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Posts Tagged ‘El Burgo Ranero’

Ich schlafe tief und fest, bis es draußen schon hell ist. Nachdem ich auf José warte, der nie vor Sonnenaufgang losläuft und ja erst noch 7 km laufen muss, habe ich heute alle Zeit der Welt.

Ich frühstücke mit den Deutschen. Dem Fußlahmen geht es immer noch nicht besser, und als ich zaghaft frage, ob dann heute wieder Bus angesagt ist, meint der jüngere Kollege, dass sie alle mit der Bahn fahren, gleich bis León, weil bei diesem blöden Wetter (es nieselt ungefähr einen Tropfen pro Minute) wird er ganz sicher keinen Fuß vor die Tür setzen.

Was das Füße Setzen angeht, so bin ich heute durchaus geläutert. Nach dem gestrigen Debakel habe ich mir vorgenommen, auf meinen Körper bzw. meine Füße zu hören. Aber im Gegensatz zu gestern tut mir nichts mehr überdurchschnittlich weh, und als ich meine Wanderschuhe anhabe, sagen meine Füße erstaunlicherweise sogar „los! los!“ und schmerzen rein gar nicht mehr. Ich bin überaus erleichtert.

Ich schlendere schon mal los. Die Strecke ist sehr überschaubar, entlang der Straße und schnurgerade (und auch sehr überschaubar an landschaftlichen Reizen). Der Boden ist sandig durchweicht, mit jedem Schritt sinke ich ein, manchmal bis über den Stiefelrand. Immer wieder wechsle ich auf die Fahrstraße, aber die ist dann doch zu befahren, als dass ich mich so richtig wohl fühlen könnte.

In meiner Herberge war nur noch eine spanische Kleingruppe, die aber schon früh los ist. Die Deutschen fahren ja Zug, sodass ich alleine bin, bis die ersten aus Bercianos auf mich auflaufen. Nach ungefähr einer Stunde sehe ich dann wirklich eine kleine, dunkelblaue Gestalt am Horizont auftauchen. Leider ist es recht kalt und windig, sodass ich lieber langsam weiterlaufe, als zu warten. Und es braucht ewig, bis José näher kommt. Ich freue mich tierisch und male mir seine Überraschung aus. Irgendwann warte ich dann doch, und während ich ihm entgegengrinse und die Gestalt immer deutlicher wird, weiten sich meine Augen wie im besten Horrorfilm. Der kleine Pilger mit dunkelblauem Regenponcho und dem charakteristischen José-ausgeruht-mit-6 km/h-am Morgen-Tempo stößt sich nämlich schwungvoll mit zwei Teleskopstöcken ab – und mein echter José läuft klassisch mit einem dicken Holzstab. Bis zum Horizont ist auch kein weiterer Pilger zu sehen, dabei kann ich sicher eine Stunde überblicken. Ich bin derart enttäuscht und niedergeschlagen, dass ich meine Pläne schon wieder über den Haufen werfe und das Kapitel José nun doch schließen und bis León durchlaufen will.

Mansilla de las Mulas erreiche ich bei uneinladendem Regenwetter und auch viel zu früh weit vor Mittag. Ich schaue mich ein letztes Mal um, wie zu erwarten kein José. Ich verlasse Mansilla und mache außer Sichtweite trotz des Regens eine ausgiebige Vesperpause. Ein Stück weit fühle ich mich unendlich befreit. Die tausend Abschiede und das Hoffen der letzten Tage waren zermürbend, und ich bin erleichtert, dass damit jetzt endgültig unwiederbringlich Schluss ist.

Ich fühle neue Energien, und die Kilometer und Stunden vergehen wie im Flug. Ich erreiche die Vororte von León; die Tankstellen und Hotels und weitläufigen Autohändlerareale fühlen sich nach der Woche in der Meseta wie eine neue Welt an. Zudem ist für mich León auf unerklärliche Weise ein großes Etappenziel. Vielleicht, weil ich dort letzten Herbst begonnen habe, ab León ist der Camino ein Heimspiel. Vielleicht, weil ich in den letzten Stunden endlich wieder das richtig freie Pilgergefühl hatte.

Ich kann León bereits sehen, als mein Camino entlang eines Hügels auf der Höhe eine riesige Straßenkreuzung umschifft. Plötzlich hupt es auf der Straße unter mir – und als ich hinunterschaue, winken mir aus einem Lieferwagen zwei Hände einen „buen Camino“. Ich bin noch minutenlang in Gedanken, als ich auf der Straße hinter mir ein sehr langsames Auto bemerke. Wirklich im Weg bin ich nicht, und selbst als ich nochmal demonstrativ zur Seite trete, behält es langsames Schritttempo bei. Mit einem Schlag bin ich misstrauisch und alarmiert. Es handelt sich um einen dunkelgrünen Jaguar mit nur einem Fahrer, und während ich das registriere, leuchten auch schon die Rücklichter auf und der Wagen kommt zu mir zurückgerollt. Ich ahne Ungutes, bin aber wie gelähmt. Erwartungsgemäß hält er auf meiner Höhe an, und das Fenster wird heruntergelassen. Ich weiß nicht, was ich erwarte, aber es braucht sicher eine halbe Minute, bis ich das verinnerliche, was wirklich passiert: der Fahrer erklärt mir, dass ich auf dem falschen Weg bin – er hat gesehen, wie ich die richtige Abzweigung verpasst habe und ist mir extra deswegen nachgefahren. Superschlau sehe ich mit meinen langsamen Hirnrädchen wohl nicht aus, er fragt irgendwann „Sie wollen doch nach Santiago, oder nicht?“ und fährt zurück zur Hauptstrasse. Ich laufe ziemlich verdattert den Weg zurück bis zu der Stelle, die er mir gezeigt hat; dort ist wirklich ein unscheinbarer gelber Pfeil, der nach links zeigt – quer über eine vierspurige Autobahn, die lückenlos befahren ist und nach dazu so am Hang und in einer Kurve liegt, dass man wirklich nichts einsehen kann. Ich kann das kaum glauben, dass ich da wirklich drüber soll. In Deutschland kommt es im Verkehrsfunk, wenn ein Fussgänger auf einer Autobahn unterwegs ist – und hier lotst man jährlich viele Tausende von Pilgern über einen absoluten Horror von Straße. In meiner aktuell geistig sehr fixen Verfassung stehe ich sicher 5 Minuten an der Straße, während vor meiner Nase ein Auto das andere jagt.

Irgendwann atme ich tief durch und lege einen atemberaubenden Sprint hin, bevor wie zu erwarten wenige Millisekunden nach mir ein schwerer Laster wie aus dem Nichts um die Kurve kommt. Ich fange erstmal an zu heulen, offensichtlich waren das doch etwas zu viele Anspannungen.

Als ich dann für die nächste Straßenüberquerung eine wunderschöne Brücke bekomme und nach heutigen 36 km das Ortsschild von León passiere, heule ich gerade weiter. Mich überkommt die typische Camino-Dankbarkeit; dafür, dass ich die Straße überlebt habe und mir ein Jaguarfahrer extra den Weg gezeigt hat. Dafür, dass ich mich von José lösen konnte und diese unglaubliche Etappe geschafft habe. Dafür, dass meine Füße mich so klaglos getragen haben, obwohl ich sie gestern überfordert habe und schon an ein Ende meines gesamten Caminos gedacht habe. Und wahrscheinlich bin ich hauptsächlich deswegen so emotionaler Totalschaden, weil mir bewusst ist, dass ich hier nicht alleine bin, nicht alleine meinen Weg kämpfe, sondern dass die größte Macht überhaupt mit mir ist.

In León verlaufe ich mich gleich manierlich. Den Pfeilen folgend lande ich bei einer städtischen Herberge, ich möchte aber wieder zu den Schwestern vom Vorjahr. Und davon bin ich offensichtlich meilenweit entfernt bzw. keiner kennt diese Herberge. Ich beschäftige gleich drei Passanten auf einmal, die beratschlagen, wie sie mich da idiotensicher hinlotsen können, und nachdem mich meine Spanischkenntnisse mal wieder akut verlassen und ich wohl nicht sehr verständig dreinblicke, bietet sich ein älterer Herr an, mich dorthin zu begleiten. Etwas seltsam ist er schon, er läuft schweigend durch den Regen voraus, und meine zarten Konversationsversuche schmettert er auch eher unherzlich ab. Immerhin bringt er mich nach über einer Viertelstunde zu einer Kreuzung, ab der ich mich wieder auskenne.

Nach einigem Suchen und vielem Durchfragen trete ich dann endlich durch den Torbogen zu meiner bekannten Herberge. Es ist mittlerweile nach 16.00, so spät bin ich glaube ich noch nie angekommen. Ich tropfe den halben Eingangsbereich voll, während ich nach meinem Credencial krame. Ich bin ziemlich kaputt, und das noch nicht mal körperlich. Aber ich fühle mich endlich so, wie sich ein Pilger fühlen sollte – erschöpft und zugleich dankbar, für heute angekommen zu sein und ein Bett bekommen zu haben. Und ich bin wieder auch eine stolze Pilgerin, als mein heutiger Startpunkt eingetragen wird.

Ich lasse mich erstmal ohne Duschen im erstaunlich gut gefüllten Frauenschlafsaal auf mein Bettchen plumpsen und gönne meinen Füßen die versprochene Erholung.

Nicht nur, dass ich endlich wieder Etappen gelaufen bin, die mich auch körperlich fordern, auch ist das hier wieder das Sozialleben, wie ich es vom Camino kenne: nahezu unbegrenzte Auswahl an neuen Kontakten, kleinen Gesprächen über das woher, seit wann, wohin, wie gefällt’s, wie geht’s den Blasen und den Knien… und was ich im Moment als besonders befreiend empfinde, keiner ist mir so sympathisch, dass ich nach einer Viertelstunde nicht auch gerne wieder weiterziehe. Bei jedem habe ich von neuem die Chance, mich zu öffnen oder auch höflich reserviert zu bleiben, mal tausche ich mich über Ärger und Sorgen aus, mal bleibe ich darüber bedeckt und spende nur Zuversicht und Optimismus. Viele beginnen hier ihren Camino. Manchmal oute ich mich, dass ich schon aus der Meseta komme bzw. nicht zum ersten Mal laufe, aber die meiste Zeit höre ich einfach auch interessiert hinter meinem Mäuerchen des Schweigens zu, wie andere das hier sehen.

In einer kleinen Regenpause springe ich schnell zum Supermarkt – mein erster Supermarkt hier in Spanien, und ich bin ganz überwältigt von der ungeheuren Vielfalt. Wie so meist kaufe ich fast wieder nur die gleichen Basics, die es auch in den winzig kleinen Läden gibt. Ein Novum lacht mich allerdings an – spannende Nussmischungen, die sicher nicht schlecht sind als schnelle Energie für unterwegs. Die ausgiebigen Brot-Pausen im Grünen fallen bei dem momentanen Wetter ja eher flach.

Für den Abend steht wieder die Messe auf dem Programm – und auch ohne das Fieber im Vorjahr ist die leitende Schwester ein Erlebnis für sich. Nur weiß ich diesmal ja zum Glück, wie das Ganze abläuft und worauf es ankommt, um nicht unangenehm aufzufallen. So habe ich diesmal brav mein deutsches Büchlein vor der Nase, in dem ich immer auf Kommando eifrig blättere. Obwohl die Kirche sehr schön ist und die Nonnen beeindruckend zahlreich, wird mir nicht so recht warm ums Herz. Die Ladies in Carrión de los Condes waren einfach eine absolute Klasse für sich.

Unheimlich schön finde ich aber immer wieder den Pilgersegen. Viel verstehe ich davon nicht, aber wie bei meinem ersten Gespräch mit José, es sind die Schlüsselwörter, die eine beruhigende und bewegende Wirkung auf mich haben: „guía en las encrucijadas“, „aliento en el cansancio“, „defensa en los peligros“, „albergue en el camino“, „sombra en el calor“, „luz en la oscuridad“.

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Der morgendliche Blick aus dem Fenster verspricht wie immer Regen, woran wir uns mittlerweile aber schon klaglos gewöhnt haben. Während ich mich in meine Regengarnitur schäle, kommt der Däne nochmal kurz zu mir und meint, dass er sich mit den Etappen doch vertan hätte, er hätte die einsame Strecke verwechselt. Die wäre er doch nicht gelaufen, und das wäre ihm jetzt bei diesem Wetter und den wenigen Pilgern auf der Strecke auch zu riskant. Halleluja. Meine ganze Planung bricht zusammen, und ich entschließe mich, dann eben doch zähneknirschend die langweilige Variante entlang der Straße zu laufen, allerdings bis El Burgo Ranero, 30 km, was mir die Möglichkeit lässt, dann morgen bis León durchzulaufen. Zwar sind das dann 37 km und weit mehr, als ich die vergangenen Tage mit José heruntergeleiert habe, wohl auch mehr, als ich jemals gelaufen bin, aber nachdem mir das jetzt schon lange ein kleiner Dorn im Auge ist, dass mir das keiner zutraut und ich langsam schon selber nicht mehr so ganz sicher bin, kommt mir das gerade gelegen.

José kommt aus dem Bad und ich eröffne ihm, meine Planung umgestellt zu haben. Ich meine damit, dass ich zwar den gleichen Weg gehen werde wie er, aber 7 km weiter als sein geplantes Etappenziel. Wie zu erwarten war, überredet er mich nicht zu einer kürzeren Version und erst recht denkt er nicht über eine längere Etappe seinerseits nach, sodass es jetzt unser endgültiger Abschied ist. Er umarmt mich eine Millisekunde lang, sagt „adios“ und dass wir uns bestimmt bald wieder sehen werden. Ich denke „rutsch mir doch den Buckel runter“.

Ich stapfe durch den morgendlichen Nebel und Regen, und meine Stimmung ist genauso wolkenverhangen. Meine Gedanken drehen sich völlig unsteuerbar im Kreis, ich bin wütend, enttäuscht, alles zusammen, so recht weiß ich eigentlich gar nicht, warum. Im Wesentlichen wohl, weil mir José mehr bedeutet als ich ihm und sich das schwer mit meinem Ego und Stolz vereinen lässt.

Da taucht zum ersten Mal auf diesem Camino ein Sonnenstrahl auf, mitten im frühen Morgendunkel, strahlend hell – und er beleuchtet mal wieder nur mich. Überrascht schaue ich mich um – und meinen Weg überspannt ein Regenbogen. Nach einer Minute ist das Schauspiel auch wieder vorbei, aber das besondere Gefühl bleibt. Hier wollte jemand meine trüben Gedanken aufheitern. Was er mir genau sagen wollte, weiß ich nicht. Ob er nur bei mir ist oder ob meine Entscheidung die Richtige war… auf alle Fälle bin ich wieder entspannt und versöhnt.

Prompt verlaufe ich mich ein bisschen, es scheint zwei Möglichkeiten zu geben, und nachdem meine an der Straße entlang geht, gehe ich wieder zurück zur Kreuzung, weil die andere Variante sicher spannender ist. Ich treffe auf José, der seine morgendlichen 6 km/h herunterspult, er läuft die Straßenvariante – und ich denke „super, so viel zum Thema endgültiger Abschied“.

Ich mache mir ein paar Gedanken über die zurückliegenden Tage. Normalerweise bin ich ja hier, um weiser zu werden, Stärke zu entwickeln und mich besser kennenzulernen. Statt dessen habe ich die letzte Woche kein bisschen nachgedacht. Ein Teil von mir ist wütend, dass die intensive Zeit mit José ein Ende finden muss, aber ich bekomme einen zweiten Regenbogen, als mir dämmert, dass ich vielleicht dankbar sein sollte für das, was ich erleben durfte, anstatt mich in Gramstimmung über den Verlust zu befinden. Außerdem freue ich mich so langsam wie auf ein neues Leben auf meinen neuen Camino, wieder allein, wieder neue Leute kennenlernend, wieder eigenständig.

Kaum habe ich meinen Frieden gefunden, taucht kurz vor Sahagún José wieder auf, und so langsam frage ich mich, was der Veranstalter da oben für mich auf dem Programm hat. Ich bin hier im Minutentakt am Verluste verarbeiten, die sich dann doch nicht als Verluste herausstellen, und am endgültige Abschiede nehmen, die 10 Minuten später doch nicht endgültig sind. Ich beginne, es anstrengend zu finden.

Sahagún ist die erste größere Stadt in der Meseta mit immerhin 3000 Einwohnern. Ich freue mich auf einen Supermarkt, nachdem meine Vorräte aufgebraucht sind und das meiner Stimmung wenig zuträglich ist. José freut sich auf eine Bar zwecks Frühstück. Der Supermarkt kommt zuerst, sodass ich kurz abbiege. Wir denken wie immer, dass sich unserer Wege automatisch wieder kreuzen werden – und so verläuft der endgültige Abschied, ohne dass es uns bewusst wird.

Ich laufe nach Calzada del Coto, wo sich noch ein letztes Mal die Chance bietet, den einsamen, spannenden Weg einzuschlagen. Schweren Herzens gehe ich an der Fahrstraße entlang weiter. Ich erreiche Bercianos del Real Camino, Josés Etappenziel. Das Örtchen sieht nett aus, und erst recht die Herberge, um die sich viele nett aussehende Pilger tummeln. Sie strahlen eine Atmosphäre des Angekommen Seins aus, und es fällt mir noch einmal schwerer, meinen Weg fortzusetzen.

Die folgenden knapp 2 Stunden werden die Schwersten meines bisherigen Caminos. Zwar ist der Weg eben und an der Fahrstraße entlang, der Regen hat aufgehört und es scheint sogar die Sonne, aber in mir macht sich eine endlose Müdigkeit breit. Ich habe konstant das Gefühl, im Gehen einschlafen zu können, zweimal stolpere ich über meine eigenen Füße und kann mich erst im letzten Moment fangen. Jeder Schritt ist unglaublich mühsam und anstrengend.

Ich erreiche El Burgo Ranero und fühle mich emotional total leer. Die Herberge ist hübsch und komplett in Adobe – Bauweise aus einer Art Lehmziegeln gebaut. Der ältere Hospitalero trägt automatisch als Ausgangsort „Sahagún“ ein und ist überrascht, dass ich von weiter komme. Bisher sind nur drei ältere Deutsche da. Sie kommen aus Sahagún und haben die Zeit derweil mit ordentlich Alkohol überbrückt. Der ältere Mann freut sich mit gläsernen Augen und tierischer Fahne sehr über meine Anwesenheit. Ich bekomme glücklicherweise ein anderes Zimmer und haue mich auf mein Bett.

Als ich wieder aufwache, tut mir alles tierisch weh. Mein Rücken, mein Nacken ist komplett verspannt, und als ich auftrete, lassen sich meine Füße überhaupt nicht mehr abrollen. Ich komme kaum mehr die Treppe runter, geschweige denn zum Mercado. Zu meinem emotionalen Vakuum gesellt sich noch ein Körper, der irgendwie in Streik getreten zu sein scheint.

Ich bin abgrundtief verzweifelt. Die alkoholisierten Pappnasen passen mir nicht, und ich vermisse José ganz unendlich. Die vage Hoffnung, er könnte wegen mir bis hierher laufen, habe ich mittlerweile restlos begraben. Ich kann nicht glauben, dass ich freiwillig hierher weitergelaufen bin, nur wegen meinem Stolz, anstatt José noch drei weitere kostbare Tage zu genießen. Und die Etappe war definitiv zu lang, ich bin völlig kaputt und habe meine Grenzen überschritten. Ich kann nicht einschätzen, ob sich diese ganzen Verspannungen in absehbarer Zeit jemals wieder geben oder ob meine Caminoplanung generell hinfällig ist. Eins ist mir auf alle Fälle klar: morgen werde ich auf José warten und mit ihm die Mini-Etappen laufen, sofern meine Füße bis dahin wieder mitmachen. Und von León nach Astorga werde ich einfach einen Bus oder Zug nehmen, dann habe ich ganz stressfrei 2 Tage wieder hereingeholt. Die Idee, morgen 37 km zu laufen, war einfach komplett absurd und eine Selbstüberschätzung sondergleichen. Im Moment kann ich kaum zur Tür humpeln.

Ich koche mir ein schönes, warmes Essen aus Nudeln, Zucchini, Auberginen und der berühmten spanischen Tomatensoße, von der ich zwar nicht weiß, was sie beinhaltet, aber alles, was man mit ihr kocht, schmeckt immer hervorragend. Am Tisch sitzen auch schon die Deutschen, aber wider Erwarten sind sie ganz brauchbar. Der Alkoholseelige hatte vor ein paar Tagen einen fiesen Krampf in der Wade und kann seither nicht mehr laufen. Er nimmt jeden Tag den Bus, und seine zwei Kollegen laufen die Etappe. Einer von ihnen, eigentlich jung und sportlich, abonniert nicht direkt meine Sympathien. Den Camino würde er nie zweimal laufen, also wirklich, da gibt es dann auch Spannenderes zu sehen, und also wenn das Wetter morgen wieder so ein Müll ist, dann setzt er sicher keinen Fuß vor die Tür, dann nimmt er samt seinem fußlahmen Kollegen den Zug, das geht nämlich eh viel schneller. Der Fußlahme fixiert derweil sehnsüchtig mein Essen, sodass ich freundlich „compartire“. Im Gegenzug will er mich nachher zur ihrer Kneipentour einladen, was ich aber dankend ablehne.

In der Herberge gibt es einen Computer mit Internetanschluss, und zum ersten Mal surfe ich bestimmt eine Stunde. Ich suche die Verbindungen von León nach Astorga heraus, klage meinen Lieben in Deutschland mein Leid und lasse mich mental wieder ein wenig aufbauen. Und morgen habe ich dann meinen kleinen Spanier wieder.

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