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Posts Tagged ‘Arca’

Die Nacht ist erwartungsgemäß wenig erholsam. Irgendwie ist es zu warm, sodass ich zwischenzeitlich meine Füße aus dem Schlafsack strecken muss. Die Spanier sind in Feierstimmung und erst weit nach Mitternacht etwas ruhiger. Und ich schaue alle halbe Stunde panisch auf mein Handy, ob ich nicht vielleicht doch verschlafen habe.

Mein Wecker klingelt kurz nach 4, zu einer völlig gestörten Zeit. Ich schleppe alles unten in den Essensraum und packe, um mich um 4.30 auf den Weg zu machen. Ich fühle mich in der Herberge wie der letzte Alien, und um diese Zeit loslaufen ist natürlich auch wieder gegen mein Wohlgefühl und nicht unbedingt beruhigend. Während ich nachts alle halbe Stunde geschaut habe, ob ich schon aufstehen muss, schaue ich nun alle halbe Stunde auf mein Handy, um zu überprüfen, wie ich in der Zeit liege und ob alles hinkommt. Laut Führer habe ich 5 1/4 Stunde vor mir, ich will noch einen kleinen Abstecher zu den Statuen auf dem Monte de Gozo machen und muss in Santiago vor der Messe um 12 meine Compostela abholen und einige Einkäufe machen. Mir brummt der Kopf, ich bin in Gedanken bereits die Straßen von Santiago ablaufen und überhaupt nicht mehr im hier und jetzt. Was aber auch nicht weiter schlimm ist, zum einen ist es eh noch dunkel, zum anderen ist die letzte Etappe entlang der Rundfunkanstalten auch nicht so furchtbar malerisch.

So gestresst, wie ich durch die Gegend presche, liege ich natürlich super in der Zeit. Die morgendliche Dunkelheit wird heute leider abgelöst von einer ziemlich grauen Nebelsuppe, die pünktlich zum Monte de Gozo auch noch in einen leichten Nieselregen mündet. So ist auch dieser Moment dann wieder völlig anders und neu, von Freude keine Spur. Die Denkmäler wirken im Regen recht trostlos, weit und breit keine anderen Pilger, und mir fehlt natürlich auch die Ruhe und innere Einstellung, um mich davon so richtig berühren oder bewegen zu lassen.

Santiago ist noch regnerisch verschlafen, der sonst so touristisch bevölkerte Kathedralenplatz ist leer. In einer Ecke wird die Bühne vom gestrigen Papstbesuch abgebaut, eine komische Stimmung. Auf meinem Weg zum Pilgerbüro laufe ich plötzlich in den strahlenden Blondschopf Markus 1 hinein, den ich eigentlich nur einmal bisher in Ruitelán gesehen habe. Er ist schon seit 2 Tagen da, ist bis Santiago mit dem anderen Markus gelaufen und hat gestern nun so richtig den Papstbesuch genossen. Sie haben ab dem frühen Morgen auf dem Platz ausgeharrt, 8 Stunden, um dann auch ja einen guten Blick zu haben. Und er wäre dann so nah am Papst dran gewesen, ein Erlebnis für die Ewigkeit. Markus sieht eigentlich so aus, als würde er eher in schicki-micki-Clubs abhängen und sich höchstens über eine Beförderung in die Chefetage oder einen neuen Porsche freuen. Umso sympathischer ist mir sein grenzenloser Enthusiasmus über das gestrige Erlebnis. Markus 2 ist bereits nach Finisterre aufgebrochen. Schade, ich hätte ihn sehr gern nochmal gesehen. Gleichzeitig bin ich aber auch seltsam ergriffen und berührt. Plötzlich ist mir unser Gespräch beim O Cebreiro wieder lebhaft vor Augen, von seiner Verzweiflung – oder doch schon eher Entschlossenheit -, diesmal etwas fertig bringen zu wollen, diesmal den Camino zu beenden und in Finisterre sein altes Leben hinter sich zu lassen. Ich habe nie dran gezweifelt, aber es war irgendwie noch Zukunftsmusik. Und nun ist er 2 Tage vor seinem Ziel, ich kann fast erspüren, welche Gefühlsregungen sich nun in ihm abspielen müssen.

Die Begegnung mit Markus tut unheimlich gut, er ist so strahlend verwandelt und strahlt so viel Glück und Freude aus. Trotzdem rattert mir mein Zeitplan im Kopf herum, und ich verabschiede mich erstmal zum Compostela-Holen. Anschließend trage ich mich mit dem Gedanken, die heilige Pforte zu durchqueren. Nachdem ich schon den Papst verpasst habe, wäre das eine weitere Gelegenheit, etwas zu erleben, was es so schnell nicht wieder gibt. Aber die Schlange ist mehrere hundert Meter lang. Wenn ich  mich dafür entscheide, verpasse ich wohl die Messe. Ich beschließe, dass es solche „Formalitäten“ nicht braucht, um sich als Pilger zu fühlen.

Wegen dem heiligen Jahr gibt es diesmal strengere Sicherheitskontrollen. Man darf die Kathedrale nicht mit Tasche oder Rucksack betreten, sodass ich mein Monstrum an einer Gepäckverwahrung abgebe. Ein komisches Gefühl, meine Messe ohne meinen Rucksack.

Ich stürze mich in die Souvenirläden, ich brauche einen Rosenkranz für einen krebskranken Bekannten und möchte das Kartenset kaufen, das es auf dem Camino in jeder zweiten Herberge gab. Mit Bildern vom Camino und vom Pilgern und darunter vielen weisen Sprüchen und Lebensweisheiten, die mich teilweise sehr berührt haben. Das mit dem Rosenkranz ist schon unheimlich schwierig, ich habe sehr klare Vorstellungen, Rosenholz mit Rosenduft, so wie ich selber einen habe. Überall gibt es nur Plastik mit Plastikduft, was jetzt irgendwie gar nicht geht. Auch meine Karten finden sich nirgends. Ich bin frustriert und genervt, dass es hier 50 gleichartige Souvenirläden gibt, aber jeder nur den gleichen Scheiß hat. Irgendwo finden sich dann doch die Karten, allerdings auf Deutsch. Ich suche weiter, bis ich sie irgendwo doch noch wie gewünscht auf Spanisch erstehe. Ein weiteres Häkchen auf meiner „Mission Heimkommen“-Checkliste.

Langsam trudeln die ersten Pilger, die in Arca normal losgelaufen sind, ein. Als erstes sehe ich die Grinsekatze, die mich anstrahlt und voller Santiago-Euphorie ist, mich beglückwünscht und jetzt vor allem in Feierlaune ist. Ich ziehe mich mit einem pauschalen „ja, ja“ aus der Affaire. Ich bleibe ja eh nicht für die ausgelassenen Feiern am Abend, und das erfüllt mich im Moment auch nicht mit Reue. Wenig später treffe ich Matthias. Er ist wie üblich nicht ganz so ausgelassen und überschäumend. Eigentlich haben wir verhältnismäßig viel Zeit zusammen verbracht, sind uns eigentlich seit Astorga jeden Tag begegnet. Er weiß, dass ich heute schon fliege, sodass für einen Moment eine komische Abschiedsstimmung zwischen uns steht. Ich sollte nun etwas Herzliches sagen, ihn zum Abschied umarmen oder ihm ein Bändel geben, ich sehe förmlich vor mir, wie souverän und überschäumend Anke das jetzt gestalten würde. Aber ich kriege es nicht hin, wir drucksen ein komisches „Tschüss dann“, und ich bin wieder recht frustriert und niedergeschlagen von meiner sozialen Gesamtleistung.

Ein paar Meter weiter laufe ich in Lucia hinein. Die Kommunikation ist wie üblich etwas erschwert davon, dass sie statt Englisch lieber undefinierbare Grunzlaute von sich gibt. Aber auch sie ist happy, hat den Papstbesuch noch erwischt und sich damit einen riesigen Traum erfüllt. Wenigstens hier schaffe ich es, mich ordentlich zu verabschieden und ihr mein Bändel zu geben. Ähnlich wie nach dem Haargummi ist sie völlig von der Rolle und bricht schier in Tränen aus.

Ich kämpfe mich weiter in Richtung Kathedrale durch, man trifft nun wirklich alle 20 Meter auf eilige, begeisterte Pilger, die den Sprint von Arca gemacht haben, nun noch schnell die Compostela abholen und dann in die Messe wollen. Die letzten Tage hatte ich das Gefühl, niemanden mehr zu kennen, aber nun tauchen doch plötzlich noch alle möglichen Bekannten von entlang des Wegs auf. Typisch für Santiago.

Im Kathedralenshop kann ich ein weiteres Häkchen setzen. Der Rosenkranz ist zwar nicht der, den ich haben wollte, aber immerhin auch aus Rosenholz. Recht erleichtert, so ziemlich alles erledigt zu haben, steht nun nur noch „Spitzenplatz im Seitenschiff Sichern“ auf dem Programm. Ich habe Glück und finde einen Platz direkt am Gang in der zweiten Reihe.

Die Kathedrale ist proppenvoll, vor allem mit Touristen. Die Gänge sind gestopft voll mit laut erklärenden Führern und ihren Schirmchen, ständig wird geknipst und geblitzt, die Geräuschkulisse ist gewaltig – und wenig stimmungsvoll. Oder vielleicht liegt es an mir. Zu viele Häkchen und Abfahrtszeiten im Kopf.

Die Messe berührt mich wenig, diesmal bin ich ja ohnehin nicht so gut darin, Gott in Kirchen zu begegnen. Als der Botafumeiro geschwenkt wird, versuche ich von meinem tollen Platz aus, ein gutes Foto zu schießen bzw. versuche sogar ein Video. Ernüchtert stelle ich später fest, dass ich zum einen kein scharfes Foto erhalten habe, erst recht nicht die Stimmung darauf festhalten konnte und jegliche Stimmung eigentlich dadurch verpasst habe, dass ich die ganze Zeit wie wild an irgendwelchen Knöpfen gedreht habe und den kleinen Monitor im Blick hatte.

Draußen hat sich mittlerweile doch ein bisschen die Sonne durchgesetzt. Ich habe noch etwa eine Stunde, bevor ich zum Busbahnhof muss, so versuche ich, noch ein bisschen die Stimmung zu genießen. Plötzlich steht Joaquin vor mir, ich brauche ewig, bevor ich es kapiere. Er wollte doch eigentlich heute früh mit seiner Mutter nach Portugal abfahren, deswegen habe ich ihn überhaupt nicht mehr auf meiner Liste der hier zu erwartenden Gesichter. Er fliegt mir begeistert um den Hals und drückt mich eine halbe Ewigkeit, was mich etwas perplex macht. Da ruft auch schon ein Rudel kleiner Spanier seinen Namen, als wäre er ein Promi. Nun ist er etwas perplex, er scheint sie nicht wiederzuerkennen. Doch, doch, er wäre doch der mit der Glatze. Sie haben mit Anke übernachtet, und sie hat ihnen das Video von seinem Friseurbesuch vorgespielt. Vorauseilende Prominenz. Joaquin begrüßt seine neuen Fans gewohnt offen und herzlich und stellt mich auch gleich mal als eine liebgewonnene Freundin vor, die ihn die letzte Zeit auf dem Camino begleitet hat und wo er jetzt so von der Rolle ist, mich nochmal zu sehen.

Kurz darauf gesellt sich eine kleine Frau zu uns, die sich als seine Mutter herausstellt. Ich werde wieder ähnlich blumig und überschwänglich vorgestellt, bin aber einfach sehr neben der Kappe. Hier geht mir gerade alles etwas zu schnell bzw. ich bin nicht in meinem üblichen, sortierten, langsamen Peregrina-Frieden. Joaquins Mutter ist auch so ganz anders, als ich sie mir vorgestellt hätte. Sie ist überaus normal und höflich und unauffällig, ich hätte mir eigentlich ein paar Alfalfa-Tabletten oder zumindest eine Hippie-Frisur vorgestellt. Beide fragen mich begeistert, ob ich nicht noch den Nachmittag mit ihnen verbringen will, sie wollen gerade in eine Ausstellung im Parador. Ich bin froh, dass ich so oder so verneinen muss. Ich werde mit einer weiteren langen Umarmung wehmütig entlassen, gehe meinen Rucksack abholen, setze einen weiteren Haken unter „Santiago-Torte-Kaufen“ und mache mich dann doch sehr wehmütig auf in Richtung Busbahnhof. Ich kehre der Kathedrale nur ungern den Rücken, und auch diesen vielen Menschen, mit denen ich die letzte Woche verbracht habe. Ich treffe noch die Kanadierin von Villafranca del Bierzo, es ist unglaublich, wie viele Begegnungen ich eigentlich schon vergessen hatte und nun wiedererkenne. Ich kann mich auch eines Gefühls vieler verpasster Chancen nicht erwehren.

Am Busbahnhof überkommt mich eine große Melancholie. Die Begegnung mit Joaquin hat mich sehr aus der Bahn geworfen. Den ganzen Camino über hatte ich das Gefühl, ihm ziemlich auf den Geist zu gehen, Anke und er waren weniger Freunde für mich, als vor allem Denkanstöße, die mich immer wieder über mich selbst nachdenken haben lassen. Mir kommt eine Strophe aus „Weit wie das Meer“ in den Sinn:

***

Und doch sind Mauern zwischen uns und andern, wir sehn einander nur durch Gitter an.

Unser Gefängnis ist das eigne Wesen und seine Mauern nichts als unsre Angst.

***

Meine Flüge klappen reibungslos, um 19 Uhr bin ich in Madrid, um 22 Uhr in Zürich, kurz nach Mitternacht zu Hause. Ich bin ziemlich erschlagen, zum einen von den vielen Eindrücken und Lehren, die ich erstmal verarbeiten und verinnerlichen muss, zum anderen von diesem übervollen Tag. Am Morgen noch zu Pilgern und abends schon wieder zu Hause zu sein, das ist ein ziemlich abruptes Ende für eine entschleunigte Pilgerreise.

Irgendwie entschleunigt bin ich aber trotz allem irgendwie, und hinter einem Haufen wirrer Gedanken und viel Material macht sich eine solide Gelassenheit breit.

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Ich schlafe schlecht, ich bin innerlich in planerischer Panik wegen den kommenden beiden Tagen, die ich schnell laufen muss. Den letzten, um pünktlich in die Messe und auf meinen Flieger zu kommen, den heutigen, um sicher meinen Platz in der Herberge von Arca zu bekommen. Mit mir übernachten hier über 50 Leute, und in Arzúa mit einer guten halben Stunde Vorsprung sicher das Vierfache. Ich werde wieder von meiner alten Herbergspanik heimgesucht.

Ich frühstücke im Aufenthaltsraum meine klebrige Schneckennudel aus Mélide und vernichte einen halben Liter Orangensaft. Danach ist mir so schlecht, dass ich das süße Brot von gestern lieber gleich in der Herberge lasse. Direkt neben mich hat sich noch eine Koreanerin platziert, die völlig ungerührt Blasenchirurgie betreibt und ihr Betadine und ihre Kanülen fröhlich zwischen meinem Frühstück ablegt. Heute bin ich wohl zart besaitet.

Meine erste halbe Stunde habe ich in Ruhe, treffe in Arzuá dann aber wie zu erwarten auf Unmengen Pilger in Aufbruchsstimmung. Es ist ein Pulk sondergleichen, und ich bin ständig am die Lage nach hinten Checken für ein WC-Päuschen. Es dauert bestimmt eine halbe Stunde, bis sich endlich eine kleine Lücke ergibt.

Ich kann mich des Gedankens nicht erwehren, dass heute unheimlich viel „billiges Fußvolk“ unterwegs ist. Das meiste sind nicht einmal 100km-Pilger, sie laufen ganz ohne Gepäck oder mit Minirucksack. Und unheimlich schnell. Vermutlich wollen sie die kommenden beiden Etappen in einer machen und dann zum Papstbesuch in Santiago eintreffen. Während ich vor mich hintrotte, denke ich sehnsüchtig daran, wie leichtfüßig auch ich gestern ohne meinen Rucksack und meine Wanderschuhe durch die Gegend geflogen bin.

Sicherheitshalber sammle ich auf den letzten 100km zwei Stempel täglich, sodass ich heute ausnahmsweise irgendwo zwischendrin in einer Bar einen Stempel holen gehen muss. Vor mir erstürmt schon eine Gruppe die Location, in der bereits ein Haufen Pilger ein wildes Gewurstel am Tresen veranstaltet. Es ist eine Geschiebe und Gedränge und Credencialgefalte und -verstauen sondergleichen. Die Spanierin vor mir packt sogar ein vorgefaltetes Kunstwerk aus ihrem Umhängeklarsichtbeutel, fast 10 Credenciales so zusammengefaltet, dass sie sie im Akkord stempeln kann. Dann rennt sie auch schon wieder unter Ellenbogeneinsatz aus der Bar hinaus, wahrscheinlich, um ihre Gruppe wieder einzuholen. Der Großteil der Credenciales wurde wohl für Leute gestempelt, die den Camino überhaupt nicht zu Fuß begehen.

Der Inhaber der Bar lächelt etwas mühsam gequält. Wahrscheinlich erlebt er das täglich rund um die Uhr. Ich bin ja schon ganz verdattert von diesem kurzen Moment und stempele bedächtig mein Werk, als endlich einmal alle weg sind.

Kurz nach Mittag und gefühlte 1000 schnelle Pilger später biege ich angstvoll um die Ecke zur Herberge, wo aber erst erstaunliche 5 Pilger auf Einlass warten. Also habe ich die schnellen Pilger wohl intuitiv richtig eingeschätzt.

Die Herberge in Arca war wirklich jedes Mal ein Etappenziel von mir, ich fühle mich ein Stück weit schon zu Hause in den Gängen, der Küche, meinem Privatbadezimmer und dem kleinen Supermarkt. Und doch ist jedes Mal völlig anders, andere Stimmung, anderes Setting, andere Leute, andere Gedanken. Heute erscheint mir die Herberge sehr schmutzig und trostlos, was mich nicht weiter wundert. Ich fühle mich überhaupt nicht mehr wie eine Pilgerin, komme mir wie ein Fremdkörper vor in dem rasant zunehmenden Trubel. Alle scheinen sich zu kennen, alle lechzen nach Ankommen und nach Santiago, sind fast high. Ich dagegen bin völlig sachlich abgeklärt, habe den ersten Schritt meiner „Mission Heimkommen“ hinter mich gebracht und meinen Schlafplatz gesichert. Nun muss ich noch Internet finden, um meine Flüge zu überprüfen. Morgen um diese Zeit bin ich nicht selig am Ziel meiner Träume in Santiago, sondern bereits auf dem Heimflug. Ein bisschen traurig macht es mich, dass sich heute oder schon gestern die peregrina unbemerkt verabschiedet hat, aber andererseits bin ich auch erstaunlich gelassen. Nach meinem dicken Bein haben sich auch die verträumten Santiago-Illusionen mit einem Schlag verabschiedet; ich bin froh, dass ich es nun überhaupt zu Fuß in einem Stück nach Santiago schaffen werde.

Internet finde ich in einer privaten Herberge, wo ich auch Matthias treffe. Er logiert dort mit der Grinsekatze, und ich muss mich schon fast über mich selber wundern, dass ich fast ein bisschen traurig über meine Herbergswahl bin, wo ich nun wirklich gar keinen kenne. Meine Herberge ist fest in spanischer Hand, während sich hier sämtliche Koreaner und Nichtspanier zurückgezogen haben. Aber allein die Tatsache, dass der Empfang an einen Bankschalter erinnert, erwärmt mir nicht gerade das Herz.

Ich koche mir eine Abschlußpaella, die heute aber irgendwie eine merkwürdige Konsistenz hat, komisch schmeckt und sich nicht allzu grandios anfühlen will. Ich fühle mich unter all den Spaniern irgendwie unwohl. Sie reden untereinander so schnell und laut und hektisch, dass ich nichts verstehe. Aus unerfindlichen Gründen fühle ich mich ausgestellt und beobachtet, weil ich nicht so recht zur Masse gehöre. Ein Phänomen, welches ich sonst typischerweise nur vom ersten Tag auf dem Camino kenne.

Ich stelle meine Schuhe und Socken schon im Gang parat und aktiviere mein Handy, um für morgen früh den Wecker zu stellen. Morgen das Finale der „Mission Heimkommen“.

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Die Nacht ist erstaunlich warm. Eigentlich habe ich gestern in weiser Voraussicht nach einer Decke gefragt, aber die Hospitalera (oder der fehlenden Pilgerseele nach nenne ich sie mal Herbergsverwalterin) meinte nur, es gäbe nicht genug für alle. Okay, ob ich trotzdem eine haben könnte. Das müsse man um 21.30 dann mal sehen. Die Logik bleibt mir verborgen, und um diese Zeit schlafe ich ja eh schon. Soll sie eben die 20 Decken in ihrem Schrank vergammeln lassen.

Hier ist nicht nur der Schlafraum ordentlich beheizt, auch der Frühstücksraum ist morgens mollig warm. Das ist nun wirklich fast unnötiger Luxus, kommt mir aber entgegen. Die nebligen Morgen sind immer ein etwas schwieriger Start.

Mein Bein ist heute der Horror. Die Druckstellen merke ich kaum mehr, aber das linke Bein fühlt sich vom Knie abwärts an wie ein einziger Krampf. Bei jedem Schritt spüre ich ein Gefühl wie ein Reißen und bin etwas ratlos. Ich habe gelernt, auf den Caminos auf meinen Körper zu hören, ich weiß, dass es sich rächt, wenn man das nicht tut. Aber zwei Tage vor Santiago passt mir das mal rein gar nicht, und das sage ich meinem Bein auch recht deutlich. Ich biete ihm freundliche Kooperation an. 5 Stunden Laufen, und dann pflege und schone ich es klaglos den ganzen Nachmittag. Aber bist Du nicht willig, so brauch ich Gewalt.

Jegliche etwaige Schönheit des Weges bleibt auf der Strecke, ich fühle nur den blöden Schmerz, denke zu viel darüber nach und sehne die Herberge herbei. Wieder gibt es kaum Brunnen, und als ich endlich einen sehe und freudig den letzten Rest aus meiner Flasche trinke, muss ich feststellen, dass er nicht funktioniert.

Ich erreiche die Herberge mit Ach und Krach kurz vor dem Öffnen. Der Supermarkt hat noch offen, und so gehe ich noch schnell einkaufen. Ich kaufe erstmal nur für den Mittag, denn Marco und Sanne haben so grob anklingen lassen, dass sie den letzten Abend mit endlich wieder einer tollen Küche gerne nochmal zelebrieren wollen.

Wieder drängeln sich alle in die fürchterlichen Duschen, während ich heimlich das Luxusbadezimmer, die Tür direkt neben der Treppe, in Beschlag nehme. Frisch geduscht wasche ich noch schnell und setze mich dann für den Rest des Nachmittags zur Erholung bereit vor die Herberge. Ich freue mich auf Sanne und Marco, und irgendwie spüre ich fast, dass heute auch Kristian hier stoppen müsste. Eigentlich müssten hier alle stoppen, die nicht wirklich einen ganzen Tag vor mir liegen. An Arco/Pedrouzo gibt es eigentlich kein Vorbeikommen. 5 Stunden vorher ist die letzte Herberge, und bis Santiago sind es nochmal grob 5 Stunden.

Ich genieße meinen Tintenfisch, fast einen ganzen Laib Brot, Joghurt und meine erste Coladose auf dem ganzen Camino. Mein Bein wird gecremt und hochgelegt. Ich fühle mich gut und entspannt angesichts des kommenden Nachmittags.

Die sieben Spanier von gestern treffen mit großem Hallo ein und posieren für ein Foto. Als ich mit Blick auf ihre Digicam zufrieden meine „sehr schön!“, kommentieren sie es mit „kein Wunder, so schön wie wir sind“. Lustige Gestalten.

Gut gesättigt und sonnengetankt tappe ich dann wieder in die Herberge, wo ich mein Bett überziehe und den Schlafsack ausbreite. Eher zufällig komme ich mit der Hospitalera ins Gespräch und frage noch zufälliger, ob hier nicht zufällig mal ein Norweger war. Sie fragt begeistert nach, ob ich so einen Dunklen meine. Hm, nein, eigentlich nicht, ich lächele freundlich und will schon wieder gehen. Sie springt aber schon zu ihrem Schränkchen und holt einen furchtbar dicken Stapel mit den Namen vom Vortag heraus, die sie alle liebevoll mit mir durchgeht. Alles sind Spanier oder ganz andere Nationalitäten, und ich überlege, wie ich bei Pilger 60 so langsam sagen kann, dass es gut ist. Da stolpere ich plötzlich über die beiden Dänen. Und während es in meinem Kopf langsam zu arbeiten anfängt, fällt mein Blick direkt drunter auf „Norwegen“ und auf „Kristian“. Ich bin wie gelähmt, einerseits muss ich ja damit gerechnet haben, sonst hätte ich nicht gefragt, aber gleichzeitig war ich so sicher, dass er hinter mir wäre. Und nun ist er einen ganzen Tag vor mir… die Hospitalera guckt mich mit großen Augen an und fragt wohl schon zum wiederholten Male, ob es der wäre, nach dem ich suche. Ich gucke immer noch wie ein hypnotisiertes Kaninchen ganz geschockt auf die Liste und sage irgendwann „ich muss weiter“. Sie schaut mich etwas besorgt an, ich brauche nochmal eine ganze Weile, bevor ich lächeln muss, ihr nochmal gleichzeitig danke und mich entschuldige und nur „continuar“ stammele.

Ich sammle meine Sachen hektisch zusammen und stopfe sie unsortiert in den Rucksack. Ich stelle irritiert fest, dass ich ja meine Nachmittagsgarnitur anhabe, so einen Sonnenbrand kriege und dann nichts Frisches mehr zum Wechseln habe. Ich laufe zur Wäscheleine und ziehe mich direkt dort um, hinein in das patschnasse Trekkinghemd. Meine Bettnachbarinnen schauen auch etwas konsterniert, aber mein Kopf ist nur noch „continuar“.

Ich bin wieder auf der Strecke, als mir einfällt, dass mein Bein ja ziemlich hinüber ist. Aber bevor mein Verstand zum Zug kommt, breitet sich schon wieder „continuar“ aus. Im kleinen Wäldchen kommt mir eine bekannte Silhouette entgegen, es ist Sanne. Sie schaut irritiert, ich radebreche mein „ich muss weiter“ und dass ich jetzt einfach die Leute wiedersehen muss, dass mein Herz das jetzt einfach verlangt, ich kann nichts dafür. Sie fragt, ob Marco bei mir in der Herberge gewesen sei, sie ist sich nicht sicher, wo er ist. Er wäre morgens ganz früh los. Sie hat den Verdacht, dass er auch bis Santiago durch will. Ich habe ihn nicht gesehen und kann ihr nicht weiterhelfen.

Ich laufe gut eine halbe Stunde, als ich mich eher zufällig umdrehe. Ich erschrecke fast. Hinter mir läuft Sanne. Ich bin komplett überrascht, aber sie sagt nur unter Tränen, dass da etwas in meinen Worten gewesen wäre, was ihr Herz berührt hätte, und für sie würde es sich auch richtig anfühlen. Ich bin irgendwie überglücklich, zum ersten Mal laufe ich mit Sanne, wir haben die Endorphine der Verrückten, wir leben nach unseren Gefühle und Intuitionen, und wahrscheinlich wollen wir beide einfach die Männer wiedersehen, mit denen uns entgegen jeglicher Logik etwas ganz Starkes verbindet. Wir verstehen uns ohne Worte. Ein ganz klein wenig reden wir dann doch, und ein Missverständnis lässt sich klären. Statt „Norwegian“ hat Sanne immer „Novizian“ verstanden. Vor ihrem inneren Auge sehne ich mich also nach einem Ordensmann, was mich anlässlich der Realität doch sehr schmunzeln lässt.

Leider läuft Sanne unheimlich schnell. Schneller, als ich sonst laufen würde, und vor allem viel zu schnell für mein Bein, mit dem ich wahrscheinlich besser humpeln sollte. Bzw. eigentlich definitiv gar nicht mehr laufen. Ich blende es komplett aus. So schnell, wie wir laufen und nur Santiago und das Wiedersehen im Kopf haben, spüre ich meinen Körper überhaupt nicht mehr.

Unsere Flaschen sind leer, als wir auf Höhe des Flughafens schnurstracks in einem feinen Hotel auf die Toilette stürmen und Wasser nachtanken. Das wieder Anlaufen nach dem kurzen Stehen ist die Hölle. An einem kleinen Bach möchte Sanne kurz ihre Füße baden. Ich gehe dankbar schon voraus, ganz langsam.

Ich erreiche erleichtert den Monte de Gozo und sehe Santiago; ich werde es schaffen. Aber ich bin zu erschöpft, um auch nur zum Denkmal zu gehen oder stehenzubleiben. Ich steuere die Herberge an. Ich habe mit Sanne überlegt, wo sich unsere Männer aufhalten könnten, und wir mussten lachen, dass sie beide wohl immer die billigste Herberge ansteuern würden.

Vor dem riesigen Herbergskomplex in der Sonne liegt, an einem Grashalm kauend, Marco. Er lächelt mich wenig erstaunt an. Ob er hier bleibt oder nicht, versucht er gerade zu erspüren. Ich spreche kurzerhand eine in der Sonne sitzende Pilgerin an, ungeachtet dessen, dass sie gerade ein halbes Brot im Mund zu haben scheint. Sie kennt Kristian nicht, und auch in der Rezeption bekomme ich ein eindeutiges Kopfschütteln. Als ich mich wieder auf den Weg mache, biegt gerade Sanne um die Ecke, und ich bekomme gerade noch mit, wie da wieder Energien synergistisch aufleuchten. Stimmt, es ist ja auch wieder Abendsonne. Sie rufen mir noch viel Glück nach, bevor sie wahrscheinlich gemeinsam in sich hineinspüren und den richtigen Ort für die Nacht erfühlen.

Ich erreiche Santiago und muss am Ortsschild kurz vor Dankbarkeit weinen. Ich habe 46 km geschafft. Mein Bein hat es geschafft. Aber nicht einvernehmlich, sondern ich habe Gewalt gebraucht.

Ich checke die nächste Herberge, die leider unendlich viele Treppenstufen abseits vom Weg liegt. Auch hier kein Norweger, und mir kommen so langsam Zweifel. Meine geplante Herberge, die einzige, die ich sonst noch kenne, kostet 10 Euro, und ich kann mir nicht vorstellen, dass Kristian dort nächtigt. Was, wenn er irgendwo mit seinem Zelt campiert? Da finde ich ihn nie.

Ich erreiche völlig k.o. die Kathedrale, wo ich mich auf den Boden plumpsen lasse. Weit und breit kein bekanntes Gesicht, kein Kristian, keine Dänen, keine Amber oder sonst jemand. Zum ersten Mal seit dem Mittag schaue ich auf die Uhr. Ich habe keine Ahnung, wann ich losgelaufen bin und wie spät es jetzt ist. Ich rechne mit 18, aber es ist schon kurz vor 19 Uhr. Mein letzter Gedanke ist das Pilgeressen im Parador; falls Kristian davon weiß, ist er sicher dort anzutreffen. Ich gehe die paar Meter, bis man Blick auf die wartende Gruppe vor der Garageneinfahrt hat. Und schon von weitem erkenne ich gegen die Sonne Kristian an seiner charakteristischen Frisur.

Ich bin nur noch am Strahlen, seit 5 Stunden habe ich mich auf diesen Moment gefreut. Kristian hängt cool mit drei ebenso coolen Gestalten gegen die Wand gelehnt und lässt sich im letzten Moment herab, zwei Schritte auf mich zuzugehen, mich kurz zu umarmen und nach einem „nice to see you“ wieder an der Wand abzuhängen. Dafür attackieren mich bestimmt vier kleinwüchsige, hysterische Hühner, dass ich hier nicht essen könnte, es wären schon 10 und bok- book- boooook. Will ich doch auch gar nicht. Ich habe Schwierigkeiten, mich zu konzentrieren und die Situation zu bewerten, als sich vor mir strahlend Nadine umdreht. Soweit arbeitet mein Hirn dann wieder, ich merke mit einem Mal magische Energien, die sich um Nadine und Kristian ranken, und mir leuchtet seine abweisende Art ein. Das Teufelchen in meinem Kopf lacht sich halb tot und rammt mir seinen Dreizack im Sekundentakt in den Kopf. Mir wird schlagartig so einiges klar. Nadine redet freundlich lächelnd wie ein Wasserfall auf mich ein, von der Überwältigung beim Ankommen, dass sie mich da total versteht, dass sie noch schauen muss, wo sie schläft, die Herberge gefällt ihr nicht. Kristian schläft dort, und ich denke nur „scheinheilige Kuh, natürlich wirst Du auch dort landen“.

Ich bin komplett leer. Den Weg zurück zur Kathedrale schaffe ich gerade noch, dann macht mein Bein aber komplett nicht mehr mit. Keine Endorphine mehr, die den Schmerz überdecken und mich zur Höchstleistung anspornen. Nur ein sich kugelnder kleiner Teufel in meinem Kopf, und er hat ja so recht.

Ich setze mich zwei Minuten in die leere Kathedrale, hole meine Compostela und etwas zu essen im Supermarkt. Ich brauche fast eine ganze Stunde zur Herberge. Dort frage ich nach den beiden Dänen. Sie sind nicht da.

Ich pfeife auf meine Vorsätze in Sachen „dem Schicksal überlassen“ und schreibe meinem Belgier eine SMS, dass ich in Santiago bin. Er ist zwei Etappen hinter mir.

Ich sehe Kristians Sachen auf einem Bett. Der Teufel in meinem Kopf lacht nicht mal mehr, überall Leere, und so schreibe ich einen kurzen Zettel, dass seine Email nicht funktioniert hat und schreibe ihm meine auf. Mir war die ganze Zeit über klar, dass ein Wiedersehen ein Risiko darstellt. Aber es hat mich so verzweifelt gemacht, eventuell nie schreiben zu können, selbst falls jemand wollte, und das nicht erklären zu können. Das habe ich hiermit getan. Es fühlt sich jetzt wieder sortierter an, und ich kann das Thema abschließen.

Ich setze mich noch kurz in den Aufenthaltsraum und schaue den Sonnenuntergang an. Meine ewigen Engel kommen in die Herberge. Zum Glück fragt Sanne nichts. Wahrscheinlich spürt sie es. Beide sind glücklich und wollen heute mit mir feiern. Ich würde wirklich gern, die beiden waren mein Camino 2009, mein stiller Halt und meine Kontinuität. Aber mein Bein, das ich mir jetzt zum ersten Mal besehen habe, ist doppelt so dick wie sonst, fühlt sich an wie kurz vor dem Platzen, wie mit Wasser gefüllt und denkbar beunruhigend. Damit laufe ich keinen Schritt mehr. Marco bietet begeistert an, hier zu kochen, aber es gibt nur eine Mikrowelle, und Sanne sieht auch so aus, als ob sie den Abend gerne mit einem Glas Wein feiern würde. Das sehe ich auch so, mir ist wichtig, dass sie einen schönen Abschluss haben. So schicke ich sie gerne ohne mich zurück in die Stadt.

Ein Japaner, den ich in Fonfría gesehen habe, hat das Bett neben mir. Ich will eigentlich schon schlafen, aber er plaudert noch. Er plant einen Abgang um 5 Uhr morgens. Ich frage, ob er nicht zur Messe will, seinen Namen hören. Er kennt weder Messe noch den Brauch, dass die Nationalitäten der Pilger vorgelesen werden. Ich erkläre ihm, dass es das Beste am ganzen Camino ist, das „heute erreichte uns ein Japaner, gestartet in SJPDP“. Ihm dämmert, dass ihm das gefallen könnte und versinkt zu meinem Schrecken in einen Monolog voller Selbstvorwürfe. Fehlt nur noch, dass er anfängt, sich selber zu schlagen. Ich rudere schnell zurück und meine, so wichtig wäre das auch nicht, eigentlich doch nur ein einziger Satz, aber er kann sein Unglück gar nicht fassen.

Mein Kopfwirrwarr ist wieder gut, nur mein Bein ist der Horror. Allein die Berührung mit der Matratze lässt mich schon jubilieren. Ich nehme eine Schmerztablette und male mir schon aus, morgen das Krankenhaus aufzusuchen.

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Heute steht die Erfüllung eines kleinen Traumes auf dem Programm – ich möchte pilgernd nach Santiago kommen, am besten atemlos rennend noch die Pilgermesse um 12 Uhr erwischen und meine Mitpilger voller Freude auf dem Kathedralenplatz umarmen. Freudentaumel pur. Soweit die Theorie.

Um dem Ganzen ein wenig näher zu kommen, liege ich die halbe Nacht wach, einen Wecker oder Handy habe ich nicht. Um 6 Uhr möchte ich loskommen. Prompt schlafe ich dann doch zu dieser Zeit, aber zum Glück weckt mich Jelle (mit Handy) auf und wir schleichen wirklich ganz geräuschlos aus dem Schlafsaal, um draußen im Flur mit Taschenlampenlicht alles ordentlich zu verpacken.

Die Abkürzung, die ich gestern nochmal überprüfen wollte, aber da auch nicht wirklich gefunden habe, sparen wir uns in aller Frühe sicherheitshalber und laufen die paar Hundert Meter zurück. Am letzten Tag nur keine Experimente mehr.

Zum ersten Mal laufen wir komplett von Anfang bis Ende zusammen. Ich hüpfe wie ein Flummi durch die Gegend, sobald ich die bekannten Anzeichen des Flughafens und der Fernsehstationen sehe und Santiago immer näher rücken weiß. Bei Jelle hält sich die überschäumende Begeisterung in Grenzen, aber er bekommt ja heute auch nicht einen kleinen Traum erfüllt.

Beim Ortsschild von Santiago bin ich schon so weit, dass ich ihm vor Begeisterung den halben Rucksack eintrommele. In der ersten Bäckerei genehmige ich mir ein Schokoladencroissant; wir sind so schnell gelaufen, dass wir gut 2 Stunden zu früh ankommen.

Komischerweise kenne ich die Straßen noch wie im Schlaf, jede Ecke kommt mir bekannt vor, gerade, als hätte ich hier mal ein paar Monate studiert. Die Herberge hat noch geschlossen, aber wir (d.h. ich) wollen ja eh direkt zur Messe. Traumwandlerisch finde ich auf Anhieb das Pilgerbüro, wo wir unsere Compostelas bekommen. Kaum habe ich das gute Stück in der Hand, merke ich, dass mein Name falsch geschrieben ist. Ich bin schon halb draußen, als ich dann doch beschließe, zu reklamieren. So ganz oft bekommt man ja doch keine Compostela. Die Dame ist sehr freundlich, entsorgt das erste Exemplar und reicht mir freundlich lächelt die neue Version. Leider stimmt es immer noch nicht, ich muss nochmal über meinen Schatten springen und reklamieren. Sie verbessert es wenig formschön. Nun denn.

Mit viel zu viel Zeit wird es zwar nun nichts mit hektischem glücklichen in die Messe rennen, aber das tut meiner inneren Glückseligkeit keinen Abbruch. Dafür haben wir alle Zeit der Welt, uns den Premiumplatz in der Kirche zu sichern – im Seitenschiff, zweite Reihe, ganz am Gang, linke Seite, wo wir die singende Nonne erwarten. Jelle kauft sich noch schnell einen Rosenkranz im Souvenirshop.

Wie im Vorjahr betritt die unscheinbare Nonne eine Viertelstunde vor 12 die Kirche. Sie bittet diszipliniert um Ruhe und studiert mit uns die Lieder ein. Ich fühle mich ganz seltsam, wie kurz vor einem lang ersehnten Ziel, in dem Wissen, dass es noch nicht erreicht ist, aber auch nichts mehr dazwischenkommen kann. Alles läuft in Zeitlupe und wie durch eine Nebel ab, aber es fühlt sich wunderbar an.

Die heute angekommenen Pilger werden verlesen, wir spitzen die Ohren. Letztes Jahr waren mit mir etwa 10 andere deutsche Pilger angekommen, die in Leon gestartet waren. Diesmal gibt es nur eine Alemana, die in Burgos gestartet ist, Wahnsinn. Jelle und ich erwachen gerade noch rechtzeitig aus unserem stillen Freudentaumel, um den einzelnen Belgier aus Ponferrada zu hören. Es ist komisch, was ein kurzer Satz in uns auslösen kann.

Nur noch übertroffen vom Anblick der dunkelrot gekleideten Herren, die den Botafumeiro hereintragen. Wahnsinnwahnsinnwahnsinn, wir bekommen den Botafumeiro. Jeder bekommt den Abschluss, den er verdient. Ein albernes Sprüchlein, aber in diesem Moment das Tüpfelchen auf dem i.

Wild rauchend wird er mit Weihrauch befüllt und dann von 6 Männern mit kräftigen, wohlkoordinierten Bewegungen in Schwung gebracht. Der Riesenkessel rauscht wirklich knapp einen Meter an mir vorbei. Als dann auch noch die Nonne wunderschön dazu singt und die Orgel donnert, komme ich aus dem Schluchzen nicht mehr heraus. Jelle nimmt meine Hand und drückt sie ganz fest. So sitzen wir, bis die Messe fertig ist und sich die Reihen leeren. Durch die Fenster oben fällt ein heller Lichtstrahl direkt auf unsere Bank. Wir sitzen still und vergießen Tränen.

Als ich aufschaue, sehe ich einen Pilger mit gesenktem Kopf den Hauptgang entlanglaufen. Er studiert gedankenverloren einen Zettel. Wir winken wie wild, denn es ist Angelo. Er kommt zu uns herübergeschwebt. Dass er in Santiago ist (und gerade die Messe verpasst hat), hat er noch nicht so recht realisiert. Er sucht jetzt erstmal den Platz, an dem er seine sorgsam aufgeschriebenen Wünsche ablegen will.

Anschließend wollen wir zusammen Angelos Empfehlung folgen und in einer Art Kloster übernachten. Dort war er auf seinem letzten Camino, es wäre sehr schlicht, aber eigentlich genau das, wonach es mir jetzt auch stehen würde. Leider hat es geschlossen, sodass wir doch wieder in das umfunktionierte Priesterseminar ziehen.

Für den Abend haben wir uns alle zusammen zum traditionelle Gratisessen im Parador verabredet. Bis dahin genieße ich eine ewig lange, dekadent heiße  Dusche, wir gehen in den Supermarkt, essen dekadent besondere Sachen wie Salätchen und Empanadas und sitzen in der Sonne auf dem Kathedralenplatz. Aurélie und ihre Mutter kommen am späten Nachmittag. Für freudige Umarmungen bleibt wenig Zeit, denn die Mutter ist müde und möchte jetzt schnell in die Herberge – noch bevor sie kurz in die Kathedrale können. Zum Glück ist Aurélie nicht übermäßig religiös, sodass es ihr nichts auszumachen scheint. Ich finde es recht beeindruckend, sie laufen seit 7 Jahren etappenweise am Jakobsweg ab Frankreich, haben nun endlich ihr großes Ziel erreicht – und gehen als allererstes in die Herberge.

Während meiner eher ziellosen Gänge durch die Gässchen Santiagos treffe ich auf Angelo. Er ist in philosophischer Bestform und erzählt mir von toten und lebendigen Wörter, ähnlich eindringlich wie die Geschichte mit dem Kuchen. So wie ich es verstehe, reden manche Menschen seiner Ansicht nach ohne Seele oder ohne wirkliche Überzeugung, nur Phrasen und Dahergesagtes. Und in anderen Worten lebt eben etwas, im Idealfall lebt dort Gott. Zum Abschluss schaut er mich wieder verträumt an, meint, ich würde lebende Worte reden und klopft mir anerkennend lächelnd auf die Schulter.

Am Abend warte ich schon eine Stunde zu früh als erste mit meiner Kopie vor dem Parador-Garageneingang. Auch Jelle und Angelo kommen wie besprochen kurz darauf, ebenfalls mit Kopie. Die beiden Französinnen dagegen lassen sich Zeit, erscheinen zeitgleich 10 Minuten zu früh mit einem Angestellten, der schon mal durchzählt und darauf hinweist, dass die Originalcompostela nicht geht und man eben eine Kopie braucht. Und die haben die beiden unbekümmerten Damen natürlich nicht. Ich renne mit ihren Originalen los, den gleichen Spaß hatten wir ja schon im Vorjahr, nur ist da Andi gerannt. Ich erwische eine Seitenstraße in Universitätsnähe, frage mich hektisch mit den Compostelas wedelnd nach einem Kopierer durch, sprinte mit meinen Flipflops wieder zurück und habe zumindest das theatralisch Dramatische, was heute morgen noch ein bisschen gefehlt hat, en perfection. Punkt 19.00 erscheint der Bedienstete und sammelt die entgegengereckten Kopien ein, wie eine Staffelholzübergabe drücke ich schnell noch die beiden französischen dazwischen und bin überglücklich. So auch der Rest der Gruppe, bis Aurélie bemerkt, dass ich jetzt ja gar nicht mehr drin bin, die 10 sind voll, und ich habe ja nicht angestanden. Das war mir schon auch klar und tut der Freude ja keinerlei Abbruch. Ich freue mich, meinen liebsten Mitpilgern den Abschluss im Parador ermöglicht zu haben und möchte mich gern nochmal ein wenig vor die Kathedrale setzen. Angelo findet das jetzt annähernd ähnlich kompliziert wie Einkaufen, dass ich da jetzt nicht mitkomme. Für mich ist alles fein, aber die Gruppe macht Kindergeburtstag und diskutiert (vor dem sichtlich genervten Angestellten und den restlichen Abendessenpilgern) so lange herum, bis sie beschließen, dann eben gar nicht zu gehen. Ich kann das nicht glauben und rege mich furchtbar auf. Zum einen, warum die da jetzt nicht einfach friedlich zu viert essen gehen können, zum zweiten, warum niemand akzeptieren kann, wenn ich sage, dass etwas gut so ist, und zum dritten, statt dessen gehen wir jetzt in glückseliger Großgruppe alle zusammen irgendwo feiern. Das ist ja so etwa genau das, was ich mir für meinen letzten Abend gewünscht habe. Arg. Ich bin konsequenter Selbstversorger, das ist eine Art persönliche Pilgerregel. Aber was ich will, zählt ja eh nicht, wie schön.

Wir suchen stundenlang nach einer passenden Essgelegenheit, natürlich gibt es bei fünf Leuten fünf Geschmäcker, und wenn einer davon noch Angelo heißt und mal wieder eine Formel aufstellt, wie das perfekte Restaurant sein soll, dann ergibt das genau das, was ich mir unter unkomplizierter Freiheit und Selbstbestimmtheit vorstelle. Ich bin denkbar schlecht gelaunt.

Wir finden eine urige, non-tourist Tapas Bar, nachdem Angelo beschlossen hat, dass es sowas sein soll und man, um diese zu finden, am besten schwangere Mütter mit Kinderwagen fragt. Nach einer repräsentativen Umfrage an ungefähr 10 Testpersonen gibt es zum Glück eine Häufung für eine Bar in der Nähe.

Wir probieren diverse Tapas durch, und ich muss sagen, so richtig viel ist mir Selbstversorger nicht entgangen. Muscheln in diversen Varianten sind sehr lecker, aber ansonsten überwiegt mein Groll, dass ich hier in ein Restaurant geschleppt wurde. Die glückliche Runde plant derweil heiter, dass man sich doch hinterher mal treffen könnte (oh ja, wir wohnen ja auch nur in Belgien, Frankreich, Italien und der Schweiz verstreut. Sehr realistisch). Ich grummele und grolle vor mich hin, wozu soll ich überhaupt noch was sagen.

Anschließend sitzen wir noch in der Herberge an einer Santiago-Torte, Aurélie hat nämlich Geburtstag, wie wir erst jetzt erfahren. Meine Grummelgrollstimmung verschwindet mit einem Schlag und macht einem eher schlechten Gewissen Platz, wie ich zu so einer missgünstigen Stimmung komme. Haben doch die vier auf ihr Parador-Essen verzichtet, weil ihnen unter anderem auch ich wichtig bin.

Passend zum Abschluss sind auch wieder die beiden Ungarn mit von der Partie. Irgendwann fällt mir auf, dass Jelle weg ist. Aurélie weiß, dass er noch ein bisschen spazieren gehen wollte. Um 22.00. Ich gehe ihn suchen und finde ihn wie erwartet nicht weit vom Eingang auf der Treppe sitzen. Der sonst so unerschütterliche Fels in der Brandung wirkt heute Abend etwas emotional verwirrt. Während ich mich ein Stück weit die letzten Tage immer mehr auf zu Hause gefreut habe, macht ihm der Abschied von allem sehr zu schaffen. Das Pilgern, wo er zum ersten Mal entspannen konnte, soll bald vorbei sein, zum ersten Mal hat er Freunde gefunden, das soll bald vorbei sein, hier konnte er zum ersten Mal seit Jahrzehnten weinen, hier kann er über Gefühle und Emotionen reden und hier nimmt ihn mal jemand in den Arm, wenn es ihm schlecht geht. Wie sich nun herausstellt, tut seine Frau das trotz „perfect relationship“ nie, und über Gefühle wird auch nicht geredet. Ich bin geschockt. Zugleich ziehe ich aber auch reflexartig meinen tröstenden Arm um die Schulter weg. Mir hat heute die Hand in der Kirche schon zu denken gegeben, die Moralpredigt bezüglich José und dass Hände nur nur nur was für den Partner sind, ist nicht einmal eine Woche her. Und „perfect relationships“ möchte ich gleich gar nicht relativieren.

So klopfe ich ihm dann lieber mal resolut auf die Schulter und überrede ihn, wieder in die Herberge zu kommen. Die erschöpfte Mutter sowie die Ungarn sind mittlerweile schon im Bett, und von Angelo und Aurélie verabschieden wir uns dann auch schnell ins Bett, nachdem sie wohl auch gerade einen schweren Abschied teilen.

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Seit gut einer Woche schälen wir uns morgens in noch etwas klamme Stiefel, legen sämtliche Schichten Fleece und Regenmontur an, laufen 5 Stunden mit gesenktem Kopf durch grauen Nieselregen, ohne Pause, um nicht kalt zu werden. Und finden es jeden Tag aufs Neue einfach wunderbar. Wenn das mal nicht Camino-Magie ist.

Ich bin froh, mittags an der Herberge Jelle zu treffen; wir sind die ersten und bekommen Luxusbetten. Die Herberge ist in kleine Nischen eingeteilt, zum Gang hin rechts und links ein Stockbett, und hinten hinaus zu einem kleinen Erkerfenster zwei Einzelbetten. Diese Einzelbetten haben wir bekommen, und es ist ein ungewohntes und ausgesprochen angenehmes Gefühl, sich gemütlich von Bett zu Bett unterhalten zu können, ohne einen Buckel machen zu müssen oder sich ständig den Kopf anzuschlagen.

Hier hat es neben dem Luxusbadezimmer auch noch eine Luxusküche, sodass ich endlich mal wieder meine geliebte Pilgermahlzeit kochen kann, Pasta mit Tomatensoße, Paprika und Oliven.

Recht früh am Nachmittag taucht auch Angelo auf; offensichtlich ist selbst ihm heute aufgefallen, dass es regnet und kalt ist. Er setzt sich zu uns in die gemütliche Bettenecke. Wir beschließen, heute Abend zusammen zu kochen. Jelle fragt, wann denn Aurélie kommt, und nachdem ich mir ein aussagekräftiges Grinsen nicht verkneifen kann, ist Angelo etwas verschnupft und meint, das wisse er doch nicht. Ach so.

Dafür ist Angelo heute in ungewohnter Plauderlaune. Als Consultant gibt er Jelle zuerst einmal Tipps, wie er seinen Beruf entstressen könnte. Es ist für mich eine interessante Erfahrung, Angelo einmal in einem anderen Licht zu sehen. Für mich ist er eher der verträumte, selig lächelnde Philosoph, und die Facette des erfolgreichen und scharfsinnigen Marketing-Menschen ist beeindruckend.

Anschließend wird es wieder philosophisch, wie ich ihn kenne. In einem sehr beeindruckenden Gespräch erzählt er von einem Buch über die Geschwister Scholl und ihren gewaltlosen Widerstand. Ihn hat das sehr bewegt und beeindruckt, vor allem, sein Leben für einen höheren Sinn zu geben. Ich verstehe, was er meint. Er erklärt einen Vergleich zu einem Kuchen, bei dem man an der Oberfläche bleiben könnte, oder es gäbe eben Menschen, die wollten tief in den Kuchen, wollen Fragen beantwortet, wollen mehr wissen, müssen Risiken eingehen. Die Situation ist einmalig und irgendwie bewegend. In unserem Eckchen sitzen wir auf unseren Betten, Jelle versteht nicht so furchtbar viel, während Angelo 10 Minuten mit leuchtenden Augen und seinem doch sehr ausgeprägten italienischen Akzent von „peoppel who a in da cake!“ und „peoppel who a not in da cake!“ philosophiert. Ob der Cake letzten Endes ein stimmiges Beispiel ist oder nicht, ich verstehe, was er meint und dass ihm dieses Thema in dieser Lebensphase sehr auf der Seele brennt. Auch mir ist das nicht fremd, und als er schließt, dass wir wohl beide „in da cake“ sind, ist das die schönste Beschreibung unserer Freundschaft überhaupt. Angelo strahlt mich stolz und zufrieden an, als wäre ich ein Goldklumpen, der ihm gerade vor die Füße gefallen ist.

Mit großem Hallo kommen die beiden Ungarn (bzw. nur einer ist laut. Der mit der Bundeswehrhose schweigt eigentlich immer). Auch Aurélie und Mutter treffen patschnass ein, zu Angelos sichtbarer Erleichterung. Wir machen gerade reihum Fotosession auf unseren Betten, auch Aurélie will knipsen. Es gibt tolle Nebelbilder, weil ihr Foto noch beschlägt. Und nachdem sie sich mit patschnasser Hose den beiden Herren auf den Schoss setzt, strahlen die Bilder nachher auch eine sehr ungekünstelte Heiterkeit und Ungezwungenheit aus.

Mit der ist es dann schlagartig vorbei, als Jelle, Angelo und ich losziehen, um für den Abend in großer Runde einzukaufen. Ich möchte am liebsten meine Paella machen und bin leider kein Anhänger der lauten Großveranstaltung. Auch nicht von stundenlangen Überlegungen im Supermarkt. Mein Vorschlag, dass ich doch einfach Paella mache als Vorspeise, und der Rest kann schauen, was er sonst noch machen möchte, ruft bei Angelo eine skeptisch-kritische Stirnfalte hervor. Man müsse doch jetzt erst einmal generell klären, ob die Paella nun erste oder zweite Speise sein soll. Er möchte dann die verwendete Reismenge noch in einem komplizierten Verfahren durch seinen Thunfisch und seine Eimenge multiplizieren, um auf den optimalen Eiweißgehalt verbunden mit der richtigen Kalorienzufuhr zu kommen. Allein schon die zwei verschiedenen Thunfischsorten bewegen ihn dazu, eine Abstimmung durchführen zu wollen, und bei seinen veranschlagten vier Eiern pro Person spar ich mir meinen Einwand dann auch ganz schnell, als er wieder mit der Muskelmasse-Wander-Energie-Logik aufwartet. In einem unbeobachteten Moment fallen Jelle und ich uns in die Arme in einer Mischung aus Verzweiflung und Amusement. Glücklicherweise läuft das bei uns sonst komplikationsloser.

Ich bin etwas genervt am Kochen, nachdem Angelo nun auch Zweifel hat, ob die Qualität meines Werkes zu dem Abend passt. Ich bin geneigt, das superkollegiale Gruppenessen zu verwünschen, es beschränkt  mich schon wieder enorm in meiner Camino-Freiheit.

Der laute Ungar möchte auch etwas zum Essen beitragen, er kocht uns eine typisch ungarische Suppe. Ich sehe, wie Angelo mit gerunzelter Stirn die primero-segundo-Frage durcheinandergewürfelt sieht und bin einem Anfall nahe. Zum Glück wendet er sich aber lieber konzentriert dem Aufschlagen seiner 28 Eier zu.

Meine Paella muss auf die geplante spezielle Würzung verzichten. Ich bin mir zwar sicher, mittags noch ein fast volles Glas Paprikapulver in der Küche gesehen zu haben. Als ich Jelle danach frage, zeigt er grinsend auf den Ungarn. Neben diesem steht tatsächlich das komplett entleerte Glas.

Wir sind mit Kochen und Tischdecken fertig, als ein älterer Amerikaner in die Küche kommt und sich sehr penetrant in unsere Runde einlädt. Für meinen Geschmack ist er ein bisschen merkwürdig, er möchte hinterher in einer Zeitung schreiben. Er findet es beeindruckend, „part of a historical movement“ zu sein. Irgendwie ist er so begeistert von dem Gesamtkonzept, den Klischees und was ja andere davon denken könnten, dass er ganz vergisst, wirklich darin einzutauchen.

Entgegen meiner leichten Abneigung gegen die auferlegte Großrunde und die gesamtheitlich beschlossene Feierstimmung ist es ein netter Abend. Selbst Angelo zeigt sich überrascht von meiner Paella, ich hätte die ja wirklich gekocht und gewürzt (was dachte der denn?). Zum Nachtisch gibt es Santiago-Mandeltorte von Aurélie.

Im Bett bin ich ein Stück weit erschöpft. Ich freue mich langsam aufs Ankommen sowie auch auf zu Hause, um meine neu gewonnenen Erkenntnisse in die Realität umsetzen zu können. Auch tut heute mein rechter Fuß ein bisschen weh; es passt genau, dass Santiago naht.

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