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Posts Tagged ‘Santander’

Am Morgen wuselt es schon hektisch in der Herberge. Vor dem einzigen Frauenbadezimmer ist schon eine riesen Schlange. Ich esse schnell meinen Joghurt und ergreife die Flucht. So ein ganz kleines bisschen zügig unterwegs sein möchte ich heute auf Grund meiner geplanten Herberge in Polanco, die nur 6 Betten hat. Allerdings wird der Großteil vermutlich eh bis Santillana durchgehen.

Während ich mit der aufgehenden Sonne aus Santander hinauslaufe, bereue ich, nicht doch für das Herbergsbad angestanden zu haben. Die erste halbe Stunde hetze ich nur mit panischem Blick nach einer Austrittsmöglichkeit durch die Gegend und werde erst wieder zu einem normalen Menschen, als sich in einem Industriegebiet eine Tankstelle mit WC finden lässt.

Durch einige Vororte geht es eigentlich immer an der kleinen Bahnlinie entlang. Wie auch schon vor Bilbao finde ich das etwas befremdlich. Prompt laufen auch zwei Pilger vor mir zielstrebig auf einen Bahnsteig zu. Mir ist es irgendwie lieber, durch völlige Pampa zu laufen, ohne Abkürzmöglichkeit.

Bei meinem ersten kleinen Päuschen fällt mein Blick auf meine Wäsche, die ich zum Nachtrocknen außen am Rucksack befestigt habe. Darauf prangt ein satter, dicker Taubenklecks. Hatte ich doch gleich geahnt, dass es diese Wäscheleine im Innenhof der Herberge in sich haben könnte.

Heute läuft es sich ziemlich gut, es ist leicht bewölkt und angenehm kühl. Die heutigen 6 Stunden sind ja auch ein überschaubares Pensum.

Ich hänge zur Hälfte fotografierend in irgendwelchen Vorgärten, halb in meinem Führer, um meine Abzweigung heute nicht zu verpassen. Ich passiere die Haltestellen von Mompía und Bóo de Piélagos, um dann die Abkürzung über die Eisenbahnbrücke in Angriff zu nehmen. Fast schon ein Highlight, ich freue mich drauf, zwischen ratternden Zügen einen Sprint hinzulegen. Einen vom Padre als gut abgesegneten, wohlgemerkt.

Während ich mich abenteuerlustig Richtung Bahnstrecke entlangschlage, bin ich fast ein wenig enttäuscht, als das Brücklein in Sicht kommt. Abgesehen davon, dass vor mir gerade ein Zug durchgetuckert ist und der nächste erst in 20 Minuten ansteht, ist der Weg für Fußgänger wirklich mehr als breit ausgebaut. Vermutlich hätte ich mir absolut nichts dabei gedacht, wenn ich darübergelaufen wäre und derweil ein Zug die Brücke mitbenutzt hätte. Also kein atemloser Sprint. Einen kleinen atemlosen Moment bekomme ich dann doch, als mir direkt nach der Brücke ein paar Bahnarbeiter entgegenlaufen. Ich bin ja recht offensichtlich die verbotene Brücke entlanggelaufen. Aber sie grüßen freundlich. Während ich mich durch das legendäre weiße Gras wurstele, kündigt ein minutenlanges Warnhupen dann doch noch einen Bummelzug an. Sehr rücksichtsvoll und pilgerfreundlich.

Nach diesem Abenteuer des Tages mache ich nach dem Bahnhof von Mogro erstmal eine ausgiebige Pause am Santuario de la Virgen del Monte, einer hübschen Kirche mit noch viel liebevollerem Park mit Bänkchen und Brunnen. Ich trabe anschließend frohgemut weiter, immer geradeaus, auch wenn ich etwas verwundert bin, dass an den vielen Kreuzungen so gar keine Pfeile angebracht sind. Als ich an einer Kreuzung einen fahrenden Bäcker treffe, stehe ich für alle Fälle mal demonstrativ wegsuchend herum. Er schaltet extra den Motor ab und steigt aus, um mir liebevoll zu erklären, dass ich hier gerade so ein bisschen ganz falsch bin. Ich könnte geradeaus weiter laufen, dann käme ich schon auch irgendwann wieder auf den Weg, aber das will ich natürlich nicht. Nur Camino, und gerne immer mit Pfeilen. So ein komisches „sich irgendwie durchschlagen“ ohne Markierungen entspricht gar nicht meinem Sicherheitsbedürfnis.

Ich verstehe eigentlich nicht, wie ich auf einen falschen Weg kommen konnte. Der nachträgliche Blick in den Führer erwähnt einen Weg scharf rechts nach der Kirche. Kein Wunder, dass ich den verpasst habe. Nur mit Blick auf die schattigen Bänkchen bin ich ohne Augen für eventuelle Abzweigungen vollmotiviert an dem kleinen Weg vorbeigedüst.

Nach einigen hübschen Ausblicken auf das Meer in der Ferne geht es irgendwann auf die schnurgerade Piste, die von roten Abwasserrohren flankiert wird. Ich bin flott unterwegs und kann es kaum fassen, dass ich recht problemlos schon so weit bin. Bis auf die beiden bahnfahrenden Pilger von Weitem bin ich heute noch keinem Pilger begegnet, vermutlich bin ich auch als erste gestartet. Ich denke über meine geplante Herberge in Polanco mit den wenigen Betten nach. Vermutlich habe ich den Platz dort sicher. Und vermutlich sitze ich seit Stunden relaxt und fit wie ein Turnschuh auf meinem Bettchen, wenn gegen spätem Nachmittag einige verschwitzte, überanstrengte Pilger hoffnungsvoll zur Tür hereinlinsen. Vor meinem inneren Auge sehe ich mich „sorry, alles voll, ihr müsst noch 4 Stunden weiter!“ sagen, bzw. ich kann mir das überhaupt nicht vorstellen. Ich habe das dumpfe Gefühl, heute frischer und besser unterwegs zu sein als vielleicht einige andere der riesigen Gruppe von Santander. Ich konsultiere meinen Führer. Eigentlich wollte ich mir die nächsten 3 Etappen auf 4 aufteilen. Mit Stopp in Polanco habe ich dann aber entweder morgen einen ziemlichen Brocken von auch wieder 40km oder am Tag darauf. Ob ich die nun heute laufe oder später, schenkt sich auch nicht mehr viel. So laufe ich dann zügig an dem gelben Pfeil auf den Rohren vorbei, der den Abzweig zur Herberge nach links signalisiert. Die 6 Betten für Bedürftigere.

Nach einer Weile gehen mir die Rohre dann doch etwas auf den Geist, zumal ich keine Markierungen mehr sehe und auch langsam nicht mehr sicher bin, ob ich überhaupt noch richtig bin. Ich presche hier so begeistert durch die Gegend, was weiß ich, ob ich irgendein Stoppschild, bei dem es links hätte gehen sollen, schon längst passiert habe. So bin ich dann sehr erleichtert, als irgendwann in der Ferne besagtes rotes Schild auftaucht und auch wieder Pfeile. Eine Überführung leitet mich über die Bahngleise von Requejada, gefühlt 100 Stufen hinauf und wieder 100 hinunter. Ich hatsche nun langsam doch ein bisschen, die vielen Kilometer zeigen Wirkung.

Auf einem Bänkchen danach winkt mir das schwäbische Pärchen entgegen. Ich freue mich, habe sie ja auch seit Tagen nicht mehr gesehen. Sie haben vor Güemes übernachtet und in Santander eine Pension genommen – und hinter Laredo auch den Bus. Sie hätten extra nochmal bis 9 gewartet, um in der Touristeninfo nachzufragen, wo sie nochmal die Auskunft erhalten hätten, dass keine Fähre fährt. Sehr merkwürdig, aber ich bin immerhin erleichtert, dass sie nicht nur wegen meiner vagen Fehlinformation darauf verzichtet haben. Peter lässt es sich nicht nehmen, anerkennend zu meinen, dass ich ja wirklich gut unterwegs wäre. Als er mich das erste Mal gesehen hätte, hätte er mir das nicht zugetraut. Ich schwanke zwischen Freude und etwas Negativerem. Nur, weil ich langsam laufe, muss es doch nicht heißen, dass ich nicht in der Lage bin, Etappen um 25 – 35km zu gehen. Vielleicht kommen mir seine Anmerkungen vor allem deswegen so merkwürdig vor, weil er mich coacht, als würde ich meine ersten Gehversuche auf dem Camino unternehmen. Er lobt mich hier begeistert für moderate Etappen und die Tatsache, dass ich nicht mehr ganz so schleiche wie anfangs. In meinem Hinterkopf ist dagegen noch die Peregrina von vor einigen Jahren, die jedes Tempo und jede Strecke gehen kann, die jedem als strong und schnell in Erinnerung bleibt, die auch problemlos 45km gehen kann – die aber einfach nicht mehr dieses grenzenlose Vertrauen in ihre Beine hat, seit damals etwas gerissen ist.

Als ich weitergehe, denke ich darüber noch etwas nach. Über diese seitdem bestehende Übervorsichtigkeit und Sorge um meine Beine. Ich erinnere mich an die ersten Tage hier auf dem Camino und daran, dass ich eigentlich die meiste Zeit nur verzweifelt irgendwelchem etwaigen Ziepen nachgespürt habe. Und mir wird bewusst, dass ich zumindest heute noch keinen einzigen Gedanken daran verschwendet habe, keinen einzigen Moment bewusst langsam gegangen bin. Vor allem aber wird mir bewusst, dass ich ebenfalls seit den letzten Tagen ganz automatisch meine Gedanken wieder mit „lieber Gott“ beginne. Jeder schöne Ausblick, jede überstandene Etappe, jeder nette Pilgerkontakt lässt mich ganz selbstverständlich „danke, das sieht ja wahnsinnig schön aus“ oder „lieber Gott, danke, dass das heute auch wieder geklappt hat“ denken. In den Kirchen und bei den Gottesdiensten habe ich Gott gestern noch etwas resigniert erfolglos gesucht – dabei ist meine persönliche Spezialleitung doch seit ein paar Tagen schon ganz unbemerkt wieder eingerichtet worden. Unspektakulär, aber bei näherer Betrachtung sehr wesentlich und bewegend.

Meine Wasserreserven schwinden etwas, sodass ich nach einem Supermarkt Ausschau halte. Momentan ist Siesta, keine Chance. Dafür fällt mein Blick auf eine Bar und eine Eiskarte. Eine tolle Idee, ich verwöhne mich mit einem leckeren Eis. Ich schaue einige Minuten mit großen Augen in die Truhe. Irgendwie bringt das der Camino so mit sich; man kann nicht einfach alles Mögliche in den Wagen laden, irgendwann wird man es schon essen, sondern alles muss wohlüberlegt und gewichtssparend sein. Im letzten Moment dämmert mir, dass fast alle Sorten Schokolade haben. Da geht die Wahl schon viel schneller vonstatten, es läuft so oder so auf ein gelbgrünes Wassereis hinaus. Ich mache noch Anstalten, mit meinem Wasserfläschchen aufs WC zu laufen, als der Wirt abwinkt und es mir von hinterm Tresen auffüllt.

Das Eis ist lecker, und ich muss dran denken, dass es vermutlich das Gleiche ist, das mein Mitpilger Joaquin vor einem halben Jahr gegessen hat (allerdings im Fünferpack).

So ein bisschen ist läuferisch gerade etwas die Luft raus, ich mache wieder haufenweise erschöpfte Pausen und bummele. Peter und Heike sind auch nicht viel besser, wir überholen uns alle halbe Stunde wechselseitig.

Die letzte Stunde geht es nochmal voll durch Weideland und endloses Grün. Mein Favorit sind natürlich die krachenden Wellen an der Küste, aber auch dieses reine Grün, so weit das Auge reicht in strahlend Hellgrün und strahlend Dunkelgrün und strahlend Froschgrün…

Als ein Ort in Sicht kommt, bin ich dann doch recht erleichtert, dass es wirklich schon Santillana ist. So ganz arg viel mehr würde ich heute nicht gehen wollen, und es ist auch bereits schon 17:30. Allerdings habe ich damit die vorgegebene Zeit exakt eingehalten, was mich nun doch überrascht.

Ich stolpere recht erschlagen in den Ort hinein, in dem es von Andenkenläden, Touristen und Schulklassen nur so wimmelt. Ich finde die schwer zu übersehende Kirche mit gegenüber einem Museum, durch dessen Garten es zur Herberge gehen soll. Ich durchquere den Garten und stehe vor einem riesigen, schwarzen Tor, welches ich nicht so recht aufkriege (und auch gar nicht sicher bin, ob ich das darf. Von Herberge steht nichts dran). Irgendwann fasse ich mir doch ein Herz, bringe den Riegel mit atemberaubendem Quietschen auf und habe Blick auf einen geschotterten Innenhof mit einer kleinen Herberge, vor dem schon die Kanadierin, Miguel und der Spanier mit Macho in der Sonne sitzen. Die Herberge hat irgendwie Puppenhausgröße, alles ist sehr eng beieinander, aber durchaus praktischer und moderner als gestern in Santander. Rechts und links gibt es einen kleinen Schlafraum voll mit 4 Stockbetten, davor noch je eine kleine Waschabteilung mit separater Dusche, WC und zwei separaten Waschbecken.

Zu meiner grenzenlosen Überraschung ist auch die Koreanerin schon da. Allerdings grinst sie, sie hat die Brückenproblematik heute per Zug umfahren, und gleich noch ein bisschen mehr. Auch der angenehme Rentner aus Güemes ist hier. Außer mir und der Koreanerin haben alle gestern eine längere Etappe gemacht und sind noch aus Santander herausgelaufen.

Ich wasche schnell (der Taubenklecks stört mich wirklich) und gehe noch auf Supermarktsuche, Helmut schließt sich mir an. Ich würde am liebsten in den kitschigen Souvenirläden nach irgendwelchen Kettenanhängern suchen oder in Ruhe Fotos machen, der Ort ist kitschig schön wie eine Filmkulisse.

Auch im Supermarkt ist Helmut nach ein paar Handgriffen fertig, während ich wie üblich unentschlossen und reizüberflutet alle möglichen Kombinationen durchspiele. Heute probiere ich einmal eine Fertigtortilla. Helmut ist nicht mehr im Laden, was mich nicht weiter wundert. So kann ich jetzt wenigstens auf dem Rückweg noch etwas bummeln. Ich kriege einen kleinen Schreck, als er noch brav vor dem Supermarkt wartet. Nachdem er derweil schon einen Dreiviertelliter Kakao geleert hat, habe ich wohl Ewigkeiten gebraucht.

Auf dem Rückweg druckst Helmut etwas herum. Ihm wäre aufgefallen, dass ich so unnahbar wirken würde. Nicht, dass das eine Eigenschaft wäre, die mir nicht auch schon mal durch den Kopf gegangen wäre, aber es überrascht mich doch sehr, nachdem ich gerade bei Helmut das Gefühl hatte, eigentlich sehr offen und vertrauensvoll zu sein. Ich frage, weswegen er das denkt. Er bringt ein Beispiel, als ich auf einem Hügel einfach in die Ferne geschaut und ihn und die Koreanerin nicht einmal gegrüßt hätte. Das wäre weit vor Güemes gewesen. Kunststück; nachdem ich ihn in Güemes das erste Mal gesehen habe, habe ich bei diesem imaginären Hügel vielleicht wirklich einfach nicht diese zwei Pilger bemerkt. Ich versichere, dass ich gegrüßt hätte, hätte ich sie gesehen, und dass ich eigentlich keinen besonderen Grund hätte, irgendwie unnahbar wirken zu wollen. Es verhallt recht ungehört, er philosophiert schon weiter, dass ich an den Klippen nach Güemes so abweisend gewirkt hätte und er sich da gedacht hätte „hey, dieses Mädchen schleppt etwas ganz, ganz Schweres mit sich herum“. An diesen Moment erinnere ich mich wirklich, und abweisend war ich vermutlich auch. An diesem Morgen war alle 20m ein Pilger unterwegs, und ich habe recht verzweifelt einfach mal eine pilgerfreie Minute gesucht, um geschwind in die Büsche zu verschwinden. Und auch ganz ehrlich habe ich meine Ruhe und die besondere Stimmung dort so genossen, ich hätte wirklich um keinen Preis mit jemandem laufen wollen. Ich war einfach überglücklich mit mir, dem Camino und vielleicht subtil ein paar ganz kleinen, versteckten Schwingungen von Gott. Helmut ist von seiner „ganz, ganz schweren“ Theorie überhaupt nicht abzubringen, ich kann erklären, so viel ich will. Er erzählt mir, dass er auf seinem letzten Camino gemerkt hat, dass er gut zuhören kann, dass sich vor allem auch Jüngere gern bei ihm „ausgekotzt“ haben. Während ich im ersten Moment fast ein bisschen geschockt war, wie er denken kann, dass ich absichtlich unnahbar bin, und mir dieser Eindruck sehr leid getan hat, so merke ich jetzt wirklich, wie meine Stimmung zu „unnahbar“ und Ablehnung wechselt. Er ist ein unheimlich netter Mensch, sicher wirklich auch ein guter Zuhörer, und dass es sich gut anfühlt, Leuten ein offenes Ohr zu bieten und ihnen dadurch zu helfen, weiß ich auch nur zu gut. Vermutlich hätte ich ihm auch früher oder später das ein oder andere erzählt, aber derart penetrant machen bei mir alle Schotten dicht. Es geht einfach überhaupt nicht. Wer hat schon Lust, sich offiziell „auszukotzen“. Ich trage auch nichts sehr, sehr Schweres mit mir herum. Gewisse Sorgen und Probleme sicher, aber die werden im Speziellen durch Auskotzen auch nicht besser, bzw. ich teile sie lieber mit Menschen, die ich näher kenne und bei denen es ein wechselseitiges Geben und Nehmen ist.

Ich sitze in der Abendsonne mit der Koreanerin, die mit Macho Stöckchenwerfen spielt. Er ist wirklich ein außergewöhnlich intelligenter Hund, und nachdem er mich mittlerweile kennt und nicht mehr anspringt und bebellt, kommen wir prima miteinander aus. Kurz vor 8 kommt noch ein erschöpfter Pilger unschlüssig in den Hof gestolpert. Er ist aus Deutschland und in Santander gestartet. Bis Bóo hat er den Zug genommen und wollte dann bis Polanco, so als Einstieg für den Anfang. Diesen und den nächsten Abzweig hat er dann verpasst und damit eine ungewollte Riesenetappe hinter sich. Entsprechend fertig ist er. Eine halbe Stunde später liegt er schon schlafend im Bett.

Ich stopfe meine Tortilla in die Mikrowelle, begeistert, dass das mit Folie geht und somit sehr abwaschfreundlich ist. Die heiße Tortilla balanciere ich dann Richtung Kirchplatz, wo ich nochmal die schöne Abendsonne und den Ausblick genießen will. Mir dämmert der Sinn von wärmenden Kartoffelwickeln. Die Tortilla bleibt die ganze Zeit wunderbar heiß.

Die beiden Schwaben setzen sich zu mir auf die Steinbank. Sie sind wieder in einer Pension untergekommen, und es stellt sich heraus, dass auch sie heute ein Stück Zug gefahren sind. Intuitiv hatte ich erwartet, dass Minuten nach mir der Pilgerpulk von Santander wie die Heuschrecken einfällt, aber auch 2 Stunden später ist niemand mehr gekommen. Ich bin die einzige, die heute die 40km gelaufen ist.

Die beiden warten auf Restaurantöffnung um 20:00. Wir plaudern ein bisschen, bzw. aktuell habe ich einen schweren Anfall von Redefluss. Die Frage, ob ich dann das nächste Mal dort weitermache, wo ich diesmal in wenigen Tagen aufhöre, ist ein Stich ins Wespennest. Ich erkläre, warum mein Herz schon auch ziemlich am Camino Frances hängt und was ich von dort vermisse. Hinterher habe ich fast ein schlechtes Gewissen, so viel herausgesprudelt zu haben. Na ja, wenigstens war ich nicht unnahbar.

Um 8 springe ich in die Kirche, die aber noch dunkel und leer ist. Die Messe ist in einem winzigen Nebenraum. Der Priester hustet die ganze Zeit, als würde er gleich kollabieren, und auch die wenigen anderen Misabesucher husten derart, dass ich ganz froh bin, dass es diesmal kein Zeichen des Friedens mit Händeschütteln gibt. Der Priester rattert sein Pensum seelenlos und schnell wie ein Maschinengewehr herunter. Ich versuche, mich dadurch zu trösten, dass er vielleicht einfach schwer krank ist und fiebrig nur im Kopf hat, möglichst schnell wieder ins Bett zu kommen.

Ich fange die letzten Sonnenstrahlen vor der Herberge ein. Helmut kommt dazu, er erzählt mir von einem Tagebuch, welches seine Familie extra für ihn angelegt und auf seinem ersten Camino in sein Gepäck geschmuggelt hat. Jeder hat liebe Worte auf die ersten Seiten geschrieben, und mir kommen auch fast mit die Tränen, als er erzählt, wie gerührt er davon war. Er erzählt, dass er seitdem dieses Tagebuch immer dabei hat und auch liebe Pilgerbekanntschaften etwas hineinschreiben lässt. Mir schwant schon Ungutes, sodass ich (denkbar unnahbar) nur diplomatisch meine, dass das ja sehr schön ist. Er scherzt, dass ich damit rechnen müsste, mich im Lauf des Caminos auch noch darin zu verewigen. Ich grinse höchst schief zurück. Mir ist das Ganze sehr unangenehm. Ich schätze Helmut wirklich sehr, kann aber einfach nicht das bieten, was er sich wohl erhofft. Und will ganz sicher nicht in sein heiliges Tagebuch schreiben, wenn ich nachher als unfreundliche Enttäuschung ende, die irgendwann einen Wutanfall bekommen hat. Ich bringe es nicht übers Herz, ihm zu sagen, dass mir seine Hilfsbereitschaft einfach zu aufdringlich ist.

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Wie bei so einer atmosphärenreichen Herberge und so liebevoll gestalteten Stockbetten nicht anders zu erwarten, schlafe ich exzellent. Die Luft ist am Morgen kühl und frisch, so, als hätten wir draußen geschlafen. In meinem Schlafsack plus einer Wolldecke hatte ich es aber durchweg warm.

Um 8 Uhr soll es Frühstück geben. Eigentlich bin ich um diese Zeit schon unterwegs, und Gruppenfrühstück ist auch nicht mein Ding. In Anbetracht dieser grandiosen Herberge mache ich aber eine Ausnahme.

Der große Holztisch ist schon liebevoll gedeckt. Es gibt sogar für jeden ein eingetütetes Pain au chocolat. Au chocolat, wie ich leidgeprüft feststelle. Ich leite es an die Koreanerin neben mir weiter. Auch der Kaffee sieht wieder unnötig lecker aus. Meinen nächsten Camino werde ich auf nach Ostern und auf nach die Fastenzeit legen. So schaufle ich eben bergeweise Baguette mit Marmelade in mich hinein. Ich habe keinerlei Vorräte mehr, im worst case muss es bis Santander reichen.

Zu der besonderen Atmosphäre, die ich gar nicht beschreiben kann, kommt noch der Sonnenaufgang, der durch die weit geöffnete Tür hereinstrahlt und die Frühstücksrunde in ein wärmendes Licht taucht. Paradiesisch.

Irgendwie belasse ich diese friedliche Atmosphäre am liebsten wieder so, bevor sie sich in morgendlichen Gesprächen zerredet, und mache mich zu meinem Rucksack auf, der schon gepackt vor der Tür des Haupthauses steht. Ich suche nur noch Padre Ernesto, der zwischenzeitlich beobachtend am Tisch präsent war.

Der Sonnenaufgang ist schlicht, aber bewegend. Das Pferd von gestern grast auch am Morgen ähnlich ruhig und bedächtig, zur Rechten vor dem Haus liegt der riesige Kalbshund friedlich vor seiner Hundehütte. Durch die Blumenbeete kommt dann auch wie auf Kommando Padre Ernesto gewandelt. Ich bedanke mich für den Aufenthalt und gebe ihm das Armbändel, das ich gestern gemacht habe, für den Piano-Spieler aus Salamanca. Für „buen suerte en la vida“. Ernesto schaut wie immer recht unbeweglich und nachdenklich unter seiner weißen Haarpracht hervor, starrt auf das Bändel und wiederholt abwesend „buen suerte en la vida“, sodass ich schon einen kleinen Moment panisch werde, was ich da jetzt wieder für eine spanische Wortkreation verbrochen haben könnte. Dann strahlt er plötzlich, wiederholt andächtig „una pulsera para buen suerte en la vida de la chica de Suiza de la montaña“ und wünscht mir auch viel Glück im Leben. Und er denkt, dass ich das haben werde. Er wedelt mich nochmal zurück in den großen Raum, wo am Eingang zwei Körbe mit Wegzehrung stehen. Mein Scannerblick detektiert treffsicher zweimal Schokoladengehalt. Der Padre lässt sich gleich nochmal zu einem Lächeln hinreißen, er findet diese Disziplin gut. Dafür bekomme ich dann noch einen Apfel und eine Orange, worüber ich im Moment wirklich sehr dankbar bin.

Ein Stück weit mit schwerem Herzen und gleichzeitig auch wie auf Wölkchen mache ich mich dann auf den Weg. Eine magische Herberge und dann noch ein Lächeln vom Padre- was könnte man mehr brauchen zum Glücklichsein.

Die magischen Wölkchen machen mich mal wieder derartig langsam, dass mich nach einer Weile auch die länger frühstückenden Pilger eingeholt haben. Nur die Deutsche mit Hund hat entschieden, sich in Anbetracht ihrer Beinschmerzen einen Tag Auszeit zu gönnen – wo könnte man das auch besser als in Güemes.

Ich finde es fast schon ein wenig befremdlich, in welch einem Pilgerpulk ich plötzlich unterwegs bin. Vor und hinter mir pilgert es, soweit das Auge reicht. Wir erreichen den ersten Ort, an dem wir nun einem „playa“-Pfeil folgen sollen, um ja nicht dem Camino zu folgen, sondern dem Ernesto-Spezial-Küstenweg. Der „playa“-Pfeil kommt vor dem Zentrum des Ortes. Eigentlich wollte ich hier ja einen Supermarkt aufsuchen, aber nach großem Umweg ist mir dann doch nicht. So folge ich den vielen Rucksäcken nach rechts Richtung gefühlte Küste.

Diese erreichen wir dann wirklich bald, und ich bin hin und weg. Laut Ernesto 70m über dem Meer geht es zwischen grünen Weiden und der Steilküste entlang, mit beeindruckenden Blicken auf das Meer. In riesigen Wellen schieben sich die Wassermassen kraftvoll und doch gleichzeitig irgendwie ruhig und mächtig an der Küste entlang. Das berührt mich so grundlegend, dass ich mich eine Weile ins Gras setze und das Ganze auf mich wirken lasse. Auch, um die Pilgerkolonne etwas Abstand gewinnen zu lassen. Diese wunderbare Stimmung möchte ich auf keinen Fall zerplappern.

Als ich gerade wieder auf den Weg zurückgehe, kommt mir ein kleiner Lieferwagen entgegen, der ein paar Häuser weiter hält, um Brot abzuliefern. Ich stelle mich etwas schüchtern dazu und erstehe ein tolles, ofenfrisches Ciabatta-Brot. Kein Vergleich zu den sonstigen brettharten Baguettebroten – und ein Segen für meinen leeren Rucksack und meine „ich-könnte-ja-verhungern“-Sorgen.

Der Weg könnte ewig so weiter gehen, und ich bin fast etwas traurig, als irgendwann Santander in Sicht kommt – mit einem beeindruckenden Strand und, noch beeindruckender, den Picos de Europa mit ihren schneebedeckten Gipfeln im Hintergrund.

Als wäre der Tag heute nicht schon eindrucksintensiv genug und kaum zu überbieten, überwältigt mich der anschließende Strand so richtig. Im Gegensatz zu Noja mit grauen Wolken scheint heute strahlende Sonne bei gleichzeitig wild krachenden Wellen. Während ich in Castro Urdiales begeistert drei Muscheln gefunden habe, ist der Strand hier absolut übersät mit Muscheln, ich kann nicht einmal einen Schritt machen, ohne nicht knirschend etwas von dieser Pracht zu zertreten.


Ich treffe die Koreanerin, die begeistert barfuß durch die Wellen stapft. Ich lasse brav wie immer meine Stiefel an. Sonst gibt es ja hinterher am aufgeweichten Fuß leichter Blasen, ich könnte in eine Qualle oder eine Glasscherbe treten, und in Anbetracht meiner komplizierten Kompressionsstrümpfe ist das auch zu viel Aufwand. Zum Glück ist der Strand endlos lang und lässt genug Zeit, es mir doch noch anders zu überlegen. Die heutige Etappe ist nur 15 km lang, genau richtig für einen derart meditativen Tag und derart eindrucksvolle Landschaft. So ziehe ich dann doch noch meine Schuhe aus und laufe begeistert durch die kalten Fluten. Ich knipse bestimmt hundert besonders schöne Wellen und mache begeistert Serien von Selbstauslöserfotos. Und den ein oder anderen spritzenden Sprint mit den Wellen an Land, wenn eine ungeplante Riesenwelle an Land rollt und meinen Rucksack mit aufbalanciertem Fotoapparat zu umspülen und umzuspülen droht. Ich vertrödele sicher zwei Stunden damit, mich an meinen Fußspuren im trockenen oder im feuchten Sand zu erfreuen, an den Wellen und Muscheln- und an der Tatsache, dass ich bis auf ein paar Surfer und ein paar Hunde völlig allein hier bin und das Gefühl habe, dass es sowas wie Zeit gar nicht gibt.

Es ist seit langem mal wieder ein Tag von „I can reach heaven from here“.

Irgendwann ziehe ich meine Stiefel wieder an – ähnlich schweren Herzens, wie ich heute morgen Güemes und später die Steilklippen verlassen habe. Die Skyline von Santander rückt immer näher, irgendwann am Ende des Strandes müsste die Fähranlegestelle kommen, mit der es dann direkt nach Santander geht.

In einiger Entfernung vor mir stolziert ein wackerer Schwimmer in die Fluten – hüllenlos, wie ein Blick auf den Hintern offenbart. Ich bin moderat begeistert bei der Aussicht, dass er sicher gerade in dem Moment wieder herausstolziert, wenn ich dran vorbeilaufe. Zum Glück springt er erstaunlich schnell auch wieder aus dem Wasser (bei den Temperaturen eigentlich kein Wunder) und verschwindet in den Dünen, bevor ich in unangenehmer Nähe wäre. Kaum komme ich auf dieser Höhe vorbei, ruft es dann leider prompt doch von links. Ich laufe mit Blick geradeaus stur weiter, ich werde da jetzt sicher nicht neugierig interessiert nach dem Rufer schauen. Es ruft und ruft, „hola“, „hey“, „pst“, „heh“, ich stoffele zielstrebig flugs geradeaus. Leider kommt das Rufen immer näher, und als der gute Mann schon fast direkt an meinem Ohr ist, entschließe ich mich dann doch lieber zu einer Konfrontation – allerdings mit Blick stur auf Höhe Brust aufwärts. Wider Erwarten erspähe ich aus den Augenwinkeln ein lila Handtuch in Hüfthöhe, was mich fürs erste halb beruhigt. Ob ich nach Santiago wolle, dann wäre ich ja auf dem falschen Weg, schon viel zu weit. Aber es gäbe eine Abkürzung, direkt durch die Dünen, ich soll mitkommen, er könnte sie mir zeigen. Ich bedanke mich höflich für den Hinweis, ziehe aber den Strand vor. Er diskutiert herum, dass das aber falsch wäre und viel zu weit, ich solle doch mitkommen. Irgendwann dämmert ihm dann wohl doch auch durch meine vordergründige Höflichkeit meine pampige Beharrlichkeit, sodass er fluchend allein in den Dünen verschwindet.

Nice try, sonst noch Wünsche. Kopfschüttelnd laufe ich weiter am Strand lang, zücke aber nach ein paar Minuten doch noch interessehalber zum ersten Mal am heutigen Tag meinen Führer. Heute laufe ich ja nicht auf dem offiziellen Camino und erwarte mir daher auch keine hilfreichen Erkenntnisse. Ich habe nur die Karte von Padre Ernesto im Kopf, wonach es sehr einfach und logisch den ganzen Tag möglichst nah am Meer entlang geht, bis man ebenso logisch irgendwann auf die Anlegestelle stoßen muss. Ein früherer Blick in den Führer hätte nicht schaden können; es stellt sich heraus, dass ich gar nicht so panisch den unausgeschilderten Geheimtipp von Padre Ernesto hätte gehen müssen – mein Führer beschreibt ohnehin ganz offiziell diese Variante. Während ich noch nach der Textpassage mit der Schiffsanlegestelle den Text durchforste, spricht mich eine freundliche ältere Dame an, ob ich nach Santiago wolle. Ich wäre da falsch und hätte bereits bei der Stadt zur Linken vor ein paar Minuten abbiegen sollen. Könnte nun aber noch quer durch die Dünen zum Schiffsanlegesteg.

Ich bedanke mich und starre nochmal in Ruhe meine Karte an. Der Wegverlauf ist sehr eindeutig, eben nicht endlos am Strand entlang. Wäre ich da wirklich einfach am Meer entlang gelaufen, hätte ich einen Riesenumweg gemacht. Ich bekomme ein akut schlechtes Gewissen dem Herrn Nacktbader gegenüber, während ich mich schuldbewusst verstohlen durch die Dünen schlage.

Am Bootssteg tuckert gerade eine Fähre davon, ich nutze also die verbleibende halbe Stunde für einen kleinen Abstecher in den Ort von Somo, vielleicht findet sich ja doch noch ein Supermarkt. Tut es nicht, dafür aber eine Bäckerei mit Konditorei-Anteil und wunderbar lecker aussehenden Schnittchen und Stückchen. Neben einer nahrhaften Puddingschnecke gönne ich mir zur Feier des heutigen Tages ein Cremetörtchen, welches ich mit einem winzigen Gäbelchen auf einem silbernen Papptablett liebevoll und luxuriös verpackt bekomme. Während ich auf dem Rückweg das Puddingteilchen vertilge, zelebriere ich mein Törtchen in aller Ruhe ordentlich entspannt im Schatten des Wartehäuschens. Meine Sorte sieht aus wie mit Heidelbeerglasur und soll Orujo enthalten (was auch immer das ist). Der Glamour wird höchstens dadurch etwas getrübt, dass Orujo zumindest in Cremeschnittchenform wie Terpentin schmeckt.

Nach zu schnell gegessener Schnecke und charismatischem Orujo- Nachgeschmack wird mir etwas flau in Anbetracht der Fährüberfahrt, nachdem mir eh schon immer bei jedem noch so kleinen Geschaukele abgrundtief schlecht wird. Aber ich habe Glück und überstehe die Überfahrt schadlos.

Irgendwie bin ich heute dann doch etwas platt und zerzaust, als ich in Santander wieder recht erfolglos versuche, auf dem Camino zu bleiben. Irgendwann schlage ich mich dann auf gut Glück zur Kathedrale durch, in deren Nähe die Herberge sein soll. Ich kann den Führer mal wieder drehen und wenden, wie ich will, so richtig schlauer werde ich nicht. Ich frage mich wieder überall durch, bin derweil den morgigen Camino schon eine Viertelstunde abgelaufen und kenne alle Sträßchen um die Kathedrale in- und auswendig, bis ich dann doch noch an einem unscheinbaren (und moderat anheimelnden) Häuserblock das Herbergsschild entdecke. Durch ein Treppenhaus lande ich an einer Tür mit „bitte kräftig Klopfen“, was ich auch minutenlang erfolglos probiere. Irgendwann wird doch noch die Tür aufgerissen – von einer Hospitalera, so charismatisch wie mein Orujo-Schnittchen. Sie schnattert überherzlich und völlig überdreht und konfus vor sich hin, willkommen, nimm doch erstmal Platz, nein, Dein Credencial, nein, sorry, fühl dich wie zu Hause, hoppla, dann doch lieber erst einchecken, nein, Deinen Rucksack hier, entspann Dich. Mir raucht der Kopf, wozu nicht zuletzt das Erscheinungsbild beiträgt. Wer jeden Nachmittag in blauen Gummischuhen in der gleichen Trekkinghose und dem gleichen schlabbrigen XXL-Billiganbieter-Fleecepulli herumschlurft, ist vielleicht nicht prädestiniert, modische Kritik anzubringen. Trotzdem: der Ganzkörpersack aus lila Samt, garniert mit maisfarben blondierten Haaren und silbernem Augenmakeup, ist in Kombination mit der sehr rundlichen Figur ein modischer Alptraum. Bei jeder Bewegung erwarte ich zudem intuitiv das Auftauchen einer Wahrsagerkugel.

Die Herberge ist eher düster und ziemlich vollgestellt mit Betten. Dass Esmeralda ständig hilfreich um mich herumspringt, schafft auch nicht gerade mehr Platz. Die Koreanerin ist auch schon da und verschwindet gerade zum Duschen im einzigen Damenbadezimmer. Ich beschließe spontan, die Wartezeit zu nutzen und zum ersten Mal auf diesem Camino das Internet zu nutzen. Ich frage Esmeralda, ob sie mir meine 2-Euro-Münze automatentauglich wechseln kann. Sofort wuselt und walzt sie begeistert zu ihrer Rezeption, um mir strahlend und hilfsbereit leider nur einen Euro anbieten zu können. Den zweiten kriege ich dann später. Ach, nein, nein, ich solle meine 2 Euro noch behalten und ihr nachher einfach noch einen bringen. Auch gut. Ungefähr zehnmal erklärt sie mir etwas agitiert das weitere Vorgehen in Sachen fehlender Euro, während ich warte, bis der Computer hochgefahren ist. Mittlerweile ist sie zufrieden dabei angekommen, dass ich ihr nachher also noch 3 Euro schulde. 3? Ja, weil meine 2 hätte sie mir ja schon zurückgegeben. Ich erkläre ihr, dass das ja auch meine waren, damit sie mir in Folge minutenlang gütig darlegt, warum es jetzt 3 sind. Es ist ja fast albern, hier ein Drama wegen 3 Euro zu machen, aber die Frau ist schon der Knüller. Sie will es mir immer weiter erklären, und wir schließen dann einvernehmlich damit, dass ich ihr jetzt nochmal meine 2 Euro gebe, damit ich dann später einen von ihr zurück bekomme. Hauptsache, sie ist weg. Das Internet funktioniert ewig nicht. Sie meint, es würde eben einfach langsam gehen. Der Computer hat irgendeinen anderen kapitalen Schaden, aber das diskutiere ich lieber gar nicht erst. Als irgendwann endlich das Internet aufgeht, stelle ich zu meiner Freude fest, dass 90% der Tasten nicht funktionieren – es sei denn, man parkt den Finger eine halbe Minute darauf. Das Eingeben meines Passwortes ist ein minutenlanger Hochgenuss sondergleichen. Nach einer halben Stunde bin ich zumindest beim Posteingang angekommen und stelle befriedigt fest, dass keine Stornierungsmail bezüglich meiner Busfahrt und meines Rückfluges vorliegt. Mehr verkraften meine Nerven heute wirklich nicht.

Während ich in der spärlichen Neonröhrenbeleuchtung mit meinem Waschtäschchen warte, kriege ich höchst unmeditative Zustände angesichts dieses Computers und des allgegenwärtigen Traums in lila Samt, der mittlerweile immerhin ohne weitere Diskussionen und Erklärungen einen Euro für mich abliefert. Die Koreanerin ist nach einer halben Ewigkeit endlich fertig mit Duschen, fängt nun aber („5 Minuten!“) noch an, ihre Wäsche im Waschbecken zu waschen. Ich drehe noch durch.

Nach dem Duschen hänge ich meine Wäsche etwas skeptisch aus dem Fenster in einen taubenbevölkerten Innenhof. Wenn hier etwas von der Leine fliegt, liegt es auf einem unerreichbaren Vordach. Ich mobilisiere alle meine Sicherheitsnadeln.

Die Herberge hat keine guten Schwingungen, daher ergreife ich die Flucht und gehe auf Supermarktsuche. An der Rezeption laufe ich Chrissie und Maike in die Arme. Ich kann mir ein amüsiertes Grinsen nicht verkneifen angesichts der Vorstellung, wie Chrissie diese liebevolle, chaotische Betüttelung wohl schätzen wird.

Es gäbe einen Carrefour, paradiesisch. Leider finde ich den nicht und renne wieder die gleiche Straße zehnmal auf und ab. Santander scheint mir nicht so recht zu liegen. Als ich den Laden dann doch gefunden habe, fällt mein erster Blick auf einen Mann, der sich begeistert alle möglichen Tütchen in die weite Jogginghose stopft und damit dann etwas sperrig zum Ausgang schlendert. Ich bin so beeindruckt baff, ob der das ernsthaft klauen will, dass ich keinen vernünftigen Gedanken zustande bringe.

Während ich begeistert meine Vorräte wieder auffülle und endlich auch wieder frische Artikel wie Salat, Erdbeeren und Zucchini erstehe, fällt mir mit schlechtem Gewissen ein, dass ich jetzt schon wieder nicht mit Maike und Chrissie koche und einfach irgendwie hoffnungslos unsozial bin. Aber noch zwei Stunden länger warten in der Herberge, bis die beiden sich in dem einen Badezimmer dann geduscht und ihre Wäsche gewaschen hätten, das hätte ich sicher auch nicht überstanden.

Zum vollkommenen Glück fehlen mir heute noch Postkarten. Endlich habe ich ja mal eine kurze Etappe, viel Zeit und beste infrastrukturelle Voraussetzungen. Leider finde ich nur einen Kiosk mit Postkarten, und die Auswahl ist indiskutabel. Irgendwas mit dem Camino brauche ich ja schon, wenigstens eine Strandansicht oder eine Kuhweide. Ich kann doch nicht irgendeine Kirchenansicht nach Hause schicken, die ich noch nie gesehen habe. Andererseits tun mir die Füße weh, ich schleppe wieder einmal viel, viel zu viel Einkauf, und meiner angespannten Grundstimmung tut das Entlangrennen an der Hauptstraße auch nicht gut. Ich habe schon 4 Karten in der Hand, ist doch wurst, ob das Motiv nun gut ist oder nicht. Im letzten Moment stecke ich sie dann doch zurück. Der eh schon dünne Karton ist vom Regen gewellt, auf den Vorderseiten hat es Abdrücke der Linien der vorigen Karten, das bringe ich einfach nicht übers Herz. Also doch weiter die Straße entlang. Ich frage Passanten, ugh, oh, anscheinend sind Postkarten ein Ding der Unmöglichkeit. Oder die vom Kiosk. Eine Frau guckt mich verständlicherweise etwas böse an, als ich entnervt frage, ob es denn hier gar keine schönen Postkarten gibt. Durch das Schaufenster eines Buchladens erspähe ich im Inneren einen Steller mit Postkarten. Das Personal guckt zwar etwas befremdet von seinen edlen Schreibgeräten auf, als ich zielstrebig durch den Laden stürme, aber die Karten sind der Hammer. So genial, dass ich gut eine halbe Stunde unentschlossen davor stehe (und die Damen und Herren vermutlich schon in misstrauische Panik versetze, dabei trage ich doch gar keine weite Jogginghose). Die Karten sind nur alle Oversize, sodass ich einen Herrn frage, ob das denn irgendwie kompliziertes Überporto kostet. Vermutlich ist er distinguiertere Fragen gewohnt und braucht erst einmal ein paar Sekunden, um sich zu sammeln. Nein, es wäre selbstverständlich kein Problem, und ich würde ja ohnehin Umschläge für die Karten bekommen. So trabe ich dann stolz wie Oskar mit vier Panoramakarten und gefütterten, vermutlich handgeschöpften Umschlägen aus dem wunderbaren Laden. Würde ich in Santander wohnen, würde ich vermutlich jede freie Minute dort verbringen. Nein, vermutlich würde ich bei Padre Ernesto abhängen oder Klavierspiel lauschen.

Wenn schon, denn schon, gönne ich mir zwecks Briefmarken auch gleich die Hauptpost. Ich bin nicht mehr so überzeugt von dieser Idee, als ich mir ein Nümmerchen ziehen muss und mit riesiger Einkaufstüte meine Errungenschaften so jongliere, dass die Erdbeeren nicht vermatschen, während um mich herum lauter Geschäftsmänner vermutlich nicht Briefmarken kaufen. Da blinkt schon meine Nummer, ich wedele etwas zweifelnd mit meinen Umschlägchen. Na klar gibt es hier Briefmarken, die Größe des Umschlags ist auch prima, und ich bekomme drei farbenfrohe Schmetterlingsmarken. Ich stammle begeistert, dass die ja toll wären. Die Frau am Schalter guckt etwas verwundert, klar wären die toll. Es wären ja schließlich auch mariposas, Schmetterlinge. Hm.

Ich bin eine Mischung aus begeistert und fertig, als ich endlich wieder in der Herberge bin. Ich habe gerade noch Zeit, drei Karten herunterzuschreiben, als auch schon die Messe ruft. Offensichtlich hatte ich etwas falsch im Kopf, ich komme gerade zum Ende der Messe in die Kathedrale. Aber eine halbe Stunde später gibt es nochmal eine in einer Nebenkapelle. Derweil werfe ich meine Briefe ein – auch eine dumme Idee an der Hauptpost, an der die ganze Front mit etwa zehn verschiedenen Briefkästen für die unterschiedlichen Bestimmungsorte verziert ist. Ich verpasse fast meine zweite Messe, bis ich endlich irgendetwas wie „Ausland“ finde.

Der Raum für die Messe ist beeindruckend, eine Etage unter der Kathedrale, überall umgeben von sehr altem, verzierten Stein. Auch ist sie verhältnismäßig gut besucht. Trotzdem kommt bei mir auch diesmal einfach rein überhaupt kein Gefühl auf. Ich bin einen Hauch von resigniert, obwohl es mich nicht weiter überrascht. Zwei Damen hinter mir strahlen mich überaus warm an, ich müsste doch die Tochter von sonstwem sein. Eher unwahrscheinlich, aber ich lächle warm zurück.

In der Herberge ist großer Trubel, es sind mindestens 30 Leute da, dazu noch eine große Gruppe Radpilger, die ihre Räder noch in den eh schon verwinkelt engen Schlafsaal mitgenommen haben. Ein älteres, deutsches Trio hat sich um mein Bett herum niedergelassen. Ich konnte den Ansturm noch nicht vorhersehen und habe unbedachterweise einige Sachen auf dem oberen Stockbett deponiert, welches jetzt ein ziemlich faltiger Drache bevölkert. Irgendwie verstehe ich natürlich, dass sie genervt meinen überall ausgebreiteten Krempel unters Bett gefeuert hat, so richtig zur herzerfrischenden Wohlfühlstimmung trägt es aber doch nicht bei.

Ich verdrücke mich in die kleine Küche, in der es wie wild kocht. Chrissie lernt seit ein paar Tagen sehr engagiert Spanisch von Maike, sitzt nun gerade mit ihrem kleinen Tagebuch da und schreibt säuberlich Deklination um Deklination herunter. Ich umschiffe vorsorglich heikle Themen, sodass wir uns nett unterhalten. Sie möchte anschließend noch Wäsche in der Maschine waschen. Diese ist allerdings noch belegt, und wie man das nun zeitlich koordiniert bekommt, versetzt die Hospitalera mal wieder in höchste Panik. Sie springt alle 2 Minuten in die Küche, um Chrissie zu unterrichten, wie das nun von statten geht, und es ist ähnlich schlüssig wie die drei-Euro-Theorie. Man könnte ja auch einfach die Wäsche wechseln, sobald die Maschine fertig ist, aber dann hätte ja eine besorgte Hospitalera gar nichts zu werkeln. Für die nächsten Wochen ist auch schon ein weiterer Hospitalero in den Startlöchern, ein Routinier, der seine schlauen Theorien auch jedem ungefragt aufdrängt. Morgen müsse man nach Santillana, unbedingt. Ich gehe morgen sicher nicht fast 40km, ganz unbedingt. Ich gucke wohl schon wieder ähnlich feindselig wie beim Dünenmann.

Als sich die Kochschar lichtet, brate ich mir schnell ein delikates Gemüse zusammen, welches mit meinem Klippen-Ciabatta sehr gut mundet. Die Erdbeeren hinterher sind fast schon zu viel. Ich will gerade meinen Käse für morgen in den Kühlschrank stellen, als mir mein Salatpäckchen ins Auge sticht. Das hab ich ja komplett vergessen. Also noch Salat direkt aus der Plastikfolie zum Abschluss.

Außer einem netten radelnden Québécois sitze ich noch mit Maike, Chrissie und Kathrin in der Küche, irgendwie ist es heute eine sehr nette, angenehme Truppe. Morgen wollen die meisten nach Santillana. Ich nur bis Polanco, diese Ruhe habe ich mir nun ja extra herausgearbeitet.

Als ich um 9 an meinem Bett bin, mache ich noch Bekanntschaft mit einem weiteren deutschen Exemplar. Halb vorwurfsvoll, halb jammerlappig moniert er, ob ich denn jetzt endlich mal das Licht (welches schon die ganze Zeit brennt) ausmachen könnte, er wolle ja schließlich schlafen. Ich schalte verzagt meine abgedunkelte Taschenlampe ein und ziehe meinen Waschbeutel unterm Bett hervor. Die impulsive Lady über mir reißt sich daraufhin theatralisch den Schafsack über die Ohren. Mamma mia. Da laufe ich morgen doch gern erst recht nur bis Polanco.

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