Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘Sarria’

Ich wache schon wieder etwas spät auf, wieder ist es kurz vor 8. Draußen auf dem Flur ist schon reges Packen – und ein Stück weit schlägt mein Herz höher, als ich aus verschlafenen Äuglein auch Joaquin ausmache, der sich auch noch anschickt, zu frühstücken.

Ich habe mir gestern ein Luxusfrühstück eingekauft, mache mir meine Tetrapaks Kakao warm und habe 8 leckere Muffins mit Schokostückchen vor mir. Lecker, bis ich den ersten Bissen getätigt habe. Vielleicht ist es einfach zu viel süße Schokolade am Morgen, jedenfalls schüttelt es mich gerade und ist nicht ganz so lecker wie geplant. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich seit Joaquin weiß, dass diese Muffins sicher auch wieder zu wenig Haselnüsse enthalten und dafür zu viele bösen Fettsäuren, die jetzt gerade anfangen, mein eh schon problematisches Hirn zu verändern.

Joaquin liefert mal wieder volles Programm. Aus einem Alubeutelchen mixt er sich eine Art Sojamilch mit Wasser und zählt allen Ernstes über 15 Tabletten auf den Tisch. Das eine wären Alfalfa-Sprossen, das andere irgendeine Braunhirse und was weiß ich was. Ich habe wirklich Respekt vor gesunder Ernährung, die Muffins schmecken mir wirklich auch nicht mehr, aber lauter Trockenfutter in Tablettenform ist für mich dann auch keine gesunde Ernährung, und ich komme nicht umhin, diese Zelebration wieder ein wenig wunderlich zu finden. Zumal er auch wieder eine abgehobene Besserwisserei nach der anderen bringt. Als ich fertig mit Packen bin, klopft er sich gerade zwischen den schmackhaften Gesundheitspresslingen den Brustkorb. Mir rutscht ein spontanes, wiedererkennendes „ah, Du stimulierst Deinen Thymus?“ heraus, woraufhin er mich auch wieder mitleidig entgeistert regungslos anschaut und meint „natürlich nicht“, da würde er irgendwelche Emotionen freisetzen oder beruhigen oder wecken oder ist mir doch egal. Ich bin knapp am Explodieren und mache mich wütend auf den Weg.

In erster (und einziger) Linie wütend auf mich selber. An Joaquin ist rein gar nichts falsch, aber ich ärgere mich endlos über mich selber, warum ich intuitiv immer irgendwelche Gemeinsamkeiten mit jemandem suche, der einfach völlig anders tickt als ich und mit dem ich mich nie harmonisch wortlos verstehen werde. Warum geht das einfach nur nicht in meinen Schädel?!

Nachdem es jetzt auf die letzten 100km zugeht, ist der Camino mit einem Mal belebt wie bei einem Volkswandertag. In manchen Momenten sehe ich 20 Leute auf einmal vor mir laufen, teilweise mit süß gepackten Rucksäcken, behängt mit Kochern und Broten und lustigen Artikeln, die man wahrscheinlich nicht über 800 km tragen würde.

Wieder geht es durch beeindruckende Kastanienhaine. An pittoresken Plätzen staut es sich bei dem Andrang richtiggehend. Das ständige Stehenbleiben, dekoratives- Beweisfoto- Schießen und Weiterhecheln ist fast ein bisschen amüsant. Mein Weg kreuzt sich oft mit dem einer älteren Koreanerin mit einem riesigen Foto. Wann immer ich stehen bleibe, gibt sie ein paar undefinierbare Geräusche von sich, legt den Kopf überlegend schief, um dann auch die Kamera zu zücken und das gleiche Bild zu machen.

Als wir eine kleine Anhöhe erreicht haben, finden wir uns plötzlich in dichtem Morgennebel wieder. Ich bin wie so oft begeistert und ständig am Knipsen.

Trotz des Morgennebels habe ich aber heute auch das sichere Gefühl, dass es nicht mehr regnen wird. Es scheint der Zeitpunkt gekommen zu sein, mich von Hannah Montana zu trennen. Der Abschied fällt mir ernsthaft nicht ganz leicht, aber als akribischer Gewichtsparer jetzt bei strahlendem Sonnenschein einen kaputten Kinderschirm nach Santiago zu tragen, das sprengt dann selbst meine sonstigen Messie-Ausmaße. Ich bringe es dann doch nicht übers Herz, sie in einer Mülltonne zu versenken; so findet sie also ihre letzte Ruhe an einer Mülltonne pendelnd im stimmungsvollen Nebel.

Der Morgen ist wieder einmal wie geschaffen für meinen unruhigen Foto-Zeigefinger, und dank des schlechten Wetters der letzten Tage liege ich ja platztechnisch mit meiner Speicherkarte auch genau richtig.

Als sich der Nebel lichtet, bieten sich wieder wunderbare Farbenspiele mit dem Restnebel, dem morgendlichen Tau auf den Wiesen, den Wolkenbergen und der strahlenden Sonne. Es ist so richtig warm und sonnig, paradise is here.

Im Wesentlichen laufe ich heute automatisch und von einem hellwachen Fotografenauge geleitet. Ein paar Kilometer denke ich über Joaquin nach und über Anke, und warum sich das irgendwie so komisch anfühlt. Warum macht es mir so zu schaffen, dass Joaquin einfach recht moderat beeindruckt von mir ist und einfach nur bei Anke strahlt? Und warum fühle ich mich klein und jämmerlich, wenn ich mit Strahleanke einfach eine gute Zeit verbringen könnte? Warum kollabiert mein Selbstbewusstsein immer derart und komplett, nur weil ich morgens keine Alfalfa-Tabletten esse – und das auch gar nicht will? Muss man das, um ein guter Mensch zu sein? Und selbst wenn, wo liegt mein Problem, eventuell zuzugeben, dass ich nicht perfekt bin? Dass ich keine Emotionen ausklopfe, dass ich einen grässlichen englischen Akzent habe und fürchterlich spanisch radebreche, dass ich nicht in jeder Gruppe der eloquente, verbindende, alle unterhaltende Mittelpunkt bin, dass mein Strahlen derzeit Mühe hat, auch nur einen Zentimeter um mich herum zu beleuchten – und dass ich einen spinnerten Halbgott wie Joaquin nicht faszinieren kann? Was ist überhaupt Selbstbewusstsein – etwas, was von innen heraus aus einem selber kommt, oder was davon abhängt, was die Umgebung von einem denkt bzw. wie viel besser oder schlechter die anderen sind? Für einen Moment erinnere ich mich mit meinem grässlichen englischen Akzent und dem fürchterlichen Spanisch an einen früheren Camino, als mich eine Pilgerin als das weitbekannte Sprachgenie tituliert hat. Wie, einmal kann ich 3 Sprachen und fühle mich stolz und glücklich, und dann treffe ich jemanden, der 5 Sprachen kann und fühle mich klein und jämmerlich? So ganz Klarheit in meine Überlegungen bringe ich im Moment noch nicht, finde aber insofern meinen Frieden, dass sich vielleicht manches von selber löst, wenn ich da irgendwann das ein oder andere lustige Schräubchen in meinem Kopf festgezogen bekomme.

Als endlich Ferreiros erreicht ist, mache ich es mir zu einer schönen Wohlfühlmittagspause gemütlich. In der warmen Sonne ziehe ich die Schuhe aus, mache etwas Fußgymnastik und breite mein schönes Mittagessen aus. Dank gestrigem Supermarkt habe ich heute eine wunderbar leckere Empanada im Gepäck. Das wunderbar lecker wird nach dem ersten Bissen ziemlich ins Wanken gebracht, und auch der zweite und dritte Bissen tut sich schwer, die Illusion aufrecht zu erhalten. Das Ding schmeckt einfach meilenweit entfernt von knusprig, sondern einfach nur latschig. Ich linse mal auf die Unterseite, die in der Tat recht ungebacken teigig aussieht. Und etwas weiteres Linsen ergibt einen netten, langstieligen, blaugrünen Miniwald aus Schimmelfäden, uäh… mit der wunderbaren Wohlfühlstimmung hat es sich schlagartig. Ich packe meine Füße wieder ein und suche ein gemütliches Plätzchen für meine Empanada (und diesmal definitiv ohne schlechtes Gewissen IM Mülleimer). Gar nicht so leicht, zumal sich der nächste Mülleimer an einer gut besetzen Terrasse befindet und ich Hemmungen habe, vor den Augen von 10 Pilgern ein Wagenrad Empanada wegzuschmeißen. Ich kann ja schlecht dazu rufen „nur, weils schimmlig ist!“. Nachdem das Ding dann doch irgendwo versenkt ist, kaufe ich mir in der Bar ein Bocadillo. Etwas frustriert und geknickt, aber was solls.

So richtig wohl fühle ich mich wie immer nicht in einer Bar, und das gute Bocadillo kaut sich ziemlich mühsam und trocken. Just in dem Moment, als ich überlege, ob ich heute wohl Anke und Joaquin begegnen werde, biegen sie um die Ecke. Dank lockerer Schräubchen schwanke ich zwischen Freude, Panik, dass sie mich sehen könnten und der üblichen Panik, dass sie das Gefühl haben könnten, mit mir reden zu müssen. Zumindest scheinen meine Gedanken wirklich passable Störstrahlen aussenden zu können, die beiden drehen sich wie auf Kommando um und kommen strahlend auf mich zu. Während ich mal wieder krampfhaft versuche, ein viel zu großes Stück Bocadillo möglichst zeitnah unauffällig runtergeschluckt zu bekommen, bin ich einmal mehr hin und weg von der Ausstrahlung der beiden. Zu ihrem üblichen, überglücklichen breiten Strahlen gesellt sich noch eine Blumendekoration, wohin man auch schaut. Joaquin hat seinen Strohhut mit Blümchen und Krokussen dekoriert. Anke trägt eh schon immer einen meterhohen, weißen Getreidewedel vom Camino del Norte an ihrem Rucksack, heute sind dazu noch ihre Rucksackschnallen beblümt. Flowerpower vom Feinsten. Anke erzählt lachend, dass sie heute schon wieder ein wunderbares Foto gemacht hätte. Ein Stilleben von rosa Schirm an grüner Mülltonne. Sie erzählt kurz, dass sie gestern dann doch fast bis Sarria gelaufen ist, und dass sie heute bis Portomarín wollen. Wegen Bettwanzengerüchten in der öffentlichen Herberge zieht es sie in die riesige, saubere Herberge. Ich möchte heute eh einen Ort weiter bis Gonzar, Portomarín kann ich überhaupt nicht leiden, und diese sterile Herberge erst recht nicht.

Nachdem ich mich schon wieder mit fadenscheinigen Weiteressensausreden aus der Affäre gezogen habe, verbringe ich den restlichen Weg recht nachdenklich.

Nachdenklich, und doch auch wieder völlig beeindruckt von dem wunderbaren Camino. Die grünen Weiden mit den braunen Kühen und den liebevollen Steinmäuerchen, die strahlende Sonne, die unglaubliche Ruhe, die einsamen, alten Dörfchen, die Bäume mit feuerroten Äpfeln und wirklich atemberaubende Wiesen voller Krokusse, soweit das Auge reicht. Und es ist November.

Kurz vor Portomarín regt sich plötzlich meine Intuition und will nicht weiter bis Gonzar. Ich bin überrascht und kämpfe einen Moment gegen Portomarín-Abneigungen, die Aussicht auf den gleichen Riesenpulk wie gestern und natürlich auch wieder den Gedanken, dass Anke und Joaquin bestimmt genervt sind, dass ich Schmeißfliege schon wieder da bin. Vermutlich gerade auf Grund der heutigen Überlegungen überwiegt aber trotzig das „na und?!“ – zumal ich mich immer so über meine Intuition freue, dass ich ihr nur zu gern folge.

Die Brücke vor Portomarín habe ich gar nicht gern. Ich sehe mich schon wie von Geisterhand durch die Metallgeländer rutschen und im endlos weit entfernten See landen, sodass ich leicht neurotisch lieber inmitten der Fahrstraße entlangtaumele und etwas erbleicht mit einem Puls von sicher 200 auf der anderen Seite etwas k.o. ankomme. Mein geplantes Siegerfoto auf der hübschen Treppe wird leider nichts, der Akku hat sich nach dem bilderreichen Tag verabschiedet. Ich werte es hochzufrieden als nochmalige Bestätigung, in Portomarín zu bleiben.

Etwas restzittrig wappne ich mich für die Pilgerhorden in der Großherberge. An der Rezeption frage ich sicherheitshalber, ob schon sehr viele da wären. Die junge Frau guckt etwas ablehnend, nein, nicht sehr viele. Wen ich denn genau suche. Ich frage nach einem Brasilianer und einer Holländerin, woraufhin sie gewissenhaft 3 Papiere durchschaut und sehr professionell und ernsthaft meint „ja, die wären da“.

Der 100-Betten-Saal ist wie ausgestorben, als ich am unteren Ende dann doch ein paar Rucksäcke ausmache. Ich bin höchst erleichtert, hier wenigstens Anke und Joaquin anzutreffen; der dritte Bewohner ist Matthias. Joaquin vespert begeistert strahlend an meinen Schokomuffins, die ich am Morgen in der Herberge gelassen habe. Die hat er alle eingepackt, sie wären superlecker. Du Alfalfa.

Ich dusche in den lustigen Waschräumen voller Lichtschalter und Bewegungsmeldern und wasche meine Sachen. Zum ersten Mal scheint heute strahlend die Sonne. Ich breite alles mögliche inklusive der chronisch leicht restnassen Schuhe aus und fühle mich irgendwie einfach wohl. Matthias gesellt sich dazu. „So, so“, er hätte ja erfahren, dass das hier so mein siebter Camino ist. Ich bin leicht schuldbewusst, es ist aber kein Problem. Wir unterhalten uns erstaunlich gut; ihm scheint es mit jedem Tag besser zu gehen, oder vielleicht sieht er einfach alles nicht mehr so eng.

Ich mache mich auf Supermarktsuche und Stadtbummel. In einem Souvenirladen entdecke ich die wunderbaren Muschelohrringe von Anke, und den Mercado habe ich gerade soweit zu Ende durchstreift, als mir Anke und Joaquin entgegenkommen. Beide gucken irgendwie wie ertappt, irgendwas ist anders. Da zieht Joaquin auch schon seinen Strohhut aus, während Anke hektisch kichert. Die beiden waren beim Friseur, und Joaquin hat neuerdings eine absolute Glatze. Ich bin einen Hauch von sprachlos geschockt. Anke ist betreten, weil es vermutlich ein recht bewegender Moment war, ihn bei dieser Aktion begleiten zu dürfen. Joaquin ist sehr betreten mit dem nackten Kopf, zumal ich etwas sprachlos schaue. Ja, er weiß, es sieht doof aus. Nein, das ja nicht direkt. Er sieht einfach ein bisschen aus wie ein Mönch, und die Frau in mir trauert wohl noch zu sehr seiner attraktiven Haarpracht nach. Das war wohl auch das Problem, er findet sich zu eitel, er wäre ganz selbstverliebt in seine Haare, das wäre nicht gut, deswegen hätte er sie jetzt weggemacht. Ganz Joaquin, ich spinne in Sphären, an die Du nicht einmal denken würdest. Dann kichert er aber auch schon wieder so unsicher und sagt „ja, es sieht blöd aus“, dass ich eher grinsen muss, als ich mich auf den Heimweg mache. Dort treffe ich noch kurz die wenigen männlichen Koreaner von gestern. Sie sind in der öffentlichen Herberge abgestiegen. Ich bin etwas neidisch, nachdem es bei uns ja so einsam ist. Die Jungs schütteln resolut den Kopf, nein, es wäre keine gute Wahl gewesen, bei ihnen wäre es wie im Gefängnis, nicht gut. Das Grinsen lässt sich schwer abstellen.

Ich widme mich gerade meinem leckeren Glas Mixed Pickles in der Abendsonne vor der Herberge, als Anke mit Mönch mit Weinflasche und Oliven ebenfalls ihren Chill-Out angehen. Mein automatisches „nein danke“ wird niedergeknüppelt von dem neu in mir erwachten „na und?!“, sodass wir gemeinsam in der Sonne sitzen. Matthias mit einer Chipstüte und ein Belgier mit einer Packung Käse komplettiert auch kulinarisch die Runde. Der Ausblick auf den Stausee ist wunderschön und friedlich, und ich bin fasziniert von der Tatsache, dass ich nun doch noch meinen Frieden mit Portomarín geschlossen habe. Anke guckt meine Fotos an, ich bekomme im Gegenzug die Videoaufnahme von Joaquins Mönchsverwandlung vorgespielt.

Für den Abend plant Joaquin wieder ein gemeinsames Essen („na und?!“ ist schon derart selbstzufrieden am Werken, dass ich schon ganz automatisch zusage). Ich frage noch kurz die fotografierende Koreanerin, die auch etwas verloren hier abgestiegen ist. Sie ist begeistert, wobei ich im Nachhinein nicht mehr so sicher bin, ob es eine gute Idee war, sie zu fragen. Sie will auf alle Fälle nachher noch in die Kirche, statt wie geplant kommunal einkaufen zu gehen. Im letzten Moment entscheide auch ich mich für den Gottesdienst, habe dann aber doch ein sehr schlechtes Gewissen, dass nun die anderen ohne mich einkaufen müssen. Ich kann mich absolut nicht konzentrieren und schaue nur immer panisch auf die Uhr.

Glücklicherweise sind die anderen noch nicht einmal vom Einkaufen zurück, als wir zurückkommen. Dafür steht die Rezeptionistin vor einem Riesenberg Baguettes. Auf meine Nachfrage erklärt sie etwas schief, dass da nachher eine Gruppe von 60 Schülerinnen kommt. Ich bin moderat amused, allerdings in weitaus gefassterer Laune als Joaquin, der halb ausrastet bei der Vorstellung. Auch mein klägliches Witzchen, dass die ja vielleicht alle 16 sind und dann doch zumindest prima in sein Beuteschema passen, entspannt die Stimmung nicht gerade.

Matthias und Anke widmen sich routiniert den Herdplatten, während Joaquin tiefsinnig die Einkäufe hypnotisiert. Ich werde zum Karottenstiften verpflichtet, was mit einem klingenlosen Kindermesser der Knüller ist. Ich sitze einträchtig schweigend mit Joaquin am Tisch, und wir schnitzen akribisch kleine Karottenstiftchen für seinen Vegetariersalat. Derweil bin ich sehr erleichtert, dass die Koreanerin sich auch wohlzufühlen scheint. Anke ist wieder einmal ein Schatz in Sachen Integration. Sie fragt nach ihrem Namen, und als sie „just call me Lucia“ antwortet, fragt sie trotzdem nach der koreanischen Version. Schon gestern fand ich es etwas befremdlich, als sich ein Asiat vorgestellt hat – und auf die fragenden Blicke etwas resigniert „but you can call me Paul“ dazugefügt hat. Anke ist vielleicht Kummer gewöhnt – sie ist „just call me Maria“. Vielleicht nenne ich mich in meinem nächsten Caminoleben einfach „just call me Hannah“. „Na und?!“ findet das gar nicht lustig; ist doch nicht unser Problem, wenn andere Probleme mit unserem Namen haben.

Das gemeinsame Kochen ist irgendwie (schwer in Worte zu fassen) wunderschön. Es ist gar nicht chaotisch und stressig, sondern alles fügt sich wunderbar zusammen. Und als ich irgendwann auf die vielen Töpfe und werkelnden Hände am Herd schaue und an zwei Handgelenken bekannte Armbändel sehe, muss ich fast still lächeln.

Das Essen ist auch superlecker, neben Käse und einem Salat mit Tomaten, Mais, Thunfisch, Spargel und super Karottenstiften gibt es eine scharfe Hackfleischsauce mit Spaghetti und zum Nachtisch von Eisfreak Joaquin noch ein Kilo Vienetta-Eis. Lucia sitzt mir gegenüber; sie ist etwas schüchtern und bespricht erstmal alles mit mir. Nachdem sie mich aus der Kirche kennt, bin ich wohl irgendwie schon eine Stufe weiter. Aber auch Joaquin kümmert sich rührend um sie, und sie scheint sich sehr wohl zu fühlen. Höchstens etwas getrübt von Matthias‘ Frage, wie alt sie eigentlich wäre. Die Gruppe versichert zwar, dass sowas Europäer einfach nur interessiert, weil sie das so schlecht einschätzen können, aber Lucia ist ziemlich erschüttert und schaut mich noch minutenlang traurig kopfschüttelnd an „why did they ask my age?“. Ich gebe mir Mühe, sie mit einem christlich ermutigenden Lächeln (oder dem, was ich mir darunter auf die Schnelle so vorstelle) wieder aufzuheitern.

Generell verbringe ich den Abend wieder eher still lächelnd, aber auch heute ist es wieder ein gutes Lächeln.

Gegen 9 hält dann der ominöse Bus mit den Schülerinnen und ihren Rollkoffern vor der Herberge. Von einer Minute zur nächsten versteht man sein eigenes Wort nicht mehr. Ich bin höchst fasziniert von den vielen brot- und pizzakauenden Zahnspangenzähnen und dem wilden Hühnerhaufengeschnatter. Joaquin dagegen ist fast schon einen Hauch von verzweifelt anlässlich meiner Mutmaßung, dass die morgen ja vielleicht die gleiche Etappe wie wir laufen.

Gegen 10 schnattert es genauso ohrenbetäubend laut im Schlafsaal. Ich weiß nicht, ob es mein Ohrstöpsel ausmacht oder irgendwann der resolute Ruf durch die Halle, dass aus Rücksicht auf die Pilger nun Ruhe zu herrschen hat, aber ich höre keinen Mucks mehr.

Read Full Post »

In dem massivholzigen, riesigen und recht leeren Schlafsaal schläft es sich tief und fest wie in einer Höhle. Zum ersten Mal ist mein warmer Schlafsack auch wirklich nicht schlecht. In meinem sonst üblichen Billigschlafsack hätte ich wahrscheinlich gefroren.

Richtig Tageslicht haben wir hier drin nicht, aber irgendwie scheint es mir nicht mehr so ganz dunkel zu sein, als ich aufwache. Ich konsultiere mal sicherheitshalber meine Uhr und bekomme einen Riesenschreck – es ist schon nach 8. Nicht, dass ich auch irgendeinem Grund wirklich früher rausmüsste, aber nachdem mein normaler Rhythmus eben anders ist, fällt es unter „verschlafen“ und rasche Aufbruchspanik. Die wenigen anderen schlafen noch tief und fest, sodass ich wieder alles zusammenraffe und erst im Aufenthaltsraum ordnend zusammenpacke. Dort traue ich meinen Augen kaum – hinter den riesigen Panoramafenstern zeichnet sich rosarot und vollkommen wolken- und nebelfrei ein klarer Sonnenaufgang vom Feinsten ab. Nach den vielen Tagen voller grauem Dauerregen ist es fast unfassbar. Als ich meine letzte Portion Krimskrams aus dem Schlafsaal hole, kommt mir Miguel entgegen. Ich mache ihm lautlose, dafür umso gestenreichere Zeichen in Sachen Wetterlage. Auch er strahlt.

Der klare Blick war ein Luxus, der den Frühaufstehern vorbehalten war. Während ich rasch zusammenpacke, ziehen sich schon wieder hauchdünne Nebelwölkchen vor die Berge. Ich laufe ein paar Meter im Sonnenaufgang, als es auch schon wieder in dicke, aufsteigende Nebel geht. Es ist ein lustiges Gefühl, im gleichen Grau wie immer zu laufen, aber wie ein Eingeweihter einer geheimen Verschwörung zu wissen, dass es hinter dem Nebel Sonne hat. Ich muss an eine alte Caminoerkenntnis denken, dass die Sonne immer für einen scheint – manchmal einfach nur hinter dicken Wolken.

Ich bin fast schon ein bisschen wehmütig, die Höhe so schnell wieder zu verlassen, noch dazu im Morgennebel. Heute bin ich mir sicher, dass er irgendwann der Sonne weichen wird. Das tut er dann auch wirklich, als ich das erste Örtchen hinter Fonfría hinter mir lasse. Plötzlich bietet sich ein nebelfreier Panoramablick bis hin zu den Bergen, freier Blick auf sich türmende und aneinander vorbeischiebende Wolkenfronten. Das allein lässt mich schon beeindruckt stehenbleiben, aber als dann noch die Sonne über den Bergen hervorkommt und einzelne Weidestücke in gleißendes Licht taucht, bin ich einmal mehr förmlich erschlagen von der Schönheit, Kraft und Wandlungsfähigkeit der Natur.

Der Weg nach Triacastela zieht sich stundenlang, und ich bin heilfroh, gestern von dieser Schnapsidee abgekommen zu sein, das noch kurz anzuschließen. Aber heute in dieser zögerlich einsetzenden Sonne ist es ein beeindruckender Weg.

In Triacastela besuche ich kurz die Kirche und meinen altbekannten Mercado; wegen Wochenende und Allerheiligen bin ich ja sehr vorbildlich vorratslos. Im Mercado kommt mir sofort eine Verkäuferin entgegen, die mit durchaus angepisstem Gesichtsausdruck in zwei Worten vermittelt, dass ich da mit meinem Rucksack nicht reindarf. Soweit habe ich dafür vollstes Verständnis, allerdings nicht für die Art der Kommunikation. Irgendwie bin ich richtiggehend vor den Kopf gestoßen, dass sie nicht wenigstens entschuldigend (oder überhaupt) ein bisschen lächelt oder etwas sagt wie „entschuldigung“, „bitte“ oder „leider“. Am liebsten würde ich einfach ähnlich angepisst dann gerade wieder hinausgehen. Mein nächster Gedanke, der mir auch sehr schnell auf der Zunge liegt, ist ein Konter, dass ich mit Rucksack immernoch weitaus schlanker bin als sie ohne. Glücklicherweise reichen meine Spanischkenntnisse mal wieder nicht aus, das fehlerfrei und schlagfertig über die Bühne zu bringen, sodass ich es lieber lasse. Ich kaufe meinen Minimaleinkauf ein und bin nachdenklich betrübt, dass man mit wenigen Worten darüber bestimmen kann, ob man einem Mitmenschen ein fröhliches Herz oder eine verregnete Stimmung beschert.

Mein nächster Gang führt zielstrebig über die Straße in die Apotheke. Diesmal stelle ich meinen Rucksack eingeschüchtert von vorneherein vor die Tür, allerdings steht er nun so elegant an einer Straßenecke, dass der nächste gebrechliche Kunde sich daran vermutlich den Hals bricht. Ich bin vollmotiviert und spanisch perfekt vorformuliert, um mir die Alfredo-empfohlene Wunderbeincreme zu kaufen. Das bin ich meinem Klumpbein, das mich so klaglos über die Berge getragen hat, nun mehr als schuldig. Vor mir stehen noch vier andere Kunden, und so richtig schnell geht es nicht vorwärts. Die einzige Apothekerin (vom Format von 4 Rucksäcken nebeneinander) walzt kontinuierlich schweratmend durch ihren kleinen Laden, um sich ächzend nach den wenigen Artikeln zu strecken, die in den Regalen im Hintergrund stehen. Kaum steht sie wieder schnaufend am Ladentisch und scannt die Packung ein, folgt nach einem irritierten Blick die Umkehr zur Rückwand und ein Strecken nach einem anderen Produkt, das nach kontrollierendem Scannen dann auch nicht das Richtige ist. So geht das etwa zehnmal, und ich bemerke eine gewisse Gereiztheit anlässlich dieses try-and-error-Verfahrens. Nachdem die wartenden Spanier aber allesamt völlig gelassen sind, beschließe ich, dass ich momentan einfach überreagiere und vielleicht besser mal frühstücken gehen sollte, bis sich der Laden geleert hat.

Nach einem ausgiebigen Pulpofrühstück aus der Dose und etwa eine halbe Stunde später treffe ich in der Apotheke immer noch 4 Leute an – allerdings um einen Kunden vorangerückt im Vergleich zu vorhin. Ich rede mir Gelassenheit ein und warte nochmal interessiert die (wenigen) Auslagen anschauend und spanische Ruhe kultivierend, aber nachdem auch nach 10 Minuten noch derselbe Kunde an der Reihe ist, gehe ich frustriert unverrichteter Dinge. Meine Ruhe und Gelassenheit reicht heute einfach noch nicht aus.

Statt über Samos zu laufen, entscheide ich mich heute wieder für die Variante über San Xil, die landschaftlich schöner sein soll und die ich bisher nur mit leichtem Schneefall kenne. In der völligen Ruhe und Einsamkeit inmitten von verwunschenen Kastanienwäldern finde ich meine Balance dann glücklicherweise recht schnell wieder. In den kleinen Weilern scheint die Zeit stehengeblieben zu sein, ich fühle mich ein wenig an Dornröschenschlaf erinnert. Höchstens unterbrochen durch eine Hühnermama mit ihrer wild durcheinanderkugelnden Kinderschar.

Obwohl ich eigentlich kein großer Liebhaber von Galicien mit seinen ständig verregneten, ständig schattigen Wäldern bin, bin ich diesmal ziemlich ergriffen vom Charme der uralten Kastanien, der moosbewachsenen Steine und dieser unglaublichen Ruhe und Beständigkeit, die davon ausgeht. Zum einen werde ich selber immer ruhiger, zum anderen stehe ich mehr mit bewundernd großen Augen, als dass ich laufen würde.

An einer Quelle mit großem, respekteinflößendem Teich entdecke ich die Selbstauslöserfunktion an meiner Kamera. Bestimmt eine Viertelstunde springe ich hin und her zwischen einem praktisch stehenden Müllcontainer und irgendwelchen Plätzen in Muschelnähe, um anschließend noch fotografiebegeistert die optimale Spiegelung erwischen zu wollen. Dazu versenke ich minutenlang alle auf dem dunklen Wasser schwimmenden Blätter und kann vermutlich von Glück reden, dass ich meine Kamera nicht gleich mitversenke.

Mitten in meine völlige Versunkenheit taucht plötzlich ein Pilger am Weg auf, sodass ich fast erschrecke. Der größere Schreck folgt, als ich ihn beim Näherkommen als Joaquin identifiziere. Mich überkommt eine „jetzt denkt er bestimmt, dass er mit mir reden muss“-Welle par excellence, und ich ergreife recht überstürzt die Flucht.

Nachdem ich mit meinem Bein und meiner cuidado nicht wirklich schnell bin, dauert es nicht lange, bis ein Klackern hinter mir Joaquin ankündigt. Das heißt, wirklich klackern tut er nicht. Zu einem hellen, leichten Tippen gesellt sich ein dumpfes Donnern. Bei näherer Betrachtung läuft er mit zwei gefundenen Holzstöcken, einer ähnlich filigran wie meiner, der andere ein halber Baum, wie ich ihn wohl nicht mal mit meiner Handspannweite halten könnte. Mein Erstaunen erstaunt ihn erst recht. Er guckt wieder wie aus allen Wolken gefallen, dass seine Stockauswahl ungewöhnlich sein könnte.

Meine panische Welle wird etwas geglättet durch die Tatsache, dass er sich recht offensichtlich in den Kopf gesetzt hat, jetzt mir laufen zu wollen. Er hat heute einen Frühstart hingelegt, mit Anke dann gegen 9 zusammen in Fonfría gefrühstückt, und nun scheinen sich ihre Wege fürs erste getrennt zu haben. Er hat es eilig und möchte bis Sarria, während das Anke zu weit ist. Sie stoppt heute in Calvor, in einer Miniherberge, wo es auch sonst nichts hat.

Es ist sehr merkwürdig und unwirklich, mit Joaquin zu laufen. Auf eine Art wirkt es absolut vertraut auf mich, was daran liegt, dass ich die ganze Zeit das Gefühl habe, Kristian neben mir zu haben. Sie haben dieselbe Größe, den gleichen Slang, fluchen ständig salopp – und schweben ein wenig verpeilt in einer anderen Dimension. Mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass ich mich mit Kristian irgendwie blind verstanden habe und ihn ein Stück weit einfach gefühlt habe. Joaquin und ich verstehen uns dagegen nicht mal sehenden Auges, von fühlen ganz zu schweigen. Wann immer ich einen Satz beende, guckt er wie aus dem Nest gefallen und fragt, ob ich den ersten Satz nochmal wiederhole könnte. Oder ein Wort von vor 2 Minuten. Oder stellt fest, dass er da rein gar nichts verstanden hat. Er versteht meinen „grässlichen deutschen Akzent im Englischen“ nicht und lacht darüber so erheitert, dass ich ihm eine reinschlagen könnte. Im Gegenzug muss ich 5 x nachfragen, was seine genuschelten Wortfetzen mit sonstwas für einem Slang bedeuten sollen. Allein schon am Sprachverständnis hapert es bei uns kolossal, und dann erst beim Inhalt. Er schwebt als emotional healer in so einer anderen Sphäre, dass er es natürlich schon völlig daneben findet, einem weniger erleuchteten Mitmenschen in normalen Worten ein paar basics dazu zu erklären. Was auch immer ich sage, er findet es entweder unverständlich (sofern er es sprachlich versteht und mich nicht wieder mit einer Nachfrage zu einem Wort von vor 5 Minuten aus dem Konzept bringt) oder guckt derart gönnerhaft allwissend erleuchtet, dass ich auch schon wieder emotional sehr unbalanciert werden könnte. Wir laufen bis Sarria zusammen, aber als er am Ortseingang beschließt, mal kurz vor einer Herberge eine Pause zu machen und ein paar Schlucke zu trinken, bin ich höchst erleichtert darüber. Er imponiert mir sehr, aber gleichzeitig passt das mit uns rein absolut überhaupt nicht. Ich fühle mich total angestrengt durcheinander, falsch verstanden, kommunikativ limitiert, emotional allwissend durchleuchtet und letztendlich auch noch ein bisschen in Erinnerungen hin- und hergerissen.

Ich steuere meine Lieblingsherberge an, in der ich den Herbergsvater gleich wiedererkenne, als wäre ich gestern zum letzten Mal dagewesen. Er erkennt mich nicht, was ihm aber auch nicht zu verübeln ist, zumal es in der Herberge summt und brummt wie in einem Bienenstock. Die unteren Zimmer sind alle fast schon belegt, ich ergattere ein moderat befriedigendes Bett, dicht an dicht zu einem anderen. Über mir logiert schon jemand, vom Bett gegenüber steht ein Rucksack und Krimskrams, und irgendwo sollte nun auch ich mich noch ausbreiten. Mein Lieblingsbett mit ausladendem Steinsims wäre auch noch frei, aber das darf laut Hospitalero nur von einem Pärchen belegt werden, weil ja auch das obere Stockbett noch frei ist. Ich spüre schon wieder einen Hauch von Unausgeglichenheit in mir aufkeimen.

In der Herberge hat es haufenweise wild schnatternde Koreaner, und als ich gerade am Duschen bin, schnattert es von draußen wie ein deutsches Pfadfinderlager. Ich weiß nicht, wieso, aber im Moment überfordert mich alles hier enorm. Vielleicht die vielen Leute überhaupt, vielleicht die Masse von Deutschen. Ich kann mich gar nicht erinnern, wann ich zum letzten Mal Deutsche auf dem Camino getroffen habe. Ich dusche möglichst heiß und versuche mich irgendwie zu beruhigen. Eigentlich ist überhaupt nichts, aber ich bin total unruhig. Vielleicht macht es der krasse Kontrast zu meinem heutigen Tag inmitten von uralten, einsamen Kastanienwäldern.

Als ich aus der Dusche komme, steht draußen im Garten die Grinsekatze des Österreichers und hilft einem deutschen Pärchen, ihre verbettwanzten Sachen zu sortieren. Das Pärchen logiert in meinem Zimmer und scheint gerade die Strategie zu verfolgen, dass die Bettwanzen ja vielleicht einfach wo anders hingehen, wenn man alles einfach nur ausladend genug ausbreitet. Der heiß erduschte Hauch von Gelassenheit ist schon wieder dahin, ich packe fluchtartig meine Ausgeh-Utensilien und suche mein Heil in einem mich normalerweise sehr erdenden Supermarkteinkauf. Beim Verlassen der Herberge fällt mein Blick noch auf Joaquin, begeistert kommunizierend mit einer Horde sehr alternativ wirkender Deutscher. Ich komme gerade irgendwie gar nicht klar.

Der Supermarkt beruhigt ein klein wenig, ich kaufe mir einen Paella-Bausatz und freue mich auf geruhsames Kochen. Danach suche ich noch eine Apotheke, wo ich mein mühsam zurechtgelegtes Sprüchlein von einer Creme für die Muskeln der Beine in einer gelben Dose mit asiatischen Schriftzeichen mit Methylsalicylat und ätherischen Ölen zum besten gebe. Die Dame in Weiß guckt moderat beeindruckt und zeigt mir einen Quadratmeter Regal mit tausenden Tuben Radiosalil; das wäre gut für die Beine. Ich will hier ja nichts, was gut für die Beine ist, sondern ich will die Creme für die Muskeln der Beine in einer gelben Dose mit asiatischen Schriftzeichen mit Methylsalicylat und ätherischen Ölen. Sie beharrt auf ihrem Regal nach dem Motto „Du bist Pilger, also musst Du das brauchen“, ich beharre drauf, ob sie denn nicht vielleicht doch noch was anderes hat. Sie schaut schicksalsergeben in ihrem Computer, findet aber nichts. Ich bedanke mich und gehe frustriert. Draußen habe ich ein schlechtes Gewissen meinem Bein gegenüber, das sich eine Creme ja wirklich verdient hat. So drehe ich nochmal resigniert um und kaufe doch diese merkwürdige Tube.

In der Herberge creme ich erstmal. Wenn jeder sowas benutzt, kein Wunder, dass ich die einzige mit Beschwerden bin. Der geballte entzündungshemmende Cocktail unterdrückt wahrscheinlich jede Reizung im Keim. Noch dazu stinkt das gute Stück atemberaubend nach Wintergrün (alias „nach Pilger“), und warum man klebrige Vaseline als Grundlage nehmen muss, erschließt sich mir auch noch nicht so ganz. Ein ganz kleines bisschen wehmütig denke ich an das luftige, asiatische Cremchen, dann aber doch lieber an meine Paella.

Als ich gerade in die Küche trabe, erspäht mich Joaquin. Er kommt strahlend auf mich zu und fragt begeistert, ob ich nicht auch mit ihnen kochen möchte – da hätte sich gerade einen nette Gruppe für den Abend zusammengefunden. Hinter ihm strahlt schon die Grinsekatze. Ich bin heilfroh über meinen gefrorenen Paella-Klotz, den ich alibi-mäßig bedauernd hochhalte. Zusammen kochen mit dieser Horde, no no never ever nunca nada.

Ich koche statt dessen mit einem lustigen Koreanerrudel, das zwar auch ordentlich laut ist, aber mich irgendwie weitaus weniger stresst. Sie schnibbeln stundenlang alle möglichen Sorten Gemüse, Fleisch, schlagen Eier schaumig… – um hinterher alles in einen Topf mit kochendem Wasser zu kippen. Ich werde strahlend eingeladen, ebenfalls mitzuessen, kann aber glücklicherweise wieder auf meinen Riesenteller Paella verweisen. Die isst sich in koreanischer Gesellschaft auch denkbar problemlos. Die Damen haben praktischerweise schon rollenweise Klopapier in Tischnähe bereitgestellt, weil sich selbst die Suppe irgendwie nicht nur mit Löffel essen zu lassen scheint. Da bin ich mit meinen öligen Garnelen-pul-Fingern ganz unauffällig aufgehoben. Derweil ist die überwiegend deutsche Riesengruppe vom Einkaufen zurückgekommen und bevölkert neben der Küche auch so ungefähr alle übrigen Tische, wild am diskutieren, wer nun was für was wie genau zubereiten soll. Mich überfordert doch schon Kochen mit einem einzigen Südländer.

Ich gehe in die Abendmesse und anschließend in den kleinen Kaminraum, wo es am Abend üblicherweise ein offenes Feuer gibt. Im Moment lagert dort vor allem die Kochgruppe – mit einem wirklich lecker aussehenden Mahl. Ein ganzer Tisch ist allein schon vollgestellt mit verschiedenen Töpfen und Schüsseln. Ich verdrücke mich platzsparend und unauffällig an den warmen Kamin. Mittlerweile hat es wieder leicht zu regnen angefangen, sodass ein wenig Durchwärmung gut tut.

Nach dem Essen verlagert sich die Gesellschaft ebenfalls um den Kamin, im Lauf der Zeit füllt sich der ganze kleine Raum mit Pilgern. Der Herbergsvater bringt die bekannten drei Alkoholika zum Degustieren, wobei ich mich gleich schon mit Kennerblick an den sherry-ähnlichen, süssen Moscatel halte. Eine seltsame Metalltrommel in der Mitte des Feuers entpuppt sich als Kastanienröster, und nachdem eine ältere Engländerin als einzige die Kastanien am Weg als Esskastanien identifiziert hat und heute eifrig kiloweise eingesammelt hat, bekommen wir nun superleckere, geröstete Kastanien. Ich futtere wie ein Weltmeister.

Schräg über das Feuer ergibt sich das ein oder andere interessante Gespräch. Ich komme nicht drumrum, Deutsch zu sprechen. Ein Exemplar der alternativ aussehende Pilger fragt mich sehr frei heraus, warum ich den Camino gehe und was ich damit verarbeite. Während ich noch mit mir ringe, ob ich einfach finde, dass sie das nichts angeht, oder ob ich ihr erklären soll, dass ich nicht unbedingt mit Fragen oder konkreten Problemen auf den Camino gehe, ist sie eh schon selber am Weitererzählen. Ich erfahre mehr als mir so auf die Schnelle lieb ist, was sie verarbeitet, und dass sie natürlich täglich an ihre körperlichen und emotionalen Grenzen kommt und natürlich oft so fertig ist und nur am Heulen. Ich entscheide mich für Reserviertheit. So spektakulär ist mein Camino ohnehin nicht, und wirklich zu interessieren scheint es sie ja auch nicht.

Ich wechsle ein paar Worte mit einer Südafrikanerin, mit der ich schon eher auf einer Wellenlänge bin. Ansonsten entscheide ich mich heute wieder für die stille Zuhörer- und Beobachterrolle, nippe an meinem Gläschen Moscatel und schäle Marone um Marone.

Read Full Post »

Der Morgen ist grau und nebelfeucht. Passend. Nach einer gefühlten Ewigkeit entlang der Fahrstraße und in Kolonne mit anderen Pilgern geht es rechts in die Hügel, wo der Nebel wieder eine verwunschene Mystik heraufzaubert. Endlose Weiden, ab und an ein paar einzelne stolze Kühe, viele alte Kastanienbäume und ab und zu ein paar Sonnenstrahlen.

Ich verarbeite meine gestrigen Erkenntnisse mit reichlich Tränen, als mich Sanne überholt. Sie fragt treffend, ob es heute ein schwererer Tag sei. Sie lächelt auf ihre stille mitfühlende Art, und ich bin ihr sehr dankbar, dass sie es dabei bewenden lässt.

Vor Sarria treffe ich sie dann wieder – diesmal steht sie am Straßenrand und erlebt einen dieser schwereren Momente. Schön, dass man auf dem Camino niemandem etwas vorzumachen braucht.

In Sarria begrüßt mich strahlender Sonnenschein, blauer Himmel und generell ein durchwärmendes Wetter. Ich mache eine exzessive Umpackpause, verstaue die diversen Regenartikel, von der Rucksackhülle über Regenjacke bis hin zur Regenhose, bevor ich in meiner Lieblingsherberge vorbeischaue – diesmal nur, um höflich zu fragen, ob ich ganz kurz ins Internet darf. Nach ein paar Zeilen Gedankenteilen mit meiner Mama fühle ich mich deutlich abgeschlossener, sortierter und gewappneter für die nächsten Kilometer.

Ich habe plötzlich das Gefühl, auf einem falschen Weg zu sein, und wirklich, ich bin gerade an einer Abzweigung geradeaus gelaufen. Waren es die rosa Zuckerwattefäden, gegen die ich gelaufen bin und die mich stutzig gemacht haben?

Chuck kommt den Weg hinter mir entlang, grüßt kurzangebunden und stürmt den Weg weiter, aus dem ich gerade komme. Ich rufe ihm nach, dass der falsch ist, aber er hat Kopfhörer auf. Ich pfeife und schreie, aber ohne Erfolg. Und ich lege jetzt keinen Sprint für ihn hin.

Ich bin erleichtert, als ich ihn Stunden später in einer Wiese am Wegesrand mit Marco sitzen sehe. Offensichtlich hat sein Weg schon auch irgendwohin geführt, sonst hätte ich noch ein schlechtes Gewissen gehabt, zumal er mir bestimmt arglistige Täuschung unterstellt hätte.

Die Sonne scheint richtig heftig, die Wiesen sind wieder unglaublich grün, wir passieren nur winzige Weiler und laufen über Trittsteine in Flussbetten, eingerahmt von Weidezäunen aus aufgeschichteten Steinen. Mein Kopf ist wieder frei und sonnig. Ich habe Frieden mit den Erkenntnissen geschlossen und fühle mich damit sogar besser. Ich habe das Gefühl, ein deutlich zustimmendes Nicken von Gott bekommen zu haben, und mit dieser Unterstützung kann ich getrost jeden Weg gehen.

Ich bin froh, als die Herberge endlich erreicht ist und ich etwas trinken kann. Nachdem mich die großen Städte auf den letzten hundert Kilometern immer eher frustriert haben, habe ich mich diesmal für die kleinen Orte mit den 20-Betten-Herbergen entschieden – wenn auch auf Kosten von Einkaufsmöglichkeiten. Ich bin positiv überrascht von der Xunta-Herberge, einer der aus dem Boden gestampften Herbergen der galicischen Landesregierung. Alles ist sehr sauber und nett eingerichtet, die Betten sind aus hellem Holz und wieder mit den wunderbar dicken Matratzen; es gibt eine Küche (wenn auch typischerweise so gut wie ohne Geschirr) und einen großen Aufenthaltsraum, die Hospitalera ist nett und verbreitet eine persönliche Atmosphäre. Vor allem der Atmosphäre zuträglich sind die warmen Sonnenstrahlen. Ich setze mich auf die warmen, dunklen Steinplatten vor der Herberge und widme mich meinen reichhaltigen Vorräten.

Heute sehe ich viele neue Gesichter. So ganz in Plauderlaune bin ich noch nicht und habe eigentlich lieber meine Ruhe. Trotzdem passt es ganz gut zu meinem gefühlten Neuanfang.

Gegen Abend kommen Sanne und Marco zusammen angeschwebt. Beide sind mittlerweile toll gebräunt und strahlen mit der Abendsonne um die Wette. Jeder für sich allein hat eine besondere Ausstrahlung, von Verständnis und Feingefühl, aber zusammen bilden sie eine recht massive Einheit von Harmonie und Synergie. Beide sind so herzensgute Menschen und haben mich vom ersten Augenblick an irgendwie berührt, sodass ich nicht einmal Wehmut oder Neid verspüre.

Marco setzt sich zu mir auf die Steinplatten. Vermutlich hat ihn Sanne in Kenntnis gesetzt über meine aktuellen Schwierigkeiten. Er sitzt eine Weile einfach nur schweigend, anteilnehmend und verstehend. Dann erzählt er mir, warum er den Camino macht. Seine Probleme liegen ein wenig ähnlich. Mich überkommt ein starkes Gefühl von Verbundenheit und Begleitung; wie konnte ich gestern Abend denken, völlig allein ins Nichts zu fallen. Marco fällt auch nicht, sondern wir werden morgen einen weiteren Tag laufen und weiter kommen mit unseren Erkenntnissen. Und wir werden jeden Tag stärker und sicherer werden und unser Ziel immer klarer sehen. Woher kommt nur diese Gewissheit?

Sanne kommt dazu und fragt, ob wir alle zusammen in die einzige Bar des Örtchens gehen wollen. Ich lehne dankend ab und lasse die beiden allein gehen.

Ich schreibe und bekomme ein paar SMS, die eigentlich alles wieder umwerfen. Wo ist die Überzeugung von gestern hin, oder bin ich jetzt einfach nur wieder ein Feigling, der sich wie üblich bittere Neuerungen nicht eingestehen will? Irgendwie weiß ich langsam so gar nichts mehr, aber in den warmen Abendsonnenstrahlen macht mir das auch gar nichts aus. So wie Marco ruhig lächelnd sagt, er geht den Weg, um in sich hineinzuspüren und die Antworten zu finden, so bin auch ich im Moment überzeugt, dass ich sie finden werde. Ich spüre, dass mich die letzten Tage etwas massiv lenkt und beeinflusst, aber auch beschützt, und ich habe das Gefühl, dass ich einfach weiter auf dem Camino bleiben muss, einfach weitergehen und es zulassen, dann wird dieses Etwas mir meine Antworten zeigen.

Read Full Post »

Heute fühle ich mich wieder nach einem frühen Start. Wie üblich regnet es und ist trüb und matschig, ebenso ist meine Stimmung. Die kommenden Etappen habe ich intuitiv nicht so gern. Es geht gegen Ende zu, zieht sich irgendwie sinnlos und unspektakulär, dazu kommen die Kurzstreckenpilger, die die besondere Stimmung etwas zermischen. Eigentlich will ich nur recht schnell nach Portomarín, wo José ja schon mit dem Auto hingefahren ist.

Ich freue mich mit jedem Tag mehr, Jelle irgendwie auf dem Weg zu treffen. Dass wir uns mittlerweile schon meistens nach der ersten Stunde treffen und ab da zusammen weiterlaufen, tut meiner Alleinlaufüberzeugung mittlerweile keinen Abbruch mehr. Wir haben exakt das gleiche Tempo und immer viel zu reden. Langsam verstehen wir uns ohne Worte und empfinden den Camino sehr ähnlich.

Heute hat er nur wieder meinen kleinen Spanier zu bemängeln. Er kann es nicht verstehen, dass ich einen fremden Mann berühre oder mit ihm Händchen halte, ohne mit ihm liiert zu sein. So etwas käme für ihn absolut nur mit seiner Frau in Frage. Ich verstehe die Problematik nicht so recht. Grundsätzlich bin ich auch eher „distanziert“ aufgewachsen, aber vielleicht gefällt mir auch deswegen Spanien so gut, weil ich die südländische Herzlichkeit schätze.

In Portomarín bereue ich, mich nicht genauer mit José abgesprochen zu haben, wo wir uns treffen sollen. Weit und breit weder er noch sein Auto, an das ich mich ohnehin kaum mehr erinnere. Wir laufen brav alle 3 Herbergen ab, ob er dort irgendwo wartet, geben es dann aber irgendwann frustriert auf. Diesmal wollte ich eigentlich die öffentliche Herberge nehmen, aber wie im Vorjahr bringen wir es dann doch nicht übers Herz. Drinnen hat sich eine Schulklasse niedergelassen, es herrscht Jugendherbergsatmosphäre mit viel Hallo und Gelärme.

Wir lassen uns in einer kleinen Herberge nieder, die eigentlich ganz hübsch, wenn auch ein bisschen komisch ist. Die kleinen Zimmer sind durch Vorhänge voneinander abgetrennt. Man hört eigentlich alles, sieht sich aber nicht. Ein bisschen ungewohnt ist das schon. Außer uns ist bisher nur ein deutsches Pärchen da, das hinter seinem Vorhang mit zwei Heizöfen versucht, die Wäsche zu trocknen. Auch unsere Sachen sind patschnass, und als ich frage, ob wir einen der beiden Öfen bekommen können, schauen sie ziemlich genervt und meinen, ihre Sachen wären noch nicht trocken, später dann. Auch das ist ungewohnt.

Wieder einmal bin ich rastlos und genervt vom Warten. Es gibt keinen Aufenthaltsraum, wir sitzen auf unseren Betten und starren uns oder die Wand an, belauschen unbeabsichtigt die Gespräche hinter dem nächsten Vorhang bzw. haben beim Reden das Gefühl, vom andächtigen Schweigen nebenan belauscht zu werden. Wieder einmal suche ich mein Heil in einem Mittagsschlaf.

Geweckt werde ich von einem strahlenden José. Ich bin noch ziemlich verschlafen und durcheinander und will wissen, wo er so spät jetzt herkommt, es ist immerhin schon 3 Uhr nachmittags. Er meint, er wäre nach Santiago zur Messe gefahren und hätte sich dann auf dem Rückweg verfahren. Er ist ja schon ein ganz schöner Spinner, was Autokilometer angeht.

Er hat in der Messe den Botafumeiro bekommen, was ich jetzt irgendwie ungerecht finde. Ich sage, dass man das nur bekommen sollte, wenn man den Weg wirklich gelaufen ist, und nicht, wenn man frischgewaschen mit dem Auto anreist. Auf meinen eher spaßig gemeinten Einwurf reagiert er ziemlich empfindlich und verärgert. Er erzählt, dass nun mal nicht jeder den Camino zu Fuss machen könnte, und dass er vor ein paar Jahren einer Freundin den Wunsch erfüllt hat, zusammen den Camino zu machen. Soweit ich sein Spanisch verstehe, war sie unheilbar krank und sehr schwach, allein der Camino mit dem Auto war schon anstrengend für sie. Danach ist sie gestorben. Mir wird ziemlich schlecht. Zum einen schäme ich mich für meine unbedachte Äußerung, zum anderen stelle ich mir vor, wie es sein muss, mit jemandem den Camino zu gehen, für den es der letzte Wunsch ist. Für mich ist das hier die große Freiheit und einfach ein großes Energietanken. Wie muss es für José gewesen sein, jeden Tag mit dem baldigen Tod der Freundin konfrontiert zu sein. Und natürlich für die Freundin selber.

Mit José in dem kleinen Zimmer ist es komisch. Er sitzt an meinem Bett, während Jelle auf seinem sitzt. Wir sprechen Spanisch und Englisch im Mischmasch, und auch sonst nicht gerade Themen, bei denen sich Jelle wohl einbezogen fühlen würde. Draußen ist es sehr kalt und regnet. Unsere Schuhe haben wir mit Zeitungen ausgestopft. Eine Seite berichtet interessanterweise von einem Schneesturm in den Bergen hinter O‘ Cebreiro. Es hätte bis 80cm geschneit. Vom Zeitgefühl her bin ich schlecht, aber ich glaube, wir sind genau am Vortag noch durchgekommen.

Wir essen Brot mit Chorizo aus meinem Rucksack; als Pilger ein alltägliches Mahl, so hier mit José auch wieder komisch. Jelle, der derweil einkaufen war, berichtet, dass er Angelo gesehen hätte. Ich bin völlig perplex, schließlich ist er doch einen Tag hinter uns. Er wäre gerade vor den Zimmern am Computer gewesen. Ich renne raus, aber von Angelo keine Spur mehr. Immerhin ist er demnach gleichauf mit uns, und ich werde ihn wahrscheinlich wiedersehen.

Wir bekommen zähneknirschend einen Ofen von den Deutschen – nicht ohne den Hinweis, dass wir ihnen „ihren“ Ofen später dann wieder geben sollen. Trotz des Wetters gehe ich mit José ein bisschen spazieren. Portomarín hat eine kleine Ladenstraße, die mit einem Arkadengang überdacht ist. So schlendern wir die 50 Meter auf der einen Seite hinunter, um auf der anderen Straßenseite wieder hinauf zu laufen. Als ich nach einer halben Stunde anmerke, dass José kein besonders einfallsreicher Spaziergänger ist, lässt er sich einen Richtungswechsel einfallen.

Wie gestern auch sind unsere Themen deutlich tiefgründiger als noch auf dem gemeinsamen Camino. José erzählt von seinen Sorgen und Zweifeln, von denen ich gar nicht gedacht hätte, dass sie existieren, so unglaublich gefestigt im Glauben wie er immer wirkt. Anscheinend macht sehr viel Glauben das Leben auch nicht einfacher. Er hat einen unglaublichen Drang, Gutes tun zu wollen, aber eben in einem größeren Rahmen, als es mir so einfällt. Ich fühle mich schon als guter Christ, wenn ich meinen Mitmenschen ein Lächeln entlocke oder ihren Tag sonstwie ein ganz kleines Bisschen besser machen kann. Ihn quält dagegen die Frage, wie er sein Leben am sinnvollsten nutzen kann – ob als Helfer in Indien oder Afrika, oder ob er lieber in Spanien bleiben soll, dort in der Politik groß herauskommen und dadurch in die Geschicke der ärmeren Länder eingreifen soll. Jetzt schon ist er im Vorstand von fünf wohltätigen Vereinigungen. Zudem sehnt er sich nach einer Frau und Kindern. Mich macht das Ganze ziemlich betroffen. Ich bin ja schon überfordert mit meinen Sorgen und Zweifeln, aber die sind durchaus einfacher zu lösen und von kleinerer Dimension. Ich verstehe so langsam, dass er es aufgegeben hat, eine Frau zu suchen. Zum einen müsste sie seine hohen Ziele verstehen, zum anderen müsste sie damit leben können, immer nur eine Randrolle in seinem Leben zu spielen und es nie in der Hand zu haben, ob er glücklich und erfüllt ist.

Bevor ich aus Anteilnahme in komplettem Weltschmerz vergehe, wechselt José zum Glück das Thema und erzählt von seinen Freunden und Kollegen. Da ist er wieder ganz der Alte, kichernd und quiekend und sich halb tot lachend. Er wäre das Maskottchen in seiner Clique und alle würden ihn aufziehen, dass er so schmächtig wäre. Seine Freunde wären alle so um die zwei Meter groß, und nachdem er seine Leibesfülle ja rätselhafterweise als schmächtig tituliert, will ich mir gar nicht vorstellen, was das erst für Gorillas sein müssen. Auch erzählt er, wie man die Abende in Madrid verbringt. Mit seinen Kollegen aus der Bank geht er in schickem Anzug in ein Café in der Nähe der Universität, und da laufen ja unglaublich junge und unglaublich hübsche und unheimlich leichtbekleidete Studentinnen herum, und die wollen dann alle nur Sex mit ihnen, weil sie gut gekleidet sind und reich aussehen. Ich bin beruhigt, dass sein Leben somit nicht nur ausschließlich aus entbehrungsreicher christlicher Nächstenliebe und ernsten Gedanken besteht.

Wir gehen in die Misa in der sehr großen, kalten Kirche. Man weiß sich hier zu helfen. Zehn Minuten vor Beginn wird ein riesiger Heizofen mit Ventilator vor den Altar geschoben. Es ist ein merkwürdiger Anblick, wie sich alles in den ersten Reihen sammelt und man mit wehenden Haaren im Gottesdienst sitzt, aber immerhin ist es warm, und mit Eintreten des Priesters wird der Ventilator dann doch auch wieder abgestellt.

Anschließend promenieren wir in Ermangelung von Alternativen noch ein bisschen die nun mehr als bekannten Arkadenwege auf und ab. Wir halten uns wie meistens an den Händen, als ich José erzähle, wie sich Jelle darüber aufgeregt hat und dass es in nördlicheren Breitengraden etwas ist, was man nur unter Paaren macht. José guckt konsterniert und meint, das wäre in Spanien auch so. Spanische Herzlichkeit und Umarmungen ja, aber die Hände wären was für Pärchen. Nun bin ich konsterniert und ziehe sofort meine Hand zurück. Warum er das denn erst jetzt sagt?! Er schnappt sie sich wieder und meint, das würde bei uns so gehören.

Umso schmerzlicher ist dann der endgültige Abschied. Morgen früh will er heimfahren, ich begleite ihn noch zu seinem Hotel. Ich denke, wir werden uns schreiben, aber diese spezielle Freundschaft gab es wohl nur auf dem Camino.

In der Kneipe über der Herberge treffe ich den Koch aus der Meseta wieder. Wieder habe ich reichlich Probleme mit seinem Spanisch, aber er erzählt mir, dass er jetzt seine Mutter getroffen hat, mit der er die letzten 100 Kilometer des Caminos geht. Deswegen hat er die letzten Tage auch gewaltig Gas gegeben, und seiner Mama zuliebe trinkt er auch nicht wie üblich. Irgendwie sehen die beiden sehr süss zusammen aus. Er sagt, er hätte mich mit José gesehen, wo der denn wäre. Ich erkläre ihm, dass er schon lange nicht mehr pilgert und nur zu Besuch hier war. Er hat ein komisches Leuchten in den Augen, als er nachdenklich sagt, dass er ein sehr besonderer, sehr guter Mensch wäre. Das sehe ich auch so, und in dem Moment fühle ich mich auch dem Koch ganz nah. Er besteht wirklich hauptsächlich aus Alkohol- und Drogenproblemen, und wir haben sehr wenig zusammen gesprochen, aber ich glaube, er spürt auch ein bisschen mehr als so manch anderer Mensch.

Obwohl es noch früh ist, ziehe ich mich ins Bett zurück. Irgendwie war der Tag heute emotional ziemlich schwer. Ich fühle mich irgendwie leer und erschlagen davon und ein bisschen wie ein dummer Anfänger. Mein Leben besteht viel aus „ich“ und den kleinen Problemen des Alltags. Heute fühle ich mich, als hätte ich Einblick in größere Dimensionen bekommen. Denen gegenüber fühle ich mich aber erst recht sehr klein.

Read Full Post »

Ich wache in der noch stockdunklen Herberge auf und spüre, dass Jelle auch schon wach ist. Es ist ein etwas komisches Gefühl, nur zu zweit zu sein, und nachdem wir gestern doch ziemlich viel geteilt haben, wissen wir heute nicht so recht, wie wir miteinander umgehen sollen. Wir umgehen die persönlichen Thematiken und reden betont sachlich über z.B. das Wetter. Die ganze Nacht hat es ziemlich gestürmt, auch jetzt peitscht noch Regen in alle Richtungen. Wir trinken zusammen einen Automatenkaffee, dann mache ich mich auf den Weg. Im Moment brauche ich wieder ein bisschen Abstand, aber Jelle scheint es zu verstehen; er läuft heute ohnehin über Samos, ich die andere Wegalternative.

In der Herberge habe ich ein vergessenes Fleecehalstuch gefunden. Wie geschaffen für mich und meine ständig reinregnende Halspartie. Nun habe ich nicht nur warme Ohren und eine trockene Stirn dank meinem Stirnband aus Astorga, sondern auch einen warmen und trockenen Hals. Es läuft sich exzellent durch den mittlerweile schon Alltag gewordenen Dauerregen.

Der Weg führt kleine, verwunschene Wege entlang, wieder durch kleine Weiler wie vor La Faba. Das Malerische wird nur getrübt durch den Regen, der sich nach einer Stunde sogar in Schnee wandelt. Ich stehe mitten im Nichts, kein Pilger weit und breit vor oder hinter mir, ich kenne den Weg noch nicht, und plötzlich rieselt harmlos und leise feiner Schnee. Innerhalb von Minuten ist alles flächendeckend eingezuckert, und wie mir plötzlich bewusst wird, auch alle Markierungen sind leise und still verschwunden. Die Wege gabeln sich alle paar hundert Meter, normalerweise kein Problem dank gelben Pfeilen auf dem Asphalt oder an Bäumen oder auf Steinen. Es hört schon wieder auf zu schneien, es ist also bei weitem nicht so eine bedrohliche Situation wie bei dem eisigen Schneesturm in den Bergen von Manjarín, aber ich fühle mich trotzdem extrem hilflos. Dieses leise, harmlose Zuckern hat fast etwas hämisches. Siehst Du, ein kleiner Hauch Schnee und Du bist ein Nichts.

Auch als Nichts finde ich glücklicherweise meinen Weg, ich erreiche Sarria und die mir bekannte Herberge. Ich warte im Flur, und wieder keine Menschenseele weit und breit. Die recht jungen Herbergseltern wohnen in der Wohnung über der Herberge, ich höre ihre kleinen Kinder lärmen. Ich setze mich ziemlich patschnass auf einen edlen Stuhl und warte geduldig, bis zufällig die Oma über mich stolpert.

Auch hier wieder ein supertolles Badezimmer nur für mich, ich verweichliche total. Frisch gewaschen stolpere nun im Gegenzug ich über eine weitere Pilgerin – es ist die lockige Französin, die mich so lange jeden Tag „verfolgt“ hat (bildlich gesprochen). Heute gibt sie jovial zu, dass ich schneller war. So sehr sie mir auf den Geist geht, so tut sie mir auch leid. Sie wirkt irgendwie, als würde sie gern mit jemandem reden, aber nachdem es nur immer über ihr tollen Leistungen geht, ergreift absolut jeder die Flucht. Ich mache mir einen heissen Tee, als mir der Gedanke kommt, ihr auch eine Tasse anbieten zu können. Sie ist mir dermaßen unsympathisch, aber vielleicht ist ja gerade das „Nächstenliebe“. Und die sollte ein guter Pilger ja schließlich beherrschen. So frage ich freundlich lächelnd, ob sie gerne eine Tasse hätte. Und sie lächelt höchst überrascht und auch höchst glücklich zurück. Und auch mein glückliches Lächeln kommt plötzlich ohne Kraftanstrengung.

Ich gehe ins Internet; José hat geschrieben, dass er jetzt in Madrid losfährt und gegen 18.00 in Sarria sein sollte. Ich gebe zum ersten Mal die Adresse von Pers Blog ein. Ich habe ihn gestern verloren, vielleicht liefert der Blog eine Erklärung. Ich bin erleichtert, dass wirklich eine aktuelle Seite zu finden ist. Der Text ist auf Dänisch, viel verstehe ich also auf die Schnelle nicht, aber ich lese etwas von Angelo – und dass sie alle zusammen in Fonfría gestoppt haben, weit vor Triacastela, und dass sie dann erst als heutiges Ziel Triacastela haben. Sie sind einen kompletten Tag hinter mir, das heißt auf dem Camino fast schon, dass man sich nicht mehr begegnet. Ich bin geschockt.

Ich gehe einkaufen, für ein oppulentes Paella-Mahl und für das Chaos-Cooking mit José am Abend. Auf dem Rückweg laufe ich Jelle in die Arme. Er freut sich total, mich zu sehen. Obwohl es regnet, bleiben wir mitten im Regen stehen (ich in meiner trockenen Nachmittagsmontur und ohne Regenausrüstung). Er hat heute klar Camino-Blues, es geht ihm gar nicht gut. Er ist in einer anderen Herberge abgestiegen, einer noch luxeriöseren, und da wären lauter Touristen, die nur über Taxi-Abkürzungen reden würden und zum Essen ausgehen würden. Ich muss irgendwie fast lachen, er wirkt so verzweifelt über Dinge, die er vor ein paar Tagen selber noch als völlig normal angesehen hätte. Ich bin irgendwie stolz auf ihn und seine Fortschritte. Er überlegt, ob er einfach seine Sachen packen und zu mir kommen soll. Ich bin überzeugt, dass ihm dieser Tag sehr gut tun wird. Manchmal braucht man die Verzweiflung und Entbehrung und das verlorene Gefühl, um den Camino in seiner vollen Besonderheit erfahren zu können. Ich verstehe ihn nur zu gut, ich sehne mich auch immer nach irgendwelchen netten, bekannten Mitmenschen, die mir aus Tiefs helfen. Aber am beeindruckendsten sind zweifellos die Tiefs, aus denen man sich selber heraushilft oder bei deren Bewältigung man eine ganz besondere Hilfe erfährt.

In der Herberge mache ich einen kleinen Mittagsschlaf. Ich habe viel zu viel Zeit, bis José endlich kommt. Und warten fühlt sich auf dem Camino einfach nicht gut an.

Als ich wieder aufwache, packt gegenüber von meinem Bett eine recht beeindruckende Erscheinung ihren Rucksack aus. Die Dame ist in meinem Alter, optisch aber das totale Kontrastprogramm. Die beeindruckende schwarze Mähne ist zu einem noch beeindruckenderen perfekten Turm gebändigt, das Gesicht ziert trotz aktuellem Nieselregen ein beeindruckender (ebenfalls sehr perfekter) Lidstrich in Bleistiftdicke. An ihrem Rucksack nesteln überlange (perfekt lackierte) Fingernägel herum, und ich komme nicht umhin, geistig den Namen des Herren zu missbrauchen.

Leider detektiert sie mich auch noch zielsicher als Landsfrau und verwickelt mich in ein Gespräch, während ich mit meiner Paella in der Küche festgenagelt bin. Ich erhalte eine satte Lektion in Sachen Schubladendenken; den perfekten Fingernägeln hätte ich höhnisch maximal einen Tag gegeben, aber sie ist seit Saint Jean unterwegs, und das mit 30-35 km pro Tag. Sie ist ein harter Knochen, und dabei noch perfekt auszusehen, Respekt. Ebenso wie die etwas künstliche Fassade ist auch ihre Art; sie scheint zwar nett zu sein, aber so recht öffnet sie sich nicht. Sie blockt ziemlich viel ab oder wirkt hinter dem dicken Lidstrich vielleicht auch einfach erhaben unnahbar. Mit unnahbarer Mimik und ohne Lächeln fragt sie dann auch, ob wir nicht zusammen kochen wollen. Mir tut es leid, es ablehnen zu müssen, ich bin ja schon mit José verabredet. Sie wirkt doppelt unterkühlt und meint, das wäre kein Problem. Ich habe das Gefühl, dass sie mir nicht glaubt und das Gefühl hat, dass ich sie nicht mag. Das trifft es absolut nicht und hinterlässt ein mulmiges Gefühl bei mir.

Die Zeit bis zum Abend wird mir ewig lang. Die Herberge füllt sich, mein Schlafsaal ist schon voll belegt, allerdings nur mit Leuten, die ich nicht kenne. Und so richtig neu kennenlernen will ich heute auch niemand mehr, nicht, dass ich noch weitere gemeinsame Pläne ablehnen muss.

Ich setze mich ein bisschen in die Kirche, laufe ein bisschen ziellos durch die Stadt und bin schon ziemlich frustriert von der Warterei, als ich vor 7 beschliesse, jetzt einfach in die Messe zu gehen. Kurz vor der Kirche läuft mir dann wie auf Kommando mein strahlender kleiner Spanier in die Arme. Er sieht super aus, ganz ungewohnt ohne Pilgerklamotten, sondern in stylischer Jeans und Jacke. Ich will ihm schnell noch die Herberge zeigen, dass er noch vor der Messe einchecken kann, aber er meint ganz ruhig und leise, dass er nicht in die Herberge geht. Ich kapiere nicht so recht; er meint, er wäre ja mit dem Auto gekommen und kein echter Pilger. Ich sehe das Problem nicht, er kann sich dort sogar einen neuen Pilgerausweis machen lassen. Nein, er pilgert ja auch nicht. Auch ab morgen nicht. Ich verstehe die Welt nicht mehr. Er meint ruhig, leise und beängstigend bestimmt und unumstößlich, dass das Pilgern ja meine Sache ist und er da nicht stören will. Ich kriege einen totalen Rappel; zwar habe ich ihm wirklich in Ponferrada geschrieben, dass ich es komisch fände, wieder mit ihm zu laufen, wo ich doch mühsam Abschied genommen habe. Aber der Abschied ist doch eh komplett für die Katz, nachdem er wieder da ist und in meinen Gedanken rumschwirrt. Ich rege mich furchtbar auf, am liebsten würde ich ihn grade wieder zurückgehen lassen, so wütend macht mich, dass er mich um zwei erhoffte Tage Pilgern mit ihm bringen will. Aber wie so oft ist er komplett stur, das merke ich. Er ist in allem ganz leise und entschieden und lächelt traurig. Im Endeffekt tut er es für mich, aber ich habe in dem Moment keinerlei Lust, das positiv zu sehen.

Wir gehen zur Messe, wobei ich das Gefühl habe, dass jeden Moment mein Kopf rauchend explodiert. Auf der anderen Seite sehe ich Jelle, aber er schaut immer stur geradeaus und trifft meinen Blick nicht.

Im Lauf der Messe werde ich wieder ruhiger und bin wieder ganz im Bann von Josés faszinierendem Glauben und seiner schlafwandlerischen Sicherheit in Gottesdiensten. Er weiss immer als allererster, wann aufzustehen oder hinzuknien oder was zu beten. Er strahlt so ein Zugehörigkeitsgefühl zu allen Kirchen aus, mit ihm kann man sich dort nur einfach völlig wohl und besonders fühlen.

Als alles gegen Ausgang strömt, bleibt Jelle in seiner Bank stehen. Ich vertröste José geschwind und robbe zu ihm hinüber. Ich frage, ob alles okay wäre. Er meint, er würde sich freuen, dass ich meinen Spanier wieder hätte. Merkt man kollosal. Er drückt mir noch einen Zettel in die Hand, den ich erst draussen lesen darf.

Ich rechne schon mit dem Schlimmsten, ohne zu wissen, was ich mir darunter vorstelle. Jelle schreibt mir, dass er sich den ganzen Tag ganz schrecklich gefühlt hätte, einsam, und dass er dann in die Kirche gegangen wäre und auf dem Vorplatz gesessen hätte und viele Stunden geweint hätte, zum ersten Mal in sehr vielen Jahren. Eigentlich ist es ein schöner Brief, ich habe ein Stück weit kommen sehen, dass er diesen Tag so erleben würde, und ich weiss auch, dass er diese Erfahrung hinterher sehr zu schätzen wissen wird. Trotzdem fühle ich mich total zerrissen, nicht kurz mit ihm darüber sprechen zu können, sondern mit einem schon wieder sehr selbstzufriedenen José zu seinem Hotel zu laufen.

Es windet und ist kalt, aber José findet, ich muss da kurz mit, schließlich will er ja möglichst viel Zeit mit mir verbringen. Ich spare mir hässliche Gedanken, ob ich mir deswegen jetzt den Tod holen muss, nur weil er tagsüber nicht mit mir pilgern kann, aber eigentlich bin ich schon wieder versöhnt mit ihm.

Er erzählt mir ganz wunderschön, wie seine letzten Tage auf dem Camino waren, nachdem wir uns getrennt hatten. Bereits am ersten Tag hätte es abends Probleme gegeben, einem Deutschen wäre Geld entwendet worden, und der hätte dann ihn verdächtigt. Ich sehe alles plastisch vor Augen, so emotional schildert José alles. Er hätte sich nicht erklären und verteidigen können, er hätte immer nur gedacht, wo ich denn wäre, um ihm zu helfen und dass ich alles hätte geraderücken können. Er wirkt auch jetzt noch ehrlich schockiert und verletzt, wie jemand ihn verdächtigen kann (wirklich schwierig, wenn man ihn kennt), wo er doch ein Bankdirektor und Christ ist. Zum Glück wäre der dänische Donner dann noch in die Herberge gekommen, der ihn ja gekannt hätte und der der aufgebrachten Menge versichern hätte können, dass es sich bei meinem armen Spanier um einen guten Menschen handelt. Vermutlich war auch einfach sein erklärendes Englisch hilfreich. José ist immer noch total erschüttert und traumatisiert von diesem Missverständnis, ich lache mich dagegen halb kaputt.

Wir buchen schnell Josés Zimmer, dann geht es endlich wieder Richtung warme Herberge. Wir stürmen euphorisch durch die Strassen, und ich bin erleichtert, dass alles wieder so unbeschwert und ungezwungen ist wie eine Woche vorher.

In der Herberge fragt José erstmal höflich, ob er überhaupt mit mir dort essen kann. Kein Problem, trotzdem legt er noch einen drauf und schäkert wieder eine halbe Stunde mit den Hospitaleras. Mir ist das ganz recht. Die perfekte Turmfrisur ist nämlich auch in der Küche zugange, und ich bin froh, nun doch noch ein bisschen mit ihr reden zu können und ihrer Fassade zu vermitteln, dass ich sie gern hab. Ob es zu ihr durchdringt, weiß ich nicht.

Die Herbergsmama läuft den Gang entlang, stockt auf dem Absatz und beäugt mich intensiv. Ob ich schon mal dagewesen wäre?! Mich überrascht ja nichts mehr.

Wie schon im Vorjahr gibt es auch dieses Jahr wieder ein uriges Kaminfeuer in einem kleinen Aufenthaltsraum. Wieder gibt es hauseigene Alkoholika zum probieren, allerdings bin ich mit den Gedanken diesmal ganz bei José. Er erzählt gelöster als auf dem Camino von seinem Leben und seinen Plänen und Träumen und Zweifeln; es ist ungewohnt und schön, ihn so viel von sich erzählen zu hören. Ich könnte ihm ewig zuhören. Wir halten uns wieder an den Händen, vielleicht fließt darüber ganz viel Energie. Oder durch seine Augen oder seine beeindruckende Präsenz. Wie bei unserem ersten Gespräch bin ich erfüllt von Freude, Hoffnung, Stärke und Glauben.

Das hält auch noch an, als er sich in sein Hotel verabschiedet und ich in mein Pilgerbettchen gehe. Ich bereue höchstens, dass ich nicht am Nachmittag schon etwas besser ausgepackt habe. Dafür, dass 9 andere schon tief und fest schlafen, mache ich für meinen Geschmack deutlich zu viel Lärm.

Read Full Post »

Dank des gestrigen Supermercados frühstücke ich ungewöhnlich ausgiebig; neben dem morgendlichen Kakao-Getränk, das ich mir in den letzten Tagen angewöhnt habe, gibt es statt den Magdalenas kleine Apfel-Pudding-Tartes. Vermutlich liefern sie ordentlich Energie, weswegen ich auch immer zwei davon und eine Banane als Notfallreserve mit mir herumschleppe. Beides kommt nie zum Einsatz, weil es zum einen allerorts Einkaufsmöglichkeiten gibt, zum anderen, weil beides sich nach ein paar Tagen zuunterst im Rucksack nicht mehr allzu verlockend präsentiert.

Heute bemerke ich deutlich, dass es auf die letzten 100 km zugeht. Die angekündigten Pilgermassen sehe ich zwar noch nicht, aber dafür auffällig viele neue Gesichter, die sehr leichtfüßig und mit kleinen Rucksäckchen an mir vorbeispringen. Seit La Faba ist mein Wandertempo immer noch moderat, Bärbel nennt es liebevoll „wir gehen nicht, wir schreiten“. Bedächtig setze ich Schritt um Schritt, bin mir meiner geleisteten vielen Kilometer (und meiner noch kommenden) bewusst, spüre so manche Erfahrung des Weges zumindest auf meinem Geist lasten – und fühle mich an sich rundum wie ein richtiger Pilger. Umso mehr irritieren die laut über Alltagsprobleme und Beruf plappernden „Kurzstreckenpilger“, die in Turnschuhen mit einer kleinen Halbliterflasche unterwegs sind.

Zum ersten Mal auf dem Weg zeigt sich das Wetter launisch. Der Himmel ist bedeckt und es nieselt. Tendenziell habe ich nichts dagegen, denn meine Regenausrüstung ist umfangreich und freut sich, nicht umsonst durch die glühende Hitze geschleppt zu werden. Auf meine Stimmung wirkt sich das Wetter aber trotzdem nicht gerade förderlich aus, ich fühle mich auch etwas regnerisch bedeckt.

Den legendären Kilometerstein 100 übersehe ich fast, hätten nicht ungewöhnlich viele, mitten auf dem Weg stehende, Pilger mich stutzig gemacht. Unter ihnen ist auch die gütige Deutsche von gestern. Ich bitte sie um ein Foto von mir mit dem Stein. Sie probiert eine Weile an den Einstellungen herum, und als ich meine, sie soll doch einfach knipsen, Hauptsache, der Stein ist drauf, meint sich ganz erschüttert und ernst, dass doch ich die Hauptsache wäre.
Sie geht ein gemütliches Tempo, sodass wir uns nicht mehr begegnen. Trotzdem hat mich der kurze Kontakt mit ihr auch wieder auf eine Art beeindruckt. Sie ist den Weg schon sehr häufig gegangen, und ob es daran lag oder nicht, sie wirkt sehr ruhig, gelassen und mit sich stimmig. Während ich Vorratsangst, Herbergsangst und Planungszwänge mit mir herumschleppe, schwebt sie langsam und kontinuierlich den Camino entlang und bekreuzigt sich höchstens mal, wenn ein unsittlicher Mann am Wegesrand steht.

Portomarin mit seinem malerischen See erreiche ich bei dicken Regenwolken, habe wenig für eventuelle Schönheit übrig und kümmere mich um die Herberge. Diese ist auf den ersten Blick sehr schick, auf den zweiten Blick aber der blanke Horror für mein Pilgerverständnis. Der akribisch symmetrische Schlafsaal ist riesengroß, die Kopfkissen frisch bezogen, überall informieren Schilder über Verbote. Beim Duschen wird darauf hingewiesen, das Licht wieder auszumachen, auf der Toilette hängt eine lange Liste, was alles nicht hinuntergespült werden darf, in der Küche hängt eine straffe Kühlschrankordnung… zu allem Überfluss sind die ersten 20 Betten reserviert, an jedem steht bereits ein dicker Koffer und soviel pilgerunwürdiger Krimskrams, dass ich am liebsten weinen würde bei der Aussicht auf die letzten 100 Kilometer.

Statt strahlendem Sonnenschein für meine Wäsche regnet es, sodass sich trockentechnisch rein überhaupt nichts tut. Wäsche darf nicht im Schlafsaal aufgehängt werden, und Trockner gibt es zwar, aber nachdem mir schon wieder ein dickes Hinweisschild entgegenlächelt, dass ich nur trocknen darf, was ich vorher auch in einer Maschine ordentlich gewaschen habe, vergeht mir die Lust.

Bärbel trifft ein, sodass ich wenigstens jemanden habe, um meinen Frust zu teilen. Wir gehen ein wenig in die Stadt, wo wir auf Pilger treffen, die sich sparsam in der öffentlichen Herberge niedergelassen haben. Ich halte mich an die Empfehlung der deutschen Jakobsgesellschaft, auch bei freiwilligen Spenden den durchschnittlichen Tarif zu entrichten. Wenn ich also die Wahl habe, für das gleiche Geld in einer hochgelobten Herberge zu übernachten oder in einer kritisch bewerteten, schlägt mein Herz verhängnisvollerweise meist für den Luxus. Leider bin ich kein Mensch von Entscheidungen, erst recht nicht hier auf dem Camino, sodass ich leicht zu Unzufriedenheit neige, egal, wie ich mich entscheide. Heute jedenfalls bin ich todunglücklich, wenn ich die öffentliche, chaotische Herberge voller glücklicher, verausgabter Pilger sehe und an meine Herberge denke, vor der heute Abend bestimmt ein Reisebus 20 Buspilger ausspuckt.

Zurück in der Herberge kochen wir uns etwas; ich vertrete wie immer die Philosophie, dass ich ordentlich Kalorien einwerfen muss, um den Strapazen entgegenhalten zu können. Bärbel scheint aus unerfindlichen Gründen keinerlei Kalorien zu verbrauchen, jedenfalls pflegt sie sich von einer halben Tütensuppe und einem Apfelschnitz sehr überfüllt zu fühlen. Bei einem Tageseinkauf über 2 Euro plagt sie das schlechte Gewissen, während ich höchstens im zweistelligen Bereich nachdenklich werde.

Während wir noch essen, räumt eine der Angestellten in Krankenschwesterkluft schon furienartig unser Kochgeschirr zurück in die Schränke, knallt mit Türen und schaut höchst genervt. Überall wischt sie selbst den kleinsten Wasserspritzer weg, und die Krönung ist, dass sie auch unseren Tisch wischt und dabei noch jeweils das Glas und den Teller hochhebt. Ich kann mir nicht helfen, hier kriege ich die Krise. Ich denke wehmütig an Mose, der für jeden Pilger liebevoll zum Empfang gesprintet ist, um ihn herzlich zu begrüßen. An den Herbergsvater aus Molinaseca mit seinem dauerpräsenten Erste-Hilfe-Kasten. An den Medizinmann mit seinen Atemübungen. An die Tee-ausschenkenden Deutschen in La Faba. Das hier geht gar nicht.

Es regnet den ganzen Nachmittag, in unsere Herberge gesellen sich nur Luxuspilger und viele Kurzstreckenpilger. Vieles sind junge Leute aus Spanien, die einfach mal kurz mit der Clique die 4 Tage pilgern und Spaß haben wollen. Es ist ihnen nicht zu verübeln, dass sie laut, lustig und energiegeladen sind. Und natürlich suchen sie hier auch nicht tiefschürfenden Kontakt zu den seelischen Abgründen der Langstreckenpilger, sondern sind mit sich vollauf zufrieden. Ich dagegen lasse meiner Wehmut weiter freien Lauf und erinnere mich an die beiden Österreicher, meine Kanadierin der ersten Tage, die Französin aus dem Elsass, den Psychologen-Spanier, das britische Mutter-Sohn-Gespann und viele wertvolle Kontakte mehr.

Im Gegensatz zu sonst, wo ich meine Einsamkeit suche und genieße und möglichst wenig an zu Hause und den Alltag denke, rede ich heute stundenlang mit Bärbel. Ich klage ihr, jämmerlich wie ich heute gelaunt bin, mein momentanes Leid, meine Probleme zu Hause, meine Zweifel… wir fachsimpeln über unsere Arbeit und ganz viel Alltag. Mir wird plötzlich richtiggehend schlecht, ich kann das alles nicht mehr hören, ich will nicht akzeptieren, dass mein Weg schon zu Ende ist und mich alles wieder einholt.

Heute ist ein reichlich düsterer Tag auf meinem Camino.

Read Full Post »

Wieder starte ich spät, frühstücke in Ruhe meine fettigen, süßen Magdalenas und laufe erst los, als es hell, wenn auch noch etwas dunstverhangen ist.

An meiner Weggabelung nach Samos finde ich mich alleine auf meinem Weg wieder. Einerseits laufe ich ungern hinter Rucksäcken her, andererseits beschleicht mich bei allzu viel Einsamkeit immer die Angst, dass ich eine Abzweigung verpasst haben und fernab des Caminos in eine falsche Richtung preschen könnte.

Fast schon erschrecke ich ein bisschen, als plötzlich hinter mir ein kleiner Pilger auftaucht. Er läuft ein ähnliches Tempo wie ich, und nachdem mich das irritiert, mache ich ein Vesperpäuschen, um ihn vorbeiziehen zu lassen.

Die morgendliche Ruhe ist unheimlich schön. Alles liegt im Nebel, wirkt gedämpft und wie in Watte gepackt. An manchen Stellen brechen einzelne Sonnenstrahlen durch den Nebel, sodass ich meinen Foto alle 5 Minuten auspacken muss. Leider tut das auch der kleine Pilger vor mir, sodass ich immer wieder auf ihn auflaufe. Ich entschließe mich, ihn dann doch zu überholen, aber keine Chance, beim nächsten Fotostop überholt er mich wieder, um 10 Meter weiter stehen zu bleiben und selber zu knipsen. Gut eine Stunde verbringe ich mit unangenehmen ständig nebeneinander herlaufen, was wohl nicht nur mir irgendwie unangenehm ist.

Irgendwann schaffe ich es dann doch, mir meinen Freiraum zu erlaufen, und erreiche Samos in der so geschätzten Einsamkeit. Der große Klosterkomplex liegt in sonniger, nebliger Ruhe, davor grasen einige imposante Ur-Rinder, ein stiller Fluss rahmt die malerische Kulisse ein.

Im Kloster selber treffe ich Andi wieder, der schon für die erste Führung Schlange steht. Wie so oft auf diesem Camino kann ich mich nicht dafür erwärmen, in meinem Pilgerrhythmus gestört zu werden und den Vormittag mit etwas anderem zu verbringen, als zu laufen. Kaum bin ich wieder auf der Straße und lasse Samos hinter mir, ärgere ich mich aber gewaltig über mein Kulturbanausentum und die verpasste Chance, wo ich doch nun schon mal da war (und im Gegensatz zu der Templerburg in Ponferrada auch nicht Stunden, sondern nur 10 Minuten hätte warten müssen).

Auf dem Weg begegne ich keiner Menschenseele, und prompt verlaufe ich mich auch. Statt der angekündigten Mini-Etappe, bei der ich schon befürchtet habe, nach einer Stunde Asphaltstraße hinter Samos mein Ziel erreicht zu haben und wieder von einer läuferischen Unzufriedenheit heimgesucht zu werden, geht es wild und schön kreuz und quer durch die Bergwelt. Ich laufe flottes Tempo, und trotzdem erreiche ich Sarria erst am frühen Nachmittag.

Den Herbergen hier merkt man die größere Stadt oder zunehmende Nähe zu Santiago an – zwar waren alle meine bisherigen Herbergen für meinen Geschmack vertrauenserweckend, sauber und gemütlich, aber das hier sind richtiggehende Hotels. Meine geplante Wunschherberge macht mir prompt gleich etwas Angst, weil der Empfang auch an ein Hotel erinnert, der Begrüßungstrunk am Abend, Fußmassage sowie Kaminfeuer inklusive sind und ich das dumpfe Gefühl habe, dass sich das nicht mit den 7 Euro in meinem Führer vereinbaren lässt. Hat aber wirklich alles seine Richtigkeit, und so genieße ich schon wieder das Duschen in einem riesigen Badezimmer nur für mich.

Mein Zimmer ist schon reichlich belegt, sodass mir zum ersten Mal nur ein Platz im oberen Stockbett bleibt. Während ich beeindruckt die schmucke Herberge erkunde, treffe ich auf meine Ladies, die trotz moderatem Tempo schon seit Stunden vor Ort sind. Irgendetwas muss ich falsch gemacht haben, denn außer mir hatte bei der Samos-Route niemand das Gefühl, 7 Stunden strammen Marsch hinter sich zu haben.

Meinen Lieblingsplatz entdecke ich auf der Dachterasse der Herberge, auf der dunkelblaue Liegestühle unter einer mit Wein umrankten Pergola stehen. Zu der Begeisterung über so viel Luxus mischt sich allerdings auch das dumpfe Gefühl, dass ich mit dem echten Pilgergefühl ja doch eher das Spartanische, Entbehrliche verbinde und demnach ein wenig davon entfernt bin.

Steffi bevölkert einen Liegestuhl im Schatten, und enttäuschenderweise geht es ihren Stichen auch nicht mit den Tabletten besser, die wir ihr hoffnungsfroh zusammen in Triacastela gekauft haben. Sie ist allerdings nicht mehr halb so verzweifelt und panisch wie ich, sondern der Inbegriff von Schicksalsergebenheit. Sie glaubt schon fast nicht mehr, dass Bettwanzen die Ursache sind, sondern eher an die Theorie einer Mitpilgerin, dass sich manchmal inneres Seelenleid über die Haut seinen Weg nach draußen bahnt. Wenn es so sein soll, soll es wohl so sein, sie zuckt nur mit den Schultern. Sie ist kein Mensch, der viel von sich preis gibt, sondern eher zurückhaltend, so überrascht es mich, dass sie mir doch einen gewissen Einblick in ihr bisheriges Leben gibt. Sie hat ihr Studium ein Semester vor Ende abgebrochen, weil sie das Gefühl hatte, dort nicht hineinzupassen. Seither jobbt sie sich gerade so durchs Leben, und wie es scheint, war es nicht völlig problemlos für sie, sich deswegen nicht wie ein Versager zu fühlen. Ich bin tief beeindruckt und sehe sie als das genaue Gegenteil eines Versagers. Ich bin immer den direktesten Weg gegangen, habe alles konsequent fertig gemacht, was ich angefangen habe, halte an allem fest, was ich nun eh schon lange gemacht habe, ob nun Beruf, Beziehung oder Verhalten. Mir ist klar, dass das keinerlei charakterliche Größe erfordert, und mir schwant auf diesem Weg, dass es auch nicht die schlauste Art ist, um glücklich zu werden. Auf jeden Fall benötigt man zu solchen Eingeständnissen und Entscheidungen richtig viel Mut, und den habe ich definitiv noch nicht.

Auch Bärbel wird magisch von den tollen Liegestühlen angezogen, allerdings ist sie heute anders als sonst. Irgendwann bricht aus ihr heraus, ob ich eigentlich auch schon mal diese Männer gesehen hätte. Ich vermute, dass es sich um Exhibitionisten handeln könnte, über die ich in meinem Führer gelesen habe. Es soll entlang des Weges viele davon geben, sodass ich mich im Vorfeld gedanklich darauf eingestellt habe. Begegnet bin ich aber noch keinem. Bärbel hatte heute schon ihren zweiten und ist ziemlich mitgenommen. Ich bin in erster Linie baff über die Details. Eine ältere, ebenfalls deutsche Pilgerin schaltet sich ein und erzählt von ihren Begegnungen dieser Art. Wie die Österreicher am Anfang gehört auch sie zu den Menschen, die faszinierend in sich zu ruhen scheinen und offensichtlich ihren Frieden gefunden haben. Statt meiner erdachten Reaktion (einer nicht näher definierten Kombination aus Brüllen, Pfefferspray und meinen Stöcken) lerne ich, dass man höflich auf die Herren einredet, unter Umständen auch mal deutlicher wird und in forschem Ton darauf hinweist, dass man sich belästigt fühlt (was ich mir bei der gütigen, kleinen Deutschen bildlich vorstellen kann). Bei ihr wendete sich der Herr dann aber erst ab, als sie in ihrer Verzweiflung anfing, sich zu bekreuzigen. Ich stehe etwas neben mir angesichts dieser offensichtlichen Exhibitionisten-Invasion entlang meines bisher so friedlich empfundenen Caminos. Außerdem fällt es mir schwer zu verstehen, warum gerade diese beiden sensiblen und im Umgang mit Männern vielleicht eher zurückhaltenderen Frauen diese Erfahrung machen mussten.

Am späten Nachmittag mache ich mich wie üblich auf die Suche nach einem Supermarkt. Eigentlich habe ich mich schon daran gewöhnt, nur nach einem „mercado“ zu fragen, und nachdem ich ja eh immer nur meine Basisausstattung kaufe, reicht das auch. Aber der mercado in Sarria verdient wirklich den Vorsatz „super“! Ich habe das Gefühl, dass es hier wirklich alles gibt und bin ganz hin- und hergerissen zwischen Begeisterung und Wehmut. Ich erinnere mich an Erzählungen meines großen Bruders, der einige Zeit in Spanien verbracht hat und von den dortigen Tiefkühlabteilungen geschwärmt hat, in denen man problemlos einzelne Meeresfrüchte bekommt, sodass Paella ein Leichtes ist. Interessehalber schaue ich auch hier in die Kühltruhe – und verliebe mich spontan in einen Paella-Bausatz voller Muscheln, Beinen, Fühlern, Tentakeln und Saugnäpfen.

So koche ich also abenteuerlustig und todesmutig die erste Paella meines Lebens, und sie schmeckt auch wirklich grandios. Offensichtlich sieht sie auch so aus, denn Andi zieht auch gleich los, sich so ein Starterpack zu kaufen. Anschließend macht er mir den Mund wässrig mit seinen Berichten über das Kloster Samos, und beruhigenderweise hat auch er sich verlaufen. Sein Weg ging auch länger als geplant, und er musste zudem noch über eine Viehweide rennen.

Trotz vorgerückter Stunde bekomme ich auf Nachfrage noch die Aqua-Fußmassage erklärt, allerdings hält sich der Genuss in Grenzen und kommt wohl besser zur Geltung bei noch dampfend heißen Pilgerfüßen.

Als umso netter entpuppt sich dafür der kleine Raum mit dem offenen Kamin, in dem sich alle Pilger bei drei Sorten spanischer Alkoholika versammeln.

Später als sonst finden wir heute erst gegen 23:00 ins Bett. Meine Zimmerbesetzung ist durchweg sympathisch; außer Steffi, Bärbel und der sich bekreuzigenden Deutschen tummeln sich unter mir auch zwei ältere Briten, denen es an Humor, Lebensfreude und Lautstärke nicht mangelt. Nur Andi scheint in einem anderen Zimmer untergebracht zu sein, aber nachdem ich fürchte, dass er beeindruckend schnarchen könnte, bin ich darüber auch nicht wirklich traurig.

Read Full Post »