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Posts Tagged ‘Logroño’

Die Nacht ist moderat erholsam, da es unten auf der Straße noch von der Fiesta lärmt. So ganz erfasst habe ich den Zusammenhang aber noch nicht, als ich folglich kurz nach 6 auf der Straße stehe und die Tür hinter mir ins Schloss fällt. Ich bin es schon so gewöhnt, morgens ein kleines Städtchen zu verlassen und in der Weite der Felder den Sonnenaufgang zu erleben, dass mich nun die „Großstadt“ Logroño mit ihren über 100 000 Einwohnern kalt erwischt. Zum ersten Mal habe ich Angst, im Dunkeln durch die Stadt zu laufen, mit überall johlenden Betrunkenen um mich herum. Ich bin wütend auf mich selber. Was muss ich auch allein als junge Frau um 6 Uhr auf Spaniens Straßen machen.

Ich bin froh, als ich das Gröbste hinter mir gelassen habe und die Parkanlagen erreiche, die Richtung Naherholungsgebiet führen. Hier ist das Terrain übersichtlicher, ich sehe von weitem, wer mit mir unterwegs ist. So sehe ich von Weitem ein grölendes, sich halb prügelndes und halb umarmendes (und sicher sehr angeheitertes) Pärchen und mache im Geiste 5 Kreuze, als ich heil an ihnen vorbeigekommen bin. In der Unterführung, bevor es aus der Stadt herausgeht, sondiere ich nochmal die Umgebung. Leider hält sich (wie den ganzen Park schon) ein einzelner Mann hinter mir, und nachdem er weder Hund noch Rucksack bei sich hat, kann ich keine beruhigende Erklärung finden, wieso er mitten in der Nacht zum Stausee möchte. Je weiter ich gehe, desto mehr wird mir der Irrsinn bewusst. Ich gehe ins absolute Stockdunkel, es hat noch nicht mal mehr Straßenlaternen. Ich habe ziemlich Angst und greife zu meiner üblichen Taktik dagegen. Ich nehme meinen Rucksack ab, packe den Pfefferspray unter den langen Ärmel meines Fleecepullis und esse eine Alibibanane, während ich den Mann hinter mir voll im Blick habe. Der gute Herr im Frührentenalter grüßt mich freundlich zurück, wirkt aber mindestens ebenso verunsichert wie ich. Vermutlich kann er nicht nachvollziehen, warum jemand gehetzt durch die Dunkelheit rennt, um dann am Ortsausgang im Dunklen zu frühstücken.

Ich bin supererleichtert und dankbar – und nehme mir nicht zum ersten Mal vor, nicht mehr so früh und so einsam zu starten.

Dafür habe ich wieder einen schönen Sonnenaufgang inmitten unberührter Natur – und nochmal einen kleinen Schreckmoment, als ich am Stausee einen Obdachlosen oder Pilger aus seinem Schlaf schrecke.

Der Stausee liegt wunderbar ruhig da, wunderschön und irgendwie magisch. Durchbrochen von einer ersten Schicht schneller Pilger aus Logroño, die laut stöckelnd an mir vorbeipreschen. Irgendwie bin ich nach den heutigen Schreckmomenten aber ganz froh, nun wieder in die Pilgerfamilie eingebettet zu sein.

Wegen der Fiesta gestern hatte in Logroño alles schon geschlossen, ich bin ohne meinen üblichen Proviant. Navarrete erreiche ich zu früh für einen Einkauf, es ist eh noch so kühl, dass ich keinen dringenden Bedarf sehe. Das ändert sich, als ich die schattenlosen Kilometer an der Autobahn entlang gehe und feststelle, dass ich dazu noch zu wenig Wasser habe – und nicht mehr viel mit Wasser bis Nájera kommt. Ich ringe mich zu einem Novum durch – und mache den Abstecher nach Ventosa und in eine Bar. Das macht mich fast noch nervöser als mein Morgen in Logroño, aber ich erstehe ein Bocadillo und bin überrascht, wie billig man sich das Leben etwas leichter machen könnte. Ich fülle noch meine gesammelten Wasserflaschen voll und bin sowohl provianttechnisch beruhigt als auch bartechnisch verwirrt.

Der Tag ist irgendwie trotzdem ziemlich lang und ziemlich heiß. Die heutigen über 30 km spüre ich, ich fühle mich so langsam richtig pilgerisch erschöpft. An einer Mauer zur Linken des Wegs taucht ein Gedicht auf.

Ausgiebig wird darin der Camino mit seinen Sehenswürdigkeiten beschrieben, aber am berührendsten sind mir die letzten beiden Strophen in Erinnerung geblieben:

All’ dies sehe ich im Vorbeigehen und all dies zu sehen ist ein Genuß,
doch die Stimme, die mich ruft, fühle ich viel tiefer in mir.

Die Kraft, die mich voran treibt. Die Macht, die mich anlockt,
auch ich kann sie mir nicht erklären. Dies kann nur ER dort oben!

Nur wenige Momente später treffe ich auf eine Art kleine Gartenlaube, in deren Schatten ein paar Pilger Zuflucht vor der großen Hitze gesucht haben. Intuitiv überkommt mich die Idee, dass es die Schwaben von Cizur Menor sein könnten, und ich habe recht. Ich freue mich total über das Wiedersehen, wir plaudern ein bisschen ausgelassen auf Deutsch. Sie fragen, ob ich heute mit nach Azofra komme. Sie sind heute auf halber Strecke gestartet und sehen ein, dass ich schon froh bin, überhaupt Nájera zu erreichen. Irgendwann schält sich der Tscheche unter seinem Sonnenhut aus seinem Mittagsschläfchen, und ich verabschiede mich eher hastig.

Den weiteren Weg denke ich wie schon oft viel über ihn nach. Ganz souverän war mein Auftritt da nicht, wir haben unhöflich auf Deutsch gesprochen und ich habe ihn wie Luft behandelt. Er mich zwar auch, aber so ganz passt das Ganze nicht in meine sonst so harmonische und ungetrübte Pilgerwelt.

Obwohl Sonntag ist, taucht am Ortseingang von Nájera ein kleiner Tante-Emma-Laden auf, der zu meiner Begeisterung geöffnet hat. Nachdem ich mich ja schon am Mittag mit einem Bocadillo über Wasser halten musste, kaufe ich nun begeistert wieder mein übliches Arsenal an Früchten, Schokolade, Brot, Saft und einem Muscheldöschen ein.

Nachdem ich bis auf die morgendlichen See-Klapperer die erste aus Logroño war und den ganzen Tag in beschaulicher Ruhe gelaufen bin, überraschen mich hier plötzlich wahre Pilgerhorden vor und hinter mir. Vielleicht ist es die Nachhut der Pilger mit Start von Navarrete, jedenfalls sind es komischerweise recht hektische und panische Exemplare. Die Hälfte blättert im Führer, gibt die Bettenzahlen durch und scheint sich auch noch extrabreit zu machen, um niemanden vorbeizulassen. Ich gönne mir den Spaß, den Camino nicht erst Richtung Stadt über die Brücke zu gehen und dann links zur Herberge, sondern die Abkürzung quer durch zu nehmen.

Während ich im Schatten am Ufer des Flusses gemütlich mein Essen auspacke, bis die Herberge erst später öffnet, bleibt genügend Zeit zum Studium der unterschiedlichen Pilgermentalitäten. Während ein Teil sich nach einem kurzen Blick auf die wartende Pilgerschar in aller Ruhe auf der Wiese niederläßt, gibt es Gruppen, die schon laut schreiend den Weg entlang kommen und hektisch ihren Rucksack ganz vorne in die Reihe einbugsieren. Ich erkenne viele Gesichter von der gestrigen Großherberge wieder und bin eine Mischung aus wehmütig und (wahrscheinlich überheblich) mitleidig.

Als endlich geöffnet wird, beginnt auch wirklich wieder das reinste Hauen und Stechen, dabei hat es fast 100 Betten und somit wirklich Platz für alle. Ein einsamer Pilger in vorderer Position versucht uns zu unseren Rucksäcken durchzuwinken, was wütende Diskussionen auslöst. Die meisten der frühen im-Schatten-Warter tragen es mit Gelassenheit, mich macht es höchstens wütend, dass ich beim Versuch, meinen Rucksack vom Eingang wegzubekommen, fast verdrückt werde. Ich reihe mich resigniert ohne wütende Diskussion hinten an, bereue es aber schon fast angesichts des wahrhaft beeindruckenden Hospitalera-Teams. Zwei Brasilianerinnen um die 60 Jahre legen ihr ganzes Herzblut in einen herzlichen Empfang. Während die eine liebevoll die Begrüßungs-Anamnese macht, zirkuliert die andere mit Melonenstücken und Tee durch die in der Hitze wartende Pilgerschlange. So süß und lieb das auch ist, im Moment hat jeder schweißübertrömt andere Sorgen und möchte nur endlich einchecken. Nach gut 1 1/2 Stunden bin ich endlich so weit, dass ich in den Schatten der Herberge komme und schon mal auf einer Bank sitzen darf. Bei aller Liebe sind nach ein paar Minuten alle fast am Ausrasten vom fröhlichen Gesäusel der Empfangshospitalera, die immer nochmal zu einem 5-minütigen Anekdötchen ausholt, oder nochmal ganz ein Päuschen macht, um zu überprüfen, ob es noch Tee und Melonen braucht. Nach über 2 Stunden darf ich endlich in den Schlafsaal, und zum ersten Mal hat es nur noch ein oberes Stockbett. Mir ist aber alles völlig egal, ich will nur noch duschen.

Nach etwas Entspannung und Erholung (auch nach 3 Stunden plappert es noch wohlig am Empfang) genieße ich den unverbauten Ausblick aus meinem Bett. Ich kenne so gut wie niemanden, nur der weise Holländer von gestern hängt auch ziemlich halblebig auf seinem Bett.

Ich hatte mich sehr auf Nájera gefreut und auf einen weiteren Gottesdienst in der kleinen Kirche mit den so beeindruckend singenden Nonnen, aber wie ich schon aus meinem Führer erahnt habe, sonntags sind die Messen am Morgen. Schade.

Ich setze mich ein bisschen in den kleinen Aufenthaltsraum, versuche ein Telefonat nach Hause (welches nicht klappt) und schreibe statt dessen eine Email. Ich fühle mich eine Mischung aus einsam, unzufrieden und rastlos. Ich merke, wie ich mich passiv zurückziehe. Ich sehe viele Pilger ebenso einsam und rastlos ziellos umherlaufen, ich spüre bei vielen Sorgen und den Wunsch nach einem Anker oder Ansatzpunkt in dieser hektischen, summenden, etwas anonymen Pilgerschar. Ich spüre, dass ich zu diesem Anker verhelfen könnte, aber heute ist diese Regung zu schwach, um sich den Weg nach außen zu bahnen. Ich bin zu zaghaft, zu unsicher, selber zu jämmerlich.

Ich bin nicht wirklich zufrieden mit mir, ich habe den Satz aus Zubiri im Kopf „what would you do if you knew you couldn’t fail“. Eigentlich weiß ich, dass nichts schiefgehen könnte, und trotzdem tue ich nichts. Ich gehe früh ins Bett, bete und schlafe erstaunlich gut.

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In aller Frühe raschelt und kramt es wild in meinem kleinen Schlafsaal. Eine vierköpfige Gruppe Spanier befindet sich im Aufbruch. Dagegen habe ich nichts einzuwenden, laufe ich ja selbst gerne früh und in Ruhe. Allerdings bemühe ich mich sehr um Geräuschlosigkeit, packe am Vorabend das meiste vor und lasse am Morgen den Rest möglichst leise in meinen Schlafsack rutschen, um dann außerhalb der Schlafräume das finale Packen in Angriff zu nehmen.

Die Herrschaften hier packen gut und gern eine Viertelstunde, rascheln wie wild, unterhalten sich dazu und sind derart rücksichtslos, dass ich am liebsten wutentbrannt irgendwie ausrasten würde.

Ich beherrsche mich, bin aber leider auch schon wieder hellwach. Dabei wollte ich doch nicht mehr bei Nacht los, und nachdem ich momentan aus Rücksicht auf meinem Fuß und die Zeitplanung eh nur Minietappen laufe, hätte ich für die 20 km auch gerne etwas länger geschlafen.

Vor der Herberge lasse ich meinen Schlafsack auf die Straße plumpsen und sortiere alles in den Rucksack. Auf dem Bänkchen vom Vorabend sitzt zu meiner Überraschung Jan in Aufbruchstimmung. Soviel zum großspurigen „mitten in der Nacht Loslaufen“.

Wieder kenne ich den Weg und komme mit meiner Stirnlampe gut zurecht, obwohl es wirklich stockfinster ist. Nach einer Weile kommt der Mond hinter den Wolken hervor, und nachdem der Weg hell geschottert ist, brauche ich nicht einmal mehr die Lampe, so deutlich leuchtend hebt sich der Weg vom übrigen Dunkel ab. Es läuft sich wunderbar, irgendwie auch besonders. Über mir ein Sternenmeer.

Offensichtlich sind heute schon viele vor mir aufgebrochen, denn an vielen Wegkreuzungen treffe ich auf Grüppchen, die mit diversen Stirnlampen in diversen Karten versinken. Ich komme dunkel aus dem Nichts und verschwinde zielstrebig auch wieder im dunklen Nichts, sehr zur Verwunderung der anderen Pilger, die von der stockfinsteren Nacht eher eingeschüchtert wirken. Eigentlich weiß ich auch nicht, woher ich den Weg so genau weiß. Vielleicht ist es eine Art Vertrauen in die Intuition. Irgendwie geht es doch immer in die gleiche Richtung. Wenn ich seit ein paar Kilometern immer geradeaus laufe, wieso soll der Weg dann nicht auch an einer Kreuzung geradeaus weiter gehen.

Ich erlebe einen unheimlich schönen Sonnenaufgang, passiere Olivenbäume und helles Gras. Die Blase an meiner Ferse tut zwar weh, beeinträchtigt mich aber nicht.

Ich erreiche Viana, wo ich fast schon traditionell eine Bäckerei aufsuche. Das frühe Loslaufen ohne Frühstück ist mir zur Gewohnheit geworden, dafür stürme ich dann nach der ersten Stunde in dem nächsten Ort eine Bäckerei und lasse mich von etwas ganz Frischem verwöhnen. Ich entdecke eine kleine Bäckerei am Straßenrand. Es scheint sich um eine Art Fabrikverkauf zu handeln. Der Laden ist zwar klein und minimalistisch, aber es herrscht ein Betrieb wie in einem Taubenschlag – und es hat Unmengen hochspannender Sachen. Ich erstehe einen Mandelzuckerfladen und ein gigantisches Schokocroissant.

Dieses esse ich gerade überglücklich in den ersten morgendlichen Sonnenstrahlen, als mein Blick auf einen Schlecker fällt. Magisch angezogen trete ich ein und frage eine Verkäuferin nach einer Hirschtalgcreme. Genauergesagt greife ich wahllos nach einer Gesichtscreme aus dem nächsten Regal, zeige darauf, auf meine Füße und sage „ciervo“. Wundersamerweise weiß sie, was ich meine, schüttelt aber bedauernd den Kopf. Dafür zeigt sie mir ein Riesenregal mit wunderbaren Fußpflegecremes, und mit einer astronomisch großen (und schweren) Riesentube mit klangvollen aetherischen Ölen und wundersamen Wirkungslobpreisungen verlasse ich überglücklich den Laden. Jetzt kann doch nur alles gut werden.

Ich muss an João denken. Er würde sagen, dass ich heute wieder floate. Nach einer gefühlten Ewigkeit von Fußproblemen, Unsicherheit und gedrückter Stimmung habe ich heute wieder meine Flügel oder mein Wölkchen.

Kurz vor Logroño kaufe ich am Stand der verstorbenen Doña Felisa endlich „meine“ Pilgermuschel. Die hektisch gekaufte in SJPdP war mir noch nie so recht geheuer. Und es hat die kleinen, silbernen Muschelanhänger, die ich ein Jahr vergeblich in Santiago gesucht habe. In der Meseta habe ich mein Wunschobjekt dann gefunden und bis zum heutigen Tag ohne Unterbrechung getragen. Für mich hängt sehr viel an dieser Muschel, und nachdem ich große Panik habe, sie irgendwann unersetzlich zu verlieren, bin ich froh, hier einen Ersatz zu finden. Auch wenn er das nie so ganz sein könnte.

Wie auch zwei Jahre zuvor möchte ich in Logroño in der großen Herberge übernachten. Und wie damals wird meine Geduld auf eine harte Probe gestellt. Ich bin viel zu früh da, und nachdem die Tür zur Herberge mitten an einer engen Straße im Schatten liegt, setze ich mich ein paar Meter entfernt auf eine Bank an einem Spielplatz. Die Bänke dort füllen sich mit wartenden Pilgern. Alles ist friedlich, bis hektisch die vier Spanier vom Morgen um die Ecke kommen und besitzergreifend ihre Rucksäcke vor die Tür schmeißen. Ein Teil der wartenden Pilger steht nun auch auf und legt seinen Rucksack in die neu entstandene Reihe. Es gibt Turbulenzen und Streitigkeiten, wer zuerst da war. Eigentlich ist es vollkommen egal, denn Betten hat es allemal genug, und ob ich nun als Nummer 1 oder 20 einchecke, ist mir auch recht egal. Aber plötzlich ist die Hälfte der Pilger missgünstig und misstrauisch. Ich finde es albern, die halbe Straße mit Rucksäcken zuzustellen und dann auch noch am Rucksack in der Kälte warten zu müssen, weil sonst gilt es ja nicht, sonst könnte man da ja auch für andere einen Rucksack hinstellen, wie jemand eine neue Regel gekonnt aus dem Ärmel schüttelt. Nach zwei Stunden Warten bekomme ich wie schon einmal einen Rappel, schnappe mir meinen Rucksack und suche das Weite. Es soll noch eine weitere Herberge geben, weniger schick und luxuriös, spartanisch und auf Spendenbasis von und bei der Kirche. Ich suche eine Weile ohne Erfolg, auch kennen tut diese Herberge niemand. Zudem scheint heute ein besonderes Fest zu sein, die ganze Stadt ist auf den Beinen, schon leicht angeheitert und kurz angebunden.

Nach einer Weile entdecke ich ein handgeschriebenes Blatt an einer Tür, klingele und werde wirklich von einer Hospitalera empfangen. Der Empfang ist freundlich, bei der „Herberge“ muss ich dann aber doch einen Moment schlucken. Es handelt sich um einen großen Raum, an dem dicht an dicht dünne Matten auf dem Boden liegen, abgewechselt von einem alten Stuhl pro zwei Matten. Außer mir ist kein Mensch da (es verwundert mich auch nicht wirklich), und ich fühle mich sehr verloren. Die Mattenhalle ist trostlos, aber hinausgehen ist auch moderat. Zum einen muss ich jedesmal wieder um Einlass klingeln und die Hospitalera eine Treppe hinunterjagen, zum anderen ist die Fiesta nun in vollem Gange. Die Straße ist wild mit Autos zugeparkt, und durch die verbliebenen Gässchen drängen grölende Jugendliche. Während ich meine Wäsche aus dem Fenster hänge, gehen unten zwei Banden aufeinander los, werden Flaschen und Becher geworfen und hinter und zwischen die Autos uriniert. Alles ist so ungewohnt laut, dass es mir einfach Angst macht.

Einige Stunden sitze ich ziemlich trostlos auf meiner Matte. Ich vermisse Freunde oder überhaupt bekannte Gesichter, komischerweise würde ich auch Thomas sehr gern wiedertreffen. Ich versuche zu beten, kann mich aber nicht konzentrieren. Ich plane grob meine nächsten Etappen. Jetzt, da ich wieder besser laufen kann, sind die zu erwartenden 4-Stunden-Wanderungen jeden Tag nicht wirklich erbauend. Ich ärgere mich über fest geplante Heimflüge und ohnehin zu wenig Zeit. Ich fühle mich noch nicht einmal richtig auf dem Camino angekommen und bin in Gedanken schon wieder auf dem Heimweg. Nicht nur meine Schuhe und meine Füße scheinen sich gegen mich zu stellen, sondern der ganze Camino scheint mir nicht so ganz wohlgesonnen zu sein.

Dann setzt plötzlich ein ziemlicher Pilgerstrom ein. Die große Herberge mit fast 90 Betten ist bereits überfüllt, und nun werden zu meiner großen Freude alle übrigen hierher umgeleitet. Mit einem Schlag ist die Halle erfüllt von dem üblichen Pilgertreiben. Ich komme ein Stück weit wieder zur Ruhe und vergesse das Chaos in den Straßen draußen. Bekannte Gesichter erkenne ich zwar nicht, aber neben mir lassen sich laut vier füllige spanisches Mitglieder eines Bläserorchesters nieder, sonnige Frohnaturen.

Zur Messe wühle ich mich kurz todesmutig durch die feiernde Menge, es sind ja zum Glück nur ein paar Meter. Es gibt Orgel und Gesang vom Band, ich zünde eine Kerze an.

Um 20:30 gibt es in der Herberge für alle ein gemeinsames Abendessen auf Spendenbasis. Während wir auf Einlass warten, komme ich mit einem älteren Holländer ins Gespräch. Lustigerweise haben wir uns schon mal getroffen – am allerersten Tag, als ich panisch schnell Richtung Pyrenäen losgelaufen bin. Wir reden gut eine halbe Stunde, und es tut sehr gut. Er ist ruhig, weise, verständig und feinfühlig. Ein Pilger eben.

Das Abendessen ist lecker und schön, auch wenn mir eine Deutsche gegenübersitzt, die ein bisschen merkwürdig ist. Sie schockt ihre Nebensitzer mit ungewohnt forschen Fragen und unpassenden Kommentaren, sucht ungefragt zur Befremdung der Hospitaleros auf eigene Faust in der Küche nach zusätzlichen Gewürzen und tauscht sich mit mir in voller Lautstärke auf Deutsch über ihre komischen Nebensitzer und die komische Herberge aus. Ich sitze ein bisschen auf Kohlen mit Sorge, was sie als nächstes bringt, aber zumindest sie scheint sich wohl zu fühlen. Und eigentlich bin ich ja nicht für jemanden verantwortlich, nur weil er meine Sprache spricht.

Zum Abschluss kommt der Pfarrer und lädt uns zu einer kurzen Andacht ein. Dafür, dass sich die wenigsten aus freien Stücken für diese kirchliche Herberge entschieden haben, ist die Resonanz beeindruckend. Fast komplett leitet er uns durch verwunschene unterirdische Katakomben direkt in die Kirche, wo wir in geschnitzten Bänken, in denen sonst wohl die Nonnen oder Mönche sitzen, Platz nehmen dürfen.

Die kleine Messe für uns klappt nicht so ganz reibungslos. Ich verstehe mittlerweile schon etwas Spanisch und bin die misas oder auch Pilgerandachten gewohnt. Für die meisten fühlt sich das hier wohl zu fremd an. Der Pater fordert auf, in der eigenen Sprache ein Gebet zu lesen. Über Jahre, auch auf dem Camino, war meine größte Angst, in einem Gottesdienst etwas sagen zu müssen. Ich spreche ohnehin sehr leise, Mikrofone machen mir aber auch Angst, noch dazu bin ich nicht wirklich katholisch. Ich könnte ganze Alpträume damit füllen, wie ich vorne am Altar ein Gebet auf Deutsch sprechen soll, aber die einfachsten Gebete nicht kann, mich falsch bekreuzige oder sonst etwas falsch mache. Hier scheint es der gesammelten Meute ganz genauso zu gehen (sofern sie die Aufforderung überhaupt verstanden haben), und als alle Deutschen gemeinsam ein Gebet lesen sollen und aus unerfindlichen Gründen nur ich laut lese, macht es mir überhaupt nichts aus und nichts geht schief. Wow.

Was leider auch keiner versteht, ist ein eigentlich sehr schöner Brauch, dass Menschen in der Kirche hier, ob Pilger oder Touristen, Wünsche und Gebete auf kleine Zettel schreiben können, die in eine Box geworfen werden. Am Abend werden diese dann nach Sprachen sortiert und an die anwesenden Pilger verteilt. Man soll dieses Gebet jeden Abend bis nach Santiago beten, oder falls man früher aufhört, einfach noch ein paarmal zu Hause. Ich bin sehr berührt, schreibe natürlich auch gern einen eigenen Zettel. Viele der Zettel von Pilgern drehen sich um den Wunsch, dass alle gut Santiago erreichen mögen, Gebete für Mitpilger, für Zuhausegebliebene, für die dieser Weg gegangen wird. Ich halte meinen Zettel kurz und allgemein und vertraue darauf, dass Gott schon weiß, über wem er seine Hände schützend ausbreiten soll. Zumindest über João, der kleinen harten Dänin, Thomas, dem Ruanda-Franzosen, den kanadischen Brüder, Marek, den beiden Süddeutschen, dem fußlädierten Belgier…

Während ich noch am Denken und Beten bin, sind die anderen Pilger schon unbemerkt zur Turmführung aufgebrochen. Eine Hospitalera steht für mich noch geduldig wartend im erleuchteten Türrahmen. Ich schnappe mir meinen Betzettel und folge durch die steinernen Gänge und Wendeltreppen. Mir wird Angst und Bange von der Höhe. Erster Stop ist über dem Kirchenschiff. Ich weiß nicht, wie ich mir so eine Konstruktion vorgestellt habe, aber irgendwie filigraner und dünner. Nach unten zur Kirche hin sauber abgeschliffen, sind von oben riesige Felsbrocken zu sehen. Die Schicht ist mehrere Meter dick. Ein komisches Gefühl, so sicher unten in der Kirche zu sitzen mit vielen Tonnen Stein über einem.

Dann geht es weiter in die Türme, auf schmalen Steinstufen immer höher in die Nacht. Mir wird ziemlich anders. Das Panorama ist atemberaubend, aber ich bleibe lieber in der Mitte und bin dann doch auch wieder schnell an der Treppe. Wir stehen inmitten der riesigen Kirchenglocken, die zudem auch noch zu schlagen anfangen. Beeindruckend, bewegend und auf mich auch ein bisschen einschüchternd.

Anschließend folge ich gerne der Bitte des Pastors, den Hospitaleros beim Abwaschen zu helfen. Wir waschen in zwei Schichten zu vier Leuten, aber ein Mehrgangmenü für über 30 Leute zieht wirklich beeindruckende Geschirrmengen nach sich. Ich bin ziemlich verschwitzt und verspülwassert, als ich mich gegen 23.00 zum Schlafen fertig mache. Eine sehr ungewohnte Zeit für einen Pilger. Ich bete das mir anvertraute Gebet. Leider ist es wohl nicht von einem Pilger. Es ist ein klein wenig egoistisch und in erster Linie materiell besorgt, aber ich soll es ja einfach beten.

Nachdem ich heute mittag noch gar nicht beten konnte, bin ich mit der Wendung des Abends sehr versöhnt. Die Matte ist zwar tierisch ungemütlich, aber ich fühle mich, wie sich ein Pilger für mein Verständnis fühlen sollte. Müde, erschöpft und nah bei Gott.

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