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Posts Tagged ‘Torres del Río’

In aller Frühe raschelt und kramt es wild in meinem kleinen Schlafsaal. Eine vierköpfige Gruppe Spanier befindet sich im Aufbruch. Dagegen habe ich nichts einzuwenden, laufe ich ja selbst gerne früh und in Ruhe. Allerdings bemühe ich mich sehr um Geräuschlosigkeit, packe am Vorabend das meiste vor und lasse am Morgen den Rest möglichst leise in meinen Schlafsack rutschen, um dann außerhalb der Schlafräume das finale Packen in Angriff zu nehmen.

Die Herrschaften hier packen gut und gern eine Viertelstunde, rascheln wie wild, unterhalten sich dazu und sind derart rücksichtslos, dass ich am liebsten wutentbrannt irgendwie ausrasten würde.

Ich beherrsche mich, bin aber leider auch schon wieder hellwach. Dabei wollte ich doch nicht mehr bei Nacht los, und nachdem ich momentan aus Rücksicht auf meinem Fuß und die Zeitplanung eh nur Minietappen laufe, hätte ich für die 20 km auch gerne etwas länger geschlafen.

Vor der Herberge lasse ich meinen Schlafsack auf die Straße plumpsen und sortiere alles in den Rucksack. Auf dem Bänkchen vom Vorabend sitzt zu meiner Überraschung Jan in Aufbruchstimmung. Soviel zum großspurigen „mitten in der Nacht Loslaufen“.

Wieder kenne ich den Weg und komme mit meiner Stirnlampe gut zurecht, obwohl es wirklich stockfinster ist. Nach einer Weile kommt der Mond hinter den Wolken hervor, und nachdem der Weg hell geschottert ist, brauche ich nicht einmal mehr die Lampe, so deutlich leuchtend hebt sich der Weg vom übrigen Dunkel ab. Es läuft sich wunderbar, irgendwie auch besonders. Über mir ein Sternenmeer.

Offensichtlich sind heute schon viele vor mir aufgebrochen, denn an vielen Wegkreuzungen treffe ich auf Grüppchen, die mit diversen Stirnlampen in diversen Karten versinken. Ich komme dunkel aus dem Nichts und verschwinde zielstrebig auch wieder im dunklen Nichts, sehr zur Verwunderung der anderen Pilger, die von der stockfinsteren Nacht eher eingeschüchtert wirken. Eigentlich weiß ich auch nicht, woher ich den Weg so genau weiß. Vielleicht ist es eine Art Vertrauen in die Intuition. Irgendwie geht es doch immer in die gleiche Richtung. Wenn ich seit ein paar Kilometern immer geradeaus laufe, wieso soll der Weg dann nicht auch an einer Kreuzung geradeaus weiter gehen.

Ich erlebe einen unheimlich schönen Sonnenaufgang, passiere Olivenbäume und helles Gras. Die Blase an meiner Ferse tut zwar weh, beeinträchtigt mich aber nicht.

Ich erreiche Viana, wo ich fast schon traditionell eine Bäckerei aufsuche. Das frühe Loslaufen ohne Frühstück ist mir zur Gewohnheit geworden, dafür stürme ich dann nach der ersten Stunde in dem nächsten Ort eine Bäckerei und lasse mich von etwas ganz Frischem verwöhnen. Ich entdecke eine kleine Bäckerei am Straßenrand. Es scheint sich um eine Art Fabrikverkauf zu handeln. Der Laden ist zwar klein und minimalistisch, aber es herrscht ein Betrieb wie in einem Taubenschlag – und es hat Unmengen hochspannender Sachen. Ich erstehe einen Mandelzuckerfladen und ein gigantisches Schokocroissant.

Dieses esse ich gerade überglücklich in den ersten morgendlichen Sonnenstrahlen, als mein Blick auf einen Schlecker fällt. Magisch angezogen trete ich ein und frage eine Verkäuferin nach einer Hirschtalgcreme. Genauergesagt greife ich wahllos nach einer Gesichtscreme aus dem nächsten Regal, zeige darauf, auf meine Füße und sage „ciervo“. Wundersamerweise weiß sie, was ich meine, schüttelt aber bedauernd den Kopf. Dafür zeigt sie mir ein Riesenregal mit wunderbaren Fußpflegecremes, und mit einer astronomisch großen (und schweren) Riesentube mit klangvollen aetherischen Ölen und wundersamen Wirkungslobpreisungen verlasse ich überglücklich den Laden. Jetzt kann doch nur alles gut werden.

Ich muss an João denken. Er würde sagen, dass ich heute wieder floate. Nach einer gefühlten Ewigkeit von Fußproblemen, Unsicherheit und gedrückter Stimmung habe ich heute wieder meine Flügel oder mein Wölkchen.

Kurz vor Logroño kaufe ich am Stand der verstorbenen Doña Felisa endlich „meine“ Pilgermuschel. Die hektisch gekaufte in SJPdP war mir noch nie so recht geheuer. Und es hat die kleinen, silbernen Muschelanhänger, die ich ein Jahr vergeblich in Santiago gesucht habe. In der Meseta habe ich mein Wunschobjekt dann gefunden und bis zum heutigen Tag ohne Unterbrechung getragen. Für mich hängt sehr viel an dieser Muschel, und nachdem ich große Panik habe, sie irgendwann unersetzlich zu verlieren, bin ich froh, hier einen Ersatz zu finden. Auch wenn er das nie so ganz sein könnte.

Wie auch zwei Jahre zuvor möchte ich in Logroño in der großen Herberge übernachten. Und wie damals wird meine Geduld auf eine harte Probe gestellt. Ich bin viel zu früh da, und nachdem die Tür zur Herberge mitten an einer engen Straße im Schatten liegt, setze ich mich ein paar Meter entfernt auf eine Bank an einem Spielplatz. Die Bänke dort füllen sich mit wartenden Pilgern. Alles ist friedlich, bis hektisch die vier Spanier vom Morgen um die Ecke kommen und besitzergreifend ihre Rucksäcke vor die Tür schmeißen. Ein Teil der wartenden Pilger steht nun auch auf und legt seinen Rucksack in die neu entstandene Reihe. Es gibt Turbulenzen und Streitigkeiten, wer zuerst da war. Eigentlich ist es vollkommen egal, denn Betten hat es allemal genug, und ob ich nun als Nummer 1 oder 20 einchecke, ist mir auch recht egal. Aber plötzlich ist die Hälfte der Pilger missgünstig und misstrauisch. Ich finde es albern, die halbe Straße mit Rucksäcken zuzustellen und dann auch noch am Rucksack in der Kälte warten zu müssen, weil sonst gilt es ja nicht, sonst könnte man da ja auch für andere einen Rucksack hinstellen, wie jemand eine neue Regel gekonnt aus dem Ärmel schüttelt. Nach zwei Stunden Warten bekomme ich wie schon einmal einen Rappel, schnappe mir meinen Rucksack und suche das Weite. Es soll noch eine weitere Herberge geben, weniger schick und luxuriös, spartanisch und auf Spendenbasis von und bei der Kirche. Ich suche eine Weile ohne Erfolg, auch kennen tut diese Herberge niemand. Zudem scheint heute ein besonderes Fest zu sein, die ganze Stadt ist auf den Beinen, schon leicht angeheitert und kurz angebunden.

Nach einer Weile entdecke ich ein handgeschriebenes Blatt an einer Tür, klingele und werde wirklich von einer Hospitalera empfangen. Der Empfang ist freundlich, bei der „Herberge“ muss ich dann aber doch einen Moment schlucken. Es handelt sich um einen großen Raum, an dem dicht an dicht dünne Matten auf dem Boden liegen, abgewechselt von einem alten Stuhl pro zwei Matten. Außer mir ist kein Mensch da (es verwundert mich auch nicht wirklich), und ich fühle mich sehr verloren. Die Mattenhalle ist trostlos, aber hinausgehen ist auch moderat. Zum einen muss ich jedesmal wieder um Einlass klingeln und die Hospitalera eine Treppe hinunterjagen, zum anderen ist die Fiesta nun in vollem Gange. Die Straße ist wild mit Autos zugeparkt, und durch die verbliebenen Gässchen drängen grölende Jugendliche. Während ich meine Wäsche aus dem Fenster hänge, gehen unten zwei Banden aufeinander los, werden Flaschen und Becher geworfen und hinter und zwischen die Autos uriniert. Alles ist so ungewohnt laut, dass es mir einfach Angst macht.

Einige Stunden sitze ich ziemlich trostlos auf meiner Matte. Ich vermisse Freunde oder überhaupt bekannte Gesichter, komischerweise würde ich auch Thomas sehr gern wiedertreffen. Ich versuche zu beten, kann mich aber nicht konzentrieren. Ich plane grob meine nächsten Etappen. Jetzt, da ich wieder besser laufen kann, sind die zu erwartenden 4-Stunden-Wanderungen jeden Tag nicht wirklich erbauend. Ich ärgere mich über fest geplante Heimflüge und ohnehin zu wenig Zeit. Ich fühle mich noch nicht einmal richtig auf dem Camino angekommen und bin in Gedanken schon wieder auf dem Heimweg. Nicht nur meine Schuhe und meine Füße scheinen sich gegen mich zu stellen, sondern der ganze Camino scheint mir nicht so ganz wohlgesonnen zu sein.

Dann setzt plötzlich ein ziemlicher Pilgerstrom ein. Die große Herberge mit fast 90 Betten ist bereits überfüllt, und nun werden zu meiner großen Freude alle übrigen hierher umgeleitet. Mit einem Schlag ist die Halle erfüllt von dem üblichen Pilgertreiben. Ich komme ein Stück weit wieder zur Ruhe und vergesse das Chaos in den Straßen draußen. Bekannte Gesichter erkenne ich zwar nicht, aber neben mir lassen sich laut vier füllige spanisches Mitglieder eines Bläserorchesters nieder, sonnige Frohnaturen.

Zur Messe wühle ich mich kurz todesmutig durch die feiernde Menge, es sind ja zum Glück nur ein paar Meter. Es gibt Orgel und Gesang vom Band, ich zünde eine Kerze an.

Um 20:30 gibt es in der Herberge für alle ein gemeinsames Abendessen auf Spendenbasis. Während wir auf Einlass warten, komme ich mit einem älteren Holländer ins Gespräch. Lustigerweise haben wir uns schon mal getroffen – am allerersten Tag, als ich panisch schnell Richtung Pyrenäen losgelaufen bin. Wir reden gut eine halbe Stunde, und es tut sehr gut. Er ist ruhig, weise, verständig und feinfühlig. Ein Pilger eben.

Das Abendessen ist lecker und schön, auch wenn mir eine Deutsche gegenübersitzt, die ein bisschen merkwürdig ist. Sie schockt ihre Nebensitzer mit ungewohnt forschen Fragen und unpassenden Kommentaren, sucht ungefragt zur Befremdung der Hospitaleros auf eigene Faust in der Küche nach zusätzlichen Gewürzen und tauscht sich mit mir in voller Lautstärke auf Deutsch über ihre komischen Nebensitzer und die komische Herberge aus. Ich sitze ein bisschen auf Kohlen mit Sorge, was sie als nächstes bringt, aber zumindest sie scheint sich wohl zu fühlen. Und eigentlich bin ich ja nicht für jemanden verantwortlich, nur weil er meine Sprache spricht.

Zum Abschluss kommt der Pfarrer und lädt uns zu einer kurzen Andacht ein. Dafür, dass sich die wenigsten aus freien Stücken für diese kirchliche Herberge entschieden haben, ist die Resonanz beeindruckend. Fast komplett leitet er uns durch verwunschene unterirdische Katakomben direkt in die Kirche, wo wir in geschnitzten Bänken, in denen sonst wohl die Nonnen oder Mönche sitzen, Platz nehmen dürfen.

Die kleine Messe für uns klappt nicht so ganz reibungslos. Ich verstehe mittlerweile schon etwas Spanisch und bin die misas oder auch Pilgerandachten gewohnt. Für die meisten fühlt sich das hier wohl zu fremd an. Der Pater fordert auf, in der eigenen Sprache ein Gebet zu lesen. Über Jahre, auch auf dem Camino, war meine größte Angst, in einem Gottesdienst etwas sagen zu müssen. Ich spreche ohnehin sehr leise, Mikrofone machen mir aber auch Angst, noch dazu bin ich nicht wirklich katholisch. Ich könnte ganze Alpträume damit füllen, wie ich vorne am Altar ein Gebet auf Deutsch sprechen soll, aber die einfachsten Gebete nicht kann, mich falsch bekreuzige oder sonst etwas falsch mache. Hier scheint es der gesammelten Meute ganz genauso zu gehen (sofern sie die Aufforderung überhaupt verstanden haben), und als alle Deutschen gemeinsam ein Gebet lesen sollen und aus unerfindlichen Gründen nur ich laut lese, macht es mir überhaupt nichts aus und nichts geht schief. Wow.

Was leider auch keiner versteht, ist ein eigentlich sehr schöner Brauch, dass Menschen in der Kirche hier, ob Pilger oder Touristen, Wünsche und Gebete auf kleine Zettel schreiben können, die in eine Box geworfen werden. Am Abend werden diese dann nach Sprachen sortiert und an die anwesenden Pilger verteilt. Man soll dieses Gebet jeden Abend bis nach Santiago beten, oder falls man früher aufhört, einfach noch ein paarmal zu Hause. Ich bin sehr berührt, schreibe natürlich auch gern einen eigenen Zettel. Viele der Zettel von Pilgern drehen sich um den Wunsch, dass alle gut Santiago erreichen mögen, Gebete für Mitpilger, für Zuhausegebliebene, für die dieser Weg gegangen wird. Ich halte meinen Zettel kurz und allgemein und vertraue darauf, dass Gott schon weiß, über wem er seine Hände schützend ausbreiten soll. Zumindest über João, der kleinen harten Dänin, Thomas, dem Ruanda-Franzosen, den kanadischen Brüder, Marek, den beiden Süddeutschen, dem fußlädierten Belgier…

Während ich noch am Denken und Beten bin, sind die anderen Pilger schon unbemerkt zur Turmführung aufgebrochen. Eine Hospitalera steht für mich noch geduldig wartend im erleuchteten Türrahmen. Ich schnappe mir meinen Betzettel und folge durch die steinernen Gänge und Wendeltreppen. Mir wird Angst und Bange von der Höhe. Erster Stop ist über dem Kirchenschiff. Ich weiß nicht, wie ich mir so eine Konstruktion vorgestellt habe, aber irgendwie filigraner und dünner. Nach unten zur Kirche hin sauber abgeschliffen, sind von oben riesige Felsbrocken zu sehen. Die Schicht ist mehrere Meter dick. Ein komisches Gefühl, so sicher unten in der Kirche zu sitzen mit vielen Tonnen Stein über einem.

Dann geht es weiter in die Türme, auf schmalen Steinstufen immer höher in die Nacht. Mir wird ziemlich anders. Das Panorama ist atemberaubend, aber ich bleibe lieber in der Mitte und bin dann doch auch wieder schnell an der Treppe. Wir stehen inmitten der riesigen Kirchenglocken, die zudem auch noch zu schlagen anfangen. Beeindruckend, bewegend und auf mich auch ein bisschen einschüchternd.

Anschließend folge ich gerne der Bitte des Pastors, den Hospitaleros beim Abwaschen zu helfen. Wir waschen in zwei Schichten zu vier Leuten, aber ein Mehrgangmenü für über 30 Leute zieht wirklich beeindruckende Geschirrmengen nach sich. Ich bin ziemlich verschwitzt und verspülwassert, als ich mich gegen 23.00 zum Schlafen fertig mache. Eine sehr ungewohnte Zeit für einen Pilger. Ich bete das mir anvertraute Gebet. Leider ist es wohl nicht von einem Pilger. Es ist ein klein wenig egoistisch und in erster Linie materiell besorgt, aber ich soll es ja einfach beten.

Nachdem ich heute mittag noch gar nicht beten konnte, bin ich mit der Wendung des Abends sehr versöhnt. Die Matte ist zwar tierisch ungemütlich, aber ich fühle mich, wie sich ein Pilger für mein Verständnis fühlen sollte. Müde, erschöpft und nah bei Gott.

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Ich verbringe eine sehr behütete Nacht. Vielleicht liegt es an dem sanften Schnorcheln meiner Herren zwischen 50 und 80 Jahren. Ich hätte nicht gedacht, dass ich Schnarchen jemals als angenehm empfinden könnte oder dass man gefühlt „gepflegt“ schnarchen kann.

Heute habe ich mich zu einer weiteren Kurzetappe entschlossen, nur 20 km bis Torres del Río. Folglich habe ich alle Zeit der Welt, und als wahrscheinlich gegen 6 der Wecker der beiden Schweizer klingelt, mache ich es mir nochmal gemütlich.

Trotzdem bin ich schon wieder im Dunkeln auf dem Weg, nachdem die meisten anderen noch ausgiebig Frühstück in der Herberge genießen. Auf meinem ersten Camino habe ich mich hier gehörig verlaufen, insofern kenne ich jetzt den Weg mit seinen nächtlichen Feinheiten und unerwarteten Abzweigungen. Trotzdem ist mir heute unwohl bei den leuchtenden Augen in Gebüschen und auf Feldern, die von meiner Stirnlampe reflektiert werden. Meist sind es wohl Katzen.

An einer Abzweigung finde ich beim besten Willen keine Markierung, meine Erinnerung versagt auch, und ich bin recht unleidig. Auf den vollen Sonnenaufgang will ich auch nicht warten, so gehe ich einfach mit ungutem Gefühl in eine Richtung weiter. Ich habe Glück, nach ein paar hundert Metern beleuchtet mir der Sonnenaufgang einen der liebgewonnenen gelben Pfeile.

Heute ist mein Kopf ziemlich rege, wenn auch nicht gerade überschäumend optimistisch. Mein Fuß beschäftigt mich. Diese Flut von Blasen verstehe ich nicht. Ich wandere nicht zum ersten Mal, weiß eigentlich, an welchen Stellen ich Blasen bekomme und wie sie geartet sind. Dass sich hier die ganze Haut ablöst, was soll das. Ich werfe meinen Wanderschuhen einen wütenden Blick zu. Sie sind ein billiges No-Name Fabrikat, eigentlich bequem, aber die Farbe und Form hat mir von Anfang nicht gefallen. Wir sind keine Freunde, ergänzen uns nicht, super. Auch von meinen Füßen verspüre ich wenig Freundschaft; ich habe fröhlich am Gewicht gespart und hätte nicht im Traum daran gedacht, dafür eine Fußcreme mitzuschleppen. Vermutlich nehmen sie jetzt dafür Rache. In der nächsten Stadt werde ich als allererstes eine Fußcreme kaufen.

Zu meiner reumütigen Stimmung passend muss ich, wie auch die vergangenen Tage immer wieder, an Marek denken und an seinen Wutausbruch. Auch da fühle ich mich ziemlich klein und schuldbewusst. Rege ich mich doch selber gerne auf, wenn jemand allwissend und besserwisserisch meint, die Wahrheit für sich gepachtet zu haben und zu wissen, dass so wie er lebt und erlebt, es jedem gehen muss.

Alles in allem fühle ich mich heute einfach sehr schuldbewusst und wie ein Anfänger, der gerade gehörig die Leviten gelesen bekommen hat und dem dämmert, dass er allein und mit seinem Willen rein gar nichts ist.

Los Arcos erreiche ich eine halbe Stunde vor 9. Die Geschäfte haben noch geschlossen, aber ich positioniere meinen Rucksack und mich schon mal reumütig vor der dortigen Apotheke. Und konsultiere mein Mini-Wörterbuch, was „Hirschtalg“ heißt. Das findet sich natürlich nicht, aber „ciervo“ heißt immerhin Hirsch. So verbringe ich also noch eine Viertelstunde mit ciervociervociervociervo… derweil erstehe ich noch in einer Bäckerei  „Engelshaar“ und eine Apfeltasche sowie ein leckeres Brot. Glücklicherweise, ohne dass mir das allgegenwärtige „ciervo“ über die Lippen rutscht.

Eine etwas unmotivierte Apothekerin öffnet missgelaunt um kurz nach 9. Der „ciervo“ interessiert sie recht wenig, zum Thema Fuss haut sie mir eine Tube Voltaren auf den Tisch. Das habe ich selber, zögerlich radebreche ich also nochmal mein Anliegen. Doppelt missgelaunt bewegt sie sich vorwurfsvoll an ein hinteres Regal, um mir ein Generikum von Voltaren zu präsentieren. Offensichtlich ist sie der Ansicht, ein Pilger hat das zu brauchen und damit basta. Mit Kopfschütteln und deutlicher Missbilligung offeriert sie dann noch eine Neutrogena Fußcreme. Wir kommen der Sache schon näher, allerdings soll die Minitube über 20 Euro kosten, was ich bei aller Liebe für den Einzelhandel im fernen Spanien nicht so ganz gutheißen kann. Schlussendlich verlasse ich den Laden wenig überzeugt mit einer Tube Vaseline.

Vor der dortigen Kirche creme ich hingebungsvoll meine Füße ein. Fettig ist das ja immerhin. Und mein Fuß fühlt sich wirklich besser an. Die Blase ist vermutlich die gleiche, aber nachdem mir noch das beruhigende, gütige Kopfschütteln meiner gestrigen Altherrenschaft in Erinnerung ist, dass das natürlich wieder besser wird, wenn ich nur ordentlich creme, bin ich frohen Mutes.

An meinem heutigen Tagesziel steuere ich die mir bereits bekannte Herberge an. Ich bin die erste und bekomme ein Bett in einem Trakt, von dessen Existenz ich noch gar nicht wusste; ich dusche und wasche genüsslich und mache mich auf zur nächsten Shoppingtour. Das kleine Dorf ist übervölkert von Kindern; vermutlich haben heute alle Schulen Spaniens Ausflugtag – und alle Lehrer haben beschlossen, den lieben Kleinen die Heilig-Grab-Kirche Iglesia del Santo Sepulcro näherzubringen. Für den Moment steht Sandwich und Getränk austeilen und auf dem Straßenboden sitzen auf dem Programm.

Ich stakse vorsichtig durch das Gewühl und erstehe in dem höchst spannenden Laden (man gibt seine Bestellung durch ein kleines Fenster durch) wieder einmal alles, was das Pilgerherz bzw. der Pilgermagen begehrt.

In der Küche der Herberge finden sich zwei Schränke voller Gewürze, und zusammen mit dem leckeren Brot aus Los Arcos schmeckt meine Gemüsepfanne mal wieder himmlisch.

Mit frisch gefetteten Füßen sitze ich völlig glücklich und entspannt auf einem Liegestuhl auf der großen, sonnendurchfluteten Terrasse und werkele an einem neuen Armbändel, als es von der Rezeption klingt, als wäre ein deutscher Reisebus eingetroffen. Nicht wirklich mit Erleichterung stelle ich fest, dass es nur zwei Deutsche sind – dafür aber zwei, die ich schon mehrmals gesehen habe und mit denen ich keinerlei Bedürfnis gespürt habe, ins Gespräch zu kommen. Meist habe ich sie viel zu laut mit einer Bierdose in der Hand gesehen. Einer von ihnen trägt allen Ernstes ein absolut schlimmes Hawaii-Hemd zu seiner schleimigen Gelfrisur. Aktuell beschäftigt sie die Tatsache, dass entgegen der Führerbeschreibung hier keine Massage angeboten wird, und so eine knackige Spanierin, das wäre es jetzt doch gewesen, hö hö hö. Vermutlich sieht man mir an, dass ich sie verstanden habe, jedenfalls identifizieren sie mich zielsicher als deutschsprachig und gesellen sich zu mir. Was ihnen denn weh tut, will ich wissen. Das Hawaiihemd alias Thomas hat eine Verspannung im Halsbereich. Fröhlich erkläre ich, dass das natürlich eine sehr heikle Stelle ist, die wirklich eines Experten bedarf. Ob es denn da Unterschiede gäbe. Für mich schon, einen Rücken würde ich mir gerade noch zutrauen, aber eben Hals, nein nein. Zu meinem Schrecken erklärt Thomas, dann würde er eben die Rückenmassage von mir nehmen.

Ich widme mich wieder meiner Bändelarbeit, während die Herren der Schöpfung in nicht unbedingt frauenwertschätzenden Überlegungen versinken. Ich versuche, zu meinen Gedanken ein konträr unbeteiligt freundliches Gesicht zu machen.

Jan entschwindet zum Duschen, während Thomas fragt, was denn nun aus der Massage wird. Ich entschuldige mich, dass ich grad leider keine Zeit habe und an dem Bändel bin.

Zwei Stunden später ist das Bändel leider fertig und Thomas sitzt immer noch wartend. Das sowie die mangelnde Macho-Konversation mit Jan machen ihn aber fast schon wieder sympathischer, sodass ich mich schicksalsergeben zur Massage aufmache. Seinen Vorschlag, dass ich mich auf ihn draufsetzen könnte, fege ich rigoros damit aus dem Weg, dass das für einen Pilgerrücken mal rein gar nicht angezeigt ist. Er scheint die Message zu verstehen und ist erstaunlich kleinlaut, nett und dankbar. Ob ihm meine Massagekünste wirklich guttun, wage ich zu bezweifeln. Er hat nur ein Gel mit Pfefferextrakt. Das massiert sich schon mal moderat, und vermutlich hat er hinterher eine Hitze auf der Haut, die bei den Temperaturen auch nicht wirklich angenehm ist. Er bedankt sich fast schüchtern, und ich bin glücklich, das über die Bühne gebracht zu haben. In Zukunft halte ich meinen Schnabel, wenn jemand fehlenden Masseusen nachtrauert.

Den Nachmittag verbringe ich weiterhin auf der Terrasse, beschränke mich aber eher auf das Zuhören und Beobachten der Pilgerscharen, die langsam die Herberge füllen. Spannend ist beispielsweise eine Deutsche mit beachtlicher Leibesfülle, beachtlicher Stimmgewalt und noch beachtlicherem Selbstverständnis. Sie hinkt und hatscht, und als jemand Mitleid bekundet, erzählt sie ungefragt eine halbe Stunde von diversen Camino-Erlebnissen. Allesamt sind geprägt von Begegnungen mit unmöglichen Menschen, von denen sie sich definitiv nichts sagen lässt und denen sie mal allesamt die Meinung gesagt hat. Ein älterer Deutscher hätte leise hinter ihrem Rücken zu seiner Frau gesagt „die schafft es so auch nicht bis nach Santiago“, aber hah!, das hätte sie gehört, den hätte sie mal zur Rede gestellt und ihm mal ordentlich gesagt, dass sicher eher er einen Herzinfarkt bekommt. Ich hüte mich, auch nur einen Mucks zu sagen. Ein Stück weit schwanke ich eh so zwischen Entsetzen und Verwunderung über eine derartige Aggressivität, dass ich wohl ohnehin sprachlos wäre. Ich muss wieder an Marek denken. Vermutlich habe ich ähnlich unmöglich auf ihn gewirkt.

Den Nachmittag verbringe ich hauptsächlich mit den beiden Jungs, und nicht nur Thomas hat eine nette Seite, auch Jan entpuppt sich als das genaue Gegenteil des ersten Eindrucks. Er läuft den Camino zum zweiten Mal, ist vom Pilgervirus infiziert und hat vor allem einen mir ähnlichen, noch dazu ungeahnt ausgeprägten Spleen in Sachen Schwingungen, göttliche Interferenzen, „Zeichen sehen“ und Verständnis ohne Worte.

Abends besuche ich die Messe. Ich bin überrascht, als mich auf dem Rückweg Thomas einholt, der auch in der Kirche war und den ich gar nicht gesehen habe. Ich bin überrascht. Mit seinen vielen Frauengeschichten und Motorrad und Alkohol und „ich bin überhaupt der tollste Hengst“ hätte ich ihn nicht in der Messe vermutet. Während er mir immer sympathischer wird, werde ich schon wieder schuldbewusster. Meine Leistungen in Sachen Vorurteilsfreiheit und Toleranz liegen noch sehr weiter hinter meinen Pilgeridealen zurück.

Typisch spanisch sitze ich zum Sonnenuntergang mit Jan auf einer Bank an der Straße vor der Herberge. Er überlegt sich, am Abend noch loszulaufen oder mitten in der Nacht, er will mal weiter und wieder allein laufen. Thomas will er nichts sagen, oder ihn zumindest nicht mitnehmen. Ich bin fast etwas geschockt, hatte ich sie doch für ein eingeschworenes Zweierteam gehalten. Demnach sehe ich ihn nicht wieder, und zum Abschied bekommt er ein frisch geknüpftes Bändel. Kurz darauf kommt auch Thomas nach draußen. Jan reibt ihm direkt unter die Nase, dass er ein Bändel bekommen hat. Zum Glück wollte ich eh beiden eins geben. Jan war nur ein etwas einfacherer Empfänger. So richtig optimistisch bin ich nicht, dass sich jemand mit tätowiertem Rücken und Reibeisenlebensgeschichte über meine Bastelarbeiten à la Kindergarten freut. Aber für diese Überlegung ist es nun zu spät.

Ich lerne die letzte, umso eindrücklichere Lektion heute in Sachen „Vorurteile“. Thomas bedankt sich mindestens ebenso überschwänglich wie Jan, allerdings scheint es deutlich mehr von Herzen zu kommen. Er hat Tränen der Rührung in den Augen und ist ganz durcheinander. So etwas hätte er noch nie bekommen. Er drückt mich gleich zweimal ganz fest. Auch ich fühle mich etwas komisch; irgendwie würde ich ihm gerne noch viel mehr geben. In der Schnellversion unseres Kennenlernens habe ich einen sehr weichen Kern hinter einer sehr harten Schale kennengelernt, der es bisher nicht sehr leicht im Leben hatte. Ich hoffe, dass eine höhere Macht auf dem Camino sich darum kümmern wird, dass er noch mehr (und vielleicht würdigere) Momente der Freude und der Rührung auf dem Camino und im Leben erfahren darf.

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