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Archive for Mai 2010

Ich schlafe überhaupt nicht gut. Zum einen höre ich die Autobahn, als würde ich direkt auf dem Standstreifen zelten. Die ist zwar in der Nähe, aber den ganzen Nachmittag haben wie nie etwas davon gehört. Zum anderen ist es tierisch kalt (und mein Schlafsack liegt natürlich im Rucksack). Mir zieht es um den Kopf und die Schultern, als ob die Balkontür neben meinem Bett offen wäre. Ich taste im Dunklen danach, aber sie scheint zu zu sein.

Irgendwann steht Marc wieder im Stockdunklen auf. Steffen wird auch davon wach und schaut auf die Uhr. Es ist 5 Uhr, und im Moment entlockt mir das nur ein „Oh mann, dieser Irre“. Wir schlafen auch nicht mehr so richtig. Steffen ist wie üblich morgens ziemlich zerknittert und regt sich über die Mücke und die fürchterlich stickige Luft auf. Ich erzähle von der Kälte, und er meint „klar“, er hätte ja auch die Balkontür aufgemacht. Ich weiß nicht, wonach ich da heute Nacht getastet hab, aber stimmt, sie ist sperrangelweit offen. Nun bin auch ich etwas missgestimmt. Da sterbe ich den halben Erfrierungstod, weil die Herren nur an ihre frische Luft am anderen Ende des Raumes denken, während ich so richtig nett im Durchzug liege.

Marc raucht draußen in der Finsternis, hat sehr eindeutig schlechte Laune und will seine Ruhe. Ich gehe mit Steffen frühstücken, und unser verkatertes Bild wird komplettiert von dem Herbergsvater, der natürlich zu dieser frühen Morgenstunde auch noch nicht das blühende Leben ist.

Das Frühstück komplettiert allerdings auch unseren exzellenten Eindruck von dieser Herberge. Der Kaffee kommt aus einer sehr edlen Espressomaschine, es gibt faszinierend zuckrig-zimtige Kringel und frisch geröstetes Brot. Ich haue ordentlich rein, schließlich bin ich ja ohne Proviant, und nachdem die Herren heute so früh loswollen, werde ich auch Villafrance zu einer Zeit hinter mir lassen, zu der die Läden noch nicht geöffnet haben. Ich habe mittlerweile meine Supermarktsehnsucht komplett überwunden und habe das Gefühl, eigentlich die nächsten Tage gar nichts mehr an Vorräten zu brauchen.

Marc setzt sich zu uns. Er isst nichts, trinkt nur zwei starke Kaffee. Er bräuchte tagsüber nie was, und er hat heute wirklich so schlechte Laune, dass ich mich nicht zu widersprechen oder wie üblich zu scherzen traue.

In der Dunkelheit laufen wir durch die Olivenhaine und an der Straße entlang nach Villafranca. Marc möchte in eine Bar, nochmal 3 Kaffee trinken. Ich gehe schon mal weiter. Irgendwie fühle ich mich heute ziemlich niedergeschlagen und leer. Mit Steffen habe ich beim Frühstück kurz über mein Leben jenseits des Caminos gesprochen und dass ich nicht immer eine kichernde und quasselnde Hupfdohle bin. Nun fühlt er sich beflissen, mir gutgemeinte Ratschläge zu geben. Dafür bin ich im Moment aber noch weniger offen als sonst schon; ich möchte hier meinen Camino genießen, meine Unbeschwertheit, ich möchte noch ein bisschen von dem Gefühl aufsaugen,  glücklich und strahlend und voller Energie zu sein. Und Marc schüttelt nur immer resigniert den Kopf und meint, heute keine gute Stimmung zu haben. Seine Augen strahlen auch nicht mehr.

Wider Erwarten hat gegen 8 schon ein kleiner Laden offen, in dem ich dann doch ein bisschen einkaufe, allerdings ohne den üblichen Enthusiasmus.

Recht bald holt mich Steffen ein, der nicht so lange in der Bar geblieben und schon mal ohne Marc losgelaufen ist. Er möchte heute auch bis Mérida gehen. Ich bleibe bei Torremegía, habe aber ein intuitives Gefühl, Steffen trotzdem wiederzusehen. Er läuft schon mal flott voraus, während ich eher trödele und auf Marc warte. Ich nutze die Gelegenheit, ein kleines Steinbild auf den Weg zu legen.

Selbst das zu dritt laufen ist heute irgendwie anstrengend. Heute haben wir wohl alle den ganzen Tag unsere „5 Minuten“. Laufe ich mit Marc, fragt Steffen, ob es uns stört, wenn er sich anschließt. Laufe ich mit Steffen, legen wir zur angeregten Unterhaltung automatisch unseren Schnellschritt ein, der nicht ganz Marcs Tempo ist – vor allem zickt der dann wieder, dass diese hochgeistigen Gespräche ja einfach nichts für einfache Leute wie ihn sind. Warte ich wieder auf Marc, hat Steffen den Eindruck, da gerade einer zu viel zu sein. Und ich dachte immer, Männer wären pflegeleicht.

Die Sonne scheint heute ziemlich ordentlich, während wir durch Weinberge und eher flaches Gelände laufen. An einigen Stellen ist der Boden von den Regenfällen der vergangenen Tage noch total matschig. Phasenweise haben wir ungefähr 5 cm roten Lehm rund um die Stiefel hängen.

Gegen Mittag haben wir den vor uns laufenden Steffen fast wieder eingeholt. Wir würden gern Pause machen, aber Steffen dreht sich nie um, sodass wir es ihm nicht signalisieren können. Marc könnte vermutlich rufen, hat aber keine Lust, durch die Gegend zu brüllen. Genervt versuche ich, Steffen allein einzuholen, aber nachdem er auch recht schnell ist, wird der Abstand kaum kürzer. Ich versuche es sicher eine Viertelstunde, habe dann aber auch keine Lust mehr. Am Wegrand blühen lauter schöne Blumen, mit der Sonne wären es super Fotomotive, und ich renne hier wie eine Irre nur geradeaus, weil der eine Herr zu fein zum Rufen ist und der andere Herr gerade schmollend drauflosläuft und sich nicht umdreht.

Mit schlechtem Gewissen mache ich also nur mit Marc Pause. Vor meinem inneren Auge nimmt Steffen das wahrscheinlich erst recht persönlich. Es ist beeindruckend, wir verändert Marc ohne seine Strahleaugen ist bzw. wie verändert unsere Beziehung. Wir gehen uns absolut nur auf den Geist. Ich komme nicht umhin, den ein oder anderen Kommentar dazu zu verlieren, den ganzen Tag nichts zu sich zu nehmen außer 5 Kaffee. Oder bei brennender Sonne in einer schwarzen Fleecejacke rumzulaufen, wenn einem der Schweiß schon über das rote Gesicht läuft. Kaum hat er die dann endlich doch noch ausgezogen, bringt ihn meine unschuldige Frage, ob er jetzt wohl auch keine Sonnenmilch drauftut, komplett auf die Palme. Wir haben ein bisschen eine andere Einstellung zum pfleglichen Umgang mit unserem Körper. Er schimpft auch wütend auf Pilger, die mit kleinen Wehwehchen schon aufgeben, und er würde sicher nicht nur wegen einer entzündeten Achillessehne aufhören. Ich bin auch kein Freund von leichtfertigem Aufhören, vor Achillessehnen habe ich aber Respekt. Ich versuche zaghaft Verständnis dafür zu werben, dass wenn die wirklich gerötet und geschwollen ist, ja auch reißen könnte. Na und? Dann soll sie halt reißen. Das würde er gerne in Kauf nehmen. Lieber, als wie ein Weichei vorher aufhören. Es überrascht mich, wie leistungsbezogen er den Camino sieht – und wie er seinen eigenen Wert an (ohnehin fragwürdiger) Leistung festmacht. Eigentlich spricht aus ihm ein erfahrener Pilger, und dazu gehört für mich fast automatisch die Fähigkeit, auf seinen Körper zu hören, seinen Körper zu schätzen und zu pflegen. Und eigentlich auch, seinen Wert nicht an solchen Kleinigkeiten festzulegen. Wo bleibt die Toleranz unter Pilgern, wenn man irgendjemanden als Weichei oder Versager tituliert, nur weil er sein Ziel nicht um jeden Preis erreichen muss? Für mich ist es ein Zeichen von Stärke und Größe und auch davon, auf dem Camino etwas gelernt zu haben, wenn man in der Lage ist, einen Camino aus Vernunftsgründen abzubrechen. Oder bisherige Ziele unter anderen Gesichtspunkten neu zu überdenken.

Ohne die Strahleaugen hat Marc vor allem ziemlich entschiedene, harte Meinungen, die für mich zu unsensibel sind – und vielleicht wirklich nicht besonders intelligent.

Die letzte Stunde laufen wir fast schweigend. An einer Weggabelung sitzt von weitem sichtbar eine gebeugte Gestalt. Zuerst überlege ich, ob es eine Vogelscheuche ist, so wirklich schlaff wie sie dasitzt. Bei genauerer Betrachtung handelt es sich um Lieke, die trotz ihrer Vorankündigungen von kleinen Etappen hier mal wieder voll mithält. Momentan ist sie sichtlich erschöpft, wohl auch von der Hitze. Trotzdem strahlt sie und witzelt „so, you met Steffen?“, weil er an ihr vorbei ist und auch ein Armbändel hatte. Wir laufen weiter, und ich denke noch eine Weile beeindruckt über Lieke nach. Sie hat eine bemerkenswerte Ausstrahlung. Ein Stück weit ist sie wohl eine Kämpfernatur mit der unausgesprochenen Botschaft „bietet mir keine Hilfe an, ich kriege das schon allein hin“.

Torremegía ist schon in Sicht, als sich unser Weg in roten Lehmmorast wandelt – und von einem etwa 5 Meter breiten Wasserlauf durchquert wird. Marc bekommt fluchend den reinsten Tobsuchtsanfall, während ich das Ganze eher gelassen und belustigt sehe. Durchkommen ist da wirklich nicht, denn der ganze Boden gibt nach, aber im schlimmsten Fall gehen wir eben zurück und wo anders lang. Hinter uns tuckert das Geräusch eines Traktors, und ich witzele noch, dass Marc ja den fragen kann, ob er uns mitnimmt. Auf unserer Höhe ist er bereits über einen Meter eingesunken, erschreckend. Noch bevor ich etwas denken kann, winkt der Bauer (von auf Höhe unserer Schuhe) entschieden zum Aufsteigen. Ich finde das eigentlich keine gute Idee, der Traktor kippt und versinkt ja selber. Der Bauer wirkt aber optimistisch und gröhlt nur, dass wir uns gut festhalten sollen. Dann gibt er Vollgas. Jegliche Achterbahn ist nichts dagegen, wir pflügen mit Volldampf durch den Morast und die Brühe. Auf der anderen Seite werden wir wieder abgesetzt, und ich bin noch derart adrenalingeladen, dass ich nur ziemlich hysterisch kichern kann. Und ich bin total begeistert von diesem Zufall.

Mit etwas bangem Gefühl laufen wir nach Torremegía hinein. Was, wenn Steffen nun bereits weiter ist? Offiziell ist es ja unser letzter Tag. Ich bin deutlich erleichtert, als wir ihn dann doch an eine Mauer gelehnt antreffen. Er meint, heute wäre es bei ihm einfach supergut und superschnell gelaufen, da hätte er das ausgenutzt. Wir setzen uns zur finalen Lagebesprechung unter einen Baum in den Schatten. Steffen rekapituliert recht sortiert, dass er sich heute gut fühlt und deswegen definitiv bis Mérida geht, sich morgen dann aber die Stadt anschauen würde. Wann ich denn eintreffe. Ich bin etwas unvorbereitet, ich weiß nur, dass es eine kurze Etappe ist morgen. Ich sage mal pauschal „11 Uhr“, und Steffen legt zielstrebig 12 Uhr auf der Plaza de España fest. Geht mir alles ein wenig schnell. Eigentlich bin ich eh noch ziemlich adrenalingeladen und noch nicht erschöpft, lauftechnisch fühlt es sich komisch an, jetzt hierzubleiben. Vom Gefühl her ist es aber definitiv richtig. Vom ersten Moment an war dieses Dreamteam für mich besonders, irgendwie mehr als normal. Ein Stück weit haben wir so perfekt harmoniert und uns ergänzt, dass es für mich schon wieder das typische Caminogefühl ausgelöst hat – wunderbar, bewegend und magisch. Für mich waren diese Momente ein Geschenk, Augenblicke von etwas besonderem. Es ist schwer in Worte zu fassen, aber ich habe gelernt, mich an diesen Momenten zu freuen, ohne sie halten zu müssen.

Was nicht ausschließt, dass es sich ziemlich beschissen anfühlt, die beiden gehen zu lassen und mich allein auf Herbergssuche zu machen. Irgendwie ist alles ziemlich leer. Vor der Herberge (wieder in einem traumhaften, imposanten Steinkoloss) treffe ich wenigstens Marie mit ihrem Campmobil, es fühlt sich wenigstens einen Hauch von vertraut an. Sie weiß zu berichten, dass die Herberge wunderschön wäre und noch völlig leer. Es wundert mich nicht, schließlich gibt es hier noch andere Herbergen und auch wieder Hostals.

Ein junger Spanier geleitet mich durch die Herberge in den ersten Stock – per völligem Novum, nämlich per Aufzug. Die Herberge ist wieder sehr stylisch, mit in den Boden eingelassenen Glasquadern, durch die Halogenlampen ihr Licht werfen. Allerdings beginnt mich diese Art von Luxus langsam schon zu nerven. Zwar sind es ja auch nicht Herbergen explizit für Pilger, man kann also niemandem einen Vorwurf machen, aber bisher habe ich nun mal immer nur Pilger angetroffen, und was bringt da all der Glamour und die riesigen Speisesäle, wenn es nur eine Dusche gibt, kein heißes Wasser beim Geschirr und keinerlei Möglichkeit, die Wäsche aufzuhängen.

In dem freundlichen, wie immer großzügigen Schlafsaal befindet sich wirklich erst ein älteres, schwedisches Ehepaar, die ich beim Eintreten unsanft aus ihrem yogalichen Handstand reiße. Sie sind schon sehr, sehr esoterisch. Der Schwede geht duschen; meine Idee, derweil wenigstens schon mal meine Wäsche durchzuwaschen, begrabe ich sehr schnell erschreckt wieder. Die Nasszelle ist sehr praktisch durchdacht: Toilette und Waschbecken sind nur zu erreichen, wenn man duschende nackte Tatsachen in Kauf nehmen will. Also warte ich etwas frustriert fast eine halbe Stunde, bis der Schwede sich genüsslich renoviert, rasiert und seine Wäsche gewaschen hat.

Meine triefnasse Wäsche findet keinen Platz mehr an dem einzigen öffenbaren Fenster, sodass ich motiviert um die Herberge herumtrabe. Es hat wirklich nicht viel Wäscheleineartiges. Mir bleiben nur die schönen Gitterfenster vor dem sofabeladenen Aufenthaltsraum. Mit etwas schlechtem Gewissen flagge ich also da meine Socken und Unterwäsche. Die beiden Schweden vom Balkon über mir bieten ihre Wäscheleine an, die ich sehr dankbar annehme und begeistert quer durch die Lande spanne. Heute scheint die Sonne wirklich intensiv, dazu geht ein Windchen, sodass ich gute Chancen habe, heute mal ordentlich trockene Wäsche zu bekommen. Und nachdem ich gleich noch einen verklärten Vortrag zu den Vorteilen von Hanfwäscheleinen bekomme, kann ja wirklich nichts mehr schiefgehen.

Ich setze mich auf das Steinmäuerchen des imposanten Eingangsbereiches und packe meine Einkäufe vom Morgen aus, als Lieke in der Ferne auftaucht. Ich bin irgendwie sehr erleichtert, wenigstens ein bekanntes, liebes Gesicht um mich zu haben. Sie ist im Moment aber fast ein bisschen missgelaunt, sofern das bei ihr möglich ist. Sie sagt, heute hätte sie gelernt, nie anderen Leuten nachzulaufen. Damit meint sie in diesem Fall Marc und mich. Ohne Traktortransport hätte sie es erst in Sandalen durch den roten Morast probiert, wäre aber völlig eingesunken. Und der Dreck ginge einfach nicht mehr raus, sie zeigt frustriert rotlehmige Socken und Schuhe und Beine. Anscheinend wären manch andere über die Bahngleise direkt daneben gegangen, aber eine noch befahrene Eisenbahnbrücke musste es für sie dann doch auch nicht sein, sodass sie wieder zurück zur letzten Kreuzung ist. Sie wirkt erstmalig ein bisschen erschöpft und frustriert.

Ein junger Mann, der auch in der Herberge logiert, kommt vorbeigehinkt. Als ich frage, wie es mit dem Bein geht, meint er „so gut, dass er morgen abbricht“. Mir entfährt ein „oh je“, woraufhin er mich sehr unverständig belehrt, dass das doch gut so ist und überhaupt das ganze Leben ein Camino und wieso ich da jetzt etwas Negatives hineinlege. Hilfe. Ich denke „uff“ und sage gar nichts mehr. Irgendwie sind mir hier alle etwas esoterisch abgehoben. Dieses Gefühl festigt sich noch, als ich ihn später im Schlafsaal wiedertreffe; zusammen mit seinem Kollegen erkenne ich sie als die Pilger wieder, die gestern mit uns in der Ölmühle waren. Wie gestern auch sind sie eher unkommunikativ. In halsbrecherischen Posen turnen sie vermutlich meditativ auf ihren Betten herum; wenn wir uns unterhalten, führt es fast immer zu Missverständnissen.

Ich setze mich in das Sofazimmer, wo mir die Abendsonne den Rücken wärmt. Ich schreibe mein Tagebuch und versuche ein Resumee der letzten Tage. Zum einen fühle ich mich hier unbeschreiblich leer und alleine und freudlos ohne meine beiden so liebgewonnenen Mitpilger. Zum anderen weiß ich, dass der Camino mir erfahrungsgemäß am meisten in eben diesen Momenten gibt. Für plapperndes Entertainment muss ich nicht pilgern gehen. Auch wenn es sich im Moment nicht gut anfühlt, aber ich bin sehr ausgesöhnt damit, wie es jetzt ist. Hätten Marcs Augen auch heute noch so magisch gestrahlt, wäre ich jetzt hier wohl todunglücklich. So bin ich einfach leer und ein bisschen resigniert angesichts unseres heutigen Tages. Man bekommt nicht, was man will, sondern was gut für einen ist.

Mit Lieke gehe ich abends auf mercado-Suche; es hat wider Erwarten einen großen Supermarkt, und ich bin schon so weit, dass ich mich sogar freue, als aus dem Hostal Millenium Jorge mit Begeisterung auf mich zustürmt. Mit jedem Tag verstehen wir uns besser – sicher auch mit jedem Tag, an dem wir keinen Schlafraum teilen und ich nicht sein Schnarchen hören muss.

Entgegen meiner sonstigen Gewohnheiten schreibe ich eine SMS nach Hause. Die Antwort ist nicht direkt stimmungserhellend. Ich lebe seit meiner Ankunft in Spanien ohne Nachrichten. Zwar habe ich etwas mitbekommen von einem Vulkanausbruch in Island, denn Patrick hat etwas anklingen lassen, dass Flüge aus Irland eventuell schwierig wären. Aber das war schon vor Tagen, und ich bin hier im Süden und nicht im Norden. Ich falle aus allen Wolken, dass im Moment der europäische Luftraum stillzustehen scheint und auch mein Rückflug überhaupt nicht gesichert ist.

Wie so oft, wenn mich auf dem Camino Panik angesichts von zu vielen Alltagssorgen überkommt, blende ich es einfach gekonnt aus und esse mit Lieke zu Abend. Sie erzählt von ihrer Brustkrebserkrankung und zwei überstandenen Burnouts. Zwar kommt es für mich nicht völlig überraschend, allerdings ist es trotzdem schwer vorstellbar, dass die unverwüstlich dröhnend lachende Lieke noch nicht immer so war.

Gegen 8 klingen plötzlich die so vielbeschworenen Campanas der Kirche gegenüber. Unglaublich, es scheint eine Messe zu geben. Ich frage einen Mann auf der Straße, der gütig Auskunft gibt und meint, ich könne da sehr gerne kommen, wenn es mir denn nichts ausmacht, dass es eine Totenmesse ist. Ich schlucke etwas, aber er lacht und meint, erster Jahrestag. Das ist mir auch wurst, ich springe begeistert in die vollbesetzte Kirche. Lustigerweise sehe ich den Mann von gerade eben wieder – mit neuem Umhang stellt er sich als der Priester heraus. So ganz Ruhe finde ich nicht, es ist aber trotzdem ein tolles Gefühl, nun endlich nach so vielen Fehlversuchen doch noch einen Gottesdienst mitbekommen zu haben.

Zu meiner Überraschung liegt Lieke noch gar nicht im Bett, normalerweise ist sie mit 20.00 noch ein schlimmerer Frühschlafengeher wie ich. Vielleicht genießt sie draußen noch die letzten Sonnenstrahlen.

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Tiefer Schlaf ist etwas anderes, ich liege die halbe Nacht wach. Aber wieder ist das Geschnorchele meiner Mitpilger irgendwie beruhigend und angenehm. Im Stockdunklen verschwindet irgendwann Marc aus dem Bett gegenüber, und auch Gerhard vom Bett über mir kraxelt halsbrecherisch davon. Ich kann nicht mehr ruhig schlafen, wenn der halbe Schlafsaal auf den Beinen ist.

Ich treffe die beiden an meinem Lieblingsplatz im Innenhof. Es ist gerade mal 6 Uhr, und ich bin noch ziemlich hinüber. Marc raucht, anscheinend verbringt er morgens immer die erste Stunde rauchend in Stille. Gerhard ist wach geworden, musste husten, wollte niemandem mit seinem Krach stören und ist deswegen auch lieber aufgestanden. Hier draußen ist es total dunkel, irgendwie quiekt es undefinierbar wie Ratten, und nachdem die beiden Herren wohl irgendwo zwischen Stille und ernsten Gesprächen verharren, bin ich da sehr eindeutig fehl am Platz. Entweder, ich liege im Bett oder ich mache mich auf den Weg. Eine Stunde ins Dunkel starren und mich anknabbern lassen, gracias. Ich verabrede mich mit Marc, dass er mich um 7 wecken soll, dann können wir zusammen loslaufen.

Er weckt mich natürlich nicht, dafür rumoren zwei andere ältere Herren in unserem Zimmer. Einzig Steffen ist mir ungeheuer sympathisch. Er guckt total verknittert und verkatert und missgestimmt angesichts der eingeschalteten Beleuchtung. Sehr vorbildlich finde ich auch seine lange Schlafanzugshose. Endlich ein Mann, den man beim Reden am Morgen mit gutem Gewissen anschauen kann.

Ich mache mich im Dunkeln mit Marc auf den Weg. Wir treffen den verrückten Japaner, der uns von einer Verkehrsinsel kichernd filmt. Er stolpert eine Weile schnellen Schrittes um uns herum, ist aber im Gegensatz zu uns sehr mit seinem Brustrucksack und den technischen Finessen darin beschäftigt. Er kichert, dass seine Freunde sich das zu Hause dann alles anschauen müssen.

Es geht einen leichten Hügel hinaus. Vor uns flattern weiße Tauben auf, und als wir am höchsten Punkt sind, erstreckt sich vor und unter uns plötzlich wie aus dem Nichts ein Nebelmeer. Gleichzeitig geht die Sonne auf, und der Nebel lichtet sich innerhalb von Minuten. Zuerst wird nur der Kirchturm aus dem Nebel sichtbar, bevor es weiter aufklart. Ein unbeschreiblicher Moment und ein toller Zufall, gerade in diesen Minuten hier zu sein.

Während der Japaner nach ein paar hektischen Bildern panisch Richtung Tal stürzt, holt uns Steffen ein. Als erprobtes Dreamteam laufen wir nach Los Santos de Maimona hinunter. Die Herren zieht es in eine Bar, sodass ich gar nicht so richtig dazukomme, die Stadt zu würdigen. Im Gegensatz zu Castillblanco de los Arroyos ist sie wirklich sehr weiß und sehr beeindruckend. Vielleicht liegt es auch einfach daran, dass es heute nicht regnet, die Sonne zu scheinen beginnt, ich eben einen wunderbaren Sonnenaufgang hatte und „mit meinen Jungs“ unterwegs bin.

Sie witzeln, dass ich doch sicher auch bis 9 Uhr hierbleiben werde, bis ein Supermarkt aufmacht. Wirklich bin ich einen ganzen Tag ohne Einkauf ausgekommen, was sehr ungewöhnlich für meine Supermarktfreude und meine üblichen Hamsterkäufe ist. Ich muss gestehen, dass ich mehr als geneigt bin, noch zu warten, als ich einen erspähe. Aber es ist erst halb 9, und irgendwie will ich dieser Macke auch nicht immer nachgeben.

Trotzig beschließe ich, ohne Einkauf weiterzugehen. Eigentlich ist es doppelt unvernünftig, denn heute plane ich eine sehr kurze Etappe, die ohne weitere Einkaufsmöglichkeit in einer Herberge endet, die ohne sonstige Siedlung inmitten einer Olivenplantage steht.

Das ist auch schon das Riesenproblem, das heute meinen sonst so sorgenfreien Geist in Bewegung hält. Die Jungs wollen beide sehr entschlossen einen Ort weiter. Steffen sieht keinen Sinn darin, heute nur 13.5 km, dafür dann 31.8 km nach Torremegía zu laufen. Er hat etwas Blasen und will es lieber vernünftig aufgeteilt angehen. Und nachdem Marc sich ja gegen den Zug entschieden hat, muss er jetzt ordentlich Kilometer fressen. Er möchte in 2 Tagen in Mérida sein. Das sind über 60 km. Selbst mit dem nächsten Ort hat er am nächsten Tag eine Monsteretappe mit über 40 km. Ich dagegen habe mir schon vor dem Camino vorgenommen, mich ohne zu denken und zu planen an die im Führer vorgegebenen Etappen zu halten, allein, um meine geistige Ruhe zu haben und mich nicht zu irgendwelchen Mammutetappen hinreißen zu lassen. Und mein Führer sagt heute 13.5, morgen 31.8, dann 15.2 km. Mérida in 3 Tagen. Auch freue ich mich auf die lange Etappe morgen, ich will endlich mal wieder so richtig laufen und erschöpft sein. Und wenn das mein Führer so will, muss ich ja auch gar kein schlechtes Gewissen dabei haben. Zudem gibt es in Villafranca keine Herberge, nur wieder Hostal, und das ist absolut nicht mein Ding. Abschließend kommt noch hinzu, dass ich mich spontan für die Via de la Plata entschieden habe, weil ich das Aquädukt in Mérida sehen wollte, die schwarzen Schweine unter den Korkeichen- und einmal in einer ehemaligen Ölmühle in einer Olivenplantage schlafen wollte.

Den ganzen Weg bringe ich meine Gedanken überhaupt nicht zur Ruhe. Ich bin völlig hin- und hergerissen, denke alles mögliche durch… einerseits will ich definitiv in diese Herberge, irgendwie sind das Camino-Eckpfeiler, an denen nicht gerüttelt werden kann. So gern ich nette Mitmenschen auf dem Camino habe, ich brauche die Selbstbestimmtheit auf dem Camino und dass ich mir treu bleibe. Meiner Ölmühle, meiner Hostal-Abneigung, meiner Lust auf die morgige lange Etappe, meinen Etappenendpunkten. Andererseits, Steffen sehe ich ja nach zwei Tagen in Torremegía wieder, das ist zu verkraften, aber Marc ist definitiv weg. Und da stellt sich mein Bauchgefühl absolut quer.

Die Jungs sind frohen Mutes, mich doch noch nach Villafranca zu bekommen. Zum einen kennen sie meinen leeren Rucksack und glauben nicht, dass ich es ohne Supermarkt aushalte. Allerdings kennen sie nicht meine Entschlossenheit und leichte Überempfindlichkeit in Sachen Selbstbestimmtheit. Marc hat sogar angeboten, für den „Abschiedsabend“ mal nicht wie üblich ab dem Nachmittag in Bars zu versumpfen. Er ist ohnehin überzeugt, dass diese Herberge wie auch die Jahre zuvor mehr geschlossen als geöffnet ist. Darauf hoffe ich ehrlichgesagt auch fast, während ich bei wunderschönem Sonnenschein durch die Weinberge und Olivenhaine stapfe.

Der Japaner überholt mich wie üblich stolpernden Schrittes. Ich frage, ob er auch in der Bar war, eigentlich wähnte ich ihn ja vor mir. Nein, nein, im Supermarkt. Wie hat er denn das zeitlich geschafft? Er hätte gefragt, und da hätten sie ihn um halb 9 schon reingelassen. Gemein.

Gegen 11 Uhr kommt der Abzweig. Es geht ein paar hundert Meter nach rechts, bevor ich vor einem beeindruckenden Gebäude stehe. Vor diesem steht ein Auto vor dem geöffneten Tor, eine einladende Tür weist zur Rezeption, und ein Staubsauger dröhnt aus der Ferne. Ich gehe wieder zurück zur Kreuzung und setze mich unter einen Olivenbaum, um auf die Jungs zu warten und mich gegebenenfalls zu verabschieden. Mir wird halb schlecht bei dem Gedanken. Auch ist es total schwachsinnig, an so einem schönen Tag am Vormittag schon zu stoppen. Andererseits, so tröste ich mich, bringt es auch nicht viel mehr, eine Stunde später an so einem schönen Tag am Vormittag zu stoppen. Noch dazu dann in einem Hostal in einem kleinen Zimmer mit Blick auf die Wand, während ich hier nur den Himmel, Olivenbäume und rote Erde habe.

Marcs erste hoffnungsvolle Frage ist, ob die Herberge geschlossen hat. Sie setzen sich zur Lagebesprechung zu mir. Ich bin mir mittlerweile recht sicher, dass ich es nicht mit mir vereinbaren kann, weiterzugehen. Also bleibt nur die Variante, dass die Herren ebenfalls hierbleiben müssen. Ich appelliere wild an Marcs übergroßen Stolz, ob er morgen wirklich läppische 40 km laufen will und ob ihn nicht die Herausforderung reizt, noch 5 dazuzulegen und mit 45 km echt mal einen Akzent zu setzen. Bei Steffen versuche ich medizinisch überzeugend darauf hinzuweisen, dass seine Blasen etwas Erholung brauchen könnten – und gut erholt dann 5 km mehr oder weniger morgen ja auch kein Problem mehr darstellen sollten. Ich preise die wunderschöne Herberge an und stelle sogar in Aussicht, morgen mit ihnen mitten in der Nacht loszulaufen, damit sie die 5 km einholen. Zu meiner Überraschung blättern beide wirklich in ihren Reiseführern. Sie schauen sich an und erklären einstimmig, dass das einleuchtend ist und sie hierbleiben. Mir fehlen die Worte.

Wir schrecken die Hospitalera vom Putzen auf. Sie ist sehr freundlich und ein wenig unkoordiniert. Diese Bögen mit den Personalien auszufüllen ist sicher nicht einfach, aber sie sitzt recht panisch davor und schreibt irgendwann auf gut Glück irgendwo etwas in irgendwelche Lücken. Auch ist sie ganz durcheinander, weil sie noch nicht ganz mit Putzen fertig ist. Ein Zimmer ist schon fertig, und das reicht uns ja. Praktischerweise hat es gerade drei Betten, und nachdem meine Herren gut erzogen bin, komme ich hier zum ersten Mal in den Genuss eines freistehenden Einzelbettes. Die guten Manieren führen weiterhin dazu, dass ich als erste in unserer kleinen Privatdusche ausgiebig heiß duschen darf, während die Herren diskret Wäsche waschen gehen.

Als wir dann zu dritt Wäsche waschen, kommt die aufgelöste Hospitalera schon wieder um die Ecke, es täte ihr so leid, es hätte noch nicht mal Waschmittel am Waschplatz. Sie trägt einen Riesenstapel Handtücher mit kleinen Minishampoos oben drauf und ist doppelt geschockt über meine nassen Haare und die Tatsache, dass ihre Handtücher für mich zu spät kommen. Wie sich herausstellt, haben sie und ihr Mann die Herberge erst seit drei Tagen. Ich frage vorsichtig, ob sie selber schon mal pilgern war bzw. eine Pilgerherberge von innen gesehen hat. Sie verneint strahlend. Mir wird so einiges klar. Ich versuche sie zu beruhigen, dass wir als Pilger doch alles dabei haben, Handtücher, Waschmittel und alles. Sie ist trotzdem ziemlich nervös und aufgeregt. Süß.

Wir bekommen eine Führung durch alle Räume der ehemaligen Ölmühle. Aus unerfindlichen Gründen übersetzt mir Marc heute alles auf Deutsch, dabei haben wir eigentlich ähnliche Spanischkenntnisse, und er hat mir sonst auch noch nie übersetzt. Vielleicht die ungewohnte Sonne heute.

Die Herberge besteht aus unzähligen Räumen, die, wie die Herbergsmama schon wieder entschuldigend erklärt, natürlich noch im Rohbau sind. Aber schon jetzt ist alles sehr beeindruckend. Vermutlich soll diese Herberge auch für größere Anlässe fungieren. Es gibt große Räume mit mindestens 30 edlen, bezogenen Stühlen, sowie um die Mühle herum viele yoga-artige Sitzkissen in Kreisformation. Leider ist es dort noch etwas frisch und meine Jungs sehen nicht wirklich aus, als würde ich sie für Yoga begeistern können, sodass wir uns lieber in den großen Garten setzen.

Zu meiner Erleichterung sind Steffen und Marc ähnlich euphorisch und begeistert von der Herberge wie ich. Ein bisschen verantwortlich fühle ich mich ja schon, sie hier zu dieser Kurzetappe überredet zu haben. Aber Steffen macht begeistert Bilder, und Marc freut sich am Nichtstun. Ich liege gemütlich auf vermutlich ehemaligen Eisenbahnschindeln, die nun als Trittbretter über den Rasen dienen. Der Genuss der warmen Sonnenstrahlen ist mir allerdings nicht lange vergönnt, ich habe meine Haare recht gekonnt in eine Ameisenstraße gelegt. Beim Aufstehen meint Steffen fröhlich, dass ich diese Hose jetzt auch gleich noch waschen könnte, ich hätte mich in Vogeldreck gesetzt. Leider nicht Vogeldreck, sondern Teer, wie ich feststellen muss. Aber nachdem ich eh nur zwei Hosen habe und eine davon gerade patschnass auf der Leine hängt, erübrigt sich die Überlegung ohnehin.

Die rührend aufmerksame Hospitalera bringt uns einen kleine Gartentisch und Stühle. Die Herren bestellen sich wie üblich nach dem Laufen erstmal ein Bier nach dem anderen. Die Señora versinkt schon wieder in Selbstvorwürfen, dass es noch keine großen Gläser hat, und kurze Zeit später kommt sie noch mit einem Päckchen Wäscheklammern um die Ecke. Herrje, das hätten sie auch komplett vergessen, wie kann man nur, aber dann ist der Mann eben mal kurz ins nächste Dorf gefahren. Wir kommen uns umsorgt vor wie in einem Fünf-Sterne-Hotel.

Am Nachmittag trifft noch Gerhard ein sowie zwei junge Pilger, die sich aber nach dem Wäschewaschen schnell wieder in ihrem Zimmer verschanzen. So ganz übelnehmen kann ich es ihnen nicht. Wenn ich unser Dreamteam von außen betrachten würde, fände ich uns vermutlich einen Pilgeralptraum. Wir sind ziemlich laut, ständig am quasseln und kichern, eine ignorant deutsch sprechende Ansammlung auf einem bedächtigen, spanischen Pilgerweg.

Mit Steffen teile ich meine letzten Vorräte; Marc findet, er müsse auf dem Camino tagsüber nichts essen. Kaffee und Bier reichen ihm für den Tag, er hätte genug Reserven. Grundsätzlich hat er davon wohl wirklich mehr als ich, allerdings denke ich nicht, dass sich ein Blutzuckerspiegel bei den Anstrengungen hier allein aus Fettdepots aufrechterhält. Steffen lassen meine Teerflecken nicht los. Passend zu unserem Baguette mit Käse sinniert er bei einer bereits Fetttropfen abscheidenden Käserinde, ob sich der Teer damit nicht lipophilerweise lösen lassen müsste. Und mein einziges Problem wäre dann ja nur noch, wie ich die Fettflecken wieder rausbekomme. Die Vorstellung, dass jetzt jemand meine Teerflecken am lebenden Objekt mit einer stinkenden Käserinde bearbeitet, lässt mich resolut dankend ablehnen.

Wir spinnen wieder ein bisschen naturwissenschaftlich vor uns hin, bis der schweigsame Marc irgendwann findet, dass wir uns nicht um ihn kümmern sollen, er hätte da halt einfach nichts dazu zu sagen, er könnte nicht so schlaue Wörter, würde aber wirklich gern zuhören, wenn sich gebildete Menschen unterhalten. Wir unterhalten uns eigentlich seit mehreren Tagen auf einem absolut einheitlichen Niveau, ohne dass irgendjemand schlauer oder gebildeter wäre. Offensichtlich hat Marc heute aber seinen „nicht-Studierten“-Koller, und als dann noch Gerhard um die Ecke kommt und mir stolz mein Bändel zeigt, das jetzt seine Taschenlampe ziert, hat Marc auch noch „und-ich-dachte-das-wäre-etwas-besonderes“-Koller. Steffen fängt an, ein Holzstück zu beschnitzen und entschuldigt sich, gerade eine unkommunikative Phase zu haben. Marc hat sich bereits zu einer Siesta zurückgezogen, und dazu entschließe ich mich nun auch angesichts der berühmten „5 Minuten“, die gerade jeder zu haben scheint. Mir ist eh ziemlich kalt im Schatten geworden. Ich buddele mich unter viele Decken ein (und friere immer noch), während Marc mit nacktem Oberkörper und unzugedeckt schläft.

Ich werde davon wach, wie draußen Gerhard den wild schnitzenden Steffen in ein Gespräch zu verwickeln versucht. Steffen ist konsequent unkommunikativ und abweisend, außerdem sind die Herren hier generell etwas weniger empfänglich für die traurige Eselsgeschichte, während Lieke und ich da voll mitfühlen können. Ich bleibe lieber noch bei meinem warmen Bett und knüpfe ein Bändel für Steffen.

Ich wage mich erst wieder auf die Terrasse, als die Schnitzgeräusche aufhören. Steffen hat erschöpft sein Werk beendet, ein christliches Tau-Zeichen, wirkt nun wieder sortierter und auch wieder gesprächsbereiter. Er ist stolz auf sein Werk, und im Spaß meine ich, dass er ja schon wenigstens noch eine kleine Muschel für mich schnitzen könnte, so eine wie Marc um den Hals hat, nicht mal einen Zentimeter groß. Zuerst lacht sich Steffen kaputt, wie er mit seinem Riesenmesser und seinen großen Pranken so etwas kleines schnitzen können sollte, fängt dann aber zu meinem Schrecken wirklich nochmal an zu schnitzen. Fast schon wütend entschlossen habe ich ihn wohl falsch bei seinem Ehrgeiz gepackt. Mir wird ganz anders bei seinem wilden Geschnipsele; ich sehe schon bildlich ein Abrutschen vor mir sowie akute Wundversorgung mitten in der Pampa. Oder den chirurgisch sicher sehr kompetenten Notfallarzt im nächsten Kuhkaff.

Irgendwann ist wirklich eine kleine Muschel fertig, und für die passende Aufhängung durchforsten meine beiden Helden das ganze Gelände. Steffen biegt mir mit bloßen Fingern einen Draht von hinter einem Schuppen drumrum, und ich bin stolzer Besitzer (und Steffen sichtlich stolzer Produzent) eines individuell geschnitzten Muschelanhängers. Die Freude wird höchstens getrübt von meinen regen Gedanken um eine fulminante Nickelallergie oder die Aktualität meiner Tetanus-Impfung.

Nach Marcs Bändelkoller traue ich mich kaum, Steffen seins zu überreichen. Glücklicherweise bedankt er sich und ignoriert sogar die Tatsache, dass es viel zu groß ist. Nun ja, vielleicht muss es das ja sein bei jemandem, der sein Halstuch als Armschlinge trägt.

Gegen Abend kommt noch einmal richtig schön wärmend die Sonne heraus. Ich setze mich nochmal vorsichtig auf eine möglichst teerlose Stelle auf den Holzschwellen und schreibe Tagebuch. Der Tag war einfach überwältigend, allein schon die Schönheit und Weite der Herberge mit den lehmroten Steinwänden, dem grünen Gras, den hellen Holzschwellen. Die wunderbare Gesellschaft von Steffen und Marc, die vielen ungezwungenen Gespräche den ganzen Nachmittag. Ich habe nie das Gefühl, mir irgendein Thema aus den Fingern saugen zu müssen oder irgendwie spannend oder interessant sein zu müssen. Alles fließt perfekt harmonisch vor sich hin. Steffen ist unglaublich vielseitig interessiert und interessierbar, einerseits philosophiert er über die Sollbruchstellen im Mauerwerk und die Konstruktionsfehler dieser Herberge, im nächsten Moment plaudert er über Frisuren und Shopping, als wäre er die beste Freundin. Die Konversation mit Marc ist wirklich ein Stück weit einfacher. Oft beschränken wir uns einfach darauf, uns anzustrahlen. Und wie beim ersten Kontakt vor zwei Tagen ist dieses Strahlen der Hammer. Es erfüllt mich mit mehr Energie, Glück, Freude und einem Gefühl von Nähe, als es noch so viele Worte tun könnten.

Die Hospitalera fragt, wann wir abendessen und frühstücken wollen – und trägt es mit bewundernswerter Contenance, als Steffen allen Ernstes 6 Uhr für das Frühstück vorschlägt. Sie erzählt ferner, dass sie in Zukunft noch den natursteinernen Pool im Garten füllen wollen, und ihr Mann bringt eine Schachtel Marlboro für Gerhard, die er extra aus dem Dorf holen gegangen ist. 6 Sterne.

Zum Abendessen sind wir wieder bester Stimmung. Mit Gerhard bekommen wir ein rustikales Abendessen mit Omelette, Tomaten, Schinken, Chorizo, Salchichón und einem speziellen weißen Käse. Zum Nachtisch gibt es Kiwis und Birnen. Die Herbergsleute lernen etwas dazu über den immensen Hunger von Pilgern, und alles könnte so schön sein, wenn nicht der Herbergsvater am anderen Ende des Raumes versuchen würde, einen Papiertuchspender an der Wand zu installieren. Gerhard bleibt der Bissen im Hals stecken angesichts der handwerklichen Unfähigkeit, die da von statten geht (und die sonst keiner bemerkt hätte). Anfangs bin ich noch belustigt und denke, er meint es eher im Spaß, aber ihm ist es bitterer Ernst. Er flucht und poltert lautstark durch den Raum, dass das doch kein Augenmaß wäre, und doch nicht mit diesem Dübel, und also nein, da könnte er ausrasten. Tut er eigentlich angesichts seines rot angelaufenen Gesichts mit geschwollener Stirnschlagader auch fast. Die Situation ist sehr unangenehm. Der Spanier scheint zwar entweder schwerhörig zu sein oder glücklicherweise den Ausbruch nicht auf sich zu beziehen, aber ich bin etwas geschockt, wie man sich so danebenbenehmen kann. Ich habe Gerhard eigentlich als netten Menschen kennengelernt, aber dieser Auftritt passt wirklich nicht zu einem guten Pilger. Meine beiden Herren finden noch reichlich deutlichere Worte, und ich kann auch da wieder nur zu beschwichtigen versuchen. Herrje, hat denn heute jeder Krise und Koller und seine empfindliche Phase?

Steffen regt an, ob wir für die Nacht nicht die Heizung in der Dusche angeschaltet bekommen könnten, um unsere restlichen nassen Sachen zu trocknen. Ich dolmetsche es der Hospitalera und schmücke etwas blumig aus, dass es dem guten Steffen eben etwas kühl ist. Sie ist natürlich sofort wieder Feuer und Flamme, schnappt mich zum Mitkommen und erklärt mir begeistert, dass das daran liegt, dass er oben im Bett liegt und da bisher gar keine richtige Decke ist und dass sie ihm da jetzt natürlich auch noch ein schönes, dickes Federbett hinlegt. Sie dreht noch begeistert die Heizung am Bett an, nimmt den leichten Bettüberwurf resolut wieder mit, und zwischen meinem aufrichtigen Dank für ihre Mühe komme ich aus dem Lachen nicht heraus, als ich zurück am Tisch Steffen erkläre, dass er jetzt als verfrorene Mimose gilt und ein furchtbar dickes Flauschebettchen bekommen hat. Wie zu erwarten bekommt er eine leichte Krise.

Zum Sonnenuntergang springe ich noch schnell mit dem Foto vor die Herberge.

Derweil haben meine Mitbewohner schon blitzschnell für morgen gepackt („damit es dann zügig losgehen kann!“) und liegen schon im Bett. Ich habe noch nichts gepackt, brauche auch immer ziemlich viel Zeug bis zum Morgen um mein Bett verteilt. Ich fühle mich wie ein kapriziöses, verwöhntes Huhn und traue mich kaum mehr, noch schnell nachtruhestörend Zähne zu putzen. Geschweige denn meine Kontaktlinsen in liebevoller Kleinarbeit herauszunehmen und zu versorgen. Auch den Schlafsack lasse ich im Rucksack und hoffe, dass mir die Decke ausreicht.

Kaum liege ich dann auch endlich leicht gestresst im Bett, sirrt die erste Stechmücke des Caminos um mein Ohr. Ich taste nach meinem Autan, aber das liegt natürlich noch irgendwie unten im Rucksack. Noch einmal wildes Geraschel mit schlechtem Gewissen, bis dann auch endlich ich friedlich schlafbereit bin.

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Die Nacht ist eindrücklich. Obwohl wir nur zu viert im Zimmer sind, ist das Schnarchen wirklich ohrenbetäubend. Interessanterweise stört es mich aber nicht. Ich wache oft auf und denke lächelnd „mann, schnarchen die“.

Gegen 7 bin ich dann doch zu wach, um weiter im Bett liegen zu bleiben. Der kleine Spanier kommt gerade vom Gang ins Zimmer. Als er sieht, dass ich wach bin, fragt er, ob ich aufstehen will und knipst das Licht an. Ich sage panisch „no no no“, er kann doch nicht einfach alle aufwecken, nur weil ich packen will. Bei genauerem Hinsehen ist „alle“ sehr relativ. Das Bett über mir ist leer, keine Spur von Steffen. Auch der dicke Spanier ist nicht mehr da. Steffens Sachen sind aber noch da. Ich bin recht irritiert, bis reichlich verknautscht Steffen mit seiner Decke im Schlepptau ins Zimmer kommt. Er klingt nicht gerade ausgeglichen, als er kurz zusammenfasst, dass er und der kleine Spanier auf den Sofas geschlafen haben, weil der Dicke ja nicht mehr normal geschnarcht hätte. Besagter Spanier schaut etwas bedröppelt aus der Wäsche. Und ich bin fasziniert, was ich für einen guten Schlaf hatte. Da zieht mein halbes Zimmer aus, und ich lausche dem Schnarchen von drei Leuten, dabei ist nur einer da. Noch faszinierter bin ich allerdings von meinem Bein. Erst nach einer Weile wird mir bewusst, dass ich mir gestern ziemlich Sorgen deswegen gemacht habe. Heute fühlt es sich einfach unauffällig und perfekt an.

Ich packe meine Sachen zusammen und gehe meine Wasserflaschen füllen. Durch die Glasfront sehe ich draußen eine glimmende Zigarette mit bekanntem hellen Cowboyhut in der noch stockdunklen Nacht. Ich freue mich, dass ich nun Marc doch noch treffe. Gestern wollte ich ihm eigentlich noch mein Bändel geben, habe ihn aber nicht mehr getroffen. Ich frage, wie es heute seinen kraftlosen Muskeln geht. Den Muskeln würde es prima gehen, es wäre eher die Leere im Kopf. Ich gebe ihm das Bändel einfach pauschal für einen guten Camino (ob nun für Füße oder Beine oder Muskeln oder Köpfe) und für seine tolle Ausstrahlung und seine Strahleaugen. Er ist ziemlich belustigt, das hätte noch niemand zu ihm gesagt. Unverständlich.

Zu Sonnenaufgang laufe ich los, bzw. verlaufe mich erstmal gut eine halbe Stunde. Normalerweise schaue ich immer nach den Pfeilen. Hier hat es irgendwie keine, sodass ich in meinen Führer schaue. Nur werde ich aus den Beschreibungen erfahrungsgemäß noch weniger schlau. Ich treffe auf ein älteres französisches Paar, welches zum Glück einen dicken, spanischen Führer hat, der recht detailliert jede Straße aufführt. Sie laufen mit Führer voraus, ich frage jeden Einheimischen, der mir über den Weg läuft, und so finden wir in gegenseitiger Ergänzung aus der eigentlich sehr überschaubaren Kleinstadt heraus.

Der kleine Spanier aus meinem Zimmer überholt mich. Obwohl er gut 2 Köpfe kleiner ist als ich, läuft er unheimlich schnell. Er trägt einen Minirucksack, Turnschuhe und recht untypisch Jeans, und er hüpft und schwebt wie ein Flummi. Ich wünsche ihm sehr schnell einen guten Camino und lasse ihn weiterrennen, diese Dimension ist für mich absolut unerreichbar.

In Calzadilla de los Barros sind erstaunlich viele Spanier auf der Straße, es ist Sonntag und Gottesdienstzeit. Für einen kurzen Moment spiele ich mit dem Gedanken, hier endlich mal einen Gottesdienst mitzuerleben. Erfahrungsgemäß habe ich unterwegs aber nicht die nötige Ruhe, sodass ich doch einfach lieber weiterlaufe.

Ein älterer Spanier begleitet mich ein paar Meter. Ob ich denn allein wäre und ob ich nicht Angst hätte. Wovor denn. Er deutet irgendwo in das ferne Nichts und erzählt irgendetwas, was ich nicht verstehe. Ich bin gespannt.

Heute scheint zum ersten Mal richtig Sonne, ich krame meine Sonnenmilch hervor und stelle bei dieser Gelegenheit fest, dass ich mein Trekkinghemd falsch herum trage. Zum Glück bin ich allein auf weiter Flur.

Kaum bin ich wieder angemessen gekleidet, laufe ich auf den Turbanpilger auf, der flötespielend am Wegesrand sitzt und ebenfalls die Sonne genießt. Ich bleibe stehen, und wir reden eine Weile. Im Wesentlichen bin ich einfach neugierig, was es mit ihm auf sich hat. Wir sehen uns häufig, aber keiner weiß, woher er eigentlich kommt und wie er heißt und überhaupt. Es stellt sich heraus, dass er Spanier ist, der Turban hat keine religiöse Bedeutung, und die langen schwarzen Haare und den wilden schwarzen Bart bis auf Brusthöhe trägt er auch erst seit 7 Jahren. Damals, so kichert er fast verschämt, war er sogar Student der Wirtschaftsinformatik. Dann hat er beschlossen, sein Hab und Gut in seinen Rucksack zu packen und seiner inneren Stimme zu folgen. Diese hat ihn in den letzten 6 Monaten nach Marokko gebracht, wo er mit einem Esel Olivenöl gepresst hat. Als Bezahlung hat er ein Ticket zurück noch Europa und 5 Liter Olivenöl bekommen, die er jetzt in seinem Rucksack trägt. Das wäre gut und nahrhaft mit trockenem Brot. Er pilgert ohne Geld, er kichert wieder, manchmal spielt er in den großen Städten Flöte. Er pilgert in sehr zertretenen Hausschlappen, er hat eben keine anderen. In seinem Rucksack trägt er auch noch Bücher, er liest gern über andere Religionen, Islam und Buddhismus. Generell wirkt er sehr unsicher und schüchtern, vieles scheint ihm peinlich zu sein. Ich finde ihn einerseits sehr mutig und ein Stück weit auch bewundernswert, derart offen durch die Welt zu gehen und so seinem Herz zu folgen. Ein kleines Bisschen wird meine Sympathie davon getrübt, dass ich nicht weiß, wie ehrlich er ist. Von anderen Pilgern weiss ich, dass es faszinierend ist, wieviel er in Bars geschenkt bekommt, wenn er sich als „peregrino sin dinero“ vorstellt. Nur von Brot und Olivenöl scheint er nicht zu leben. Und dass er immer erstmal halb in eine Herberge eincheckt, bevor er aus allen Wolken fällt, dass sie etwas kostet und er kein Geld hat, ist mir auch etwas suspekt. Nachdenklich laufe ich weiter. Kristian letztes Jahr habe ich ohne zu überlegen weitgehend durchgefüttert, er hatte aber auch eine sehr ehrliche Art und hat nie Mitleid zu erregen versucht.

Die beiden Franzosen vor mir wechseln auf die Straße, warum auch immer. Ich bin etwas hin- und hergerissen, ich laufe sehr ungern der Meute nach bzw. verlasse die gelben Pfeile. Sie laufen zielstrebig Nationalstraße. Ich konsultiere wieder unsicher meinen ungeliebten Führer, der von einem scharf links abbiegenden Weg schreibt, den ich erleichtert nach ein paar hundert Metern auch erreiche. Die Franzosen laufen geradeaus weiter, aber ich folge todesmutig den Pfeilen. Nach ein paar Minuten kommen mir zwei Pilger entgegen. Der zweite ist charakteristisch mit Rucksäcken vorne und hinten bepackt der vor Gewicht und Sichtbehinderung immer etwas strauchelnde Japaner, der erste ist mit nasser Jeans bis zu den Oberschenkeln der nun doch sehr deutsch „cheisse, cheisse, cheisse!“ fluchende kleine Spanier. Offensichtlich ist er nach mehreren Kilometern an einen zu durchwatenden Fluss gekommen, der sich aber nicht hat passieren lassen. Eine Stunde für nichts, „cheisse, cheisse, cheisse“.

Er flucht mir voraus wieder zur Nationalstraße zurück, wo an der Kreuzung zu meiner Freude schon Marc belustigt wartet, wo es denn nun weitergeht. Wir laufen zusammen weiter, Fahrstraße. Zaghaft frage ich irgendwann, ob es vom Tempo geht (ohne nähere Lokalisierung seiner eventuellen Beschwerden); er meint entschieden, es würde wieder prima laufen. Zu seinem allgegenwärtigen Strahlen hat er eine faszinierend offene und unbekümmerte Art. Er plappert alles heraus, was ihm gerade durch den Kopf geht. Momentan unter anderem „Mädle, Du tust mir einfach gut“. Beruht eindeutig auf Gegenseitigkeit.

Generell plaudert er wie ein Wasserfall, von seinen Caminos, von seinen Schicksalsschlägen und Problemen im Leben. Immer wieder unterbrochen von „ich weiss gar nicht, warum ich das alles erzähle, ich kann normalerweise auch gut zuhören“. Obwohl wir sehr unterschiedliche Typen sind, kann ich das meiste sehr gut verstehen und nachempfinden. Vor allem, welche Kraft ihm der Camino gegeben hat und welch eine Zuversicht und Befreiung er am Ende des Caminos am Meer gefühlt hat, das kommt mir sehr bekannt vor. Und allein das macht schon einen großen Teil der Faszination des Caminos für mich aus – dass die unterschiedlichsten Menschen mit den unterschiedlichsten Gründen für den Camino und mit den unterschiedlichsten Problemen im Endeffekt sehr ähnliche Lektionen lernen, Gedanken fassen und Faszinationen empfinden.

Marc möchte weg von der Straße und sucht wild im Führer nach einem Shortcut zurück auf den Camino. Ich bin eher zurückhaltend. Die Straße nervt mich zwar auch total an, aber von Karten hab ich überhaupt keine Ahnung. Als irgendwann eine Straße links abbiegt, willige ich wenig überzeugt ein. Mir ist es recht egal, ob sie auf den Camino führt oder nicht. Im schlimmsten Fall laufen wir nach einer Stunde einfach wieder zurück – „cheisse cheisse cheisse“.

Marc ist lustig zu beobachten. Er schwankt im Minutentakt zwischen „das ist sehr sicher richtig“ und „das müsste ja eigentlich schon da hinführen“ hin und her. Ich finde es einfach erheiternd und laufe mit.

Irgendwann kommt von hinten das bekannte Wohnmobil mit Marie, die sich wie üblich mit hoher Stimme grüßend aus dem Fenster lehnt. Wir verstehen mal wieder nur die Hälfte; meinen Versuch, ihr das mit dem Wasser zu erklären und dass Chérie eventuell generell nur Straße laufen kann, überzwitschert sie gekonnt. Immerhin sind wir etwas erleichtert, dass sie jetzt schon mal vorausfährt. Falls die Straße nirgendwohin führt, wird sie uns schon wieder entgegen kommen.

Bei jeder Kreuzung ist Marc voller Vorfreude, dass das nun endlich die Einbiegung ist. Nur hat es nie gelbe Pfeile. Umso begeisterter brechen wir in Jubel aus, als an einer weiteren Kreuzung in der Ferne der Caravan parkt. Wo Marie parkt, kann der Camino nicht weit sein.

Wirklich hat es ab da auch wieder Pfeile, wir sind wieder auf dem Camino. Marc ist sehr erleichtert, dass seine „sehr Sicherheit“ nicht trügerisch war, und ich bin sehr froh, wieder Camino zu laufen und nicht eventuell eine schöne Etappe auf der Nationalstraße entlangzulaufen. Selbst unschöne Abschnitte laufe ich sehr gern, weil sie ja Camino sind und dazugehören.

In Puebla de Sancho Pérez wollen wir eine kleine Pause machen. Dort treffen wir auf der Plaza Steffen – und gerade einsetzende Regen. So geht es dann doch schnurstracks gleich weiter Richtung Zafra, zu dritt.

Es macht unheimlich Spaß, mit den beiden zu laufen. Wir haben ähnliche Schrittlängen und ähnliches Tempo, einen ähnlichen Humor, das Laufen geht wie von selbst, unbeschwert und voller Energie. Einen Pilger unterwegs verpflichte ich kurzerhand zum Fotomachen, während die Herren sich schon wieder totlachen, dass ich sehr typisch einfach meinen Rucksack mitten in den nassen Matsch donnere.

Die Eisenbahngleise, die es kurz vor Zafra zu passieren gilt, sind ausgesprochen unspektakulär verlassen. Ich bin sehr gespannt auf die Herberge, zu der es sich aber noch eine ziemliche Weile quer durch die Stadt zieht. Irgendwann taucht am Ende der Straße wieder ein großer, alter Gebäudekomplex auf, ein ehemaliger Franziskaner-Konvent und heute unsere Herberge. Marc hat umdisponiert. Er nimmt noch nicht heute den Zug, sondern übernachtet erstmal noch mit uns in Zafra.

Wir checken ziemlich verschwitzt bei einer netten Hospitalera ein; wieder bin ich ziemlich baff. Wir haben ein schönes Zimmer mit 3 Stockbetten, natürlich alles wieder sicher exzessiv schnarchende Herren. Es gibt wieder einen Raum mit Sofas sowie einen tollen kleinen Innenhof, indem ich unter einigen Torbögen im Trocknen meine Wäsche aufhänge. Es regnet schon wieder intervallweise, und nachdem meine Socken und Unterwäsche der letzten Tage schon nie richtig trocken geworden sind, wäre das heute nicht schlecht.

Ich freue mich an meinen wie immer übertrieben ausufernden Vorräten. Heute ist Sonntag, kein Laden in Sicht, und so bin ich froh über noch ein ganzes Baguette, Käse, diverse Früchte und eine schöne Dose Limonade. Steffen setzt sich zu mir; er ist ein interessanter Gesprächspartner, mit dem es nie langweilig wird und der wahrscheinlich fast jedes Thema spannend und kompetent beleuchten könnte.

Am Nachmittag möchte ich mir die Stadt noch ein wenig anschauen bzw. endlich Postkarten kaufen. Die Stationen der letzten Tage waren allesamt derart klein, dass ich keine Karten gefunden habe, und auch aus kultureller Sicht scheint Zafra ein erstes Highlight der Extremadura zu sein. Marc schließt sich mir an. Obwohl er im Vorjahr schon einmal die Via de la Plata gelaufen ist, sind ihm die eventuellen Sehenswürdigkeiten nicht sehr geläufig, und ich habe natürlich auch wieder nicht in den Führer geschaut. Wir tappen ziemlich ziellos zielsicher durch die unattraktivsten Straßen Zafras. Am Brunnen auf der Plaza treffen wir Steffen sowie den Japaner. Steffen ist natürlich wieder ein wandelndes Lexikon und hat auch schon alles Wichtige besichtigt. Mich reißt die Stadt irgendwie nicht so ganz vom Hocker, und während die Jungs noch wie üblich die Etappe in einer Bar ausklingen lassen, mache ich mich auf den Rückweg.

Dort treffe ich neben einem üblich begeisterten Jorge, einer strahlenden Lieke (die es zu unserer gemeinsamen Freude doch noch einmal eine lange Etappe geschafft hat) sowie einigen weiteren bekannten Gesichtern auch auf den Pilger mit Esel. Allerdings ist er sehr niedergeschlagen. Wir sitzen an einem kleinen Tischchen bei der Küche, die freundliche Hospitalera kocht uns sogar Wasser für meine Pfefferminzteebeutel, und Gerhard schüttet mir sein Herz aus. Der Esel ist krank, hat Fieber, darf die nächsten Tage nicht laufen. Er hat ihn nun auf einer Koppel gelassen, bis er nächsten Monat von seiner Familie abgeholt werden kann. Er möchte zu Fuß weiterpilgern, aber das schlechte Gewissen dem Esel gegenüber sowie die Aufgabe des langgehegten Traumes lasten ihm schwer auf der Seele. Zum Glück kommt Lieke um die Ecke und setzt sich dazu. Sie ist absolut prädestiniert zum Zuhören, sie schaut wunderbar verständnisvoll und bekräftigend und einfühlsam. Mir dagegen kommen fast schon immer selber Tränen in die Augen.

Ich sitze wieder mit Steffen im Innenhof, meinem auserkorenen Lieblingsplatz, als Marc strahlend dazukommt. Er hätte das mit den Etappen nochmal durchgerechnet, er schafft es auch ohne Zug. Er muss dann zwar ein paar 50 km Etappen einlegen, aber es klappt. Ich könnte ihn umarmen.

Das Pilgerkollektiv entschwindet zum Essen. Ich bin noch recht satt von meinem ausgiebigen Mittagsmahl. Der immer noch sehr traurige Eselspilger schreibt etwas verloren in seinem Tagebuch. Ich flechte ihm ein Blitzbändel und hoffe, dass es ihm bald besser geht.

Dann verschwinde ich schon wieder früh in mein wunderschön frisch bezogenes Bett.

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In der ungewohnten Ruhe schlafe ich bis kurz vor 8. Draußen ist es schon hell und wie immer etwas wolkig und regnerisch. Ich kann es langsam nicht mehr sehen.

Beim Verlassen von Monesterio komme ich in einiger Entfernung an einem Wohnmobil vorbei. Jemand steht an der offenen Türe, und als er mich sieht, beginnt er enthusiastisch zu winken. Ein motivierender Start in den Morgen.

Weniger begeistert stimmt mich, dass vor mir Jorge läuft. Für sein Geplapper am frühen Morgen habe ich keinen Nerv, sodass ich mich mit einer sehr ausgedehnten Frühstückspause erstmal zurückfallen lasse.

Es wird gerade etwas heller und sonnig, als auf dem Weg vor mir wieder der Caravan steht. An diesem verabschiedet sich gerade ein kleiner Pilger und macht sich auf den Weg. Als ich näher komme, werkelt es hektisch im Inneren, und eine kleine grauhaarige Frau lehnt sich freudig strahlend aus der Tür, um mir Kaffee anzubieten. Als ich dankend ablehne, kommt gleich darauf ein Teller Kekse angereicht. Die Dame heißt Marie, ist Französin und mit dem Gatten Christian unterwegs. Er pilgert und sie unterstützt ihn. Zusammen sind sie schon den Camino Frances gelaufen, wie sie mir schnell im Wageninneren verschwindend anhand von Kartenmaterial belegt. Auch hat sie haufenweise Karten und Material zum heutigen Tag und den Etappen und den Herbergen. Kein Wunder, sie hat ja ziemlich viel Zeit. Ich will wissen, ob es ihr gar nichts ausmacht, diesmal nicht selber laufen zu können. „No, no…!“, und so begeistert wie sie ihren Mann unterstützt und so stolz wie sie ist, scheint das eh etwas zusammenzufließen. Es ist ihr gemeinsamer Camino, ihr gemeinsames Projekt, und nachdem schon der nächste Pilger am Ende des Weges auftaucht, mache ich mich mit guten Wünschen wieder auf den Weg, bevor sie wieder mit hoher Stimme „café, café?“ anbietet.

Heute ist mir irgendwie zuviel los. Ich laufe gerne alleine und in gefühlter Einsamkeit. Heute habe ich immer vor und hinter mir Pilger in ferner Sichtweite. Auf den sagenumwobenen Christian vor mir bin ich zwar fast gespannt, trotzdem bin ich froh, als ich ihn endlich bei einem Päuschen passiere. Dieses fast gleichschnell umeinander herumschleichen geht mir sehr auf die Nerven.

Wie fast schon üblich ist der Weg wunderschön und erdend. An den Blumen in Lila, dem Mohn und dem gelben Raps könnte ich mich dumm und dusslig sehen, erst recht heute mit einem Hauch von Sonne hinter interessanten Wolkenformationen. Wieder sehe ich viele Mini-Kaninchen und seltene Vögel. Die Zeit vergeht wie im Fluge, als sich irgendwann die Weite öffnet- und der Turbanpilger, dessen Namen niemand kennt, an einer Kreuzung wartet. Ich frage fröhlich „wohin?“, er kichert in seiner üblich leicht irren Art und zuckt mit den Schultern. Er weiß das auch nicht und hat sich deshalb entschlossen, zu warten. Vor uns zeigt ein Steinquader geradeaus, aber steil nach rechts zeigen haufenweise gelbe Pfeile. Dieser Weg wäre nichts, er würde im Nichts enden, zwei Pilger wären schon nach mehreren Kilometern zurückgekommen. Fleißig hat er daher schon einen durchgestrichenen Pfeil auf den Boden gemalt sowie einen dicken Steinpfeil Richtung geradeaus gebaut. Ein Japaner wäre auch schon geradeaus gelaufen. Ich bin mir der Sache jetzt nicht so sicher, eigentlich kann ich mir nicht erklären, warum auf einmal gelbe Pfeile ins Nichts führen sollen. Und nur weil irgendeiner keinen Weg findet und ein Japaner auch schon in diese Richtung ist, überzeugt mich das nicht. Christian kommt dazu und ist sich zur Freude des Turbanpilgers einig, dass es geradeaus geht. Kunststück. Er sieht ja auch den durchgestrichenen Pfeil und die Steinmarkierung, ohne zu wissen, dass die noch nicht immer da waren. Ich plädiere für die gelben Pfeile, er dagegen meint leicht säuerlich, er würde geradeaus gehen. Christian stürmt geradeaus, ich trotzig nach rechts den Hügel hoch. Der Turban kichert irr und unsicher und bleibt an seiner Kreuzung stehen.

Ob nun richtig oder nicht, mein Weg ist wunderschön, hat nochmal massig mehr Blumen und gewährt fotogene Blicke in die Landschaft. Gelbe Pfeile hat es zugegebenermaßen keine weiteren, und als unten an der Kreuzung ein Haufen weiterer Pilger ankommt, warte ich auf meiner Anhöhe erstmal ab, was sie machen. Überraschenderweise kommen sie alle meinen Hang hoch. Die ersten beiden sind ein spanisches Paar, welches ich sicherheitshalber frage, ob sie denken, dass der Weg gut ist. Nicht, dass sie sich von irgendwelchen Logiken haben leiten lassen, dass es nach rechts geht, weil da ja schließlich schon eine Pilgerin entlang ist. Sie sind ungerührt optimistisch und haben keinerlei Bedenken. Gelber Pfeil gleich Camino, warum nicht. Sie ziehen schnell vorbei. Ein paar hundert Meter später dreht sich die Spanierin nochmal lächelnd zu mir um und deutet auf den Horizont, wo sich eine Stadt abzeichnet. Na, wollen wir ja mal hoffen.

Bei einem Fotostop holt mich ein weiterer Pilger ein, der sich als deutsch entpuppt und mein Tempo geht. Schwierig, sich da wieder gekonnt aus der Affäre zu ziehen und allein weiterzulaufen. Aber für den Moment ist das auch gar nicht nötig, Steffen klingt ganz unterhaltsam – und in meiner momentanen Streckenverwirrung ist mir etwas Halt und Gesellschaft nicht unrecht. Lustigerweise überholt uns übrigens auch der Turbanträger, was ich doch etwas glatt finde. Erst alle überzeugt geradeaus schicken und haufenweise Zeichen selber legen, und dann nicht mal selber an seine Theorie glauben. Na ja, er meint es sicher nur gut.

Steffen ist interessant. Selber schon den Camino Frances gegangen, befindet er sich momentan auf einem Jahr Auszeit, um sich beruflich neu zu orientieren. Er erinnert mich ungemein an Rüdiger Hoffmann und seine Parodie von „Der Mitbewohner“. Egal, was ich sage, er kontert mit „jaaaaa, das kann man so sehen, muussss man aber nicht“ – noch dazu ganz ohne Rüdiger Hoffmann zu kennen. Ich könnte allein deswegen schon ewig zuhören.

Wir kommen an eine kleine Furt, die wir todesmutig in Crocs bzw. Trekkingsandalen durchqueren, nachdem das spanische Pärchen vor uns es vormacht. Das Wasser ist kalt, aber nachdem drunter eine asphaltierte Straße ist und das Wasser frisches Regenwasser, hält sich der Ekligkeitsfaktor in Grenzen.

Mit Steffen lässt sich herrlich herumspinnen. Ich erzähle ihm von einem fernen Wunschtraum eines großen Grundstückes mit Ziegen, Selbstversorgergemüsebeet, einem Esel, einem ausladenden Kräutergärtchen… in seiner Jugend hat er eine landwirtschaftliche Ausbildung gemacht und hat meinem Traum natürlich viel bittere Realität entgegenzusetzen. „Jaaaa, ein Gemüsebeet kann man sich in Höchstgeschwindigkeit von Ziegen wegfressen lassen, muss man aber nicht…“, und auch das Problem der explosionsartigen Vermehrung meiner Ziegenherde habe ich so noch nicht betrachtet.

Es beginnt wieder zu regnen, wir fachsimpeln über Regenponchos (sein Regenschutz sieht wirklich praktischer aus als meine blöde Regenjacke, bei der mir mal wieder alles vom Kinn vorne hineintropft), Fotoapparate und seine Armschlinge, die gar keine ist. Er hat nur nicht gern zu enge Halstücher.

Zusammen erreichen wir Fuente de Cantos und suchen neugierig unsere Herberge – die erste touristische. Ich bin sehr gespannt. Mein Führer spricht mal von Luxus, mal von rein gar nicht Luxus. In schönen Gebäuden sollen sie allesamt liegen. Prompt scheint es auch das imposanteste, größte Gebäude am Ortseingang zur Linken zu sein. In der Rezeption bin ich schon ganz aus dem Häuschen, es hat eine riesige Eingangshalle mit schicken Sofa-Sitzgelegenheiten. Ein schöner Aufenthaltsraum ist genau das, was ich mir gestern in dem kleinen Doppelzimmer so sehnlich gewünscht habe.

Im letzten Moment kann ich noch schnell den Eindruck ausräumen, mit Steffen liiert zu sein. Heute muss ich zugeben, dass der Gedanke näherliegender sein könnte als mit dem wild plappernden Jorge gestern.

Wir bekommen ein wunderbares Zimmer, nur zwei Stockbetten mit blütenweißen Decken in einem großzügigen, rustikalen Steinzimmer. Dazu hat es haufenweise Schränke und Ablageflächen. Stolz zeigt uns der Hospitalero noch den Comedor, einen riesigen Saal mit unzähligen Tischen – und einer Küche. Das Ding sieht aus wie der Tresen einer Bar, nie hätte ich mich getraut, dort zu kochen, aber offensichtlich ist das in Ordnung. Heute ist Samstag, aber vor der Siesta soll noch bis 14.00 ein Supermarkt offen haben. Da springe ich natürlich sofort begeistert hin. Auch Steffen schließt sich an, und leider auch meinen Kochplänen. Das passt mir irgendwie gar nicht, spätestens beim Kochen habe ich gern meine Ruhe und meine Freiräume und möchte mich nicht wegen allem mit jemandem absprechen müssen. Glücklicherweise scheint Steffen deutlich pflegeleichter als meine sonstigen südländischen Pilgermänner. Er verspricht, alles klaglos zu essen und mir das Kommando zu überlassen.

Der Supermarkt ist riesengroß, und ich bin ganz überwältigt von der Auswahl. Zum ersten Mal hat es die winzigen grünen Paprikaschoten, grünen Spargel, tolle Chips und Zutaten für mein klassisches Pilgergericht, Pasta mit tomatas fritas, Zwiebel, Paprika und als heutiges Extra Champignons. Leider habe ich in der Eile nicht näher die Küchenausstattung inspiziert, was Gewürze, Salz und Öl angeht. Risiko.

Überglücklich mit vollen Taschen laufen wir zurück. Steffen scheint leicht erheitert zu sein, was Supermärkte bei mir an Stimmungsverbesserung bewirken können. Noch schnell frisch geduscht mache ich mich ans Kochen. Leider hat es wirklich keinerlei Zusatzaccessoires außer Salz, sodass das mit den Minipaprikas eine Herausforderung wird. Ich habe ein schlechtes Gewissen Steffen gegenüber, hier einen komplett unessbaren Mist zusammenzukochen. Ich esse ja gerne alles und spartanisch, aber er sieht eigentlich etwas luxusverwöhnter und etwas weniger gesponnen aus.

Die Paprikas ohne Öl essen wir so nebenher; die beiden Kochplatten überzeugen durch moderate Leistung, dafür sind die Töpfe niegelnagelneu ungebraucht, noch mit Aufkleber.

Am Eingang steht eine Schubkarre mit einer Plastiktüte, aus der fröhlich ein Haufen behauster Schnecken kriecht. Ich informiere den Hospitalero, wobei meine Pantomime einer Schubkarre und einer Schnecke sehr zur Erheiterung der älteren Herren im Foyer beiträgt. Aber immerhin, er versteht, dass sein Abendessen sich da gerade aus dem Staub macht.

Lieke trifft wie immer strahlend ein, und als unser Essen endlich fertig ist und ich mich etwas in der Pastamenge vertan habe, möchte ich spontan noch Lieke dazueinladen. Ich sprinte mit wehenden duschnassen Haaren an einem erschrockenen rauchenden Pilger vorbei durch die Herberge und frage, wo Lieke wohnt. Der Hospitalero zeigt mir ein Zimmer, wo ich eine mir unbekannte weißhaarige Pilgerin aufschrecke. Der zweite Anlauf ist schon besser. Lieke ist erwartungsgemäß abgebrüht, fragt nur „wann?“ und kommt auf mein Antwort „sofort!“ klaglos mit. Steffen wartet schon leicht sorgenvoll am erkaltenden Essen.

Zu meiner Erleichterung schmeckt es eindeutig essbar, und Lieke und Steffen kennen sich auch schon flüchtig vom Weg. Der eben von mir fast über den Haufen gerannte Raucher kommt in den Speisesaal, er kennt Steffen und setzt sich zu uns. (Essen will er leider nichts, dabei habe ich mich wirklich sehr in der Pastamenge verkalkuliert). Zusammen mit Steffen ist er von einer schnelleren Truppe, die einen Tag nach uns gestartet ist und uns nun nach 6 Tagen um einen Tag eingeholt hat. Die neuen Gesichter freuen mich ohnehin, es kommt etwas Leben in meine friedliche Rentnergemeinschaft. Und Marc reißt es wirklich raus. Er scheint nicht viel älter als ich zu sein, seine dicken Bodybuilderarme zieren Tätowierungen, gleichzeitig ist er aber auch ein erfahrener Pilger und scheint eine ähnliche Begeisterung dafür zu empfinden wie ich. Im Moment informiert er Steffen, dass er beschlossen hat, ab Zafra morgen den Zug nach Cáceres zu nehmen und dadurch drei Etappen einzusparen. Mit seinen Füßen würde es diesmal leider überhaupt nicht gehen. Ich frage, ob er Blasen hat. Nein, überhaupt nicht, es wären eher die Beine. Ob ihm die Sehnen weh tun. Nein, auch überhaupt nicht, weh tun tut nichts und irgendwie wieder alles, es wären eher die Muskeln, die keine Kraft hätten. Entweder, er weiss nicht so recht, was er will oder er kann sich schlecht ausdrücken oder er ist ein medizinisches Wunder. Auf alle Fälle ist er mir auf Anhieb sympathisch, zum einen hat er zu jedem Problem noch ein verschmitztes Lächeln im Gesicht, er hat eine sehr zurückhaltende, angenehm leise Art, und vor allem hat er mal wieder die berühmten Camino-Augen, die strahlen und leuchten und Funken sprühen. Und morgen nimmt er den Zug. Glückwunsch.

Ich ziehe mich in die riesige Eingangshalle mit den wunderbaren Sofas zurück, während draußen an der Fensterfront ohne Unterlass der Regen tropft. In den Schränken im Zimmer hat es sogar duftige, frischgewaschene Wolldecken, sodass ich mich mit meinem Tagebuch und Bändelwolle in Großmuttermanier schön warm auf dem Sofa einpacke. Die Stimmung ist wunderbar gemütlich und friedlich, und immer wieder laufen neue nette Gesichter vorbei – oder liebe alte. Mit einem Urschrei kommt Patrick auf mich zugestürmt, als wäre ich eine lange verschollene Tochter. Er wedelt stolz mit seinem Handgelenk, an dem er brav mein Bändel trägt. Auch Sean ist nicht weit, allerdings wirft er mir einen eher strafenden Blick zu, ob ich denn schon in der Gemäldeausstellung von Francisco de Zurbarán hier bei der Herberge gewesen wäre. War ich natürlich nicht, ich habe auch überhaupt keine Ahnung von Kunst, und das scheint Sean treffsicher zu sehen. Vermutlich sollte eine junge Dame in seinen Augen nicht mit verstrubbelten Haaren den ganzen Nachmittag bändelflechtend auf einem Sofa herumlümmeln. Er trägt natürlich wieder Lackschuhe und Anzug, als käme er gerade von einer Bildpräsentation aus dem Louvre.

Ein sehr kleiner Spanier bespasst mich hartnäckig eine ganze Weile. Er hat vor 6 Jahren auf dem Camino hier eine Deutsche kennengelernt, sie haben geheiratet, und auch der 6-jährige Sohnemann wird mir stolz auf dem Handy präsentiert. Deutsch gelernt hat er bei der ganzen Sache leider nicht, er redet auch wieder unheimlich schnell und viel auf Spanisch, und ich muss mich immer ziemlich anstrengen, aus einem Satz zu rekonstruieren, welche Wörter ich nun verstanden habe und um was es gehen könnte. Er läuft jedenfalls Marathon, sodass 50 km für ihn kein Thema sind. Sein Kollege ist etwas langsamer, und er würde schnarchen. Und sie wohnen in unserem Vierbettzimmer. Na ja, und wenn schon.

Lieke kommt zu einer Art kleinen Ansprache zu mir ans Sofa. Sie denkt, dass sich unsere Wege nun in den nächsten Tagen trennen werden, sie wird wohl kürzer laufen. Sie möchte mir sagen, dass sie mich gern hat. Ich bin gerührt. Wir tauschen Emailadressen aus. Nach einem wirklichen Abschied fühlt es sich nicht an.

Ich lerne den Japaner kennen, der mir heute schon als „der, der den Weg an der Kreuzung geradeaus genommen hat“ vorgestellt wurde. Er ist recht lustig, sehr klein, trägt 2 Rucksäcke, 22 kg gesamt, versteht nicht sehr viel, aber sagt schon mal zu allem begeistert lächelnd „ja, ja!“. Ich bin erleichtert, als auch Christian und Marie durch die Herberge laufen, um Frischwasser zu holen. Sie haben ihren Camper immer vor der Herberge stehen, und wie es scheint, ist auch Christian mit seinem Umweg gut angekommen.

Am schönsten ist es aber mit Steffen und Marc. Marc möchte jetzt abkürzen, weil er bis Salamanca will und kurz vor Salamanca keine Möglichkeit mehr sieht, mit öffentlichen Verkehrsmitteln abzukürzen bzw. wegzukommen. Mein Führer reicht nicht bis Salamanca, dieses Stück habe ich wieder gewichtsparend herausgetrennt, aber in Steffens Führer entdecke ich begeistert, dass bei exakt jeder Etappe vor Salamanca mindestens eine Busabbildung pro Tag verzeichnet ist. Ich komme nicht umhin, das Marc unter die Nase zu reiben und ihm die Vorzüge des später Abkürzens und die nächsten Etappen erstmal Weiterlaufens schmackhaft zu machen. Steffen meint leicht säuerlich, dass man doch jeden seinen Camino so machen lassen soll, wie er will. Grundsätzlich stimme ich ihm natürlich zu. So akut im Moment kann ich mich nur nicht dafür begeistern, die Strahleaugen gleich wieder gegen die fürsorgliche Rentnerfraktion auszutauschen.

Auch Jorge stürmt mit einem erfreuten Aufschrei über die chica, die ja nie etwas versteht, auch mich zu. Er trägt stolz ein Barcelona-Shirt, denn heute ist zur Freude aller Männer irgendein wichtiges Spiel. Meine deutschen Herren machen sich samt Jorge und dem wie immer spontan begeisterungsfähigen Japaner auf den Weg in eine Bar. Meine Pläne für den Abend umfassen einen weiteren Versuch, eine Messe zu besuchen; ferner habe ich noch ziemlich viel zu essen, mindestens den grünen Spargel mit Schinken. Leider war unser Mittagessen recht spät und so ganz viel Hunger habe ich noch nicht, auch wenn der kleine Schnarchkumpanspanier mich begeistert informiert, dass er im Supermarkt Öl und Gewürze für alle besorgt hat.

Kurz vor 8 mache ich mich auf den Weg, es regnet nicht mehr, und der Himmel ist in einen beeindruckenden Sonnenuntergang getaucht. Ich möchte ohnehin das beeindruckende Gebäude der Herberge fotografieren, und so suche ich noch schnell die ideale Stelle für ein Foto. Leider ist es schon 5 Minuten vor 8, die perfekte Stelle scheint immer nochmal 50 Meter entfernt zu sein, und so renne ich ein bisschen. An der Kirche ist um 8 natürlich wie immer alles verschlossen, es beginnt wieder zu nieseln – und bei näherer Betrachtung ziept mein linkes Bein sehr deutlich und ungut. Je mehr ich in mich hineinhöre, desto mehr tut jeder Schritt weh. Es fühlt sich an wie der Beginn des Muskelfaserrisses letztes Jahr. Ich humpele ganz langsam zurück und bin höchst beunruhigt. Ich reibe Arnika-Gel ein und begutachte kritisch das Bein. Es sieht auch schon wieder viel dicker aus. Ich teste, ob die Hosenbeine gleich gut über beide Beine rutschen. Am linken Bein stockt es viel eher. Ist es wirklich schon dicker oder ist es nur das klebrige Gel? Mir ist sehr, sehr elend, als ich mich mit meinem Reiseführer zu beruhigen versuche. Ich habe kein Ziel, das ich erreichen muss, im schlimmsten Fall laufe ich jeden Tag Mini-Etappen.

Ich habe nun überhaupt keinen Hunger mehr, aber immerhin der Spargel muss ja noch weg. Meine spanischen Zimmergenossen sind gerade fertig mit ihrem opulenten Mahl, ich koche mir ganz schnell meinen Spargel und esse ihn halbgar direkt ohne Würze aus dem Topf. Dann lege ich mich schnell recht verzweifelt ins Bett und bete einfach nur noch, dass mein Bein wieder gut wird.

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Irgendwann mitten in der Nacht weckt mich meine Blase. Ich will mich gerade auf den Weg zur Toilette machen, als ich aus dem Hauptzimmer nebenan Geräusche höre. Soweit ich das mit nächtlicher Verpeiltheit und ohne Brille einschätzen kann, schleicht dort jemand mit der Taschenlampe umher. Für einen Toilettengang schleicht er deutlich zu lange, und einen Frühaufsteher würde ich auch ausschließen. Ich kenne die Pilger hier, der einzige eventuelle Frühaufsteher ist Lieke, und die liegt noch im Bett neben mir. Es zieht auch ziemlich kalt, d.h. die Herbergstür ist offen. Soweit es mein verschlafener Zustand ermöglicht, bin ich hochalarmiert und wittere einen Einbrecher. Ich krame nach meiner Stirnlampe und werfe sicherheitshalber einen Blick auf die Uhr – und kriege einen kompletten Schreck. Es ist bereits kurz vor 8 !!!

In Anbetracht dieser Tatsache ist die Geräuschkulisse dann doch eher erklärbar. Ich traue mich aus dem Zimmer- im Flur bepackt die kleine Bayerin ihr Fahrrad, etwas verschüchtert, wann wir denn immer so aufstehen würden. Sie kennt das morgendliche Geraschel vom Camino Frances und hat wie ich ein schlechtes Gewissen, den friedlichen Rentnerschlaf hier zu stören.

Ich mache mich schnell auf den Weg. Ich komme an einer geöffneten Panaderia vorbei und bin in freudiger Erwartung eines leckeren, ofenfrischen Schokocroissants. Der zur frühen Morgenstunde moderat heitere Bäcker zerstört meine Träume, nix Schoko, nix Süß. Und das Brot, das ich dann kaufe, ist auch wieder typisch für hier. Weiß und trocken. Ein klein wenig geknickt und frustriert bin ich dann doch. Nichts erhellt einen Morgen für mich mehr als ein leckeres süßes Stückchen oder ein ofenfrisches, luftig knackiges Ciabattabrot. Dass es hier extra eine Bäckerei gibt und der Mann nichts anderes fertigbringt als trockene, weiße Brote mit einer Kruste, mit der man Fenster einschlagen könnte…

Die fröhliche Radpilgerin kommt an mir vorbeigestrampelt. Schade, ich werde sie nicht mehr wiedersehen. Ihr trockener Humor und ihre unverwüstliche Art waren erfrischend.

Dafür komme ich schon nach ein paar Minuten an die Grenze von Andalusien und der Extremadura – und zu einem persönlichen landschaftlichen Highlight. Hinter einem zu überquerenden Flüsschen erhebt sich eine malerische Burgruine, das Castillo de las Torres. Davor weiden friedlich Schafe inmitten von Rapsfeldern.

Die Sonne ist mir heute nicht besonders hold. Hinter dicken Wolken kommt sie zwar für ein paar Momente hervor, aber nicht dort, wo ich sie gern hätte bzw. dann, wenn ich meinen Foto parat habe. Wie so oft ist es also wieder ein beeindruckender Moment, den es im Herzen zu behalten gilt und der sich nicht auf Fotopapier bannen lassen will.

Genauso auch der weitere Weg. Die morgendliche Sonne im Kampf mit den zunehmenden Wolken schafft beeindruckende Farbspiele. Ich könnte endlos Bilder in den Himmel und auf die Blütenpracht auf den Feldern am Weg machen. Durch die Linse sieht es aber gleich halb so lebendig und kraftvoll aus.

Ich bin ganz berauscht von dem trotz verhangenen Himmel schönen Weg. Ich bin definitiv ein Fan von den Viehweiden. Diese ruhig grasenden Kühe mit den imposanten Hörnern, die gedrungenen Eichen und die moosbewachsenen Steinmäuerchen, alles strahlt so eine Ruhe und Beständigkeit aus. Ich komme kaum umhin, mich nicht geerdet zu fühlen. Zugleich fühlen sich die täglichen Sorgen und Gedanken sehr vergänglich an. Heute laufe ich hier durch, und in einigen Monaten und Jahren und Jahrzehnten und Jahrhunderten läuft wahrscheinlich irgendein anderer Pilger mit ganz anderen Problemen hier durch ganz genau das gleiche Setting. Ich muss an den Satz „Es wird immer wieder Morgen“ denken. Irgendwie beruhigend.

Viel zu schnell wird die Landschaft plötzlich weiter. Die Viehherden werden größer, die Weiden baumloser, und die schönen Steinmäuerchen ersetzt ein klassischer Elektrozaun. Ich bin wehmütig.

Während zur meiner Rechten eine riesige Kuhherde mit vielen Kälbern gerade geschlossen in meine Gegenrichtung marschiert, gucken mich zur Linken etwa 30 Kühe wütend an und beginnen ein furchterregendes Gemuhe. Bei näherer Betrachtung sind das alles Stiere, und ich bin recht froh, dass sie sich nicht weiter für mich interessieren. Dieser kleine Elektrozaun überzeugt mich in dem Moment nicht so wirklich.

Hinter mir in der Ferne taucht der Turbanpilger auf; statt Weiden leistet dem Weg jetzt eine mehrspurige Nationalstraße Gesellschaft. Die Pfeile sind schwer zu finden, und ich fühle mich ganz prima, mitten auf Verkehrsinseln oder auf Randstreifen. Die Lastwagenfahrer gucken mich verständnislos an – entweder, dass ich überhaupt wandere oder ob mir nicht dämmert, dass ich mich verlaufen habe. In Sichtweite hinter mir macht der Turban auch keine viel bessere Figur.

Umso erleichterter bin ich, als es endlich wieder gelbe Pfeile hat und auch wieder einen kleinen Pfad durch den Wald. Mit seinen Eucalyptusbäumen erinnert er an Galicien, allerdings stört die vielbefahrene Autobahn doch recht merklich die Idylle. Es beginnt wieder ziemlich zu regnen, aber heute ist mir nicht nach Unterstellen. Monesterio müsste in greifbarer Nähe sein.

Auf Höhe einer Siedlung kommt ein Hund in meine Richtung getrabt. Mit recht viel Respekt und Furcht ausgestattet, pflege ich wie üblich mein vor allem für mich selber beruhigendes „ja, bist ein guter Hund, gehst schön an mir vorbei, ja, ganz prima, wir stören uns gar nicht“ zu sagen und möchte schon erleichtert aufatmen, als er mir plötzlich von der anderen Seite seinen Kopf entgegenstreckt. Wirklich aggressiv und furchterregend wirkt er nicht, eher sehr erwartungsvoll. Und er läuft mir voll vor die Füße. So umlaufe ich ihn einfach – damit er ein paar Sekunden später schon wieder fröhlich von der Seite angeschielt kommt. Ich scheitere wohl sehr kläglich in Sachen „bestimmtes Auftreten“, als ich ihm jedes Mal versichere, dass ich nichts für ihn habe und doch auch weiterlaufen muss. Ich bin schon nah am Verzweifeln, als er mehrere hundert Meter nicht von meiner Seite weicht, ich immer wieder stehenbleiben und hinter ihm vorbeilaufen muss, nur damit er mich wieder fröhlich umrundet und interessiert anlächelt. Als er dann irgendwann etwas geknickt stehenbleibt und davontrottet, habe ich fast ein schlechtes Gewissen.

Wegen des Regens laufe ich weitgehend mit gesenktem Kopf. So habe ich genügend Zeit, die Fußspuren im Boden vor mir zu studieren. Seit heute auch durchsetzt von Hufabdrücken. Ich erinnere mich an einen Blog, den ich vor meiner Abreise noch gelesen habe. Ein Deutscher mit Esel soll unterwegs sein, und nachdem der recht langsam sein soll, habe ich mich schon gefreut, ihn wahrscheinlich irgendwann zu treffen.

Und wie es er Zufall so will, plötzlich fällt mein Blick auf eine kleine Senke neben dem Weg, wo ein Mann mit großem, roten Regenponcho steht – und mit ihm ein schwarzer Esel. Er grüßt, und ich lasse mich zu einem kleinen halsbrecherischen Abstieg den Hang hinunter hinreißen. Es ist wirklich der Mann mit Esel aus dem Blog, allerdings ist er im Moment wenig glücklich. Der Esel scheint nicht nur störrisch, wie es sich gehört, sondern ist auch noch etwas neurotisch und im Moment krank. Er hat durch das Gepäck einen Rundrücken, läuft jetzt nur noch mit Alibigepäck („dass sich die Spanier nicht totlachen, dass da einer mit leerem Esel rumläuft“), und das Herrchen ist verzweifelt, weil alles so furchtbar umständlich ist und lange dauert. Durch Wasser läuft das gute Tier nie, und Angst macht ihm alles, vom flatternden Regencape über Straßen bis hin zu anderen Tieren. Frauenstimmen und Städte scheinen ihn allerdings in seinem Ehrgeiz zu wecken, da würde er laufen wie eine Eins. So machen wir uns dann auf die letzten Meter nach Monesterio – und zumindest für die kurze Zeit und ohne zu überquerende Bäche bin ich hin und weg von dem guten Tier. Eberhard erzählt mir, dass für heute ein Hotel reserviert ist sowie ein Ruhetag geplant ist. Normalerweise würden sie sich einen schönen Platz irgendwo in einem Industriegebiet zum Zelten aussuchen. Da werde ich jetzt zur Abwechslung mal ganz neurotisch. Ob ihm das denn keine Angst macht? Er lacht herzlich. Irgendjemand würde ja wohl schon auf ihn aufpassen. Ich gucke wohl etwas fragend. Er meint, ihn hätte schon so oft jemand beschützt. Sympathisch.

In Monesterio trennen sich unsere Wege. Ich muss erkennen, dass es hier wirklich keine Pilgerherberge gibt. Normalerweise laufe ich begeistert mit meinem alten Führer, denke bei jeder Widrigkeit „ach, das werden die in den letzten Jahren sicher irgendwie gelöst haben“- und habe auch immer wunderbar recht damit. Heute eben leider nicht. Ich muss in eine Pension, die mit 12 Euro zwar auch nicht wirklich teuer ist, mir aber einfach vom Pilgergefühl nicht so ganz passt.

Die Pension soll am Ortsausgang liegen, sodass ich kurz vor 14.00 noch schnell einen wunderschönen Supermarkt leerkaufe. Heute ist mir irgendwie nach Verwöhnen und Ausprobieren, ich kaufe Erdbeeren, einen Mischsalat, meine erste Kas-Limonade seit Jahren und eine „cerveza sin“, alkoholfreies Bier. Meinen Versuch, etwas Typisches und Frisches an der Fleisch- und Käsetheke zu erstehen, begrabe ich vorzeitig. Wie so häufig in den Geschäften hier genießen Pilger nicht das allerbeste Ansehen. Die Verkäuferinnen schauen einfach mehr oder weniger durch mich hindurch und wischen erstmal in aller Seelenruhe fertig oder lassen sich in ihrem Gespräch mit der Kollegin nicht unterbrechen. Kommt eine Spanierin, stehen sie sofort parat. Ein paarmal mache ich dieses Spiel mit, kaufe dann aber frustriert und ein wenig niedergeschlagen einen eingefolten Käse.

Die Herberge finde ich problemlos, allerdings ist die Tür verschlossen und wird geziert von einem Schild mit einer Telefonnummer. Mein Camino-Alptraum. Schon im Vorfeld hat mich die Vorstellung am meisten beunruhigt, für die Herberge irgendwelche Nummern zu wählen und auf Spanisch in ein Telefon irgendwas sagen zu müssen. Ich komme mit meinem Spanisch prima klar, aber vor allem in Kombination mit meinem hilflosen Gesicht und meiner ausladenden Gestik. Bisher hatte ich Glück, immer gab es den Schlüssel bei Menschen aus Fleisch und Blut abzuholen.

Ich sitze recht verzweifelt. Da muss ich jetzt wohl durch, wenn ich nicht den ganzen Nachmittag hier sitzen möchte. Zumal es wieder wunderbar nieselt. Da taucht wie durch ein Wunder Jorge aus der Bar nebenan auf – und zum ersten Mal freue ich mich aus tiefstem Herzen, ihn zu sehen. Er hört sich ja unheimlich gern reden, insofern freut er sich auch richtiggehend in Anbetracht des bevorstehenden Telefonates. Ein kleines Mädchen kommt angerannt und erklärt atemlos und etwas wirr etwas. Er soll nicht anrufen, ihr Papa ist der Inhaber, er ist auf der Straßenseite gegenüber und hat uns schon gesehen. Prima.

Weniger froh bin ich, als wir in der Bar der Herberge bezahlen und unsere Personalien eingetragen werden. Jorge quasselt in einem Fort, ich verstehe unter anderem nur, dass er das junge Fräulein an seiner Seite als seine Freundin vorstellt, die aber leider kein Wort Spanisch versteht. Ich sehe mich in einem Doppelzimmer mit Jorge landen und überlege panisch, wie ich da jetzt wieder herauskomme. Erlöst werde ich von einem Schatten, den ich durch das Milchglas wahrnehme, der stockt und zurück zum Eingang kommt. Im nächsten Moment ist die neongelbe Rucksackhülle von Lieke ebenfalls in der Bar, und ich bin ganz unendlich froh. Der Spanier scheint zu verstehen, dass ich auch sehr gern ein Zimmer mit Lieke teilen würde. Er fragt, ob ein Zimmer mit Grand Lit gehen würde. Das suggeriert, dass es auch ein Doppelzimmer mit Einzelbetten geben würde, was er uns dann zähneknirschend überlässt.

Ich bin soweit überglücklich, auch weil das Zimmer sehr sauber, hell und einladend ist. Wir haben ein eigenes Bad, und die Betten sind mit einem blütenweißen, seidenen Überwurf bedeckt. Genau richtig für uns nasse, matsch- und lehmverzierte Pilger. Nach wenigen Minuten dämmert mir, dass Pensionen wirklich nichts für mich sind. Ich fühle mich irgendwie beklommen, hin- und hergerissen zwischen „muss ich was sagen?“, „rede ich zu viel?“, „will Lieke ihre Ruhe?“, „dusche ich zu lang?“, „bin ich höflich genug?“… ich versuche einen Abstecher nach draußen zum Essen, aber es regnet und ist wirklich kalt. Zudem haben wir nur einen Schlüssel, und durch die Haupttür kommt man sogar auch nur mit Schlüssel hinaus. Brandtechnisch begeisternd.

So schreibe ich mein Tagebuch und mache ein eher frustriertes Verlegenheitsschläfchen. Gegen Abend bin ich froh, wegen Kirche und Internet, zum ersten Mal seit einer Woche, aus der Enge des Zimmers flüchten zu können. In der Officina de Turismo frage ich nach dem Centro Social, indem es gratis Internet geben soll. Der Herr am Schalter lacht herzlich. Es wäre nicht im Centro Social, sondern in irgendwas furchtbar langem definitiv anderem. Aber offensichtlich kommen hier am Tag 20 Pilger vorbei und fragen hilfesuchend aus dem gleichen Grund nach dem Centro Social.

Monesterio hat sogar einen eigenen Stadtplan, indem er mir liebevoll die nächste Straße markiert. Dort trapse ich begeistert bei vier Damen in ein Büro. Die haben zwar kein Internet für mich, liefern mich aber (dank meines verzweifelten Gesichtsausdrucks) persönlich in der Bibliothek ab. Dort wird mir liebevoll ein Rechner zugewiesen und ein Passwort zugereicht. Sehr liebevolle Betreuung. Ich schreibe zwei Mails nach Hause, bin dann aber auch wieder sehr froh, das Internet für die nächste Zeit auf Eis legen zu können. Die wenigen Mails in meinem Posteingang haben mich schon wieder furchtbar in Planungen und Überlegungen und Sorgen gestürzt. Ich bin doch hier auf dem Camino und habe ein Recht auf meine gedankliche Entspannung.

Die Bibliothekarin erklärt gerade ein paar Spaniern liebevoll, wie ein Kreuzworträtsel zu machen ist und wie ein Bild auszumalen ist. Eine schöne Atmosphäre. Ich bedanke mich für die Internetnutzung, sie strahlt überschwänglich und freudig. Da könnten sich die Damen an der Frischetheke mal ein Scheibchen abschneiden.

Ich gehe zur Herberge zurück, wo ich glücklicherweise gerade die Schwäbin mit Begleiter treffe, die mir die Tür aufschließen können. Ich mache mit Lieke Picknick auf dem Bett, wir krümeln ordentlich die schönen Handtücher voll. Sie ist wirklich nett, trotzdem sehne ich mich nach besserem Wetter, um irgendwann mehr draußen sein zu können, sowie nach einer richtigen Herberge, wo man unbeobachtet in der Masse untergehen kann.

Um 20.00 mache ich nochmal einen Versuch durch den Regen zu einem Gottesdienst. Ich bin nicht sehr überrascht, dass die Kirche wieder abgeschlossen ist. Frustriert vom Regen und den verschlossenen Kirchen mache ich mich im Anschluss auf ins Bett. Zum ersten Mal ohne Jorge im gleichen Zimmer, zum ersten Mal ohne Ohrstöpsel.

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Nach der gestrigen doch etwas längeren Etappe bin ich heute ganz froh über die geplante Minietappe mit 15 km. Meine Hüften fühlen sich ziemlich steif und eingerostet an, und einen Totalschaden will ich auf keinen Fall riskieren.

Die lauten englischen Radpilger rascheln morgens vor 7 in voller Lautstärke, ich habe es geahnt. Ich schäle mich gekonnt aus meiner Schlafnische, räume alles in meinen Schlafsack und verlagere mich in den Frühstücksraum. Meine Wäsche ist zum Glück weitgehend getrocknet. Heute ist das Pilgerkollektiv irgendwie unruhiger als sonst, Pilger um Pilger kommt in den Raum und packt wohl so sorgsam wie noch nie alles schön bei Licht und mit Platz in seinen Rucksack. Als ich kurz nach 7 gehe, ist im Schlafsaal schon die Deckenbeleutung an.

Vorbei an einer kleinen Stierkampfarena geht es in ländliche Gefilde. Mein Führer kündigt etwas von einer Umleitung wegen einer privaten Finca an, ich bin also gespannt. Zuerst fängt es aber erst einmal zu nieseln an, während ich im vernebelten Morgengrauen an Weiden und durch die typischen Eichenwälder wandele. Nach einer Weile führt das idyllische Wegchen auf eine asphaltierte Straße, auf der ich einen Spanier aus der Herberge treffe, der nach eigenen Aussagen so 50-60km am Tag läuft. Er trägt einen sehr lustigen Regenschirm, der irgendwie nicht zu seiner sonstigen hartgesottenen Art passt.

Auf Höhe einer Farm mit vielen Schafen setzt plötzlich so starker Regen ein, dass ich mich kurzfristig lieber unterstelle. Die dicke Eiche bedeckt zwar gut meinen Kopf, aber an den Schultern läuft dann doch alles an mir herunter. Statt einem kurzen Schauer wie so oft regnet es gut eine Viertelstunde wie aus Kübeln. Die Schafe stehen wie festgeklebt regungslos auf ihrer Weide, und ich tue es ihnen unter meiner Eiche nach, während um mich herum ziemliche Bäche vorbeiziehen.

Irgendwann laufe ich dann doch weiter, nachdem mir das Wasser überall hineinläuft. Eine Regenhose hätte ich zwar in den Tiefen meines Rucksacks gehabt, aber so nass wie ich nun bin, macht das auch keinen Sinn mehr. Das Wasser von der Rucksackhülle scheint mir gekonnt hinten in die Hose hineingelaufen zu sein, und auch meine Schuhe sind nass. Juhu.

Bei dem Nieselregen bleibt ein wenig die Schönheit der Strecke und der interessanten Viehherden verborgen. Ich laufe mal wieder möglichst schnell und mit gesenktem Kopf an Schaf- und Ziegenherden vorbei- und an den beeindruckenden schwarzen Schweinen.

Auf einer leichten Anhöhe bietet sich ein beeindruckender Blick in die Weite und auf die unterschiedlichen Wetterfronten. Ganz in der Ferne ein Hauch von blauem Himmel, ansonsten aber viel Regen und dunkelstes Gewitter. Nichts wie weiter.

Ich bin froh über meinen Multifunktionsschlauch, den ich nun als Stirnband verwende. Es regnet und stürmt, und spätestens auf nasse Fransen im Gesicht kann ich gerade wirklich verzichten, wenn sonst schon alles nass und triefig ist.

Es geht wieder etwas bergab, und mit einem Mal entspannt sich auch das Wetter. Der Weg führt eine breite Straße entlang, kein Wind mehr, und auch der Regen hat aufgehört. Der Himmel ist immer noch reichlich bewölkt. Zum ersten Mal heute kann ich meinen Rucksack abnehmen und mir drei Brownies vom Vortag genehmigen, die mit etwas Regen ganz hervorragend schmecken.

Ich muss an die Messe am ersten Abend in Sevilla denken und an die beeindruckende Gläubigkeit der jungen Lateinamerikaner. Mir kommt das Bild in den Sinn, wie einer sehr selbstverständlich beim Vater Unser die Arme weit ausgebreitet hat. Danach ist mir jetzt auch. Nach wenigen Sekunden beleuchtet mich ein heller Sonnenstrahl. Ich drehe mich ungläubig um und denke „Gott, jetzt nicht echt, oder?!“, aber da schiebt sich schon wieder die Wolkendecke zusammen. Seltsam.

Gegen Mittag erreiche ich eine Ortschaft, mein heutiges Etappenziel. Am ersten Haus entleert eine Frau enthusiastisch einen Putzeimer quer über die Straße; ich habe Glück, zu meiner Nässe nicht auch noch putzmitteliges Zitronenaroma abgekriegt zu haben. Beim näheren Hinsehen ist das auch gleich die Herberge. Zuerst muss ich aber in die Touristeninformation zum Bezahlen und Schlüsselholen. Und die ist „todo recto, todo recto“, man könnte meinen, mehrere Kilometer weit entfernt. Wie schön.

Auf dem Rückweg von dort kaufe ich gleich noch ein wenig Proviant ein. Mittlerweile ist der spanische Putzteufel verschwunden und ich schließe zum ersten Mal mit eigenem Schlüssel eine Herberge auf. Ein komisches Gefühl. Das kleine Gewölbe am Eingang beherbergt einen grossen Tisch. Zur Linken geht es in mein Zimmer mit zwei Stockbetten und reichlich verzierten Überwurfdecken. Ich erkunde die rechte Seite, immer mit eingezogenem Kopf, denn die Türrahmen sind nicht für meine Größe ausgelegt. Zwei schnuckelige Bäder, ein Kamin sowie zwei weitere, noch abgeschlossene Zimmer. Eine spannende Herberge, eine Mischung aus Hexenhäuschen und altenglischem Charme.

Ich gönne meinem ziemlich feucht ausgekühltem Körper eine sehr heiße Dusche und wische anschließend pflichtbewusst mit dem Wischmop hinterher. Eine Duschkabine oder ein Duschvorhang haben schon ihre Vorteile.

Ich suche einen trockenen Platz für meine Wäsche, als draußen neongelb rucksackbehüllt Lieke vorbeitrabt. Ich rufe und erkläre ihr den Weg zur Officina de Turismo. Auch Jorge trifft hoch erfreut ein, kurz darauf die beiden Iren. Im Minutentakt kommt auch noch die Schwäbin und ihr Begleiter. Alle lassen ihre nassen Rucksäcke schon mal in dem kleinen Eingangsgewölbe.

Ich widme mich meinem schönen Mittagessen mit Partyspießchen und Aprikosenjoghurt zum Nachtisch. Ein ungewohnter Luxus und eine willkommene Abwechslung zu dem sonstigen Weißbrot mit Chorizo.

Gegen Nachmittag kommt fast ein bisschen die Sonne heraus. Prompt schleppen wir schnell die Stühle auf die Terrasse und breiten die Wäsche auf dem Geländer aus. Nachdem es alle halbe Stunde wieder zu einem kleinen Wolkenbruch ansetzt, kommt so zumindest keine Langeweile auf.

Eine kleine Radpilgerin aus Bayern trifft ein. Sie fährt auf einem gemütlichen Damenrad, ein lustiger Kontrast zu den sonstigen Radpilgern. Meist sind es junge, durchtrainierte spanische Männer auf Rennrädern mit entsprechenden Radlertrikots. Sie sieht einfach aus, als würde sie mit dem Rad zum Einkaufen fahren. Und als hätte sie ein Wolkenbruch erwischt.

Der Ire Sean überrascht mich, indem er sich plötzlich in Bügelfaltenhose, weißer Anzugjacke und schwarzen Lackschuhen auf den Weg zu seinem nachmittäglichen Bier macht. Es passt hervorragend zu seinem auch sonst sehr stilvollen Habitus, aber herrje, was trägt er nur alles. Nachdem ich meinen Rucksack auch wenig pfleglich behandele, ihn gern mal in irgendwelchem Matsch abstelle oder mich draufsetze oder -lege, würde so illustres Bekleidungsmaterial bei mir wohl auch nicht sehr lange überleben.

Nach einem kurzen Mittagsschlaf weiß ich, warum meine Hüften so weh tun. Es liegt nicht einmal an der Laufbelastung, sondern an den sehr weichen Matratzen. Seit dem Schläfchen tut mir nämlich sehr eindeutig die Seite weh, auf der ich gelegen habe. Beruhigend für meine weiteren Wanderpläne.

Wir verbringen einen entspannten Nachmittag auf der weitläufigen Terrasse mit Blick auf eine riesige Ziegenzucht und erleben sogar eine Geburt mit. Es bleibt viel Zeit zum Lesen und Schreiben und für Gespräche. Die Radfahrerin stöhnt über die rutschigen Wege und hat auch schon beachtliche Blessuren an den Beinen vorzuweisen. Lieke ist ziemlich geschafft von den heute zu durchquerenden Flüssen, bei einem hätte sie bis zu den Oberschenkeln im Wasser gestanden. Ich bin überrascht, ich habe keinen Fluss wahrgenommen, zumindest keinen, bei dem ich nass geworden bin. Vermutlich hatte ich durch meinen frühen Start das Glück, den Regen nur von oben mitzubekommen und nicht in Form der blitzartig angeschwollenen Bäche. Auch die angekündigte Umleitung wegen der Privatfinca habe ich nicht mitbekommen. Die Radpilgerin ist aktueller informiert; diese Problematik hat sich vor einigen Monaten wohl gelöst.

Der Pilger mit dem grünen Turban, von Jorge wenig respektvoll als “ el Taliban“ tituliert, schaut sich die Herberge an. Mir wird ganz anders, denn das Bett über mir ist noch frei. Er wirkt ein wenig irr, aber nett und freundlich, trägt aber sehr schmutzige, abgerissene Gewänder und riecht sehr gewöhnungsbedürftig. Nach etwa einer Stunde geht er plötzlich weiter. Als ich frage, ob er es sich anders überlegt hätte, meint er, er wäre Pilger ohne Geld und würde etwas weiter draußen sein Zelt aufschlagen.

Gegen Abend mache ich mich wieder einmal auf zu einer Messe, laut meinem Führer um 19.00. Wie schon so oft ist die Kirche abgeschlossen. Wieder erklärt mir eine freundliche Spanierin, dass sie vielleicht später aufmacht und ich einfach auf die campanas, die Glocken, hören soll. Das kenn ich ja schon. Ich laufe ein paarmal im Kreis, auf der Suche nach einem Supermarkt oder einem schönen Fotomotiv. Der Himmel ist ganz beeindruckend, voller gewaltiger Wolken und Abendsonne.

Ich treffe Patrick, der ebenfalls mit Foto bewaffnet unterwegs ist. Wir fachsimpeln ein wenig über Bilder, und er verspricht mir, mir einen Link zu seinen Picasa-Bildern zu schicken. Er lacht sich schlapp über das summende Geräusch, das mein noch nicht digitaler Foto von sich gibt. Er selber hat Hightech pur in Händen und macht beeindruckende Bilder. Wir laufen zusammen zum castillo, einer Burgfestung, hinauf. Es ist sehr lustig und erfrischend mit ihm. Eigentlich ist das das erste längere und ausgelassenere Gespräch, seit ich auf der Via unterwegs bin. Patrick ist zwar vermutlich auch fast doppelt so alt wie ich, glücklicherweise aber nicht mit der üblichen väterlichen Besorgnis ausgestattet, die ich hier so oft hervorrufe. Ich überreiche ihm ein Armbändel.

Zu seinem etwas speziellen Planungsverhalten mit den laminierten Plänen und Klebepunkten ist er auch ein interessanter Fotograf. Am liebsten geht er auf Einheimischenjagd in möglichst natürlichen Posen. Zu diesem Zweck stellt er einen Timer an seiner Kamera ein, hat diese um den Hals hängen und promeniert dann, interessiert in seinen Stadtplan schauend, an den Zielen seiner Begierde vorbei. Die gelungenen Bilder geben seinem ungewöhnlichen Vorgehen recht.

Gegen 20.00 probiere ich es ein letztes Mal mit der Messe, wieder ohne Erfolg. Dafür finde ich noch einen kleinen geöffneten Markt und tanke nochmal Joghurt und Schinken. Beim näheren Hinsehen ist der schon wochenlang über das Verfallsdatum hinaus. Ich darf ihn zwar umtauschen, die Verkäuferin legt mein Exemplar allerdings wieder ungerührt aus.

Es wird schon dunkel, als noch eine rastabezopfte junge Dänin vor der Herberge steht. Sie hat eine ziemliche Ruhe weg. Wir sind alle am Überlegen, wie sie jetzt noch ein Bett bekommen kann. Wir sind zu acht, beide Zimmer belegt, und für das dritte Zimmer bräuchte man wohl einen Schlüssel, den es aber nur in der mittlerweile geschlossenen Tourismusoffice gibt. Patrick probiert die Klinke – das Zimmer ist offen. Glück gehabt.

Während ich noch ein spätes Abendessen zu mir nehme, ereifert sich die Dänin mit Patrick über die Vorzüge verschiedener GPS-Systeme. Ich habe davon rein überhaupt keine Ahnung, finde es auch ausgesprochen überflüssig hier und bin recht froh, dass ich dann zeitnah in mein Zimmer verschwinden kann, wo Lieke schon seit langem schläft und Jorge ohrenbetäubend wie immer schnarcht.

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