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Posts Tagged ‘Ruitelán’

Nachdem ich gestern recht eindeutig von dem fröhlichen „NO HAY COCINA!!!“-Hospitalero instruiert worden bin, dass wir geweckt werden und bis dahin gefälligst im Bett zu bleiben haben, liege ich brav halbwach im Dunkeln. Miguel und Joaquin schälen sich schon grazil aus ihren Betten; ich gebe mir Mühe, die Augen rücksichtsvoll wieder zu schließen.

Da donnert mit einem Mal in einer unglaublichen Lautstärke Musik los, die in ein stimmungsvolles „Ave Maria“ mündet. Während ich mich in meine Trekkingmontur werfe, geht es noch wändewackelnder mit Nessun Dorma weiter. Ohnehin schon ein Lieblingslied von mir, und dann noch an diesem besonderen Morgen in dieser besonderen Herberge. Ich renne ungekämmt und noch reichlich verquollen in den Aufenthaltsraum und setze mich direkt unter die Boxen. Miguel sitzt da bereits schon am Frühstückstisch – allerdings deutlich aus dem Ei gepellter.

So nett die Herberge und die Leute und die Musik sind, ich will wieder los. Nach Frühstücken ist mir nicht. Alles hat seine Faszination, so lange sie unausgesprochen ist. Im Schlafraum ist schon ein begeistertes Beweihräuchern, jeder findet alles so toll. Genau. Ja! Und das erst! Ja, superstimmungsvoll. Irgendwie bin ich da gerade allergisch. Ich packe schnell unter wunderschönem „Alegria“, gesungen von einer so glockenhellen Stimme und voll von einer fröhlichen Leichtigkeit, dass es einfach nur zu diesem unwirklichen, magischen Aufenthalt passt. Bevor ich losgehe, lege ich Anke ein Bändel aufs Bett.

Mein Bein erscheint mit heute nicht ganz so übelkeitserregend, mein Geist ist „Alegria“, ich werde heute vorsichtig laufen, und es wird gutgehen. Ich schleiche also in Minischrittchen die wunderschönen kleinen Weiler vor dem ersten Aufstieg entlang, leider ist es wie immer regnerisch, neblig verhangen, grau in grau.

Am ersten Berg überwältigen mich schon wieder Erinnerungen an meinen eindrücklichen Wandertag in 2007, vermutlich bin ich heute auch weitgehend mürbe und spirituell offen. Ich mache gerade ein Foto zurück, als am Ende des Weges hektisch und schnell ein Pilger angedüst kommt. Es ist Matthias mit seinen neu erworbenen Trekkingstöcken, klack-klack, klack-klack. Zu meinem Schrecken überholt er nicht mal freundlich grüßend, sondern macht Anstalten, sich meinem Tempo anzupassen. Er ist guter Laune, ich habe nichts gegen seine Gesellschaft, aber ich laufe fürchterlich langsam und kann mich überhaupt nicht konzentrieren, weil ich die ganze Zeit nur fühle, wie er viel schneller gehen könnte. Und mein Kopf ist voll von der Vorstellung, dass er panisch überlegt, wie er da jetzt wieder rauskommt und dass er wahrscheinlich 1000 Tode stirbt, weil er mit mir laufen muss, ohne es zu wollen. So verabschiede ich mich nach ein paar Minuten resolut damit, dass ich jetzt eine Frühstückspause einlege. Während ich ihm einen ordentlichen Vorsprung lasse, frage ich mich, was bei mir im Hirn eigentlich abläuft. Dass er ein schnelleres Tempo in den Beinen hat, zweifellos, aber woher nehme ich die Überzeugung, dass er sich quält? Und selbst wenn, muss das mein Problem sein?

Der Weg mündet von der Straße in das steilere Stück, den steinigen Weg unter Kastanienbäumen. Der Regen der letzten Tage hat Unmengen von Kastanien von den Bäumen gespült, sodass ich auf einem Teppich aus unversehrten Stachelpäckchen laufe. Irgendwie beeindruckend.

Ich gehe den Weg unglaublich langsam. Im Ohr klingt mir der Hospitalero mit seinem Lachen, dass ich natürlich laufen könnte, aber eben einfach mit „cuidado“. Ein schönes Wort, welches sich mit Achtsamkeit, Bedacht, Behutsamkeit, Fürsorge, Schonung, Sorge und Sorgsamkeit übersetzen lässt. Genau das Richtige für das Verhältnis eines Pilgers zu seinem Körper.

In derartiger Bedächtigkeit keimt in mir auf Höhe von La Faba die Idee, doch wieder mit einem Stock zu laufen. Auf den Wiesen zur Linken hat es immer wieder Haufen mit mehr oder weniger dicken Stöcken, und als ich mich zum Stockgehen entschließe, hat es prompt auch genau das, was ich mir vorstelle. Ein dünnes, biegsames Stöcklein, gerade gewachsen, genau in der richtigen Höhe. Nichts, um sich zentnerschwer abzustützen, aber ich laufe ja eh mit cuidado.

In La Faba biege ich mit einem üblich bewegten Gefühl zu „meiner“ schwäbischen Herberge und „meiner“ Kirche ein. Die Küche der Herberge ist hell erleuchtet, es war also gestern wirklich noch geöffnet. Viele Herbergen schließen auf November oder auch schon ein paar Tage vorher. Ich gehe für ein paar Minuten in die Kirche, lasse das dortige Gedicht und die vielen Kerzen auf mich wirken. Ein Stück weit fühle ich in der dunklen, leeren Kirche die Schwingungen von so vielen Pilger, Gottesdiensten und bewegenden Momenten, dass mich eine komische Melancholie ergreift. Die Kirche wird nun vermutlich bis zum Frühjahr eingemottet, ruht im Winterschlaf und öffnet dann wieder ihre Mauern, um Schwingungen aufzunehmen und Schwingungen abzugeben. Schwingungen, Stimmungen, Tränen, Verzweiflung, Hoffnung, Dankbarkeit, Gemeinschaftsgefühl, Glauben, überschäumende Freude.

Mit meinem neu erworbenen Stöckchen geht es asphaltiert weiter in die Höhe. Der Himmel zieht wieder wolkig und neblig zu wie immer. Seltsam, „wie immer“ sind gerade einmal 3 oder 4 Tage.

Als ich zwischendurch eine cuidadotive Verschnaufspause mache und zurückschaue, hält der Himmel für mich einen beeindruckenden Hoffnungsschimmer inmitten der Wolken bereit. Die Gegend um La Faba ist für mich mit einer gewissen Magie behaftet.

Dann ist aber auch wieder genug mit Licht und Hoffnung für heute, die Wolken ziehen zu, in der Höhe umschließt mich eine feuchte Nebelwolke, und auch der bekannte Nieselregen setzt wieder ein. Mit Stock in der einen und Hannah Montana in der anderen Hand mache ich mich an die Bezwingung des wetterspinnenden O Cebreiro.

Der Weg zieht sich überraschend in die Länge, und mit jedem Kilometer wird der Regen heftiger, der Wind dazu waagerechter. Hannah büßt eine weitere Strebe ein, und mein mittlerweile nur noch halber Kinderregenschirm wirkt recht kläglich und verloren gegen die Wettergewalten.

O Cebreiro liegt wie immer im Regen und Nebel, es ist schweinekalt, aber erstaunlich belebt. Beim Überqueren der Straße werde ich dreimal fast umgefahren. Ich will der Kirche einen kleinen Besuch abstatten. Dort ist aber Riesentrubel, und wie mir einfällt, vermutlich, weil heute Allerheiligen ist. Ich schaue auf die Uhr, es ist etwa halb 12. Offensichtlich gibt es zum Mittag eine Festmesse, habe ich ein Glück. Ich mache es mir in einer hinteren Reihe bequem, setze mich mit möglichst großer Trockenoberfläche hin und lege mein Bein bestmöglich hoch, ohne die Pietät der Kirche zu verletzen.

Während ich sitze, warte und versuche, etwas zur Ruhe und Besinnung zu kommen, legt sich mir plötzlich eine Hand warm und schwer auf die Schulter. Anke strahlt mich mit wie üblich unglaublichem Leuchten in den Augen wortlos an, bevor sie sich mit Joaquin in eine andere Bank setzt.

Bis der Gottesdienst beginnt, wird mir langsam fast schon etwas kalt und unruhig. Wie üblich kann ich am helligten Tag nicht so richtig loslassen, zumal ich zu rechnen beginne, dass ich mich vielleicht etwas beeilen sollte, wenn ich heute bis Triacastela will. Anke und die beiden Spanier wollen nur bis Fonfría, aber Joaquin und die beiden Markusse nach Triacastela, wo ich dann endlich auch den verrückten Österreicher wiederzutreffen hoffe.

Nicht nur meine Gedanken, auch die Kirche kommt überhaupt nicht zur Ruhe. Es ist ein reges Kommen und Grüßen, hier trifft sich alles, was sonst wohl nicht in die Kirche geht. Recht offensichtlich steht der Glaube auch etwas im Hintergrund, es scheint viel um das Gesehenwerden zu gehen. Vor mir sitzen Mutter und Tochter, feinst herausgeputzt und alle paar Minuten an der eh schon perfekten Frisur nestelnd und sich in Positur setzend. Höchstens unterbrochen durch einen agitierten Austausch, wer da gerade neu in die Kirche gekommen ist und dass der wohl auch schon mal besser ausgesehen hat. Ich starre wie hypnotisiert auf die perfekte Frisur vor mir. Seit Tagen schwanken meine Haare zwischen pudelnass triefend, strähnig trocknend oder feucht lockend, passend in Form gepresst von entweder Stirnband oder Regenjackenkapuze.

Nach einer halben Stunde beschließe ich etwas frustriert, es dem Großteil der merkwürdigen Gemeinde gleichzutun und mitten im Gottesdienst rauszugehen. Ich kann hier und heute einfach überhaupt nichts mitnehmen. Ich sammle Hannah Montana von vor der Tür ein und mache mich recht stoisch auf in den windigen Regennebel.

Ich laufe schier in den österreichischen Markus, der trotz des Wetters irgendwie hervorragend aussieht. Statt notdürftig mit einem kaputten Regenschirm rumzuwedeln, lässt er es einfach selbstbewusst auf die windschnittige, graumelierte Frisur regnen. Statt schützend die Augen zusammenzukneifen, guckt er mit stahlgrauen Augen einfach entschlossen und direkt in den Regen. Und anstatt mit einem dünnen Ästchen entlangzuhumpeln, hat er einen akuraten, entschlossenen, unbeirrbaren Schritt. Reflexartig ist mein erster Gedanke nur wieder „herrje, was mache ich nur, damit er jetzt nicht das Gefühl hat, mit mir laufen zu müssen“, aber auf die Idee kommt er bei seinem zielstrebigen Turbopilgern zum Glück eh nicht.

Ich trotte triefend und tropfend durch den Nebel, als an einer Weggabelung plötzlich Markus von rechts angeschossen kommt. Irgendwie muss er sich verlaufen haben und einen ziemlichen Umweg gegangen sein. Diesmal nimmt er deutlich das Tempo raus und scheint mit mir reden zu wollen. Ich brauche wieder ein paar Minuten, um den Kopf frei zu bekommen und nicht mehr pausenlos zu denken „der will doch viel schneller laufen; gib ihm eine Chance, sich schadlos aus der Affäre zu ziehen“. Markus läuft offenkundig derart schnell und ist derart bestimmt, dass mein Geist sich irgendwann doch noch entspannt.

Offensichtlich hat Markus im Moment Redebedarf. Ich bin recht überrascht, welche Zweifel und Unsicherheiten sich hinter diesem auf den ersten Blick so absolut geradlinigen Pilger verbergen. Dass Äusserlichkeiten täuschen, habe ich auf dem Camino oft genug gelernt, trotzdem zieht die Intuition immer wieder unbemerkt begeistert irgendwelche Schubladen auf.

Einig sind wir uns schon mal über den magischen, alles überstrahlenden Joaquin. Ich bin fast ein bisschen erleichtert, dass auch Markus absolut begeistert ins Schwärmen kommt. Hatte ich doch schon fast befürchtet, dass da zwischengeschlechtliche Faszination im Spiel sein könnte. Markus ist begeistert von seiner Gelassenheit und Souveränität – allein schon gestern bei der Unterhosenverwechslung. Dieses Beispiel überrascht mich ein wenig. Markus kann es gar nicht fassen, dass er nicht ausgerastet ist oder Vorwürfe gemacht hat. Es wurmt ihn immer noch sehr, wie er so einen peinlichen, doofen Fehler machen konnte, auch wenn Joaquin ihn in seiner wunderbaren Art beruhigt hätte, dass doch gar nichts passiert wäre. Das verblüfft nun mich schon auch kolossal. Wieso sollte man denn ausrasten, wenn jemand gerade seit ein paar Minuten versehentlich die eigene Unterhose trägt – und die hinterher sogar noch maschinengewaschen zurückgibt? Offensichtlich habe nicht nur ich ab und an lustige Hirngespinste.

Weiter erzählt Markus, dass er nie etwas fertigbringt. Alles fängt er an, und er und seine Kollegen wissen, dass er es eh nie durchzieht. Ihn wurmt es, dass er zum Beispiel nie eine Sprache durchgezogen hat. Sein Englisch ist lückenhaft, und deswegen hätte er sich dann gestern auch nicht zu der Tischgesellschaft getraut. Ich bin geschockt. Zum einen, dass so ein Trumm von einem Mann Selbstzweifel haben kann. Davon, dass er einen ganzen Abend in einem leeren Schlafsaal von Zweifeln und schlechten Gefühlen zernagt wird, nur weil er sein Englisch für nicht gut genug hält. Und letztlich davon, wie wir einen Abend in ausgelassener Runde verbringen konnten, ohne darüber nachzudenken, warum die Französin und Markus den ganzen Abend in ihrem Bett verbringen – und warum nicht einer von uns auch nur kurz nach ihnen geschaut hat.

Ab und zu streue ich einen kleinen Gedanken ein oder versuche etwas zu entschärfen, aber in erster Linie brodeln im Moment einfach ganz viele Erkenntnisse in Markus. Der Wunderberg von La Faba hat wohl auch an ihm gewirkt. Er erinnert mich an einem dampfenden, Wölkchen ausstoßenden Stier, als er furios sein halbes Leben abhandelt und mit einer unglaublichen Wut und Entschlossenheit zugleich beschließt, diesmal zum ersten Mal etwas zu Ende zu bringen. Er möchte in Finisterre am Ende der Welt stehen und sein altes Leben hinter sich lassen. Zum ersten Mal wissen, etwas zu Ende gebracht zu haben. Und wenn man einen Camino schafft, kann man alles schaffen.

Ich brauche es nicht einmal zu kommentieren. Bereits jetzt hier auf dem Camino ist er schon derart voll von Stärke und Entschlossenheit, dass ich sein altes Leben gar nicht erst gesehen hätte. Bei ihm setzt diese Erkenntnis offensichtlich erst mit einiger Zeitverzögerung ein. Auch wenn er das im Moment noch mit sorgenvollem Zweifel sieht, aber natürlich wird er in zwei Wochen in Finisterre stehen und natürlich wird er das Gefühl erfahren, nun alles schaffen zu können. Da bin nun ausnahmsweise ich mir sicher mit etwas.

Markus sucht in den kleinen Örtchen vergeblich nach einer Bar, um etwas Warmes zu sich zu nehmen. Ich will (cuidado hin oder her) nicht nochmal stoppen, zumal ich keine allzu guten Erinnerungen an lieblose, spanische Gerichte habe. Markus gibt mir recht, so ganz toll wäre es selten. Und er würde schon seit Beginn seiner Pilgerschaft auf eine Paella hoffen, aber das gäbe es nie. Meist wäre auf einem Schild groß Paella angekündigt, und kaum säße man im dem Restaurant, hieße es immer „Paella schon aus“ oder „erst am Abend“.

Wir passieren die Passhöhe San Roque mit der Pilgerstatue im Nebel, und als es zum nächsten Pass hochgeht, beschließt Markus, dann dort endlich etwas essen zu gehen. Ich nutze die willkommene Gelegenheit, ihn schon mal vorausspurten zu lassen. In seiner Gesellschaft bin ich doch wieder viel zu schnell gelaufen, und spätestens beim Anstieg und dem Ziehen in den Waden möchte ich nun wieder einen auf cuidado machen. Er bedankt sich für das Gespräch bzw. fürs Zuhören und fliegt förmlich den Berg hoch. Als ich Minuten später endlich sehr achtsam die Höhe erklommen habe, kommt Markus freudestrahlend und wie ein Flummi aus dem Restaurant geschossen. Es hätte Paella!!! Ich wünsche ihm lächelnd einen guten Appetit und bin recht merkwürdig bewegt, als ich mechanisch weitertrotte. Vermutlich hat jeder gewisse Schlüsselmomente auf dem Camino, voller Erkenntnisse und Emotionen. Vermutlich bin ich heute wieder überaus empathisch, jedenfalls bin ich auch als bloßer Zuhörer ein Stück weit emotional erschöpft und von einer typischen Caminoleere erfüllt.

Mit einem Mal zieht sich plötzlich der Weg dann auch ziemlich endlos. So richtig überschäumende Freude daran empfinden kann ich bei dem feuchten, kalten Nebel ohnehin nicht. Trotz Schirmresten werde ich so langsam nass, vor allem meine Schuhe sind patschnass. Und einfach irgendwas in mir ist müde und sträubt sich subtil gegen jeden Schritt. Und ich habe noch nicht mal Fonfría.

Ich tappe durch die kleinen Kuhdörfer, und als ich plötzlich die bekannte Herberge sehe und demnach schon in Fonfría bin, gehe ich ganz spontan ein paar Momente in mich und versuche zu erfühlen, ob ich heute wirklich bis Triacastela muss. Zum einen möchte ich die ganzen Leute wiedersehen, außerdem habe ich ja auch einen groben Zeitplan einzuhalten. Andererseits aber wäre eine Heizung für die nassen Sachen mal wieder nicht schlecht, Triacastela an einem Feiertag nur halb so spannend, ich müsste irgendwann nochmal in die Kälte raus, um irgendwo ein Bocadillo zu erstehen, selbst für den Gottesdienst müsste ich in den Regen hinaus. In Fonfría dagegen gibt es eh nichts zu kaufen, weder in einem mercado noch in einer Bar, und ich kann den ganzen restlichen Tag in schön trockener Kleidung rumlaufen, während meine nasse Garnitur genauso schön über irgendeiner Heizung trocknet.

So entscheide ich mich in Minutenschnelle um. Der Herr hinter der Rezeption guckt etwas verwirrt, sodass ich sicherheitshalber lieber frage, ob ich denn überhaupt hier schlafen kann. Er lacht, ja klar, wenn es mir nichts ausmacht, die einzige zu sein und eventuell zu bleiben. Meine Frage nach Heizung lässt ihn kurz grübeln. Er führt mich in die Herberge und erklärt, dass er mir zum Preis des Schlafsaalbettes ein kleines Doppelzimmer gibt, weil das einfacher zu heizen ist. Und falls noch mehr kommen, kann ich dann immer noch umziehen. Nein, nein, ich beschwichtige ihn. Der Schlafsaal ist prima, und mollig warm geheizt brauche ich es doch auch nicht. Einen Heizkörper für 2 Stunden, bis die Wäsche trocken ist. Schließlich schleppe ich nicht umsonst meinen 2-Kilo-Schlafsack, in dem mir jede Nacht so heiß ist, dass ich irgendwann schwitzend aufwache und irgendwelche Reißverschlüsse aufziehe.

Ich genieße viel zu lang den Luxus einer Dusche mit Thermostat und muss an die Kanadierin aus Villafranca denken. Sie meinte, sie duscht gern heiß. Und sie meint richtig heiß. Sie muss rot wie ein Krebs sein. Und das, ohne eine Miene zu verziehen. Irgendwie habe ich ein Faible für lustige Aussagen zu versteinerten Gesichtsausdrücken.

Dann drapiere ich meine nassen Sachen überall über Stuhllehnen und das obere Stockbett. Auch wenn der Schlafsaal momentan etwas kalt, dunkel und ungemütlich aussieht (und vor allem leer) – die Betten sind einfach der Hammer. Aus dicken, runden Baumstämmen. Ich fühle mich wie ein Lachsfischer in seiner Blockhütte in Alaska. Nachdem ich noch liebevoll meine Schuhe mit einem Riesenstapel Zeitungen ausgestopft habe, widme ich mir als letzte liebevolle Pilgerhandlung meinen Beinen und Füßen – und stelle zum ersten Mal überrascht fest, dass ich gestern noch ein fürchterliches Beinproblem hatte und nicht im Traum daran gedacht hätte, O Cebreiro zu Fuß überqueren zu können. Bei der Überlegung zwischen Fonfría und Triacastela habe ich nur an nasse Kleidung gedacht und keinen Moment daran, ob 31 km mit wildem Rauf und Runter so der Knüller gewesen wären. Ich creme dankbar den nächsten Rest Arnikacreme in meine Problemwade und nehme mir vor, mir morgen in Triacastela in der Apotheke diese asiatische Salbe zu kaufen, von der Alfredo so geschwärmt hat.

Vor allem bin ich wirklich einfach dankbar. Schon lange fühle ich Gott nicht mehr intensiv bei mir, nicht einmal mehr in den Gottesdiensten. Auch jetzt bleibt er mir verborgen, aber die Häufung an besonderen Menschen in den letzten 24 Stunden lässt ein ähnliches Geborgenheitsgefühl aufkommen. Manchmal zeigt sich Gott selber, manchmal in der Natur, manchmal in Erkenntnissen, die plötzlich wie zufällig aus dem eigenen Inneren kommen, oder aber in Form von Level 2 Pilgern, die ihre Päckchen von Liebe und Zuversicht überbringen.

Ich beginne gerade etwas unruhig zu werden, weil ich auch Stunden später noch die einzige in der Herberge bin. Da steht plötzlich Anke an der Rezeption. Wie üblich ist sie eine beeindruckende Erscheinung und schafft es, trotz patschnassen Haaren immer noch wie eine Sonne zu strahlen.

Am späteren Nachmittag kommen wie angekündigt die beiden Spanier, ein etwas zurückgezogenes Pärchen und (zu meiner unbändigen Freude) das Italienergrüppchen von Villafranca. Allerdings geschrumpft auf zwei, der Wandpinkler ist nicht mehr dabei. Und aus unerfindlichen Gründen sind sie heute gedrückter Stimmung, still und leise, und verbringen den restlichen Tag damit, ihrer Kleidung beim Trocknen zuzuschauen.

Schon gefühlte Sekunden nach dem Einchecken ist Miguel schon strahlend mit seinem Isomättchen beschäftigt, einen geeigneten Platz für sein Workout zu eruieren. Das findet sich dann wenige Meter von meinem Sofa entfernt, und wieder habe ich alle Mühe der Welt, mich auf mein Tagebuch zu konzentrieren, während er herzallerliebst keuchend und stöhnend seinen Astralkörper ertüchtigt.

Mit zum ersten Mal reichlich Zeit und vielen Blicken in meinen Führer fällt mir auf, dass ich mit meinem intuitiven Frühstopp heute das ein oder andere Problem habe. Meine nächsten Etappen tragen alle eine klangvolle 3 vor der hinteren Stelle, und irgendwie erfüllt mich das rein intuitiv nicht mit der adrenalinigen Vorfreude wie auch schon. Mein tapferes Bein in allen Ehren, aber ich sehe im Moment keinerlei Chance, wie ich diese langen Etappen mit meiner cuidado vereinbaren soll. So disponiere ich kurzentschlossen um. Statt Ankunft Samstag Nachmittag und Heimflug Sonntag Nachmittag laufe ich einfach alle Tage voll aus. Ich denke gar nicht weiter drüber nach, ob das riskant ist bzw. ob ein Tag in Santiago nicht nett wäre. Es geht ja einfach nicht anders. Die Dreier gehen überhaupt nicht, danke an meine klare Intuition.

Anke setzt sich zu mir aufs Sofa. Sie sagt, wie schön es wäre, dass ich auch hier bin, und mein erster Gedanke ist, dass sie lügt. Mein sehr postwendend zweiter Gedanke ist, warum ich so etwas denke. Sie hat ja schließlich nicht gesagt, dass ich das Schönste bin, was ihr jemals passiert ist, sondern einfach, dass es schön ist, dass ich da bin. Vermutlich ist jeder heute ehrlich froh über jeden, der die Herberge ein bisschen mit Leben füllt.

Joaquin ist nicht wie geplant nach Triacastela durchgelaufen, sondern hat sogar schon vorher in Hospital gestoppt. Intuitiv freue ich mich, ihn demnach irgendwann nochmal zu sehen. Gleichzeitig ist er vielleicht aber auch der Grund, dass ich mich mit Anke so ein wenig unwohl fühle. Ich fühle mich wie ein Ersatz, was soweit keinerlei Problem wäre. Aber ich fühle mich wie ein ganz und gar mangelhafter und schäbiger Ersatz. Anke und Joaquin sind Meister des Strahlens, Meister der Emotionen, Meister der Kommunikation, Meister der tiefgründigen Gespräche und fühlen sich in 4-5 Sprachen spielend zu Hause. Dass Anke Joaquin mit seligem Lächeln anstrahlt, leuchtet mir ein, aber dass ich das gleiche Lächeln bekomme, kommt mir irgendwie nicht schlüssig vor. Ich gucke jämmerlich, radebreche mit grässlichem Akzent meine Bruchstücke Englisch und Spanisch, fühle mich meistens jämmerlich und bin Gesamtpaket jämmerlich.

Das junge Pärchen gesellt sich zu uns. Beide sind aus Kalifornien und das genaue Gegenteil von jämmerlich. Zumindest die weibliche Komponente redet stundenlang wie ein Wasserfall und mit einem Selbstverständnis und Selbstbewusstsein, das mir dann im Gegenzug fast auch schon wieder ein bisschen unsympathisch ist und mich nachdenklich zu dem Schluss kommen lässt, dass es wohl irgendwo eine goldene Mitte gibt. Und die Erkenntnis ist nicht weit, dass ich dieser goldenen Mitte schon einmal deutlich näher war – und auch irgendwann wieder deutlich näher sein werde. So sicher wie Markus irgendwann in Finisterre stehen wird.

Wir bekommen Abendessen in einem kleinen Tipi-ähnlichen Raum. Zur Vorspeise gibt es Caldo Gallego, diesmal deutlich schmackhafter als aus meiner Dose in Villafranca. Trotzdem werde ich mit der bohnig-kartoffligen, trüben Brühe mit den Grünkohlfäden nicht so warm. Zum Hauptgericht gibt es tellerweise verschiedene Tortillas, leider sind wir nach zwei Tellern schon satt. Das Kochteam verabschiedet sich, nachdem sie uns zur Nachspeise einen Teller Santiago-Mandeltorte hingestellt haben. Sie müssen nämlich noch mit der Köchin ins Spital fahren, sie hat schlimmen Brechdurchfall. Ah ja.

Unsere kleine Runde verlagert sich wieder in Begleitung der Rotweinflasche auf das Sofa. Es ist nun wirklich recht kalt, da wegen uns Häufchen verständlicherweise nicht die ganze Herberge beheizt wird. In Minutenabständen verschwindet Pilger um Pilger, um mit einer Jacke oder einer Wolldecke zurückzukommen. Wir sitzen dick eingemummelt, während vor allem die Kalifornierin redet. Ich beschränke mich weitgehend aufs Zuhören, was aber heute auch absolut in Ordnung ist. Wie ich mir schon an den ersten Tagen etwas Zeit gegeben habe, um mich ans Pilgern zu gewöhnen, so beschließe ich auch nun, mir etwas Zeit zu geben auf dem Weg von der Jämmerlichkeit in die goldene Mitte.

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Nach einer allein schon stundentechnisch recht langen Nacht mit vielen Wachphasen, vielen Gebeten und viel gefühltem dicken Bein wache ich morgens zumindest ein Stück weit beruhigt und geerdet auf. Vielleicht habe ich wieder einen Muskelfaserriss, vielleicht ist damit Ende mit Laufen, aber mir bricht damit ja keinerlei Welt zusammen. Die Compostela brauche ich eh nicht, wollte ich diesmal ja ohnehin nicht unbedingt. Die Strecke kenne ich, Bus genommen habe ich dieses Mal auch schon. Mir bricht wirklich kein Zacken aus der Krone, wenn ich nun nochmal abkürzen muss. Vermutlich ist es etwas anderes, wenn man von weit her kommt, sich mit dem Camino einen Lebenstraum erfüllt, seit Wochen oder Monaten unterwegs ist und einfach um jeden Preis manierlich pilgernd Santiago erreichen will. Insofern tangiert mich auch mein immer noch dickes und treppenunwilliges Bein heute am Morgen nicht so besonders.

Ich frühstücke mit einer Amerikanerin und einer Kanadierin. Während mein Frühstücksluxus daraus besteht, dass ich zu einem süßen Teilchen einen lauwarmen Pfefferminztee aus der Mikrowelle trinke, bevölkern die beiden den halben Tisch mit fröhlichem Müsli-Geschnibbele. Aus einem halb-Kilo-Beutel kommen Haferflocken, dazu eine halbe Birne, halbe Banane und ein halber Apfel, plus diverse Milch-Produkte. Der Rest wird wieder sorgsam zugeklebt eingepackt. Ich bekomme akut ein schlechte-Ernährung-schlechtes-Gewissen und bin ganz baff, was die so alles mitschleppen. Im letzten Moment fällt mir ein, dass eine der beiden ihren Rucksack transportieren lässt. Ich bin beruhigt und verschiebe die Vollkornflocken mit gutem Gewissen auf nach meiner Heimkehr.

Nachdem ich beintechnisch doch etwas verunsichert bin, frage ich die beiden, ob sie denken, dass das normal ist. Die Amerikanerin guckt mich fast entgeistert hat, ja natürlich, nach den Bergen, ihnen würden auch total die Beine weh tun. Bei jedem Schritt die Treppe hinunter, und sie macht eine nette allgemeinverständliche Untermalung mit ihrer Gesichtsmimik dazu. Für einen Moment frage ich mich, wie doof ich eigentlich mal wieder bin, Muskelkater nach einem Abstieg kenne ich doch eigentlich wirklich. Es überwiegt aber einfach die Erleichterung.

Derart erleichtert mit schlichtweg etwas Muskelkater in den Waden mache ich mich auf den Weg. Zu meinem ehemals so heißgeliebten Hannah Montana Schirm habe ich mittlerweile ein leicht gespaltenes Verhältnis. Die Motivation, darunter trocken begeistert durch die Gegend zu spurten, war vielleicht etwas kontraproduktiv. Am Abzweig zum Camino Duro ringe ich für einen Moment mit mir. Zu gern würde ich ihn doch wieder laufen, nachdem ich nun ja gar nicht wirklich lädiert bin. Allerdings habe ich bei meinen nächtlichen Gebeten versprochen, in Zukunft sorgsamer mit mir umzugehen, auf den Camino Duro zu verzichten und auch immer schön brav Pausen zu machen, wenn es nur wieder ein bisschen besser wird. Vermutlich sollte ich mich an meine eigenen Bedingungen halten.

So marschiere ich sehr wehmütig die stinklangweilige Straße entlang. Es zieht sich endlos, dank des üblichen Nebelregens ist alles grau in grau, und ich ahne zu sehr die Sonne und das erhabene Gefühl in der Höhe.

In Pereje mache ich brav meine erste Viertelstunde Pause, in Trabadelo gleich die zweite. Diese Form des auf sich Achtgebens macht Spaß und ist ein gutes und neues Gefühl. Achtgebenderweise packe ich meine Füße aus und höre in mich hinein, ob es ihnen auch gut geht. Tut es, nichts drückt oder reißt. Zur Vervollständigung der Kontrolle gucke ich mir noch interessehalber mein Problembein an – und kriege einen Riesenschreck. Ich bekomme die Hose kaum mehr über die Wade, das Ding ist monströs angeschwollen und scheint locker einen Liter mehr als sonst zu fassen. Jegliche Überlegungen, ob mir das nur mal wieder so scheint, erübrigen sich beim Anblick der Venen, die ich sonst nie sehe, und die nun dick an der Oberfläche heraustreten wie Krampfadern auf einem übervollen Euter. Wie ein dickes, bleiches Euter sieht mein Bein ohnehin aus, und mir wird so richtig schlecht. Muskelkaterlogik in allen Ehren, aber da ist wieder etwas mehr als kaputt, und sofort kommen mir auch wieder Zweifel, ob das vor 1 1/2 Jahren wirklich ein Muskelfaserriss war oder doch etwas mit den Venen. Ich kriege hellauf Panik, vor allem angesichts des Sonntags und morgendlichen Feiertags in dieser Ansammlung von kleinsten Kuhkäffern.

Ich bin wie betäubt, kann keinen klaren Gedanken fassen, mir wird nur immer schlecht, wenn ich daran denke, was ich da links vom Knie abwärts habe. In meinem Kopf jagen sich alle möglichen Gedanken, ob ich nun zu einem Arzt muss, wo sich wohl einer finden könnte, ob ich besser nach Villafranca zurückgehe, ab wo ich einen Bus über die Berge nehmen kann. Ich erinnere mich, an Vega de Valcarce mal mit einem Bus vorbeigefahren zu sein. Aber zuerst muss ich wissen, ob dieses Riesenbein gefährlich ist, und das kann mir in Vega de Valcarce sicher niemand sagen. Ich schwanke zwischen Weitergehen bis Ruitelán, wo es in der Herberge einen besorgten Hospitalero mit Kenntnissen in Shiatsu und Homöopathie geben soll. Der käme mir gerade richtig, könnte mir vielleicht sagen, was das ist oder noch besser, mich gleich mit dem passenden Kügelchen oder rätselhaftem Griff wunderheilen. Die andere Alternative hieße wie geplant La Faba, wo auch der Österreicher absteigen will. Auch ihm traue ich einen wundersamen Massagegriff zu, notfalls würde ich mich auch mit seiner mysteriösen Urschrei-Therapie kurieren lassen oder mich von mir aus den ganzen Abend über irgendwelche Bodenplattenlinien bewegen, um verschiedene Energien aufzunehmen und abzuleiten. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob er wirklich dort stoppt. La Faba ist weit, es geht vor allem den Berg hoch, und dort sitze ich dann ohne jegliche Busverbindung mitten am Berg und muss am nächsten Tag zu Fuß über O Cebreiro. Mein völlig rotierendes Hirn entschließt sich für den Wunderhospitalero in Vega de Valcarce – Nähe.

Ich bin völlig kläglich und wirr und panisch besorgt, als ich irgendwann in Ruitelán ankomme. Es ist gerade 13.00 Uhr, laut Zettel an der Herberge Öffnungszeit. Ich trete etwas zaghaft ein und löse ein lautes Glockengeläut aus. Nach einer Weile erscheint ein Mann im Türrahmen, und als ich schüchtern frage, ob schon offen wäre, brummelt er vor sich hin, dass ich sonst ja wohl nicht da wäre. Halleluja. Ich bin noch verzagter und frage ganz sicher noch nicht wegen meines Beins.

Ich suche mir ein Bett in der noch leeren Herberge aus und dusche. Danach setze ich mich in den Aufenthaltsraum mit Blick auf die regnerische Straße und lese im Gästebuch. Demnach ist die Herberge, die Hospitaleros und vor allem das Essen der Hammer. Beruhigend. Ich beginne mit meiner Bändelmeditation, um meine Gedanken wieder ein bisschen unter Kontrolle zu bekommen. Momentan habe ich nicht nur ein dickes Bein, sondern vor allem einen total unkontrolliert sorgenden Kopf.

Wildes Glockengeläut kündigt die nächste Pilgergruppe an. Der Hospitalero schält sich aus dem Untergeschoss, ähnlich überschäumend wie bei mir. Eine etwas übermotivierte Pilgerin fragt hektisch, ob es hier eine Holländerin hätte. Der Hospitalero antwortet tonlos „nein“. Die Pilgerin erklärt, dass sie nämlich auf eine wartet und die hier sein müsste und und und. Nachdem auch ein weiteres tonloses „nein“ nicht zur Einsicht führt, poltert er, dass es hier exakt einen Pilgerin hätte, die wäre nicht holländisch, und dann sollten sie eben verschwinden und ihre Holländerin wo anders suchen. Glockengeläut Tür zu. Oha, ich frage erst recht nicht wegen meines Beins.

Eine halbe Stunde später klingelt es erneut, diesmal höre ich vom Gang bemühtes spanisches Radebrechen mit recht beeindruckendem Akzent. Die eh schon etwas schrille Pilgerin erkundigt sich sehr höflich nach den Herbergsmodalitäten und ob es eine Küche hätte. Auf ein tonloses „nein“ schraubt sie überrascht ein paar Tonlagen hoch und wiederholt etwas zu häufig und zu laut ungläubig „no hay cocina?!“. Wieder platzt dem Hospitalero schier der Kragen, und er bringt sie mit einem ähnlich lauten „NO HAY COCINA!!!“ dann wirklich zum Schweigen. Ich male mir schon gar nicht mehr aus, nach meinem Bein zu fragen.

Der nächste Wutanfall schwebt beim nächsten Klingeln im Raum, nachdem zwei neue Pilger eintreffen und auf ein Riesenchaos im Flur treffen. Die Französin hat den Hinweis, nasse Sachen im Flur zu lassen, etwas zu wörtlich genommen und liebevoll alles auf den Bänken und dem Boden ausgebreitet. Ich sitze höchst kleinlaut einfach friedlich bändelknüpfend auf meinem Klappstuhl und hoffe, nicht irgendwie in Ungnade zu fallen. Die beiden Neuankömmlinge sind jung und auf den ersten Blick ein klarer Fall von Caminoliebe. Die Nationalitäten lassen sich schwer ausmachen. Der Mann spricht perfekt Spanisch, die Frau auch sehr gut, aber untereinander reden sie Englisch (auch das recht perfekt, aber zumindest sie wohl auch nicht muttersprachlich). Sie beschließen, jetzt erstmal Mittag zu essen. Hinter meiner Tür wird mir ganz anders, ich suche intuitiv eine Fluchtmöglichkeit. Nach idyllisch zarter Bande neben mir ist mir heute grad gar nicht, zumal es mir jedes Mal etwas weh tut, diese Caminopärchen zu sehen. Wenn ich Bestandteil eines solchen war, habe ich mir nie Gedanken gemacht, wie das auf die anderen Pilger gewirkt haben mag. Nun aus der außenstehenden Sicht fällt mir viel eher auf, welch eine uneinladende Mauerwirkung sich um zwei Menschen rankt, die nur Augen und Schwingungen füreinander haben. Meist habe ich eh schon Hemmungen, so jemanden anzusprechen, und noch erst recht, wenn die Damenkomponente sich wie ein Platzhirsch aufführt.

Mir ist also schon höchst unwohl, als die Tür aufgeht und sich die beiden schwer bepackt am Tisch ausbreiten. Die Damenkomponente erkenne ich wieder, ich bin ihr in Molinaseca kurz vorgestellt worden. Auch jetzt füllt ihr strahlender Gruß den ganzen Raum, gefolgt von der Entschuldigung, dass sie sich an meinen Namen nicht mehr erinnert. Die männliche Kompontente grüßt weniger und stellt sich erst recht nicht vor, aber kaum haben die beiden mit essen begonnen, fragt Anke aufgeräumt, woher ich denn nun nochmal komme und ob ich wirklich schon 7 Caminos gelaufen bin und welche… ich bin sehr überrascht, derart in das Gespräch eingebunden zu werden. Anke hat etwas sehr, sehr spezielles an sich. Vielleicht sind es die großen Augen, dass allzeit breite, strahlende Lächeln oder die wild abstehenden, blonden Haare, die ihr eh schon ein sonniges Aussehen verleihen. Aber auch alles, was sie sagt, wirkt wunderbar interessiert und offen. Falls sie aus Höflichkeit die augenscheinlich nicht allzu glückliche, einsame Pilgerin in das Gespräch mit einzubeziehen versucht, macht sie das jedenfalls hervorragend, ich fühle mich plötzlich locker und entspannt in ihrer Gesellschaft. Nur Joaquin verunsichert mich etwas. Er sagt nichts, guckt mich nicht an, grinst höchstens etwas schief ab und zu einen schnellen Kommentar zu Anke. Vermutlich ist er nicht ganz so glücklich über den Störenfried in der trauten Zweisamkeit. Ich habe ohnehin ein ganz heftiges Deja-vu; mit seiner Abwesenheit und seinem reichhaltigen Fluchen erinnert er mich unglaublich an Kristian.

Irgendwann richtet er dann doch mal das Wort an mich (allerdings ohne mich näher anzuschauen). Ich wäre ja auch recht schnell, begleitet von einem abwesenden Grinsen irgendwohin auf seinen Teller. Ich kann nicht so recht einordnen, was er damit meint und vermute es als Ironie meines heutigen Tempos. Nein, er meint wirklich, er hätte mich da mal mit einer Koreanerin gesehen. Schnell gelaufen dieses Jahr bin ich selten, und wenn, dann in Einsamkeit mit meinem Regenschirm. Und mit einer Koreanerin erst recht nicht. Doch, doch… er weiß nur nicht mehr, wo. Während ich mit Anke weiterrede und er weiterisst, wirft er alle paar Sekunden irgendeinen Ort ein, an dem er mich gesehen zu haben meint. Mittlerweile ist er sich so sicher, dass er mich sogar fast schon mit triumphierendem Blick direkt anschaut. Allerdings sind es alles Orte irgendwo vor Burgos oder in der Meseta um León herum, wo ich ganz definitiv in einem spanischen Bus gesessen bin. Er verschwindet, um mit seinem Führer zurückzukehren. Während er weiterisst, fährt er mit dem Finger die einzelnen Orte ab. Er sucht ernsthaft noch nach dem Ort, wo er mich gesehen zu haben meint. Ganz sicher verwechselt er mich, ich habe ihn schließlich noch nie gesehen, aber nein, nein, nein, er sucht geistesabwesend weiter. Nach vielen weiteren Orten in der Meseta produziert er mit einem Mal strahlend etwas hinter Astorga heraus, ich hätte mit einer Koreanerin vor einer Kirche gesessen. Gesessen, na gut, das dämmert mir. Das war You-Seok vor Rabanal, als wir vor der englischen Herberge gewartet haben. Und mit einem kleinen Schrecken dämmert mir, dass Joaquin der gewesen sein könnte, der etwas begriffsstutzig nach einer Herberge gefragt hat und dem ich unter Nachwirkung der argentinischen Dramaqueen vermutlich etwas zu resolut die Beschilderung gezeigt habe. Mir schließt sich der Kreis, ich bin also nicht schnell im Sinne von hoher Geschwindigkeit, sondern schnell im Sinne von mit langen Tagesetappen unterwegs. Joaquin lächelt höchst befriedigt vor sich hin, und ich scheine sogar minimal in seiner Gunst gestiegen zu sein, jetzt, wo er mich passend einordnen kann.

Es klingelt, diesmal kommen zwei Spanier, die sich glücklicherweise absolut problemlos einfügen und den armen Hospitalero nicht wieder zur Weißglut bringen. Anke kennt beide schon, wieder knipst sie ein besonders strahlendes Lächeln an und bewirkt ein rundum gemütliches „Willkommen zu Hause“-Gefühl. Je länger ich mit ihr spreche, desto mehr muss ich meine Caminoliebetheorie widerlegen. Zwar bewirkt es eine wundersame Verstärkung, wenn sie und Joaquin sich verschwörerisch anstrahlen, aber eigentlich strahlt sie immer derart, ob nun für Joaquin, mich oder die Spanier. Und sie erzählt mir, dass sie verheiratet ist und ihr Mann mit einer Etappe Zeitverzögerung hinter ihr herläuft.

Einer der beiden Spanier trägt eine Brille zur Halbglatze und sieht recht seriös aus. Sein Kumpan ist in meinem Alter, extrem gutaussehend und von einer Fitnessstudio-geformten Modelfigur. Mit einem strahlenden Lächeln sucht er den Boden nach einem Platz ab, wo er seine Isomatte ausbreiten kann, um ein halbstündiges Workout zu starten. Sein Kollege und Anke kennen das schon, anscheinend geht er jeden Tag nach dem Wandern noch einen halbe Stunde durch das Dorf rennen und dann seine Übungen machen. Heute fällt das Rennen ausnahmsweise flach, weil sie sich mehrstündig verirrt haben. Die kleine Runde lacht sich halb kaputt, wie man sich hier verirren kann. Es herrscht eine ausgelassene Stimmung, während Miguel in einer eleganten weißen Trainingshose diszipliniert Liegestützen und Sitzups macht und zwischen konzentriertem Schnaufen noch ab und zu strahlend in die Runde lächelt.

Vor lauter Strahlen und gelöster Stimmung bin ich mittlerweile schon wieder so sortiert, dass ich bei nächster Gelegenheit den Hospitalero abpasse und doch wegen meinem Bein frage. Wie zu erwarten, zeigt er sich moderat enthusiastisch, immerhin poltert er nicht. Dass ich Wasser im Bein habe, kann sicher nicht sein. Und gefährlich kann es natürlich auch nicht sein. Meine zaghafte Frage, ob ich damit weiterlaufen kann, kommentiert er irritiert mit einem tonlosen „natürlich“. Ich falle überrascht aus allen Wolken, und er erklärt etwas gereizt, dass man halt einfach vorsichtig laufen muss, aber dass das kein Problem wäre. Aha, okay, mhm… ich bin etwas überrumpelt und frage noch, was ich da jetzt machen kann. Er guckt eine Mischung aus gelangweilt und gereizt, dass ich doch sicher schon gesehen hätte, wie Pilger Creme auf die Beine tun. Und etwas massieren. Und etwas stretchen. Er guckt mich an, als wäre ich schon ausgesprochen umständlich und schwer von Begriff. Ich bin sehr durcheinander. Grundlegend muss ich mich zwischen zwei Varianten entscheiden, entweder, ich halte den Knaben für kompetent oder für inkompetent. In letzterem Falle, den mein Verstand sehr bevorzugen würde, ist er der Hospitalero der beiden, der keine Ahnung von Shiatsu und Co hat, ich kann nichts auf sein Urteil geben, bin genauso schlau wie vorher und sitze sehr aufgeschmissen ohne schlauen Rat mit einem potenziell gefährlichen Bein da. Und kann den Rest des Tags, die Nacht und die kommenden Tage bis zur nächsten größeren Stadt munter durchdrehen. Oder ich unterstelle ihm Kompetenz, habe demnach kein Wasser in den Beinen, auch sonst überhaupt kein Problem, kann morgen bedenkenlos über mit den höchsten Berg des Caminos, muss nur einfach ein bisschen bedächtig gehen und jetzt ein wenig cremen, massieren und stretchen. Letztere Variante heilt zumindest meinen Kopf mit einem Schlag, und ich beschließe, mich dafür zu entscheiden. Es gelingt mir auch erstaunlich gut.

Den Rest des Nachmittags sitze ich mit der rundum positive Schwingungen verbreitenden Gruppe im Aufenthaltsraum, höre Entspannungsmusik im Hintergrund und creme stundenlang meine halbe Tube Arnikacreme in mein Monsterbein, das ja gar keins ist. Irgendwann steht ein Rotschopf im Flur, er hat die falsche Tür genommen und ist dem Glockengeläut entkommen. Ich klingele noch schnell pflichtbewusst nach. Nach einer englischen Einweisung entpuppt er sich als Deutscher, und nach einer weiteren Stunde kommt zu seiner großen Freude noch sein österreichischer Kollege an, der auch irgendwie nett, vertrauenserweckend und sympathisch aussieht.

Ich erfahre von den Spaniern, dass sie zusammen auf Menorca in einem Club arbeiten (der Bebrillte an der Rezeption, sein Kollege erstaunlicherweise nicht als sportiver Animateur, sondern an der Bar). Aus Joaquin lässt sich eher mühsam herauspressen, dass er Brasilianer ist, in Holland geboren, momentan lebend in Portugal, aber zwischendurch auch in Frankreich, Spanien, Amerika und sonstwo. Er spricht einfach alle Sprachen fließend. Ich muss mich eh schon immer sehr am Riemen reißen, nicht Kristian in ihm zu sehen. Er hat eine sehr anziehende Aura, wie ich sie normalerweise nur bei Seelenverwandten verspüre. Seelenverwandt sind wir aber überhaupt nicht, unsere Kommunikation ist extrem harzig, er schaut mich häufig unverständig und entgeistert an (sofern er überhaupt schaut und nicht irgendwo verträumt die Wand betrachtet). Sein Blick verleiht mir regelmäßig den Eindruck, dass er mich für reichlich bescheuert und retardiert hält. So auch, als ich frage, was er im normalen Leben so mache. Er antwortet der Wand mit verklärtem Lächeln, dass er ein „emotional healer“sei. Ich fühle mich reichlich dämlich, dass ich damit rein gar nichts anfangen kann. Er ist sehr faszinierend, allein von seiner Lebensgeschichte, seinem Wesen und seinem Aussehen. Er erinnert an einen Elf, unglaublich filigran und ätherisch – und auch schon wieder reichlich gutaussehend. Nicht nur dank meines extra beschwerten Monsterbeins habe ich wohl zu viel Bodenhaftung, als dass ich mich problemlos in seine Sphären einfügen könnte. Ich beschließe, mich etwas von ihm fern zu halten.

Anke erzählt mir derweil sehr offen aus ihrem Leben. Beruflich macht sie gerade nichts (sie nimmt nicht etwa eine Auszeit oder ein Sabbatical oder sonstwas klangvolles, sie hat einfach gerade keine Arbeit). Vor ein paar Jahren hatte sie einfach frank und frei ein Burnout und seitdem ihre Balance noch nicht wiedergefunden. Ich bin beeindruckt über die Art, wie sie das völlig selbstverständlich und casual erwähnt. Überraschenderweise gibt es dann doch noch Dinge, die sie aus der Ruhe bringen. Plötzlich läuft sie puterrot an, es wäre ihr furchtbar peinlich, sie hätte es auch noch niemandem gesagt, es wäre wirklich nicht ihre Art, hui, nein, wäre ihr das jetzt unangenehm, sie könnte das kaum aussprechen. Ich mache mich intuitiv auf irgendein Geständnis Joaquin betreffend gefasst. Knapp daneben. Sie hat heute auf dem Weg irgendwo auf einem Straßenschild ein „Ich liebe Dich“ für ihren Mann hinterlassen. Ich bin moderat geschockt.

Heute tun selbst die beiden deutschsprachigen Pilger irgendwie gut. Markus 1 ist fertig studierter Jurist, der einzige bisher, der offen zugibt, dass er ganz dringend rechtzeitig zum Papst ankommen will. Markus 2 ist österreichischer Lokführer. Beide haben sich zufällig zu Beginn des Caminos kennengelernt und laufen seitdem eigentlich zufällig immer die gleichen Etappen. Beide sehen irgendwie sehr vertrauenserweckend aus, sodass ich ihnen meine Beinunsicherheit anvertraue. Markus 2 meint sofort routiniert, dass man in den ersten 48 Stunden kühlen müsse, und wo wir jetzt wohl Eis herbekämen. Er schaut schon geschäftig Richtung Küche. Ich kann abwehren, dass die 48 Stunden wohl schon rum sind. Nachdenklich meint er, dass dann milde Wärme angezeigt wäre, vornehmlich in Form von leichter Bewegung. Er meint auch, dass bedächtiges Wandern morgen voll drin liegt. Mit Markus 1 ist er sich einig, dass da vielleicht ein Muskel angerissen ist, das jetzt eben die Nachwirkungen sind, deswegen aber nichts weiter reißt, sondern Tag für Tag besser wird. Wunderbare Aussichten, und diesmal scheint selbst mein Verstand einverstanden zu sein. Die beiden wirken so seriös und kompetent, ich bin vollends beruhigt.

Plötzlich steht Joaquin frisch geduscht im Raum und fragt Markus 2 irgendetwas wegen einer Unterhose. Der stößt einen spitzen Schrei aus und flüchtet in die Dusche. Wie sich herausstellt, hat er sich nach dem Duschen versehentlich in die Bekleidung des Brasilianers geworfen.

Endlich gibt es gemeinsames Abendessen. Markus 2 hat unterwegs schon gegessen, auch die Französin nimmt nicht teil. Sie liegt den ganzen Tag schon in ihrem Bett. Ich habe ein schlechtes Gewissen deswegen, vor allem, weil sich die Gruppe lautstark darüber lustig macht. Ich fürchte, dass sie auch Englisch soweit versteht, dass sie merkt, dass über sie gesprochen wird. Und so ablehnend Caminopärchen wirken können, so ablehnend wirkt sicher auch eine pausenlos laut wiehernde Gruppe, zumal wenn sie über einen selber wiehert.

Zu Beginn der Mahlzeit hält der Hospitalero eine kleine Ansprache. Diesmal ist es der zweite Hospitalero, den ich automatisch eher als den atmosphärischen Shiatsu-Mann identifiziere. Er ist ein gemütliches, kleines Männchen mit grauen Haaren und dunklen Augen. Mit dunklen Strahleaugen von wieder einmal ganz besonderer Qualität. Kein helles, leuchtendes, ausgelassenes Strahlen und Scheinen wie bei Anke, aber eine besondere, beruhigende, grundlegende Tiefenwärme. Während er spricht, legt er ganz selbstverständlich seine Hände schwer und doch zugleich leicht auf den Schultern des nächstbesten Pilgers ab (der zufälligerweise ich bin). Zwar habe ich hier und heute keine Shiatsu-Massage bekommen, aber geheilt worden bin ich trotzdem. Mein Kopf ist wunderbar ruhig und hat Frieden gefunden – ob durch den Hospitalero, die Atmosphäre der Herberge, die besonderen Leute hier, Ankes wunderbare Art, ich weiss es nicht.

Es gibt eine Riesenschüssel Karottencremesuppe, gefolgt von einer Salatplatte. Als Hauptgericht Spaghetti Carbonara und vegetarische Pilze für Joaquin, zum Nachtisch eine Creme mit Galleta. Ich habe selten so gut, vor allem selten so liebevoll gekocht gegessen.

Die Stimmung der kleinen Tischgesellschaft ist familiär und ausgelassen heiter. Die beiden Spanier sind sehr lustig und mit einer ordentlichen Portion Selbstironie gesegnet. Anke ist auch wieder blendender Strahlestimmung. Mir gegenüber sitzt Joaquin, der sich bei einer lustigen Altersraterunde als 20 ausgibt. Ich bin fast geschockt. Viel älter aussehen tut er wirklich nicht, aber seine Themen und Sphären sind doch ziemlich anspruchsvoll und abgehoben. Für 20 ist er ein ziemliches Kaliber.

Das stellt er nochmal eindrücklich unter Beweis, als er sich über ein Päckchen Haselnuss-Muffins echauffiert, in denen ja nur 8% Haselnuss drin wären. Ich verkneife mir eine Überlegung, ob er schon mal Muffins mit 80 oder 90% Nussanteil gebacken hat. Ich sehe offensichtlich nicht geschockt genug aus, denn er setzt zu einem viertelstündlichen Vortrag über gesunde Ernährung an. Als ob ich nicht ganz zurechnungsfähig wäre, hält er mir 5 Finger unter die Nase, um die 5 Ernährungsfeinde des Menschen zu verdeutlichen. Unter anderem um künstliche Süßstoffe und gehärtete Fette rankt er interessante Verschwörungstheorien, auf welche Weise sie im Menschen das Gehirn und sein Denken verändern sollen. Ich muss mich schon etwas beherrschen, das ein oder andere nicht interessiert in Frage zu stellen. Nachdem er seinen oberlehrerhaften Vortrag dann aber noch mit „so ist das. Also, falls Du davon auch nur irgendetwas verstanden haben solltest…“ beendet und einen gönnerhaft abschätzigen Blick wirft, entfleucht mir ein ausgesprochen zickiges und schnippisches „ich habe das studiert“. Ich bereue es sofort, zumal er überhaupt nicht zurückzickt, sondern betroffen entschuldigend meint, dass er das nicht gewusst hat. Es ist ohnehin Bettgehzeit, sodass ich mir für heute keine weiteren Gedanken machen will über den recht außergewöhnlichen Joaquin und warum wir leider immer aneinander rasseln.

Im Schlafraum stinkt es astronomisch, und mir wird mit Schrecken bewusst, dass ich daran schuld bin. Im ersten Moment des Ankommens habe ich meine patschnassen Sachen einfach auf die Heizung gelegt. Bei ungewaschenen Socken eine ganz, ganz schlechte Idee.

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Um 7 wache ich auf, eine prima Zeit zum Aufstehen. Die Herberge liegt noch in kompletter Stille (bzw. dem Schnarchen nach zu urteilen zumindest in seligem Tiefschlaf). Ich fühle mich unbeobachtet und ziehe mich in aller Seelenruhe um. Kaum bin ich fertig, erklingt ein hellwaches „good morning“ neben mir. Glückwunsch.

Ich packe meine Sachen zusammen, frühstücke und lege Regenmontur an. An sich will ich ja nicht planen, aber so ein bisschen schießt mir schon mein grober Zeitplan durch den Kopf. Heute wollte ich bis O Cebreiro, dann Samos, was zwei ziemlichen Mammutetappen entspricht. Dann wäre ich 3 Tage zu früh in Santiago.

Ich spiele mit dem Gedanken, einfach loszulaufen, nachdem Kristian weiterhin hellwach im Dunkeln liegt und seit dem „good morning“ kein weiteres Wort mehr verschwendet hat. Ich lege ihm noch mein typisches Apfelfrühstückstörtchen neben den Rucksack sowie mein Voltaren Gel. Ich setze mich dann doch nochmal zu ihm. Er fragt, ob ich jetzt gehe, was ich bejahe. Was ich mit so viel Tagen in Santiago machen will. Ich gebe zu, dass ich mit dem Gedanken spiele, den Weg nach Samos auf drei Etappen zu verteilen. Ich frage, wie er sich fühlt. Der Fuß ist scheiße, aber seine Energien wären gut. Ich bin erleichtert. Er meint lapidar, wir würden uns sicher bald wieder sehen. Genau. So muss man sich wenigstens nichts abbrechen und sich zum Abschied eventuell kurz umarmen.

Eigentlich wollte ich bei dem Regen diesmal auf den Camino duro verzichten. Als ich an der Abzweigung stehe, habe ich aber doch wieder das Gefühl, mich ein bisschen auspowern zu müssen und Luft und Freiheit zu fühlen. Und irgendwie einen gewissen Abschluss zu vollziehen.

Wieder einmal ist der Weg wunderwunderschön. Der Regen hat aufgehört und ich laufe in Wolken und Nebel, ganz mystisch verwunschen. Der gelbe und weiße Ginster, die abgestorbenen Bäume, die komplette Einsamkeit und gefühlte Unberührtheit… und der Blick ins Tal, auf die Autobahn und die Straße, auf der die Pilger wie Ameisen stupide geradeaus Kilometer fressen.

Zurück im Tal in Trabadelo mache ich eine intensive Frühstückspause. Heute will ich nur nach Ruitelán, wo es eine sehr atmosphärische Herberge geben soll. Und ich muss ja ein bisschen runterbremsen, wenn ich erst in 3 Tagen in Samos sein will.

In Vega de Valcarce erwische ich mal eine offene Kirche. Ich höre zwar noch nichts, fühle mich aber schon wieder ein bisschen gewohnt zu Hause.

Auf dem Weg ist nun recht viel los, vor und hinter mir sehe ich ständig Pilgergrüppchen. Das richtige Energie- und Naturerlebnis bekomme ich leider nur, wenn ich mich komplett alleine fühle und durch nichts gestört werde. Sobald ich Leute vor mir sehe, trabe ich recht abwesend Rucksäcken hinterher.

Ruitelán ist klein und wirkt zu Mittag recht unbelebt. Die Herberge hat noch geschlossen, sodass ich mich zum Warten vor die Eingangstüre setze, die ein bisschen überdacht ist. Es regnet schon wieder. Walter, ein älterer Österreicher, mit dem ich gestern schon ein paar Worte gewechselt habe, zieht fröhlich grüßend vorbei. Der Hospitalero trifft mit Tüten beladen ein; offensichtlich sitze ich im Weg. Ich springe sofort auf, aber er grunzt nur missgelaunt und schubst meinen Rucksack in eine andere Ecke, dabei hält sich die Beeinträchtigung in Grenzen. Er knallt die Türe wieder hinter sich zu. Ich bin ja eigentlich auf dem Camino, um auf mein Herz zu hören und meine Etappen nach Lust und Laune und Gefühl zu planen. Mein Gefühl sagt im Moment ganz klar nein, und so laufe ich kurzentschlossen weiter Richtung La Faba. Schon wieder eine Herberge, die ich kenne, aber besser als das hier.

Der Aufstieg zieht sich etwas in die Länge, und es beginnt schon wieder zu regnen. Ich schiebe alle zwei Minuten die Regenkappe vor oder zurück. So richtig schlimm regnet es ja nicht. Aber dann doch zu viel, als dass man nass werden wollte. Nervig.

Kurz vor La Faba treffe ich Walter. Lustig, zum dritten Mal laufe ich die letzten Meter in Begleitung eines älteren, deutsch sprechenden Pilgers. Walter möchte auch in die schwäbische Herberge und findet es ein Glück, mich Expertin gerade aufgelesen zu haben.

La Faba verbinde ich mit überschäumender, wenn auch sehr deutsch geprägter Gastfreundschaft. Diesmal ist nur eine einzelne Hospitalera da, etwa in meinem Alter. Sie hat sich am Eingang eine kleine Rezeption aufgebaut und ist ziemlich effizient geschäftig direkt. Ich vermisse das bekannte Wohnzimmergefühl, welches ich auch in Foncebadón erleben durfte. „Komm erst mal rein, setz Dich, schön, dass Du da bist. Such Dir erst mal ein Bett, mach Dich frisch, willst Du einen Tee?“. Zum Glück kenne ich mich gut genug aus, um mich eben selber liebevoll willkommen zu heißen.

Ich setze mich in den Aufenthaltsraum und versinke in Bändelknüpfen, während die Hospitalera mit einer spanischen Pilgerin redet. Ich höre unbeteiligt zu und denke mir ab und zu meinen Teil. Die Spanierin lacht sehr viel und klingt nett und offen.

Draußen regnet es in Strömen, fast schon wie Schneeregen. Ich bin froh, es noch rechtzeitig geschafft zu haben. Marco, der nervöse Spanier vom allerersten Tag, schafft den Weg zu uns ins Trockene. Die Hospitalera redet laut deutsch auf ihn ein, ich finde sie fürchterlich unsensibel und bin froh, als sie gegen 3 sagt, sie ginge jetzt mal in ihre Wohnung hoch. Sie kommt abends noch einmal kurz zum Kassieren, ansonsten sehe ich sie nie wieder. Und das in La Faba.

Die Spanierin ist lustig. Sie interessiert sich für meine Bändel und dass ich gute Energien reinknüpfe. Sie findet das gar nicht ungewöhnlich; selbst als ich von meiner Fußwunderheilung erzähle und dass ich doch gar nicht heilen kann, lächelt sie nur gütig und irgendwie allwissend, dass jeder Energien hätte und seine Hände benützen könnte. Etwas an ihr ist merkwürdig, sie wirkt definitiv nicht allein, sondern sehr gespeist von Energien und Spirituellem. Wir sparen uns den üblichen Smalltalk und das Durchkauen der üblichen Fakten (die habe ich beim Gespräch mit der Hospitalera eh zur Genüge gehört). Als mein Bändel fertig ist, gebe ich es ihr. Sie freut sich überschwänglich.

A propos Bändel freue ich mich auch sehr, Marco wiederzusehen. Ich weiß nicht, warum, aber bereits am ersten Tag hatte ich das Gefühl, ihm auch gern ein Bändel machen zu wollen. Ich spüre eine gewisse Nachdenklichkeit und Schwere in ihm, andererseits aber auch eine besondere Verbindung. Er ist ein ganz ruhiger, zurückgezogener, der wenig spricht. Aber etwas in seinen Augen zeigt mir, dass er versteht. Ich brauche nur unbeholfen einen Satz zu sagen, und seine Augen sagen mir, dass er die ganzen Gefühle, Gedanken und Probleme drumherum versteht und mit mir fühlt.

Walter und Marco kennen sich; allerdings ist es eine lustige Freundschaft. Marco versteht nur spärliches Englisch, und Walter redet nur Deutsch mit so einem massiven österreichischen Einschlag, dass selbst ich ihn schwierig verstehe. Aber er erklärt mir, dass sie sich schon seit ein paar Tagen begleiten und „gut verstehen“. Für den Abend will Marco für alle Chinesischen Reis kochen. Ich bin etwas zögerlich und hätte fast schon lieber wieder meine Freiheit, aber nachdem wir hier nur so eine Kleinfamilie sind in einem verregneten Mini-Ort, ist heute vielleicht nicht der geeignete Tag für meinen Egotrip.

Der Regen peitscht absolut wild, als in schwarzer Regenkluft Chuck pudelnass bei uns notlandet. Eigentlich wollte er bis O Cebreiro. Heute hat er Geburtstag, wie er schon seit Tagen jedem erzählt. Die große Party sollte dort steigen, und heute hat er auf dem Weg jedem Wein und Brot angeboten, zur Feier des Tages. Er ist wieder ganz der Alte; mehrmals schreit er durch den Raum, wo seine Geschenke seien, heute wäre doch sein Geburtstag. Ich kriege die Krise und lehne seinen Wein dankend ab. Er kommentiert es supersensibel mit „come on, davon wirst Du schon nicht gleich zum Alkoholiker“, was in mir dann erst recht massive Zuneigung weckt.

In einer kurzen Regenpause gehen wir zu dem kleinen Mercado. Es gibt diesmal wirklich sehr wenig zu kaufen, nicht mal Gemüse. Marco ist aber ein prima Koch und improvisiert mit Karotten-Kartoffeln-Erbsen aus dem Glas und meint, es würde schon gehen. Seinem Wunsch nach Eiern wird auch nachgekommen. Die Inhaberin verschwindet kurz für 5 Minuten ums Haus, es gackert und wir bekommen unsere Eier wahrscheinlich noch huhnwarm.

Zurück in der Herberge fragen wir Chuck, ob er auch mitessen will. Er guckt entgeistert und meint, es wäre doch sein Geburtstag, da ginge er doch natürlich in ein Restaurant. Optimistische Bezeichnung für die Bar in diesem Ort. Und komische Art zu feiern. Ganz allein.

In der Kirche neben der Herberge findet diesmal leider auch wieder kein Gottesdienst statt. Ich setze mich allein ein paar Minuten vor den Altar. Ich heule minutenlang Rotz und Wasser, ohne einen konkreten Gedanken dazu zu haben. Vermutlich treffe ich Gott.

Die Truppe in der Herberge ist prima, keiner zeigt sich irritiert von meinem verheulten Gesamtbild. Walter erklärt mir eingespielt, dass man Marco am besten allein kochen lässt und hinterher nur abspült. Ich darf immerhin die Kartoffeln aus dem Gemüseglas sortieren (die passen ihm nicht) und die Paprikas aus dem Glas in feine Streifen filetieren. Ansonsten kocht er zielsicher und geschwind vor sich hin. Aus den Tiefen seines Rucksacks zaubert er Sojasoße, die er in weiser Voraussicht noch im Tal eingekauft hat. Die wirklich unglaublich gelben Eier macht er zu Omelette, welches in Trapezform geschnitten über den Gemüsereis wandert. Das Abendessen mit Walter, Marco und der Spanierin mit der guten Energie ist nett, so richtig freuen kann ich mich aber nicht. Kristian fehlt mir, mir fehlen unsere intensiven gemeinsamen Schwingungen. Ich wüsste gern, wo er jetzt ist, wie es seinem Fuß geht und seiner Stimmung. Ich hoffe, er ist nicht wieder betrunken oder kriegt eine rastlose Krise und läuft in Wollsocken rauchend im Regen herum. Beim Gedanken an Rauchen muss ich lächeln. Ich habe zum Abschied gesagt, dass er jetzt ja sicher noch ab und zu an mich denken wird, wenn er seine platten Zigaretten raucht. Und er meinte, das würde er sowieso.

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