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Posts Tagged ‘Monesterio’

In der ungewohnten Ruhe schlafe ich bis kurz vor 8. Draußen ist es schon hell und wie immer etwas wolkig und regnerisch. Ich kann es langsam nicht mehr sehen.

Beim Verlassen von Monesterio komme ich in einiger Entfernung an einem Wohnmobil vorbei. Jemand steht an der offenen Türe, und als er mich sieht, beginnt er enthusiastisch zu winken. Ein motivierender Start in den Morgen.

Weniger begeistert stimmt mich, dass vor mir Jorge läuft. Für sein Geplapper am frühen Morgen habe ich keinen Nerv, sodass ich mich mit einer sehr ausgedehnten Frühstückspause erstmal zurückfallen lasse.

Es wird gerade etwas heller und sonnig, als auf dem Weg vor mir wieder der Caravan steht. An diesem verabschiedet sich gerade ein kleiner Pilger und macht sich auf den Weg. Als ich näher komme, werkelt es hektisch im Inneren, und eine kleine grauhaarige Frau lehnt sich freudig strahlend aus der Tür, um mir Kaffee anzubieten. Als ich dankend ablehne, kommt gleich darauf ein Teller Kekse angereicht. Die Dame heißt Marie, ist Französin und mit dem Gatten Christian unterwegs. Er pilgert und sie unterstützt ihn. Zusammen sind sie schon den Camino Frances gelaufen, wie sie mir schnell im Wageninneren verschwindend anhand von Kartenmaterial belegt. Auch hat sie haufenweise Karten und Material zum heutigen Tag und den Etappen und den Herbergen. Kein Wunder, sie hat ja ziemlich viel Zeit. Ich will wissen, ob es ihr gar nichts ausmacht, diesmal nicht selber laufen zu können. „No, no…!“, und so begeistert wie sie ihren Mann unterstützt und so stolz wie sie ist, scheint das eh etwas zusammenzufließen. Es ist ihr gemeinsamer Camino, ihr gemeinsames Projekt, und nachdem schon der nächste Pilger am Ende des Weges auftaucht, mache ich mich mit guten Wünschen wieder auf den Weg, bevor sie wieder mit hoher Stimme „café, café?“ anbietet.

Heute ist mir irgendwie zuviel los. Ich laufe gerne alleine und in gefühlter Einsamkeit. Heute habe ich immer vor und hinter mir Pilger in ferner Sichtweite. Auf den sagenumwobenen Christian vor mir bin ich zwar fast gespannt, trotzdem bin ich froh, als ich ihn endlich bei einem Päuschen passiere. Dieses fast gleichschnell umeinander herumschleichen geht mir sehr auf die Nerven.

Wie fast schon üblich ist der Weg wunderschön und erdend. An den Blumen in Lila, dem Mohn und dem gelben Raps könnte ich mich dumm und dusslig sehen, erst recht heute mit einem Hauch von Sonne hinter interessanten Wolkenformationen. Wieder sehe ich viele Mini-Kaninchen und seltene Vögel. Die Zeit vergeht wie im Fluge, als sich irgendwann die Weite öffnet- und der Turbanpilger, dessen Namen niemand kennt, an einer Kreuzung wartet. Ich frage fröhlich „wohin?“, er kichert in seiner üblich leicht irren Art und zuckt mit den Schultern. Er weiß das auch nicht und hat sich deshalb entschlossen, zu warten. Vor uns zeigt ein Steinquader geradeaus, aber steil nach rechts zeigen haufenweise gelbe Pfeile. Dieser Weg wäre nichts, er würde im Nichts enden, zwei Pilger wären schon nach mehreren Kilometern zurückgekommen. Fleißig hat er daher schon einen durchgestrichenen Pfeil auf den Boden gemalt sowie einen dicken Steinpfeil Richtung geradeaus gebaut. Ein Japaner wäre auch schon geradeaus gelaufen. Ich bin mir der Sache jetzt nicht so sicher, eigentlich kann ich mir nicht erklären, warum auf einmal gelbe Pfeile ins Nichts führen sollen. Und nur weil irgendeiner keinen Weg findet und ein Japaner auch schon in diese Richtung ist, überzeugt mich das nicht. Christian kommt dazu und ist sich zur Freude des Turbanpilgers einig, dass es geradeaus geht. Kunststück. Er sieht ja auch den durchgestrichenen Pfeil und die Steinmarkierung, ohne zu wissen, dass die noch nicht immer da waren. Ich plädiere für die gelben Pfeile, er dagegen meint leicht säuerlich, er würde geradeaus gehen. Christian stürmt geradeaus, ich trotzig nach rechts den Hügel hoch. Der Turban kichert irr und unsicher und bleibt an seiner Kreuzung stehen.

Ob nun richtig oder nicht, mein Weg ist wunderschön, hat nochmal massig mehr Blumen und gewährt fotogene Blicke in die Landschaft. Gelbe Pfeile hat es zugegebenermaßen keine weiteren, und als unten an der Kreuzung ein Haufen weiterer Pilger ankommt, warte ich auf meiner Anhöhe erstmal ab, was sie machen. Überraschenderweise kommen sie alle meinen Hang hoch. Die ersten beiden sind ein spanisches Paar, welches ich sicherheitshalber frage, ob sie denken, dass der Weg gut ist. Nicht, dass sie sich von irgendwelchen Logiken haben leiten lassen, dass es nach rechts geht, weil da ja schließlich schon eine Pilgerin entlang ist. Sie sind ungerührt optimistisch und haben keinerlei Bedenken. Gelber Pfeil gleich Camino, warum nicht. Sie ziehen schnell vorbei. Ein paar hundert Meter später dreht sich die Spanierin nochmal lächelnd zu mir um und deutet auf den Horizont, wo sich eine Stadt abzeichnet. Na, wollen wir ja mal hoffen.

Bei einem Fotostop holt mich ein weiterer Pilger ein, der sich als deutsch entpuppt und mein Tempo geht. Schwierig, sich da wieder gekonnt aus der Affäre zu ziehen und allein weiterzulaufen. Aber für den Moment ist das auch gar nicht nötig, Steffen klingt ganz unterhaltsam – und in meiner momentanen Streckenverwirrung ist mir etwas Halt und Gesellschaft nicht unrecht. Lustigerweise überholt uns übrigens auch der Turbanträger, was ich doch etwas glatt finde. Erst alle überzeugt geradeaus schicken und haufenweise Zeichen selber legen, und dann nicht mal selber an seine Theorie glauben. Na ja, er meint es sicher nur gut.

Steffen ist interessant. Selber schon den Camino Frances gegangen, befindet er sich momentan auf einem Jahr Auszeit, um sich beruflich neu zu orientieren. Er erinnert mich ungemein an Rüdiger Hoffmann und seine Parodie von „Der Mitbewohner“. Egal, was ich sage, er kontert mit „jaaaaa, das kann man so sehen, muussss man aber nicht“ – noch dazu ganz ohne Rüdiger Hoffmann zu kennen. Ich könnte allein deswegen schon ewig zuhören.

Wir kommen an eine kleine Furt, die wir todesmutig in Crocs bzw. Trekkingsandalen durchqueren, nachdem das spanische Pärchen vor uns es vormacht. Das Wasser ist kalt, aber nachdem drunter eine asphaltierte Straße ist und das Wasser frisches Regenwasser, hält sich der Ekligkeitsfaktor in Grenzen.

Mit Steffen lässt sich herrlich herumspinnen. Ich erzähle ihm von einem fernen Wunschtraum eines großen Grundstückes mit Ziegen, Selbstversorgergemüsebeet, einem Esel, einem ausladenden Kräutergärtchen… in seiner Jugend hat er eine landwirtschaftliche Ausbildung gemacht und hat meinem Traum natürlich viel bittere Realität entgegenzusetzen. „Jaaaa, ein Gemüsebeet kann man sich in Höchstgeschwindigkeit von Ziegen wegfressen lassen, muss man aber nicht…“, und auch das Problem der explosionsartigen Vermehrung meiner Ziegenherde habe ich so noch nicht betrachtet.

Es beginnt wieder zu regnen, wir fachsimpeln über Regenponchos (sein Regenschutz sieht wirklich praktischer aus als meine blöde Regenjacke, bei der mir mal wieder alles vom Kinn vorne hineintropft), Fotoapparate und seine Armschlinge, die gar keine ist. Er hat nur nicht gern zu enge Halstücher.

Zusammen erreichen wir Fuente de Cantos und suchen neugierig unsere Herberge – die erste touristische. Ich bin sehr gespannt. Mein Führer spricht mal von Luxus, mal von rein gar nicht Luxus. In schönen Gebäuden sollen sie allesamt liegen. Prompt scheint es auch das imposanteste, größte Gebäude am Ortseingang zur Linken zu sein. In der Rezeption bin ich schon ganz aus dem Häuschen, es hat eine riesige Eingangshalle mit schicken Sofa-Sitzgelegenheiten. Ein schöner Aufenthaltsraum ist genau das, was ich mir gestern in dem kleinen Doppelzimmer so sehnlich gewünscht habe.

Im letzten Moment kann ich noch schnell den Eindruck ausräumen, mit Steffen liiert zu sein. Heute muss ich zugeben, dass der Gedanke näherliegender sein könnte als mit dem wild plappernden Jorge gestern.

Wir bekommen ein wunderbares Zimmer, nur zwei Stockbetten mit blütenweißen Decken in einem großzügigen, rustikalen Steinzimmer. Dazu hat es haufenweise Schränke und Ablageflächen. Stolz zeigt uns der Hospitalero noch den Comedor, einen riesigen Saal mit unzähligen Tischen – und einer Küche. Das Ding sieht aus wie der Tresen einer Bar, nie hätte ich mich getraut, dort zu kochen, aber offensichtlich ist das in Ordnung. Heute ist Samstag, aber vor der Siesta soll noch bis 14.00 ein Supermarkt offen haben. Da springe ich natürlich sofort begeistert hin. Auch Steffen schließt sich an, und leider auch meinen Kochplänen. Das passt mir irgendwie gar nicht, spätestens beim Kochen habe ich gern meine Ruhe und meine Freiräume und möchte mich nicht wegen allem mit jemandem absprechen müssen. Glücklicherweise scheint Steffen deutlich pflegeleichter als meine sonstigen südländischen Pilgermänner. Er verspricht, alles klaglos zu essen und mir das Kommando zu überlassen.

Der Supermarkt ist riesengroß, und ich bin ganz überwältigt von der Auswahl. Zum ersten Mal hat es die winzigen grünen Paprikaschoten, grünen Spargel, tolle Chips und Zutaten für mein klassisches Pilgergericht, Pasta mit tomatas fritas, Zwiebel, Paprika und als heutiges Extra Champignons. Leider habe ich in der Eile nicht näher die Küchenausstattung inspiziert, was Gewürze, Salz und Öl angeht. Risiko.

Überglücklich mit vollen Taschen laufen wir zurück. Steffen scheint leicht erheitert zu sein, was Supermärkte bei mir an Stimmungsverbesserung bewirken können. Noch schnell frisch geduscht mache ich mich ans Kochen. Leider hat es wirklich keinerlei Zusatzaccessoires außer Salz, sodass das mit den Minipaprikas eine Herausforderung wird. Ich habe ein schlechtes Gewissen Steffen gegenüber, hier einen komplett unessbaren Mist zusammenzukochen. Ich esse ja gerne alles und spartanisch, aber er sieht eigentlich etwas luxusverwöhnter und etwas weniger gesponnen aus.

Die Paprikas ohne Öl essen wir so nebenher; die beiden Kochplatten überzeugen durch moderate Leistung, dafür sind die Töpfe niegelnagelneu ungebraucht, noch mit Aufkleber.

Am Eingang steht eine Schubkarre mit einer Plastiktüte, aus der fröhlich ein Haufen behauster Schnecken kriecht. Ich informiere den Hospitalero, wobei meine Pantomime einer Schubkarre und einer Schnecke sehr zur Erheiterung der älteren Herren im Foyer beiträgt. Aber immerhin, er versteht, dass sein Abendessen sich da gerade aus dem Staub macht.

Lieke trifft wie immer strahlend ein, und als unser Essen endlich fertig ist und ich mich etwas in der Pastamenge vertan habe, möchte ich spontan noch Lieke dazueinladen. Ich sprinte mit wehenden duschnassen Haaren an einem erschrockenen rauchenden Pilger vorbei durch die Herberge und frage, wo Lieke wohnt. Der Hospitalero zeigt mir ein Zimmer, wo ich eine mir unbekannte weißhaarige Pilgerin aufschrecke. Der zweite Anlauf ist schon besser. Lieke ist erwartungsgemäß abgebrüht, fragt nur „wann?“ und kommt auf mein Antwort „sofort!“ klaglos mit. Steffen wartet schon leicht sorgenvoll am erkaltenden Essen.

Zu meiner Erleichterung schmeckt es eindeutig essbar, und Lieke und Steffen kennen sich auch schon flüchtig vom Weg. Der eben von mir fast über den Haufen gerannte Raucher kommt in den Speisesaal, er kennt Steffen und setzt sich zu uns. (Essen will er leider nichts, dabei habe ich mich wirklich sehr in der Pastamenge verkalkuliert). Zusammen mit Steffen ist er von einer schnelleren Truppe, die einen Tag nach uns gestartet ist und uns nun nach 6 Tagen um einen Tag eingeholt hat. Die neuen Gesichter freuen mich ohnehin, es kommt etwas Leben in meine friedliche Rentnergemeinschaft. Und Marc reißt es wirklich raus. Er scheint nicht viel älter als ich zu sein, seine dicken Bodybuilderarme zieren Tätowierungen, gleichzeitig ist er aber auch ein erfahrener Pilger und scheint eine ähnliche Begeisterung dafür zu empfinden wie ich. Im Moment informiert er Steffen, dass er beschlossen hat, ab Zafra morgen den Zug nach Cáceres zu nehmen und dadurch drei Etappen einzusparen. Mit seinen Füßen würde es diesmal leider überhaupt nicht gehen. Ich frage, ob er Blasen hat. Nein, überhaupt nicht, es wären eher die Beine. Ob ihm die Sehnen weh tun. Nein, auch überhaupt nicht, weh tun tut nichts und irgendwie wieder alles, es wären eher die Muskeln, die keine Kraft hätten. Entweder, er weiss nicht so recht, was er will oder er kann sich schlecht ausdrücken oder er ist ein medizinisches Wunder. Auf alle Fälle ist er mir auf Anhieb sympathisch, zum einen hat er zu jedem Problem noch ein verschmitztes Lächeln im Gesicht, er hat eine sehr zurückhaltende, angenehm leise Art, und vor allem hat er mal wieder die berühmten Camino-Augen, die strahlen und leuchten und Funken sprühen. Und morgen nimmt er den Zug. Glückwunsch.

Ich ziehe mich in die riesige Eingangshalle mit den wunderbaren Sofas zurück, während draußen an der Fensterfront ohne Unterlass der Regen tropft. In den Schränken im Zimmer hat es sogar duftige, frischgewaschene Wolldecken, sodass ich mich mit meinem Tagebuch und Bändelwolle in Großmuttermanier schön warm auf dem Sofa einpacke. Die Stimmung ist wunderbar gemütlich und friedlich, und immer wieder laufen neue nette Gesichter vorbei – oder liebe alte. Mit einem Urschrei kommt Patrick auf mich zugestürmt, als wäre ich eine lange verschollene Tochter. Er wedelt stolz mit seinem Handgelenk, an dem er brav mein Bändel trägt. Auch Sean ist nicht weit, allerdings wirft er mir einen eher strafenden Blick zu, ob ich denn schon in der Gemäldeausstellung von Francisco de Zurbarán hier bei der Herberge gewesen wäre. War ich natürlich nicht, ich habe auch überhaupt keine Ahnung von Kunst, und das scheint Sean treffsicher zu sehen. Vermutlich sollte eine junge Dame in seinen Augen nicht mit verstrubbelten Haaren den ganzen Nachmittag bändelflechtend auf einem Sofa herumlümmeln. Er trägt natürlich wieder Lackschuhe und Anzug, als käme er gerade von einer Bildpräsentation aus dem Louvre.

Ein sehr kleiner Spanier bespasst mich hartnäckig eine ganze Weile. Er hat vor 6 Jahren auf dem Camino hier eine Deutsche kennengelernt, sie haben geheiratet, und auch der 6-jährige Sohnemann wird mir stolz auf dem Handy präsentiert. Deutsch gelernt hat er bei der ganzen Sache leider nicht, er redet auch wieder unheimlich schnell und viel auf Spanisch, und ich muss mich immer ziemlich anstrengen, aus einem Satz zu rekonstruieren, welche Wörter ich nun verstanden habe und um was es gehen könnte. Er läuft jedenfalls Marathon, sodass 50 km für ihn kein Thema sind. Sein Kollege ist etwas langsamer, und er würde schnarchen. Und sie wohnen in unserem Vierbettzimmer. Na ja, und wenn schon.

Lieke kommt zu einer Art kleinen Ansprache zu mir ans Sofa. Sie denkt, dass sich unsere Wege nun in den nächsten Tagen trennen werden, sie wird wohl kürzer laufen. Sie möchte mir sagen, dass sie mich gern hat. Ich bin gerührt. Wir tauschen Emailadressen aus. Nach einem wirklichen Abschied fühlt es sich nicht an.

Ich lerne den Japaner kennen, der mir heute schon als „der, der den Weg an der Kreuzung geradeaus genommen hat“ vorgestellt wurde. Er ist recht lustig, sehr klein, trägt 2 Rucksäcke, 22 kg gesamt, versteht nicht sehr viel, aber sagt schon mal zu allem begeistert lächelnd „ja, ja!“. Ich bin erleichtert, als auch Christian und Marie durch die Herberge laufen, um Frischwasser zu holen. Sie haben ihren Camper immer vor der Herberge stehen, und wie es scheint, ist auch Christian mit seinem Umweg gut angekommen.

Am schönsten ist es aber mit Steffen und Marc. Marc möchte jetzt abkürzen, weil er bis Salamanca will und kurz vor Salamanca keine Möglichkeit mehr sieht, mit öffentlichen Verkehrsmitteln abzukürzen bzw. wegzukommen. Mein Führer reicht nicht bis Salamanca, dieses Stück habe ich wieder gewichtsparend herausgetrennt, aber in Steffens Führer entdecke ich begeistert, dass bei exakt jeder Etappe vor Salamanca mindestens eine Busabbildung pro Tag verzeichnet ist. Ich komme nicht umhin, das Marc unter die Nase zu reiben und ihm die Vorzüge des später Abkürzens und die nächsten Etappen erstmal Weiterlaufens schmackhaft zu machen. Steffen meint leicht säuerlich, dass man doch jeden seinen Camino so machen lassen soll, wie er will. Grundsätzlich stimme ich ihm natürlich zu. So akut im Moment kann ich mich nur nicht dafür begeistern, die Strahleaugen gleich wieder gegen die fürsorgliche Rentnerfraktion auszutauschen.

Auch Jorge stürmt mit einem erfreuten Aufschrei über die chica, die ja nie etwas versteht, auch mich zu. Er trägt stolz ein Barcelona-Shirt, denn heute ist zur Freude aller Männer irgendein wichtiges Spiel. Meine deutschen Herren machen sich samt Jorge und dem wie immer spontan begeisterungsfähigen Japaner auf den Weg in eine Bar. Meine Pläne für den Abend umfassen einen weiteren Versuch, eine Messe zu besuchen; ferner habe ich noch ziemlich viel zu essen, mindestens den grünen Spargel mit Schinken. Leider war unser Mittagessen recht spät und so ganz viel Hunger habe ich noch nicht, auch wenn der kleine Schnarchkumpanspanier mich begeistert informiert, dass er im Supermarkt Öl und Gewürze für alle besorgt hat.

Kurz vor 8 mache ich mich auf den Weg, es regnet nicht mehr, und der Himmel ist in einen beeindruckenden Sonnenuntergang getaucht. Ich möchte ohnehin das beeindruckende Gebäude der Herberge fotografieren, und so suche ich noch schnell die ideale Stelle für ein Foto. Leider ist es schon 5 Minuten vor 8, die perfekte Stelle scheint immer nochmal 50 Meter entfernt zu sein, und so renne ich ein bisschen. An der Kirche ist um 8 natürlich wie immer alles verschlossen, es beginnt wieder zu nieseln – und bei näherer Betrachtung ziept mein linkes Bein sehr deutlich und ungut. Je mehr ich in mich hineinhöre, desto mehr tut jeder Schritt weh. Es fühlt sich an wie der Beginn des Muskelfaserrisses letztes Jahr. Ich humpele ganz langsam zurück und bin höchst beunruhigt. Ich reibe Arnika-Gel ein und begutachte kritisch das Bein. Es sieht auch schon wieder viel dicker aus. Ich teste, ob die Hosenbeine gleich gut über beide Beine rutschen. Am linken Bein stockt es viel eher. Ist es wirklich schon dicker oder ist es nur das klebrige Gel? Mir ist sehr, sehr elend, als ich mich mit meinem Reiseführer zu beruhigen versuche. Ich habe kein Ziel, das ich erreichen muss, im schlimmsten Fall laufe ich jeden Tag Mini-Etappen.

Ich habe nun überhaupt keinen Hunger mehr, aber immerhin der Spargel muss ja noch weg. Meine spanischen Zimmergenossen sind gerade fertig mit ihrem opulenten Mahl, ich koche mir ganz schnell meinen Spargel und esse ihn halbgar direkt ohne Würze aus dem Topf. Dann lege ich mich schnell recht verzweifelt ins Bett und bete einfach nur noch, dass mein Bein wieder gut wird.

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Irgendwann mitten in der Nacht weckt mich meine Blase. Ich will mich gerade auf den Weg zur Toilette machen, als ich aus dem Hauptzimmer nebenan Geräusche höre. Soweit ich das mit nächtlicher Verpeiltheit und ohne Brille einschätzen kann, schleicht dort jemand mit der Taschenlampe umher. Für einen Toilettengang schleicht er deutlich zu lange, und einen Frühaufsteher würde ich auch ausschließen. Ich kenne die Pilger hier, der einzige eventuelle Frühaufsteher ist Lieke, und die liegt noch im Bett neben mir. Es zieht auch ziemlich kalt, d.h. die Herbergstür ist offen. Soweit es mein verschlafener Zustand ermöglicht, bin ich hochalarmiert und wittere einen Einbrecher. Ich krame nach meiner Stirnlampe und werfe sicherheitshalber einen Blick auf die Uhr – und kriege einen kompletten Schreck. Es ist bereits kurz vor 8 !!!

In Anbetracht dieser Tatsache ist die Geräuschkulisse dann doch eher erklärbar. Ich traue mich aus dem Zimmer- im Flur bepackt die kleine Bayerin ihr Fahrrad, etwas verschüchtert, wann wir denn immer so aufstehen würden. Sie kennt das morgendliche Geraschel vom Camino Frances und hat wie ich ein schlechtes Gewissen, den friedlichen Rentnerschlaf hier zu stören.

Ich mache mich schnell auf den Weg. Ich komme an einer geöffneten Panaderia vorbei und bin in freudiger Erwartung eines leckeren, ofenfrischen Schokocroissants. Der zur frühen Morgenstunde moderat heitere Bäcker zerstört meine Träume, nix Schoko, nix Süß. Und das Brot, das ich dann kaufe, ist auch wieder typisch für hier. Weiß und trocken. Ein klein wenig geknickt und frustriert bin ich dann doch. Nichts erhellt einen Morgen für mich mehr als ein leckeres süßes Stückchen oder ein ofenfrisches, luftig knackiges Ciabattabrot. Dass es hier extra eine Bäckerei gibt und der Mann nichts anderes fertigbringt als trockene, weiße Brote mit einer Kruste, mit der man Fenster einschlagen könnte…

Die fröhliche Radpilgerin kommt an mir vorbeigestrampelt. Schade, ich werde sie nicht mehr wiedersehen. Ihr trockener Humor und ihre unverwüstliche Art waren erfrischend.

Dafür komme ich schon nach ein paar Minuten an die Grenze von Andalusien und der Extremadura – und zu einem persönlichen landschaftlichen Highlight. Hinter einem zu überquerenden Flüsschen erhebt sich eine malerische Burgruine, das Castillo de las Torres. Davor weiden friedlich Schafe inmitten von Rapsfeldern.

Die Sonne ist mir heute nicht besonders hold. Hinter dicken Wolken kommt sie zwar für ein paar Momente hervor, aber nicht dort, wo ich sie gern hätte bzw. dann, wenn ich meinen Foto parat habe. Wie so oft ist es also wieder ein beeindruckender Moment, den es im Herzen zu behalten gilt und der sich nicht auf Fotopapier bannen lassen will.

Genauso auch der weitere Weg. Die morgendliche Sonne im Kampf mit den zunehmenden Wolken schafft beeindruckende Farbspiele. Ich könnte endlos Bilder in den Himmel und auf die Blütenpracht auf den Feldern am Weg machen. Durch die Linse sieht es aber gleich halb so lebendig und kraftvoll aus.

Ich bin ganz berauscht von dem trotz verhangenen Himmel schönen Weg. Ich bin definitiv ein Fan von den Viehweiden. Diese ruhig grasenden Kühe mit den imposanten Hörnern, die gedrungenen Eichen und die moosbewachsenen Steinmäuerchen, alles strahlt so eine Ruhe und Beständigkeit aus. Ich komme kaum umhin, mich nicht geerdet zu fühlen. Zugleich fühlen sich die täglichen Sorgen und Gedanken sehr vergänglich an. Heute laufe ich hier durch, und in einigen Monaten und Jahren und Jahrzehnten und Jahrhunderten läuft wahrscheinlich irgendein anderer Pilger mit ganz anderen Problemen hier durch ganz genau das gleiche Setting. Ich muss an den Satz „Es wird immer wieder Morgen“ denken. Irgendwie beruhigend.

Viel zu schnell wird die Landschaft plötzlich weiter. Die Viehherden werden größer, die Weiden baumloser, und die schönen Steinmäuerchen ersetzt ein klassischer Elektrozaun. Ich bin wehmütig.

Während zur meiner Rechten eine riesige Kuhherde mit vielen Kälbern gerade geschlossen in meine Gegenrichtung marschiert, gucken mich zur Linken etwa 30 Kühe wütend an und beginnen ein furchterregendes Gemuhe. Bei näherer Betrachtung sind das alles Stiere, und ich bin recht froh, dass sie sich nicht weiter für mich interessieren. Dieser kleine Elektrozaun überzeugt mich in dem Moment nicht so wirklich.

Hinter mir in der Ferne taucht der Turbanpilger auf; statt Weiden leistet dem Weg jetzt eine mehrspurige Nationalstraße Gesellschaft. Die Pfeile sind schwer zu finden, und ich fühle mich ganz prima, mitten auf Verkehrsinseln oder auf Randstreifen. Die Lastwagenfahrer gucken mich verständnislos an – entweder, dass ich überhaupt wandere oder ob mir nicht dämmert, dass ich mich verlaufen habe. In Sichtweite hinter mir macht der Turban auch keine viel bessere Figur.

Umso erleichterter bin ich, als es endlich wieder gelbe Pfeile hat und auch wieder einen kleinen Pfad durch den Wald. Mit seinen Eucalyptusbäumen erinnert er an Galicien, allerdings stört die vielbefahrene Autobahn doch recht merklich die Idylle. Es beginnt wieder ziemlich zu regnen, aber heute ist mir nicht nach Unterstellen. Monesterio müsste in greifbarer Nähe sein.

Auf Höhe einer Siedlung kommt ein Hund in meine Richtung getrabt. Mit recht viel Respekt und Furcht ausgestattet, pflege ich wie üblich mein vor allem für mich selber beruhigendes „ja, bist ein guter Hund, gehst schön an mir vorbei, ja, ganz prima, wir stören uns gar nicht“ zu sagen und möchte schon erleichtert aufatmen, als er mir plötzlich von der anderen Seite seinen Kopf entgegenstreckt. Wirklich aggressiv und furchterregend wirkt er nicht, eher sehr erwartungsvoll. Und er läuft mir voll vor die Füße. So umlaufe ich ihn einfach – damit er ein paar Sekunden später schon wieder fröhlich von der Seite angeschielt kommt. Ich scheitere wohl sehr kläglich in Sachen „bestimmtes Auftreten“, als ich ihm jedes Mal versichere, dass ich nichts für ihn habe und doch auch weiterlaufen muss. Ich bin schon nah am Verzweifeln, als er mehrere hundert Meter nicht von meiner Seite weicht, ich immer wieder stehenbleiben und hinter ihm vorbeilaufen muss, nur damit er mich wieder fröhlich umrundet und interessiert anlächelt. Als er dann irgendwann etwas geknickt stehenbleibt und davontrottet, habe ich fast ein schlechtes Gewissen.

Wegen des Regens laufe ich weitgehend mit gesenktem Kopf. So habe ich genügend Zeit, die Fußspuren im Boden vor mir zu studieren. Seit heute auch durchsetzt von Hufabdrücken. Ich erinnere mich an einen Blog, den ich vor meiner Abreise noch gelesen habe. Ein Deutscher mit Esel soll unterwegs sein, und nachdem der recht langsam sein soll, habe ich mich schon gefreut, ihn wahrscheinlich irgendwann zu treffen.

Und wie es er Zufall so will, plötzlich fällt mein Blick auf eine kleine Senke neben dem Weg, wo ein Mann mit großem, roten Regenponcho steht – und mit ihm ein schwarzer Esel. Er grüßt, und ich lasse mich zu einem kleinen halsbrecherischen Abstieg den Hang hinunter hinreißen. Es ist wirklich der Mann mit Esel aus dem Blog, allerdings ist er im Moment wenig glücklich. Der Esel scheint nicht nur störrisch, wie es sich gehört, sondern ist auch noch etwas neurotisch und im Moment krank. Er hat durch das Gepäck einen Rundrücken, läuft jetzt nur noch mit Alibigepäck („dass sich die Spanier nicht totlachen, dass da einer mit leerem Esel rumläuft“), und das Herrchen ist verzweifelt, weil alles so furchtbar umständlich ist und lange dauert. Durch Wasser läuft das gute Tier nie, und Angst macht ihm alles, vom flatternden Regencape über Straßen bis hin zu anderen Tieren. Frauenstimmen und Städte scheinen ihn allerdings in seinem Ehrgeiz zu wecken, da würde er laufen wie eine Eins. So machen wir uns dann auf die letzten Meter nach Monesterio – und zumindest für die kurze Zeit und ohne zu überquerende Bäche bin ich hin und weg von dem guten Tier. Eberhard erzählt mir, dass für heute ein Hotel reserviert ist sowie ein Ruhetag geplant ist. Normalerweise würden sie sich einen schönen Platz irgendwo in einem Industriegebiet zum Zelten aussuchen. Da werde ich jetzt zur Abwechslung mal ganz neurotisch. Ob ihm das denn keine Angst macht? Er lacht herzlich. Irgendjemand würde ja wohl schon auf ihn aufpassen. Ich gucke wohl etwas fragend. Er meint, ihn hätte schon so oft jemand beschützt. Sympathisch.

In Monesterio trennen sich unsere Wege. Ich muss erkennen, dass es hier wirklich keine Pilgerherberge gibt. Normalerweise laufe ich begeistert mit meinem alten Führer, denke bei jeder Widrigkeit „ach, das werden die in den letzten Jahren sicher irgendwie gelöst haben“- und habe auch immer wunderbar recht damit. Heute eben leider nicht. Ich muss in eine Pension, die mit 12 Euro zwar auch nicht wirklich teuer ist, mir aber einfach vom Pilgergefühl nicht so ganz passt.

Die Pension soll am Ortsausgang liegen, sodass ich kurz vor 14.00 noch schnell einen wunderschönen Supermarkt leerkaufe. Heute ist mir irgendwie nach Verwöhnen und Ausprobieren, ich kaufe Erdbeeren, einen Mischsalat, meine erste Kas-Limonade seit Jahren und eine „cerveza sin“, alkoholfreies Bier. Meinen Versuch, etwas Typisches und Frisches an der Fleisch- und Käsetheke zu erstehen, begrabe ich vorzeitig. Wie so häufig in den Geschäften hier genießen Pilger nicht das allerbeste Ansehen. Die Verkäuferinnen schauen einfach mehr oder weniger durch mich hindurch und wischen erstmal in aller Seelenruhe fertig oder lassen sich in ihrem Gespräch mit der Kollegin nicht unterbrechen. Kommt eine Spanierin, stehen sie sofort parat. Ein paarmal mache ich dieses Spiel mit, kaufe dann aber frustriert und ein wenig niedergeschlagen einen eingefolten Käse.

Die Herberge finde ich problemlos, allerdings ist die Tür verschlossen und wird geziert von einem Schild mit einer Telefonnummer. Mein Camino-Alptraum. Schon im Vorfeld hat mich die Vorstellung am meisten beunruhigt, für die Herberge irgendwelche Nummern zu wählen und auf Spanisch in ein Telefon irgendwas sagen zu müssen. Ich komme mit meinem Spanisch prima klar, aber vor allem in Kombination mit meinem hilflosen Gesicht und meiner ausladenden Gestik. Bisher hatte ich Glück, immer gab es den Schlüssel bei Menschen aus Fleisch und Blut abzuholen.

Ich sitze recht verzweifelt. Da muss ich jetzt wohl durch, wenn ich nicht den ganzen Nachmittag hier sitzen möchte. Zumal es wieder wunderbar nieselt. Da taucht wie durch ein Wunder Jorge aus der Bar nebenan auf – und zum ersten Mal freue ich mich aus tiefstem Herzen, ihn zu sehen. Er hört sich ja unheimlich gern reden, insofern freut er sich auch richtiggehend in Anbetracht des bevorstehenden Telefonates. Ein kleines Mädchen kommt angerannt und erklärt atemlos und etwas wirr etwas. Er soll nicht anrufen, ihr Papa ist der Inhaber, er ist auf der Straßenseite gegenüber und hat uns schon gesehen. Prima.

Weniger froh bin ich, als wir in der Bar der Herberge bezahlen und unsere Personalien eingetragen werden. Jorge quasselt in einem Fort, ich verstehe unter anderem nur, dass er das junge Fräulein an seiner Seite als seine Freundin vorstellt, die aber leider kein Wort Spanisch versteht. Ich sehe mich in einem Doppelzimmer mit Jorge landen und überlege panisch, wie ich da jetzt wieder herauskomme. Erlöst werde ich von einem Schatten, den ich durch das Milchglas wahrnehme, der stockt und zurück zum Eingang kommt. Im nächsten Moment ist die neongelbe Rucksackhülle von Lieke ebenfalls in der Bar, und ich bin ganz unendlich froh. Der Spanier scheint zu verstehen, dass ich auch sehr gern ein Zimmer mit Lieke teilen würde. Er fragt, ob ein Zimmer mit Grand Lit gehen würde. Das suggeriert, dass es auch ein Doppelzimmer mit Einzelbetten geben würde, was er uns dann zähneknirschend überlässt.

Ich bin soweit überglücklich, auch weil das Zimmer sehr sauber, hell und einladend ist. Wir haben ein eigenes Bad, und die Betten sind mit einem blütenweißen, seidenen Überwurf bedeckt. Genau richtig für uns nasse, matsch- und lehmverzierte Pilger. Nach wenigen Minuten dämmert mir, dass Pensionen wirklich nichts für mich sind. Ich fühle mich irgendwie beklommen, hin- und hergerissen zwischen „muss ich was sagen?“, „rede ich zu viel?“, „will Lieke ihre Ruhe?“, „dusche ich zu lang?“, „bin ich höflich genug?“… ich versuche einen Abstecher nach draußen zum Essen, aber es regnet und ist wirklich kalt. Zudem haben wir nur einen Schlüssel, und durch die Haupttür kommt man sogar auch nur mit Schlüssel hinaus. Brandtechnisch begeisternd.

So schreibe ich mein Tagebuch und mache ein eher frustriertes Verlegenheitsschläfchen. Gegen Abend bin ich froh, wegen Kirche und Internet, zum ersten Mal seit einer Woche, aus der Enge des Zimmers flüchten zu können. In der Officina de Turismo frage ich nach dem Centro Social, indem es gratis Internet geben soll. Der Herr am Schalter lacht herzlich. Es wäre nicht im Centro Social, sondern in irgendwas furchtbar langem definitiv anderem. Aber offensichtlich kommen hier am Tag 20 Pilger vorbei und fragen hilfesuchend aus dem gleichen Grund nach dem Centro Social.

Monesterio hat sogar einen eigenen Stadtplan, indem er mir liebevoll die nächste Straße markiert. Dort trapse ich begeistert bei vier Damen in ein Büro. Die haben zwar kein Internet für mich, liefern mich aber (dank meines verzweifelten Gesichtsausdrucks) persönlich in der Bibliothek ab. Dort wird mir liebevoll ein Rechner zugewiesen und ein Passwort zugereicht. Sehr liebevolle Betreuung. Ich schreibe zwei Mails nach Hause, bin dann aber auch wieder sehr froh, das Internet für die nächste Zeit auf Eis legen zu können. Die wenigen Mails in meinem Posteingang haben mich schon wieder furchtbar in Planungen und Überlegungen und Sorgen gestürzt. Ich bin doch hier auf dem Camino und habe ein Recht auf meine gedankliche Entspannung.

Die Bibliothekarin erklärt gerade ein paar Spaniern liebevoll, wie ein Kreuzworträtsel zu machen ist und wie ein Bild auszumalen ist. Eine schöne Atmosphäre. Ich bedanke mich für die Internetnutzung, sie strahlt überschwänglich und freudig. Da könnten sich die Damen an der Frischetheke mal ein Scheibchen abschneiden.

Ich gehe zur Herberge zurück, wo ich glücklicherweise gerade die Schwäbin mit Begleiter treffe, die mir die Tür aufschließen können. Ich mache mit Lieke Picknick auf dem Bett, wir krümeln ordentlich die schönen Handtücher voll. Sie ist wirklich nett, trotzdem sehne ich mich nach besserem Wetter, um irgendwann mehr draußen sein zu können, sowie nach einer richtigen Herberge, wo man unbeobachtet in der Masse untergehen kann.

Um 20.00 mache ich nochmal einen Versuch durch den Regen zu einem Gottesdienst. Ich bin nicht sehr überrascht, dass die Kirche wieder abgeschlossen ist. Frustriert vom Regen und den verschlossenen Kirchen mache ich mich im Anschluss auf ins Bett. Zum ersten Mal ohne Jorge im gleichen Zimmer, zum ersten Mal ohne Ohrstöpsel.

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