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Archive for Juni 2010

Ab Mérida scheint mit einem Schlag alles viel lebhafter zu sein. Zum ersten Mal klingelt um 6 Uhr ein nervender Handywecker, und zwei Pilger packen und rascheln ungerührt im grellen Licht ihrer Stirnlampe. Sofort springen noch mindestens 5 andere auf in dem Gefühl „hoppla, da geht etwas ohne mich“ bzw. „jetzt bin ich wach, jetzt können auch alle anderen wachwerden“. Ich bin etwas frustriert und wütend angesichts dieser Rücksichtslosigkeit. Oder vielleicht sollte ich es besser positiv sehen und dafür dankbar sein, dass die letzten Tage bisher so friedlich und paradiesisch ruhig waren.

Das Aquädukt passiere ich noch im Dunklen, ich bin ein kleines bisschen fast froh, nun so früh unterwegs zu sein. Direkt mit Steffen starten hätte ich nicht wollen. Heute brauche ich irgendwie wieder ein bisschen Einsamkeit und Ruhe. In Cáceres ist mein Camino für dieses Mal schon zu Ende, und so richtig etwas mitgenommen habe ich noch nicht.

Als es aus Mérida rausgeht, sehe ich im Dunkel vor mir schon einen Pilger laufen, der immer wieder stehen bleibt. Nun ist Steffen ja doch auch schon unterwegs. Meine Gefühle sind etwas ambivalent. Als ich ihn eingeholt habe und freudig anstrahle, merke ich, dass es gar nicht Steffen ist. Hoppla. Der deutsche Pilger, den ich statt dessen vor mir habe, strahlt trotzdem recht begeistert zurück, er ist sich nämlich nicht mehr sicher mit dem Weg. Ich mir auch nicht, die letzten 100 Meter habe ich ja irgendwie nur auf den imaginären Steffen geschaut. Ich beschließe frohgemut, einfach nochmal ein Stück zurückzugehen bis zum letzten Pfeil und dann nochmal aufmerksamer zu schauen. Mein neuer Mitpilger ist die Via schon mal gelaufen und ist sich sicher, dass es bis hierhin richtig ist. Vielleicht ist es einfach noch zu früh am Morgen oder ich habe wirklich meinen einsamkeitsnötigen Tag oder mich nervt sein „letztes Jahr auf der Via“ in jedem Satz, jedenfalls macht er mich ganz hibbelig. Ich habe das Gefühl, ihm erstmal hieb- und stichfest plausibel machen zu müssen, warum ich da jetzt zurückwill, wo er sich doch sicher ist. Zum Glück kommt ein Auto entlanggefahren, und der Fahrer zeigt rigoros mit seinem Daumen hinter sich.

Dummerweise klebt der Gute in meinem Windschatten bzw. zieht auch nicht an mir vorbei, wenn ich mich in ein Schneckentempo fallen lasse. Und ganz dummerweise erinnert er mich haargenau an den Antipilger aus „Saint Jacques – Pilgern auf Französisch“. Er weiß alles besser, ist pingelig penibel und irgendwie feinfühlig wie eine Dampfwalze. Bzw. vermutlich meint er es einfach gut und denkt, diese verschüchterte Pilgerin muss er jetzt in ein Gespräch verwickeln und ich taue schon irgendwann auf. Als das nicht fruchtet, konzentriert er sich auf das Pfeifen eines Liedchens, passend zu seinem rhythmischen, lauten Geklackere seiner Teleskopstöcke. Ja, auch Teleskopstöcke auf Asphalt habe ich hier auch der Via de la Plata dankenswerterweise bisher noch nicht gehört.

Irgendwann schleiche ich dann doch so langsam, dass er mich ein paar Meter überholt. Ich lasse mich begeistert in einen kleinen Seitenweg fallen zu einer weiteren Frühstückspause, bis er außer Sichtweite ist. Wenn mich jemand in ein Gespräch verwickeln will, kann ich ja noch erklärend dankend ablehnen, aber was soll ich denn machen, wenn jemand einfach begeistert in meiner Nähe mit seinen Stöcken rumklackert?

So finde ich dann wieder meine Ruhe und Einsamkeit und laufe im Sonnenaufgang Richtung Prosérpina Stausee Naherholungsgebiet. Als der Blick darauf frei wird, liegt zur Rechten ein unglaubliches Mohnfeld. Ich stürze mich begeistert die Böschung hinunter und habe Glück, keinen Schaden zu nehmen.

Wenn man bedenkt, dass ich zu Beginn des Weges schon querfeldein geprescht bin, wenn ich nur in der Ferne eine einzelne Mohnblüte gesichtet habe… zum wiederholten Male dämmert mir der Sinn einer Digitalkamera mit der Möglichkeit, im Nachhinein zu löschen.

Der Stausee selber besticht nicht durch stimmungsvolle Atmosphäre, da an allen Ecken und Enden gebaut wird. Ich bin hin- und hergerissen, wo der Weg wohl langgeht und ob ich einfach durch die frisch abgesteckten Wege laufen darf oder nicht. Es ist ein etwas mühsames Zögern, alle paar Meter dann doch wieder ermutigt durch einen weiterwinkenden Bauarbeiter.

Pfeile sehe ich die ganze Strecke am See lang keine mehr, und irgendwann schaue ich dann doch mal wieder in meinen Führer, um zu überprüfen, wie lange ich da überhaupt entlanggehen soll. Auf halber Strecke scheint ein Weg abzugehen, aber ob ich den Abzweig schon erreicht habe oder schon drüber hinaus bin, who knows. Kein Pilger in Sicht, kein Mensch in Sicht, erst recht kein Pfeil. Ich stehe ziemlich verloren und unschlüssig im Nichts und versuche, aus dem Führer schlau zu werden. Rechts soll ein weißes Gehöft auf einem Hügel liegen. Vor mir liegt ein definitiv Braunes auf einem Hügel, aber das hilft mir auch nicht weiter. Ich laufe wieder ein wenig zurück zu den Baustellen, wo ein Kranführer in die Richtung winkt, aus der ich gekommen bin. Ich kann das gar nicht haben, keine Ahnung zu haben, wo und wohin ich da stapfe.

Ich beschließe, einfach mal diese Straße zu nehmen und das braune Gehöft als das anzunehmen, was im Führer als weiß beschrieben ist. Ich trotte missmutig und wenig überzeugt den Weg lang, mit dem Blick im Führer, denn „jetzt heißt es, auf ein weißes Haus links zu achten“. Arg. Nichts passt zusammen, aber nach einer gefühlten Ewigkeit kommt dann doch ernsthaft eine Abweigung nach links, die die Straße verlässt und endlich wieder einen gelben Pfeil trägt. Ich bin aus unerfindlichen Gründen total erschöpft und entnervt und mache erst einmal ausgiebig Pause auf einem riesigen, moosbewachsenen Stein inmitten von Korkeichen.

Die Landschaft versöhnt mich recht schnell wieder. Nach den vielen weiten Viehweiden der letzten Tage hatte ich schon befürchtet, gar keine Korkeichen-Dehesas mehr zu Gesicht zu bekommen. Zudem ist das Wetter heute noch absolut perfekt, zum ersten Mal wolkenlos und sonnig. Schade höchstens, dass ich für meine Kamera nur 3 Filme mitgenommen habe und 90% schon verknipst sind (weitgehend mit unscharfen Aufnahmen einzelner Mohnblüten im Regen).

Gegen Mittag erreiche ich Aljucén, das Etappenziel derer, die heute kürzer laufen wollen. Ich habe mich ja für die knackige Herausforderung entschieden, heute 34 und morgen 38 km zu laufen. Was heißt entschieden, ich laufe einfach stur die Etappen meines Führers und komme jetzt nicht mehr umhin, etwas ambitionierter mitzugehen.

Zum Glück hat es hier einen Brunnen, an dem ich nochmal alle verfügbaren Wasserflaschen (und somit stolze 2 1/2 Liter) nachfülle. Die plötzliche Hitze und Sonne ist mir etwas suspekt. Es hat sogar einen Laden, in dem ich nach einem Film frage. Leider Fehlanzeige. Und Nahrungsmittel habe ich ja dank des gestrigen Wunderladens noch genug im Rucksack.

Vor mir auf dem Weg müht sich ein weiterer Pilger mit weißhaarigem Zopf durch die Mittagshitze auf die kommenden 4 1/2 Stunden Weg. Ich bin ziemlich schlapp, irgendwie zermürbt die Aussicht, dass es noch so weit ist. Immer öfter mache ich eine Pause, um auch wieder abzukühlen. Der Weißhaarige ist ähnlich flott unterwegs, wir wünschen uns sicher 10 Mal gegenseitig im Vorbeilaufen einen guten Appetit.

Landschaftlich wird es wieder wunderschön, es hat weiße Zistrosen, wilde Büsche, seit langem laufen wir auch wieder direkt durch die Viehweiden und nicht nur an Zäunen und Mäuerchen entlang. Und ich habe nur noch 10 Bilder, ein Jammer.

Normalerweise habe ich eine faszinierende Intuition, was die Uhrzeit und die Kilometer angeht. Meist hole ich alle paar Stunden meine Uhr aus der Tasche und liege auf die Viertelstunde richtig. Und merke mir, wie lang es bis zum nächsten markanten Wegpunkt ist. Der ist dann meist wirklich genau dann erreicht, wenn ich 2 Minuten vorher denke, „jetzt könnte ja so langsam…“.

Heute habe ich bereits etwa hundert Mal das Gefühl gehabt „jetzt könnte so langsam…“, gefühlt war ich schon mindestens 3 x nun wirklich 4 Stunden unterwegs. Aber wann immer ich auf die Uhr schaue, ich bin gerade eine Viertel Stunde weitergekommen. Von Alcuéscar völlig zu schweigen, ich habe noch nicht mal das Wegkreuz, das nach 3 Stunden kommen soll. Ich komme überhaupt nicht vom Fleck und werde auch nicht wirklich frischer und schneller. So langsam mache ich wohl alle 10 Minuten erschöpft eine immer längere Rast. Meinen Füßen geht es gut, aber die Hitze macht mir zu schaffen, vor allem ist meine Motivation völlig hinüber.

Vor lauter Verzweiflung konsultiere ich schon wieder meinen Reiseführer. Ich kann es kaum glaube, dass es von meinem Tor zu einer Hochebene immer noch 1 Stunde bis zu dem Wegkreuz und immer noch über 2 Stunden bis Alcuéscar sein sollen. Der Weg zieht sich noch endloser, geht schnurgeradeaus, es hat weder landschaftliche Abwechslung noch Schatten in irgendeiner Form. Rechts und links ist der Weg direkt eingezäunt, ich kann nicht einmal mehr meine erschöpften Pausen im Schatten machen. 2 Liter Wasser habe ich schon weg, ich muss rationieren, dabei wird es immer heißer. Ich schwitze nicht mehr, mein Kopf entwickelt einfach trockene Hitze, mir ist schwindelig und meine linke Kopfhälfte pocht. Entweder, ich bekomme einen Hitzeschaden oder Migräne. Beides geht gerade gar nicht. Ich brauche dringend eine Pause im Schatten und bin fast schon geneigt, mich in den extrem spärlichen Schatten eines Zaunpfahls auf den Boden zu setzen. In der Ferne taucht ein segensreicher, großer Baum ein, der nicht einmal eingezäunt ist. Als ich mich völlig erschöpft darunter plumpsen lassen will, rascheln mindestens drei Schlangen weg. Ich gehe weiter.

Ich bin total verzweifelt. Laut meiner Uhr ist die Stunde schon längst rum, von meinem Gefühl her mindestens das dreifache. Trotzdem kommt kein Wegkreuz weit und breit. Überhaupt geht überhaupt nichts voran. Was ist das hier für ein Spiel?! Ich kann nicht mehr und fange zu heulen an. Irgendwie gebe ich auf und denke intuitiv „lass doch endlich dieses Kreuz kommen“. Im nächsten Augenblick erscheint in der Ferne das Steinkreuz. Dort hat es auch einen riesigen Baum mit Schatten.

Nach einer Pause mit meinem letzten halben Liter Wasser und meinen letzten Vorräten (ich bin dankbar für meine übertriebene Vorratshaltung und somit einige letzte Bizcochos) habe ich nicht nur wieder einen im wahrsten Sinne des Wortes kühlen Kopf, plötzlich wieder eine Kraft in den Beinen und im Geist, sondern auch ein ganz komisches, unbeschreibliches Gefühl. Ich gehe wie neu geboren, neu belebt, wie auf Wolken, wie von einer unsichtbaren Hand begleitet. Eigentlich ist das nichts ungewöhnliches für mich auf dem Camino, habe ich doch eigentlich Gott schon mehrmals sehr präsent bei mir gespürt. Allerdings noch nicht dieses Jahr, noch nie auf der Via de la Plata, wenn man von dem kleinen Moment eines Sonnenstrahles vor einigen Tagen mal absieht. Ich lasse den bisherigen Weg Revu passieren. Das typische Caminogefühl hat sich bei näherer Betrachtung nie eingestellt, und trotzdem waren es rundum schöne Tage. Die Landschaft hier ist wunderschön und erdend, die Herbergen waren paradiesischer Luxus, die kleinen Minietappen auch. Meine Füße sind zart und unbeschadet, als wäre ich noch keinen Kilometer gelaufen, und Krisen und Verzweiflungen habe ich auch noch nicht erlebt. Nicht an mir selber, und auch nicht an Mitpilgern. Die überwiegend älteren, routinierten Pilger hier haben einfach keine „Anfängerprobleme“ wie Blasen und Zweifel an Etappen und ihrer Leistungsfähigkeit. Die meisten wirken komplett gefestigt und scheinen auch in ihrem Leben weitgehend Frieden gefunden zu haben. Keine heitere Mischung aus Sinnsuchenden, die sich nicht anders zu helfen wissen, als es mit dem Camino zu probieren, völlig überfordert von den läuferischen Anforderungen und erst recht unsicher; erst am Anfang, ihre Stärke zu finden. Ein Teil dieser Sinnsuchenden zu sein, sich treiben zu lassen zwischen Verzweiflung und Sorgen, sich aber auch wunderbar aufhelfen zu lassen von Mitpilgern und eventuell einer höheren Macht, das war mein Caminogefühl, das macht für mich den Camino aus. Die ganze Zeit über haben mir wohl die langen Etappen gefehlt, das über meine geglaubten Grenzen hinausgehen. Dort mit Unsicherheit konfrontiert zu sein, alleine nicht mehr weiterzuwissen, in diesen Momenten völlig hilflos offen zu sein für Hilfe und kleine Wunder. Für mich fügen sich mit dieser Erkenntnis viele Puzzleteile zusammen.

Von da ab läuft es sich plötzlich beschwingt und wie von selber. Die verbleibende Zeit erscheint verschwindend gering im Vergleich zu dem, was ich schon bewältigt habe. Zudem ziehen beruhigend ein paar Wolken auf, die mich faszinierenderweise auch nicht ernsthaft beunruhigen, als sie sich zu dunkelsten Gewitterwolken mausern. Dass der Ort, den ich endlich erreiche, nicht Alcuéscar ist und mich auf der Anhöhe der Sturm wirklich fast schon umbläst, stört auch nicht. Es geht nochmal einige Kilometer weiter. Dann kommt wieder ein Ort in Sicht, ich bin schon freudig erleichtert. Da taucht weiter hinten am Berg oben noch eine viel größere Ansiedlung auf. Ich muss etwas schlucken, langsam bin ich körperlich doch etwas am Nicht-mehr-ganz-flüssig-gehen, aber ich bin von einer Gelassenheit und Dankbarkeit beseelt, die beachtlich ist.

Meine wunderbare Stimmung wird nicht unnötig auf die Probe gestellt, der Weg biegt wirklich in den kleineren Ort ab. Er mündet auf die Fahrstraße, und ich bin wenige Meter vor den ersten Häusern, als das sich lang ankündigende Gewitter losbricht. Bei aller Liebe, ich komme nicht umhin, „och nö…!“ zu denken, es schüttet derart wolkenbruchartig, dass ich sicher patschnass bin, bis ich die Rucksackhülle draußen habe. Ich beschließe zu rennen. „Bitte mach, dass es das erste Haus ist“. Ich hechte um die Ecke und in ein Albergue-Schild.

Eine freundliche Französin, die sich etwas überrascht aus meiner Hechtlinie rettet, entpuppt sich als Hospitalera und leitet mich einige Treppen hinauf in die eigentliche Herberge. Ich bin schon sehr gespannt, verspricht diese Herberge in einem Konvent mit Behindertenheim doch wieder endlich ein bisschen caminotypischer zu werden. Mit Messe und gemeinsamem Abendessen.

Die Französin lacht ein bisschen ironisch, als ich ihr sage, woher ich komme. Als ob sie es mir nicht glauben würde. Die restliche Gruppe scheint ausschließlich von Aljucén gekommen zu sein. Im Schlafsaal sind fast alle Betten belegt, aber kein Pilger weit und breit. Wahrscheinlich sind alle schon seit Stunden da und entsprechend in den Ort ausgeflogen.

Die Französin ist bei näherem Hinsehen gar keine Französin, sondern Spanierin, spricht aber beides sehr fließend. Ihr Mann steht am Fenster; wie sie mir erklärt machen sie das immer, man hat da einen weiten Blick auf den Camino und sieht immer rechtzeitig, wenn ein Pilger im Anmarsch ist. Jetzt gibt er seine Position auf, mehr würde heute wohl nicht mehr kommen. Ich erkläre, dass da noch ein ganzer Haufen kommt, ich bin ja fast die erste, die aus Mérida gestartet ist. Der ganze Pulk kommt erst noch. Stimmt, selbst Steffen habe ich den ganzen Tag heute nicht getroffen. Eigentlich war ich recht sicher, dass er mich nach ein paar Kilometern ohnehin einholen würde.

Ich dusche und wasche überglücklich, gehen schnell einkaufen und beziehe dann meinerseits Position am Fenster, um nach Steffen und den anderen Ausschau zu halten. Der Wolkenbruch war nur von kurzer Dauer, es ist schon wieder trocken, aber vielleicht haben sie sich derweil irgendwo untergestellt und besseres Wetter abgewartet.

Ich schreibe Tagebuch, während die Pilger vom Einkaufen und Stadtbummeln zurückkommen. Seltsamerweise ist hier eine ganz andere Zusammensetzung und Stimmung als bisher. Fast alles sind ältere, schwäbische Ehepaare, und nachdem auch die Herberge einen sehr gutbürgerlichen Wohnzimmercharme hat, fühle ich mich in unserer Sofaecke sehr wie zu Hause. Wenn auch nicht auf eine besonders angenehme Art.

Mein weißbezopfter Weggefährte trifft ein, und mein Antipilger mit den Klapperstöcken ist auch schon lange vor mir angekommen. Er spricht mich natürlich prompt noch drauf an, ob ich ihm am Morgen denn nicht vertraut hätte und ob ich nochmal zurückgegangen wäre.

Die zwei Holländer, die heute morgen in der Herberge mit Stirnlampe gepackt haben, lassen sich recht erschlagen zum Schuhe ausziehen auf den Boden fallen. Ich bin erleichtert, dass nicht nur mir diese eigentlich albernen 34 km lang erschienen sind. Der eine meint sehr entschieden „nie und nimmer 34!“. Er kramt seinen Schrittzähler heraus. Der zeigt 36 km. Na ja, das macht es auch nicht mehr fett. Ich hätte mindestens 50 erwartet, um meine heutigen Kapriolen zu erklären. Beim Einchecken erklären sie der Hospitalera, dass sie die letzten auf der Strecke waren, nach ihnen kommt nichts mehr. Ich bin eine Mischung aus ungläubig und entgeistert. Steffen fehlt doch noch. Wobei ich langsam seit über zwei Stunden hier bin und unterwegs doch so geschlichen bin. Steffen ist meistens wirklich deutlich schneller. Mir kommt der Gedanke, dass er vielleicht in Aljucén geblieben sein könnte. Wir haben uns gestern überhaupt nicht abgesprochen oder verabschiedet, ich war so sicher, dass er auch bis Alcuéscar läuft. Ich bin etwas geschockt.

Gegen 7 treffen wir uns vor der Herberge zur Pilgermesse bzw. vorher einer kleinen Führung. Die Hospitalera teilt Gruppen ein, und nachdem ich ja „als Schweizerin“ „wie jede Schweizerin“ „5 Sprachen fließend spreche“, werde ich der französischen Truppe zugeordnet mit der Bitte, auf Englisch zu übersetzen. Jetzt bin ich erst recht geschockt. Glücklicherweise entpuppt sich der einzige Englishman als französischsprachig, braucht also keinen Dolmetscher, sodass ich der deutschen Gruppe nachspringen darf.

Wir bekommen den Konvent gezeigt und die Institution erklärt. Hier kümmern sich die Padres ohne staatliche Unterstützung um Arme und Behinderte, einzig mit Hilfe von Freiwilligen aus dem Ort und Nahrungsmittelspenden, die als Überschuss bei Firmen oder Festessen anfallen oder von der Haltbarkeit nicht mehr verkauft werden können. Eigentlich alles sehr schön und lobenswert. Mir ist trotzdem irgendwie unwohl. Zum einen schon in der rein deutschen Meute, die unisono jeden zweiten Satz mit „oh wie schön!“, „ach, dass ich toll“, „och, vorbildlich!“ kommentiert. Selbst die Erklärung der Müllentsorgung würde wahrscheinlich einen bewundernden Begeisterungsschwall nach sich ziehen. Das ist mir irgendwie too much und übertrieben. Zudem habe ich ein wenig Berührungsängste mit den Behinderten, von denen einer zum Beispiel gedankenverloren alle paar Sekunden ein paar Hüpfer vor sich hinmacht. Ich kann mich schwer konzentrieren, als er wenige Millimeter vor mir vor sich hinhüpft; ich weiß irgendwie nicht, was ich machen soll und bin etwas unbeholfen.

Restlos begeistert geht es dann durch das Heim selber, es ist „so wunderbar sauber!“ und „hat sogar Fenster, wie schön!“. Ich fühle mich nur weiter sehr unbeholfen angesichts der vielen Leute, die hier rumlaufen und einen anstarren, angrunzen oder fast durch einen hindurchrennen.

Die Messe hält ein etwas mürrisch wirkender Pfarrer, der den vielen Deutschen zuliebe auf Latein predigt. Ich denke noch „häh? Was sollen wir denn damit? Das versteht dann ja gar keiner mehr?“, aber lustigerweise können das wirklich alle hier gebetsmühlenartig. Außer mir. Außer dem Vater Unser erkenne ich wenig.

Das absolute Highlight ist ein junger, dunkelhäutiger Hermano mit Gitarre, der mit uns in den Reihen sitzt und zwischendurch ein paar Lieder schmettert. Mit einem Schlag werde ich erinnert an die peruanische Hermana in Carrión de los Condes, die auch so wunderbar gespielt und gesungen hat. Es klingt, als wäre es das gleiche Lied. Es hat mich damals schon sehr bewegt, und ich habe oft versucht, es im Internet zu finden, aber ohne Erfolg.

Glücklicherweise bewegt es mich hier nicht ganz so stark, ein Gefühlsausbruch wie damals wäre hier wohl etwas fehl am Platze. Zum Schlusslied stürmen meine Mitpilger schon begeistert die wunderbare Einrichtung lobend hinaus Richtung Essen. Ich muss mich ihnen eigentlich anschließen, weil ich nicht weiß, wohin es geht, aber ich kann doch nicht mitten in diesem wunderbaren Schlusslied einfach gehen. Ich bin ziemlich hin- und hergerissen. Der Hermano singt so unheimlich schön und kraftvoll und eben auch wieder mit so ganz viel „mehr“ in der Stimme, dass ich schon halb im Gang, doch nochmal in der Tür stehenbleibe. Ich schaue wohl ganz verzückt. Als er zwischendurch kurz die Augen aufmacht, guckt er zielsicher zur Tür und lächelt zurück. Als er fertig ist, springe ich doch nochmal kurz hin und frage ihn, wie das erste Lied geheißen hat und ob man es wohl im Internet finden kann. Er meinte lächelnd „sicher“, aber den Liedtitel raffe ich überhaupt nicht. Er fragt, ob er es mir aufschreiben soll. Super Idee, nur haben wir nichts zum Schreiben. Ich krame hektisch einen Zettel aus meiner Tasche, den ich etwas zu spät als den Kassenzettel meiner Ohrringe identifiziere. Das schickt sich ja irgendwie erst recht nicht (wobei einen Hermano um Liedtitel fragen vermutlich auch schon etwas grenzwertig ist). Er vertröstet mich „un momento“, löscht die Kerzen und sammelt die Hostien ein, um dann einen Stift zu organisieren und quer an die Wand gelehnt meinen Kassenzettel zu beschriften. Mit „Vine alabar a Dios“ und von einem wunderbar magischen Lächeln begleitet bedanke ich mich schnell und spurte dem letzten sichtbaren Pilger in der Ferne der Gänge hinterher.

Ich bin irgendwie etwas erschlagen von dem heutigen Tag. Ich sitze etwas verschüchtert in meinem neuen Pilgergrüppchen, ich kenne keine Menschenseele und will daran irgendwie auch nichts mehr ändern. Ich brauche ein bisschen Ruhe, um die intensiven Erlebnisse heute auf mich wirken zu lassen. Dieser Moment mit dem Steinkreuz und eben dieser atemberaubende Hermano, irgendwie ist da Gott wieder recht vehement in Erscheinung getreten.

Die Suppenteller werden wieder abgetragen, heute wurde wohl keine Suppe gespendet. Dafür gibt es Nudelsalat, Brot, Schinken, ein Fischstäbchen für jeden und einen Riesenklotz Käse. Mit dem Wissen um die knappen Verfallsdaten schmecken meine Geschmacksknospen Wunderliches.

Neben mir sitzt ein sehr gepflegter, weißhaariger Mann. Wir kommen ins Gespräch, er ist auch aus der Schweiz. Woher, will ich wissen. Er meint, das würde man eh nicht kennen. Nach einigem Einkreisen und Nachfragen stellt sich heraus, dass seine Frau Kundin in meiner Arbeitsstelle ist. Er kann es gar nicht fassen. Zufälle gibt es wirklich. Er fand den Tag heute nicht schlimm und kommt auch von Mérida. Allerdings hat er „die ersten Meter“ bis zum Stausee ein Taxi genommen.

Nach dem Essen waschen wir noch ab, ich bin allerdings wenig kommunikativ. Erst beim Versorgen meiner Kontaktlinsen anschließend im Waschraum rede ich doch noch ein bisschen mit einer ebenfalls kontaktlinsenversorgenden, ebenfalls sehr großen Deutschen. Sie ist nett, aber ich bin heute einfach etwas platt.

Uns graut beiden vor der Nacht. Die Betten sind unglaublich durchgelegen; als ich mich hineinlege, schaue ich ganz verdutzt aus der Wäsche. Ich fühle mich, als ob ich sitzen würde, so tief hängt mein Körperschwerpunkt durch. Ich stopfe mir eine zusammengefaltete Wolldenke unter die Hüfte, um das allerschlimmste auszugleichen; außerdem rolle ich mich ganz klein zusammen und hoffe, dass morgen weder meine Wirbelsäule weh tut noch meine heute doch etwas steifen Füße und Beine streiken.

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Während ich die ersten Tage auf bis zu 13 Stunden Schlaf pro Tag gekommen bin, liege ich in letzter Zeit meist ziemlich viel wach. Diese Nacht ist in dieser Hinsicht noch Rekord. Die beiden Schwaben neben mir scheinen ähnlich schlecht zu schlafen, und so wechseln wir uns mit raschelndem Umdrehen recht lückenlos ab. Ein deutscher Pilger, der spät am Abend noch eingetroffen ist, hat gestern schon durch laufende Selbstgespräche, Schnaufen und Stöhnen brilliert. Bei Nacht macht er das durch schwer in Worte zu fassendes Schnarchen mindestens ebenso wett.

Außerdem bin ich ziemlich rastlos wegen meiner heutigen Etappe. Die Verabredung um 12 mit Steffen war eine Schnapsidee, es bedeutet Stress und frühes Aufstehen. So bin ich dann ganz dankbar, als die Schwedin gegen 7 raschelnd packt und mich dadurch aufweckt. Ich packe alles unkoordiniert in den Rucksack und verlagere mich in den Speisesaal. Zu meiner Überraschung ist Liekes Bett wie am Vorabend leer. Ein derartiger Frühaufsteher ist sie nicht, und auch ihre Sachen scheinen noch da zu sein. Ich mache mir leichte Sorgen.

Nachdem ich alles ordentlich verstaut habe, gehe ich noch zum Wasserauffüllen in das Bad im Erdgeschoss – und laufe fast in Lieke hinein. Sie erzählt, sie hätte sich am Abend noch in das Sofazimmer gesetzt und die Sonnenstrahlen genossen. Dabei wäre sie eingenickt und hätte dann, als sie mitten in der Nacht wieder aufgewacht ist, keine Lust mehr gehabt, mit großem Lärm ihr Bett im Schlafsaal zu beziehen. So hat sie einfach eine Sofaschicht eingelegt.

Wie so oft regnet es auch heute, als ich mich auf die 15 km nach Mérida begebe. Es ist ein komisches Gefühl, diese Strecke zu laufen, die gestern meine zwei Mitpilger schon begangen haben. Sie vielleicht als letztes gestern, ich als erste heute. Schon wieder komme ich nicht umhin, mich irgendwie schwermütig zu fühlen.

Der Weg ist heute irgendwie nicht so klar wie sonst, oft geht es in der Nähe der Straße entlang und ich bin immer etwas unsicher, ob ich nicht einen Abzweig verpasst habe. Während ich mich durch Feldwege (mit monströsen Lehmbehängen an den Stiefeln) schlage, überholt mich auf der Nationalstraße ein pilgerndes Vierergrüppchen. Sie gehen zielsicher und ohne zu zögern auf der Straße weiter; ich bin ein bisschen irritiert, ob sie nun einfach schon so schnell die Pfeile sehen oder ob sie einfach rigoros nur Straße laufen wollen. So zögere ich dann doch wieder alle paar 100m und versuche aus meinem Führer schlau zu werden. Keine gute Idee für jemanden, der sonst nur nach den Pfeilen läuft.

Heute regnet es zum ersten Mal richtig stark. Die Tage vorher habe ich zwar auch fast immer mein Regencape und meine Rucksackhülle herausgekramt, aber eher, um nicht von dem leichten Nieseln auf Dauer doch durchfeuchtet zu werden. Heute ist „durchfeuchten“ fehl am Platz, es regnet einfach so richtig.

Wir laufen parallel zur Nationalstraße, als ein bekanntes Campmobil abzweigt und auf der Via wartet. Schon von weitem wedelt Marie enthusiastisch mit einem weißen Handtuch und guckt mich erwartungsvoll an. Ich hätte mein Handtuch in der Herberge vergessen. Ich muss sie enttäuschen, meins ist das nicht, dafür erkenne ich es ziemlich treffsicher als eines aus der Herberge in den Olivenfeldern wieder. Marie ist sichtlich enttäuscht, jetzt statt als rettender Handtuchengel quasi mit Diebesgut in der Gegend herumzufahren.

Ich bin erleichtert, als es endlich in die im Führer angekündigten Feldwege geht und ich nicht mehr so viel an Seitenstreifen links und Abzweigung hinter Hügelkuppe rechts und ähnliche Scherze denken muss. Mit Erleichterung passiere ich den erwähnten Steinbrunnen und weiß mich auf dem richtigen Weg. Die vier Pilger vor mir dagegen bleiben zögernd stehen und drehen dann wieder um. Sie wollen sicherheitshalber die Fahrstraße laufen, ihnen ist es eh zu schlammig. Komisches Völkchen.

Der Weg ist schön, vor allem hat es wieder die von mir so geliebten Blumen in Hülle und Fülle. Leider immer hinter einem satten Regenvorhang.

Als Mérida in Sicht kommt, erwischt mich noch einmal so richtig ein Wolkenbruch. Die fotogene Römerbrücke (über lehmfarbenem Wasser auf Höchststand) renne ich schon fast entlang und suche recht gestresst die Herberge, die hier irgendwo am Ufer liegen soll. Es ist schon nach 11, und laut meinem Führer muss man an irgendeinem Kiosk den Schlüssel dafür holen, nur sehe ich weit und breit keinen Kiosk. Meine Stimmung ist mal wieder höchst moderat. Zum einen nervt mich dieser blöde Führer, in den ich zwar stundenlang reinschaue und wegen dem ich nach irgendwelchen Biegungen und charakteristischen Gebäuden Ausschau halte, aber auch nicht vorwärts komme. Zum anderen bin ich wütend auf mich selber, mit Steffen diesen Termin abgemacht zu haben. Ein Camino mit Zeitdruck und Verpflichtungen, das ist für mich ein Widerspruch in sich. Zumal bei diesem Wetter.

Zwei Pilger vor mir laufen zielstrebig auf ein Gebäude am Ufer zu, was sich auch ganz ohne Kiosk als die Herberge entpuppt. Ein Hospitalero mit sehr schriller Stimme macht mich mehrmals darauf aufmerksam, dass die Herberge von 13 bis 16.00 schließt, weil er schließlich auch mal Pause braucht. Der Schlafsaal selber ist dunkel und trostlos, die Betten zum ersten Mal so richtig schmutzig und zerlegen. Mir wird bewusst, dass ich das auf dem Camino Frances ganz selbstverständlich hingenommen hätte. Nach den kommerziellen Luxusherbergen der vergangenen Tagen bin ich wohl pilgerisch schon ziemlich verweichlicht.

Durch die geöffneten Fenster hat es ziemlich reingeregnet, die Hälfte des Schlafsaals ist Pfütze. Im hintersten Bett kräht ein älterer Engländer nach einem spanischsprachigen Dolmetscher; offensichtlich hat er heftige Magen-Darm-Probleme und den Hospitalero wegen einer Apotheke gefragt. Dieser hätte etwas von einem Arzt geredet, aber nun wären schon ein paar Stunden vergangen und er weiß nicht, ob das noch etwas wird oder nicht. Ein hilfbereiter Holländer dolmetscht. Der Hospitalero mit der schrillen Stimme ist bei näherer Betrachtung etwas zurückgeblieben und antwortet auf jede Frage und Erklärung nur, dass die Herberge über Mittag schließt, weil er ja schließlich auch mal was essen muss. Der verzweifelte Engländer sucht ein wenig Trost und Ansprache bei mir, aber ich bin etwas im Stress und habe ehrlichgesagt auch Panik davor, mich mit seinem Virus anzustecken.

Ich dusche schnell meinen recht ausgekühlten Körper warm, um dann vor der Wahl zu stehen, meine trockenen Sachen anzuziehen, um diese auch noch patschnass zu machen, oder mich wieder in meine einladend nasskalte Pilgermontur zu werfen. Ich entscheide mich für ein Zwischending. Obenrum kalt, aber meine trockene Nachmittagshose, die ich mit meiner Regenhose zu schützen gedenke. Dafür untenrum meine patschnassen Socken, nachdem die Wanderstiefel ja auch patschnass sind. Ich bin ein einziger Wutanfall. Diese dunkle, feuchte, dreckige Herberge, aus der man nun auch noch über Mittag raus muss, und dann der strömende Regen draußen, in den ich mich jetzt wegen dieser schwachsinnigen Verabredung begeben muss. Ich bin auch schon zu spät dran, noch 10 Minuten bis 12, ich muss auch noch rennen.

Während ich hektisch panisch die Straße zur Römerbrücke zurücklaufe und von dort die Plaza suche, hört es auf zu regnen – und als die Glocken zwölf zu schlagen beginnen und ich auf der Plaza nach Steffen Ausschau halte, kommt mit einem Mal strahlend die Sonne heraus.

Meine Laune ist mit einem Mal auch wieder strahlend, als ich mit dem letzten Glockenschlag stolz einen Sprung vor Steffen mache und ihn aus der vertieften Studie seines Reiseführers schrecke. Wir setzen uns erstmal zu einem Kaffee hin (meinen ersten hier auf der Via. Normalerweise lebe ich ja Bar-autark, aber besondere Umstände verlangen wohl besondere Ausnahmen). Allem Wetter- und Terminfrust zum Trotz freue ich mich mit einem Mal sehr, Steffen wiederzusehen und zu hören, wie es ihnen gestern noch ergangen ist. Die letzten drei Stunden wären nicht so das Problem gewesen, aber bis sie ein Hostal in Sevilla gefunden hätten, das hätte sich ewig hingezogen. Sie wären nochmal gefühlt eine Stunde herumgerannt, und am Abend wäre er dann so erledigt gewesen, dass er sich zum Duschen in die Wanne gesetzt hätte. Er outet sich auch heute noch als total platt und müde und dass ich da jetzt nicht den ganzen Nachmittag Sightseeing von ihm erwarten könne. Ich bin sehr erleichtert, hatte ich doch eben das befürchtet und mir schon Sorgen wegen meiner Selbstbestimmtheit und meinem Freiheitsdrang gemacht.

Wie ein fehlendes Puzzleteil taucht die neongelbe Rucksackhülle von Lieke auf. Steffen brüllt quer über den Platz, bis sie uns bemerkt. Sie hat eine ähnliche Hostal-aversion wie ich und will folglich auch in die öffentliche Herberge, sodass sie sich gleich auf den Weg dorthin macht, um noch vor der ominösen Essenspause einzuchecken.

Etwas ziellos wandere ich mich Steffen durch die Haupteinkaufsmeile von Mérida, die sich wie eine andere Welt anfühlt. Steffen erzählt, dass hier Marc gestern bei der Hostalsuche noch eine halbe Krise gekriegt hätte, weil sie so abgerissen ausgesehen hätten. Das kann ich mir bildlich vorstellen. Mérida ist wie ein Kulturschock, nachdem wir die letzten 10 Tage (vielleicht von Zafra abgesehen) nur lauter kleine Dörfer passiert haben. Das hier ist eine richtige Einkaufsstraße, lauter bekannte Modemarken zur Linken und zur Rechten, und dazu noch ein Gewusele und Gesumme sondergleichen. Und natürlich, außer uns ist niemand abgerissen und dreckig und müde und humpelnd.

Am Ende der Straße erwartet uns ein Park. Ein Blick auf Steffens schlaue Karte zeigt, dass hier das bekannte Teatro romano sein muss, ein beeindruckendes Relikt aus Römerzeiten und auch wieder mit ein Ort, den ich vor der Via unbedingt sehen wollte. So entscheiden wir uns todesmutig und spontan für ein all inclusive Ticket und somit einen Kulturtag.

Leider wimmelt es hier etwas unromantisch nur so von Schulklassen, es ist eine absolut pilgeruntypische Touristenatmosphäre. Aber einmal pro Camino kann ich das vielleicht auch verschmerzen.

Das Teatro ist beeindruckend schön, noch dazu der strahlend blaue Himmel wie aus dem Nichts. Ich bin so richtig glücklich.

Leider müssen wir auch schon recht fix wieder das Gelände verlassen, weil auch hier wohl ausgiebig spanische Mittagspause gemacht wird. Steffen möchte ein Mittagsschläfchen machen und vorher noch etwas essen gehen. Wir verabreden uns auf 16.00 an der Römerbrücke für weiteres Sightseeing und Fotoshooting.

Mich zieht es bei dem tollen Wetter zu meinem persönlichen Highlight hier, dem Acueducto de los Milagros, dem Wunderaquädukt. Davon möchte ich unbedingt noch ein schönes Foto mitnehmen und mich nicht darauf verlassen, ob morgen beim Verlassen von Mérida schon geeignete Lichtverhältnisse herrschen. Trotz oder vielleicht gerade wegen Steffens Stadtplan tappe ich recht planlos von Straßenecke zu Straßenecke, mit ähnlich großen, staunenden Augen wie in Sevilla. Irgendwann jaulen die Sirenen einer Horde Polizeiautos durch die Straßen, und alles sammelt sich gerade dort, wo ich entlangwandele. Die neugierigen Menschenmenge beobachtet aus sicherer Entfernung, während ich recht unbedarft wahrscheinlich gerade mitten durch den Fluchtweg eines bewaffneten Raubüberfalls promeniere. Mit großen Augen entdecke ich unbeschadet einen riesigen El Arbol Supermarkt, der sogar noch durchgehend geöffnet hat. Und das Innere ist das Paradies auf Erden. Es hat eine ganze Wand voller spannender Brotsorten, und das nach 10 Tagen mit höchst trockenem Weißbrot. Ich schaue bestimmt eine halbe Stunde wie ein hypnotisiertes Kaninchen die Auslagen an und muss mich ziemlich zusammenreißen, nur eine Cola und zwei Empanadas für den akuten Hunger zu kaufen. Alles andere müsste ich ja den Rest des Tages mit mir herumschleppen. Nachdem der Supermarkt bis 21.00 geöffnet hat, tröste ich mich mit einem ausgiebigen zweiten Besuch als Abendprogramm.

Die Sonne brennt mittlerweile wirklich ziemlich heftig, meine Sonnenbrille und Co. liegen natürlich glücklich am anderen Ende von Mérida in einer mittagspäuslich geschlossenen Herberge. Endlich finde ich das Aquädukt, lustigerweise ziemlich direkt mitten in die Stadt integriert. Es ist umgeben von einer gepflegten grünen Parkanlage, die aber um die Zeit wundersamerweise menschenleer ist. Ich schnappe mit ein Bänkchen mit Spitzenblick auf die Arkaden und die darauf nistenden Störche, lege meine nassen Socken zum Trocknen aus und genieße hingebungsvoll mein Premiumlunch.

Irgendwann siegt das schlechte Gewissen wegen der prallen Mittagssonne, und ich transferiere mich an eine andere Stelle unter einen schattenspendenden Baum. Dort kann ich meine Schuhe im letzten Moment vor einem apportierwütigen kleinen Terrier retten. Christian kommt entspannt entlanggetrabt, wir haben heute beide eine wunderbar entspannte Laune. Er will aber noch ein wenig weiter und macht sich nach einem kleinen Plausch wieder auf den Weg.

Fast schon etwas wehmütig verlasse ich gegen halb 4 meinen halbschattigen Platz mit privater Superaussicht und bin schon fast wieder etwas terminfrustriert, als ich wieder durch die Straßen renne. Eigentlich hätte ich gern meine Sonnenbrille im Austausch gegen die Regenhose, aber die Herberge öffnet ja erst zeitgleich mit meinem Treffen mit Steffen.

Mit unserem Kombiticket besuchen wir ein vermutlich auch kulturell sehr bedeutendes Etwas rechts von der Römerbrücke, die Alcazaba. Beeindruckend ist der Blick von dort auf die Brücke sowie eine Hinweistafel auf eine unterirdische Wasserversorgung. Es geht in ein eher unscheinbares Häuschen und von dort viele dunkle Treppen hinab zu einem Wasserreservoir à la kleiner Swimmingpool. Durch einen winzigen Fensterspalt beleuchtet schimmert das Wasser mysteriös leuchtend hellblau klar, durchzogen von einigen kontrastfarben leuchtenden Goldfischen. Ein ganz beeindruckender, fast schon atemberaubend schöner Ort, den wir so ganz unerwartet gefunden haben.

Zum Glück gibt es auf dem Gelände auch einen Brunnen, an dem ich mein Wasser auffüllen kann. Die Hitze hier ist mir ja doch etwas suspekt. Bei Gärten voller antiker Amphoren und Säulenfragmenten plaudern wir über heimische Gärten und Hobbies und Zukunftspläne. Mit dröhnendem Lachen kommt Lieke auf uns zu und zeigt stolz eine Serie künstlerisch durchaus wertvoller Fotos, die sie gerade heimlich von uns gemacht hat. Es ist schön, sie (ohne jegliche Absprache) immer wieder wie durch Zauberhand zu treffen. Ich zeige ihr begeistert den magischen Goldfischteich; beim wieder nach draußen zum wartenden Steffen Laufen stolpert sie fast über die letzte Stufe, was sie zu „oh Steffen, you see, I fall for you!“ verleitet. Die Dame hat einen einmaligen Humor.

Steffen zeigt mir noch ein wenig die Sehenswürdigkeiten der Stadt, wie zum Beispiel den Diana-Tempel. Auch der liegt aber wieder so inmitten der Stadt, eingebettet in Baustellen und umgeben von Baukränen, dass mich nicht wirklich die Fotolust packt. Ihn zieht es noch in ein Museum, wonach mir aber nicht mehr ist. Wir verabschieden uns also erstmal für heute, und ich mache mich auf den Rückweg durch die Einkaufsmeile, die jetzt dank Siesta noch ziemlich ausgestorben ist. Ich kaufe ein Paar Ohrringe als Andenken, außerdem möchte ich endlich Postkarten kaufen. Die geöffneten Geschäfte haben nur wirklich gruselige Motive; in einem Geschäft sehe ich durch die Scheibe noch eine andere Auswahl und lungere gut eine Stunde davor herum, bis es endlich aufmacht. Und nochmal gut eine halbe Stunde, bis ich die perfekte Karte für jeden ausgesucht habe. Der Verkäufer hat sicher das Gefühl, dass ich zu viel Sonne abbekommen habe.

Auf dem Rückweg gönne ich mir noch wie versprochen den wunderbaren Supermarkt und einen wahren Großeinkauf. Ganz spanisch untypisch entscheide ich mich für ein tolles Vollkornbrot mit dem klangvollen Namen „Kornspitz“, ein Glas mit eingelegten gegrillten Paprika, eine Dose Muscheln, Pizzataschen und „artisan“ gebackene Bizcochos. Mit voller, schwerer Tüte mache ich mich auf dem Heimweg noch auf die Suche nach einem Telefon, um meinem Bruder zum Geburtstag zu gratulieren. Nachdem ich meinen Euro eingeworfen habe, vertippe ich mich, finde aber keine Taste zum Korrigieren. Nachdem mir in Spanien beim Einhängen schon einmal einfach das Geld einbehalten wurde, suche ich lieber weiter nach einer Taste und frage sogar eine hilfsbereite Spanierin, die dann ähnlich verzweifelt und erfolglos mit mir herumtippt und -probiert. Sie hält noch den halben Gehweg in Atem, bis jemand meint, ich könnte einfach einhängen. Und wirklich kommt mein Euro für einen weiteren Versuch heraus. Mindestens 5 Leute sind begeistert, eine Arbeit im Team erfolgreich gemeistert zu haben. Und ich bin nach dem Telefonat doppelt froh, denn mein Bruder meint, dass der Luftraum langsam wieder frei wäre und er nicht denkt, dass meinem Rückflug etwas im Wege stehen könnte. Erleichternd, nachdem ich diese Problematik heute bei Steffen angesprochen habe, der erheitert gelacht hat und gemeint hat, warum ich mir da Sorgen machen würde. Wenn nichts fliegen würde, wären die Züge sicher auch schon restlos ausgebucht und ich hätte ohnehin keine Chance, wegzukommen. Steffens desillusionierender Realismus vom Feinsten.

In der Abendsonne komme ich in der Herberge an. Dort packt gerade Sean seinen Rucksack aus. Er ist wirklich ein gewisses Phänomen. Vor ein paar Tagen hat er im Parador genächtigt, heute nun hat er sich wieder die öffentliche Schmuddelherberge ausgesucht. Er berichtet mir, dass Patrick heute da gewesen wäre, und er hätte mir eine Nachricht hinterlassen, wo auch immer. Vor ein paar Tagen hat mir Lieke bereits Grüße von ihm ausgerichtet, er hat unser Tempo nicht mithalten können und beschlossen, nun eher per Bus die noch ausstehenden Sehenswürdigkeiten abzuklappern und dann noch einen Abstecher nach Granada zu machen.

Ich will gerade in meine Croc-Imitate steigen, als ich in meinem rechten Schuh Patricks Nachricht finde. Wie schön.

Ich dusche noch schnell, bevor ich mich mit Tagebuch und meinem reichhaltigen Essensbeutel bewaffnet auf in den Park mache, wo ich inmitten von relaxten Joggern und Familien mit Kindern ein wunderbar schmeckendes Abendessen einnehme. Die Abendsonne scheint warm, ein luftiger Wind trocknet meine noch duschnassen Haare im Nu, einzig mein Anblick ist vielleicht keine so große Wonne. Mangels Besteck fische ich die Paprikas mit den Fingern aus dem Glas, was dem Geschmack und meinem absoluten Wohlgefühl allerdings keinerlei Abbruch tut.

Nach Sonnenuntergang setze ich mich in der Herberge an den einzigen Tisch und schiebe mir einen Bankersatz dazu, um endlich meine Postkarten zu schreiben. Die beiden Schwaben der beiden letzten Tage sind auch hier, der Fußlahme fliegt nun morgen definitiv heim. Vielleicht liegt es an meiner wunderbaren Laune heute, irgendwie verstehen wir uns heute deutlich besser, und es ist noch richtig nett mit ihnen und mit Lieke, die noch dazukommt. Sie lachen sich ungläubig kaputt über meinen riesigen Rucksack, der eigentlich so leicht wäre, wenn ich nicht immer einige Kilo Esswaren mit mir herumschleppen würde. Sie helfen mir gleich ein wenig aus der Misere, indem wir ein paar abendliche Bizcochos vortesten.

Lieke sieht zum unzähligsten Male unseren letzten Abend gekommen, sie schenkt mir einen Stein als Glücksbringer und gibt mir gute Worte mit auf den Weg. Ich fühle mich etwas unbeholfen, weil ich nichts im Gegenzug habe oder erwidern kann. Steffen hat sich da schon besser aus der Affäre gezogen. Analog zu Liekes gestriger Frage, frage heute ich sie „so you met Steffen?!“, denn sie hat auch eine selbstgeschnitzte Minimuschel um den Hals hängen.

Wir plaudern und schreiben bis kurz vor 10, eine für mich recht ungewohnte Zeit. Ich bin erschlagen von den Eindrücken, aber auch von dem vielen Laufen kreuz und quer und hin und her durch die Stadt. Von dem Wolkenbruch und der Hitze. Von meiner miesen Laune und gleichzeitig meinen himmelhoch jauchzenden Momenten. Welch ein Tag.

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