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Posts Tagged ‘Hornillos del Camino’

Ich werde davon wach, wie der kleine Franzose durch unseren Schlafsaal tappt und seinen Hund von der Terrasse einsammelt. Danach sitzt er lesend in der Küche. Es ist gegen 6:30, noch ein bisschen früh zum Starten, aber schlafen kann ich auch nicht mehr. Ich verlege mein Hab und Gut in die Küche, wo bald auch schon der andere Franzose am Packen ist. Der Pilger mit Hund entscheidet sich im letzten Moment und recht überraschend dafür, heute doch nicht weiterzulaufen. Sein Bein tut einen Hauch von weh, und er möchte nichts riskieren bzw. er möchte lernen, auf seinen Körper zu hören. Ich bin recht beeindruckt. Somit trennen sich heute die mehrwöchigen Pilgerfreunde, vermutlich auch bei weniger emotionalen Männern ein gewisser Einschnitt.

Nachdem es wirklich noch absolut dunkel ist, frühstücke ich noch weitere Reste (und Mandarinen) aus meinem Vorratsbeutel. Das Baguette schmeckt mit Mini-Milkyway und Prinzenrollekeksen etwas trocken, es wird Zeit für einen spanischen Supermarkt.

Mein Packen dauert immer noch ewig, ist aber schon einen Hauch strukturierter als gestern. Während sich die Küche mit packenden Pilgern füllt, steigt mein Drang, wieder loszulaufen, Dunkelheit hin oder her. Ich bin froh, als ich Domingo auf der Treppe treffe. Ich frage, ob Angel schon wach ist. Ist er zum Glück, und ich werde gleich in den Schlafraum geleitet. Seine Beine sehen wirklich nicht gut aus, feuerrot und geschwollen an den Schienbeinen, seine Laune ist also moderat optimistisch. Ich übergebe ihm mein Bändel, woraufhin er wegschaut und etwas grummelt. Er streckt mir seinen Arm hin, und das umständliche Zusammenknoten am lebenden Objekt ist mal wieder ein seltsam emotionaler Moment. Er schaut mich zum Abschied an, schüttelt den Kopf und wirft mir eine Kusshand zu.

Dann bin ich fast froh, schnell die Herberge verlassen zu können und loszulaufen. An der ersten Ecken begrüßt mich begeistert der kleine Hund, der recht verwirrt davon zu sein scheint, dass es heute gar nicht losgeht. Ich biege auf die Hauptstraße ein, auf der mir ein eisig kalter Wind entgegen weht. Mit meiner Taschenlampe ums Handgelenk nehme ich letzte Korrekturen am Kälteschutz in Angriff; Stoffschlauch über das Gesicht hoch bin an die Augen, dazu setze ich meinen Fleecewärmer über die Ohren auf. Dabei baumelt mir leider die Taschenlampe mit voller Wucht ins Auge. Mein erster Gedanke gilt meiner Kontaktlinse, und noch bevor ich den Test mache, wie es sich mit zusammengekniffenem linken Auge noch sehen lässt, weiß ich eigentlich schon, dass ich nur Umrisse sehen werde. Vor meinem rechten Auge mit schlappen fast 8 Dioptrien ist definitiv keine Kontaktlinse mehr. Routiniert rühre ich mich nicht vom Fleck und leuchte zentimeterweise die Umgebung ab. Ich taste die Wimpern und das Gesicht ab, leuchte vorsichtig an meiner Kleidung herunter, kontrolliere die Schuhe. Nirgends haftet eine Kontaktlinse. Ich markiere meinen Standpunkt mit meinen zusammengerollten Handschuhen und mache einen großen Schritt zur Seite, um nochmal die Umgebung abzuleuchten. Es windet wie verrückt, im Nu weht es meine Handschuhe weg. Rein logisch kann die Kontaktlinse ja nicht weg sein, aber nach einer Viertelstunde vergeblicher Suche gebe ich auf. Zu Hause im Nachthemd, bei Licht und ohne Wind finde ich heruntergefallene Linsen, aber hier im Dunkeln, mit etwas Straßenlaterne und LED-Lämpchen, tausend Schlupfwinkeln an der Kleidung und noch dazu einem Wind sondergleichen, keine Chance. Vermutlich hat sie ursprünglich irgendwo an meiner Jacke geklebt, aber mittlerweile bin ich so viel herumgelaufen, dass ich keine Hoffnung mehr habe. Resigniert laufe ich zurück zur Herberge, wo mich der Hund schon wieder schier auffrisst. Die Tür lässt sich von außen nicht öffnen, aber nach mehrmaligem Klopfen öffnet mir zum Glück eines der jungen Girlies. Ich bin ziemlich verzweifelt, als ich meinen Rucksack gerade wieder hinknalle. Meine letzte Hoffnung ist, die Linse noch irgendwo im Auge zu haben, was sich nach einem Blick in den Spiegel aber auch erübrigt. Ich dose meine verbleibende Linse ein und setze meine Brille auf, um mich dann wieder auf den Weg zu machen. Ich bettele, dass das Ganze doch noch irgendwie gut ausgeht und ich sie zum Beispiel vielleicht doch noch heute Abend in meinen Stiefeln wiederfinde. Vielleicht sollte ich lieber beten, mir auf den Stufen vor der Herberge nicht den Hals zu brechen, mein Stolperer im Dunkeln ist schon grenzwertig.

Zurück auf der Straße überkommt mich dann plötzlich eine gewisse Ruhe. Der Verlust meiner wertvollen Dauerlinse kostet mich zwar vermutlich mehr als mein gesamter Camino, ich habe keine kompatible Sonnenbrille und mein angeknackstes Selbstwertgefühl bekommt als dick verglaste Brillenschlange erst recht den Todesstoß, aber gleichzeitig kommt mir in den Sinn, dass ja heute bereits Montag ist. Wenn ich nachher gleich eine SMS nach Hause schreibe, kann mir meine Mutter eine Ersatzlinse bestellen, sodass ich dann zurück zu Hause vielleicht schon wieder „normal“ durch die Gegend laufen kann. Imponieren muss ich hier eh niemanden, und das bisschen Sonne werde ich auch ohne getönte Gläser verkraften. Vielleicht hat es irgendeinen Sinn.

Mitten auf dem Weg bleibe ich plötzlich stehen. Irgendetwas lässt mich meine Taschenlampe zücken, in die Knie gehen und den Boden beleuchten. Vor mir schimmert etwas in ganz zartem Hellblau. Ich strecke meinen befeuchteten Finger aus, und was daran haften bleibt, ist definitiv eine Kontaktlinse. Gut 20 Meter in Windrichtung von meiner Verluststelle entfernt. Hektisch laufe ich zur nächsten, einigermaßen windgeschützten Straßenecke, haue meinen Rucksack auf den Boden und zittere die Linse ins Auge, aus unerfindlichen Gründen in der ängstlichen Ahnung, es könnte irgendeine andere Linse sein. Der kontrollierende Blick mit zusammengekniffenem Auge ergibt definitiv Verbesserung um 8 Dioptrien. Ich wurstele schnell die Brille zurück in den Rucksack und die andere Linse ins Auge, um mich dann ziemlich zittrig wieder auf den Weg zu machen. Das Ganze ist mir mal wieder nicht so ganz geheuer, und ich muss auch prompt wieder ergriffen heulen. (Diesmal ausnahmsweise ein segensreicher Mechanismus mit reinigender Durchspülungswirkung. Vor lauter Aufregung habe ich den Findling ohne jegliche Reinigung direkt von der Straße ins Auge gepappt).

Hornillos mit seinen Lichtern ist schnell verlassen, es geht in die (bis auf den temporär hinter Wolken versteckten Mond) stockdunkle Strecke in die Meseta hinaus. Ich bin noch so zittrig, dass ich einfach stehenbleibe und abwarte, bis es heller wird. Wenige Minuten später kommt schon der erste Pilger. Es ist einer der Franzosen, ein Älterer, der vermutlich einen leichten Schlaganfall hinter sich hat. Seine Sprache ist etwas undeutlich, und die Füße bekommt er kaum angehoben. Während mir gestern in der Herberge oft der Atem gestockt hat, wenn er schier über jede Schwelle gestolpert ist, scheint der Camino sein Revier zu sein. Zwar schlurft er auch hier, ohne die Füße merklich vom Boden abzuheben, aber in einem Wahnsinnstempo und mit einer selbstverständlichen Sicherheit und Entschlossenheit, dass ich beeindruckt bin.

Die Wolken verschwinden, im Mondlicht wird es deutlich heller. Ich bin immer noch nicht richtig in Lauflaune, ich trödele meterweise, um den Sonnenaufgang im Rücken mitzubekommen. Irgendwie ist mir heute danach, und irgendwie warte ich auch ein bisschen auf David.

Dieser taucht auch wirklich recht zeitgleich mit der Sonne auf. Normalerweise bin ich Meister der Unsicherheit, wenn ich auf dem Weg jemandem begegne, der ähnlich schnell ist, will ich doch niemandem meine Gesellschaft und ein Gespräch aufzwingen. Bei David habe ich glücklicherweise das Gefühl, dass wir vermutlich zusammen nach Castrojeriz gehen werden und das gut so ist.

Ich bin total high von dem wunderschönen Sonnenaufgang über den abgeernteten Feldern, erst recht, als die Sonne dann so richtig wärmend von hinten gegen den immer noch recht strengen Wind anscheint. Der Wind treibt riesige Gewitterwolken durch die Ebene, und ähnlich eines Gewitters hagelt es nur so wechselnde Farbenspiele und Regenbogen, wohin wir auch schauen. Ich stoppe alle zwei Meter für ein unglaubliches Foto und habe fast schon wieder meinen Aufdringlichkeitskomplex, nachdem der arme David nur halb so begeistert ist, vermutlich gerne schnell läuft und sich wahrscheinlich an den Kopf langt, auf was er sich da eingelassen hat. Er findet die Landschaft auch toll, schiebt es bei mir aber auf die Tatsache, dass ich eben neu hier bin und er das ja schon seit 2 Wochen kennt. Kann ich mir nicht vorstellen. Die Meseta ist doch ungleich begeisternder als dieses halbliebliche, ewige Geweinberge vor Burgos.

Wie nicht anders zu erwarten, bestätigt sich mein Eindruck, dass David ein rundum sympathisches Kerlchen ist. Er erzählt von seinem Kombi, mit dem er einfach mal irgendwo hin fährt und im Auto übernachtet, davon, dass er immer eine gut gefüllte Obstschale braucht, von seinen Zukunftsplänen und seinem Ehrgeiz, seinen Rucksack (samt Anreise-Jeans und stolzen über 16 kg) ohne Nutzung der spanischen Paketpost bist Santiago zu tragen. Dass er etwas ungesund aussehend nach vorne gebeugt läuft, verstehe ich spätestens, als wir zwecks leichter Regenkleidung stoppen und ich mal spaßeshalber versuche, seinen Rucksack hochzuheben.

Ein bisschen geknickt bin ich doch angesichts der ersten kleinen Regentropfen und der endgültig hinter dicken Wolken verschwindenden Sonne. Glücklicherweise setzt sich der Regen nicht fort, aber den strahlend blauen Himmel an meinem ultimativen Lieblingsplatz, der Ruine von San Antón, kann ich mir leider auch aus dem Kopf schlagen. So oder so strahlt der Ort wieder eine faszinierende Stimmung aus, nicht zuletzt wegen eines großen Taubenschwarmes, der in irgendwie geheimnisvollen Linien um die Steinmauern fliegt. Zwischen wieder unzähligen Fotos bin ich ehrfürchtig erschlagen, und wäre da nicht der recht wenig ergriffene David neben mir, würde ich wahrscheinlich meinen Schlafsack auspacken und die nächsten Stunden vor dieser Ruine biwakieren.

Kaum haben wir San Antón hinter uns gelassen, kommt schon wieder Sonne heraus, und ich würde am liebsten nochmal umdrehen. Statt dessen laufen wir die beeindruckende, schnurgerade Allee Richtung Castrojeriz entlang, das auch schon bald in Sicht kommt. Für mich ein spezieller, wunderschöner Ort, unendlich langgezogen, am Fuße eines Hügels mit beeindruckender Festungsruine und pittoresken Kirchen.

David hat wirklich Glück, dass ich die Kirche schon im Frühling mit Mandelblüte ausreichend fotografiert habe, sodass es ausnahmsweise mal zügig weiter geht. Er kippt schier aus den Latschen vor Hunger, sodass er sich noch mit mir auf die Suche nach einer Einkaufsmöglichkeit macht. Die beiden bekannten Tante-Emma-Läden bestechen durch geringe Auswahl und verschimmeltes Gemüse. Außer einem Brot kann ich mich zu nichts durchringen und möchte lieber doch noch den Supermarkt suchen, den ich schon früher nicht gefunden habe. Anstatt sich endlich eine Bar zu suchen oder weiterzugehen (schließlich hat er noch gut 20 km vor sich), schließt sich David mir an. Er hat sich schon mal zwei Bananen und eine Salami gekauft. Bevor ich überhaupt merke, dass er kaut, hat er schon den Rest der zweiten Banane intus. Ich kann ihm gerade noch ein Stück Brot zu seiner Salami anbieten, bevor diese ein ähnlich jähes Ende findet. Er scheint wirklich sehr hungrig zu sein. Ich bin richtig erleichtert, als wir unten an der Hauptstraße dann wirklich einen herkömmlichen Supermarkt finden. Wir laufen wieder zusammen hoch an den Camino. Irgendwie ist es sehr komisch, sich jetzt so für alle Ewigkeit zu verabschieden. Aber davon, jetzt noch einen Kaffee trinken zu gehen, wird es auch nicht besser. Ich bekomme seine Email, wir nehmen uns kurz in den Arm und gehen getrennte Wege. Trotz der wenigen Stunden, die wir zusammen verbracht haben, fühlt es sich außerordentlich beschissen an.

Es ist erst gegen 12, und meine Herberge (auch ich möchte zu El Resti, zumal meine nette Vorjahresherberge heute geschlossen hat) macht erst um 15.00 auf. Mit meinen reichhaltigen Mittagessenszutaten mache ich es mir auf einer kleinen Bank so richtig bequem. Bzw. der Wunsch ist Vater des Gedanken. So richtig bequem ist es auf der Metallbank nicht, die Bank ist kalt und bleibt es selbst mit meinen untergelegten diversen Fleece-Artikeln aus dem Rucksack. Es windet recht ungastlich, und mein Döschen Muscheln, auf das ich mich so gefreut habe, schmeckt einfach recht eintönig, leicht matschig und nicht wirklich lecker. Ich befreie meine Füße von den Wanderstiefeln; im Schuhe spüre ich eigentlich nie irgendeinen Schmerz, aber jetzt so bei genauerer Betrachtung tun mir die Sohlen wirklich sehr intensiv weh. Die Pelotte meiner Einlegesohlen erscheint mir viel zu hoch, es gibt bei jedem Schritt einen reißenden Schmerz. 3 Stunden in der Kälte auf der Bank scheinen mir nicht sehr vernünftig, eigentlich würde ich in der Zwischenzeit gern auf den Berg mit dem Castillo. Mit momentan übervollem Essensrucksack und den schmerzenden Füssen ist das aber keine besonders gute Idee. Ich bin einerseits frustriert, dass ich hier so tatenlos nutzlos rumsitzen muss, andererseits aber noch frustrierter davon, dass ich so Hummeln im Hintern habe und nicht einfach mal relaxen und abschalten kann.

Die geplante Herberge nehme ich in Augenschein, aber irgendwie wirkt sie mir nicht recht einladend (möglicherweise liegt es an meiner momentan etwas negativ gefärbten Weltsicht). Ich entscheide mich spontan um und gehe doch in die städtische Herberge, die in gelben Farben und sonnendurchflutet zugegebenermaßen sehr einladend daliegt.

Der Empfang ist nett und der Schlafsaal beeindruckend. Es gibt einen riesigen Raum mit hoher Decke, an dessen Seiten die Stockbetten stehen. Überall scheint die Sonne herein, irgendwie versöhnlich. Die Ruhe währt nicht lange, nach ein paar Minuten halten die mir bekannten Franzosen Einzug. Ich nehme es als Anlass, das wunderschöne Wetter (und meine Wanderkluft) noch zu nutzen und noch kurz zum Castillo zu laufen. Allerdings in Crocs, nachdem mir der bloße Gedanke an meine Schuhe schon weh tut. Ich brauche ein bisschen, bis ich den richtigen Weg finde. Es ist toll, die kleine Straße hinauf zu laufen und mit jedem Schritt noch mehr Aussicht und noch mehr Höhe zu gewinnen. Ich bin plötzlich wieder sehr ausgeglichen und zufrieden und frei. Wahrscheinlich geht es auch nicht anders bei so einer durch und durch wärmenden Sonne.

Das Castillo selber ist von der Nähe gesehen etwas enttäuschend, zumal man es nicht betreten kann (und mir in der Sonne bei dem trockenen Gestrüpp in meinen Crocs etwas anders wird. Irgendwie wittere ich Schlangen). Dafür ist die Aussicht in die Weite und der strahlend blaue Himmel beeindruckend. In der Ferne sehe ich auch San Antón und bin schon versucht, nachher nochmal kurz hinzulaufen. Ein Blick in den Führer sagt aber 6 km, also 12 km hin und zurück. Das scheint mir dann doch wieder sehr gesponnen und vermessen. Ich versuche mich zu ermahnen, es langsam angehen zu lassen und vor allem dieser inneren Unruhe nicht nachzugeben.

Der Abstieg (für den ich dann statt der Fahrstraße lieber den steilen, direkten kleinen Trampelpfad wähle) knüpft nahtlos an an das Thema „vermessen das Schicksal herausfordern“. Mit meinen Crocs fühle ich mich etwa so gut ausgestattet, als würde ich den Weg in High Heels absolvieren. Aber ich erreiche die Herberge ohne Schlangenbisse oder verstauchte Knöchel.

Ich schaue meine Fotos durch und bin positiv überrascht, wie hübsch meine Werke doch herauskommen, wenn man sie nicht bei blendendem Sonnenschein draußen anschaut. Um mich herum ist reges Pilgertreiben, fast alle Betten sind mittlerweile belegt. Mit der großzügigen Weite des Schlafsaales ist es vorbei, als anschließend Matratzen ausgelegt werden. Etwa 12 Extramatratzen später stellt sich ein eher beengtes Gefühl ein. Direkt vor meinem Bett logiert eine junge Koreanerin, die mit einem kleinen Lautsprecher Musik hört. Wie man auf so eine Idee kommen kann, ist mir schleierhaft, aber sie ist derart ungerührt, den ganze Schlafsaal zu beschallen, dass es mir die Sprache verschlägt. Ähnlich ergeht es mir mit meinem Lieblingsfranzosen, der etwa eine Viertelstunde in sein Handy brüllt, als wäre es ein Joghurtbecher-Schnur-Telefon. Wohlgemerkt an die Wand gelehnt, an der ein hübsches Bild mit einem durchgestrichenen Handy prangt. Ich schiebe es auf eine momentane Übersensibilität meinerseits. Ich gehe duschen, was allerdings keine allzu gute Idee darstellt, da das Warmwasser bereits aufgebraucht ist und das Ganze sich recht fröstelig gestaltet.

Neben den Koreanerinnen von gestern treffen auch die beiden Spanier ein – und es überrascht mich auch nicht weiter, dass zu guter Letzt auch mein heißgeliebter Girlie-Haufen Bravo-Themen wälzend auf den weiteren Extramatratzen um mein Bett Quartier bezieht. Mal wieder fühle ich mich ein klein wenig fehl am Platz und verziehe mich bändelknotend auf eine sonnige Stufe der Herberge, wo ich meine Ruhe habe. Angel setzt sich zu mir. Komischerweise verstehen wir uns wirklich sehr schlecht, er kapiert meine Fragen nicht und ich nicht seine Antworten. Soweit verstehe ich, das mit seinen Beinen wird nicht besser, er bricht ab und nimmt morgen den Bus heim. Auch erfahre ich, dass er nicht erst seit kurzem Frührentner ist, sondern sich sein Grubenunfall im Alter von 32 Jahren ereignet hat. Ich bin betroffen. Wir sitzen sicher eine halbe Stunde weitgehend schweigend nebeneinander in der Sonne, aber es fühlt sich besser an als jedes noch so seelenverwandte Gespräch. Irgendwann packt er seinen Geldbeutel aus und zeigt mir ein Foto von seinem durchaus süßen Enkel (gefolgt von seinem für meinen Geschmack nicht ganz so süßen Sohn). Sein dritter (und größter Stolz) ist ein Foto mit einer Art silbernen Platte, auf der ich kaum etwas erkennen kann. Es wäre die Jungfrau seiner Heimatstadt Murcia. Während ich erfolglos ein Gesicht darauf zu erkennen versuche, kramt Angel schon entschlossen in seinem Geldbeutel und überreicht mir das ausgesprochen abgegriffene und zerfledderte Bildchen. Das solle mir auf meinem Camino Glück bringen. Ich bin total geschockt, ich will doch nicht seinen liebsten Glücksbringer. Gleichzeitig habe ich aber das Gefühl, ihm mit einem höflichen Ablehnen keinen Gefallen zu tun. So nehme ich es ehrfürchtig an. Der Camino ist schon verrückt. Da sitze ich mit einem etwas wild anmutenden, älteren Spanier wortlos in der Sonne, er mit einer kindlichen Bastelarbeit um das Handgelenk und ich mit einem Heiligenbild, und Freundschaft könnte sich nicht besser anfühlen.

Während die beiden Spanier Richtung Stadt und Abendessen gehen, packe ich mich warm ein und mache mich auf zur Messe. Dort treffe ich das nette, italienische Ehepaar von gestern wieder, die auch zum Gottesdienst wollen. Die Kirche ist aber abgeschlossen, sodass ich mich etwas geknickt wieder auf den Heimweg mache.

Zurück in der Herberge wird gerade eine weitere Extramatratze zwischen mein Bett und die koreanische Extramatratze geschoben, ein irischer Pilger stürmt herein. Ich beginne einen zaghaften Smalltalk über die tolle Strecke heute. Er läuft jeden Tag so 50 km und fand die Strecke heute auch ganz toll, in der Meseta könnte man so richtig schön viele Kilometer abspulen. Mir rutscht raus, dass das doch nicht der Sinn des Caminos ist. Fast schon aggressiv herrscht er mich an, dass jeder im Camino einen anderen Sinn sieht und findet und dass das sehr wohl der Sinn für ihn ist. Da hat er natürlich recht. Trotzdem reizt mich ein weiteres Gespräch nicht, vermutlich liegen unsere Konzepte zu weit auseinander.

Ich sitze mit den beiden Spaniern und dem Hospitalero zusammen, bzw. ich sitze recht unbeteiligt dabei, während diese sich sehr hitzig aufregen. Es geht um die Problematik des Donativos. Ich bin mittlerweile froh, dass die Herbergen in Galizien einfach einen festen Betrag erheben, denn auch bei mir sorgt es immer wieder für eine kleine Missstimmung, wenn es um die Höhe der Spende geht und was manche Pilger für angemessen halten. Um es mit den Worten des Iren zu sagen, auch da hat natürlich jeder ein Recht auf freie Gestaltung, wegen mir kann auch wirklich jeder so wenig spenden, wie er mag. Weil er geizig oder sparsam ist oder nicht mehr hat. Dass eine „heruntergekommene“ Herberge nur 50 Cent oder einen Euro „verdient“, verhagelt aber auch mir immer die Stimmung. Hier regen sich die Spanier aktuell sehr intensiv über die finnische Gruppe auf, die rein gar nichts gespendet hat, aber bereits die Hälfte des Donativo-Frühstücks von morgen als Abendessen verputzt hat. Ich weiß gar nicht, um welche finnische Gruppe es überhaupt geht. Domingo schnaubt „na, die mit den jungen Mädchen!“. Ich weiß nicht, welche er meint, „na, die auch gestern schon in Hornillos waren, die mit den Betreuern!“. Recht eindeutig scheint er meinen heißgeliebten Hühnerhaufen zu meinen, aber wie um alles in der Welt kommt er nur darauf, dass sie aus Finnland sind? Sie hätten es ihm erzählt, ganz sicher; dass sie über Helsinki geflogen sind und und und. Ich denke noch, dass sie ihn wohl ganz schön verarscht haben, aber registriert sind sie wirklich mit finnischen Credenciales. Einer der Betreuer (der nie ein Wort sagt) trägt wirklich einen sehr finnischen Namen, seine Gattin folglich zumindest einen finnischen Nachnamen. Nun gut, man kann sich also wirklich inbrünstig über die Spendenpraxis der Finnen aufregen.

Ehrlichgesagt regen mich aber auch Donativo-Hospitaleros auf, die jede Spende akribisch beäugen und bejammern, sodass ich froh bin, als die Tür aufgeht und zögerlich eine schmale, ältere Dame mit einem Gesicht wie Pergament und Porzellan hereinschaut. Erleichtert freut sie sich über noch ein freies Bett bzw. eine weitere Extramatratze (und ich bin mal wieder fasziniert, wie man bis 21.00 laufen kann, zumal es momentan recht früh dunkel wird). Später kommen wir ins Gespräch. Sie kommt aus Neuseeland, läuft den Camino zum zweiten Mal, genießt und nutzt den Tag in voller Länge – und schafft dadurch auch täglich 40 km. Jeden Tag stelle ich mir das extrem anstrengend vor. Sie lächelt, nein, es wäre ja nur laufen. Ich meine „na ja, laufen mit einem hübschen Gewicht auf dem Rücken“. Sie sagt, sie hätte eben einen sehr leichten Rucksack, 4 kg. Das finde ich fast noch schwerer vorstellbar als die 40 km. So viel wiegt ja schon mein Rucksack samt Schlafsack. Nachdem sie weiß, dass ich erst in Burgos gestartet bin, hält sie mich für ein komplettes Greenhorn und erklärt mir (mit Blick auf meinen imposanten Riesenrucksack), dass man eben Gewicht sparen müsste. Sie würde nur einen Satz Wechselkleidung mitnehmen, auch nur Waschzeug in Minigrößen… ich bin fast frustriert, denn das mache ich ja eigentlich auch. Und ich bin ein bisschen frustriert, dass man theoretisch auch mit einem Handtäschchen (so sieht ihr Leinenbeutel nämlich aus) fröhlich gelassen seine 40 km abtippeln kann, während ich mich wie eine tonnenschwere, schweratmende Mischung aus Walross und Dampfwalze in Erinnerung habe.

Wir sitzen ein bisschen zusammen im kleinen Vorräumchen, ich habe wieder die ungemütliche Aufgabe, irgendwann klarstellen zu müssen, dass ich nicht zum ersten Mal laufe. Leider beginnt fast jedes Gespräch mit „von wo bist Du gestartet?“, gefolgt von einem gutgemeinten, schwer zu stoppenden Redeschwall und Anfängertipps zu Blasen, Gepäck, Wetter… – beendet von einer betretenen Stille, wenn ich nach ein paar Minuten zaghaft einspreche. Auch das „von Burgos, aber ich bin früher schon den Camino gegangen“ bewährt sich nicht, jeder fragt nach, von wo nach wo genau, und weicht ehrfürchtig erschreckt einen gefühlten Meter zurück. Ein anderer Mensch bin ich dadurch doch auch nicht. Meine misstrauische Ader vermutet, dass sich meine Gegenüber spontan fragen, was mit dieser doch eigentlich ganz harmlos aussehenden Pilgerin schief gelaufen sein mag.

Die Neuseeländerin trägt es zumindest mit Fassung. Sie schaltet um auf „Vertrautes Gespräch zwischen zwei erfahrenen Pilgern“. Sie hat etwas sehr weises an sich, scheint auch viel Ruhe und Balance im Leben gefunden zu haben, obwohl sie Regisseurin ist und einen extrem gefüllten Terminkalender hat, geschäftlich in Europa ist und die 2 Wochen Camino nur ganz geschickt zwischenrein eingeschoben hat. Ihr Alter ist mir durchaus rätselhaft. Bei näherer Betrachtung wirkt sie nicht einmal über 40, auch wenn die Gesichtshaut eine andere Sprache spricht. Wir reden gut eine Stunde, und auch wenn sie grundsätzlich recht reserviert alles im Griff hat und ihr Porzellan-Pokerface trotz aller Freundlichkeit immer ein Rest verschlossen bleibt, tut das Gespräch sehr gut.

Kurz vor 10 füllt sich die Herberge schlagartig, alle kommen vor Torschluss vom Essen zurück. Domingo nimmt mich vertraulich zur Seite und erklärt mir mit flehentlichem Gesichtsausdruck, dass Angel ja morgen heimfährt, und dass dann doch sicher wir zusammen weiterlaufen. Er nickt dazu bereits bittend. Mir tut es leid, ihn so flehentlich zu sehen, aber andererseits ist Pilgern mit Domingo das allerletzte, was ich brauchen kann. Zusammen Laufen ist ja schon schwierig genug, aber mit seinem ständigen Geplapper und Gespasse und „eigentlich passen wir doch ganz prima zusammen“, es geht wirklich nicht. Zum Glück schaffe ich es, ihm das ehrlich zu kommunizieren. Er nickt betroffen und verständig. Er meint, er will jetzt eh nicht mehr alles laufen, er denkt, er nimmt einen Bus, um sich dann vielleicht noch Astorga anzuschauen. Bei mir schrillen schon wieder alle Alarmglocken. Das plötzliche kulturelle Interesse nehme ich ihm nicht ab, dafür hat er auch zu oft detailliert gefragt, ab wo ich den Bus nehme. Meine letzte Hoffnung ist, dass er nicht weiß, wie früh der Bus in Carrión de los Condes abfährt. Ich fühle mich einerseits mies, ich könnte hier sehr leicht jemanden glücklich machen, andererseits sträubt sich aber schon seit jeher alles in mir. Domingos Art tut mir nicht gut, sie ist zu vereinnahmend. Er hat das Gefühl, ich müsste in jedem Moment heiter lachen, dabei will ich nur meine Ruhe und in mich hineinspüren und für mich allein sein. Und heiter zum Lachen hat mich ein David gebracht, oder innerlich zum Strahlen Angel, aber von 10 mal hintereinander „was geht? Alles klar?“ lassen sich meine Mundwinkel nur mühevoll hochziehen.

Der Ire neben meinem Bett stürmt vom Abendessen herein; beeindruckenderweise kickt er seine Schuhe elangeladen in die Ecke und haut sich in voller Montur ohne Schlafsack auf die Matratze, rollt sich ein und schnarcht nach ein paar Minuten.

Während ich noch etwas bedröppelt wegen Domingo bin, mache ich mich bettfertig und liege schon ohne Linsen und mit Ohrstöpseln halb schlafend im Bett, als mich Domingo nochmal wachrüttelt und mir -„alles klar?“- eine gute Nacht wünscht. Es geht wirklich nicht.

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Anscheinend habe ich Burgos zu einem speziellen Festtag erwischt, was auch die Menschenmengen in den Straßen gestern erklären würde. Jedenfalls herrscht die ganze Nacht über noch eine beeindruckende Geräuschkulisse auf den Straßen, die bis in unseren Schlafsaal unter dem Dach dringt. Probehalber nehme ich immer mal wieder meine unbequemen Ohrstöpsel heraus, um sie dann aber auch schnell wieder einzusetzen.

Gegen 7 beginnt kollektives Aufstehen; ich packe meine Sachen schnell zusammen und verdrücke mich in den Aufenthaltsraum im Erdgeschoss. Von routiniertem Packen keine Spur, ich bin absolut unkoordiniert. Kaum habe ich alles im Rucksack, fällt mir ein, dass die Rucksackhülle ganz zuunterst ist. Kaum habe ich meine Schuhe an, fällt mir ein, dass ich noch nicht Hirschtalg gecremt habe. Das Tübchen findet sich dann natürlich auch ewig nicht, ich muss nochmal alles auspacken. Meine Ohrstöpsel liegen noch auf dem Tisch, die sollten doch eigentlich in den Waschbeutel, den ich aber auch gerade mühsam unter den Crocs und Regensachen verstaut habe. Dann fehlt noch die Taschenlampe, auch wieder irgendwo in den Tiefen des Rucksacks. Oder das Stirnband oder der Foto. Ich kriege schier die Krise. Es dauert sicher eine gute Dreiviertelstunde, bis ich endlich abmarschbereit bin.

Draußen ist es überraschenderweise noch stockdunkel. Ich bin ja auch später im Jahr dran, trotzdem hätte ich intuitiv auf einen Sonnenaufgang spätestens um 8 getippt. Zum Glück kenne ich grob den Weg. Hinter mir kommen einige Pilger von der stressigeren Sorte, die mit ihren Lampen die ganze Zeit wild die Umgebung ableuchten. Ich komme mir ein bisschen vor wie im Flackerlicht einer Disco. An einer Kreuzung fehlen für einen Moment die Pfeile. Ich habe gerade wieder einen gesichtet, zu Beginn des baumbestandenen Parks, aber ein Pärchen hinter mir hat schon blitzschnell einen Passanten gefragt, der die Fahrstraße zeigt. Sie rufen ein „hey!“ und fuchteln wie wild in Richtung der Straße, um dort auch gleich weiterzuhetzen. Mir ist das egal, ich nehme den Park und bin fast ein bisschen froh über meine Ruhe. Gegen die Straße hat sich ebenfalls ein älterer Italiener entschieden. Ich bin fast schon erleichtert, dass er nett und sympathisch auf mich wirkt und ich mich zum ersten Mal wieder ein bisschen zu Hause fühle.

Am Ende des Parks verabschiede ich mich, um einen Fotostopp zu machen. Er hat ein ziemliches Tempo, und ich möchte nicht an allem vorbeirennen. Noch dazu nicht mit meiner frisch aufgeladenen Digitalkamera. Ich probiere neugierig ein bisschen die Möglichkeiten aus und bin positiv überrascht, dass meine Bilder bei Dunkelheit diesmal schon deutlich besser werden.

Während ich weiterlaufe, kommen mir die beiden Stresspilger und der Italiener schon wieder entgegen. In ihrer Eile sind sie an einer Abzweigung vorbeigelaufen. Sie erinnern mich ein bisschen an meine Schulzeit und an meine Art, Matheaufgaben anzugehen. Anstatt etwas zu überlegen, habe ich wild alle Zahlen irgendwie zusammenjongliert, um mich nachher 100 x zu verrechnen und 50 falsche Wege einzuschlagen, am Ende aber dank meiner Schnelligkeit doch noch rechtzeitig das Ergebnis zu haben. Nur war mein Lehrer immer sehr unamused über die vielen Seiten Irrwege, durch die er sich durchkorrigieren musste.

Ich lasse wieder alle passieren und genieße meine Ruhe. Es ist fast schon 9, und noch immer ist es nicht wirklich hell. Das überrascht mich nun doch. Dafür hat es Vollmond. Und eine manierliche Kälte, sodass ich froh bin über mein Stirnband, meine Handschuhe und einen dünnen Mehrzweckschlauch, den ich momentan als Halstuch und Mund- und Wangenschutz nehme.

Als irgendwann endlich die Sonne herauskommt, wird es mit einem Schlag deutlich wärmer und deutlich belebter. Mich überholt ein lustiger Radpilger. Die meistens fahren filigrane Rennräder oder zumindest etwas ansatzweise sportliches, das Gepäck in Satteltaschen verstaut. Dieser Asiat dagegen hat ein rustikales 24-Zoll-Rad, auf dem er mit einem riesigen Fußpilgerrucksack thront. Bzw. der Rucksack thront sauber abgestützt auf dem Gepäckträger. Intuitiv würde nur noch der Sattelüberzug aus Lammfell fehlen.

Ebenfalls überholt mich ein englisch sprechendes Pärchen, der George Clooney-Beau und die überaus strahlende Pilgerin, die mich gestern im Schlafsaal so nett begrüßt hat. Beide sind nicht nur überaus schnell, sondern auch wie aus dem Ei gepellt gekleidet. Während ich unter meinen zahlreichen wärmenden Accessoires eine wild verstrubbelte Frisur an den Tag lege, gegen die Kälte mit diversen Schichten aus Fleece und Regenjacke ankämpfe und mit meinen unförmigen Riesenstiefeln in Größe 45 vor mich hinstolpere, haben beide ein mustergültiges 40-Liter-Rucksäckchen, ein enges Hightechfleece und einen luftig leichten Schritt. Zumindest der deutlich größere Schönling. Vermutlich laufen sie noch nicht sehr lange miteinander, denn die weibliche Komponente muss ganz schön springen, um mitzuhalten.

Unsere Wege kreuzen sich laufend, weil immer wieder jemand für Fotos oder zum Umziehen stoppt. Und jedesmal bin ich ein bisschen mehr frustriert. Die Blonde hat die perfekte Frisur, jedes Strähnchen liegt perfekt an Ort und Stelle, und das makellose Zahnpastalächeln kommt bei jeder Begegnung noch strahlender, herzlicher und perfekter. Der Grauhaarige kann auch absolut perfekt und charming lächeln, allerdings hebt er sich das eher für seine Begleiterin auf. Vermummte Michelinmännchen werden in seiner Wahrnehmung wahrscheinlich gleich herausgefiltert. Für meinen inneren Seelenfrieden lege ich eine längere Pause ein, bis sie außer Sichtweite sind.

In den ersten Dörfern nach Burgos treffe ich auf vereinzelte Pilger, unter anderem winkt mir auch der Italiener strahlend von der Sonnenterrasse eines Cafés zu. Obwohl es Sonntag ist und ich mit geschlossenen Läden rechne (dafür habe ich ja aktuell 11 Cherry-Tomaten und 6 Mandarinen im Gepäck), halte ich mit einem Auge Ausschau nach einem Laden. Und wirklich findet sich eine Bäckerei, die sogar eingefolte Chorizo hat. Voller Vorfreude auf eine gemütliche Pause laufe ich weiter. Ich möchte an der kleinen Kirche stoppen, an der ich vor 2 Jahren José getroffen habe. Aber diese kommt weder in Villabilla de Burgos noch in Tardajos. Dafür komme ich an den ersten herbstgefärbten Bäumen vor strahlend blauem Himmel vorbei und bin komplett begeistert. Ich mache bestimmt 20 Bilder, so unwirklich erscheint mir das nach vielen Wochen grauer Nebelsuppe zu Hause.

Nachdem ich langsam wirklich Hunger habe und auch eine Pause machen könnte, setze ich mich dann eben ohne Kirche auf eine Bank an der Straße. Mich überholt ein sehr schneller Pilger ohne Arme, dem ich vorher bei seiner Pause einen guten Appetit gewünscht habe. Nun habe ich im Gegenzug den Mund voll und kann nur schief grinsen und mit einem halben Baguette winken. Mandarine Nummer 6 entpuppt sich nicht als die ideale Wegzehrung, meine Hände sind gelb-weiß verspritzt, und kein Wasser weit und breit. Kurz packe ich meine Füße aus. Blasen hat es keine, aber irgendwie melden sich die Fußsohlen schmerzhaft.

Irgendwann kommt doch noch die Kirche, vor der ich mich einige Minuten wie einst José in die spärliche Sonne setze und einige Gebete für ihn abschicke. Danach, nach dem letzten Örtchen Rabé de las Calzadas, geht es dann mit einem Schlag in die so geliebte Weite der Meseta. Der leuchtend weiß geschotterte Weg, zur Rechten die karge Landschaft, helles Gras vor dunklen Wolke und einigen großen Vögeln, die ihre Kreise ziehen- ich bin sprachlos und im Minutenabstand am Fotografieren.

Wegen mir könnte der Weg ewig so weitergehen, und ich bin extrem dankbar für das wunderbare Wetter und die Entscheidung, diese Strecke in meinen Camino einzubauen. Die Sonne scheint vom mittlerweile wolkenlosen Himmel, dafür geht ein recht heftiger Wind, der meine Haare fliegen und die Hose flattern lässt. Raschelnd und ratternd nähert sich eine Pilgerin aus Estland, die recht lustig zu sein scheint, ihren Erzählungen zu entnehmen, die sie gegen den Wind schreit. Zum einen schüttelt sie sich alle 20 Meter ein Steinchen aus der Sandale heraus. Die schweren Stiefel baumeln am Rucksack; die drücken ihr. Sie trägt sie aber lieber tapfer durch die Gegend, falls es mal regnen sollte. Das hat es bisher erst 2 Tage, erzählt sie. Ganz am Anfang in Frankreich, und seitdem nur strahlender Sonnenschein. Sie erzählt von ihrer Anreise, die beruhigend ähnlich schlecht geplant war wie die meinigen. Über Pamplona ist sie nur bis Roncesvalles gekommen, hätte aber keine Lust gehabt, wie die anderen dann einfach von dort zu starten. Ein Taxi allein war ihr zu teuer, deswegen ist sie einfach zu Fuß im strömenden Regen nach Saint-Jean-Pied-de-Port gelaufen – um einen Tag später im gleichermaßen strömenden Regen und Nebel wieder die Etappe zurück zu laufen. Sie gefällt mir, und ich bin etwas traurig, als Hornillos in Sicht kommt, wo ich stoppen werde. So schnell und gut trainiert wie sie ist, läuft sie natürlich weiter, während ich mir für den Anfang eine ruhige 20km-Etappe verordne.

In Hornillos auf dem zentralen Platz vor der Kirche, Herberge und Bar ist viel los, allerdings stoppen die meisten vermutlich nur für eine Mittagsrast. Ich tappe zur Herberge, wo mich ein Hospitalero einholt und einchecken lässt. Ich bin die erste und fühle mich wie üblich etwas traurig, zu stoppen, während alle weiterlaufen. Im Gegensatz zu vor 2 Jahren hat es plötzlich einen schicken, neuen Waschraum im Untergeschoss, sodass ich schön heiß duschen und waschen kann. In der Kelleretage ist es etwas ungemütlich kalt, aber auch draußen weht so ein eisiger Wind, dass ich lieber schnell wieder in die Herberge zurückgehe. Ich schreibe mein Tagebuch, während es sich dann doch etwas füllt. Weitgehend mit älteren Franzosen- und Italienerpärchen, die sich alle schon untereinander kennen und ein bisschen wie die Heuschrecken einfallen. Ich könnte nicht einmal sagen, woher dieser Eindruck kommt. Vielleicht von der durchweg sehr lauten Art, der stur französischen Sprache, der selbstverständlichen Gewohnheit, alles so umzustellen und in Beschlag zu nehmen, wie es ihnen gefällt – und der recht selbstverständlichen Art, sich über alle etwaigen Missstände blumig auszutauschen. Während sie sich hier sehr zu Hause fühlen und die Herberge im Nu in Klein Frankreich verwandeln, fühle ich mich schon wieder ähnlich unwohl und fehl am Platz wie gestern.

Ich sitze in der Küche mit Blick auf die Neuankömmlinge. Momentan sorgt ein zahnloser, ungepflegter Spanier mit Bierbauch für Aufsehen, der wild vor sich hingrummelt und flucht und schimpft. Anscheinend geht es seinen Füßen nicht besonders gut, dazu kommt, dass er es unmöglich findet, in diesem Zustand ein oberes Stockbett zugeteilt zu bekommen. Ich könnte eigentlich tauschen, aber irgendwie scheint das gar nicht zur Debatte zu stehen, er will einfach poltern. Mir wird ein bisschen Angst und Bange, und ich räume schnell ein bisschen meine Sachen zusammen, die ich wie üblich weitläufig um mein Bett verteilt habe. Und mache dabei die Bekanntschaft eines weiteren älteren Spaniers, der mich mit einer Begeisterung begrüßt, als wäre ich seine verlorene Tochter. Das ist mir schon ein bisschen too much, noch dazu fasst er mich ständig vertrauensvoll an der Schulter und scheint das Gefühl zu haben, mich für den Rest des Tages umsorgen und bespassen zu müssen. Ich lege ein etwas verzweifeltes Mittagsschläfchen ein, um wieder warm zu werden und den geschäftigen Franzosen, dem fluchenden Spanier und dem begeisterten Spanier zu entgehen, der sich effektvoll vor meinem Bett umzuziehen beginnt.

Beim Aufwachen hat es immerhin doch noch zwei jüngere Semester, ein weiteres „Caminopärchen“, welches sich in Englisch unterhält. Die weibliche Komponente ist eine Deutsche aus Schwaben, und so ungern ich meist unter Deutschen glucke, so tut mir im Moment ein Hauch von Heimat gut. Ein ebenfalls deutscher, ebenfalls junger Pilger freut sich mit großem Hallo über ihr Wiedersehen. Der Franzosentrupp bricht unter noch größerem Hallo geschlossen in die Kirche auf. Als ich ein paar Minuten später daran vorbeilaufe, klingen Choräle aus der angelehnten Tür. Neugierig setze ich mich dazu. Zwei der Franzosenpaare singen durchaus virtuos. Anscheinend tun sie das jeden Tag, es scheint eine gewisse Caminotradition für sie zu sein. Und so singend in der Kirche macht sich ihre Lautstärke und ihre Präsenz auch wirklich gut.

Zurück in der Herberge versuche ich, mir etwas Geduld mit mir, meinem Camino und meinen Mitpilgern einzuimpfen. Ich bin nicht mal schlecht, bis mit lautem Geschrei oben der gestrige deutsche Hühnerhaufen Einzug hält. Resigniert ziehe ich mir wieder alles Warme an und gehe doch nochmal nach draußen. Kaum habe ich die Tür hinter mir geschlossen, empfängt mich ein deutsches „kannst Du mal eben ein Foto von mir machen?“. Der Deutsche von vorhin sitzt dekorativ mit den Füßen in einer Wanne auf den Stufen der Kirche. Ich mache sein gewünschtes Bild und setze mich dazu. Ein paar Meter entfernt von der Stelle, wo ich damals mit José eine sehr beeindruckende Begegnung hatte, entspanne ich mich auch jetzt plötzlich wieder mit einem Schlag in der Gesellschaft dieses Pilgers, mit dem sich einfach wunderbar locker reden lässt. Er plaudert von seinem Salzfußbad, das er jeden Tag gegen Blasen an den Füßen macht, erzählt von seiner trampenden Anreise an den Frankfurter Flughafen und dass er deswegen eine manierliche Jeans mitschleppt, weil er da einfach noch  nicht wie ein abgerissener Pilger aussehen wollte. Leider ist er sehr schnell unterwegs, 35 km am Tag, unsere Wege werden sich also schnell wieder trennen. Mich begeistert allerdings die Vorstellung, dass er bei dieser Schnelligkeit fast schon wieder gleichzeitig mit mir in Santiago ankommen könnte (begünstigt durch meinen Bus zwischendurch).

Während er zum Essen in die Bar geht, habe ich noch reichlich Vorräte. Ich bereite den Cherry-Tomaten und den heutigen Einkäufen ein Ende, während am anderen Ende des Tisches einige Deutsche sitzen. Ihren Themen nach zu urteilen erklärt sich für mich einiges. Es scheint sich um Betreuer zu handeln, und deren Hühnerhaufen hat ein zartes Durchschnittsalter von 17, was mich mit einem Schlag versöhnt und beruhigt. In diesem Alter spricht vermutlich nichts gegen das Niveau ihrer Gespräche. Spätestens, als wir ein warmes Kaminfeuer angefacht bekommen und eines der Mädels recht bemüht versucht, den Text im Führer zu lesen (und spätestens am Verständnis desselben weitgehend scheitert), überkommen mich fast Tränen der Rührung, als sie völlig begeistert und mit einem gewissen kindlichen Enthusiasmus entscheidet, unbedingt bei El Resti schlafen zu wollen, weil sie das dortige Handyverbot und die morgendliche Weckmusik toll findet. Erst ein paar Augenblicke später fragt sie dann nachdenklich, was denn El Resti ist und wie viele Tage man für diese 20 km braucht.

Ich greife meine Caminotradition auf und beginne, ein Armbändel für den so herzerfrischenden David zu knoten. Lange muss ich mich nicht allein beschäftigen, denn zwei junge Koreanerinnen und die beiden Spanier machen es sich ebenfalls in der Küche bequem. Der Überschwängliche heißt Domingo, und seinen brummeligen Freund ziert der höchst treffende Name Angel. Sonntag und Engel, hervorragend. Domingo arbeitet als Kellner, und offensichtlich hat es sich als geschäftsfördernd erwiesen, kleine Scherze in möglichst vielen Sprachen einstreuen zu können. Er quasselt wie ein Alleinunterhalter, und die zahlreichen „alles klar?!“ und „schöne Abend!“ ergeben nicht immer fürchterlich viel Sinn. Er lauscht geduldig meinen spanischen Bruchstücken (die vermutlich unabsichtlich noch weniger Sinn ergeben) und entertaint unsere kleine Gruppe, während wir eine geduldige Dolmetscherrunde abgeben. Ich versuche, die Koreanerinnen auf Englisch im Bilde zu halten und das Ergebnis dann Sonntag auf Spanisch zu kommunizieren. Angel versteht seltsamerweise anscheinend nichts davon; manchmal wechselt Domingo noch ein paar erklärende spanische Worte mit ihm bzw. erzählt uns stellvertretend für Angel, dass dieser Probleme mit den Beinen hat, dass er irgendwas mit Hühnern arbeitet, nachdem er vorher in einer Mine gearbeitet hat und einen Unfall hatte. Und dass er bemerkenswert wäre, er würde ohne reden verstehen. Auch wenn er kein Englisch verstehen würde, würde er es mit den Augen oder mit dem Herzen verstehen. Diesen Eindruck habe ich allerdings auch, spätestens, nachdem wir lustiges Alterraten machen (Sonntags Tipp, dass die Asiatinnen sicher unter 20 sind, übersetze ich ihnen lieber nicht) und sich Sonntag als „young boy“ ausgibt. Mein Blick fällt auf Angel, der keine Miene verzieht, aber unmerklich den Kopf schüttelt und ebenso unmerklich auf sich selber zeigt. Nachdem seine 51 Jahre schon abgeklärt sind, vermute ich wenig gekonnt 50 Jahre bei Sonntag, der aus allen Wolken fällt, dass er doch 38 wäre und wie die junge Damenwelt das denn um alles in der Welt nur nicht so sehen kann. Ich tausche ein unmerkliches Lächeln mit Angel und bin seltsam glücklich. Nicht nur, dass ich in dieser Herberge doch noch nette Menschen gefunden habe, sondern es bewahrheitet sich mal wieder, dass man nicht nach dem ersten Eindruck gehen sollte. Dass sich gerade der zahnlose Wüterich als feiner Kommunikationspartner nur über Blicke herausstellt, hätte ich wirklich nicht gedacht.

Der salzfußbadende David kommt mit zwei weiteren jungen Pilgern vom Abendessen zurück. Entweder, er hat ziemlich viel getrunken, oder er reagiert schnell auf Alkohol, auf alle Fälle sieht er leicht rotgesichtig und glasig aus. Die beiden anderen sind Franzosen, die zufällig schon lange zusammen laufen. Einer hat einen kleinen, weißen Hund, der unter der Wäscheleine in einem kleinen Körbchen schlafen darf, nachdem er so lammfromm ist (als ich etwas verzagt meine Wäsche abnehme und ihn leider doch beim Schlafen störe, öffnet er nur mäßig aufgeschreckt und aggressiv ein Auge). Der andere Pilger hat bereits in Frankreich begonnen, er ist schon 2000 km unterwegs. Er möchte mittlerweile möglichst schnell ankommen. Ich bin etwas überrascht, ich persönlich pilgere liebend gern je länger, desto lieber. Er meint, er wäre nicht unbedingt der Pilgertyp, aber seine Freundin hätte ihn gefragt, ob sie nicht langsam ein Haus kaufen und eine Familie gründen wollen, noch dazu wäre er sich mit seinem Beruf gerade nicht so sicher. Zaghaft frage ich, ob der Weg denn schon in irgendeiner Form eine Antwort gebracht hätte. Mit der Freundin ja. Irgendwie geht mich das ja nichts an, daher frage ich noch eine Spur zaghafter, wie denn die Antwort ausgefallen ist. Das „Ja“ ist eines der schönsten und beeindruckendsten Jas, die ich bisher erlebt habe. Ohne die Miene zu verziehen, strahlt er unglaublich von innen heraus.

David möchte wissen, wohin ich morgen gehe. Ich habe das Gefühl, dass er gerne noch mit mir laufen würde, was durchaus auf Gegenseitigkeit beruht. Trotzdem bin ich fast froh, Castrojeriz in 17 km Entfernung sehr klar auf dem Plan zu haben, was für ihn mit seinem 35 km-Plan definitiv zu kurz ist. Im Moment bin ich nahezu süchtig nach Caminofreundschaften und dem Gefühl von Seelenverwandschaften, was im Übermaß aber sicher nicht gut ist. Und zur Selbstfindung, Erdung und zum Auftanken auch nur bedingt förderlich.

Ich gebe ihm mein erstes Caminobändel mit dem Wunsch, dass er sein Mammutpensum gut durchsteht und wir uns vielleicht in Santiago wiedertreffen. Auch für Angel habe ich eins gemacht, er ist allerdings schon schlafen gegangen. Zu Gunsten eines unteren Stockbetts in einem anderen, später aufgeschlossenen Raumes. Seinen Sonntag hat er auch gleich mitgenommen. Sicher zwei Schnarcher weniger.

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Zu Sonnenaufgang ist schon wieder reges Hufescharren. Ich will gerade los, da steht Raspelkurz vor mir, lacht entspannt und herzlich und eröffnet mir, dass sie heute gerne mit mir gehen würde. In meinem Gehirn ist Kurzschluss, und leider ist alles, was ich herausbringe ein „nein danke, ich gehe meine Tagesetappen gerne immer allein“. Sie trägt es mit Fassung und marschiert alleine los. Ich habe schon ein etwas schlechtes Gewissen, zumal ich gar nicht weiß, ob ich wirklich lieber alleine gehen will. Wenigstens von José möchte ich mich verabschieden, aber als ich mich durch die lärmende Männermannschaft im oberen Schlafraum durchwühle, ist sein Bett schon sauber gemacht und verlassen.

So laufe ich dann zwar mutterseelenallein, aber in meinen Gedanken schwirren die beiden doch recht vehement herum. Umso ungläubiger und begeisterter bin ich, als ich in einem Dörfchen vor einer Bar José wiedersehe, der selbstgefällig grinst, seine Socken lüftet und es sich gutgehen lässt. Er will heute auch nach Castrojeriz, und das stimmt mich irgendwie glücklich.

Auf diese Irrungen und Wirrungen genehmige ich mir nach dem Dörfchen erstmal einen Snack und wurstele meinen Sonnenhut heraus, nachdem auch heute wieder ordentlich Sonne angesagt ist. Leider habe ich mir gerade zeitsparend eine halbe Banane auf einmal in den Mund geschoben und sehe mit meinem hellblauen Schlapphut ohnehin herzerweichend aus, als José mich schon eingeholt hat und beschließt, jetzt mit mir zu laufen.

Es ist superlustig, ich spreche Spanisch mit ihm, was ich eigentlich nicht kann, und er versucht es im Gegenzug mit Englisch, was er sicher besser kann, nur hat er eine herzallerliebste Aussprache. Vermutlich kommunizieren wir wieder eher über unsere Augen und Energien.

Der Weg ist wunderschön, sonnig, es geht eine endlos lange Allee entlang, die zu einem verfallenen Kloster führt. Ich habe das untrügliche Gefühl, dass wenn ich jemals eine Herberge in Spanien aufmachen würde, dann hier.

Einen Nachteil hat die ungewohnte Gesellschaft allerdings doch, José macht keine Fotos und legt eh ein ziemliches Tempo an den Tag. Gegen Mittag und kurz vor Castrojeriz ist es dann vorbei mit seinem kraftvollen Gang und seiner Contenance, er jammert wie ein Kleinkind, wann wir denn endlich da sind. So verschiebe ich das Traumfoto von Castrojeriz mit Festung und blühenden Apfelbäumen auf nach dem Einchecken. Die geplante Herberge hat geschlossen, und José winselt mittlerweile schon, ob ich nicht seinen Rucksack für ihn tragen möchte.

Zum Glück findet sich bald eine Ersatzherberge mit einem sehr netten, zuvorkommenden Hospitalero, der mich in liebevoll auswendig gelerntem Deutsch fragt, ob er meinen Rucksack aufs Zimmer tragen darf. Ich lehne natürlich dankend ab, José dagegen ist begeistert.

Kaum habe ich mein Bett belegt, schnappe ich mir Foto und Mittagessen und gehe mein Foto machen. Leider ist Castrojeriz das gefühlt längste Dorf am Camino, aber ich erreiche den Ortseingang noch zu besten Lichtverhältnissen.

Gerade esse ich mein Mittagessen, als die Lesebrille auch schon eintrifft. Zwar hebt es ihre Mundwinkel nicht, aber sie scheint erfreut zu sein, mich zu sehen und meint, dann könnten wir ja in der gleichen Herberge absteigen, sofern ich das denn möchte. Was soll ich denn da sagen.

Zurück in der Herberge entdecke ich unscheinbar neben dem Empfangstisch eine kleine Ausstellung an Pilgermuscheln und Anhängern – und sofort verliebe ich mich in einen silbernen Muschelanhänger, der ganz genau das ist, was ich letztes Jahr in Santiago gesucht und nicht gefunden habe. Ich bin überglücklich, verziehe mich auf das obere Stockbett und schreibe mein Tagebuch. Schräg unten hält der erschöpfte José seit Stunden seine Siesta, und es braucht ca. zwei Seiten gelangweilte Papierkügelchen, bevor er sich erwecken lässt.

Die Engländerin liegt mir noch ein wenig im Magen, ich fühle mich schlecht wegen der Ablehnung, und nachdem sie nur so kurze Etappen läuft, werden wir uns wohl nie mehr sehen. Umso mehr brechen wir beide in Freudenschreie aus, als sie plötzlich unsagbar strahlend im Zimmer steht. Sie checkt bei uns im Zimmer ein, und die gute Stimmung kriegt einen kapitalen Knacks, als sie nach meinem Tag fragt und mir herausrutscht, dass ich mit José gelaufen bin. Ich versuche die Situation mit einem gemeinsamen Stadtbummel zu retten, zu dem sie auch einwilligt.

Vor einer Bar sitzt Lesebrille, noch deutlich verdrießlicher als sonst. Sie fragt, ob wir Spaß hätten, und es ist durch und durch vorwurfsvoll. Sie macht sich große Sorgen wegen Problemen zu Hause, mir tut das auch wirklich leid, aber ich kann ihr nicht helfen; egal, was ich versuche, sie schmettert es ironisch ab und ich habe den Eindruck, alles nur noch schlimmer zu machen. Die Engländerin mag sie nicht, wenn, dann lässt sie auf Deutsch schnippische Kommentare ab, sodass ich da jetzt auch beim besten Willen kein Dreiergespann gründen kann.

Der Versuch, einzukaufen, gestaltet sich als schwierig. Alle Läden sind zu, keine Öffnungszeiten, und ab und an trifft man Einheimische, die versichern, dass der und der Laden schon noch aufmacht, aber jeder hat eine andere Version, tippt auf einen andere Laden – und erquicklicherweise soll man einfach irgendwo klingeln, dann würden die den Laden schon aufmachen. Aber nachdem keiner genau weiß, wo, und wir auch nicht einfach an wildfremden Türen klingeln wollen, verläuft das Ganze ziemlich unstrukturiert, chaotisch – und die Konversation erreicht nicht mehr die gestrige Tiefe.

Irgendwann klingeln wir dann doch irgendwo, uns wird auch wirklich ein Laden aufgemacht, und auf dem Rückweg hat sogar ein Metzger offen, dem die Engländerin einen Besuch abstatten will. Ich bin leider schon wieder zerrissen, ich wollte noch mit José in die Messe, das wird zeitlich knapp – und Abendessen mit der Engländerin muss ich leider auch wieder ablehnen, weil ich da ja mit Hospitalero José verabredet bin.

Mit diesem geht es dann im Eilschritt zur Kirche. Wir treffen die weibliche Dorfjugend, und als ich witzele, dass das ja durchaus attraktive Schnittchen für ihn wären, zeigt er nur auf mich und meint „sehr attraktiv, innerlich wie äußerlich“. Trifft mich eher unvorbereitet.

Castrojeriz ist nicht nur ein unheimlich langes Dorf, es hat auch eine unheimlich hohe Kirche, die einem fast etwas Respekt einflößt. Eine Frau mit Blättern geht durch die spärlich besetzten Reihen, und während ich unruhig werde und mich möglichst unsichtbar machen will, wird José ebenfalls unruhig. Er kräht dann durch die halbe Kirche, und die Dame ist hocherfreut und gibt ihm einen der Zettel, den er dann wohl während der Messe vorlesen soll. Ich soll auch gleich einen bekommen, aber gucke wohl erschreckt genug, sodass dieser Kelch nochmal an mir vorbeigeht.

Die Messe beginnt, und während des Eingangsgebets kommt die Dame nochmal und nimmt José nach kurzer Rücksprache sein Blättchen wieder ab.  Aha. Im Laufe der Messe lesen die einzelnen Besucher ihre Blätter mit kurzen Gebeten vor, und dass José ein Upgrade bekommen hat, dämmert mir, als er völlig selbstverständlich irgendwann nach vorne geht und vom Altar einen mehrminütigen Text aus der Bibel verliest. Eigentlich wäre das höchst faszinierend und beeindruckend, wenn mir nur gerade nicht alles etwas zu erdrückend würde. Ich fühle mich ein wenig überfordert mit der Lesebrille und Raspelkurz, jeder will was von mir, ich kann keinem gerecht werden und enttäusche nur. Und José ist irgendwie eine andere Welt, er findet sich in Kirchen blind zurecht, weiß immer, wann aufzustehen und wann was zu beten ist und hat ein göttliches Selbstverständnis (und ein sattes Selbstvertrauen), das das meinige irgendwie völlig überrollt.

Wie eine Eingebung kommt mir die Idee, in der Herberge noch so einen Muschelanhänger zu kaufen und ihn Raspelkurz zu verehren. Diese Idee beruhigt mich irgendwie, und ich bin wieder glücklich sortiert.

Zum Glück gibt es ihn noch, allerdings logiert die Engländerin nicht mehr in unserem Raum. Als ich sie suchen gehe, finde ich sie in einem anderen Stockwerk und schon schlafend, dabei ist es noch nicht mal 20.00. Ich vermute, ich habe sie sehr gekränkt. Ich lege ihr den Anhänger und einen Brief auf ihre Sachen.

Meine Stimmung ist etwas getrübt, und das Kochen mit José macht es auch nicht viel besser. Für mich ist Kochen Spaß und Chaos und Improvisation, Ausprobieren und Spontaneität, José dagegen guckt verbiestert und legt größten Wert auf akkurat gewürfelte Zwiebeln. Er ist offiziell auch nicht verbiestert, sondern nur konzentriert, aber nach einer Stunde konzentriertem an allem Herummeckern bin ich dann auch etwas genervt, zumal er bei so viel Konzentration etwas besser kochen könnte. So verkocht wie seine Pasta ist und so fetttriefend das Gemüse, das hätte ich auch entspannt und mit etwas weniger akribischer Verbissenheit hinbekommen.

Er ist hochzufrieden mit seinem Werk und vor allem mit sich selber, realisiert überhaupt nicht meine leichten Missstimmungen, schwadroniert begeistert, was wir uns dann nach dem Camino täglich für Emails schreiben und weiß auch genau, welche Etappe morgen machbar ist. Mehr als 25 km findet er nicht machbar, nicht für ihn und auch nicht für mich. Letzteres regt mich auf, und ich bin froh, als unser Essen beendet ist und ich mich schnell ins Bett verabschieden kann.

Morgen möchte ich ihn seine 25 km machen lassen und selber 40 km laufen. Ich bin nicht hier, um mir von einem selbstzufriedenen kleinen Weichei sagen zu lassen, was ich kann und machen werde.

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Vor mir liegt eine Woche durch die Meseta, eine als karg beschriebene Hochebene. Ich freue mich sehr darauf, zum einen fehlt sie mir noch in meinen Camino-Etappen, zum anderen reizt mich diese Erfahrung. Ich pilgere ja nicht, um ständig ein Bilderbuchpanorama zu genießen, sondern wegen „Erfahrungen“ und „Begegnungen“ – und wo könnte man die besser finden als in Eintönigkeit und Einsamkeit.

Auch heute scheint schon am frühen Morgen die Sonne, als ich meinen Weg durch Burgos suche. Allerdings bläst auch ein ziemlicher Wind, sodass ich irgendwann mein Halstuch hervorhole und mir ein rasantes Stirnband umbinde, um meine Ohren zu schützen. Leider friert dann dafür der Hals, und ich bereue ein wenig meine knallharte Gewichtskalkulation. So stolz ich war auf ein Halstuch mit nur 17 g Gewicht, so sehr wünsche ich mir jetzt einen vergleichsweise sündig schweren Fleeceschal. Das Halstuch um die Ohren rutscht ständig, und irgendwann ziehe ich kurzerhand die Regenjackenkapuze über, gut festgezurrt. Jetzt sehe ich zwar kaum mehr etwas und höre erst recht nichts, aber wenigstens müssen meine krankheitsbesorgten Gedanken nun nicht mehr um eine Mittelohrentzündung kreisen.

Der Weg ist erwartungsgemäß sehr wenig begangen. Außer mir läuft in ähnlichem Tempo ein Mann mit Hosen in Armee-Tarnfarben, unsere Wege kreuzen sich mehrmals, sobald einer wegen einem Foto oder einer kurzen Rast stoppt. Als ich meine Frühstückspause mache, überholen mich einige Pilger. Einer grüßt mich, als ob er mich kennen würde, und erst hinterher gelingt mir die Zuordnung; es ist der Spanier aus dem Gottesdienst.

Als Burgos hinter mir liegt und die Meseta beginnt, bin ich überwältigt. Überall Wiesen von sattestem Grün, dazu der strahlend blaue Himmel, die strahlende Sonne, der Weg mit weißen Steinen… kein Geräusch von Autos, nicht mal am Horizont eine Stadt zu sehen, kein Mensch weit und breit. Dieses Gefühl müsste man konservieren können, ich habe den Eindruck, dass dieser Ort unendlich starke, positive Energien ausstrahlt.

meseta-nichts

Trotz frierender Ohren scheint die Sonne so stark, dass ich zur Sonnenmilch greife. Leider hat auch da der Gewichtspar-Rausch überwogen, und ich frage mich, wie ich mit wenigen Millilitern Sonnenmilch auskommen soll, wenn ich jetzt eine Woche ohne einen einzigen schattenspendenden Baum durch die gleißende Sonne laufe.

An einer einsamen Kirche sitzt ein Pilger an die Wand gelegt und hält seine dampfenden, besockten Füße in den Wind und sein glücklich entspanntes Gesicht in die Sonne. Es ist wieder der kleine Spanier.

Weit vor mir taucht ein Pilger auf, und obwohl ich nur die Silhouette sehe, bin ich fasziniert. Er trägt einen kleinen Rucksack, was ihn von den „Pilgerneulingen“ unterscheidet, die ihren halben Hausrat mitschleppen, aus Angst, sie könnten mal unterwegs Lust auf einen Cappuccino bekommen und aus diesem Grund Pulverpäckchen und Campingkocher mitnehmen. Auch wandert er, aus der Ferne erkennbar, mit nur einem Stab, einem klassischen Pilgerstab, der etwa so lang sein muss wie der Pilger selber. Ich dagegen klappere eher hektisch mit meinen beiden Teleskopstöcken durch die Gegend. Ich versuche, mein Tempo etwas zu steigern, und ich komme nahe genug, um zu erkennen, dass der Pilger lange, lockige Haare hat. Aber faszinierenderweise, während ich am Limit im Sekundentakt stöckele, ich hole ihn nicht ein, und das, obwohl er seinen Stock völlig ruhig nur alle paar Schritte aufsetzt und auch sonst nicht sehr in Bewegung zu sein scheint. Dieses Phänomen habe ich schon häufiger beobachtet. Die routinierten Pilger, die sich von Etappen- und Gepäckplanung und Organisationssorgen lösen können, scheinen in Einklang mit einer höheren Instanz förmlich zu schweben. Diese Erscheinung vor mir erinnert mich recht vehement an meine Vorstellung von Jesus, und ich würde ihn gerne einholen. Aber da bin ich schon in Hornillos del Camino, meinem heutigen Etappenziel. Ich habe die Wahl zwischen 20 km oder dem nächsten Ort, der 30 km bedeuten würde. 20 km ist mir eigentlich zu wenig, ich fühle mich sehr unausgelastet, zumal erst Mittag ist. Ich weiß aber auch aus Erfahrung, dass 30 km am ersten Tag keine sehr weise Entscheidung ist.

So setze ich mich schweren Herzens in dem kleinen Ort vor der Herberge, die erst um 14 Uhr öffnen soll, in die Sonne und warte. Leider wird es mit dem Wind recht schnell recht kalt, aber als ich mich in den Windschutz der Kirche begebe, friere ich erst recht im Schatten. Ich ärgere mich über meine schwachsinnige Planung, wieso habe ich nur gedacht, im April wäre alles wie im September. Hier frieren mir trotz Sonne fast die Hände ab, mein Hintern wird eiskalt, mein Hals friert, und ich habe eh gerade die totale Krise, weil die wenigen Pilger alle fröhlich weitergehen und nur ich Weichei hier Station mache.

Ich mache ein kleines Nickerchen, und als ich die Augen wieder aufmache, kommt gerade wie aus dem Ei gepellt der kleine Spanier aus der Herberge. Er hat schon geduscht und eingecheckt, während ich irgendwie dachte, bis 14 Uhr warten zu müssen. Super. Er geleitet mich zur Bar des Dorfes, wo die Herbergsleiterin arbeitet. Ich habe ein Deja-Vu mit dem Busbahnhofschaltermann, auch hier verstehe ich rein absolut nichts von ihrem wilden Wortschwall. Je verzweifelter ich schaue, desto schneller und mehr redet sie. Irgendwann redet sie dann auf den Spanier ein, und ich bin erleichtert, dass sie wohl ihn instruiert. Er zeigt mir daraufhin die Herberge, er redet wunderbar langsam und lieb und fragt zum Abschluss sogar, ob es okay ist, wenn er jetzt kurz in die Bar was essen geht, während ich dusche.

Ich dusche, wasche meine erste Wäsche im kleinen Gärtchen der Herberge und beziehe ein Bett im malerischen Kellergewölbe. Da steht auch schon ein wohlbekanntes Gesicht (wenn auch ohne die charakteristische Lesebrille) im Türrahmen, und ich habe deutsch anmutende Gesellschaft. Ich weiß gar nicht, ob ich mich darüber freue oder nicht. Doppelt so alt wie ich, nimmt sie jegliche Planung in die Hand und entscheidet sich für ein gemeinsames Kochen mit mir am Abend. Den Tag fand sie bisher anstrengend, alles tut ihr weh, und ich traue mich kaum, etwas anderes zu empfinden. Eher frustriert strecke ich mich auf meinem Bett aus und schlafe ein.

Geweckt werde ich von der wild schimpfenden und gestikulierenden Herbergsmama, die offensichtlich nicht einverstanden ist, dass wir und ein paar weiter dazugekommene Pilger uns im Kellergewölbe breit gemacht haben, solange der kleine Raum im Erdgeschoss noch nicht voll belegt ist. Mir ist das sowas von wurst, mich nervt nur ihre Art, und so packe ich dann halt meine Sachen und ziehe nach oben, wo leider alle guten Betten schon belegt sind und mir der mittlere Platz in einem oberen Dreierstockbett bleibt. In dem Raum logiert auch der kleine Spanier, und kaum habe ich alles glücklich transferiert, nimmt er mich am Arm und schiebt mich wieder die Treppe runter. Er hätte mit der Dame gesprochen, dass es ja nicht gut wäre, wenn ich als einzige Frau da unter lauter Männern schlafe, und jetzt dürfte ich natürlich im Keller schlafen. Arg. Immerhin wechseln wir noch ein paar Worte in dem dunklen Keller, er lacht viel (wahrscheinlich wieder über mein komisches Spanisch), und inmitten der kurzen-Etappen-Frustration, der mürrischen Deutschen, der hektischen Herbergsleiterin und dem etwas verlorenen Gefühl funkeln seine strahlenden dunklen Augen ganz wunderbar warm und beruhigend.

Der Nachmittag ist lang und untätig, im Keller ist es kalt, draußen dank dem Wind leider auch. In der Küche hat sich eine Horde kartenspielender Spanier niedergelassen, die laut brüllen und lachen und mir irgendwie Angst machen. Draußen haben sich zwei Deutsche gefunden, ein junger und ein doppelt so alter, der die Weisheit mit Löffeln gefressen hat. Vermutlich hat er Paulo Coelho gelesen und weiß jetzt alles. Sie fachsimpeln über ihr angelesenes Wissen, als hätten sie es selber erlebt, und ich kriege die Krise bzw. denke „lass sie nur ja nicht merken, dass Du auch deutsch bist“. Ich schippere recht deutlich auf eine fatale Stimmung zu und werfe allen Stolz über Bord und beschließe, den Spanier zu suchen und mich an seinem Lachen und seinen dunklen Augen aufzutanken. Aber er schläft. Und einen Wildfremden wachrütteln und sagen „heh, bespass mich!“, dass kann ich nun wirklich nicht.

Ich setze mich recht verzweifelt auf die Bank vor der Kirche in die Abendsonne und schicke ein intensives Gebet an die Instanz, die ich auf dem Jakobsweg so präsent weiß. Ich bete um etwas Zuversicht und Halt, und ehrlichgesagt auch um den kleinen Spanier, dass er ihn aufweckt und zu mir kommen lässt.

In dem Moment höre ich die schwergängige Tür der Herberge, und in der hellen Sonne reibt sich ein kleiner Spanier völlig irritiert die verschlafenen Augen. Er blinzelt und kommt lächelnd auf mich und meine Bank zugesteuert. (Sowas kann nur der Camino).

Ich weiß gar nicht, was wir geredet haben, vermutlich etwas Smalltalk, aber ich erinnere mich nicht detailliert. Er heißt jedenfalls José, und er pilgert zum unzähligsten Mal. Er glaubt ganz fest an Gott, und er macht immer wieder diesen Camino, um aufzutanken. Der Camino gibt ihm (und das ist das einzige, woran ich mich erinnere) Hoffnung, Kraft, Glaube, Energie, Glück… er wiederholt es immer wieder auf Spanisch, er hat eine wunderschöne tiefe Stimme und guckt mich eindringlich mit seinen wunderschönen Augen an. Und ich fühle mich, als würde ich gerade eine Infusion an eben diesen Dingen bekommen (und ich habe sie ein wenig bitter nötig). Jose betankt mich ganz unheimlich mit guten Energien, und ich fühle mich so unendlich erleichtert, weil mich hier einer absolut versteht. Er ist ein Pilger mit Leib und Seele, und offensichtlich glaubt er wie ich an die Magie des Caminos und spürt die selben Dinge wie ich.

Ich danke ihm für seinen Einsatz als Herbergseinweiser für mich und frage, wo er denn morgen als Hospitalero arbeitet. Und nachdem er von seinen Kochkünsten erzählt, verpflichte ich ihn zu einem Beweis. Für heute bin ich aber ja schon mit der Lesebrille verabredet, und irgendwie bin ich darüber plötzlich auch ganz froh. Mir dämmert so langsam, dass ich ganz schön aufdringlich gewesen bin und schäme mich in Grund und Boden.

Kurz vor 19 Uhr betritt eine weitere interessante Gestalt den gut zu überblickenden Dorfplatz. Der Pilger mit raspelkurzen Haaren trägt einige riesige Tüten mit Plastikflaschen und fragt auf Spanisch, wie denn die Herberge wäre. Die Antwort scheint ihn nicht zufriedenzustellen, bei näherem Hinsehen handelt es sich sowieso um eine Pilgerin, und sie geht kritisch vor sich hingrummelnd erst einmal in die andere Richtung zu den Müllcontainern, wo sie seelenruhig die Flaschen einsortiert. Ich bin recht beeindruckt davon, wie man so spät am Abend noch an einer Herberge herummosern kann, wenn die nächste Möglichkeit 10 km entfernt ist.

Ich koche mit der Deutschen; sie hat extra noch Gewürze und Öl gekauft, damit in der Herbergsküche mal etwas für die zukünftigen Pilger ist. Ich vermute, dass diese Idee viele haben, aber die rüstige Herbergsmama das jeden Morgen eifrig entsorgt, damit die Pilger lieber in ihrer Bar absteigen.

Pilgerin Raspelkurz hat nun doch eingecheckt und lässt sich (ähnlich euphorisch) zu unseren Spaghetti dazueinladen. Ich beginne ihre Art cool zu finden, sie ist einfach schonungslos direkt und hält nicht viel von Konventionen oder formeller Höflichkeit. Sie ist Engländerin und was sie erzählt, fasziniert und beeindruckt mich enorm. Sie läuft nur so 10 – 15 km am Tag, je nachdem, wie sie Lust hat. Sie setzt sich gern mal stundenlang wohin, sie redet mit den Leuten, spielt mit den Kindern – und sammelt nebenher Müll entlang des Caminos ein. In Herbergen, die keinen Müll trennen, geht sie gleich gar nicht. Die Frau hat Prinzipien, beachtlich. Sie ist neuerdings Gesangslehrerin, Hauptrichtung Gospel, und sie findet, dass eigentlich jeder singen kann; am liebsten singt sie mit Leuten, die denken, sie könnten nicht singen. Da trifft sie bei mir natürlich auf einen wunden Punkt und eine große Sehnsucht zugleich.

Ich, die ich auch bei meinem dritten Camino immer recht fix durch die Gegend klappere, bin beeindruckt davon, dass man sich auch unter jeden schönen Baum setzen könnte. Ich habe noch nie einen Kaffee mit Leuten entlang des Wegs getrunken oder ihnen im Garten geholfen und dafür Proviant mitbekommen. Ich bekomme hier gerade ein tolles Konzept aufgezeigt.

Es wird später und wir sitzen irgendwann allein in der Küche. Der kleine Spanier im Nachtdress winkt mir schüchtern lächelnd eine gute Nacht zu, und die Engländerin erzählt plötzlich von ihren Problemen. Sie erhofft sich von dem Camino, dass sie mit ihren Stimmungen besser umgehen lernt. Sie schweigt und ich weiß erst nicht, ob ich lieber schnell das Thema wechseln soll. Aber nach einer Weile erzählt sie von selber davon. Ich verstehe sie so gut, es berührt mich so, und ich weiß so sicher, dass der Camino ihr dabei helfen wird. Bzw. dass sie so eine starke Person ist, dass sie das in den Griff bekommen wird. Leider kann ich ihr das nicht so recht deutlich machen, und plötzlich gehen die Lichter aus und der Herbergsvater moniert sofortige Nachtruhe. Selbst das Zähneputzen ist ihm zu laut, und wir sind reichlich zerknirscht. Eigentlich bin ich immer pünktlich im Bett und leise, ich habe einfach nicht daran gedacht. (Die Engländerin ist natürlich nicht zerknirscht, sie verschickt nur einen vernichtenden, bösen Blick).

Welch ein Tag. Ich stehe noch völlig unter Strom von all den Erlebnissen. Die wunderschöne Meseta, der schwebende Jesuspilger, mein unglaublich erhörtes Gebet, die Infusion von José und diese faszinierende Engländerin. Der Camino hat mich wieder fest im Griff, juhu!

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