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Posts Tagged ‘Pamplona’

Am Morgen lässt mich meine blöde Herbergenangst nicht ruhig schlafen. Hier in Zubiri scheinen nur sehr wenige übernachtet zu haben, der Hauptpulk der gut 100 Leute aus Roncesvalles scheint einen Ort weitergegangen zu sein. Vor meinem geistigen Auge zieht es sie leider auch alle nicht nach Pamplona in dieses sagenumwobene Opernhaus, sondern alle in das kleine Cizur Menor, wo ich gerne neben einer Burg des Malteserordens übernachten würde. Mit nicht einmal 30 Betten.

Zuerst einmal kann ich jedoch den schönen Weg durch die immer noch recht unberührte Natur genießen. An der pittoresquen Brücke von Trinidad de Arre mache ich eine lange Mittagspause, ebenso eine Gruppe junger Männer. Das Wetter ist perfekt, sonnig, nicht zu warm; ich bin sehr entspannt.

Pamplona zu erreichen ist ein lustiges Gefühl. Hier bin ich nun am helligten Tag als Pilgerin, beschützt mit meinem Pilgerstab und meinem Rucksack mit Muschel. Ich fühle mich gelassen, zufrieden und stolz. Dabei ist es erst 3 Tage her, dass ich hier ziemlich verängstigt um ein Bett gebettelt habe.

Und es ist ziemlich genau 2 Jahre her, dass ich hier meinen ersten Camino begonnen habe. Eine gewisse Ruhe überkommt mich, dass ich ab jetzt eine grobe Ahnung habe, was auf mich zukommt. Nachdem es am Abend keine Einkaufsmöglichkeit geben soll, kaufe ich noch schön ein.

Es geht mitten durch Pamplona, entlang einer Verkehrsstraße, und man muss ziemlich genau auf die Markierungen am Boden achten. In großem Abstand vor mir läuft deutlich am schiefen, großen Rucksack zu erkennen ebenfalls ein Pilger, oder besser gesagt, er humpelt ziemlich bemitleidenswert. Irgendwann taucht zur Linken ein großer Park auf, der meine Erinnerung weckt, dass der Weg hier die Straße verlässt. Der Pilger vor mir hat den Abzweig nicht mitbekommen, ist aber viel zu weit weg, als dass ich rufen könnte. Während ich noch stehe und überlege, dreht er sich um und scheint mich zu sehen. Ich verlasse demonstrativ die Straße und gehe zu dem Park hinüber, hoffentlich versteht er es.

Für meine Verhältnisse ist es recht spät, deutlich nach Mittag, ich werde Cizur Menor erst gegen 3 erreichen. Die Sonne brennt ungewohnt stark, ich schwitze vor mich hin, während ich langsam doch immer schneller und unruhiger laufe. Nach Pamplona taucht schon bald auf einem leichten Hügel mein heutiges Etappenziel auf, die rotweiße Malteserfahne weht im Wind.

Ich schleppe mich durch den Hof und zu der Herberge, vor dem schon zwei Leute stehen. Recht erschöpft japse ich, ob es noch ein Bett für mich hat. Der Mann guckt mich verständnislos an, führt mich dann aber in die Herberge. Ohne eine Miene zu verziehen fragt er, ob ich denke, dass da eins für mich dabei wäre. Ich bin die Erste.

Er erklärt mir liebevoll den Ort, dass es in der Küche auch die wichtigsten Grundnahrungsmittel fertig eingekauft schon hätte, falls ich etwas brauche. Aber ja, eine Laden hätte es trotzdem, und natürlich, am Abend hat es eine Messe. Ich dusche in einem riesigen Raum mit 2 Duschen und Fischchen-Duschvorhängen, ich kann mein ganzes Gerümpel auf 2 Stühlen ausbreiten, mich in Ruhe anziehen, und das Waschbecken mit Flüssigseife verfügt sogar über ein (noch) frischgewaschenes, kuschelweiches Handtuch. Ich hatte mich auf eine spartanische, bereits überfüllte Herberge eingestellt, und nun so ein Himmel auf Erden.

Einzig beim Wäschewaschen hinter dem Haus holt mich ein bisschen die Realität wieder ein. Aus dem Wasserhahn spritzt unkontrolliert ein riesiger Schwall kaltes Wasser, ich bin also gleich nochmal geduscht, und mein recht eiliges Waschen wird kommentiert von drei großen Schäferhunden, die wenige Meter entfernt angekettet sind, an ihren Ketten reißen und sich die Seele aus dem Leib bellen.

Mit sich wieder beruhigendem Puls krame ich meinen Reiseführer, mein Tagebuch und einen weiteren Satz Bändelwolle aus meinem Rucksack und setze mich an einen der Tische im Innenhof. Der Hospitalero bietet mir eine große Schüssel an für ein kühles Fußbad, das täte gut. Unter reichlicher Anteilnahme der drei Hunde und mit einem diesmal schon etwas routinierterem Spritzwasserausweichen sitze ich dann endlich komplett entspannt in der Sonne, meine Füße in fröhlichem Eiskalt.

Der nächste Pilger lässt nicht lange auf sich warten; zu meiner Erleichterung ist es der Hinkende, der seinen Weg demnach doch noch gefunden zu haben scheint. Er grüßt mich vorsichtig erkennend. Ebenfalls freue ich mich über die Dänin aus Zubiri, die mich zur Begrüßung kurz anstrahlt, bevor sie sich fast schuldbewusst mit wieder versteinertem Blick ans Einchecken macht. Nun kommen im Minutentakt Pilger in den Hof geströmt, und ich bin fast etwas erleichtert, dass sie von einer ähnlichen Unruhe und Sorge getrieben zu sein scheinen. Ich treffe eine kleine Deutsche mit einem doppelt so hohen und breiten dunkelhäutigen Bär von einem Mann wieder, denen ich die letzten Tage immer wieder begegnet bin.

Meine Fußbadewanne gebe ich an den Hinkenden weiter, der sich zu mir setzt und sich als in Spanien lebender Belgier herausstellt. Mit seiner Frau möchte er hier eine Ferienanlage etablieren, aber wie ich so zwischen den Zeilen lese, so ganz nach Plan läuft es noch nicht. Auch der Camino wohl nicht, er hat nach ein paar Tagen schon ziemliche Beinprobleme. Er ist ein Trumm von einem Mann, spricht aber sehr leise und unsicher.

Weniger Probleme hat da eine Holländerin, junge Mutter, die sich dazugesellt und unbekümmert das Gespräch schmeißt. Zu Hause wacht ihr Mann über den Säugling, und sie kichert belustigt, dass er sicher am Verzweifeln ist. Die Fußbadewanne wandert an die kleine Deutsche, ebenfalls nicht mit Schüchternheit geschlagen, dafür mit Beinproblemen, die sie aber recht ironisch und lapidar kommentiert.

Ich werde zunehmend stiller und beschränke mich fasziniert auf das Zuhören und Beobachten der doch sehr unterschiedlichen Charaktere. Die drei Herrn von der Mittagsrast treffen ein, und ich bin recht fasziniert. Sie sehen jung und attraktiv aus, reden laut und viel auf Englisch und lachen herzlich, gleichzeitig strahlen sie aber auch eine besondere Atmosphäre aus, eine Art Ruhe und Respekt, die sie mir auf Anhieb sympathisch macht.

Wie sich herausstellt, ist einer ein Tscheche, der die anderen beiden, zwei Freunde aus Süddeutschland, auf dem Weg getroffen hat. Seitdem laufen sie zusammen. Der Tscheche ist schon einmal gepilgert, er wirkt sehr bedächtig und nachdenklich, während der Deutsche einfach eine unbeschwerte, wenn auch ruhige Frohnatur zu sein scheint. Nummer 3 ist gerade abwesend, er wäscht immer als erstes die Wäsche für alle, wie mir grinsend erzählt wird.

Ich springe schnell in den Laden des Örtchens und koche mir mein erstes Pilgeressen auf diesem Camino, Pasta mit Gemüse. Zu mir gesellt sich eine Australierin. Sie wirkt ähnlich wie der Belgier ein bisschen bedrückt. Sie hat sich die letzten Tage einen Magen-Darm-Infekt eingefangen und stochert mit wenig Appetit in ihren Spaghetti aus dem Plastikbeutel. Sie kennt hier noch niemanden, erst recht nicht den Camino und Spanien, noch dazu die Sorge um eine moderate körperliche Verlässlichkeit.

Während wir uns unterhalten, kommt plötzlich der chilenische grauhaarige Engel hereingeschwebt und lässt sich wissend milde lächelnd auf einem Stuhl gegenüber nieder. Er dreht sich in unsere Richtung und guckt weiter milde lächelnd, statt etwas zu sagen oder sich um sich selber zu kümmern. Mich irritiert das, zumal ich mir ihn hier nicht erklären kann, hat er doch gestern so ein flammendes Plädoyer gegen die Herberge hier gehalten. Mir kommt der Gedanke, dass er schon immer den Plan hatte, hier zu übernachten, und nur möglichst wenig Konkurrenz um die Betten haben wollte.

Die Nummer 3 der jungen Herren kommt konzentriert einen nassen Wäscheberg balancierend in die Küche, um nochmal mit etwas warmem Wasser nachzuspülen. Mir rutscht forsch heraus, dass er also der mit dem Waschspleen ist. Dafür, dass er mich rein gar nicht kennt, reagiert er sehr souverän und freundlich.

Als er zufrieden samt Wäschehäufchen die Küche verlassen hat und auch die Australierin sich noch ein bisschen hinlegen gegangen ist, sitze ich allein mit der Pilgerreinkarnation. Etwas an ihm passt mir gar nicht, ich merke, wie ich spontan auf Abwehr schalte und mich am liebsten in Schweigen hülle. Bis ich meinen Teller leer habe, fragt er mich hartnäckig über meine Beweggründe aus. Ich erzähle von meinen Erfahrungen, was mich so gefesselt hat, und dass das unter anderem die Begegnung mit Gott war. Und dass es mich fasziniert, dass hier vieles so abläuft, als wäre es genau für mich gemacht. Ich erzähle ihm von der Begegnung mit José auf meinem letzten Camino, dass er wie ein Engel genau in dem Moment zu mir geschickt worden wäre, wo ich ihn gebraucht habe. Wie schon seit der letzten viertel Stunde lächelt mein Gegenüber entrückt und wissend und selig, als hätte ich gerade eine Schulaufgabe gut bewältigt. Ja, ja, es gäbe Engel, die würde man hier treffen. Und diesmal wäre dann ja ich selber als Engel unterwegs. Stopp. Als Engel sehe ich mich nun wirklich nicht. Doch, ob ich das denn nicht sehen würde. Er würde mich schon seit einer Weile beobachten, und ich würde den ganzen Tag integrieren und ermutigen und Zuversicht spenden. Er hätte es doch gerade hier gesehen, er zeigt auf den leeren Platz der Australierin und auf den Warmwasserwaschplatz. Zum Glück bin ich mit meinem Essen fertig. Ich wasche schnell ab und verabschiede mich mit einem resoluten „na ja, mal schauen, was der Camino so bringt“.

Ich bin ihm nie wieder begegnet.

Es ist Zeit für den Gottesdienst. Kaum bin ich auf der kleinen Anhöhe der Kirche, bietet sich mir so ein wunderschöner Blick auf die Burg und Herberge im Sonnenuntergang, dass ich schnell noch einmal zurückspringe und meinen Foto hole.

Die Messe ist schön und verbreitet die gewohnte Atmosphäre. Ich genieße das „Vater Unser“ auf Spanisch und mache mich beschwingt auf den Rückweg. In den letzten Sonnenstrahlen sitzen die meisten Pilger an den Tischen im Hof zusammen. Ich setze mich zu den drei Herrn, und wir unterhalten uns bestimmt eine Stunde in einer beeindruckenden Wohlfühlatmosphäre. Damit der Tscheche etwas versteht, mühen wir uns auf Englisch mit schwäbischem Akzent. Die beiden Deutschen mir gegenüber sind sehr sympathisch, sehr interessiert, haben immer ein beeindruckend ruhiges Strahlen im Gesicht und ein fast unmerkliches Lächeln auf den Lippen, wenn wir nicht gerade ohnehin herzlich über etwas lachen. Wir tauschen uns über den Camino aus, ich schwelge in Erinnerungen und erzähle von meinen Erfahrungen.

Als sie mich noch zu einer Flasche Wein einladen, lehne ich dankend ab. Der Tscheche hat die ganze Zeit kein Wort geredet, und ich habe das Gefühl, die traute Dreiergruppe gestört zu haben. Ich witzele, dass er meine Gesellschaft ja nicht so sehr zu schätzen scheint. Er guckt mich todernst und voller Abscheu an und sagt „ja genau, ich mag Dich nicht“. Ich weiß erst nicht so recht, was ich sagen soll, als er nachlegt, dass ich mir einbilden würde, alles über den Camino zu wissen, und das könnte er nicht leiden. Ich weiß immer noch nicht, was ich sagen soll, ich bin sprichwörtlich sprachlos, schaffe es aber noch zu einem reichlich geschockten „gute Nacht dann“.

In der Herberge sehe ich fast Sternchen, so geschockt bin ich. Der erste Schock wird abgelöst von unbändiger Wut, ich würde ihm am liebsten sonstwas zurücksagen. Leider stelle ich beim zu Bett gehen fest, dass meine Wäsche noch draußen hängt, ich also nochmal da raus muss. Das ist vielleicht auch ganz gut, denn so kann ich jetzt eh absolut nicht schlafen. Auf dem Rückweg vom Wäscheständer gehe ich folglich nochmal kurz bei ihnen vorbei. Ich bin schon wieder so weit, dass es mir gelingt, mich zu entschuldigen, dass es zumindest nicht meine Absicht war, ihn zu verärgern, und dass ich auch sicher nicht den Eindruck erwecken wollte, den Camino in allen Facetten zu kennen. Auch er entschuldigt sich diplomatisch, und wir verabschieden uns recht versöhnlich damit, dass wir uns ja einfach ein bisschen aus dem Weg gehen können.

Ich bin zumindest nicht mehr wütend und auch nicht mehr geschockt, aber insgesamt sehr, sehr verwirrt. Der eine sieht einen Engel in mir, für den anderen bin ich ein rotes Tuch. Dabei habe ich eigentlich einfach nur friedlich meinen Tag gelebt. Im Bett über mir feiert die kleine Deutsche die reinste Mitternachtsparty mit ihren Bettnachbarinnen. Sie stellen kichernd fest, dass die eine Freundin jetzt versehentlich das Bett des dunkelhäutigen Bären belegt hat, der noch aushäusig unterwegs ist, und dass die Herberge ja completo ist.

Mir ist für heute wirklich alles zu viel, ich verdrille meine Ohrstöpsel und bin heilfroh über die sich ausbreitende Geräuschlosigkeit. In meinen Ohren und in meinen Gedanken.

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Noch vor dem Handyklingeln wache ich auf und habe erstaunlicherweise so gut geschlafen wie nie zuvor, auch wenn es nicht mehr als 5 Stunden waren. Das 4-Sterne-Bett war schon nicht schlecht.

Ich möchte möglichst früh per Taxi an meinen Ausgangspunkt kommen, damit ich heute gleich noch die erste Etappe in Angriff nehmen kann. Die optimistische Planung hatte Herbergsübernachtung und Fahrgemeinschaft vorgesehen, nun bin ich natürlich allein und es wird schon wieder teuer. Schon wieder bereue ich, absolut nichts geplant zu haben. Ich habe mal lose von verschiedenen Taxi-Unternehmen gelesen, aber wo und welche Telefonnummer, so weit habe ich nicht gedacht.

An der Rezeption sitzt die freundlichere junge Dame von gestern Nacht und bietet mir spontan an, ein Taxi zu rufen. Ich nehme das Angebot erleichtert an und warte schon mal vor der Tür. Sie sucht mich nochmal, der Fahrer wäre gerade unterwegs und käme erst in einer Stunde. Start 7:30, auch gut. Mir ist etwas mulmig, nun nicht selber das Unternehmen ausgewählt zu haben (nun ja, nach welchen Kriterien auch); ich kalkuliere recht beeindruckt, dass ich hier in 2 Tagen meine halbes Budget ausgebe. Bleibt zu hoffen, dass ich nicht den ganzen Camino so weitermache und immer fröhlich beim worst case lande.

Der Taxifahrer ist ein seriöses Kerlchen, als Kosten veranschlagt er 90-100 Euro. Ich tröste mich damit, dass mein Flug ja immerhin sehr billig war und man einfach nicht für den Aufwand eines Billigflugs in einem Tag nach SJPdP kommt.

Zu besinnlicher Opern-CD gurken wir ziemlich endlos schmale Sträßchen entlang. Ab und zu weist der Fahrer mich daraufhin, dass wir ein Etappenziel passieren, wobei mir die Namen auch noch nichts sagen. Ich fühle mich eh ziemlich unwirklich, in einem Taxi herumchauffiert zu werden. In Herbergen und auf meinen eigenen Füßen habe ich mehr Erdung und Bodenhaftung.

Wir passieren Roncesvalles, und ab da wird mir schon etwas Angst und Bange. Das Wetter ist moderat, eher regnerisch nebelig,  und ich habe im Kopf, dass man dann nicht unbedingt über die Berge soll. Als nochmaligen worst case versuche ich mir die Fahrstraße einzuprägen, aber die geht endlos. Ich denke nicht, dass ich das in einem Tag schaffen kann; abgesehen davon wäre es auch etwas unsinnig, sich nun extra nach SJPdP karren zu lassen, um dann angestrengt einen Tag die gleiche Straße zurück zu laufen.

Zum Glück sind wir irgendwann da, ich bekomme meinen Rucksack, bin mit einem Schlag wieder richtig Pilgerin, und sofort stellt sich auch wieder eine gewisse Zuversicht ein. Lange Etappen, Wegfinden, schlechtes Wetter, Schlafgelegenheit… das sind Sachen, denen ich mich hier gewachsen fühle.

Ich frage mich in dem recht verschlafenen Örtchen zum Pilgerbüro durch, wo ein älterer Herr gerade zwei Radpilgern liebevoll die nächsten 800 km erklärt. Als ich an die Reihe komme und frage, ob ich auch so einen Karte haben kann und wo es denn losgeht, ist er etwas schlechter gelaunt. Ob ich heute denn noch los wolle, und wo ich hinwolle. Bei Roncesvalles kippt er schier aus den Latschen; es wäre zu spät, schon 9:30. Ob ich denn den Weg kennen würde. Tu ich ja nicht, woraufhin er den reinsten Wutanfall bekommt, wie ich mir das hier eigentlich vorstelle, das wären doch Berge und nicht nur 300 Meter Spaziergang. Offensichtlich denkt er, ich wüsste überhaupt nicht, was Laufen ist. Vom heutigen Weg weiß ich wirklich wenig, ich weiß, dass es hoch geht und etwa 7.5 Stunden dauert. Für meinen Geschmack reicht das, hat es bisher immer gereicht. Ich kaufe noch schnell eine Jakobsmuschel für meinen Rucksack, richtig schön ist keine. Der Herr ruft mir noch nach, ich solle mich beeilen und ja keine Pausen machen.

Ein bisschen verunsichert wage ich mich auf die ersten Meter. Mit einer gewissen Beruhigung sehe ich die bekannten Wegmarkierungen, scheint alles so zu sein wie anderswo auf dem Camino auch. Zudem überhole ich in der ersten Stunde gleich zwei wohl ebenfalls spät gestartete Pilger und bin erleichtert, somit nicht als einzige nachher in der Dunkelheit in den Bergen gesucht werden zu müssen.

Ich laufe recht schnell, absolut nicht in meinem Tempo, einfach nur etwas gehetzt. Gegen Mittag wage ich mal einen Blick auf die Karte, ich bin schon ziemlich ausgepowert. Es wirft mich ziemlich zurück, als ich sehe, gerade mal ein Fünftel der Höhenmeter geschafft zu haben. So wird das nichts; ich beschließe, nichts auf den Herrn im Pilgerbüro zu geben, sondern meinen Weg so zu laufen, wie ich es für richtig halte. Zu diesem Zweck setze ich mich bei der nächsten Gelegenheit erstmal ins Gras und mache eine ordentliche Frühstückspause.

Danach läuft es sich aus unerfindlichen Gründen wie von selbst. Der Weg wirkt ebener, ich treffe beruhigend viele andere Pilger, und vor allem sind mit einem Mal überall auf den Felsen um den Weg herum und in der Luft riesige Vögel. Ich weiß nicht, ob es Geier sind, aber sie haben etwas sehr Majestätisches und geben dem Wegstück etwas sehr spezielles. Einmal mehr bin ich traurig, keine Digitalkamera mit hervorragendem Zoom-Objektiv zu haben.

Ein letzter Blick zurück ins Tal, dann geht es in den weißen Wolkennebel. Auch das ist ein sehr spezielles Gefühl. Ich sehe immer gerade mein nächstes Wegstück vor mir. Ab und zu klart es für ein paar mehr Meter auf, dann sehe ich, dass auf den Wiesen um mich herum Schafe weiden. Ganz selten schiebt der Wind ganz viel Wolken zur Seite, dann habe ich Blick auf den Weg vor mir – und vereinzelte Pilger alle hundert Meter. Die meiste Zeit läuft aber jeder in seinem stillen, weißen Nebelkokon.

Irgendwann realisiere ich, dass ich den Gipfel wohl schon passiert habe, merkwürdigerweise, ohne allzu viel von dem Aufstieg mitbekommen zu haben. Ein bisschen schade ist es, hier alles nur im Nebel zu sehen und so durchzurennen, vor allem in Anbetracht der etwas umständlichen Anreise. Ich merke aber auch, dass ich zunehmend erleichtert bin, es offensichtlich rechtzeitig nach Roncesvalles zu schaffen. Mittlerweile bin ich richtiggehend in einem Pilgerpulk gelandet, ich habe das Gefühl, bestimmt an die hundert Leute im Nebel der Berge getroffen zu haben.

In einem Wäldchen laufen wir plötzlich auf eine stehende und eine liegende Pilgerin auf. Das Gesicht der Liegenden ist halb blutüberströmt. Sie ist auf den feuchten Steinen ausgerutscht und mit dem Gesicht aufgekommen. Alle kramen sofort geschockt nach Verbandsmaterial, die Liegende findet es überhaupt nicht bedenklich (kein Wunder, sie sieht sich ja nicht), und die Stehende eigentlich auch nicht, nachdem sie Krankenschwester ist und das alleine lösen kann. Mit etwas mulmigem Gefühl (und deutlich vorsichtigeren Schritten) gehen wir irgendwann weiter.

Ich habe keine Ahnung, wie spät es ist, als ich die Mauern von Roncesvalles erreiche. Wo es zur Herberge geht, ist eine riesige Menschenmenge. Alle stehen an zur Öffnung der Herberge. Ich krame meine Uhr heraus, es ist gerade mal 15:30.

Wie auch die letzten Tage ist alles noch etwas unwirklich und ungewohnt für mich. Diese Riesenhorde Pilger überfordert mich jetzt auch schon fast. Alles schnattert und plappert und blättert in Pilgerführern. Ich lasse mich auf eine Stufe fallen und bin einfach etwas leer.

Um 16:00 dürfen immer 10 Pilger auf einmal in den kleinen Raum, zum Ausfüllen der Anmeldung. Dann geht es auf die andere Straßenseite, wo sich die Schlafherberge befindet. Ungefähr zehn Hospitaleros versuchen einen reibungslosen Ablauf zu gewähren, koordinieren Schuh- und Stockregale und Bettenvergabe. Mir wuselt und klappert alles zu viel. Die Herberge ist eine riesige Halle mit meterhohen Wänden, von denen Leuchter von der Grösse von Wagenrädern hängen. Die Beleuchtung ist eher schummrig, die gut 50 Stockbetten beeindruckend. Ich schnappe mir ein Bett am hintersten Ende des Saals.

Wie ich jetzt erst bemerke, hat das feuchte Wetter doch seine Spuren hinterlassen, meine einzigen Wandersocken sind gut durchfeuchtet und machen auf dem kalten Steinboden ihre Abdrücke. Ich krame schnell mein Waschzeug heraus und mache mich vor dem allgemeinen Ansturm ans Duschen. Es gibt für die Damen gerade mal 2 Duschen, sodass es jetzt schon eine kleine Schlange hat. Damit es schnell geht, wird vorher schon mal komplett ausgezogen sowie anschließend triefnass gleich an die nächste übergeben. Es ist ein Chaos an halbnackten Damen, die ihre Kleidungsstapel auf dem langsam ebenso triefnassen Boden irgendwie trocken aufzutürmen versuchen. Ich bin sehr ruhig, eine Mischung aus schicksalsergeben, resigniert und eingeschüchtert.

Die wohl ersten Fertiggeduschten sind zwei junge, riesengroße Blondinen aus Deutschland von einer reichlich konträren Gemütsverfassung. Während die wartende Schlange meine Bedröppeltheit größtenteils zu teilen scheint, wirken die Ladies, als würden sie sich gerade frohgemut zur Disco parat machen. So wirkt auch das Arsenal an Haarpflegeprodukten, über das sie sich lautstark austauschen. Ohne Haarkur geht bei der einen gar nichts, während die andere eher auf ihren Schaum schwört. Beide sehen hinterher aus wie fit für den Laufsteg, sie unterhalten auch gleich heiter den halben Schlafsaal, vor allem den männlichen Anteil.

Ich wasche noch schnell meine Sachen durch, schreibe mein Tagebuch und esse meine verbliebenen Vorräte. Leider habe ich ein Wasserproblem, spätestens für morgen. Nach drei Caminos mit Wasser aus dem Supermarkt ringe ich mich zu einem Novum durch und beschließe, den Wasserhahn zu riskieren.

In der Hospitalero-Ecke hat es ein ansehnliches Arsenal an Wanderstöcken. Auch in dieser Hinsicht ein Novum, ich habe meine Teleskopstöcke zu Hause gelassen, dieses Geklapper passt mir nicht zu meinem Wohlfühlpilgern. Mit Stöcken bin ich zwar schnell, aber ein pilgerndes Schweben, wie ich es zum Beispiel bei meinem Freund Angelo gesehen habe, lässt sich vermutlich eher mit einem klassischen Stab verbinden. Ein Hospitalero zeigt mir den für meine Größe passenden Stab. Verliebt habe ich mich aber in einen dunkelbraunen, sehr massiven (und leider viel zu kurzen). Ich bin hin und hergerissen zwischen Vernunft und Intuition, entschließe mich aber wie so oft auf dem Camino für die Intuition.

Gegen 19:00 findet eine Messe statt. Offensichtlich ist heute zufällig auch noch ein besonderer Feiertag, es gibt eine Prozession, Orgelspiel und viel Zelebration. Beeindruckend, und neben all diesem Trubel und Chaos fühle ich mich schon wieder ein bisschen eher wie Camino.

Danach packe ich mich recht schnell in meinen Schlafsack und bringe meine Ohrstöpsel an. Meine Intuition sagt heute sehr eindeutig, dass mir nicht nach großem Hallo und Kommunizieren ist. Ich weiß nicht, woran es liegt, ich habe heute zwar sehr viele Leute getroffen, aber noch keinen „Pilger“.

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Man sollte denken, ein Camino pro Jahr ist mehr als genug. Aber nachdem ich plötzlich wieder 2 Wochen Urlaub im September nehmen soll, beginnt mein Caminoherz ganz unerwartet wieder zu schlagen. Zuerst denke ich wie selbstverständlich, die beiden Wochen ab León zu laufen, aber als ich zufällig eine Karte Spaniens in die Hände bekomme und die Pyrenäen und die Strecke vor Pamplona sehe, bin ich von dieser Idee gefangen.

Die Planung bereitet mir wie immer Kopfzerbrechen. Die gefühlten hundert verschiedenen Anreisemöglichkeiten, dazu noch diesmal der wirklich etwas schwieriger zu erreichende Ausgangspunkt Saint-Jean-Pied-de-Port. Eine Bahnanreise scheint sinnvoller denn je, aber wie ich auch suche, es läuft auf 5 Stunden Bahnhofwechsel mitten in der Nacht in Paris raus. Und auch wenn mich auf dem Camino keine Herausforderung schreckt, so scheinen mir solche Kleinigkeiten unüberwindbar.

So entscheide ich mich für einen zumindest sehr preisgünstigen Direktflug von Genf nach Madrid. Der Flughafen ist mir irgendwie sympathisch und bekannt, habe ich dort doch erst vor kurzem mit Aurélie Jelle vom Flieger abgeholt. Der Flughafen hat somit schon etwas Pilgeratmosphäre.

In den frühen Morgenstunden breche ich dazu schon von zu Hause auf. Zwar finde ich mich dort wirklich gut zurecht, aber es ist ein endloses Schlangestehen und Gewimmel und über Rollbänder laufen, ich komme mir vor, als ob ich hier schon meine 25 km laufe. Der Flieger selbst ist ungewöhnlich eng, es gibt nichts zu essen, und auch landet er auf dem entlegendsten Rollfeld in Madrid. Spätestens das komplettiert die 25 km, zumindest gefühlt. Als ich endlich an der Gepäckausgabe bin, steht dort sonnig, dass der erste Koffer in einer Stunde erwartet wird. Mir ist noch schlecht vom Flug, eine Migräne kündigt sich an, ich schwitze halb unter meiner ganzen Kleidung, und irgendwie brummt mir der Kopf. Ich hatte intuitiv auf die vage Möglichkeit gehofft, einen frühen Bus nach Pamplona zu bekommen, gegen 20.00 einzutreffen und noch die Herberge zu erwischen. So ist die Ankunft jetzt 22.30, keine Herberge mehr offen, und ich muss auch noch mitten in der Nacht etwas zum schlafen finden.

Als mein Rucksack endlich ausgespuckt wird, fühle ich mich ein bisschen wie geprügelt. Mein Kopf ist trotz Tabletten moderat, meine Hitzeregulation ebenso. Mit der U-Bahn geht es zum Busbahnhof in der Avenida America. Plötzlich scheint doch nochmal ein früherer Bus erreichbar, ich renne ohne Zeitverlust durch die Katakomben, und bin letzten Endes 5 Minuten zu spät. Es heißt 3 Stunden warten, und das in einem unterirdischen Bau mit merkwürdigen Billigstläden und sehr merkwürdigen Wartenden. Seit meiner Landung habe ich kein Tageslicht mehr gesehen. Die Luft ist sehr stickig, und die einzige „Frischluft“ ist bei den abfahrenden Bussen. Aber auch das ist unterirdisch, und von den Abgasen hämmert mein Kopf gleich doppelt. Ich habe eine gelungene Mischung aus Kopfschmerzen, Angst und Resignation.

Als ich endlich im Bus sitze und er durch unergründliche Katakomben hinausfährt, bin ich überrascht, als draußen strahlende Sonne scheint und dort ein völlig normaler Nachmittag ist. Irgendwie hatte ich schon fast vergessen, dass es eine Welt jenseits von Neonlichtern, grün gekachelten Unterführungen und Beklommenheit gibt.

Ich schlafe die meiste Zeit, und in Pamplona holt mich prompt wieder die Beklommenheit ein. Meine vertrauenserweckenden Mitreisenden laufen alle zielstrebig in irgendwelche Richtungen davon, ich bleibe allein und fühle mich unangenehm beobachtet von den Obdachlosen, die als einzige um diese Zeit noch dort sind. Ich krame in meine Unterlagen, aber praktischerweise habe ich nichts so richtig geplant. Meine Planung hat sich wohl darauf beschränkt, auf den frühen Bus zu hoffen, und bei 3 Hotels zur Sicherheit abzuklären, dass sie auch zu der späten Zeit noch geöffnet haben. Aber wenn ich mir meinen Stadtplan jetzt so anschaue, liegen die locker eine halbe Stunde entfernt, was mich jetzt momentan nicht direkt mit Begeisterung erfüllt.

Ich verlasse den bedrückenden Busbahnhof und laufe wahllos in eine Richtung, in der ich dann auch wirklich auf eine sehr belebte Straße und erleichternde Normalität treffe. Eine Mutter mit Kinderwagen, die ich nach einem Hotel in der Nähe frage, lacht sympathisch und meint, da, direkt in der nächsten Straße, die wäre voller kleiner Pensionen, falls das auch ginge. Ich bin erleichtert, natürlich, wenn hier hordenweise Pilger durchkommen, muss es ja auch von diesen Pensionen geben, mit denen sich manche den ganzen Camino über Wasser halten.

Die Straße ist einladend, erst recht die kleinen Bars, von denen jede zweite ein Schild hat, das auf Zimmer hinweist. Ich frage frohgemut wahllos in einer, aber man schüttelt den Kopf, completo. Ich frage die nächsten fünf, alle completo. So ganz kann das für meinen Geschmack nicht sein. Vielleicht bin ich hier doch nicht in einer wirklichen Pilgerstraße, und man möchte einfach keinen verwanzten Pilger. Es geht schon gegen Mitternacht, und in der Straße keinerlei Chance.

Ich laufe ziellos weiter, sehe die riesige Leuchtschrift eines Nobelhotels. Den gepflegten älteren Herren in der Lobby fällt fast die gepflegte Zigarre aus dem Mund, und der Herr an der Rezeption springt bei meinem Anblick höchst alarmiert auf, nachdem er wahrscheinlich noch schnell einen Notknopf unter dem Tresen gedrückt hat. Er trägt es mit Fassung, als ich frage, ob noch etwas frei ist. Er meint mit ehrlichem Bedauern, leider nur etwas Suitenähnliches für 150 Euro. Ich bin nicht mal abgeneigt, hauptsache, ich muss nicht am Busbahnhof im Freien übernachten. Er holt einen Stadtplan hervor und erklärt mir sehr lieb, wo es noch andere Hotels in der Nähe hätte, die sehr sicher noch Plätze hätten. Ganz billig wären sie auch nicht, meint er entschuldigend, aber das ist mir sowohl klar als auch egal.

Mit einer idiotensicheren Wegbeschreibung verlasse ich die edle Absteige wieder, begleitet von warmen Worten des Rezeptionisten. Der erste Engel auf meinem Camino. Bis zu dem geplanten Hotel stehle ich mich von Hauseingang zu Hauseingang, um von den gröhlenden Grüppchen oder einzelnden torkelnden Gestalten nicht gesehen zu werden. Grossstädte machen mir einfach Angst, ich bin Pilgerin, um 20.00 gern in meiner schützenden Herberge, umgeben von Pilgern.

Das schlappe 4-Sterne-Hotel meiner Wahl ist noch gut bestückt mit einer älteren und einer jüngeren Rezeptionistin. Auf meine Frage nach einem Zimmer schüttelt die Ältere bestimmt den Kopf, sie hätten nur noch Doppelzimmer. Ich verstehe die Message, werde hier aber keinen Schritt mehr rausmachen. Was denn so ein Doppelzimmer kostet. Sehr widerwillig phantasiert sie 72 Euro zusammen. Das ist ja prächtig, die Dame kapituliert, räumt augenrollend das Feld und lässt mich bei der Jüngeren einchecken.

Ich bekomme das schickste Hotelzimmer meines Lebens, bin aber so fertig, dass ich mich direkt ins Bett fallen lassen, nachdem ich mein Handy für morgen auf unerfreuliche 5:30 Uhr gestellt habe.

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