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Archive for Oktober 2008

Epilog September 2007

Die ersten Tage wieder in meinem normalen Leben waren nicht einfach. In Spanien und als peregrina fühle ich mich einfach wie zu Hause, glücklich und sorgenfrei.

In einem gewissen verzweifelten Moment habe ich Gott gefragt, warum ich es hier so schwer haben muss und ich hier nie Zeichen sehe oder seinen Beistand erfahre. In diesem Moment habe ich auf dem Fenster vor mir einen Glückskäfer laufen sehen. Auch in den nächsten Tagen habe ich in jedem trüben Moment mehr Glückskäfer als je zuvor gesehen.

Auch wenn es manchmal schwerer fällt, ich denke, Gott ist immer bei mir. Vielleicht schwebt er vor allem die 800 Kilometer über dem Camino entlang, aber wenn ich laut genug schreie, hört er mich auch von dort.

Und bis zu meinem nächsten Camino werde ich im Herzen peregrina sein und den Satz im Kopf behalten „the camino is everywhere“.

Am selben Tag, an dem ich den ersten Glückskäfer gesehen habe, habe ich zwei Mails erhalten. Von Bärbel und Sun. Sun schreibt mir ungefähr einmal im Monat, ihre Mails sind typisch sie. Einige wirre Brocken Englisch, sehr viel „maybe“, und vor allem wieder nur Reisepläne. Mit Bärbel hat sich eine enge Freundschaft entwickelt; wir schreiben uns nun seit über einem Jahr in regem Hin und Her. Sie versteht meine Caminosehnsüchte und Gefühlswirren wie keine andere. Erst nach dem Camino habe ich zufällig eine Abhandlung über „Begleiter“ gelesen, bei der ich sofort und absolut an Bärbel denken musste.

Bärbel war mir eine wunderbare Begleiterin und ist es noch heute.

An Andi habe ich ebenfalls sehr oft dankbar gedacht. Ich denke, ich werde ihm irgendwann einmal schreiben.

So plötzlich und intensiv Mose in mein Leben getreten ist, so schnell ist er auch wieder verschwunden. Während meines Caminos habe ich drei Mails von ihm erhalten, sie haben mir viel Kraft gegeben und dazu geführt, dass ich meinen Camino erfolgreich meistern konnte. Ich habe ihm seither oft geschrieben, aber er hat nie wieder geantwortet. Ein Teil von mir spürt, dass es so sein muss. Die Begegnung mit ihm war ein Wunder, und Wunder kann man wohl einfach nicht festhalten.

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Aus Angst, am Morgen zu verschlafen und Andis Aufbruch zu verpassen, schlafe ich nur sehr leicht. So bin ich natürlich hellwach, als er sich morgens aus dem Schlafsack schält und packt. Glücklicherweise schläft der Grossteil noch, sodass ich um eine große Abschiedsrede herumkomme. Ich flüstere ihm einen guten Flug und ein paar verbindliche Worte zu. Er gibt mir die Hand und ist weg, bevor ich seinen Abschied verinnerlicht habe.

Ich solle meinem Freund ausrichten, dass er ein Glückspilz ist.

Ich denke, das ist eines der schönsten Komplimente, die ich je bekommen habe.  Andi ist nicht nur nett und gutmütig, sondern besitzt wirklich Größe.

Den ganzen Morgen fühle ich mich ziemlich leer und vor allem richtig schlecht. Nach meinen diversen Zickigkeiten und dem gestrigen Abgang hätte ich alles erwartet von Vorwürfen bis hin zu Ignorieren, und vermutlich hätte ich damit besser umgehen können.

Wie immer leert sich die Herberge vor 8, und ich mache mich auf Richtung Busbahnhof. Es ist ein ausgesprochen seltsames Gefühl, mein geliebtes Santiago als nicht mehr Pilger zu verlassen.

Kaum habe ich mein Ticket gekauft, läuft mir die langsamere Schwester des Dreiergespanns vom ersten Tag über den Weg. Lustig, ich habe sie seit bestimmt 2 Wochen nicht mehr getroffen. Sie erzählt, sich jetzt hier mit ihren Schwestern zu treffen, aber sie weiß gar nichts über sie und ihren Camino. Ich kann immerhin erzählen, dass ich sie in Finisterre getroffen habe, und die Gute ist völlig aus dem Häuschen. Sie bleibt in der Wartehalle, und ich mache mich auf zu den Bussen. An der Rolltreppe laufen mir dann die beiden anderen Schwestern entgegen. Als ich ihnen die frohe Nachricht übermitteln kann, dass oben schon jemand auf sie wartet, rennen auch sie schreiend drauflos. So ist der Abreisetag wenigstens für manch andere Pilger ein kleiner Höhepunkt.

Der Flughafen von Santiago ist klein, und mein Flug geht erst in vielen Stunden. Ich stelle mich schon auf die große Langweile ein, als mir plötzlich jemand ins Gesicht strahlt. Es handelt sich um die  floh- oder bettwanzengeplagte Deutsche vom Anfang, die ich seitdem auch nie wieder gesehen hatte. Es sind doch recht lustige Begegnungen so am Schluss. Wir tauschen uns aus über die verschiedenen Herbergen und Hospitaleros, irgendwie haben wir die gleichen Highlights erlebt. Sie war immer einen Tag vor mir, und wir sind uns nie begegnet.

Als sie auf ihren Flug geht, komme ich noch mit einigen anderen Pilgern ins Gespräch. Irgendwie kommen sie mir aber fremd vor und nicht so sympathisch wie meine Weggefährten. Vielleicht liegt es auch daran, dass wir keine Pilger mehr sind, sondern wieder Normalos. Irgendwie ist schlagartig wieder eine Art Fassade da. Auf dem Camino noch offene Verzweiflung oder Jammern, Herzausschütten an Wildfremde. Hier sitzen wir nun in einem blitzsauberen, hell ausgeleuchteten Wartesaal, und jeder hatte eigentlich nie Probleme, hätte viel weiter laufen können, hat natürlich alles perfekt gepackt und geplant. Jeder hat noch tollere Freunde gefunden, immer die ideale Herberge gewählt, und so bin ich froh, als mein Flug endlich aufgerufen wird und ich mich verabschieden kann.

Kurz vor dem Umsteigen in Barcelona wird mir gnadenlos schlecht, mir wird heiß und kalt im Wechsel, und ich bin froh, dort 2 Stunden Wartezeit zu haben, um mich wieder einigermaßen zu fangen. Nach 2 Wochen in einer anderen Welt fühle ich mich vermutlich einfach komplett entwurzelt und überflutet von Eindrücken, Erinnerungen und den heimischen Tatsachen und Problemen, die ich in dieser Zeit komplett beiseite schieben konnte.

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Noch früher als sonst, in kompletter Dunkelheit, wartet der kleine Pilgerhaufen am nächsten Morgen auf den Bus zurück nach Santiago. Es ist ein komisches Gefühl. In Santiago hatte ich immer noch das Gefühl „ich laufe ja noch weiter“, „ich bin noch Pilger“, „es kommt noch etwas“. Nach 3 Wochen auf meinen Füßen, immer mit dem Rucksack auf meinem Rücken, fühle ich mich, als würde ich einen Teil von mir weggeben, als ich meinen Rucksack in den Bauch des Busses verfrachte. Aus dem Fenster wirkt es höchst unwirklich, an den Stellen vorbeizufahren, die ich noch vor ein paar Tagen mühsam bewandert habe. Gleichzeitig ist es aber auch ein erhebendes Gefühl zu sehen, welche Distanzen man doch zurückgelegt hat.

In Santiago machen Andi und ich uns erst mal auf die Suche nach einer Herberge. Wir einigen uns auf eine in Busbahnhofnähe, damit es jetzt schneller geht und wir morgen gut auf unsere Flieger kommen. Wir werfen unsere Rucksäcke ab und mich zieht es so kurz vor 12 schon wieder magisch in die Pilgermesse.

Diesmal sichere ich mir rechtzeitig meinen Spitzenplatz im Seitenschiff, strategisch günstig, um den Botafumeiro diesmal etwas besser zu sehen. Aber während der Messe stellt sich nicht die erwartete Euphorie ein, und den Weihrauchschwenker gibt es diesmal auch nicht. Ich erinnere mich an „jeder bekommt den Empfang, den er verdient“  – heute für meine Busfahrt habe ich ihn wohl wirklich nicht verdient. Und ein bisschen schön ist es dann ja auch doch, dass ich an meinem ersten Tag hier dann einfach so etwas wie Glück hatte.

Nach der Messe lauert Andi schon auf gemeinsame Unternehmungen, aber ich will in Ruhe meine Souvenirs shoppen und vertröste ihn auf später. Wie vor meinem kleinen Exkurs ans Ende der Welt schon auskundschaftet, finde ich zielsicher die besten Läden für meine Magneten mit Muschel- und Pfeilsymbolen und eine Tasse für eine Freundin. Mit meinem Muschelkettenanhänger hadere ich immer noch, so richtig überzeugt mich keiner, und ich beschließe, es dann lieber zu lassen als mich mit einem Kompromiss zu begnügen. Auch der Rosenkranz für meinen Freund stellt mich vor gewisse Schwierigkeiten, weiß ich doch nicht, wie man so was betet und worauf es folglich ankommt. Im Minishop an der Kathedrale fällt mir dann doch ein passendes Objekt ins Auge, aus dunklem Holz und mit Rosenduft. Und die Kirchnähe stimmt mich deutlich versöhnlicher als die kitschigen Plastikkränze mit Plastikduft.

Zufrieden lade ich meine Errungenschaften in der Herberge ab und mache mich auf zu meinem letzten Programmpunkt. Mir liegt immer noch etwas im Magen, dass meine Begegnung mit dem Monte de Gozo so unspektakulär war. Von Freude keine Spur, und nicht mal die Kathedrale habe ich von dort gesehen. Und kaum war ich in Santiago, habe ich eine Karte mit einem beeindruckenden Monument im Vordergrund entdeckt – zwei bronzene Pilger in altertümlicher Erscheinung, die auf die Kathedrale zeigen. Irgendetwas daran hat genau meine Stimmung getroffen, und so habe ich das dringende Bedürfnis, diese Statuen zu suchen, von dort noch mal den ersten Blick auf Santiago zu genießen und ein Foto zu machen, mit einer dünnen, etwas weniger beeindruckend gekleideten Dritten im Bunde, die sich aber sicher genauso freut und genauso viel Stolz auf ihren Schultern trägt.

Auf dem Weg dorthin treffe ich Andi, der sich recht einsam den Tag um die Ohren schlägt. Praktischerweise war er schon beim Monument, sodass ich diesen Moment auch noch mal alleine genießen darf. Leider findet sich diese Stelle gar nicht so leicht, nicht einmal, als ich die gesamte Belegschaft eines Restaurants mit dieser Problematik beschäftige. Die Statuen müssen irgendwo ein paar 100 Meter weiter sein, aber diese Herren der Schöpfung meinen im ersten Moment, die wären gar nicht in Santiago. Prima.

Nach beharrlicher Suche entdecke ich dann doch mein Ziel – beeindruckend ist es wirklich, wenn auch aus meinem Plan des Gruppenfotos nichts wird. Die Herren sind gut und gern doppelt so hoch wie ich. Faszinierenderweise bin ich die einzige weit und breit an diesem beeindruckenden Ort, und so kann ich wie in Muxía in Ruhe und Stille den Moment und Ort auf mich wirken lassen.

Leider scheint aus meinem Foto überhaupt nichts zu werden; ich bin der Selbstauslöserfunktion nicht mächtig, und hier ist wirklich weit und breit niemand. Denke ich zumindest, bevor mich ein beunruhigendes Rascheln und Lärmen aufstehen und über das Gebüsch neben mir schauen lässt. Im ersten Moment bin ich versucht, die Flucht zu ergreifen – das Bild, das sich mir bietet, ist beeindruckend. Die ganze weite Wiese, von rechts nach links, so weit das Auge reicht, wird von einem Heer gestürmt, wie ich es aus „Herr der Ringe“ oder „Der Patriot“ kenne. Nach dem ersten Schock differenziert sich das Heer zu einem deutschsprachigen Rudel behängt mit Fotoapparaten, und der Reisebus dazu lässt sich auch ausmachen. Im Nu ist mein kleines Ruheinselchen bevölkert von wuselnden Touristen, aber ich habe mit der Wahl meines Fotografen Glück – er scheucht den Reisebusinhalt resolut noch mal zur Seite – „damit das Fräulein hier ein schönes Foto kriegt“!

Glücklich mache ich mich auf den Rückweg, und unglaublich, ich habe mir heute zum ersten Mal seit langem wieder Blasen gelaufen, nur von ein bisschen Stadtbummel.

Andi wartet sehnsüchtig in der Herberge, ihm ist jetzt nach Action und Programm, während ich am liebsten schlafen gehen würde und den Tag so belassen. Ich bin hin und hergerissen; einerseits möchte ich mich nicht verbiegen und gegen meinen Willen in einem lauten Restaurant mit Andi Bocadillos mampfen, andererseits weigert er sich, alleine wohin zu gehen. Und obwohl ich es alleine fast noch genießen würde, habe ich ein schlechtes Gewissen, dass er seinen letzten Abend mit mir in der Herberge bei Rucksackvesperresten verbringen will. Wie immer setze ich mich durch, aber der Abend ist geprägt von einer komischen Stimmung. Die Pilger um uns herum sind alle frisch vom Camino, in Santiago-Euphorie – und abgesehen davon kennen wir keinen mehr. Wie bei uns auch ist es eine große Familie, in der jeder jeden irgendwoher kennt und schon mal gesehen hat, nur dass diese Familie eben nicht die unsere ist.

Zudem schwebt das Abschiednehmen ungut im Raum. Andi hätte wohl gern meine Emailadresse, aber irgendwie wird mir das gerade alles etwas zu eng. Die letzten Tage hingen wir reichlich viel zusammen, und nachdem wir die Herbergen zusammen angelaufen haben, gehen wir so langsam als Paar durch und haben diesmal schrecklicherweise sogar so etwas wie ein Doppelbett bekommen. Ein Witzchen von Andi, dass wir da dann ja heute Nacht etwas kuscheln können, gibt mir den Rest und ich gehe recht wortlos ins Bett.

Allerdings kriege ich kein Auge zu – schon aus Angst, die ich in jedem Doppelbett habe, dass ich im Schlaf den anderen für meinen gewohnten heimischen Bettnachbarn halten könnte und umarmen oder Schlimmeres. Das Szenario mit Andi macht es sicher nicht besser. Zum anderen fühle ich mich abgrundtief mies. So fühle ich mich eigentlich schon den ganzen Camino, wenn ich mit Andi zusammen bin. Er ist immer freundlich, immer für mich da, immer hilfsbereit und ein unheimlich guter Mensch, der mir sein Bett überlassen würde, wenn ich nach ihm in der Herberge ankommen würde. Er wartet geduldig, dass ich meine merkwürdigen Spirenzchen und Freiheitsdränge auslebe, und ist dann trotzdem zur Stelle in dem Moment, wo ich dann doch gern etwas Gesellschaft hätte. Sein Flieger geht am nächsten Morgen in aller Frühe, er muss gegen 5 aufstehen, und mir wird ganz anders, wenn ich mir vorstelle, dass ich am Morgen aufwache, er ist weg und ich habe mich absolut nicht verabschiedet.

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