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Archive for April 2011

Meine wunderbare innere Uhr weckt mich wieder gegen 7. Nachdem ich dank des gestrigen Supermarktes heute manierliches Frühstück habe, packe ich später und gehe erst mal ins Gartenhäuschen, wo ich luxuriöserweise heißes Wasser für meinen noch luxuriöseren Mandarin-Orangen-Grüntee habe. Rosa ist auch schon am Werkeln. Sie kommt nochmal auf die heutige Etappe zu sprechen und meint beschwichtigend, ich solle mal lieber nur bis Zumaia, zuviel am Anfang wäre rein gar nicht gut, wenn man nicht trainiert ist. Ich bin wie üblich verunsichert. Als aufmunternde Wegzehrung hält sie mir eine Schachtel Lindt-Schokoladenkugeln entgegen. Und ich faste doch…

Im Sonnenaufgang und bei für den Morgen ungewöhnlich lauen Temperaturen verlasse ich Orio. Es geht eine Weile am Wasser und Hafen entlang, bevor der Weg nach einer Jugendherberge ins Hinterland abbiegt. Ich bin heilfroh, in Orio übernachtet zu haben. Die Jugendherbergen, die es hier in großer Fülle gibt, versetzen mich als Übernachtungsalternative nicht gerade in Hochstimmung. Die Vorstellung, mit 50 pubertierenden Jugendlichen in partytechnischer Bestlaune zusammengepfercht zu sein, entspricht nicht direkt meiner Vorstellung von meditativem Pilgern.

Recht bald habe ich Zarautz erreicht, wo ich als erstes wieder einen Supermarkt ansteuere, um meine Getränkevorräte aufzufitten. Nachdem es schon recht warm ist, nehme ich mir die üblichen Pilgerratschläge zu Herzen, meine Sehnen und Muskeln ordentlich zu wässern. Der Weg führt stur geradeaus der Straße entlang. Ich bin schon fast durch den Ort durch, ohne an den Strand geleitet worden zu sein, sodass ich einen touristischen Abstecher mache, nachdem ich schon in San Sebastian am Sand vorbeigelaufen bin. Ich bin ganz hin und weg von dem um diese Zeit noch fast menschenleeren Strand, über dem eine feine Art Nebel hängt, die in der Sonne erst recht reflektiert und leuchtet. Und natürlich von den Wellen…

Danach geht es in regem touristischem Treiben gut eine Stunde eine Uferpromenade entlang. Neben mir rauschen die Autos, ständig begegnet mir ein herausgeputzter Spaziergänger, während ich schon wieder schwitzend mit Schlapphut und Sonnenbrille in meinen Stiefeln vor mich hinstoffele. Irgendwo an einem Berg in Galicien bei stürmischem Wetter fühle ich mich stolz, eine Pilgerin zu sein. Hier fühle ich mich in erster Linie mitleidig und verständnislos von der Seite angeschaut.

So bin ich dann froh, als der fein geplättelte Weg endlich zu Ende ist und der Camino wieder eher in unberührtes Weideland abbiegt. Ich treffe das dänische Geschwisterpaar vom ersten Tag wieder. Der Bruder lacht wieder etwas unkoordiniert wirr vor sich hin, während die Schwester keine Miene verzieht und nach ein paar Sätzen forschem Smalltalk ebenso forsch voranschreitet. Ich setze mich dagegen erstmal wieder mitten auf die Straße und mache eine erschöpfte Pause.

Es wird ziemlich warm, dafür ist der Weg aber schön und abwechslungsreich. Ich fotografiere begeistert die Blütenpracht am Weg, neben der sich auch Unmengen von Eidechsen sonnen. Weniger begeistert halte ich meinen Foto in die Flora, nachdem ich auch eine sonnende Ratte aufschrecke. Nachdem ich gestern schon versehentlich eine tote, steife Ratte vor mir hergekickt habe, schüttelt es mich richtig. Und ich werfe meinen Fleecepulli, den ich auch nachts als Kopfkissenauflage verwende, nicht mehr ganz so begeistert auf den Weg, um mich draufzusetzen.

Der Blick aufs Meer fasziniert mich ebenso immer wieder wie auch die friedlich grasenden Tiere. Die Kühe mit geschwungenen Hörnern weiden auf einer riesigen, grünen Weide, die Esel und Pferde mit Fohlen haben Meeresblick und eine leichte Brise, auf manchen Arealen picken Hühner über den ganzen Hang verstreut oder leben lustige Konstellationen zusammen, von Schafen und Pferden hin zu Kaninchen und Gänsen.

Auf einem malerischen Weg aufs Meer zu taucht vor mir ein ebenso malerischer Pilger auf. Zum einen trägt er endlich einmal eine Pilgermuschel am Rucksack, zum anderen läuft er ganz unendlich langsam und friedlich. Ich laufe einige Minuten einfach nur genießend hinter ihm her. Er kommt mir bekannt vor, und als wir uns treffen, erkenne ich ihn als den Pilger wieder, den ich am ersten Tag schwitzend von weitem gegrüßt habe. So viele Pilger hat es hier ja eh nicht zu Auswahl. Er kann sich erst nicht erinnern, was ja auch nicht weiter schlimm ist. Dann fällt es ihm aber ein, ich hätte auf dem großen, runden Stein gesessen und meine Sachen in die Sonne gelegt und gegessen und eine SMS geschrieben. Herrje, welch ein Adlerblick und eine Beobachtungsgabe auf 50 m Entfernung.

Er erzählt, gestern mit zwei jungen, schnellen Spaniern ziemlich schnell unterwegs gewesen zu sein. Heute tun ihm nun beide Knie ziemlich weh, weswegen er sich sehr bedächtiges Gehen verordnet hat. Wir reden vielleicht 5 Minuten, aber alles, was er sagt, passt so perfekt zu seinem friedlichen Schreiten. Gelassen, ruhig, besonnen, ausgeglichen, von Innen heraus strahlend. Während er zu einem Kaffee abbiegt, überkommt mich ein schlechtes Gewissen. Ich habe seit Tagen mit niemandem so richtig geredet, sodass mir bei diesem sympathischen Herrn aus Holland nun bestimmt 10 000 Worte und konfuse Gedanken auf einmal herausgesprudelt sind. Er muss ja einen sehr wirren und abschreckenden Eindruck von mir haben. Ruhiges inneres Strahlen geht anders.

Im Nu bin ich schon in Zumaia, und während ich mich auf eine schattige Bank mit wenig pittoreskem Blick auf eine Hafenanlage plumpsen lasse, ist meine Entscheidung bezüglich der heutigen Etappe eigentlich schon gefällt. Ich fühle mich noch viel zu frisch zum Aufhören – und die Vorstellung auf zwei Kurzetappen erfüllt mich ja schon seit gestern oder noch länger mit ganz tiefem Unbehagen. Trotzdem befolge ich brav Rosas Rat und mache fast eine Stunde Pause, lüfte meine Füße, esse manierlich und horche in mich hinein, bevor ich mich dann mit gänzlich gutem Gewissen an die nächste Etappe mache.

Kurz vor Verlassen der Stadt erstehe ich noch einen Apfel und eine Orange in einem Obstladen an der Straße. Die freundliche Verkäuferin wäscht mir den Apfel auch gleich noch. Das nenne ich Pilgerservice. Am Brunnen trinke ich nochmal fast zwei meiner Halbliterfläschchen aus und befülle neu. Rundum gestärkt geht es dann den Berg zu einer Kirche hinauf, und mit jedem Schritt schwindet die Fitness und kommen die Zweifel. Es ist tierisch warm, mir läuft der Schweiß übers Gesicht – und das, obwohl ich in einer Sauna normalerweise eine Dreiviertelstunde brauche, bis ich das erste Schweißtröpfchen bejubeln kann. Mir gibt zu denken, dass meine gestrigen Mitpilger allesamt die 2-Tage-Version anstreben, in Anbetracht der darauffolgenden Riesenetappe und der noch jungen Pilgerfitness. 2011 war ich schon zweimal joggen, ich bin mir aber höchst unsicher, ob das die von Rosa angesprochene „Topkondition“ heraufbeschwört.

Der kleine Hügel gibt mir den Rest, ich komme glühend heiß an der Kirche an, die zum Glück ausnahmsweise geöffnet hat und etwas Schatten und Abkühlung verspricht. Als ich danach wieder auf die Straße trete, treffe ich ein Pilgerpärchen, das mit Trekkingstöcken in etwa dreifacher Geschwindigkeit an mir vorbeiprescht. Ich hülle mich mit einem klangvollen „hola“ in multinationale Unkenntlichkeit, während die beiden Deutsche zu sein scheinen. Fasziniert beobachte ich das wilde Hacken und Klackern und denke etwas wehmütig daran, dass ich meine ersten Caminos auch derart bestritten habe. Zwischendurch ein erhabenes Schreiten mittleren Tempos, und mittlerweile bin ich bei einem unglaublich langsamen, bedächtigen oder auch hasenfüßigen Schleichen angekommen. Jede größere Steigung lässt mich panisch an meine Wade denken, und so stütze ich mich lieber beidhändig auf meinen tapferen, windschiefen Ex-Weihnachtsbaum, den ich gestern Abend gut erholt dann doch noch weitgehend von den Seitenästen befreit bekommen habe.

Der Weg ist schön, aber mir ist viel zu heiß. Nach einer halben Stunde habe ich schon eine meiner drei Wasserflaschen geleert, und laut Führer kommt ja bis Deba nichts mehr. Umso erleichterter bin ich, als vor mir plötzlich ein großer Park auftaucht- wo der deutsche Pilger gerade an einem Brunnen Wasser verspritzt. Ich trinke gleich nochmal eine Flasche leer und beschließe, so lange im Schatten zu bleiben, bis ich wieder kühl bin- und vor dem Losgehen dann gerade nochmal einen halben Liter zu trinken.

Zu meiner Freude kommt auch der langsame Holländer den Weg entlang und fragt, ob er sich zu mir unter meinen schattigen Baum setzen darf. Wir plaudern weit länger, als ich wirklich zum Abkühlen brauche. Frans trägt nicht nur eine stilvolle Jakobsmuschel am Rucksack, sondern auch ein Kreuzchen um den Hals, und im Vergleich zu meinen bisherigen Pilgerbekanntschaften, die größtenteils nur mal 10 Tage an der Küste entlangwandern wollen, will er wirklich bis nach Santiago. Er geht den Camino für seinen Sohn. Dieser hätte geheiratet, sich aber ein paar Monate später gleich wieder getrennt, dabei wäre die Frau perfekt gewesen. Hübsch, gutaussehend, attraktiv und schön (stimmt, was will man mehr). Und seitdem wäre er einfach auf keiner manierlichen Bahn mehr. Parties und Bekanntschaften, und das nun schon seit 4 Jahren. Damit das wieder anders wird, läuft der Papa jetzt intensiv betend den Camino. Meine zögerliche Frage, wie alt das Sorgenkind denn wäre, ergibt 30. Herrje, wenn meine Eltern bei meinen Brüdern und mir ähnliche Maßstäbe anlegen würden, kämen sie ja aus dem Pilgern nicht mehr heraus.

Grundlegend verstehe ich aber, was Frans meint. Er wirkt sehr weise und lebenserfahren und macht es bei seinem Sohn vermutlich auch richtig. Man merkt ihm an, wie schwer es ihm fällt, gelassen hinzunehmen, dass sein Sohn natürlich noch nicht diese Lebenserfahrung und Gelassenheit hat und seine eigenen Erfahrungen und Fehler erst selber machen muss. Aber er ist durch und durch faszinierend. Mich beeindruckt schon zutiefst seine Erzählung über seinen Beruf und seine Firma. Seine Frau und ein Sohn arbeiten darin mit, und als er beschlossen hätte, den Camino zu machen und in dieser Zeit nicht verfügbar zu sein, hätten sie verunsichert gemeint, was sie denn machen sollten, wenn es Probleme geben würde. Er sagt auf eine sehr schöne Weise, dass er es ihnen zutraut, diese Probleme zu lösen.

Ich mache mich wieder auf den Weg, nachdem ich nochmal intensiv Wasser getankt habe. Der Austausch mit Frans hat mich sehr glücklich gemacht, es war ein großer Hauch von Caminogefühl.

Weit komme ich nicht, bald bin ich schon wieder überhitzt. Ich mache bald im Halbstundentakt Pausen, sobald sich irgendwo ein Schatten ergibt. Für die Schönheit des Weges habe ich kaum mehr Augen.

Kurz vor Itziar bin ich nach einem Aufstieg so k.o., dass ich nicht einmal mehr das schwergängige Gatter aufbekomme. Ich lasse mich auf einen Stein davor plumpsen, obwohl er gerade einmal halbschattig ist. Mein Gesicht fühlt sich furchtbar heiß an, im Moment habe ich nicht einmal mehr die verschwitzen Sonnenmilchbäche über der Nase. Das Nachcremen wird erschwert, weil mittlerweile eine Art Salzkruste auf den Wangen angetrocknet ist, es fühlt sich an wie ein unfreiwilliges Peeling. Mir platzt schier der Kopf, wenn mir nicht zur Abwechslung gerade mal ordentlich schwindelig wird. Einen Sonnenstich kann ich bei meinem Mützchen ja wohl kaum bekommen haben, und auch einen Hitzschlag kann ich mir nicht erklären, schließlich bin ich mittlerweile wohl bei Trinkliter 7 und eigentlich nur noch im Wechsel am Trinken und Landschaft Bewässern.

Die dänischen Geschwister überholen mich. Der Bruder sieht beruhigenderweise ähnlich verschwitzt und etwas daneben aus, seine Schwester dagegen läuft immer noch ungerührt und topfit mit resolutem Schritt ein paar Meter voraus. Das schockt mich schon wieder so, dass ich wieder eine Bodenpause in einem moderaten Halbschatten mache. Ich fühle mich überfordert und einsam. Während ich mich noch unbestimmt nach vertrauter Gesellschaft sehne, piepst mein Handy. Ich bin baff erstaunt und gerührt über die Gedankenübertragung, und die Minuten, die ich zum mühsamen Tippen einer Rück-SMS brauche, reichen auch schon wieder zum etwas Abkühlen.

Irgendwann kommt Deba in Sicht, ich bin unendlich erleichtert. Als erstes taucht auch gleich die Sporthalle auf, in der laut Führer eine Herberge sein könnte. Sehr belebt sieht es nicht aus, und ich zögere fast schon, 100 m umsonst durch die pralle Sonne über den Sportplatz zu laufen, um dann doch vor einer verschlossenen Tür zu stehen. Sie ist wirklich zu. Ich teste noch eine andere Tür an einer anderen Sporthalle, aber das sieht hier sehr unbelebt aus. So laufe ich dann doch den Weg weiter hinunter, und er geht furchtbar steil hinunter. Meine eh schon sehr müden Beine nehmen mir diesen Abstieg sehr übel, zu den Waden schmerzen plötzlich die Knie und die Hüften.

Mit hämmerndem Kopf und halb Sternchen, halb Sonnenmilch vor den Augen stürze ich mich auf den erstbesten Mann, der gerade seinen Garten wässert und frage nach der Albergue de Peregrinos. Er guckt mich recht bedenklich an und läuft auch wieder gleich ein paar Meter mit mir mit, um mir die Richtung zu zeigen. Wo die Herberge genau ist, weiß er nicht, aber ich soll auf alle Fälle mal hinunter in die Stadt, wozu es segensreicherweise 2 Aufzüge gibt. In denen fahren gerade hauptsächlich schicke Büroleute spazieren, während ich wohl aussehe wie kurz vor dem Umfallen.

Unten find ich zwar den Camino, aber keine Herberge weit und breit. Ich bin nicht besonders durchdacht, sondern wandle mechanisch den Pfeilen nach. Ich dümple wohl schon Richtung Ortsausgang, als von einer Bank im Schatten der Däne winkt. Schatten ist prima, und wo die Herberge ist, weiß er zwar auch nicht, aber seine Schwester erkundigt sich gerade bei der Touri-Office. In die Schwester habe ich volles Vertrauen, und sie kommt auch schon zielsicher mit versteinerter Miene wieder die Straße entlang. Sie schultert wortlos den Rucksack, informiert uns kurz „am Ende der Allee“ und trommelt auch schon wieder wie ein Aufziehmännchen los. Wir stolpern recht geistig umnachtet hinterher. Der Däne erzählt, dass er es mit der Hitze nicht so hat, gestern ging bei ihm abends schon gar nichts mehr. Auch heute hat er ein patschnasses T-Shirt, die Kopfhörer hängen ihm wirr halb aus den Ohren, aber immerhin therapiert er sich gekonnt mit einer Dose Energydrink.

Am Ende der Allee findet sich wirklich neben dem Roten Kreuz eine Tür mit Aufschrift Pilgerherberge. Ein Spanier in der Tür lässt uns nicht hinein, wir müssten erst zur Polizei, um uns anzumelden. Und die ist wieder mitten in der Stadt, wo wir gerade herkommen. Ich bin nah dran, umzufallen bzw. rechne jeden Moment mit einer finalen Kapitulation meiner Wade. Selbst die Dänin ist für ihre Verhältnisse erschöpft und fragt, ob wir nicht wenigstens die Rucksäcke hierlassen könnten. Allerdings spricht der Spanier Spanisch und sie ungerührt Englisch, sodass er nicht gleich zustimmt. Sie fordert mich auf, das zu klären, schnappt sich im nächsten Moment aber auch schon den nur mit Handtuch um die Hüften aus der Dusche kommenden Deutschen und donnert ihn mit ihrer Problematik zu. Die Rucksäcke stellen wir nun einfach schon mal rein (zumal sich der Spanier auch nur als Pilger entpuppt)- und ich bin gelinde geschockt von der Herberge. Durch den Flur kommt man mit Rucksack schon kaum, und der Schlafsaal ist ein winziger Raum, in den 3 Betten passen, die aber dafür zum Teil dreistöckig. Ich habe ein klappriges, altes Metallbett direkt vor der Nase, welches in 3 m Höhe von einem winzigen dünnen Metallstängchen gesichert wird. Zum Glück muss ich nur in die zweite Etage, aber der Schock bleibt.

Wir laufen wieder zu dritt in die Stadt. Von dem Spanier habe ich einen Stadtplan in die Hand gedrückt bekommen. Die Dänin rast voraus, und nach ein paar Minuten bin ich etwas besorgt, weil ich zwar den materiellen Plan in Händen halten, aber trotzdem keinen Plan habe, wohin wir gerade eigentlich düsen. Ich stelle meine Unsicherheit mal zaghaft zur Diskussion, woraufhin mir die Dänin resolut den Plan entreißt und weiterhechtet. Eine Powerfrau durch und durch, und vermutlich 10 Jahre jünger als ich.

Der Polizist guckt uns regungslos und desinteressiert an, kassiert 5 Euro und stempelt kommentarlos unsere Credenciales. Mir ist ein bisschen zum Heulen zumute. Immerhin findet sich auf dem Rückweg noch ein winziger Laden mit sehr einfallsreich angeordnetem Sortiment, aber immerhin hat es alles Wichtige zum Abendessen, und ich bekomme sogar ein Baguette halbiert. Die Käsetheke verlasse ich fluchtartig, als sich der Verkäufer freundlich dem Käse zuwendet, nachdem er gerade noch in einem halben vermutlich Schwein gewühlt hat.

Nachdem ich heute doch recht geschafft von der Etappe bin, entscheide ich mich schweren Herzens zu Ballast-Abwerfen. Heute morgen bereits habe ich meinen Nasenspray entsorgt, und auch die kostbaren Erkältungstropfen stelle ich nun in den herbergseigenen Erste-Hilfe-Kasten. Vermutlich erleidet meine Erkältung nach mittlerweile 4 Tagen einfach keinen Rückfall mehr. Ebenfalls trenne ich mich von 100 g portugiesischem Meersalz. Irgendwie hätte ich die Idee sehr schön gefunden, jahrelang mit einem Hauch von Camino zu salzen, aber vielleicht tut es der verbleibende Rest ja auch. Ich halte gerade meinen Regenschirm in Händen, als der spanische Radpilger in die Herberge kommt. Mir ist das fast peinlich, dass ich überhaupt einen Schirm dabei habe und witzele, dass ich den jetzt ja wohl wirklich nicht brauchen werde. Er guckt recht ernst und meint, zum Wochenende sollte sich das Wetter ändern. Und bei der großen Hitze könnte man ihn ja als Sonnenschirm gebrauchen. Das habe ich noch gar nicht überlegt. Ich packe ihn vollauf überzeugt wieder ein.

Nachdem ich geduscht habe, bin ich einen kleinen Hauch von versöhnt mir der Herberge. Es hat sogar Duschgel und Seife und in dem engen Flur immerhin eine Waschstelle, eine Wäscheleine und sogar eine Zentrifuge. Der Schlafraum wird davon weder wohnlicher noch größer, aber mit Blick auf die Karte stelle ich fest, dass wir direkt am Strand wohnen. Ich habe meinen Beinen versprochen, heute keinen Schritt mehr zu laufen, allerdings scheinen 20m zum Strand legitim zu sein, zumal ich eh noch Abendessen muss und das in der Herberge nur auf meinem Bett machen könnte.

Der Strand liegt schon in leichtem Abendrot und ist bis auf ein paar Surfer weitgehend menschenleer. Die Strände bisher lagen mitten in einer Etappe, sodass ich noch nie gebadet habe. Abgesehen von meinen lustigen Kompressionstrümpfen klingt mir die Warnung aus einem Führer im Kopf, dass kühles Wasser zwar verlockend ist, aber die Blasenbildung am aufgeweichten Fuß massiv begünstigt. Heute kann ich also zum ersten Mal meine Füße ins Meer strecken – und kriege bei jeder Welle schier einen Schreikrampf, so kalt ist das Wasser. Aber sicher gut für die Beine. Arg! Huah! Aaaaah!

Ich sehe mich schon entweder in eine Glasscherbe treten, einen meiner Crocs-Imitate davonschwimmen oder meinen Foto oder mein Abendessen ins Meer plumpsen. Aber alles geht gut, und ich esse anschließend gemütlich auf dem Strandmäuerchen mein halbes Baguette, einen Gemüse-Thunfisch-Salat und eine ganze Dose Fruchtsalat. Manchmal bin ich beim Einkaufen zu optimistisch bezüglich meines tatsächlichen Hungers.

Zurück in der Herberge trifft zu später Stunde gerade noch Frans ein. Naheliegenderweise ist er auch ziemlich durch den Wind und auch nicht sonderlich angetan von der Bettensituation, nachdem für ihn die dritte Etage bleibt. Angesichts seiner eh schon lädierten Knie würde ich ihm ja gern einen Tausch anbieten, allerdings habe ich schon in meinem 2. Stock Höhenangst. Er wirkt auch etwas resigniert, zumal jetzt kein Supermarkt mehr offen hat und niemand in der Herberge ist, der mit ihm zum Essen ausgehen könnte. Ich habe fast ein schlechtes Gewissen, dann früh in meinen Schlafsack zu verschwinden. Er ist so ein sympathischer Pilger, und ich hätte gern irgendetwas zur Aufheiterung beigetragen.

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Dass ich in einer höchst modernen Herberge logiere, dämmert mir im wahrsten Sinne des Wortes mitten in der Nacht, als ich mich wackelig mit meiner Taschenlampe Richtung Toilette aufmache. Alle paar Meter geht tickend und klickend dank Bewegungsmelder ein weiteres Licht an. So überstehe ich die Treppe ins Kellergeschoss zwar ausgesprochen schadlos, dafür tun mir meine Mitpilger leid, die nun mitten in der Nacht Festbeleuchtung haben. Vermutlich haben sie es friedlich verschlafen.

Ich wache gegen 7 erneut auf, ein Blick aus dem kleinen Fenster verleitet gleich zu einem Foto.

Das zarte Hintergrundkreischen der Möwen macht mir schon wieder die üblichen Hummeln im Hintern, ich kann da einfach nicht liegenbleiben, wenn ein Tag anbricht. Zum Glück geht es meinen Mitpilgern ähnlich, sodass ich ohne schlechtes Gewissen packen kann und gegen halb 8 im Morgenerwachen wieder unterwegs bin.

Zuerst geht es mit einem kleinen, grünen Bötchen auf die andere Seite. Im Örtchen regt sich sonst noch nichts, und vermutlich bin ich auch so etwa der erste Passagier am heutigen Tag. Ich suche mir einen Platz auf einer Bank draußen, die der aufmerksame Fährmann schnell noch mit seinem Taschentuch für mich trockenwischt. Die paar Sekunden Überfahrt sind eine besondere Erfahrung, ich bekomme noch alles Gute bis Santiago mit auf den Weg gewünscht und starte ganz beseelt in den Tag.

Wenn schon nicht gestern, so darf ich heute zumindest nach vorne zum Meer laufen, wo es mit sehr steilen Treppen fast etwas beängstigend in die Höhe geht. Unter mir schlagen die Wellen gegen die Felsen, während einzelne Fischerboote zurückgetuckert kommen, umgeben von Schwärmen kreischender Möwen. Ich bin absolut begeistert und kann nur jeden zweiten Meter „Wahnsinn, Wahnsinn“ denken. Ungefähr 100 Fotos später kommt dann auch noch die Sonne hinter den Bergen hervor und taucht das Meer in verschiedene Schattierungen von Licht. Estupendo.

Zu dem schönen Leuchtturm Faro de la Plata darf man leider nicht hinauf, aber dafür geht es wieder wunderschön hoch über dem Meer entlang, vorbei an altertümlichen Brückenüberresten.

Ich bin fast schon irritiert, als plötzlich mit lautem Lärmen die Zivilisation in Form von vermutlich einer Schule wieder Einzug hält. Auf einer Fahrstraße geht es munter auf und ab, als ein weißer Lastwagen an mir vorbeifährt, der kurz darauf in Gegenrichtung nochmal anhält und fragt, ob ich nach Santiago will. Es hätte oben am Berg eine Bäckerei, wenn ich wollte. Ich erinnere mich dunkel, etwas Seltsames von einer ökologischen Bäckerei einer Glaubensgemeinschaft gelesen zu haben, kann aber ein Brot sehr gut gebrauchen und bedanke mich. Ein paar Momente später taucht mit einem einladenden Schild der Abzweig zur Rechten auf, und vom Weg kommt mir eine Frau mit Kindern entgegen, die alle ein wenig nach Kelly Family aussehen und mich auch schon wieder strahlend einladen, ob ich frühstücken will. Etwas zögerlich und reserviert lehne ich das mal mit Hinblick auf meine fastenzeitlichen Essgewohnheiten dankend ab, aber von der Bäckerei hätte ich sehr gerne etwas. Die Frau zeigt mir eine Tür, die eher nach Backstube als nach Ladentheke aussieht. Drinnen steht ein blütenweißer Bäcker vor einem tollen Steinofen, und ich stehe ziemlich zögerlich vor der Tür, ja, ja, ich solle nur reingehen, das wäre die Bäckerei. Alles sehr wunderlich, werde ich von einem strahlenden jungen Mann aus Israel empfangen, der mir nicht nur die diversen Brote zeigt, sondern mir natürlich gleich noch das Konzept der Glaubensgemeinschaft darlegt. Die Brote sind der Hammer, vor allem seine Sprachkenntnisse. Zwischendurch wirft er in seinen englischen Vortrag immer wieder etwas wie „Sauerteig“ oder „Dinkel“ oder „Roggen“ ein, was ich im ersten Moment überhaupt nicht verstehe und zuordnen kann. Ich entscheide mich für ein dunkles Roggenbrot (aus Getreide eines Glaubensgemeinschaftsablegers aus Deutschland) und möchte so ein lecker aussehendes Minibrot mit Kernchen, das gerade blecheweise herumliegt. Das wären „Seelen“ (ich raffe auch schon wieder ewig nicht, dass das wieder ein deutsches Wort ist, ich bin so spanisch und englisch verwirrt), aber leider hätten sie das Salz vergessen, deswegen wären die jetzt auch nicht in den Verkauf nach San Sebastian gelangt. Macht nichts, ich nehme trotzdem so eine und meine, Salz wäre ja eh nicht so gesund. Der Bäcker klärt mich ernsthaft auf, dass man das so nicht sagen könnte, es gäbe ja solches und solches Salz. (Ich fühle mich an Angelo erinnert, dass es tote und lebendige Worte gibt). Es gibt totes Salz, oder es gibt das Salz, das sie verwenden. Er führt mich zu einer riesigen Schublade mit klumpigerem, leicht rosa gefärbtem Salz, welches in Portugal aus dem Meer handgeschöpft wird (vermutlich von einem weiteren Ableger der Glaubensgemeinschaft), und welches alles mögliche Gesunde enthält und mir auch irgendwie die Ausstrahlung von Salz des Lebens hat.

Der Aufenthalt ist gleichermaßen beeindruckend wie etwas skurril. Alles ist unheimlich sauber und märchenhaft von den frühen Sonnenstrahlen lichtdurchflutet. Ständig laufen Erwachsene und Kinder durch die Gegend, die mich alle aus tiefstem Herzen anstrahlen. Der Israeli erzählt mir gut eine halbe Stunde kaum zu unterbrechen von seinen Suchen im Leben und dass er hier seinen Hafen gefunden hat. Zum Abschied schnappt er sich noch eine Tüte und füllt mir einen Haufen Spezialsalz hinein. Ich bekomme eine Visitenkarte von einer weiteren Filiale in San Sebastian, zu der ich unbedingt noch gehen soll. Ich bin schon halb weg, als er mir noch eine Broschüre zum Lesen mitgibt.

Die nächsten Kilometer bin ich ziemlich durcheinander und nachdenklich. Ich schwanke sehr hilflos zwischen unglaublichem Wohlgefühl und einer genauso großen Reserviertheit und Misstrauen. Ich denke über die Grenzen von Freundlichkeit und dem Übergang zu einer Sekte nach. Und über das Lebensmodell, seinen Frieden in einer idyllischen Glaubensgemeinschaft zu finden, in der jeder unheimlich friedlich von innen heraus strahlt und es haufenweise Kinder gibt, die sich alle etwas erschreckend ähnlich sehen. Der Israeli meinte, er hätte irgendwann eingesehen, dass es keinen Sinn macht, vor seinen Problemen davonzulaufen. Ist es ein richtiges Sich-der-Welt-Stellen, wenn man mit 18 anderen Leuten in einer eigenen Welt lebt, in der die Kinder zu Hause unterrichtet werden, alle lange Bärte tragen und die Frauen in recht speziellen wallenden Gewändern sittlich verhüllt werden? Ich denke viel nach über die beeindruckenden Aussagen des Bäckers, bin mir aber sehr sicher, in San Sebastian die Filiale nicht aufzusuchen, auch wenn es ihn vermutlich enttäuschen wird.

Durch den Wald des Monte Ulia geht es mit beeindruckendem Blick auf den langen Sandstrand von San Sebastian bergab. Auf der Suche nach einem Supermarkt stolpere ich erst einmal über eine Kirche, der ich kurz einen Besuch abstatte. Dann frage ich mich nach einem wirklich tollen Supermarkt durch, bei dem ich auch schon wieder eine halbe Stunde brauche, weil ich mich nicht entschließen kann, was ich nun essen und mitnehmen will und was gewichtlich zumutbar ist. In einem unbeobachteten Moment wiege ich schnell meinen Salzbeutel, der mich mit 150g schwer schockt. Auch meine Hustentropfen und mein Nasenspray finden den Weg auf die Waage, hatte ich zu Hause doch noch das Gefühl, schwer erkältet zu sein. Wundersamerweise fühle ich mich aber seit Eintreffen in Spanien wie blitzgeheilt, dafür wirkt mein Rucksack unnötig schwer.

Schwer beladen mache ich mich auf zum Strand, auf dem es aber vor Hunden derart wimmelt, dass ich mich reichlich unromantisch auf eine Bank direkt an der Uferpromenade setze, minutenlang umkurvt von einem Straßenkehrmaschinchen. Ich breite meine diversen Leckereien aus, kippe Olivenwasser ab und fische ölige gebratene Paprika tropfend aus meinem Glas. Mitten in meinem tütentechnischen Chaos voller Brotkrümel stehen plötzlich meine beiden Mitpilger aus der Herberge vor mir. Ich fühle mich irgendwie etwas unwohl, habe das Gefühl, irgendwo im Gesicht ganz viel Mehl oder Paprikaöl zu haben und bin fast erleichtert, als sie weitergehen, um einen Kaffee trinken zu gehen. Irgendwie fühle ich mich auch nicht so richtig dazugehörig. Die Vorstellung, diesen wunderschönen Morgen in Gesellschaft zu verreden, reizt mich nicht. Ebenso wenig eine Bar, wohingegen die beiden vermutlich von meinem Selbstversorgerchaos und meiner Abschottungstendenz etwas irritiert sind.

Auch das vielgepriesene San Sebastian reizt mich überhaupt nicht. Als Pilger ist es ein sehr komisches Gefühl, Einkaufsstraßen entlang zu laufen. Es wimmelt von wohlgekleideten Menschen, vorwiegend älteren Damen mit perfekt gehaarsprayter Frisur, etwas zu rotem Lippenstift und Designertäschchen. Die Uferpromenade wird erdrückt von pompösen Geländerverzierungen – und auch wieder gefühlten 5 Leuten pro Quadratmeter. Ich wühle mich mühsam durch die Massen, bin langsam auf der Suche nach einem WC und werde irgendwann immer verzweifelter. Ich sehe mich schon inmitten der High Society auf die Nobelpromenade pinkeln. Als letzte Rettung findet sich glücklicherweise am Ende der Promenade dann doch noch ein geöffneter WC-Komplex. Etwas ernüchtert stelle ich fest, dass ich durch ganz San Sebastian durchgeprescht bin und leider vor lauter WC-Suche gar nichts von einer eventuellen Schönheit mitgenommen habe. Allerdings sind die großen Sehenswürdigkeiten und Orte erfahrungsgemäß einfach nichts für mich. Pilger und Tourist lässt sich für mich schwer vereinen; eigentlich ist es ja mein Camino, und wenn ich mich wohler in der Natur fühle und das Sightseeing mich eher mit Unwohlsein erfüllt, sollte ich mir vielleicht diese Freiheit ohne Gewissensbisse herausnehmen.

Hinter San Sebastian geht es munter den Berg hoch. Ich bin mit einem Mal ziemlich erschöpft und unlustig, zumal es auch recht warm ist. Ich mache schon wieder eine große Pause und probiere meine frisch erstandenen Gummihandschuhe. Vor dem Camino kam mir die Idee, Kompressionsstrümpfe auszuprobieren, nachdem ich bei einer Sportvariante gelesen hatte, dass sie die Muskelvibration herabsetzen könnten. Nachdem ich nicht weiß, was meine komische Wade immer wieder zum Anschwellen bringt, ich aber einen ziemlichen Horror davor habe, ist es ein verzweifelter Versuch, der sich gestern gut bewährt hat – bis auf die Tatsache, dass mein gewichtssparender Gedanke, sie einfach mit Socken über den Händen anzuziehen, keine gute Idee war. Nach zwei morgendlichen verzweifelten Kämpfen nun also mit Gummihandschuhen (80g, der supermärktlichen Gemüsewaage sei dank) der Anbruch einer neuen Ära. Recht erschossen auf meinem Bänkchen gegenüber einer Hotelanlage bin ich sicher ein Bild für Götter, wie ich mit quietschenden beigen Handschuhen an meinen schicken beigen Kniestrümpfen herumzerre. Ich habe wirklich Glück, dass mich in diesem Moment nicht gerade wieder freudig ein Pilger entdeckt.

In fröhlichem Auf und Ab erklimme ich entlang der Straße den Monte Igeldo, entlang von eleganten Villengegenden im Wechsel mit Weiden am Meer.

Ich bin generell recht platt und tröste mich damit, dass es erst mein zweiter Tag ist und ich mich ja auch erstmal wieder ans Pilgern gewöhnen muss. Trotzdem bin ich heilfroh, als nach einer halben Ewigkeit durch Wälder und Weiden am Meer entlang ein gelbes Haus zur Rechten auftaucht, an dem etwas von Orio steht. Allerdings nicht direkt etwas von Herberge. Sicherheitshalber konsultiere ich meinen Führer, der erst mitten im Text ist, etwas von höchstem Punkt erzählt und dass es von einem ominösen Schild dann immer noch eine Stunde bis nach Orio ist. Ich falle schier um.

Das Schild findet sich irgendwann, ich bin richtiggehend erleichtert, überhaupt auf dem richtigen Weg zu sein. Intuitiv festigt sich ein Grundmisstrauen, dass ich so erschöpft jetzt vielleicht auch noch eine Stunde in eine falsche Richtung rennen könnte. Das angekündigte „steile Bergab“ gibt mir den Rest, ich soll unter einer Autobahn durch, die irgendwie kilometerweit unter mir ist. Im Moment erscheint mir der Abstieg vom Jaizkibel dagegen wie ein Klacks. Obwohl ich mich alle Viertelstunde mitten auf den Weg setze, um auszuruhen, sind meine Beine einfach völlig müde und kraftlos. Keine guten Voraussetzungen, sodass ich wenigstens nach einem Stock suche, um den Abstieg erträglicher zu machen. Stöcke hat es genug, aber alle sind dermaßen morsch, dass sie wenn nicht beim bloßen Anschauen, dann zumindest beim ersten Belasten krachen. Ich bin ziemlich verzweifelt, zumal schon wieder alles verdächtig verhängnisvoll zieht. Irgendwo finde ich dann ein nichtmorsches Holz, allerdings sieht es aus wie ein ausrangierter Weihnachtsbaum mit 20 Verästelungen, die ich im Moment nicht mal mehr richtig wegbrechen kann. Abgestützt auf einen wild verästelten Komplettbaum schleppe ich mich also ins Tal.

Kurz vor der Autobahn sehe ich auf der gegenüberliegenden Seite in der Ferne eine Pilgersilhouette – das fröhliche Stück „steil bergauf“ habe ich aber erst noch vor mir. Als dann endlich, endlich eine Siedlung beginnt und ein Albergue-Pfeil links um ein Haus herum weist, bin ich sehr, sehr froh.

Mein erster Blick fällt auf eine liebevoll eingerichtete (unbesetzte) Rezeption sowie den Schlafraum mit einer Pilgerin, die sich gerade ähnlich k.o. duschfertig macht. Auf meine Frage, ob es hier auch einen Hospitalero hätte, guckt sie verstört geschockt. Wer weiß, was ich da jetzt wieder komisches auf Spanisch gesagt habe. Auf alle Fälle gibt es eine Klingel, auf die dann auch sogleich Rosa, eine resolute Dame mittleren Alters, angesprungen kommt. Mit viel Pilgererfahrung beherrscht sie das „Spanisch für Anfänger“, indem sie alles zwar Spanisch, aber schön langsam und mit viel Betonung und Gestik erklärt. Vor allem hat es eine Zentrifuge sowie ein extra Gartenhäuschen mit einer voll funktionsfähigen Küche, ich bin begeistert.

Ich dusche bzw. mache die Bekanntschaft mit einer ausgefallenen Spezialdusche mit Massagedüsen, die sich durch 2 Knöpfe bedienen lässt, die sowohl die Wassertemperatur, die Strahlstärke als auch die Düsenbelegung steuern. Wie, bleibt mir verborgen. Ich werde den Eindruck nicht los, dass die Aufteilung mangels eines dritten Knopfes einfach im Minutentakt wechselt. Kaum habe ich das Gefühl, den Temperaturknopf ausgemacht zu haben und drehe noch ein bisschen wärmer, schießt es statt tropfendem Tropenregen von oben plötzlich quer aus den waagerechten Massagedüsen. Während ich schnell zum Tropenregen zurückrudern will, kommt dafür mit noch mehr Druck plötzlich eiskaltes Wasser. Ich bin fast am Verzweifeln, schaffe es aber irgendwann zumindest auf eine angenehme Temperatur und ignoriere einfach die Tatsache, dass es mit Hochdruck donnernd an die Kabinenwand spritzt und die Pilgerin nebendran (aus einer leise plätschernden Dusche) sich wahrscheinlich ihren Teil denkt.

Diese stellt sich als Deutsche heraus, was auch den irritierten Blick anlässlicher meiner spanischen Hospitalerasuche erklärt. Sie ist ganz lustig furchtbar langsam und bedächtig. Na ja, sie hatte ja auch nicht den Adrenalinkick des Kampfs mit einer wildgewordenen Donnerdusche.

Ich mache begeistert großen Waschtag, zentrifugiere sicher einen halben Liter Wasser heraus und hänge die eh schon fast trockenen Sachen auf die Leine in die strahlende Sonne. Der Halblatino trifft ähnlich erschossen ein, nur von der Schweizerin fehlt noch jede Spur.

Ich springe schon wieder (Erschöpfung und Entspannungsvorsätze waren gestern) ins Örtchen, wo es gleich mehrere Supermärkte geben soll. Leider habe ich nur mein Nachmittags-T-Shirt an und friere im leichten Wind fast ein bisschen. Ich beschließe, die Existenz einer Küche auszunutzen und mir meine traditionelle Caminopaella zu kochen. Ferner gibt es lecker aussehende Erdbeeren und Frühstücksleckerli; gepaart mit Wasser und Fruchtsaft und einer Schokolade für den Halblatino schleppe ich schon wieder eine Riesentüte den Berg hoch. An der Herberge ist nun doch auch die Schweizerin gerade am Einchecken. Sie hat sich üblich risikofreudig für den rot-weißen Küstenweg entschieden, der deutlich länger und ambitionierter gewesen zu sein scheint. Ihre Arme sind ziemlich verkratzt. Das käme aber nicht vom Küstenweg, sondern sie hätte unterwegs eine Ziege getroffen, die sich mit ihrer Leine in einem Ginsterbusch verheddert hätte. Die hätte sie dann lieber mühevoll befreit.

Die anderen drei nehmen Abendessen in der Herberge, sodass ich ein bisschen unentschlossen mit meiner Tiefkühlpaella dastehe, die dann doch keine so gute Idee war. Ich bin dann aber fast froh, in Ruhe vor mich hinköcheln zu können und nicht mit am Tisch sitzen zu müssen. Irgendwie fühle ich mich heute gar nicht wohl in dieser Pilgerrunde. Vielleicht liegt es daran, dass es mir zu deutschsprachig ist, oder daran, dass alle drei recht genaue Ansichten zu allem möglichen haben. Während ich koche, unterhalten sie sich darüber, wie schrecklich der französische Jakobswegfilm „Pilgern auf Französisch“ gewesen wäre, voller Klischees und dass sich die Charakter ja skandalöserweise verändert hätten, was zum Beispiel bei schwedischen Filmen nie der Fall wäre. Ich fand den Film toll, habe mir aber ehrlichgesagt nicht einmal Gedanken gemacht, ob sich da nun ein Charakter wandelt oder nicht und ob das gut ist oder nicht. Ich bin generell eher ein intuitiver Mensch, der am liebsten etwas mit dem Herz fühlt und gar nicht so viel redend zerpflückt. Herztechnisch finde ich überhaupt keinen Zugang zu den anderen, und sie finden mich vermutlich auch recht wunderlich und doof. Ich bin etwas niedergeschlagen, während ich meine viel zu große Portion Paella in mich hineinfüttere.

Rosa, die selber schon oft gepilgert ist, gesellt sich ein Weilchen zu uns dazu und erzählt von den nächsten Etappen. Im Wesentlichen erzählt sie es den beiden fließend Spanischsprechenden, auch da ist die Konversation wieder auf einer (in diesem Fall sprachlichen) Ebene, auf der ich nicht mithalten kann. Sie erzählt von der langen Etappe von Deba nach Zenarruza, 32 km und 9 Stunden, die uns in den nächsten Tagen bevorsteht. Das wäre die schwierigste auf dem ganzen Camino, einfach, weil sie so lang wäre und es eine Berg hätte. Die Herberge in Markina nach 7 Stunden macht leider erst im Sommer auf. Es wäre aber die einzige Schwierigkeit auf dem Camino, sonst würde sich immer etwas finden lassen. Mir liegt da die Etappe hinter Bilbao etwas schwer im Magen, wo auch eine Herberge fehlt und wo ich auch mit noch so viel Nachdenken nur auf irgendeine Horroretappe jenseits der 45 km komme. Nein, nein, das wäre kein Problem, man solle einfach immer auf die Touristeninfo gehen, und die würden immer und überall einen Schlafplatz für einen suchen. Versöhnliche Vorstellung, und sie muss es ja wissen.

Vor der Mammutetappe nach Zenarruza liegen nun noch 31 km, die ich eigentlich morgen laufen wollte, um wieder im Pensum meines Reiseführers zu sein. Der Deutsche stöhnt, dass er ganz sicher keine 30er-Etappe macht, er ist doch nicht verrückt. Nach der heutigen Erfahrung reizt mich die Vorstellung ehrlichgesagt auch nicht, aber zweimal 15 km mache ich erst recht nicht. Rosa empfiehlt, morgen ganz relaxt nach Zumaia zu laufen, dem Ort nach 15 km, dort eine lange Pause zu machen und zu überlegen, ob es noch weitergehen soll oder nicht. Mit guter Kondition wäre das schon machbar, aber eben, lieber nichts überstürzen, weil tags drauf dann ja die Horroretappe kommt. Ich bin etwas unruhig angesichts dieser blöden Etappenplanungen und Entscheidungen zwischen Ehrgeiz, Terminplan, Wohlgefühl und vor allem Vernunft. Rosas Vorschlag ist ja aber durchaus beruhigend.

Während sich das Pilgerkollektiv abendlicher Blasenchirurgie hingibt, gehe ich wieder früh ins Bett – mit zwei wunderbaren Wolldecken ausgestattet. Meine Füße sind glücklicherweise noch vollkommen blasenfrei. Hoffentlich hält nur mein Bein meine ambitionierten Pläne für die nächsten Tage aus.

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Die Nacht ist sehr fröstelig. Ich habe wieder nur meinen 9-Euro-Billigschlafsack mitgenommen und häufe im Zuge der Nacht meinen halben Rucksackinhalt über mich, um irgendwie warm zu werden. Wie auch gestern in Bilbao lassen sich die Sorgen schwer abschütteln, wie es bei dieser Kälte weitergehen soll.

Gegen 7 rumort es, erst denke ich an die anderen Pilger. Es ist der Hospitalero, der wohl befindet, dass wir uns so langsam, aber sicher mal vom Acker machen könnten. Ich packe weitgehend schnell zusammen und mache mich auf den Weg. So nach Frühstücken in der kalten Herberge mit diesen netten drei anderen Pilgern ist mir nicht. Zumal ich eh nichts mehr zu essen habe.

Ich frage den Hospitalero, in welche Richtung denn überhaupt der Camino weitergeht. Er winkt wortkarg ab und begleitet mich nicht nur vor die Haustür, sondern marschiert sicher 100 Meter mit mir mit, bis wir an einer Hauptstraße sind, von der er die lange Straße hinunter zeigt und auf dem Berg gegenüber eine Kirche. Ich bedanke mich glücklich, springe aber erst noch über die Straße, wo es eine geöffnete Panaderia hat. Die Auslage an süßen Stückchen ist göttlich, allerdings faste ich gerade Kaffee und Schokolade, sodass nur eine Art Croissant bleibt. Und ich ergattere ein wunderbar geformtes Körnerbaguette, welches kunstvoll in ein Seidenpapier gewunden wird. Es ist so schön, dass ich es außen an meinem Rucksack feststecke. Ich bin erleichtert, nun sowohl Frühstück als auch Notproviant für den Tag zu haben. Einen Supermarkt hat es um die Zeit noch nicht, und meine vage Vorstellung, ja eh noch stundenlang in Hondarribia rumzulaufen, erübrigt sich nach einem Blick in den Führer, der mich schon vorher durch ein Feuchtgebiet zur Kirche hoch leitet.

Kurz vor dem Abzweig hat es dann allen Ernstes noch eine Alimentación, die zu dieser Zeit schon geöffnet hat. Der Besitzer ist ein Original, wortkarg und moderat höflich, aber ich kaufe enthusiastisch seine halbe Kühltheke leer und bin überglücklich über Käse, Chorizo, weiteres Frühstück in Form von Magdalenas und Fruchtsaft.

Das sumpfige Moorgebiet ist zu dieser Zeit recht mystisch in leichten Nebel gehüllt. Von den Zweigen tropft förmlich der Tau – und es riecht auch so richtig schön nach Moor und Moder.

Entlang von ersten Weiden mit unheimlich vielen, sehr kleinen und sehr verregnet dastehenden Pferden wandere ich neugierig in den ersten Sonnenstrahlen durch das erste richtige Örtchen auf meinem Camino. Danach geht es einen ursprünglichen Pfad recht manierlich den Berg hinauf.

Als sich das Wäldchen lichtet, wird zum ersten Mal der Blick aufs Meer frei. Ein Moment, fast so erhebend wie der erste Blick auf Roncesvalles oder auf Santiago. Ich komme ziemlich schwitzend an der Kirche an, wo auch schon das dänische Geschwisterpaar residiert. Ich mache es mir auf einem großen Stein bequem und lege erstmal meine diversen Schichten zum Trocknen aus. Ich mache eine bedächtige Fußlüftpause, schon wieder ein Essenspäuschen und schreibe eine SMS in die Heimat – mit bestem Gewissen, dass ich das Meer sehe und es hier herrlich sonnig, warm und einfach toll ist.

Am anderen Ende des Platzes kommt schon wieder ein Pilger dampfend den Weg hochgeschwitzt. Ich winke auf die Ferne. Der Schweizer ist es nicht, hier ist also ganz schön viel los. Dabei hatte ich befürchtet, eventuell wochenlang völlig allein durch den Regen zu laufen.

Danach geht es Richtung Hügel und an den ominösen Abzweig „für Alpinisten“. Davon fühle ich mich nicht direkt angesprochen, zumindest meine Wade nicht. Aber die Alternative „für die anderen Pilger“ geht auch rein überhaupt nicht. Also munter geradeaus den Berg hoch.

Nach ein paar Metern muss ich lachen. Der Berg ist wirklich der Hammer, ich habe es noch nie so steil und direkt hochgehen sehen. Der Camino Duro auf dem Hauptweg ist dagegen ein Spaß, zumindest immerhin ja ein richtiger Weg. Hier geht es halb die grüne Wiese hoch. Ich bin doch keine Bergziege.

Gefühlte 450 Schritte und 400 Höhenmeter später bin ich dann aber auch schon auf der Höhe angekommen. Und es ist umwerfend. Hinter mir der Blick auf  das Häusermeer von Hendaye, Irun und Hondarribia, unter mir der Blick auf das Santuario, und vor mir eine weite, grüne Ebene voller kleiner Felsen und leuchtend gelbem Ginster – und darunter das blaue Meer, soweit das Auge reicht. Ich bin schon wieder high.

Während ich in ganz leichtem Auf und Ab durch ein Gänseblümchenmeer über einen Boden wie ein Wasserbett federe, ziehen langsam von hinter mir die ersten dickeren Wolken auf. Ich bin überglücklich, nach den kalten und grauen ersten Eindrücken heute ein paar Momente von strahlendem Sonnenschein genossen zu haben. Das Laufen fühlt sich beschwingt und gleichzeitig irgendwie erdend an. Bis auf ein paar wandernde Franzosen in Gegenrichtung ist es hier oben paradiesisch ruhig.

Mit Blick auf eine friedlich grasende Pferdeschar mache ich eine lange Pause an den Sendemasten gegen Ende des Berges. Die Pferde faszinieren mich. Kein Vergleich zu den knochigen, nassen Minipferden vom Morgen, die regungslos in ihrem tiefen Matsch standen. Dieses zarte Rupf-Rupf im Sonnenschein mit Blick aufs blaue Meer hat etwas durch und durch meditatives.

Anschließend beginnt der Abstieg durch mediterranen Nadelwald und durch weitere Pferdekoppeln hindurch. So ohne Zaun ist es fast ein bisschen respekteinflößend. Gut 15 Pferde mit Fohlen stehen mitten auf dem Weg, und ich quetsche mich etwas ängstlich am äußersten Zaun entlang, um nur ja nicht irgendwie bedrohlich zu erscheinen. Irgendwann bin ich dann für meinen aktuell nicht existenten Trainingszustand recht erschöpft und froh, als das erste Dörfchen und das Meer vor mir auftauchen. Ein Weitergehen schließe ich für heute erwartungsgemäß aus und folge stattdessen den Pfeilen zur Herberge. Diese liegt in wunderbarer Lage am äußersten Ende einer kleinen Anhöhe, mit Blick auf den Hafen und den Meeresarm hinaus aufs Meer. Es hat sogar einen kleinen Leuchtturm davor, der gerade von zwei Männern repariert wird.

Die Herberge sieht von außen ungleich schicker und idyllischer aus als das gestrige Werk, allerdings mit dem kleinen Wermutstropfen, dass sie erst um 16.00 öffnet und es noch nicht einmal 14.00 ist. Ich mache es mir bequem, esse noch ein paar Reste und massiere meine Füße. Dann wird mir das kühle Windchen zu ungemütlich, und ich umrunde die Herberge samt Kirche auf der Suche nach einem windgeschützteren Platz. Die einladenden Bänke sind leider alles andere als windgeschützt. So lande ich nachher auf dem Boden neben einem Rosenbeet, wo ich meinen Schlafsack schon mal als wärmende Unterlage ausbreite. Es ist leider wieder sehr kühl, und meine sehnsuchtsvollen Fantasien ranken sich von Minute zu Minute immer mehr um eine heiße Dusche.

Aus meinem Schlaf schrecken mich dann irgendwann die Schritte eines weiteren Pilgers. Der augenscheinliche Spanier antwortet auf meine Frage, woher er kommt „Alemania“, was mir erst einmal ein schlaftrunkenes „was? Du doch nicht“ entlockt. Er lacht und meint, er wäre immerhin zur Hälfte Lateinamerikaner. Auf alle Fälle ist er sehr lustig und unterhaltsam, und wir kriegen die letzte Stunde Wartezeit wie im Fluge mit Beruferaten und seinen Caminoerlebnissen herum.

Um 16.00 schaut ein irritierter Hospitalero vor die Tür, ob wir denn schon länger warten und warum er unser Klopfen nicht gehört hätte, er wäre doch schon die ganze Zeit in der Herberge. Selbst wenn ich das gewusst hätte, hätte ich mich doch wohl kaum getraut, vor offizieller Öffnung zu stören.

Die Herberge ist klein und beeindruckend schön. Außer einem großen, hohen Raum mit Tisch hat es zwei Schlafebenen mit jeweils 4 Stockbetten. Überall ist dunkles Holz und viele Holzbalken, und für unsere chaotischen Rucksackinhalte hat es sogar Metallkörbe für unters Bett. Im Untergeschoss hat es wunderbare Duschen, sodass ich mich erstmal schön durchrösten lasse. Ein wenig Sorge bereitet mir allerdings schon wieder mein Bett, welches an einer grobsteinigen Außenwand steht. Das klingt wieder nach Frieren.

Mittlerweile ist auch eine Schweizerin eingetroffen, ebenfalls in unserem Alter. Sie scheint recht zäh zu sein. Eigentlich ist sie gerade erst mit dem Nachtzug in Hendaye angekommen und wollte nur bis Hondarribia, hat sich dann aber einfach so nach Laufen gefühlt, dass sie „noch kurz“ den Berg drangehängt hat. Sie hat ebenfalls einige Monate in Lateinamerika verbracht, spricht also auch weitgehend fließend Spanisch. Ich falle in unserer Runde daher ziemlich aus dem Rahmen. Nachdem ich dem Hospitalero erzähle, dass ich in 2 Wochen einen Rückflug ab Bilbao habe, erläutert er mir eine Viertelstunde jede einzelne Etappe bis dahin und wie ich möglichst gut Zeit schinden kann. Meine kläglichen spanischen Versuche, ihn zu bremsen und zu erklären, dass der Flug zwar ab Bilbao geht, aber ich ja schon weiter kommen will, scheitern leider an meinen doch sehr rudimentären Spanischkenntnissen.

Ich mache mich auf ins Städtchen und auf Supermarktsuche. Gerade kommt wieder etwas Sonne heraus, und es reizt mich ungemein, vorne bis ans Meer zu gehen. Auf halber Strecke kehre ich dann aber doch um. Meine Beine fühlen sich nicht mehr so ganz taufrisch an, und vielleicht sollte ich ihnen nun wirklich für heute Ruhe gönnen, statt schon wieder, kaum geduscht, mit Hummeln im Hintern überall rumzurennen.

Der Laden ist exakt doppelt so teuer wie meine morgige Alimentación, was mir ein bisschen die Shoppinglaune verdirbt. Ich belasse es daher bei Wasser und einem Thunfischdöschen für den Abend. In der Abendsonne der Herberge plaudere ich ein bisschen mit der Schweizerin und dem später dazukommenden Deutschen. Die gemeinsame Wellenlänge vom Nachmittag ist mit einem Mal nicht mehr da. Vielleicht findet er mich komisch, weil ich nicht wie ein normaler Mensch gemütlich in einer Bar etwas essen und trinken gehe, sondern immer nur zu Supermärkten renne, oder die weitaus ruhigere Schweizerin trifft eher seinen Nerv. Ich fühle mich vergleichsweise etwas kindisch, unruhig und hibbelig, was sich noch verstärkt, wenn wir Spanisch reden. Außer zwei Pilgern mit gepflegter Ausdrucksweise fuchtelt jemand wild mit Händen und Füssen, um fehlende Worte zu substituieren oder Vergangenheits- und Zukunftsformen zu verdeutlichen. Eine kleine Katastrophe bin ich wohl schon. Vorher im Supermarkt habe ich vermutlich mal wieder gefragt, ob ich ein Brot hatte.

Auf den späten Abend treffen noch zwei Radpilger ein. Wie es sich für einen erschöpften Pilger gehört, liegen wir noch vor 21.00 im Bett. Ich häufe vorsorglich Regenjacke und Trekkinghosen über den Schlafsack und fühle mich weitgehend wohl. Der Tag war toll, die sonnigen Phasen machen Hoffnung. Das schnuckelige Örtchen und die heimelige Herberge sowie der Duft des Meeres, die Fischerboote und Möwen zaubern eine wunderbare Urlaubsstimmung.

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Mein nunmehr achter Abstecher auf einen spanischen Jakobsweg kommt mal wieder ganz unverhofft und intuitiv. Als mir mein Bruder zu Weihnachten den Rothen Reiseführer vom Camino del Norte schenkt und meint, vielleicht wäre das doch etwas für mich, ist mein erster Gedanke „oh, wie schade. Dabei werde ich diesen Weg doch sicher nicht gehen“. Zu touristisch, zu wenig Pilger, zu wenig Pilgergefühl… aber zwei, drei Blicke in den nächsten Tagen genügen, um mir die fixe Idee des Camino del Norte in den Kopf zu setzen. In dem bekannten Führer mit den bekannten Streckenprofilen und Herbergsbeurteilungen sieht das alles plötzlich nicht mehr fremd und anders aus, sondern vertraut (und sehnsuchtsweckend) wie eh und je.

Auch liegt dieser Weg ganz paradiesisch in Sachen Erreichbarkeit. Von Bilbao fährt im Stundentakt ein Bus nach Irun, und wenn ich mich grob an den Etappen meines Führers orientiere, bin ich nach 14 Tagen in Llanes, von wo auch mehrmals täglich ein Bus nach Bilbao zurückfährt. Und wenn ich nicht bis Llanes komme, hält der Bus beruhigenderweise auch 1-2 Etappen vorher alle paar Orte. Da kann man es doch so richtig entspannt auf sich zukommen lassen, und vielleicht klappt es endlich mit dem Traum vom Camino ohne Etappenplanung, Stress und Sorge.

Ein paar Wochen vorher checke ich sicherheitshalber nochmal die Rückfahrt und stelle fest, dass nur ein einziger Bus frühmorgens in Frage kommt. Ich kontrolliere die Sitzplatzverfügbarkeit – und bekomme fast einen Herzstillstand angesichts der durchweg roten Sitze – bis auf einen einzigen Platz alles ausgebucht. Ich rette hektisch panisch tippend wenigstens noch diesen für mich. Mein Bruder erklärt wissend, dass es schließlich Semana Santa ist, da wollen wohl viele Spanier verreisen.

Zwei Tage vorher rufe ich mir nochmal die Zwischenhalte in Erinnerung und stelle mir plötzlich die Frage, ob ich da überhaupt problemlos auch schon früher einsteigen kann. Eigentlich kein Problem, ich habe ja ab Llanes bezahlt, aber um sicherzugehen, frage ich nochmal per Mail bei Alsa nach. Selbstverständlich, das geht nicht, mit ganz herzlichen besten Grüßen, Jesús. Ich denke, ich habe mich verlesen oder etwas falsch verstanden, aber der gute Jesús beharrt drauf, das Sitzchen bleibt zwar leer, aber man weiß ja nicht, ob überhaupt jemand aussteigt und was weiß ich was, also geht mal ganz sicher nicht. Ich kriege einen halben Nervenzusammenbruch. Sicherheitshalber noch weitere Tickets von früheren Orten aufkaufen geht auch nicht mehr, der Bus ist ja ausgebucht. Auch meine Idee, die Liste der Busse von Bilbao nach Irun auszudrucken, bringt unschöne Überraschungen. Von stündlichen Abständen ist nichts mehr zu sehen, bzw. zumindest klafft eine nette fast 4-stündige Lücke zwischen 14 und 18.00. Nachdem ich um 13.30 am Flughafen in Bilbao ankomme, reicht es nicht mehr auf 14.00 und geht für mich also erst kurz vor 18.00 weiter. Fast schon mit böser Vorahnung werfe ich einen Blick auf die Sitzplatzreservierungen. Wieder ist fast alles ausgebucht, ich ergattere schon wieder recht panisch einen der letzten Plätze. Das fängt ja gut an.

Dafür liest sich die 14-Tage-Vorhersage für Bilbao und Santander sehr einheitlich – außer grauen Wolken für die ersten beiden Tage kündigt die Prognose für jeden weiteren Tag eine gelbe Sonne vor blauem Himmel an, bei 24-26°C. Ich bin recht ungläubig, noch nichtmal ein kleines, weißes Teilwölkchen zu erspähen. Und spähe umso misstrauischer auf meinen großen Haufen Gepäck, der erstmals neben Regenjacke, Regenhose und Rucksackhülle auch einen Regenschirm beherbergt.

Mein sonntäglicher Anreisetag beginnt kurz nach 6 per Zug, ab 9 geht mein erster Flug von Zürich nach Düsseldorf. Mittlerweile bin ich flugroutiniert, handgepäckerprobt und routiniert im Rucksack-in-Müllsack-Eintüten. Die Waage zeigt 8 kg, ich bin zufrieden.

Etwas bang wird mir, als beim Einsteigen ein Herr des Bodenpersonals die Dame am Schalter nachträglich belehrt, dass sie doch nicht die Trolleys ins Handgepäck lassen könnte, dazu wäre dieser Flugzeugtyp doch wirklich zu klein. Mein kleines Baumwolltütchen darf zum Glück hinein, und meine Vorahnung einer superengen Nussschale löst sich auch in Wohlgefallen auf. Nach vielen spanischen Airlines fliege ich endlich mal wieder Lufthansa, traumhaft. Auf meinem bequemen Sitz verschlafe ich gleich den Start, meine Snack-Sicherung in Form meines auf den Gang gestreckten Wanderschuhs alarmiert mich aber gerade noch rechtzeitig, um „Orangensaft“ zu sagen. Nicht nur „möchten Sie sonst noch etwas trinken?“, sondern auch noch eine riesige Müslistange folgen. Doppelt traumhaft.

In Düsseldorf liegt der Weiterflugschalter nur ein paar Meter entfernt, sehr entspannt. Weniger entspannt ist das Flughafenpersonal, nachdem es aus der Zwischendecke bergquellähnlich wässert. Beim Einsteigen begrüßt mich die bekannte Crew, da hätte ich ja gleich sitzen bleiben können. Einen weiteren Fußrempler und Orangensaft später kaue ich überglücklich ein unglaublich leckeres Avocadobrötchen – und schwanke minutenlang, ob meine Lust auf ein zweites Brötchen ein unverschämtes Betteln legitimieren würde. Glücklicherweise siegt die Höflichkeit.

Wir landen pünktlich in Bilbao, und während ich noch kurz das WC aufsuche, landet mein Rucksack schon einen Raum weiter bei den nicht abgeholten Gepäckstücken, den mir eine freundliche Mitarbeiterin im ansonsten bereits menschenleeren Flughafen noch aufschließt. Ich bin halb high, wie gut alles klappt.

Der Bus zum Busterminal spuckt mich dort kurz nach 14.00 aus. Die Wartezeit entpuppt sich als etwas ärgerlich, nachdem auf der Anzeigetafel jede zweite Zeile „San Sebastian“ lautet und dort ständig ein Bus hinfährt. Ich ringe wieder mit mir, ob ich nicht einfach Irun sein lassen soll und eine Etappe später in San Sebastian beginnen soll – zumal mir der Berg bei der gleich ersten Etappe etwas Sorgen bereitet, so untrainiert wie ich mal wieder bin. Ich bin hin und hergerissen zwischen allzu vielen Gedanken um Vernunft und Bequemlichkeit und Prinzipien und Intuitionen, vor allem aber ist es zermürbend kalt. Ich trage schon mein „worst case equipment“, beide Fleecepullis und die Regenjacke, und trotzdem ist mir total kalt in dem zugigen Busbahnhof. Mein Rücken wird kalt, und meine Motivation und Zuversicht schwinden kläglich. Wenn ich jetzt schon so friere, wie soll ich da erst einen Frühlingssturm im strömenden Regen an einer Steilküste überstehen.

Gegenüber von mir sitzen drei Pilger, die sich routiniert und ach-so-pilgerisch austauschen. Mir ist absolut nicht nach „ach, hallo, ich bin auch Pilger“. Ich versuche lieber möglichst inkognito dazusitzen – in klobigen Wanderschuhen mit einem deutschen Riesenrucksack auch sicher ein sehr gelungenes Bild.

Ich habe gerade mal die erste Stunde herum, als ich beschließe, mir ein wenig die Füße zu vertreten. Die Bewegung und der warme Rucksack am Rücken tun schon mal gut. Ich trapse etwas ziellos in die Richtung, in der ich in einem Vorjahr schon mal einen Supermarkt gefunden habe (der heute natürlich sonntäglich geschlossen hat). Während ich noch etwas unentschlossen überlege, wie ich die größere Straße überqueren soll, fällt mein Blick auf eine Kachel am Boden – eine Jakobswegkachel. Irgendwie kommen mir fast die Tränen, in dem Moment hat es so etwas beruhigendes, beschwichtigendes. Und während ich mit geschultem Schnitzeljagdblick die Gegend nach gelben Pfeilen absuche, wird mir bewusst, dass ich bereits auf caminolichem Boden stehe. So ein Zufall. Ich laufe spaßeshalber eine halbe Stunde den Pfeilen nach, die ich in einer Woche dann offiziell entlanglaufen werde. Dann wird es mir aber wirklich zu kalt, ich teste sogar schon die Tür einer Bank und stelle frohlockend fest, dass der Raum zum Geldautomaten offen ist. Eine verführerische Aufwärmmöglichkeit, allerdings siegt auch hier wieder mein gutes Benehmen bzw. die Angst, was der Herr am anderen Ende der Überwachungskamera von mir denken könnte.

Zurück am Busbahnhof streife ich minutenlang unentschlossen um den einzig warmen Raum einer Cafeteria. Ich kaufe ein Apfelküchlein (mit der Betonung auf „zum hier essen“), bin aber nach ein paar Minuten schon wieder fertig mit Essen und schuldbewusst, jetzt doch nicht noch ewig hier abhängen zu können. Da hilft es auch nicht sehr viel, dass jeder andere das genauso tut und seelenruhig ein Buch liest. Barerprobt bin ich einfach noch nicht. Spätestens, als zwei ältere Damen suchend nach einem Hocker schauen, springe ich ihnen freundlich zu Hilfe. Schließlich bin ich Pilger.

Die letzte halbe Stunde bekomme ich gut rum und bin sehr erleichtert, endlich im richtigen (und warmen) Bus zu sitzen. Auf dem kleinen Fernseher läuft (zum Glück tonlos) irgendein grausiger Film. Ich gebe mir Mühe, die Augen zuzumachen, aber trotzdem schaue ich immer wieder zielsicher in irgendwelche schmerz- und horrorverzerrten Gesichter. Ich werde halb aggressiv, warum man an einem schönen Spätnachmittag so einen Mist zeigen muss, bzw. zu meinem heimeligen meditativen Wohlgefühl trägt es nicht gerade bei. Die Spanier um mich herum, die den Film gebannt verfolgen, sehen mir gleich auch etwas suspekt und bedrohlich aus.

So bin ich ziemlich zusammengefaltet, als ich kurz vor Sonnenuntergang in Irun ausgeladen werde. In einer riesigen Stadt, durch die der Bus minutenlang fährt. Vor meinem nichtplanenden Camino-Auge hatte ich mir ein 100-Seelen-Dorf vorgestellt, wo ich schon von weitem die Albergue sehe – bzw. wo freundlich winkende Leute mir auf der Straße schon den Weg entgegenwedeln. Ich fühle mich reichlich idiotisch, so ganz ohne Plan in der beginnenden Dunkelheit. Vermutlich weiß in dieser Ecke nicht einmal jemand, dass Irun einen Camino geschweige denn eine Herberge hat. Etwas jämmerlich konsultiere ich meinen kärglichen Führer, der immerhin etwas von „400m vom Bahnhof“ indiziert. Somit muss ich ja nur noch den Bahnhof finden. Fantastischerweise sieht das Gebäude neben mir nicht nur verdächtig nach Bahnhof aus, sondern ist es auch. Bei beginnendem Regen sehe ich sogar einen gelben Pfeil und könnte heulen vor Erleichterung. Trotzdem verlaufe ich mich nochmal schick und konsultiere wieder halb Irun, stehe dann aber wirklich vor einem endlosen Reihenhaus mit einem „Albergue 1. Stock“ an der Tür.

Ich trapse etwas befremdet ein Treppenhaus hoch, so ganz geheuert ist mir eine Herberge so einfach mitten in der Stadt nicht. Die Tür im ersten Stock ist verschlossen. Glücklicherweise probiere ich einfach die Klingel, woraufhin mir ein kleines Männchen mit Mantel und Hut öffnet und mich sehr selbstverständlich hereinwinkt. Ich bin ziemlich durcheinander, aber erleichtert. Der Hospitalero scheint über 80 und von der eher schweigsamen Sorte zu sein. Er zeigt mir ein noch leeres, dunkles Zimmer mit recht einfachen Metallstockbetten, nachdem das eine Zimmer schon belegt ist und ein „auch Schweizer“ in dem anderen logiert. Er sieht auch wirklich recht wild aus, sodass ich ganz froh bin über die Idee des Mannes, mich da nicht dazuzustecken.

Ich fühle mich reichlich verloren in der sehr alten, sehr kühlen Herberge. Die Klospülung funktioniert über einen Seilzug, an dem ich schier verzweifle und wieder schwanke, ob es einfach so viel Kraft braucht oder ob ich im nächsten Moment den ganzen Spülkasten herunterreiße. In der Küche, in der ich mir zur Erwärmung ein Glas lecker chloriertes Wasser in der Mikrowelle warmmache, sitzt ein junger Däne. Er ist irgendwie komisch hibbelig hyperaktiv, schaut immer wieder hektisch in seinen Science Fiction Roman, und ich bin nicht so ganz sicher, ob er einfach schüchtern ist oder seine Ruhe haben will. Die Schwester dazu ist schon mal nicht hibbelig, sondern vom Auftreten ein ziemliches Trumm. Ohne mich anzuschauen, donnert sie ein „Hallo“, um dann auf Dänisch wild mit ihrem Bruder zu diskutieren. Eins haben sie zumindest mit mir gemeinsam, sie sind ähnlich gut vorbereitet. Sie sind schon den Tag in Irun, und es wäre eine Scheißstadt, in der es nur Burger gäbe. Ob das Meer denn nicht schön gewesen wäre? Der Däne guckt mich verstört flackernd an. Irun würde doch nicht am Meer liegen, oder? Und sie machen den Camino del Norte, weil der Camino schön sein soll und der Hauptweg „im Süden“ dann wahrscheinlich schon zu heiß um diese Jahreszeit.

Noch nicht bedeutend wohliger schaue ich mich im Empfangsraum um (unter den wortlosen kritischen Blicken des warm verpackten Hospitaleros). Es hat alle möglichen Karten und Herbergslisten. Ich frage sicherheitshalber, ob meine geplante Herberge in Pasai Donibane morgen wirklich geöffnet hat. Ja, ja, aber wieso ich denn dort hinwolle. Morgen wäre die Etappe doch eher San Sebastián. Das ist mir zu weit, macht mir doch der Berg allein schon Sorgen. Welcher Berg denn? Er zeigt mir ein Höhenprofil ganz ohne Berg. Ich hole eifrig meinen Führer und zeige den stattlichen Buckel in meinem Führer, Jaizkibel 545m. Na ja, ja, das könnte man theoretisch gehen, aber da gibt es eine Forststraße unterhalb entlang, man geht doch nicht über den Grat. Das wäre etwas für Alpinisten. Ich bin etwas irritiert. Ob der Weg denn gefährlich wäre? Nein, gefährlich nicht, aber warum soll man denn hoch und runter gehen, wenn es doch auch schön eben geht. Ich bin verunsichert und beschließe für heute, einfach mal wieder mein Heil im Schlafen zu suchen. Vielleicht braucht es einfach wieder ein kleines Weilchen, bis ich in die Peregrina hineinwachse.

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Ich bin zurück von zwei beeindruckenden Wochen entlang der Küste von Irun nach Llanes.

Einige optische Eindrücke vorab, Vertextung folgt…

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