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Posts Tagged ‘Muxía’

Noch früher als sonst, in kompletter Dunkelheit, wartet der kleine Pilgerhaufen am nächsten Morgen auf den Bus zurück nach Santiago. Es ist ein komisches Gefühl. In Santiago hatte ich immer noch das Gefühl „ich laufe ja noch weiter“, „ich bin noch Pilger“, „es kommt noch etwas“. Nach 3 Wochen auf meinen Füßen, immer mit dem Rucksack auf meinem Rücken, fühle ich mich, als würde ich einen Teil von mir weggeben, als ich meinen Rucksack in den Bauch des Busses verfrachte. Aus dem Fenster wirkt es höchst unwirklich, an den Stellen vorbeizufahren, die ich noch vor ein paar Tagen mühsam bewandert habe. Gleichzeitig ist es aber auch ein erhebendes Gefühl zu sehen, welche Distanzen man doch zurückgelegt hat.

In Santiago machen Andi und ich uns erst mal auf die Suche nach einer Herberge. Wir einigen uns auf eine in Busbahnhofnähe, damit es jetzt schneller geht und wir morgen gut auf unsere Flieger kommen. Wir werfen unsere Rucksäcke ab und mich zieht es so kurz vor 12 schon wieder magisch in die Pilgermesse.

Diesmal sichere ich mir rechtzeitig meinen Spitzenplatz im Seitenschiff, strategisch günstig, um den Botafumeiro diesmal etwas besser zu sehen. Aber während der Messe stellt sich nicht die erwartete Euphorie ein, und den Weihrauchschwenker gibt es diesmal auch nicht. Ich erinnere mich an „jeder bekommt den Empfang, den er verdient“  – heute für meine Busfahrt habe ich ihn wohl wirklich nicht verdient. Und ein bisschen schön ist es dann ja auch doch, dass ich an meinem ersten Tag hier dann einfach so etwas wie Glück hatte.

Nach der Messe lauert Andi schon auf gemeinsame Unternehmungen, aber ich will in Ruhe meine Souvenirs shoppen und vertröste ihn auf später. Wie vor meinem kleinen Exkurs ans Ende der Welt schon auskundschaftet, finde ich zielsicher die besten Läden für meine Magneten mit Muschel- und Pfeilsymbolen und eine Tasse für eine Freundin. Mit meinem Muschelkettenanhänger hadere ich immer noch, so richtig überzeugt mich keiner, und ich beschließe, es dann lieber zu lassen als mich mit einem Kompromiss zu begnügen. Auch der Rosenkranz für meinen Freund stellt mich vor gewisse Schwierigkeiten, weiß ich doch nicht, wie man so was betet und worauf es folglich ankommt. Im Minishop an der Kathedrale fällt mir dann doch ein passendes Objekt ins Auge, aus dunklem Holz und mit Rosenduft. Und die Kirchnähe stimmt mich deutlich versöhnlicher als die kitschigen Plastikkränze mit Plastikduft.

Zufrieden lade ich meine Errungenschaften in der Herberge ab und mache mich auf zu meinem letzten Programmpunkt. Mir liegt immer noch etwas im Magen, dass meine Begegnung mit dem Monte de Gozo so unspektakulär war. Von Freude keine Spur, und nicht mal die Kathedrale habe ich von dort gesehen. Und kaum war ich in Santiago, habe ich eine Karte mit einem beeindruckenden Monument im Vordergrund entdeckt – zwei bronzene Pilger in altertümlicher Erscheinung, die auf die Kathedrale zeigen. Irgendetwas daran hat genau meine Stimmung getroffen, und so habe ich das dringende Bedürfnis, diese Statuen zu suchen, von dort noch mal den ersten Blick auf Santiago zu genießen und ein Foto zu machen, mit einer dünnen, etwas weniger beeindruckend gekleideten Dritten im Bunde, die sich aber sicher genauso freut und genauso viel Stolz auf ihren Schultern trägt.

Auf dem Weg dorthin treffe ich Andi, der sich recht einsam den Tag um die Ohren schlägt. Praktischerweise war er schon beim Monument, sodass ich diesen Moment auch noch mal alleine genießen darf. Leider findet sich diese Stelle gar nicht so leicht, nicht einmal, als ich die gesamte Belegschaft eines Restaurants mit dieser Problematik beschäftige. Die Statuen müssen irgendwo ein paar 100 Meter weiter sein, aber diese Herren der Schöpfung meinen im ersten Moment, die wären gar nicht in Santiago. Prima.

Nach beharrlicher Suche entdecke ich dann doch mein Ziel – beeindruckend ist es wirklich, wenn auch aus meinem Plan des Gruppenfotos nichts wird. Die Herren sind gut und gern doppelt so hoch wie ich. Faszinierenderweise bin ich die einzige weit und breit an diesem beeindruckenden Ort, und so kann ich wie in Muxía in Ruhe und Stille den Moment und Ort auf mich wirken lassen.

Leider scheint aus meinem Foto überhaupt nichts zu werden; ich bin der Selbstauslöserfunktion nicht mächtig, und hier ist wirklich weit und breit niemand. Denke ich zumindest, bevor mich ein beunruhigendes Rascheln und Lärmen aufstehen und über das Gebüsch neben mir schauen lässt. Im ersten Moment bin ich versucht, die Flucht zu ergreifen – das Bild, das sich mir bietet, ist beeindruckend. Die ganze weite Wiese, von rechts nach links, so weit das Auge reicht, wird von einem Heer gestürmt, wie ich es aus „Herr der Ringe“ oder „Der Patriot“ kenne. Nach dem ersten Schock differenziert sich das Heer zu einem deutschsprachigen Rudel behängt mit Fotoapparaten, und der Reisebus dazu lässt sich auch ausmachen. Im Nu ist mein kleines Ruheinselchen bevölkert von wuselnden Touristen, aber ich habe mit der Wahl meines Fotografen Glück – er scheucht den Reisebusinhalt resolut noch mal zur Seite – „damit das Fräulein hier ein schönes Foto kriegt“!

Glücklich mache ich mich auf den Rückweg, und unglaublich, ich habe mir heute zum ersten Mal seit langem wieder Blasen gelaufen, nur von ein bisschen Stadtbummel.

Andi wartet sehnsüchtig in der Herberge, ihm ist jetzt nach Action und Programm, während ich am liebsten schlafen gehen würde und den Tag so belassen. Ich bin hin und hergerissen; einerseits möchte ich mich nicht verbiegen und gegen meinen Willen in einem lauten Restaurant mit Andi Bocadillos mampfen, andererseits weigert er sich, alleine wohin zu gehen. Und obwohl ich es alleine fast noch genießen würde, habe ich ein schlechtes Gewissen, dass er seinen letzten Abend mit mir in der Herberge bei Rucksackvesperresten verbringen will. Wie immer setze ich mich durch, aber der Abend ist geprägt von einer komischen Stimmung. Die Pilger um uns herum sind alle frisch vom Camino, in Santiago-Euphorie – und abgesehen davon kennen wir keinen mehr. Wie bei uns auch ist es eine große Familie, in der jeder jeden irgendwoher kennt und schon mal gesehen hat, nur dass diese Familie eben nicht die unsere ist.

Zudem schwebt das Abschiednehmen ungut im Raum. Andi hätte wohl gern meine Emailadresse, aber irgendwie wird mir das gerade alles etwas zu eng. Die letzten Tage hingen wir reichlich viel zusammen, und nachdem wir die Herbergen zusammen angelaufen haben, gehen wir so langsam als Paar durch und haben diesmal schrecklicherweise sogar so etwas wie ein Doppelbett bekommen. Ein Witzchen von Andi, dass wir da dann ja heute Nacht etwas kuscheln können, gibt mir den Rest und ich gehe recht wortlos ins Bett.

Allerdings kriege ich kein Auge zu – schon aus Angst, die ich in jedem Doppelbett habe, dass ich im Schlaf den anderen für meinen gewohnten heimischen Bettnachbarn halten könnte und umarmen oder Schlimmeres. Das Szenario mit Andi macht es sicher nicht besser. Zum anderen fühle ich mich abgrundtief mies. So fühle ich mich eigentlich schon den ganzen Camino, wenn ich mit Andi zusammen bin. Er ist immer freundlich, immer für mich da, immer hilfsbereit und ein unheimlich guter Mensch, der mir sein Bett überlassen würde, wenn ich nach ihm in der Herberge ankommen würde. Er wartet geduldig, dass ich meine merkwürdigen Spirenzchen und Freiheitsdränge auslebe, und ist dann trotzdem zur Stelle in dem Moment, wo ich dann doch gern etwas Gesellschaft hätte. Sein Flieger geht am nächsten Morgen in aller Frühe, er muss gegen 5 aufstehen, und mir wird ganz anders, wenn ich mir vorstelle, dass ich am Morgen aufwache, er ist weg und ich habe mich absolut nicht verabschiedet.

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Wie die Ehrenrunde nach dem Marathon fühlt sich dieser Tag heute an. Vorbei jede Durchhalte-Survivor-Mentalität vom Beginn des Caminos, jede Frustration auf den letzten 100 Kilometern vor Santiago, dieses Gefühl des Soges von Santiago. Heute fühle ich mich, als ob seit langem wieder die Sonne aufgehen würde. Ein neues Leben, ein neuer Abschnitt, ein neues Kapitel. Das große Ziel Santiago ist geschafft, das kleine weitere Ziel vom Ende der Welt. Die Pflicht ist erfüllt. Für mich geht es heute noch weiter nach Muxía.

Der Weg führt weitgehend parallel zur Küste entlang. Das Meer hat eine unglaubliche Faszination auf mich, bei jeder Gelegenheit mache ich einen Umweg, um direkt an den Sand und die wilden Wellen zu kommen. Ich mache mehr Pause, als dass ich laufe. Hier sind nicht mehr viele Pilger unterwegs, die wenigen sind vor mir, und auf halber Strecke treffe ich nur die Engländerin wieder, die zuerst Muxía angesteuert hat und sich Finisterre für den endgültig finalen Abschluss aufgehoben hat.

Wir treffen uns an einer pittoresquen Stelle – es gibt einen kleinen Bach zu durchqueren. Landestypisch liegen dazu dicke Quader im Wasser, die man als Tritte nutzen kann. Leider liegen sie knöchel- bis knietief unter der Wasseroberfläche, und das Wasser ist durchaus erfrischend eiskalt. Wir machen noch kurz schon wieder eine kleine gemeinsame Pause, bevor es in entgegengesetzte Richtungen weitergeht.

Gegen Nachmittag klart das Wetter komplett auf, ich laufe die letzten Meter in Erwartung der Stadt eine kleine Strasse entlang. Keine 50 Meter links von mir begleitet mich das dunkelblaue Meer mit weißer Gischt, und in dem Grünstreifen zwischendrin befinden sich Pferdeweiden, Fußballfelder und Schrebergärten. Wie von einer anderen Welt und sehr faszinierend.

So betrete ich auch Muxía über die Fahrstrasse, an die direkt die Wellen schlagen. Die Stadt ist zu dieser Tageszeit wie ausgestorben, man hört nur die See. Ich finde die Herberge nicht, und die drei Leute, die ich schließlich finde, beschreiben mir jeder eine ganz andere Richtung. Auch meine Muxiana, meine dritte Urkunde für diese Reise, kann ich erst am späteren Nachmittag abholen, und um nicht sinnlos zu warten, entscheide ich mich gegen meine sonstige Hasenfussroutine, nicht erst einzuchecken und zu duschen, sondern einfach mit Rucksack mein endgültiges Ziel aufzusuchen. Das Santurio de la Virxe da Barca, das Heiligtum der Jungfrau im Steinschiff.

Und hier finde ich meinen Abschluss.

Alles kommt zusammen, der strahlendblaue Himmel, die leuchtende Sonne, die Tatsache, dass außer mir weit und breit keine Menschenseele ist, die wunderschöne Kirche direkt am Meer, das Wissen, dass ich hier wirklich am alleräußersten Punkt bin. Mich zieht es hinunter ans Wasser, und dort stehe ich sicher eine Stunde lang, ganz nah an den meterhohen Wellen. Mir erscheint zwar keine Maria in einem Steinschiff, um mir Mut zuzusprechen, aber mit jedem Wellenschlag habe ich das Gefühl, dass eine weitere Erinnerung noch mal Revue passiert. Die Erinnerungen sind wie ein Siegeszug, lauter starke Erlebnisse, Momente der Freude, Erinnerungen an Rührung, an gute Freunde. Mir wird bewusst, was ich in diesen 3 Wochen alles erkannt habe, was mir bewusst geworden ist, und was ich auch teilweise überwunden habe. Zwar erst auf die letzten Tage, aber ich habe meine Vorratsangst überwunden und erkannt, dass ich einfach vertrauen kann. Ich habe aufgehört, akribisch Etappen zu planen, und ich bin angekommen. Und heute habe ich sogar die letzte Angst überwunden und bin nicht panisch schnell gewandert, um mir ja mein Bettchen zu sichern. Ich habe Leere in Santiago gefühlt und in Finisterre, an Orten mit Touristenbussen und Erwartungshaltung. Und ich habe meinen Frieden, meinen Abschluss und auch noch mal meine direkte Leitung zu Gott hier in Muxía gefunden.

Irgendwann entschließe ich mich dann doch mal ganz relaxt, nach Urkunde und Herberge zu schauen. Ich schwebe förmlich in die Stadt zurück, wo ich prompt Andi in die Arme laufe. Er hat seine Urkunde schon, war auch noch nicht in der Herberge und wartet brav auf mich. Mit Muxiana und unendlichem Glücksgefühl (Andi braucht dazu natürlich nicht stundenlang Tränen der Rührung vergießen) suchen wir die Herberge, und die Gesellschaft von Andi fühlt sich wie das einzig richtige an.

Die Herberge ist seltsam. Riesig groß und modern, 3 Etagen mit vielen Räumen und vielen Stühlen, alle paar Meter wacht ein Bewegungsmelder über die Beleuchtung. Es gibt sogar nagelneue ultrabequeme Ledersofas. Und in dem dann doch wieder recht normal anmutenden kleinen Räumchen mit den Stockbetten befinden sich nicht mal 15 Pilger.

Ich koche mir eine Art Risotto, unter der fachkundigen Anleitung eines Freundes des Hospitaleros, der aber leider nur Spanisch spricht und irgendwie schwer verständlich für mich. Ich entnehme so grob, dass er Schiffskoch ist, mein Risotto wird also nach Strich und Faden auseinandergenommen. Ich will eigentlich nur essen, aber er rührt, gießt Wasser, reguliert das Feuer in eine Richtung, die nur er kennt. Während ich esse, unterhält er mich intensiv mit seinen Pilgerphilosophien. Auch er ist ein Dauerpilger, scheint nichts anderes mehr zu machen, als zu pilgern und ist durchaus interessant, aber ich verstehe wie gesagt nur die Hälfte, wenn überhaupt, und irgendwie ist mir das an Tag 20 etwas zu viel Input. Im Endeffekt erlebt jeder Dinge auf dem Camino, die ihn so bewegen, dass er sie zu verarbeiten versucht, indem er sie anderen Menschen verständlich machen will. (Manche tun es in einem Blog, :-)!). Aber alle Erlebnisse sind auch persönlich und einzigartig und nicht übertragbar, und es macht wenig Sinn, Verständnis dafür erzwingen zu wollen. Wahrscheinlich sehnen sich viele Pilger nach einem Pendant, der genauso empfindet und fühlt und versteht, einem Soulmate. Und wahrscheinlich muss jeder lernen, dass es diesen nicht gibt.

Mit Andi verabrede ich mich wieder zum Sonnenuntergang auf dem Berg über der Kirche am Meer. Wir sind ein eingespieltes und perfektes Team. Ich bekomme meinen Vorsprung, darf allein den kleinen Gipfel besteigen und den erhabenen Ausblick genießen. Und ein paar Worte nach oben richten, wenn die Verbindung hier schon mal so außergewöhnlich gut ist. Andi hört sich dann anschließend wieder treu meine täglichen Philosophien und Erkenntnisse an, meine vielen Zeichen und Signale und Spinnereien. Natürlich perlt auch am letzten Tag alles Spirituelle an ihm ab, aber das ist ja auch gut so.

Der Sonnenuntergang ist wärmer als in Finisterre und so, wie ich ihn mir den ganzen Camino und das ganze Jahr davor vorgestellt habe.

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