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Posts Tagged ‘Negreira’

Der Tag, der heute vor mir liegt, erfüllt mich von Anfang an mit einer Mischung aus Nervenkitzel, Herausforderung und Vorfreude. Während ich mich auf dem Camino immer vernünftig geschont habe, mich bei 25 km zur Vernunft gerufen habe und mir jeden Moment bewusst war, sorgsam mit meinen Kräften und meinem Körper umgehen zu müssen, winkt auf die letzten Tage das „alles oder nichts“. Ich habe mein grosses Ziel Santiago erreicht, jetzt ist es egal, ob ich mit Fussschaden ausfalle oder eine Sehnenreizung hole. Jetzt darf ich endlich meine Grenzen austesten, bzw. eigentlich muss ich es sogar. Heute müssen 32 km gelaufen werden, es gibt keine Herberge zwischendrin. Ich freue mich darauf, aber gestern zeigten sich manche Pilger schon überfordert angesichts dieses Drucks. Einige sind mit dem Bus sofort nach Santiago zurückgefahren, andere haben den Bus nach Finisterre genommen. Wieder andere machen eine Minietappe von 10 km, wo es anscheinend ein provisorisches Quartier geben soll.

Während die meisten noch frühstücken, packen und interessiert in die Finsternis schauen, entziehe ich mich diesem kollektiven Zeitschinden und laufe schon mal los. Ich habe ja eine Stirnlampe und mittlerweile wenig Angst.

Folglich bin ich auch den restlichen Tag immer so gut wie allein auf dem Weg. Nur eine Engländerin, diejenige, die gestern als erste in der Herberge war, läuft mir immer wieder über den Weg, je nachdem, wer von uns gerade Pause macht. Sie beeindruckt durch ihr Tempo. Ich „schreite“ ja schon wieder wie ein Pilger mit unendlichen Lasten auf den Schultern (vor allem angesichts dieser Strecke heute, bei der ich mir lieber wieder die Kräfte einteile), während sie zu hüpfen und zu springen scheint, als würde sie gerade mit kleinem Proviantrucksack zum Sonntagsausflug aufbrechen.

Ich lasse mir Zeit, und der Weg ist auch wirklich wunderschön. Ich überwinde meine jahrelange Abneigung gegen meine Stimme und singe stundenlang (und völlig unharmonisch) alles, was mir so in den Sinn kommt. Ein befreiendes Gefühl, und wie so oft auf dem Camino das gute Gefühl, ein weiteres, lähmendes Hemmnis überwunden zu haben.

Die 8 Stunden Wanderzeit sind schon etwas anderes; anstatt durchzulaufen zur Herberge wie sonst mache ich nun doch bereits auf dem Weg immer wieder längere Pausen, um zu essen oder mich zu sammeln.

Vor der Herberge sammeln sich schnell einige Pilger. Die frische Engländerin ist natürlich schon da, auch der Österreicher mit zwei blonden Grazien hat es geschafft, allerdings hat er gegen Ende für sie die Rucksäcke getragen, und sie freuen sich auf Abkürzung mit dem Bus morgen. Andi kommt wieder kurz nach mir; ähnlich wie ich kommt er zwar an seine Grenzen, geniesst es aber absolut und würde nie an kleinere Etappen oder gar Bus denken.

Olveiroa an sich ist auch wieder eine Herausforderung; es gibt keine Einkaufsmöglichkeit, sodass ich mit den kargen Vorräten aus meinem Rucksack zu kochen gedenke. Und der nächste Morgen wird interessant, weil erst nach der halben Strecke dann wieder eine Stadt kommt, in der ich auftanken kann.

Irgendwie bin ich Andi gegenüber heute versöhnlich gestimmt und lade ihn freiwillig zum kräftetankenden Essen ein – auch wenn es nur trockene Nudeln, Zwiebel und Reste von Salami gibt. Er freut sich, zeigt sich auch über das Essen glücklich – auch wenn es eigentlich eine Zumutung ist.

Derweil lockt die nächste Überwindung von hemmenden Sorgen und Ängsten. Zwei Tage ohne Einkaufsmöglichkeit bringen zumindest meine Wasserplanung an ihre Grenze. Bisher habe ich mich tapfer gegen Brunnen- oder Leitungswasser gewehrt und immer zwei grosse Wasserflaschen mitgeschleppt. Nachdem die nun zu Ende sind, ich zugegebenermassen etwas trinken sollte und mir alle glaubhaft versichern, dass das Wasser prima wäre, wage ich die Hasenfussvariante und koche etwas Leitungswasser ab. Dummerweise sucht dann gerade beim Abkühlen ein kopulierendes Fliegenpärchen den Freitod in meinem Wasser, und der Österreicher betrifft die Küche und schwört Stein und Bein, dass er seit gewissen Erlebnissen nie, nie wieder Hahnenwasser trinken wird. Letztlich bleibe ich dann lieber durstig.

Mein Spanier vom Vortag kommt leider nicht mehr; wie mir andere mitteilen, ist er in der Herberge nach 10 km geblieben. Schade, denn ich hätte gern herausgefunden, warum er sich das Leben so schwer macht.

Dafür treffe ich einen unglaublichen Amerikaner. Er hat eine faszinierende Lebensphilosphie. Er arbeitet immer das, worauf er gerade Lust hat. Ein halbes Jahr auf einem Bauernhof, ein halbes Jahr in der Chirurgie, ein Jahr auf einem Weingut… bis es ihn nicht mehr reizt und er wo anders hin will, oder bis er genug Geld hat, um manche Urlaubstraumziele zu bereisen. Nun gibt es viele Leute, die sich nie binden können und nie „in das System“ passen und zwischen Nichtstun und Träumereien hin- und herpendeln, aber dieser Pilger wirkt unheimlich vernünftig und kontrolliert. Er erzählt, dass er immer 2 Monatslöhne in der Hinterhand behält, um genug zu haben, um auf Stellensuche gehen zu können. Er rechnet immer durch, wie viel Geld er wo zum Leben bräuchte, und ob es eine Stelle gibt, die seinem momentanen Gusto entspricht und genügend abwirft. Natürlich ist das langfristig vielleicht immer noch nicht ideal, aber ich bin schwer beeindruckt davon, wie sehr man seinen Träumen und Wünschen folgen kann. Ich, die seit jeher den Weg der grössten Vernunft und Sicherheit wählt und ganz viele Träume mit sich rumschleppt nach dem Motto „das hätte ich gern gemacht, aber nachdem ich jetzt ja nun mal eine gute Stelle hier habe…“.

Der Tag fühlt sich unwirklich rastlos an. Beim Einschlafen bin ich in Gedanken schon beim nächsten Morgen und der ersten Stadt auf halber Strecke nach 4 Stunden. Der Gedanke an meinen leeren Rucksack ohne das gewohnte „emergency food“ lässt mich jetzt schon Hunger fühlen.

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Endlich geht es auch für mich wieder weiter, ich fühle mich, als ob Wochen vergangen wären, seit ich meinen Rucksack das letzte Mal auf dem Rücken hatte. Dabei war es nur ein Ruhetag.

Wieder kann ich früh aufstehen und laufe wie gewohnt bei Sonnenaufgang aus Santiago. Es ist ein komisches Gefühl. Einerseits dieser Abschluss, Santiago erreicht zu haben, viele Freunde hinter sich zu lassen; die Ungewissheit, wie sich die vielen Leute auf die wenigen Herbergen verteilen werden; die nervöse Vorfreude auf meine eigentlichen Ziele, das Ende der Welt, das Meer, die Ungewissheit, ob ich dort meinen richtigen emotionalen Abschluss finden werde.

Beim Blick zurück auf Santiago sehe ich schon zahlreiche Pilger hinter mir kommen, sofort erkenne ich auch Andi. Mich überkommt eine regelrechte Panik, ich möchte nun wirklich nicht 4 Tage von ihm belagert werden. Ich sehne mich nach Spiritualität und seltsamen Erfahrungen, während Andi alles im Keim erstickt, logisch erklärt bzw. sich eigentlich meistens überhaupt keine Gedanken macht. So kann man durch Bayern stapfen, aber nicht meinen heiligen Jakobsweg lang. Bzw. natürlich kann er das machen, aber bitte ohne mich.

Der Weg ist schön, wirkt verwunschener und abenteuerlicher. Die Massenpilger der letzten Tage fehlen natürlich, sodass sich ein etwas auserwählteres Gefühl einstellt. Und die Pilger, die ich hier treffe, haben wie ich nochmal richtig tief durchgeatmet vor diesen letzten 100 km, körperlich und geistig. Einer hat beschlossen, den Rest barfuss zu laufen.

Am frühen Nachmittag erreiche ich die Herberge und kann überhaupt nicht einschätzen, was mich erwartet. Auf alle Fälle rechne ich mit der Franzosengruppe. Aber zu meiner grenzenlosen Überraschung ist die Herberge komplett leer, und nur ein Bett ist schon mal belegt. Ich dusche und wasche, als Andi auftaucht. Sehr lange bleiben wir alleine in der Herberge, und erst gegen Abend füllt es sich so langsam. Die Franzosen und alle, die mir im Vorfeld erzählt haben, noch nach Finisterre zu wollen, sehe ich aber nie wieder.

Andi belauert mich auf Schritt und Tritt und möchte mich meinen Kochplänen anschliessen. So planen wir mein Standardgericht Nudeln mit Tomatensosse. Auf dem Rückweg vom Supermarkt treffen wir einen  Spanier, der sich recht resolut dazu einlädt. Lustigerweise ist es Bärbels Traummann aus Pedrouzo, und zu gutem Aussehen bietet er noch unglaubliche Sprachkenntnisse wie z.B. perfektes Deutsch. Auch Kochen scheint er super zu können, jedenfalls macht er aus allem eine Wissenschaft. Ich fröhlicher Chaoskocher darf meine Tomaten und Zwiebeln nicht so schneiden, wie ich möchte, und für jeden Handstreich muss ich mich quasi rechtfertigen, warum ich es so und nicht anders mache. Nichts, was ich auf dem Camino unbedingt herbeisehne.

Ein Bekannter von Andi aus Österreich trifft ein, ich kenne ihn flüchtig von unserem alkoholischen Restaurantabend in Santiago. Er kennt mich auch, und zwar aus Samos. Ich verstehe erst nicht, aber er stellt sich als derjenige Pilger heraus, um den ich stundenlang herumgewandert bin. Er erkundigt sich, ob ich mich belästigt gefühlt hätte. Ihm wäre es so unangenehm gewesen, dass es durch sein Fotografieren so ausgesehen hätte, als ob er auf mich Warten würde. Lustig.

Lustig ist sowieso das richtige Wort, er ist ein unglaubliches Energiebündel und sprüht vor Fröhlichkeit und Ausgelassenheit. Im ersten Moment hatte ich ehrlichgesagt sogar den Eindruck, dass er nicht ganz bei Verstand ist. Aber er ist wirklich einfach unheimlich am Strahlen, und oh Wunder, angeblich erst seit dem Camino.

Nicht so unser spanischer Freund. Bei allen Erzählungen oder Gesprächen trägt er eine Sorgenfalte zur Show und kompliziert auch alles, z.B. indem er schon zum Abspülen rennt, nachdem wir uns den letzten Bissen in den Mund geschoben haben (und noch gemütlich sitzen bleiben). Ich nehme mir vor, mich morgen mit ihm etwas näher zu unterhalten.

Als ich schlafen gehe, ist die Herberge tatsächlich nicht nur komplett belegt, sondern auch die Zelte im Garten sowie alle Isomatten sind bevölkert.

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