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Posts Tagged ‘Madrid’

Ich gebe mir Mühe, lange zu schlafen. Gegen 8 bin ich dann trotzdem wach und packe mit meiner Zimmerkollegin, während unter unserem Balkon mal wieder ein Taxi vorfährt.

Es ist ein komisches Gefühl, nicht mehr zu pilgern; ich überlege mir sogar, ob ich überhaupt noch mein Trekkinghemd anziehen soll. Ich plane etwas Sightseeing, Fototour mit meinem neu ausgerüsteten Foto, Souvenir-Shopping und einen letzten Supermarkteinkauf, für ein paar an den Camino erinnernde Alltags-Utensilien, bevor ich um 12 meinen Bus nach Madrid habe.

Im Gegensatz zu gestern ist die Stadt heute komplett ausgestorben. In der ein oder anderen Ecke kehrt ein Straßenkehrer, ansonsten keine Menschenseele. Auch die wenigen Läden machen keine Anstalten zu öffnen, und wenn, sind es nicht die Art von Läden (wie z.B. in Mérida), die mir vorschweben würden. Ein kitschiges Souvenir suche ich schon mal nicht; mir hätte vielleicht noch ein paar Ohrringe oder ein Kettenanhänger gefallen.

Mit einem Programmpunkt weniger mache ich mich also in der frühen Morgensonne auf Fotojagd, wobei auch das irgendwie schwierig ist. Überall um die Stadtmauer herum hat es kleine, schmale Gässchen. Direkt an der Stadtmauer sehen die Bilder dann eben aber auch so aus, wie direkt vor der Stadtmauer gemacht. Mir fehlt ein erschlagendes Panorama aus der Vogelperspektive.

So beschließe ich dann recht früh, schon mal den Supermarkt zu suchen. Es soll einen richtig großen Mercadona haben. Voller Vorfreude schlage ich mich durch die Straßen und durchquere halb Cáceres. Immer, wenn ich denke, irgendwie schon dran vorbei zu sein, winkt mich jemand motiviert lächelnd weiter, doch, doch, direkt um die nächste Ecke. Irgendwie sind das hier komische Spanier, jede nächste Ecke ist nochmal 10 Minuten weg. Und als ich den Supermarkt endlich gefunden habe, bin ich doch etwas desillusioniert. Aus England nehme ich mir z.B. immer gerne Teebeutel mit, damit ich die nächsten Monate noch oft eine Erinnerung an den Urlaub habe. Nicht umsonst ist England für das Teetrinken bekannt und Spanien nicht, so hält sich die spektakuläre Auswahl dann auch sehr in Grenzen. Ich kaufe Proviant für heute und morgen, in dem guten Gewissen, nicht mehr auf Gewicht achten zu müssen.

Gegen halb 11 beschließe ich dann doch sicherheitshalber, mich zum Busbahnhof aufzumachen. Der Supermarkt lag recht weit außerhalb, und zum Busbahnhof war es ja auch eine gewisse Strecke. Einen Plan habe ich nicht, ich hoffe, wie gestern überall die Busschilder zu sehen.

Obwohl ich richtig schnell unterwegs bin, brauche ich über eine halbe Stunde, bis ich überhaupt wieder auf Höhe der Herberge zurück bin. Ich werde fast schon ein bisschen unruhig. Ich halte mich immer links, so müsste ich nach meiner Orientierung eigentlich Richtung Busbahnhof kommen. Leider hat es wenig Schilder, und die Straße läuft auch ziemlich verschlungen nicht wirklich in eine Richtung. Ich stehe irgendwann ziemlich verloren in einem Häuser- und Straßenmeer und muss wieder vorbeieilende Spanier fragen, ob meine Richtung stimmt. Ich bin ziemlich im Stress, und gerade heute kann sich keiner auf „si“ oder „no“ beschränken, sondern redet liebevoll minutenlang alles mögliche, was ich eh nicht verstehe oder mir merken kann. Ich gucke laufend auf die Uhr, und jedesmal sind bereits 10 Minuten vergangen, ohne dass ich wirklich weitergekommen wäre. Es ist schon halb 12, von einem Busbahnhof weit und breit keine Spur. Ich kenne auch die Straßen nicht, die ich hier entlanglaufe. Es ist nicht das, wo ich gestern entlanggelaufen bin. Mich beschleicht das Gefühl, komplett in die falsche Richtung zu rennen. Mittlerweile habe ich wirklich schon fast Laufschritt drauf, ich muss ständig fragen und verzweifle fast, warum mir heute niemand einfach nur sagen kann „ja, Richtung richtig, weiter!“. Einmal frage ich, ob das in 20 Minuten machbar ist; nach ewig langem Überlegen meint die Passantin, nein, eher 25 Minuten. Oder 30? Nein, wenn man schnell ist, vielleicht ja doch 20? Eine andere frage ich, ob ich mit einem Bus dorthin schneller bin. Mit Engelsgeduld fragt sie, was ich für einen Bus möchte, ob Innerstadtbus oder der weiter weg fährt. Sie beginnt mir zu erklären, wo die Busse nach Madrid abfahren. Ich bin heute wohl ziemlich unhöflich und lasse alle mitten im Satz stehen.

Es wird Viertel vor 12 und 10 vor 12. Immer noch kenne ich die Gegend nicht, von dem eigentlich riesigen Busbahnhofs-Areal keine Spur. Ich laufe immer noch durch hohe Wohnblocks und Einkaufsstraßen. Ich habe seit Ewigkeiten nichts mehr getrunken, bin noch zu warm angezogen, habe weder Sonnenmilch noch Sonnenhut. Mir wird schon ganz komisch, vor allem aber ist mir zum Heulen zumute.

Es ist 5 vor 12, keine Chance. Ich bin komplett verzweifelt; mach doch, dass endlich dieser beschissene Busbahnhof kommt. In diesem Moment biege ich in eine Wohnsiedlung, deren Kinderspielplatz mir seltsam bekannt vorkommt. Ist das etwa…? Und wirklich, direkt dahinter erstrecken sich die Umzäunungen des Busbahnhofs.

Mit Tränen der Erleichterung und auch Berührtheit (es war das dritte, völlig unbewusste Stoßgebet innerhalb von wenigen Tagen, das postwendend erhört wurde), garniert mit verschwitzten Vorboten eines Hitzschlags, stelle ich eine interessante Erscheinung für die Wartenden dar. Mir bleibt sogar noch Zeit, meine Jakobsmuschel liebevoll und bedächtig vom Rucksack abzunehmen und sorgfältig in meinen Waschbeutel einzubetten, bevor er im Bauch des Überlandbusses verschwindet.

Den größten Teil der Fahrt verschlafe ich. Zwischendurch haben wir einen längeren Aufenthalt irgendwo im Nichts, bevor wir um 16.00 in Madrid ankommen. Für einen Moment spiele ich mit dem Gedanken, erstmalig ein paar Schritte in Madrid zu machen, entscheide mich dann aber doch in alter Gewohnheit direkt für den Untergrund zur Metro.

Ich finde die passenden Züge problemlos. Beim Warten fällt mir ein komplett schwarz gekleideter, etwas furchterregender Mann auf, der sich so mitten vor ein Gebläse stellt, dass ihm seine langen, schwarzen Haare vors Gesicht gepustet werden. Ein echter Eyecatcher.

In der Metro sitzt er mir wieder gegenüber, den Kopf diesmal gebeugt, sodass auch ohne Gepuste die Haare alles verdecken. Irgendwann fängt er mit zittrigen, fahrigen Händen an, in seiner satanistisch anmutenden Tasche zu kramen. Er beginnt allen Ernstes, ein Bändel zu knüpfen. (Er hat schon sicher 10 verschiedene am Handgelenk). Die gesamte Insassenschaft schaut entgeistert und wie hypnotisiert. Auch ich bin etwas hypnotisiert; ich folge mal wieder einer völlig verrückten Camino-Intuition, als ich ihn beim Aussteigen anstupse (woraufhin er erstmal einen Kopfhörer unter der Perücke hervorwurstelt und sich die Haare aus dem Gesicht streicht) und ihm mein Bändel hinstrecke. Wider Erwarten hat er ein hübsches Gesicht, eine sanfte Stimme und gepflegte Umgangsformen. Er bedankt sich und bietet mir dafür im Gegenzug sein in Arbeit befindliches Werk an. Zum Glück schließen sich die Türen bereits wieder, und ich muss einen Hechtsprung hinlegen.

Wird Zeit, dass es wieder der Normalität zugeht.

Mit einer zweiten Linie fahre ich Richtung Flughafen, wo ich in Barajas mein Hotel gebucht habe. Leider habe ich wieder keinerlei Ahnung, wo ich dort aussteigen soll, es hat 3 verschiedene Haltestellen. Ich entscheide mich für die mittlere. Nun komme ich doch noch zu meinen Schritten auf freiem Boden in Madrid. Die Passanten hier sind ähnlich hilfsbereit wie auf dem Camino; der erste kennt gleich mein Hotel und winkt weit ausholend „todo recto, todo recto“! Ich trabe frohgemut die Straße entlang und finde das Hotel auch sofort. Ich bekomme ein wunderschönes Zimmer, mit einem riesigen, weiß überzogenen Bett, Parkettboden und einem türkisen Bad voller Glas und Spiegel. Ich esse in Ruhe und verbringe bestimmt eine halbe Stunde im Bad, endlich mal ohne Hektik, mit Unmengen Duschgel und haufenweise duftender, weißer Handtücher.

Ich schreibe noch mein Tagebuch zu Ende und trenne meinen Rucksackinhalt schon einmal in Waschmaschine und Sonstiges. Ein komisches Gefühl.

Der Zwischentag tut gut, es ist ein langsamer Übergang wieder zurück in die normale Welt.

Am nächsten Morgen um 6 geht es wieder zur Metrostation und um 8 mit dem Flieger nach Hause.

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Mit etwas mulmigem Gefühl mache ich mich morgens mit dem Zug Richtung Flughafen Zürich auf. Im Januar habe ich meinen Flug gebucht für 2 Wochen Camino, angelegt auf Start in Burgos und Laufen ohne Planungsnot, so weit ich komme. Kaum habe ich den Credencial in Händen, fällt mein Blick auf die Landkarten auf der Rückseite, auf die Via de la Plata, auf die klangvollen Namen wie Sevilla und Salamanca. Etwas in meinem Inneren meldet sich. Ich beschließe, auf mein Herz (?) zu hören.

Nun sitze ich mit einem couragiert selbst geänderten Credencial mit Startpunkt Sevilla im Zug, der Beginn einer langen Anreise. Statt des Camino Frances, auf dem ich mich wie ein alter Hase fühle, die komplette Ungewissheit im Süden. Wie sind die Herbergen, die Etappenlängen, das Pilgeraufkommen, die Versorgungsmöglichkeiten… treffe ich keinerlei andere Pilger oder ist auch die Via de la Plata im Heiligen Jahr überlaufen? Wie sind die Temperaturen? Welche Strecken schaffe ich, seit einem Jahr untrainiert? Mein Rother Führer ist von 2006, dabei soll sich so viel geändert haben. Ich habe versucht, mich im Vorfeld durch irgendwelche Nachträge durchzuarbeiten und andere Führer zu konsultieren, aber diese Planung stresst mich. So habe ich auch glücklich mehrere Monate in der Illusion gelebt, um 12 in Madrid zu landen und gemütlich in 6 Stunden mit dem Bus nach Sevilla zu gondeln. Eine Woche vorher stelle ich fest, dass ich um 12 gerade mal starte, also viel zu spät für den Bus bin und mir nur der Schnellzug bleibt. Welchen von den vielen stündlich startenden ich erreichen kann, keine Ahnung. Wie lange braucht das Gepäck, wie lange die Metro mit zweimal umsteigen, wie schnell finde ich mich zurecht. Ich habe kurzerhand noch nichts gebucht. Eine Unterkunft habe ich immerhin schon reserviert, keine Ahnung wo, der Google maps – Ausdruck ist irgendwo im Rucksack. Beim Nachträge Wälzen bin ich auf einen Hinweis gestoßen, dass von diesem Hostal dringend abzuraten sei. Da habe ich dann endgültig die Nachträge säuberlich zum Altpapier gelegt und den gelben Führer vor der Abreise zurück in den Bibliothekskasten gelegt. Zu viel Planung, zu viele Meinungen und Tipps machen mich ganz wirr. Und das bin ich im Moment eh schon zur Genüge.

Ich bin froh, dass am Flughafen alles klappt. Mein riesiger Rucksack wandert in seinem Müllbeutel in ein vertrauenserweckendes Transportkistchen, mit Genugtuung registriere ich ein Gewicht im einstelligen Bereich, dabei habe ich 2 Liter Wasser und reichlich Proviant gebunkert. Mit geleerter Wasserflasche passiere ich den Sicherheitscheck, um sie mir hinterher am Wasserhahn wieder aufzufüllen, während jeder normale Flugreisende sich sein Wasser manierlich aus dem Automaten lässt oder einfach nett in einer Bar sitzt. Ich fange hier schon mal gleich mit meinen eher spartanischen Pilgergrundsätzen an, die auf Selbstverköstigung beruhen und Bars und Restaurants nur im Notfall zulassen.

Fliegen ist nichts für mich Frischluftpilger, gegen Ende wird mir richtig schlecht von der stickigen Luft und dem Gewackele bei der Landung. Wir stehen sicher noch eine Viertelstunde, bis die Türen endlich aufgehen, und ich sehe mich im Geist schon ausrasten und auf einen Notausgang zustürmen.

Der lange Weg zur Gepäckausgabe tut gut. Nach einem Refill meiner Wasserflasche setze ich mich gemütlich auf den Boden vor dem Gepäckband. Da tut sich natürlich noch nichts, aber ich habe ja zum Glück auch keinen Zug gebucht. Nach einer Dreiviertelstunde habe ich meinen Rucksack wohlbehalten auf dem Rücken und bin nochmal doppelt froh, ganz ohne Zeitdruck unterwegs zu sein. Einen Ausdruck des Fahrplans habe ich zwar auch im Rucksack, verbiete mir aber einen Blick darauf. Schneller geht es dadurch ja auch nicht.

Die Metro klappt reibungslos, und mein erster Blick auf die Uhr besagt 15.40, als ich in Atocha Renfe aussteige. Um 16.oo und 16.10 gibt es einen Zug, hervorragend. Mit großen Augen tappe ich durch den betriebsamen Bahnhof, wo mag es wohl ein Ticket für mich geben. Mein Blick fällt wundersamerweise auf eine Schalterhalle, wo ich auch fast sofort drankomme. Der Herr am Schalter scheint nicht angetan von meinem (billigeren) 16.10- Zug zu sein. Er redet viel und schnell, ich kapiere nur „completo“, der wäre ausgebucht. Erste Klasse hätte er da noch. Er guckt mich unfreundlich an und will schon den nächsten Kunden aufrufen. Ich frage beharrlich, was mit dem 16.00- Zug ist. Ja, da wäre noch was frei, muss er zugeben. Na also, denke ich kampflustig. Auf meine Frage, wo ich mit dem schönen Ticket jetzt hinmuss, wedelt er vage zum ersten Stock.

Einen kleinen Moment überkommt mich Panik, ich habe nur noch 10 Minuten und habe keine Ahnung, wo hier die Gleise sind. Aber im ersten Stock sehe ich direkt wie bei einem Flughafen die Abfahrthalle – sowie einen Gepäckcheck. Bei näherem Hinsehen mit Durchleutungsmaschinen und den selben Schildern wie vom Flughafen, was man alles nicht dabei haben darf. Ich bin völlig panisch und wirr, damit habe ich nicht gerechnet. Hier muss doch alles mit, und mit meinem Rucksackinhalt könnte ich gerade ein neues Schild entwerfen, wenn ich nur an mein Taschenmesser, Pfefferspray, Nagelschere und Co denke. Ich lege meinen Rucksack verzweifelt auf das Band und stehe in schlimmster Erwartung sämtlicher alarmierter Sicherheitsleute auf der anderen Seite. Die plaudern angeregt. Mein Rucksack ist schon wieder da und die plaudern immer noch. Häh? Kurzerhand schnappe ich ihn mir und laufe zu meinem Gleis. Später erklärt mir ein Pilger, dass sie dort nur Bomben suchen und ihnen alles andere egal ist.

Mein Kärtchen wird wie am Flughafen gescannt, bevor ich durch eine Tür auf die Gleise darf. Schon alles sehr seltsam. 2 Minuten vor 16.00 plumpse ich auf mein reserviertes Plätzchen, nehme einen obligatorischen Schluck aus meiner Wasserflasche und schlafe erstmal ein.

Beim ersten und einzigen Zwischenhalt in Cordoba bin ich wieder wach, mit einem satten Brummschädel. Ich nehme eine Tablette und stelle mit Blick auf mein Ticket fest, dass es ein „ida y vuelta“-Ticket ist, also hin- und zurück. Stolze 82 Euro vielleicht umsonst. Ich wollte nur eine einfache Fahrt. Vielleicht geht es nicht anders, oder der nette Mann am Schalter hat unseren kleinen Kampf der Unsympathien doch gewonnen. Egal.

In Sevilla stehe ich gegen 18.30 wieder mit großen Augen (und immer noch dickem Kopf) in der Bahnhofshalle, ich habe keine Ahnung, wohin. Ich teste mal zwei Ausgänge, ob ich da zufälligerweise irgendwo eine Kathedrale sehe oder ein Schild mit „centro ciudad“. Der Gefallen wird mir aber nicht getan. Mal wieder scheinen sich alle um mich herum auszukennen, und mal wieder hätte ein Hauch von mehr Planung vielleicht doch nicht geschadet. Ich laufe mal los in eine Richtung, die ich intuitiv als Hauptstraße ansehen würde. Zum Glück frage ich ein freundliches Paar nochmal nach dem Weg. Sie zeigen genau in die andere Richtung.

Ich mache mich immer geradeaus leicht rechts haltend in diese Richtung auf den Weg. Meine Herberge liegt irgendwo zwischen Kathedrale und Bahnhof. Mein schlauer Ausdruck ist leider so klein, dass nur jede 10. Straße mit Namen abgedruckt ist. Das erschwert die Ortung dann doch etwas. Nach menschenleeren Straßen wird es irgendwann wirklich zentraler und lebhafter. Als ich gerade wieder geradeaus leicht rechts haltend weiterlaufen will, fällt mein Blick in eine sehr belebte kleine Seitengasse – und auf den blauen Sonnenschirm, den ich aus dem Internet und Streetview kenne. Meine Herberge. Eigentlich schon wieder ein recht beängstigender Zufall. Da laufe ich eine halbe Stunde immer geradeaus leicht rechts haltend durch eine große Stadt und finde schlafwandlerisch mein Hostal.

Der Herr am Empfang scheint meine Reservierung nicht bekommen zu haben, oder ich verstehe ihn nicht. Egal, für 25 Euro bekomme ich ein Zimmer. Das schockt mich im ersten Moment etwas; im Erdgeschoss ohne Fenster erinnert es ein klein wenig an eine Höhle oder eine kärgliche Klosterzelle. Aber es hat zwei Betten und sogar ein Waschbecken und ist sauber, also eigentlich perfekt. Ich fülle schnell mein Wasser nach und mache mich gleich noch mit dem Foto bewaffnet auf in die Stadt.

Ich durchquere einen großen Park und sehe ein interessantes Türmchen vor mir, in dessen Richtung ich mal steuere. Es handelt sich um die recht beeindruckende Plaza de España. Leider hat der Fluss kein Wasser, ansonsten wäre es ein fotografischer Traum.

Wie in einem Traum fühle ich mich ohnehin. Ich laufe hier völlig plan- und ziellos wie ein Entdecker durch eine wunderschöne Stadt, die an jeder Straßenecke etwas neues, faszinierendes zu bieten hat. Die Temperatur wird in der Abendsonne mit 32 °C angezeigt, und es wimmelt von entspannten Menschen, die hier bummeln und sich an blühenden Bäumen und Orangenbäumen freuen, während überall Pferdekutschen mit leuchtend gelben Rädern stehen und fahren.

Als nächstes gehe ich Richtung Kathedrale und setze mich zugleich ergriffen und entspannt auf die Treppenstufen gegenüber. Der Bau ist viel zu groß, um ihn komplett zu erfassen, aber allein die vielen Türmchen in der Abendsonne… traumhaft. Bei der Umrundung erwische ich eine offene Türe und eine Messe. Nach einem Jahr endlich wieder ein „Vater Unser“ auf Spanisch. Faszinierender noch als die eigentliche Messe finde ich mal wieder das Publikum. Eine lateinamerikanisch anmutende Gruppe von jungen Leuten bevölkert samt Koffern mit Fluganhängern und Kinderwagen die Hälfte der Bänke. Vermutlich geht es hinterher direkt in gediegene Clubs, aber vorher wird sehr inbrünstig gebetet. Einfach nur schön.

Nach der Messe setze ich mich draußen schon wieder auf die Stufen und lausche einem Geiger, der von „Time to say goodbye“ über „Schwanensee“ alles sehr virtuos schmettert. Ich kaufe mir ein Eis und setze mich noch einmal abschließend vor die Kathedrale. Die Stimmung hier begeistert mich absolut. Einerseits ist die ganze Stadt auf den Beinen, aber ohne auch nur einen Hauch von Hektik. Ich würde am liebsten den ganzen Abend hier auf irgendwelchen Mäuerchen und Stufen sitzen – und einfach nur sitzen.

Gegen halb 10 mache ich mich dann schweren Herzens doch wieder Richtung meiner Bleibe durch das Barrio de Santa Cruz auf. Die kleinen Gassen sind voller Restaurants; an den Tischen draußen sitzen Familien mit kleinen Kindern. Hier findet das Leben wirklich erst zu späterer Stunde statt. Meine Intuition erlebt einen herben Rückschlag, als ich mich eine Viertelstunde später genau vor der Kathedrale wiederfinde. Sicherheitshalber gehe ich dann doch wieder den Weg an der großen Straße und durch den Park zurück.

In meinem Hostal ist es recht laut und englisch. Keine Ahnung, ob das andere Pilger sind oder Sprachstudenten. Ich schnappe mir meine Ohrstöpsel und gehe schlafen.

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Ich habe prima geschlafen und wache recht zeitgleich mit dem geplanten Weckerklingeln auf. Mein Gerümpel wandert recht lose in den Rucksack, dafür mein Pfefferspray aus den Tiefen einsatzbereit in die rechte Hand. Ich habe das gute Stück noch nie ansatzweise gebraucht, aber für den heutigen Rückweg zum Busbahnhof ist mir damit wieder einmal einfach wohler.

Heute brüllt mich aber keine dubiose Gestalt an, sodass ich vor dem Busbahnhof schnell wieder verschämt mein Döschen einpacke – nicht, dass sich noch jemand von mir bedroht fühlt.

Mein Bus primera clase wartet schon, ich bin sehr gespannt (und erleichtert, dass ausser mich auch ganz normale Leute warten und man nicht im Smoking reisen muss). Ich habe einen Einzelsitz in schwarzem Leder mit möglicherweise Teakholz, der Knüller kommt aber, kaum dass wir losgefahren sind. Für die nur knapp 10 Fahrgäste gibt es eine freundliche Bedienung, die rund um die Uhr von vorne nach hinten durchwandert und Säftchen? Bonbon? Kaffee? Frühstück? Keks? Wasser? Kopfhörer? Säftchen? Kaugummi? offeriert. Ich fühle mich wie im Paradies, und während wir ohne Unterbrechung bis nach León durchbrausen, erwische ich auch noch „Vivo per lei“ auf den Kopfhörern, was mir in dem Moment ein unheimlich gutes Gefühl vermittelt. Wir durchfahren Nebel und Schnee, aber gegen León wird es strahlend sonnig. Es gibt sogar ein Abschiedsgeschenk in Form eine Täschchens mit Spiegel und Bürste, welches ich aber schweren Herzens zurückgehen lasse. Schließlich bin ich spartanischer Pilger und habe einen hartumkämpften, möglichst leichten Rucksack.

In León erwartet mich erstmal extremer Trubel und erstaunlich viele Pilger, allerdings in Gegenrichtung. Es ist Ostern, und vermutlich endet hier für viele Spanier eine Teiletappe des Caminos. Ich erstehe noch schnell einen Film für meinen noch nicht digitalen Foto und mache mich frohgemut (und so spät wie noch nie) auf den Weg zu meiner ersten Etappe.

Mein Rucksack ist noch nicht sehr pilgertauglich gepackt, schon allein, weil ich noch 3 riesige Plastikdosen mit aktuell noch einer Kiwi, einer Karotte und einer Paprikascheibe herumtrage. Mein Rucksack sieht also riesengroß aus bzw. ordentlich schief. Ich suche verzweifelt meinen Sonnenhut in den Tiefen des Hauptfaches, erfolglos, bis ich irgendwann so ziemlich alles ausgepackt habe und auf dem Gehweg ausgebreitet. Zwei Pilgerinnen gucken schon recht interessiert und belustigt.

Mit hellblauem Schlapphut und immer noch schiefem Chaosrucksack überhole ich sie dann wieder. Sie fragen, woher ich denn komme, und bei „erster Tag“ merke ich eine gewisse Schadenfreude. Ich kann es ihnen nicht übelnehmen, dass sie den Eindruck haben, dass ich Pilgerneuling mich mit meinem schnellen Tempo und meinem riesigen (wenn auch superleichten) Rucksack übernehme.

Etwas später treffe ich am ersten Brunnen einen jungen Pilger mit schwarzem Hut, der sich freundlich als Chuck aus England vorstellt und sich anschickt, die nächsten Meter mit mir laufen zu wollen. Auch er freut sich sichtlich über mich vermeintlichen Pilgerneuling und erzählt mir ein wenig die Geschichte vom Pferd. Er hat ein recht stattliches Selbstverständnis, erzählt stolz von seinem Blog und – und da beginnt es zwischen uns schon etwas zu kriseln – er ist bis oben hin voll von seiner Sicht des Caminos. Egal, was ich sage, er widerlegt es mit irgendwelchen Weisheiten. Er findet, man könne eh nicht an das Pilgerleben früherer Zeiten anknüpfen, nur weil ich mich auf spartanische Herbergen und einen entbehrlichen Weg freue. Da hat er sicher recht, aber das will ich ja auch gar nicht. Unsere Kommunikation besteht zunehmend aus „a good discussion indeed“ und „fair argument, I can’t contradict you on that point“, sodass ich recht erleichtert bin, als er irgendwann von sich aus beschließt, etwas schneller allein weiter zu laufen. Wohlgemerkt, weil er sich nicht sicher ist, ob überhaupt noch ein Bett zu bekommen ist, zu dieser Zeit. Bei drei großen Herbergen auf der weniger begangenen Wegalternative wird da zumindest mir nicht allzu bang ums Herz.

Die Strecke ist wie immer wunderschön und betankt mich mit unergründlichen Energien. Einerseits knallt die Sonne, andererseits weht so ein scharfer Wind, dass ich mein Astorga-Stirnband dankbar herauskrame. Die Kombination Ohrenwärmer und Sonnenhut ist sicher auch ein Bild für die Götter.

In Villar de Mazarife entscheide ich mich gegen die bekannte, gute Herberge. Ich möchte diesen Camino nicht als Aufwärmen alter Erinnerungen betreiben. Nachdem die Strecke nun schon die gleiche ist, möchte ich wenigstens in anderen Orten stoppen – und nachdem auch das heute nicht geht, wenigstens in anderen Herbergen.

Ich muss über Chuck lächeln, als ich die Herberge betrete – kein Mensch ist zu sehen, und im offen liegenden Buch stehen heute bisher drei Pilger verzeichnet. Im Innenhof schnarcht ein Mann in der Sonne, und ein kleiner kläffender Hund ruft eine Spanierin auf den Plan, die mich einchecken lässt und mir ein leeres Zimmerchen mit 2 Stockbetten zeigt. Eine große Küche hat es auch, und trotz Samstag Abend hätte es einen Supermarkt, der auf Klingeln öffnet.

Ich kaufe schnell überglücklich etwas Pasta und Gemüse, um dann in Ruhe zu duschen, zu waschen und zu kochen. Ich fühle mich unheimlich glücklich und „angekommen“ in meiner Welt.

In der Sonne im Innenhof lässt eine Pilgerin ihre nasse Lockenpracht trocknen. Wie der schlafende Pilger strahlt auch sie eine unheimliche Ruhe aus. Auch im Gespräch ist sie sehr angenehm, sie pilgert zwar auch erst seit heute, war aber früher schon mal auf dem Camino. Kein Vergleich zu Chuck, sie nickt einfach viel mit leuchtenden Augen und einem blinden Verständnis.

Ein kleiner, etwas nervös wirkender Spanier gesellt sich zu uns, und gegen 20 Uhr kommen in aller Seelenruhe auch die beiden Pilgerinnen, denen ich heute als erstes begegnet bin. Sie sind glücklich über die Reste meiner Gemüsepasta.

Es wird schon ziemlich kühl, aber der Spanier und der Herbergsvater bauen kurzerhand ein Feuerchen im Hof auf, um das dann nicht nur unsere kleine Pilgergemeinschaft, sondern auch der Herbergsvater mit Tochter, Enkeln, Schwiegersohn und Großfamilie sitzt und steht. Marco dreht sich zwar immer noch etwas nervös und gehetzt eine Zigarette nach der anderen, durch gewisse Sprachschwierigkeiten hindurch entdecke ich aber auch eine deutliche Sympathie. Er hat ein weihrauchähnliches Pulver dabei, das er ins Feuer portioniert. Die lockige Holländerin Sanne dagegen lächelt still entrückt. Eigentlich wollen wir beide die Messe besuchen, aber nachdem sie erst um 22.00 ist, geben wir das Vorhaben dann doch auf.

Ich gehe ins Bett, bevor ich richtig durchfroren bin. Vorher lege ich Sanne, die todesmutig unter freiem Himmel im Innenhof ihr Nachtlager aufgeschlagen hat, noch ein Armbändel aufs Kopfkissen.

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Zum ersten Mal habe ich eine zweitägige Anreise vor mir. Morgens um 10 Uhr starte ich; nach 4 Stunden Zugfahrt und einmal Umsteigen bin ich am Flughafen in Genf. Dort warte ich eine halbe Stunde auf Öffnen des Schalters, in schweren Wanderschuhen und mit Fleecepulli und Regenjacke behängt inmitten zivilisierterer Spanienreisender. Mein Rucksack wandert wie immer routiniert in einen gelben Sack, und ich erfreue mich an einer Gewichtsanzeige unter 9 Kilo, dabei habe ich noch einen Liter Wasser und enorm viel Fressalien an Bord. Der Herr am Schalter bedeutet mir auf Französisch, meinen Rucksack nochmal hochzuheben. Ich ahne schon irgendwelche Komplikationen, dabei öffnet er nur mit gezieltem Tastendruck ein Kläppchen am Gepäcktransportband, aus dem eine große Kiste rollt, in die ich meinen Rucksack verstauen darf. Einen Gangplatz habe ich auch bekommen und bin also restlos glücklich.

Das Warten in Flughäfen vor Anzeigetafeln und an der Gepäckausgabe gehört ebenso wenig zu meinen Lieblingsbeschäftigungen wie der Flug an sich. Diesmal habe ich allerdings die erfreuliche Situation, auf keinen eventuellen Bus mehr hetzen zu müssen, sondern nur, innerhalb einiger Stunden in mein bereits gebuchtes Hotel zu gelangen. Insofern stresst es mich auch gar nicht, dass mein Rucksack wieder erst ewig spät auftaucht.

Die Metro kenne ich zum Glück auch schon wie meine Westentasche; das richtige Ticket lösen und Umsteigen löst kein Herzklopfen mehr aus. Allerdings fühle ich mich langsam mehr als erschöpft. Eine Pilgerin in der Großstadt passt einfach nicht.

Am Busbahnhof kaufe ich schon mal mein Ticket für morgen früh, um auch wirklich nichts dem Zufall zu überlassen. Ich möchte einen schnellen Bus, der mich nach 4 Stunden bereits nach León bringt, sodass ich am gleichen Tag noch eine Etappe loslaufen kann. Die Dame am Schalter kräht mit hochgezogenen Augenbrauen „superior!“, und als ich mit den Schulter zucke, schüttelt sie den Kopf und wiederholt „primera clase!“, als ob ich taub wäre. Ich weiß schon, dass ich mir da einen 5 Euro teureren Bus ausgesucht habe, aber so langsam bekomme ich Zweifel, ob man irgendwelche Bedingungen erfüllen muss, um in dieser ersten Klasse reisen zu dürfen, so wie sich die Dame aufführt.

Letztlich bekomme ich dann doch noch mein Spezialticket und mache mich auf die Suche nach meinem Hotel, 2 Metro-Stationen entfernt. Ich frage wieder ungerührt alles, was mir über den Weg läuft, und komischerweise sind selbst die schrägsten Gestalten liebenswürdig und hilfsbereit. Allerdings gucken sie recht zweifelnd und wedeln „weit, weit da hinten“.

Ich trabe eine halbe Stunde im Sturmschritt eine weitgehend verlassene Hauptstraße entlang. Dass es sich nicht um die beste Wohngegend handeln könnte, ist mir schon im Vorfeld in den Sinn gekommen. Dass aber außer mir um 18.00 keine Menschenseele unterwegs ist, macht mir ein wenig Angst. Passend dazu höre ich dröhnendes Gebrüll, und an der nächsten Straßenkreuzung entdecke ich den dazugehörigen Schwarzen, der mich über 4 Straßen hinweg andonnert, wohin ich will. Ich laufe nur noch viel schneller und bin heilfroh, dass er auf seiner Seite bleibt.

Auf Höhe des Bahnhofes wird mit einem Schlag wieder alles lebendiger und normaler. Die Straßen sind voller normaler Menschen, der Bahnhof an sich sieht wunderschön und edel aus, und die präsente Polizei nehme ich gleich mal für eine Wegbeschreibung in Beschlag. Mein Hotel ist direkt in Sichtweite, und jegliches Straßenunwohlsein gibt sich mit einem Schlag, als ich in die gepflegte Lobby eintrete.

Die zwei Herrschaften an der Rezeption wahren Contenance bei meinem vom Winde verwehten Anblick und wissen sogar schon, wer ich wohl bin. Auf Englisch werde ich nach Zimmerpräferenzen gefragt, und der schönste Moment des Tages ist es, den Schlüssel im Schloss hinter mir umzudrehen.

Ich ersticke schier, es ist ewig warm in meinem Zimmerchen, und ich kämpfe sicher 15 Minuten erfolglos und erschöpft mit dem Fenster, bevor ich endlich den Mechanismus durchschaue und es aufbekomme. Ich dusche noch schnell, wonach ich mich schon deutlich besser fühle. Das Bett ist wunderschön, strahlend weiße kühle Laken, dazu die kühle Abendluft. Ich bin zwar total fertig, in total ungewohntem Umfeld, aber soweit hat alles geklappt, ich bin dankbar und freue mich auf morgen. Endlich wieder Camino!

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Passend zum heißersehnten Urlaub habe ich mir eine Erkältung eingefangen. Meinen Rucksack habe ich seit Wochen mit der Küchenwaage daneben gepackt, um jedes Gramm gefeilscht und mich von vielem getrennt. Nun nehme ich plötzlich doch noch Nasenspray und Tabletten und Erkältungstropfen mit – im Glasfläschchen, unglaublich. Bestimmt wieder 40g Gewicht allein durch das Glasfläschchen.

Normalerweise würde mich Tage vor einem Urlaub schon eine gewisse Panik überkommen, erst recht, wenn ich krank bin. Diesmal bin ich erstaunlich ruhig und denke, wenn es sein soll, wird es schon werden. Mich beunruhigen keine Streiks und keine sonst üblichen Gedanken, was alles schiefgehen könnte.

Um 4 Uhr morgens sitze ich im Flughafen von Stuttgart (bzw. habe wegen der Uhrzeit und dem dicken Kopf eindeutig das Gefühl, neben mir zu sitzen). In Frankfurt habe ich nur 30 Minuten Zeit zum Umsteigen, und wie durch ein Wunder sehe ich noch im letzten Moment den Abzweig durch die Katakomben zu meinem Abflug, anstatt instinktiv der breiten Masse in die falsche Richtung nachzuhetzen. Ich treffe auf die Minute genau richtig ein, sitze postwendend im Flieger und schlafe noch vor dem Abflug ein (so viel zum Thema meiner Flugangst). Auch in Madrid habe ich eigentlich keine Ahnung, wie es jetzt weiter geht. Meine Spanischkenntnisse sind mau, ich habe zwei Volkshochschulkurse besucht und mich durch einen Band Harry Potter gearbeitet. Sollte eine Hexe auf mich warten, könnte ich wohl mit Gesprächen über Zauberstäbe punkten, aber ansonsten habe ich wenig Vorstellung, wie sich meine 3 Wochen in Spanien kommunikativ gestalten könnten.

Aber ein Spanier macht mir verständlich, welches Ticket ich brauche, es hält eh nur eine Metro-Nummer und auch das Umsteigen geschieht mit sprichwörtlich schlafwandlerischer Sicherheit. Ich erreiche den Busbahnhof 3 Stunden vor Abfahrt meines Überlandbusses und bin erstmal sehr dankbar, schon so weit gekommen zu sein. Der Bahnhof selber macht mir aber ein etwas mulmiges Gefühl. An den Wänden hängen große Informationstafeln, denen ich entnehme, daß vor Kriminellen gewarnt wird. Man soll sich nicht ansprechen lassen, niemandem antworten, auf niemanden reagieren. Die weiteren Ausführungen verstehe ich leider nicht und bin nur etwas beunruhigt. Die nächsten Stunden verbringe ich also etwas paranoid und rücke selbst vor Familien und Nonnen mißtrauisch zur Seite.

Mein Bus kommt pünktlich, ich stehe am richtigen Gleis und meine Buchung ist sogar eingegangen. Eigentlich nicht weiter verwunderlich, aber ein Glücksmoment für jemanden wie mich, der im normalen Leben jede Eventualität durchdenkt, sich immer den worst case ausmalt und sich in Gedanken schon hundertmal die spanischen Worte zurechgelegt hat für „ich habe meinen Bus nicht erreicht und bin jetzt mitten in Madrid verloren gestrandet, bitte helfen Sie mir“.

Die 5 Stunden Fahrt verschlafe ich etwas fiebrig, glücklicherweise habe ich in dem fast restlos gefüllten Bus keinen Nachbarn und kann mich querlegen. Kurz vor Ankunft schaue ich aus dem Fenster, lasse die kleinen Dörfer auch mich wirken, genieße die spanische Abendsonne. Und mein Herz schlägt höher, als ich die ersten bekannten blau-gelben Schilder mit der Muschel sehe, die die Dörfer als Jakobswegstationen ausschildern oder gar vor Pilgerüberquerungen warnen. Am liebsten würde ich alle in diesem Bus schütteln und Ihnen die Schilder zeigen, Leute, da ist der Jakobsweg! Aber glücklicherweise schüttele ich niemanden.

Als mich der Bus in León ausspuckt, holen mich für einen Moment wieder meine Sorgen ein. Es ist schon nach 20.00 und mein spanischer Satz formt sich in meinem Kopf zu „bitte, ich habe keine Herberge mehr gefunden, geben Sie mir einen Platz zum schlafen“. Da entdecke ich vor mir 3 dicke Rucksäcke mit Beinen, die zielstrebig loslaufen. Es handelt sich um 3 Schwestern, die sogar deutsch sprechen, im Sommer schon bis León gelaufen sind und daher wissen, wo die Herberge ist. Und die sich offensichtlich keine spanischen Sätze zurechtlegen, sondern in aller Ruhe erst noch in einem Sportgeschäft einkehren, um einer Schwester einen Rucksack zu kaufen. Diese Ruhe und Gelassenheit macht mich doch etwas baff.

Die Herberge hat offen, die kleine Spanierin am Empfang ist freundlich, und es sind noch Betten frei (schon wieder drei Selbstverständlichkeiten, die ich monatelang anders gesehen hatte). Es gibt sogar einen Supermercado, der noch offen hat und den ich finde.

Gegen 21:00 sitze ich mit Brot und Käse und einer Dose Kás, einer Erinnerung aus 2006, in der gleißenden Abendsonne vor der Kathedrale von León und habe das Gefühl, mir liegt die Welt zu Füßen.

Vor dem Schlafengehen gibt es noch einen Pilgersegen der Nonnen der Herberge. Wir stehen im Kreis, bekommen Zettel, sollen wohl etwas lesen und ich verstehe absolut nichts. Leider pickt mich die ununterbrochen redende Nonne auch noch heraus, ich verstehe noch weniger. Offensichtlich soll ich mich hinsetzen, weil ich nicht so recht fit aussehe. Ich bin recht froh, als ich abends endlich im Bett liege. Der Tag war lang, im Vorfeld sehr sorgenumwoben und ja, ich war auch schon mal weniger erkältet.

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