leer. Es wundert mich nicht, schließlich gibt es hier noch andere Herbergen und auch wieder Hostals.

Ein junger Spanier geleitet mich durch die Herberge in den ersten Stock – per völligem Novum, nämlich per Aufzug. Die Herberge ist wieder sehr stylisch, mit in den Boden eingelassenen Glasquadern, durch die Halogenlampen ihr Licht werfen. Allerdings beginnt mich diese Art von Luxus langsam schon zu nerven. Zwar sind es ja auch nicht Herbergen explizit für Pilger, man kann also niemandem einen Vorwurf machen, aber bisher habe ich nun mal immer nur Pilger angetroffen, und was bringt da all der Glamour und die riesigen Speisesäle, wenn es nur eine Dusche gibt, kein heißes Wasser beim Geschirr und keinerlei Möglichkeit, die Wäsche aufzuhängen.

In dem freundlichen, wie immer großzügigen Schlafsaal befindet sich wirklich erst ein älteres, schwedisches Ehepaar, die ich beim Eintreten unsanft aus ihrem yogalichen Handstand reiße. Sie sind schon sehr, sehr esoterisch. Der Schwede geht duschen; meine Idee, derweil wenigstens schon mal meine Wäsche durchzuwaschen, begrabe ich sehr schnell erschreckt wieder. Die Nasszelle ist sehr praktisch durchdacht: Toilette und Waschbecken sind nur zu erreichen, wenn man duschende nackte Tatsachen in Kauf nehmen will. Also warte ich etwas frustriert fast eine halbe Stunde, bis der Schwede sich genüsslich renoviert, rasiert und seine Wäsche gewaschen hat.

Meine triefnasse Wäsche findet keinen Platz mehr an dem einzigen öffenbaren Fenster, sodass ich motiviert um die Herberge herumtrabe. Es hat wirklich nicht viel Wäscheleineartiges. Mir bleiben nur die schönen Gitterfenster vor dem sofabeladenen Aufenthaltsraum. Mit etwas schlechtem Gewissen flagge ich also da meine Socken und Unterwäsche. Die beiden Schweden vom Balkon über mir bieten ihre Wäscheleine an, die ich sehr dankbar annehme und begeistert quer durch die Lande spanne. Heute scheint die Sonne wirklich intensiv, dazu geht ein Windchen, sodass ich gute Chancen habe, heute mal ordentlich trockene Wäsche zu bekommen. Und nachdem ich gleich noch einen verklärten Vortrag zu den Vorteilen von Hanfwäscheleinen bekomme, kann ja wirklich nichts mehr schiefgehen.

Ich setze mich auf das Steinmäuerchen des imposanten Eingangsbereiches und packe meine Einkäufe vom Morgen aus, als Lieke in der Ferne auftaucht. Ich bin irgendwie sehr erleichtert, wenigstens ein bekanntes, liebes Gesicht um mich zu haben. Sie ist im Moment aber fast ein bisschen missgelaunt, sofern das bei ihr möglich ist. Sie sagt, heute hätte sie gelernt, nie anderen Leuten nachzulaufen. Damit meint sie in diesem Fall Marc und mich. Ohne Traktortransport hätte sie es erst in Sandalen durch den roten Morast probiert, wäre aber völlig eingesunken. Und der Dreck ginge einfach nicht mehr raus, sie zeigt frustriert rotlehmige Socken und Schuhe und Beine. Anscheinend wären manch andere über die Bahngleise direkt daneben gegangen, aber eine noch befahrene Eisenbahnbrücke musste es für sie dann doch auch nicht sein, sodass sie wieder zurück zur letzten Kreuzung ist. Sie wirkt erstmalig ein bisschen erschöpft und frustriert.

Ein junger Mann, der auch in der Herberge logiert, kommt vorbeigehinkt. Als ich frage, wie es mit dem Bein geht, meint er „so gut, dass er morgen abbricht“. Mir entfährt ein „oh je“, woraufhin er mich sehr unverständig belehrt, dass das doch gut so ist und überhaupt das ganze Leben ein Camino und wieso ich da jetzt etwas Negatives hineinlege. Hilfe. Ich denke „uff“ und sage gar nichts mehr. Irgendwie sind mir hier alle etwas esoterisch abgehoben. Dieses Gefühl festigt sich noch, als ich ihn später im Schlafsaal wiedertreffe; zusammen mit seinem Kollegen erkenne ich sie als die Pilger wieder, die gestern mit uns in der Ölmühle waren. Wie gestern auch sind sie eher unkommunikativ. In halsbrecherischen Posen turnen sie vermutlich meditativ auf ihren Betten herum; wenn wir uns unterhalten, führt es fast immer zu Missverständnissen.

Ich setze mich in das Sofazimmer, wo mir die Abendsonne den Rücken wärmt. Ich schreibe mein Tagebuch und versuche ein Resumee der letzten Tage. Zum einen fühle ich mich hier unbeschreiblich leer und alleine und freudlos ohne meine beiden so liebgewonnenen Mitpilger. Zum anderen weiß ich, dass der Camino mir erfahrungsgemäß am meisten in eben diesen Momenten gibt. Für plapperndes Entertainment muss ich nicht pilgern gehen. Auch wenn es sich im Moment nicht gut anfühlt, aber ich bin sehr ausgesöhnt damit, wie es jetzt ist. Hätten Marcs Augen auch heute noch so magisch gestrahlt, wäre ich jetzt hier wohl todunglücklich. So bin ich einfach leer und ein bisschen resigniert angesichts unseres heutigen Tages. Man bekommt nicht, was man will, sondern was gut für einen ist.

Mit Lieke gehe ich abends auf mercado-Suche; es hat wider Erwarten einen großen Supermarkt, und ich bin schon so weit, dass ich mich sogar freue, als aus dem Hostal Millenium Jorge mit Begeisterung auf mich zustürmt. Mit jedem Tag verstehen wir uns besser – sicher auch mit jedem Tag, an dem wir keinen Schlafraum teilen und ich nicht sein Schnarchen hören muss.

Entgegen meiner sonstigen Gewohnheiten schreibe ich eine SMS nach Hause. Die Antwort ist nicht direkt stimmungserhellend. Ich lebe seit meiner Ankunft in Spanien ohne Nachrichten. Zwar habe ich etwas mitbekommen von einem Vulkanausbruch in Island, denn Patrick hat etwas anklingen lassen, dass Flüge aus Irland eventuell schwierig wären. Aber das war schon vor Tagen, und ich bin hier im Süden und nicht im Norden. Ich falle aus allen Wolken, dass im Moment der europäische Luftraum stillzustehen scheint und auch mein Rückflug überhaupt nicht gesichert ist.

Wie so oft, wenn mich auf dem Camino Panik angesichts von zu vielen Alltagssorgen überkommt, blende ich es einfach gekonnt aus und esse mit Lieke zu Abend. Sie erzählt von ihrer Brustkrebserkrankung und zwei überstandenen Burnouts. Zwar kommt es für mich nicht völlig überraschend, allerdings ist es trotzdem schwer vorstellbar, dass die unverwüstlich dröhnend lachende Lieke noch nicht immer so war.

Gegen 8 klingen plötzlich die so vielbeschworenen Campanas der Kirche gegenüber. Unglaublich, es scheint eine Messe zu geben. Ich frage einen Mann auf der Straße, der gütig Auskunft gibt und meint, ich könne da sehr gerne kommen, wenn es mir denn nichts ausmacht, dass es eine Totenmesse ist. Ich schlucke etwas, aber er lacht und meint, erster Jahrestag. Das ist mir auch wurst, ich springe begeistert in die vollbesetzte Kirche. Lustigerweise sehe ich den Mann von gerade eben wieder – mit neuem Umhang stellt er sich als der Priester heraus. So ganz Ruhe finde ich nicht, es ist aber trotzdem ein tolles Gefühl, nun endlich nach so vielen Fehlversuchen doch noch einen Gottesdienst mitbekommen zu haben.

Zu meiner Überraschung liegt Lieke noch gar nicht im Bett, normalerweise ist sie mit 20.00 noch ein schlimmerer Frühschlafengeher wie ich. Vielleicht genießt sie draußen noch die letzten Sonnenstrahlen.

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Tiefer Schlaf ist etwas anderes, ich liege die halbe Nacht wach. Aber wieder ist das Geschnorchele meiner Mitpilger irgendwie beruhigend und angenehm. Im Stockdunklen verschwindet irgendwann Marc aus dem Bett gegenüber, und auch Gerhard vom Bett über mir kraxelt halsbrecherisch davon. Ich kann nicht mehr ruhig schlafen, wenn der halbe Schlafsaal auf den Beinen ist.

Ich treffe die beiden an meinem Lieblingsplatz im Innenhof. Es ist gerade mal 6 Uhr, und ich bin noch ziemlich hinüber. Marc raucht, anscheinend verbringt er morgens immer die erste Stunde rauchend in Stille. Gerhard ist wach geworden, musste husten, wollte niemandem mit seinem Krach stören und ist deswegen auch lieber aufgestanden. Hier draußen ist es total dunkel, irgendwie quiekt es undefinierbar wie Ratten, und nachdem die beiden Herren wohl irgendwo zwischen Stille und ernsten Gesprächen verharren, bin ich da sehr eindeutig fehl am Platz. Entweder, ich liege im Bett oder ich mache mich auf den Weg. Eine Stunde ins Dunkel starren und mich anknabbern lassen, gracias. Ich verabrede mich mit Marc, dass er mich um 7 wecken soll, dann können wir zusammen loslaufen.

Er weckt mich natürlich nicht, dafür rumoren zwei andere ältere Herren in unserem Zimmer. Einzig Steffen ist mir ungeheuer sympathisch. Er guckt total verknittert und verkatert und missgestimmt angesichts der eingeschalteten Beleuchtung. Sehr vorbildlich finde ich auch seine lange Schlafanzugshose. Endlich ein Mann, den man beim Reden am Morgen mit gutem Gewissen anschauen kann.

Ich mache mich im Dunkeln mit Marc auf den Weg. Wir treffen den verrückten Japaner, der uns von einer Verkehrsinsel kichernd filmt. Er stolpert eine Weile schnellen Schrittes um uns herum, ist aber im Gegensatz zu uns sehr mit seinem Brustrucksack und den technischen Finessen darin beschäftigt. Er kichert, dass seine Freunde sich das zu Hause dann alles anschauen müssen.

Es geht einen leichten Hügel hinaus. Vor uns flattern weiße Tauben auf, und als wir am höchsten Punkt sind, erstreckt sich vor und unter uns plötzlich wie aus dem Nichts ein Nebelmeer. Gleichzeitig geht die Sonne auf, und der Nebel lichtet sich innerhalb von Minuten. Zuerst wird nur der Kirchturm aus dem Nebel sichtbar, bevor es weiter aufklart. Ein unbeschreiblicher Moment und ein toller Zufall, gerade in diesen Minuten hier zu sein.

Während der Japaner nach ein paar hektischen Bildern panisch Richtung Tal stürzt, holt uns Steffen ein. Als erprobtes Dreamteam laufen wir nach Los Santos de Maimona hinunter. Die Herren zieht es in eine Bar, sodass ich gar nicht so richtig dazukomme, die Stadt zu würdigen. Im Gegensatz zu Castillblanco de los Arroyos ist sie wirklich sehr weiß und sehr beeindruckend. Vielleicht liegt es auch einfach daran, dass es heute nicht regnet, die Sonne zu scheinen beginnt, ich eben einen wunderbaren Sonnenaufgang hatte und „mit meinen Jungs“ unterwegs bin.

Sie witzeln, dass ich doch sicher auch bis 9 Uhr hierbleiben werde, bis ein Supermarkt aufmacht. Wirklich bin ich einen ganzen Tag ohne Einkauf ausgekommen, was sehr ungewöhnlich für meine Supermarktfreude und meine üblichen Hamsterkäufe ist. Ich muss gestehen, dass ich mehr als geneigt bin, noch zu warten, als ich einen erspähe. Aber es ist erst halb 9, und irgendwie will ich dieser Macke auch nicht immer nachgeben.

Trotzig beschließe ich, ohne Einkauf weiterzugehen. Eigentlich ist es doppelt unvernünftig, denn heute plane ich eine sehr kurze Etappe, die ohne weitere Einkaufsmöglichkeit in einer Herberge endet, die ohne sonstige Siedlung inmitten einer Olivenplantage steht.

Das ist auch schon das Riesenproblem, das heute meinen sonst so sorgenfreien Geist in Bewegung hält. Die Jungs wollen beide sehr entschlossen einen Ort weiter. Steffen sieht keinen Sinn darin, heute nur 13.5 km, dafür dann 31.8 km nach Torremegía zu laufen. Er hat etwas Blasen und will es lieber vernünftig aufgeteilt angehen. Und nachdem Marc sich ja gegen den Zug entschieden hat, muss er jetzt ordentlich Kilometer fressen. Er möchte in 2 Tagen in Mérida sein. Das sind über 60 km. Selbst mit dem nächsten Ort hat er am nächsten Tag eine Monsteretappe mit über 40 km. Ich dagegen habe mir schon vor dem Camino vorgenommen, mich ohne zu denken und zu planen an die im Führer vorgegebenen Etappen zu halten, allein, um meine geistige Ruhe zu haben und mich nicht zu irgendwelchen Mammutetappen hinreißen zu lassen. Und mein Führer sagt heute 13.5, morgen 31.8, dann 15.2 km. Mérida in 3 Tagen. Auch freue ich mich auf die lange Etappe morgen, ich will endlich mal wieder so richtig laufen und erschöpft sein. Und wenn das mein Führer so will, muss ich ja auch gar kein schlechtes Gewissen dabei haben. Zudem gibt es in Villafranca keine Herberge, nur wieder Hostal, und das ist absolut nicht mein Ding. Abschließend kommt noch hinzu, dass ich mich spontan für die Via de la Plata entschieden habe, weil ich das Aquädukt in Mérida sehen wollte, die schwarzen Schweine unter den Korkeichen- und einmal in einer ehemaligen Ölmühle in einer Olivenplantage schlafen wollte.

Den ganzen Weg bringe ich meine Gedanken überhaupt nicht zur Ruhe. Ich bin völlig hin- und hergerissen, denke alles mögliche durch… einerseits will ich definitiv in diese Herberge, irgendwie sind das Camino-Eckpfeiler, an denen nicht gerüttelt werden kann. So gern ich nette Mitmenschen auf dem Camino habe, ich brauche die Selbstbestimmtheit auf dem Camino und dass ich mir treu bleibe. Meiner Ölmühle, meiner Hostal-Abneigung, meiner Lust auf die morgige lange Etappe, meinen Etappenendpunkten. Andererseits, Steffen sehe ich ja nach zwei Tagen in Torremegía wieder, das ist zu verkraften, aber Marc ist definitiv weg. Und da stellt sich mein Bauchgefühl absolut quer.

Die Jungs sind frohen Mutes, mich doch noch nach Villafranca zu bekommen. Zum einen kennen sie meinen leeren Rucksack und glauben nicht, dass ich es ohne Supermarkt aushalte. Allerdings kennen sie nicht meine Entschlossenheit und leichte Überempfindlichkeit in Sachen Selbstbestimmtheit. Marc hat sogar angeboten, für den „Abschiedsabend“ mal nicht wie üblich ab dem Nachmittag in Bars zu versumpfen. Er ist ohnehin überzeugt, dass diese Herberge wie auch die Jahre zuvor mehr geschlossen als geöffnet ist. Darauf hoffe ich ehrlichgesagt auch fast, während ich bei wunderschönem Sonnenschein durch die Weinberge und Olivenhaine stapfe.

Der Japaner überholt mich wie üblich stolpernden Schrittes. Ich frage, ob er auch in der Bar war, eigentlich wähnte ich ihn ja vor mir. Nein, nein, im Supermarkt. Wie hat er denn das zeitlich geschafft? Er hätte gefragt, und da hätten sie ihn um halb 9 schon reingelassen. Gemein.

Gegen 11 Uhr kommt der Abzweig. Es geht ein paar hundert Meter nach rechts, bevor ich vor einem beeindruckenden Gebäude stehe. Vor diesem steht ein Auto vor dem geöffneten Tor, eine einladende Tür weist zur Rezeption, und ein Staubsauger dröhnt aus der Ferne. Ich gehe wieder zurück zur Kreuzung und setze mich unter einen Olivenbaum, um auf die Jungs zu warten und mich gegebenenfalls zu verabschieden. Mir wird halb schlecht bei dem Gedanken. Auch ist es total schwachsinnig, an so einem schönen Tag am Vormittag schon zu stoppen. Andererseits, so tröste ich mich, bringt es auch nicht viel mehr, eine Stunde später an so einem schönen Tag am Vormittag zu stoppen. Noch dazu dann in einem Hostal in einem kleinen Zimmer mit Blick auf die Wand, während ich hier nur den Himmel, Olivenbäume und rote Erde habe.

Marcs erste hoffnungsvolle Frage ist, ob die Herberge geschlossen hat. Sie setzen sich zur Lagebesprechung zu mir. Ich bin mir mittlerweile recht sicher, dass ich es nicht mit mir vereinbaren kann, weiterzugehen. Also bleibt nur die Variante, dass die Herren ebenfalls hierbleiben müssen. Ich appelliere wild an Marcs übergroßen Stolz, ob er morgen wirklich läppische 40 km laufen will und ob ihn nicht die Herausforderung reizt, noch 5 dazuzulegen und mit 45 km echt mal einen Akzent zu setzen. Bei Steffen versuche ich medizinisch überzeugend darauf hinzuweisen, dass seine Blasen etwas Erholung brauchen könnten – und gut erholt dann 5 km mehr oder weniger morgen ja auch kein Problem mehr darstellen sollten. Ich preise die wunderschöne Herberge an und stelle sogar in Aussicht, morgen mit ihnen mitten in der Nacht loszulaufen, damit sie die 5 km einholen. Zu meiner Überraschung blättern beide wirklich in ihren Reiseführern. Sie schauen sich an und erklären einstimmig, dass das einleuchtend ist und sie hierbleiben. Mir fehlen die Worte.

Wir schrecken die Hospitalera vom Putzen auf. Sie ist sehr freundlich und ein wenig unkoordiniert. Diese Bögen mit den Personalien auszufüllen ist sicher nicht einfach, aber sie sitzt recht panisch davor und schreibt irgendwann auf gut Glück irgendwo etwas in irgendwelche Lücken. Auch ist sie ganz durcheinander, weil sie noch nicht ganz mit Putzen fertig ist. Ein Zimmer ist schon fertig, und das reicht uns ja. Praktischerweise hat es gerade drei Betten, und nachdem meine Herren gut erzogen bin, komme ich hier zum ersten Mal in den Genuss eines freistehenden Einzelbettes. Die guten Manieren führen weiterhin dazu, dass ich als erste in unserer kleinen Privatdusche ausgiebig heiß duschen darf, während die Herren diskret Wäsche waschen gehen.

Als wir dann zu dritt Wäsche waschen, kommt die aufgelöste Hospitalera schon wieder um die Ecke, es täte ihr so leid, es hätte noch nicht mal Waschmittel am Waschplatz. Sie trägt einen Riesenstapel Handtücher mit kleinen Minishampoos oben drauf und ist doppelt geschockt über meine nassen Haare und die Tatsache, dass ihre Handtücher für mich zu spät kommen. Wie sich herausstellt, haben sie und ihr Mann die Herberge erst seit drei Tagen. Ich frage vorsichtig, ob sie selber schon mal pilgern war bzw. eine Pilgerherberge von innen gesehen hat. Sie verneint strahlend. Mir wird so einiges klar. Ich versuche sie zu beruhigen, dass wir als Pilger doch alles dabei haben, Handtücher, Waschmittel und alles. Sie ist trotzdem ziemlich nervös und aufgeregt. Süß.

Wir bekommen eine Führung durch alle Räume der ehemaligen Ölmühle. Aus unerfindlichen Gründen übersetzt mir Marc heute alles auf Deutsch, dabei haben wir eigentlich ähnliche Spanischkenntnisse, und er hat mir sonst auch noch nie übersetzt. Vielleicht die ungewohnte Sonne heute.

Die Herberge besteht aus unzähligen Räumen, die, wie die Herbergsmama schon wieder entschuldigend erklärt, natürlich noch im Rohbau sind. Aber schon jetzt ist alles sehr beeindruckend. Vermutlich soll diese Herberge auch für größere Anlässe fungieren. Es gibt große Räume mit mindestens 30 edlen, bezogenen Stühlen, sowie um die Mühle herum viele yoga-artige Sitzkissen in Kreisformation. Leider ist es dort noch etwas frisch und meine Jungs sehen nicht wirklich aus, als würde ich sie für Yoga begeistern können, sodass wir uns lieber in den großen Garten setzen.

Zu meiner Erleichterung sind Steffen und Marc ähnlich euphorisch und begeistert von der Herberge wie ich. Ein bisschen verantwortlich fühle ich mich ja schon, sie hier zu dieser Kurzetappe überredet zu haben. Aber Steffen macht begeistert Bilder, und Marc freut sich am Nichtstun. Ich liege gemütlich auf vermutlich ehemaligen Eisenbahnschindeln, die nun als Trittbretter über den Rasen dienen. Der Genuss der warmen Sonnenstrahlen ist mir allerdings nicht lange vergönnt, ich habe meine Haare recht gekonnt in eine Ameisenstraße gelegt. Beim Aufstehen meint Steffen fröhlich, dass ich diese Hose jetzt auch gleich noch waschen könnte, ich hätte mich in Vogeldreck gesetzt. Leider nicht Vogeldreck, sondern Teer, wie ich feststellen muss. Aber nachdem ich eh nur zwei Hosen habe und eine davon gerade patschnass auf der Leine hängt, erübrigt sich die Überlegung ohnehin.

Die rührend aufmerksame Hospitalera bringt uns einen kleine Gartentisch und Stühle. Die Herren bestellen sich wie üblich nach dem Laufen erstmal ein Bier nach dem anderen. Die Señora versinkt schon wieder in Selbstvorwürfen, dass es noch keine großen Gläser hat, und kurze Zeit später kommt sie noch mit einem Päckchen Wäscheklammern um die Ecke. Herrje, das hätten sie auch komplett vergessen, wie kann man nur, aber dann ist der Mann eben mal kurz ins nächste Dorf gefahren. Wir kommen uns umsorgt vor wie in einem Fünf-Sterne-Hotel.

Am Nachmittag trifft noch Gerhard ein sowie zwei junge Pilger, die sich aber nach dem Wäschewaschen schnell wieder in ihrem Zimmer verschanzen. So ganz übelnehmen kann ich es ihnen nicht. Wenn ich unser Dreamteam von außen betrachten würde, fände ich uns vermutlich einen Pilgeralptraum. Wir sind ziemlich laut, ständig am quasseln und kichern, eine ignorant deutsch sprechende Ansammlung auf einem bedächtigen, spanischen Pilgerweg.

Mit Steffen teile ich meine letzten Vorräte; Marc findet, er müsse auf dem Camino tagsüber nichts essen. Kaffee und Bier reichen ihm für den Tag, er hätte genug Reserven. Grundsätzlich hat er davon wohl wirklich mehr als ich, allerdings denke ich nicht, dass sich ein Blutzuckerspiegel bei den Anstrengungen hier allein aus Fettdepots aufrechterhält. Steffen lassen meine Teerflecken nicht los. Passend zu unserem Baguette mit Käse sinniert er bei einer bereits Fetttropfen abscheidenden Käserinde, ob sich der Teer damit nicht lipophilerweise lösen lassen müsste. Und mein einziges Problem wäre dann ja nur noch, wie ich die Fettflecken wieder rausbekomme. Die Vorstellung, dass jetzt jemand meine Teerflecken am lebenden Objekt mit einer stinkenden Käserinde bearbeitet, lässt mich resolut dankend ablehnen.

Wir spinnen wieder ein bisschen naturwissenschaftlich vor uns hin, bis der schweigsame Marc irgendwann findet, dass wir uns nicht um ihn kümmern sollen, er hätte da halt einfach nichts dazu zu sagen, er könnte nicht so schlaue Wörter, würde aber wirklich gern zuhören, wenn sich gebildete Menschen unterhalten. Wir unterhalten uns eigentlich seit mehreren Tagen auf einem absolut einheitlichen Niveau, ohne dass irgendjemand schlauer oder gebildeter wäre. Offensichtlich hat Marc heute aber seinen „nicht-Studierten“-Koller, und als dann noch Gerhard um die Ecke kommt und mir stolz mein Bändel zeigt, das jetzt seine Taschenlampe ziert, hat Marc auch noch „und-ich-dachte-das-wäre-etwas-besonderes“-Koller. Steffen fängt an, ein Holzstück zu beschnitzen und entschuldigt sich, gerade eine unkommunikative Phase zu haben. Marc hat sich bereits zu einer Siesta zurückgezogen, und dazu entschließe ich mich nun auch angesichts der berühmten „5 Minuten“, die gerade jeder zu haben scheint. Mir ist eh ziemlich kalt im Schatten geworden. Ich buddele mich unter viele Decken ein (und friere immer noch), während Marc mit nacktem Oberkörper und unzugedeckt schläft.

Ich werde davon wach, wie draußen Gerhard den wild schnitzenden Steffen in ein Gespräch zu verwickeln versucht. Steffen ist konsequent unkommunikativ und abweisend, außerdem sind die Herren hier generell etwas weniger empfänglich für die traurige Eselsgeschichte, während Lieke und ich da voll mitfühlen können. Ich bleibe lieber noch bei meinem warmen Bett und knüpfe ein Bändel für Steffen.

Ich wage mich erst wieder auf die Terrasse, als die Schnitzgeräusche aufhören. Steffen hat erschöpft sein Werk beendet, ein christliches Tau-Zeichen, wirkt nun wieder sortierter und auch wieder gesprächsbereiter. Er ist stolz auf sein Werk, und im Spaß meine ich, dass er ja schon wenigstens noch eine kleine Muschel für mich schnitzen könnte, so eine wie Marc um den Hals hat, nicht mal einen Zentimeter groß. Zuerst lacht sich Steffen kaputt, wie er mit seinem Riesenmesser und seinen großen Pranken so etwas kleines schnitzen können sollte, fängt dann aber zu meinem Schrecken wirklich nochmal an zu schnitzen. Fast schon wütend entschlossen habe ich ihn wohl falsch bei seinem Ehrgeiz gepackt. Mir wird ganz anders bei seinem wilden Geschnipsele; ich sehe schon bildlich ein Abrutschen vor mir sowie akute Wundversorgung mitten in der Pampa. Oder den chirurgisch sicher sehr kompetenten Notfallarzt im nächsten Kuhkaff.

Irgendwann ist wirklich eine kleine Muschel fertig, und für die passende Aufhängung durchforsten meine beiden Helden das ganze Gelände. Steffen biegt mir mit bloßen Fingern einen Draht von hinter einem Schuppen drumrum, und ich bin stolzer Besitzer (und Steffen sichtlich stolzer Produzent) eines individuell geschnitzten Muschelanhängers. Die Freude wird höchstens getrübt von meinen regen Gedanken um eine fulminante Nickelallergie oder die Aktualität meiner Tetanus-Impfung.

Nach Marcs Bändelkoller traue ich mich kaum, Steffen seins zu überreichen. Glücklicherweise bedankt er sich und ignoriert sogar die Tatsache, dass es viel zu groß ist. Nun ja, vielleicht muss es das ja sein bei jemandem, der sein Halstuch als Armschlinge trägt.

Gegen Abend kommt noch einmal richtig schön wärmend die Sonne heraus. Ich setze mich nochmal vorsichtig auf eine möglichst teerlose Stelle auf den Holzschwellen und schreibe Tagebuch. Der Tag war einfach überwältigend, allein schon die Schönheit und Weite der Herberge mit den lehmroten Steinwänden, dem grünen Gras, den hellen Holzschwellen. Die wunderbare Gesellschaft von Steffen und Marc, die vielen ungezwungenen Gespräche den ganzen Nachmittag. Ich habe nie das Gefühl, mir irgendein Thema aus den Fingern saugen zu müssen oder irgendwie spannend oder interessant sein zu müssen. Alles fließt perfekt harmonisch vor sich hin. Steffen ist unglaublich vielseitig interessiert und interessierbar, einerseits philosophiert er über die Sollbruchstellen im Mauerwerk und die Konstruktionsfehler dieser Herberge, im nächsten Moment plaudert er über Frisuren und Shopping, als wäre er die beste Freundin. Die Konversation mit Marc ist wirklich ein Stück weit einfacher. Oft beschränken wir uns einfach darauf, uns anzustrahlen. Und wie beim ersten Kontakt vor zwei Tagen ist dieses Strahlen der Hammer. Es erfüllt mich mit mehr Energie, Glück, Freude und einem Gefühl von Nähe, als es noch so viele Worte tun könnten.

Die Hospitalera fragt, wann wir abendessen und frühstücken wollen – und trägt es mit bewundernswerter Contenance, als Steffen allen Ernstes 6 Uhr für das Frühstück vorschlägt. Sie erzählt ferner, dass sie in Zukunft noch den natursteinernen Pool im Garten füllen wollen, und ihr Mann bringt eine Schachtel Marlboro für Gerhard, die er extra aus dem Dorf holen gegangen ist. 6 Sterne.

Zum Abendessen sind wir wieder bester Stimmung. Mit Gerhard bekommen wir ein rustikales Abendessen mit Omelette, Tomaten, Schinken, Chorizo, Salchichón und einem speziellen weißen Käse. Zum Nachtisch gibt es Kiwis und Birnen. Die Herbergsleute lernen etwas dazu über den immensen Hunger von Pilgern, und alles könnte so schön sein, wenn nicht der Herbergsvater am anderen Ende des Raumes versuchen würde, einen Papiertuchspender an der Wand zu installieren. Gerhard bleibt der Bissen im Hals stecken angesichts der handwerklichen Unfähigkeit, die da von statten geht (und die sonst keiner bemerkt hätte). Anfangs bin ich noch belustigt und denke, er meint es eher im Spaß, aber ihm ist es bitterer Ernst. Er flucht und poltert lautstark durch den Raum, dass das doch kein Augenmaß wäre, und doch nicht mit diesem Dübel, und also nein, da könnte er ausrasten. Tut er eigentlich angesichts seines rot angelaufenen Gesichts mit geschwollener Stirnschlagader auch fast. Die Situation ist sehr unangenehm. Der Spanier scheint zwar entweder schwerhörig zu sein oder glücklicherweise den Ausbruch nicht auf sich zu beziehen, aber ich bin etwas geschockt, wie man sich so danebenbenehmen kann. Ich habe Gerhard eigentlich als netten Menschen kennengelernt, aber dieser Auftritt passt wirklich nicht zu einem guten Pilger. Meine beiden Herren finden noch reichlich deutlichere Worte, und ich kann auch da wieder nur zu beschwichtigen versuchen. Herrje, hat denn heute jeder Krise und Koller und seine empfindliche Phase?

Steffen regt an, ob wir für die Nacht nicht die Heizung in der Dusche angeschaltet bekommen könnten, um unsere restlichen nassen Sachen zu trocknen. Ich dolmetsche es der Hospitalera und schmücke etwas blumig aus, dass es dem guten Steffen eben etwas kühl ist. Sie ist natürlich sofort wieder Feuer und Flamme, schnappt mich zum Mitkommen und erklärt mir begeistert, dass das daran liegt, dass er oben im Bett liegt und da bisher gar keine richtige Decke ist und dass sie ihm da jetzt natürlich auch noch ein schönes, dickes Federbett hinlegt. Sie dreht noch begeistert die Heizung am Bett an, nimmt den leichten Bettüberwurf resolut wieder mit, und zwischen meinem aufrichtigen Dank für ihre Mühe komme ich aus dem Lachen nicht heraus, als ich zurück am Tisch Steffen erkläre, dass er jetzt als verfrorene Mimose gilt und ein furchtbar dickes Flauschebettchen bekommen hat. Wie zu erwarten bekommt er eine leichte Krise.

Zum Sonnenuntergang springe ich noch schnell mit dem Foto vor die Herberge.

Derweil haben meine Mitbewohner schon blitzschnell für morgen gepackt („damit es dann zügig losgehen kann!“) und liegen schon im Bett. Ich habe noch nichts gepackt, brauche auch immer ziemlich viel Zeug bis zum Morgen um mein Bett verteilt. Ich fühle mich wie ein kapriziöses, verwöhntes Huhn und traue mich kaum mehr, noch schnell nachtruhestörend Zähne zu putzen. Geschweige denn meine Kontaktlinsen in liebevoller Kleinarbeit herauszunehmen und zu versorgen. Auch den Schlafsack lasse ich im Rucksack und hoffe, dass mir die Decke ausreicht.

Kaum liege ich dann auch endlich leicht gestresst im Bett, sirrt die erste Stechmücke des Caminos um mein Ohr. Ich taste nach meinem Autan, aber das liegt natürlich noch irgendwie unten im Rucksack. Noch einmal wildes Geraschel mit schlechtem Gewissen, bis dann auch endlich ich friedlich schlafbereit bin.

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