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Posts Tagged ‘Santiago de Compostela’

Die Nacht ist erwartungsgemäß wenig erholsam. Irgendwie ist es zu warm, sodass ich zwischenzeitlich meine Füße aus dem Schlafsack strecken muss. Die Spanier sind in Feierstimmung und erst weit nach Mitternacht etwas ruhiger. Und ich schaue alle halbe Stunde panisch auf mein Handy, ob ich nicht vielleicht doch verschlafen habe.

Mein Wecker klingelt kurz nach 4, zu einer völlig gestörten Zeit. Ich schleppe alles unten in den Essensraum und packe, um mich um 4.30 auf den Weg zu machen. Ich fühle mich in der Herberge wie der letzte Alien, und um diese Zeit loslaufen ist natürlich auch wieder gegen mein Wohlgefühl und nicht unbedingt beruhigend. Während ich nachts alle halbe Stunde geschaut habe, ob ich schon aufstehen muss, schaue ich nun alle halbe Stunde auf mein Handy, um zu überprüfen, wie ich in der Zeit liege und ob alles hinkommt. Laut Führer habe ich 5 1/4 Stunde vor mir, ich will noch einen kleinen Abstecher zu den Statuen auf dem Monte de Gozo machen und muss in Santiago vor der Messe um 12 meine Compostela abholen und einige Einkäufe machen. Mir brummt der Kopf, ich bin in Gedanken bereits die Straßen von Santiago ablaufen und überhaupt nicht mehr im hier und jetzt. Was aber auch nicht weiter schlimm ist, zum einen ist es eh noch dunkel, zum anderen ist die letzte Etappe entlang der Rundfunkanstalten auch nicht so furchtbar malerisch.

So gestresst, wie ich durch die Gegend presche, liege ich natürlich super in der Zeit. Die morgendliche Dunkelheit wird heute leider abgelöst von einer ziemlich grauen Nebelsuppe, die pünktlich zum Monte de Gozo auch noch in einen leichten Nieselregen mündet. So ist auch dieser Moment dann wieder völlig anders und neu, von Freude keine Spur. Die Denkmäler wirken im Regen recht trostlos, weit und breit keine anderen Pilger, und mir fehlt natürlich auch die Ruhe und innere Einstellung, um mich davon so richtig berühren oder bewegen zu lassen.

Santiago ist noch regnerisch verschlafen, der sonst so touristisch bevölkerte Kathedralenplatz ist leer. In einer Ecke wird die Bühne vom gestrigen Papstbesuch abgebaut, eine komische Stimmung. Auf meinem Weg zum Pilgerbüro laufe ich plötzlich in den strahlenden Blondschopf Markus 1 hinein, den ich eigentlich nur einmal bisher in Ruitelán gesehen habe. Er ist schon seit 2 Tagen da, ist bis Santiago mit dem anderen Markus gelaufen und hat gestern nun so richtig den Papstbesuch genossen. Sie haben ab dem frühen Morgen auf dem Platz ausgeharrt, 8 Stunden, um dann auch ja einen guten Blick zu haben. Und er wäre dann so nah am Papst dran gewesen, ein Erlebnis für die Ewigkeit. Markus sieht eigentlich so aus, als würde er eher in schicki-micki-Clubs abhängen und sich höchstens über eine Beförderung in die Chefetage oder einen neuen Porsche freuen. Umso sympathischer ist mir sein grenzenloser Enthusiasmus über das gestrige Erlebnis. Markus 2 ist bereits nach Finisterre aufgebrochen. Schade, ich hätte ihn sehr gern nochmal gesehen. Gleichzeitig bin ich aber auch seltsam ergriffen und berührt. Plötzlich ist mir unser Gespräch beim O Cebreiro wieder lebhaft vor Augen, von seiner Verzweiflung – oder doch schon eher Entschlossenheit -, diesmal etwas fertig bringen zu wollen, diesmal den Camino zu beenden und in Finisterre sein altes Leben hinter sich zu lassen. Ich habe nie dran gezweifelt, aber es war irgendwie noch Zukunftsmusik. Und nun ist er 2 Tage vor seinem Ziel, ich kann fast erspüren, welche Gefühlsregungen sich nun in ihm abspielen müssen.

Die Begegnung mit Markus tut unheimlich gut, er ist so strahlend verwandelt und strahlt so viel Glück und Freude aus. Trotzdem rattert mir mein Zeitplan im Kopf herum, und ich verabschiede mich erstmal zum Compostela-Holen. Anschließend trage ich mich mit dem Gedanken, die heilige Pforte zu durchqueren. Nachdem ich schon den Papst verpasst habe, wäre das eine weitere Gelegenheit, etwas zu erleben, was es so schnell nicht wieder gibt. Aber die Schlange ist mehrere hundert Meter lang. Wenn ich  mich dafür entscheide, verpasse ich wohl die Messe. Ich beschließe, dass es solche „Formalitäten“ nicht braucht, um sich als Pilger zu fühlen.

Wegen dem heiligen Jahr gibt es diesmal strengere Sicherheitskontrollen. Man darf die Kathedrale nicht mit Tasche oder Rucksack betreten, sodass ich mein Monstrum an einer Gepäckverwahrung abgebe. Ein komisches Gefühl, meine Messe ohne meinen Rucksack.

Ich stürze mich in die Souvenirläden, ich brauche einen Rosenkranz für einen krebskranken Bekannten und möchte das Kartenset kaufen, das es auf dem Camino in jeder zweiten Herberge gab. Mit Bildern vom Camino und vom Pilgern und darunter vielen weisen Sprüchen und Lebensweisheiten, die mich teilweise sehr berührt haben. Das mit dem Rosenkranz ist schon unheimlich schwierig, ich habe sehr klare Vorstellungen, Rosenholz mit Rosenduft, so wie ich selber einen habe. Überall gibt es nur Plastik mit Plastikduft, was jetzt irgendwie gar nicht geht. Auch meine Karten finden sich nirgends. Ich bin frustriert und genervt, dass es hier 50 gleichartige Souvenirläden gibt, aber jeder nur den gleichen Scheiß hat. Irgendwo finden sich dann doch die Karten, allerdings auf Deutsch. Ich suche weiter, bis ich sie irgendwo doch noch wie gewünscht auf Spanisch erstehe. Ein weiteres Häkchen auf meiner „Mission Heimkommen“-Checkliste.

Langsam trudeln die ersten Pilger, die in Arca normal losgelaufen sind, ein. Als erstes sehe ich die Grinsekatze, die mich anstrahlt und voller Santiago-Euphorie ist, mich beglückwünscht und jetzt vor allem in Feierlaune ist. Ich ziehe mich mit einem pauschalen „ja, ja“ aus der Affaire. Ich bleibe ja eh nicht für die ausgelassenen Feiern am Abend, und das erfüllt mich im Moment auch nicht mit Reue. Wenig später treffe ich Matthias. Er ist wie üblich nicht ganz so ausgelassen und überschäumend. Eigentlich haben wir verhältnismäßig viel Zeit zusammen verbracht, sind uns eigentlich seit Astorga jeden Tag begegnet. Er weiß, dass ich heute schon fliege, sodass für einen Moment eine komische Abschiedsstimmung zwischen uns steht. Ich sollte nun etwas Herzliches sagen, ihn zum Abschied umarmen oder ihm ein Bändel geben, ich sehe förmlich vor mir, wie souverän und überschäumend Anke das jetzt gestalten würde. Aber ich kriege es nicht hin, wir drucksen ein komisches „Tschüss dann“, und ich bin wieder recht frustriert und niedergeschlagen von meiner sozialen Gesamtleistung.

Ein paar Meter weiter laufe ich in Lucia hinein. Die Kommunikation ist wie üblich etwas erschwert davon, dass sie statt Englisch lieber undefinierbare Grunzlaute von sich gibt. Aber auch sie ist happy, hat den Papstbesuch noch erwischt und sich damit einen riesigen Traum erfüllt. Wenigstens hier schaffe ich es, mich ordentlich zu verabschieden und ihr mein Bändel zu geben. Ähnlich wie nach dem Haargummi ist sie völlig von der Rolle und bricht schier in Tränen aus.

Ich kämpfe mich weiter in Richtung Kathedrale durch, man trifft nun wirklich alle 20 Meter auf eilige, begeisterte Pilger, die den Sprint von Arca gemacht haben, nun noch schnell die Compostela abholen und dann in die Messe wollen. Die letzten Tage hatte ich das Gefühl, niemanden mehr zu kennen, aber nun tauchen doch plötzlich noch alle möglichen Bekannten von entlang des Wegs auf. Typisch für Santiago.

Im Kathedralenshop kann ich ein weiteres Häkchen setzen. Der Rosenkranz ist zwar nicht der, den ich haben wollte, aber immerhin auch aus Rosenholz. Recht erleichtert, so ziemlich alles erledigt zu haben, steht nun nur noch „Spitzenplatz im Seitenschiff Sichern“ auf dem Programm. Ich habe Glück und finde einen Platz direkt am Gang in der zweiten Reihe.

Die Kathedrale ist proppenvoll, vor allem mit Touristen. Die Gänge sind gestopft voll mit laut erklärenden Führern und ihren Schirmchen, ständig wird geknipst und geblitzt, die Geräuschkulisse ist gewaltig – und wenig stimmungsvoll. Oder vielleicht liegt es an mir. Zu viele Häkchen und Abfahrtszeiten im Kopf.

Die Messe berührt mich wenig, diesmal bin ich ja ohnehin nicht so gut darin, Gott in Kirchen zu begegnen. Als der Botafumeiro geschwenkt wird, versuche ich von meinem tollen Platz aus, ein gutes Foto zu schießen bzw. versuche sogar ein Video. Ernüchtert stelle ich später fest, dass ich zum einen kein scharfes Foto erhalten habe, erst recht nicht die Stimmung darauf festhalten konnte und jegliche Stimmung eigentlich dadurch verpasst habe, dass ich die ganze Zeit wie wild an irgendwelchen Knöpfen gedreht habe und den kleinen Monitor im Blick hatte.

Draußen hat sich mittlerweile doch ein bisschen die Sonne durchgesetzt. Ich habe noch etwa eine Stunde, bevor ich zum Busbahnhof muss, so versuche ich, noch ein bisschen die Stimmung zu genießen. Plötzlich steht Joaquin vor mir, ich brauche ewig, bevor ich es kapiere. Er wollte doch eigentlich heute früh mit seiner Mutter nach Portugal abfahren, deswegen habe ich ihn überhaupt nicht mehr auf meiner Liste der hier zu erwartenden Gesichter. Er fliegt mir begeistert um den Hals und drückt mich eine halbe Ewigkeit, was mich etwas perplex macht. Da ruft auch schon ein Rudel kleiner Spanier seinen Namen, als wäre er ein Promi. Nun ist er etwas perplex, er scheint sie nicht wiederzuerkennen. Doch, doch, er wäre doch der mit der Glatze. Sie haben mit Anke übernachtet, und sie hat ihnen das Video von seinem Friseurbesuch vorgespielt. Vorauseilende Prominenz. Joaquin begrüßt seine neuen Fans gewohnt offen und herzlich und stellt mich auch gleich mal als eine liebgewonnene Freundin vor, die ihn die letzte Zeit auf dem Camino begleitet hat und wo er jetzt so von der Rolle ist, mich nochmal zu sehen.

Kurz darauf gesellt sich eine kleine Frau zu uns, die sich als seine Mutter herausstellt. Ich werde wieder ähnlich blumig und überschwänglich vorgestellt, bin aber einfach sehr neben der Kappe. Hier geht mir gerade alles etwas zu schnell bzw. ich bin nicht in meinem üblichen, sortierten, langsamen Peregrina-Frieden. Joaquins Mutter ist auch so ganz anders, als ich sie mir vorgestellt hätte. Sie ist überaus normal und höflich und unauffällig, ich hätte mir eigentlich ein paar Alfalfa-Tabletten oder zumindest eine Hippie-Frisur vorgestellt. Beide fragen mich begeistert, ob ich nicht noch den Nachmittag mit ihnen verbringen will, sie wollen gerade in eine Ausstellung im Parador. Ich bin froh, dass ich so oder so verneinen muss. Ich werde mit einer weiteren langen Umarmung wehmütig entlassen, gehe meinen Rucksack abholen, setze einen weiteren Haken unter „Santiago-Torte-Kaufen“ und mache mich dann doch sehr wehmütig auf in Richtung Busbahnhof. Ich kehre der Kathedrale nur ungern den Rücken, und auch diesen vielen Menschen, mit denen ich die letzte Woche verbracht habe. Ich treffe noch die Kanadierin von Villafranca del Bierzo, es ist unglaublich, wie viele Begegnungen ich eigentlich schon vergessen hatte und nun wiedererkenne. Ich kann mich auch eines Gefühls vieler verpasster Chancen nicht erwehren.

Am Busbahnhof überkommt mich eine große Melancholie. Die Begegnung mit Joaquin hat mich sehr aus der Bahn geworfen. Den ganzen Camino über hatte ich das Gefühl, ihm ziemlich auf den Geist zu gehen, Anke und er waren weniger Freunde für mich, als vor allem Denkanstöße, die mich immer wieder über mich selbst nachdenken haben lassen. Mir kommt eine Strophe aus „Weit wie das Meer“ in den Sinn:

***

Und doch sind Mauern zwischen uns und andern, wir sehn einander nur durch Gitter an.

Unser Gefängnis ist das eigne Wesen und seine Mauern nichts als unsre Angst.

***

Meine Flüge klappen reibungslos, um 19 Uhr bin ich in Madrid, um 22 Uhr in Zürich, kurz nach Mitternacht zu Hause. Ich bin ziemlich erschlagen, zum einen von den vielen Eindrücken und Lehren, die ich erstmal verarbeiten und verinnerlichen muss, zum anderen von diesem übervollen Tag. Am Morgen noch zu Pilgern und abends schon wieder zu Hause zu sein, das ist ein ziemlich abruptes Ende für eine entschleunigte Pilgerreise.

Irgendwie entschleunigt bin ich aber trotz allem irgendwie, und hinter einem Haufen wirrer Gedanken und viel Material macht sich eine solide Gelassenheit breit.

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Ich wache vor 7 auf und treffe Sanne im Waschraum. Sie hat mir gestern von ihrem Santiagokoller erzählt und dass sie heute einfach ganz früh auf den Flughafen will und schauen, ob sie bereits heute hier wegkommt. Ihr Flieger geht offiziell erst in 2 Tagen, und ich verstehe sie nur zu gut. Auch ich bin sehr ungern in Santiago. Zu schnell verblasst das Pilgern und rücken die Touristenbusse, die Läden mit „No pain, no glory“-T-Shirts und die Feierstimmung in den Vordergrund. Die ganze Magie, das persönliche Erleben weicht ein bisschen einem Gefühl, mit dem zumindest ich nichts anfangen kann.

Noch dazu verschwindet die bekannte Pilgerfamilie von einem Tag auf den anderen. Ein oder zwei Tage in Santiago sind herrlich. Man kann auf der Plaza sitzen und trifft im Minutentakt Leute wieder, die man vielleicht vor 2 Wochen mal gesehen hat. Aber schon am dritten Tag treffen völlig fremde Gesichter ein, liegt der eigene Camino zu weit zurück. Man fühlt sich ausgeschlossen und überflüssig.

Zwischen Haarbürste und Zahnpasta schaut mich Sanne mit großen Augen an und sagt ehrfurchtsvoll „Dein Freund stinkt aber echt!!!“. Da bin ich froh, dass das endlich auch mal jemand so sieht. Mit genauso leuchtenden Augen fragt sie dann, ob ich ihn denn gesehen hätte. Ich erinnere mich an den gestrigen Fußgeruch im benachbarten Schlafsaal (heute morgen hatte ich für einen Moment auch den Hauch einer Erinnerung in der Nase) und nicke. Sie meint, nein, bei uns im Schlafsaal. Hoppla, das ist mir neu. Sie meint, in der Nacht! Er hätte an meinem Bett gesessen. Schreck lass nach, das ist mir nun wirklich entgangen. Sie erklärt, dass sie davon aufgewacht sei, wie er plötzlich an ihrem Bett gesessen hätte und auf sie eingeredet hätte. Irgendwann hätte sie ihre Ohrstöpsel herausgenommen und ihn angeschaut, da hätte er sich entschuldigt, dass er das falsche Bett hätte und gefragt, wo denn die „chica“ sei. Sanne hätte vermutet, dass er damit mich meint und auf das Bett gegenüber gezeigt. Er wäre dann dort hinüber gezogen. Sie hätte ihn eine Weile aus den Augenwinkeln beobachtet, etwas besorgt, was er im Schilde führt. Er hätte mit mir gesprochen und dann noch etwa eine halbe Stunde einfach an meinem Bett gesessen. Zu schade, dass ich davon kein bisschen mitgekriegt habe.

Zurück im Schlafsaal bei beginnender Helligkeit sehe ich die lustige Bettenkonstellation der Nacht. Links von mir hatte sich Sanne das Bett genommen, Jelle rechts von mir. Und direkt daneben liegt eine Wolldecke chaotisch übereinandergetürmt, aus der unten ein dicker, einbandagierter Fuß ragt.

Jelle ist schon wach. Ich habe ihm schon vor dem Camino gesagt, dass ich diesen Camino allein machen will. So weiß er auch, dass ich den Tag jetzt nicht mit ihm verbringen werde. Es tut mir zwar sehr leid, dass er seine Pilgerclique extra wegen mir kurz vor Ende verlassen hat und nun noch keine Menschenseele hier kennt, aber ich weiß auch, dass er mich versteht. Und wir wissen beide, dass ein Tag mehr oder weniger unsere Freundschaft nicht beeinträchtigt. Wir frühstücken gemeinsam, dann geht er mit seinem gesamten Gepäck Richtung Kathedrale, um seine Freunde willkommen zu heißen. Er ist den ganzen Camino in einer festen Gruppe von 7 Leuten gelaufen, die sich am ersten Tag zufällig gefunden haben. Seitdem sind sie jeden Tag zusammen gelaufen, haben in der gleichen Herberge geschlafen, zusammen gekocht und anscheinend sehr viel Spaß gehabt. Jelle strahlt ununterbrochen über beide Ohren, insofern war es für ihn genau das richtige. Ich dagegen bin froh über meine eher ruhige, besinnliche Variante.

Ich widme mich meinem Camino und setze mich zu dem Deckenknäuel ans Bett. Mir ist schleierhaft, wie Kristian atmet, denn die Decke schließt hermetisch um seinen Kopf ab. Ich ziehe und zerre eine Weile. Kristian reagiert, wie man auf der Straße wohl reagiert, wenn jemand einem im Schlaf die Decke wegzieht, er ist von einer Sekunde auf die andere hellwach und kampfbereit. Er scheint mich aber zu erkennen, allerdings macht er unwillig gleich wieder die Augen zu und zieht die Decke über den Kopf. Ich suche unter der Decke nach seiner Hand, aber er ist offensichtlich übellaunig. Irgendwann fragt er extrem verkatert, warum ich gestern gegangen wäre. Ich hatte ihm eigentlich extra noch ein Briefchen geschrieben, mich für meinen Abgang entschuldigt und erklärt, dass ich mit ihm unter Alkohol einfach nicht klarkomme. Und hoffe, dass wir heute noch einen schönen letzten Tag zusammen haben können. Er trennt sich irgendwann von seiner Decke, starrt bockig und abgrundtief enttäuscht an mir vorbei, fragt noch mehrmals „why?!“, weiß nicht, ob er jetzt noch etwas mit mir machen will und streift gedankenverloren mein Bändel ab. Er weiß auch nicht, ob er das jetzt noch tragen will. Das wiederum macht nun mich ziemlich geschockt und betroffen. Ich wollte ihm doch nicht weh tun. Er faucht mich an, ich soll ihn jetzt doch einfach mal zwei Minuten in Ruhe lassen. Er knallt mir 10 Euro und seinen Ausweis hin, ich soll ihn nochmal für eine Nacht einbuchen.

Mache ich brav, und als ich wiederkomme, schaut er mir schon wieder in die Augen und lächelt verschmitzt wie immer. Er ist abmarschbereit, und meine vorsichtige Frage, ob er nicht mal duschen will, verwundert ihn zutiefst. Nicht nur sein Fuß riecht jenseits von Gut und Böse, er riecht mal wieder versoffen und verraucht, und mittlerweile riecht auch seine Hose höchst wechselbedürftig. Mit Andeutungen komme ich wohl nicht weiter, aber selbst als ich ihn plastisch drauf anspreche, schnüffelt er nur gelenkig und interessiert an seinem Unterschenkel, um mit ehrlichem Erstaunen und freudigem Lächeln zu sagen, dass er da nichts riecht. Wie könnte ich ihm jemals böse sein.

Ich schließe meinen Rucksack bei ihm im Schrank ein, und wir gehen Richtung Kathedrale. Auf Parador hat er wieder keine Lust, er möchte etwas Herzhaftes. Ein Glück, dass ich gerade wieder Salami und Baguette dabei habe. Wir frühstücken im Park vor der Herberge, reichlich ungemütlich, denn es ist bewölkt und nieselt. Kein Traumwetter in Anbetracht der Tatsache, dass ich mich bis zum Abend draußen rumtreiben sollte.

Kristian liefert heute nochmal das volle Programm an erheiterndem Wahnsinn. Sein Blick schweift routiniert an den Straßengräben entlang, und ich bemerke sein freudiges Zucken beim Anblick einer denkbar verwitterten, offenen und zugegebenermaßen immerhin mit einer bräunlichen Flüssigkeit halb gefüllten Colaflasche unter einem Mülleimer. Glücklicherweise lacht selbst er, wenn ich ihn davon wegzerre und sage, dass er nicht so fucking eklig sein soll.

An einer Straßenecke gibt es dann kein Halten mehr, er hat mit Kennerblick einen Müllsack als Altkleidersack identifiziert und wühlt begeistert darin. Grässliche abgewetzte, bunt karierte Söckchen bietet er, ganz gentleman, zuerst mir an. Ich gucke ihn wohl etwas entgeistert an, woraufhin er sie schulterzuckend in seiner Tasche verschwinden lässt. Er findet noch einen Strickpullover mit braunen Streifen, den er sich begeistert über den Kopf zerrt. Mit viel Gewalt bringt er ihn fast bis zu seinem Gürtel. Beim Loslassen schnappt er wieder auf kurz unter Brusthöhe zurück. Kristian strahlt unendlich glücklich und stolz – und wird nur durch meinen Blick aus der Bahn geworfen. Er interpretiert ihn dahingehend, dass er den Pulli erst mir hätte anbieten können, dabei bin ich noch total unschlüssig zwischen Schock, Verzweiflung und Staunen. Ich entscheide mich letztlich wie so oft dafür, dass ich meinen kleinen Chaoten einfach über alles liebe und er einfach wunderbar ist.

Wir stehen im Nieselregen, als ihm einfällt, dass er mir seine Lieblingslieder verraten will. Die wären so persönlich, dass er sie erst nach einem halben Jahr überhaupt mal jemandem verraten hätte. Und ich wäre es wert, sie zu erfahren. Sie sind offensichtlich so exotisch, dass er sie mir aufschreiben muss, und zu diesem Zweck verschwindet er kurz in einem Geschäft. Ich suche mir einen trockenen Unterstand und warte und warte. Kristian taucht nicht mehr auf, ich finde ihn auch in keinem Geschäft und nirgends in den Straßen. Zu Bedauern mischt sich allerdings auch eine gewisse Frustration und Genervtheit. Mit Kristian unterwegs sein ist höllisch anstrengend, er geht ständig verloren, sieht irgendeinen Mülleimer, hat irgendeine Eingebung, steht geistesabwesend mit Blick an eine Mauer oder bleibt sehr gerne mitten auf der Straße selig lächelnd stehen, weil er gerade ein Kind sieht und Kinder über alles liebt… ein Sack Flöhe lässt sich definitiv einfacher hüten.

Ich gehe in die Kathedrale, und unglaublich, dort hängt auch bei genauerem Hinschauen noch der mächtige Botafumeiro. Ich kann mein Glück kaum fassen und suche Kristian, den ich auch wirklich in einer Seitenstraße zufällig erwische. Ich trommele ihm vor Begeisterung strahlend den halben Brustkorb ein. Sein erster Tipp ist „Du bist schwanger?“, gefolgt von „Du heiratest?“. An Stelle drei rangiert dann schon der Botafumeiro. Aber statt sich zu freuen, verzieht er das Gesicht, guckt an mir vorbei und meint abwesend, dass er nicht glaubt, dass er da mitgeht. Ich verstehe gar nichts, merke nur, dass mein Enthusiasmus in Sekundenschnelle zusammengebrochen ist. Er hat das Gefühl, dass das eh eher was für mich ist.

Er möchte mir etwas im Internet zeigen, so humpeln wir ewig suchend durch den Nieselregen. Als wir endlich ein Internetcafe gefunden haben, liest er erstmal minutenlang seine Mails. Ich komme mir irgendwie doof vor, ich kann noch nicht mit der Enttäuschung auf seine Reaktion umgehen. Ich verabschiede mich Richtung Kathedrale, er weiß ja, wo er mich findet.

Jelle sitzt schon auf dem gleichen Platz wie letztes Jahr. Damals haben wir uns an den Händen gehalten, während der Botafumeiro rauchend und gewaltig an uns vorbeigeschwungen ist. Es war mit einer der emotionalsten Momente unserer Freundschaft, und ich werde mich dieses Jahr sicher nicht wieder an den gleichen Platz setzen.

Ich setze mich auf die gegenüberliegende Seite in die erste Reihe im Seitenschiff, Gangplatz, absoluter Premiumplatz für den Weihrauchkessel. Ich bin erleichtert, als die beiden Dänen kommen, die Jelle hier zum ersten Mal wiedersehen. Sie setzen sich zu ihm, und ich weiß ihn gut aufgehoben. Ich schaue mich ständig um, wo Kristian denn bleibt. Mit Blick auf den Weihrauchkessel, wie er so in der Höhe hängt, muss ich an Sanne denken, die jetzt sicher schon hoch über Santiago in einem Flieger nach Hause sitzt. Kaum habe ich den Gedanken zu Ende gedacht, kommt sie mir strahlend entgegen. Ich verstehe die Welt nicht mehr. Sie war morgens auf dem Flughafen, aber es hätte keinerlei Flüge mehr gehabt, und da hätte sie eben (mal wieder!) gespürt, dass sie doch noch in Santiago bleiben soll. Und das tut sie jetzt ohne jede Bitterkeit. Sie strahlt, dass wir nun doch noch den Botafumeiro bekommen.

In mir macht sich immer mehr Leere breit; ich halte nach Kristian Ausschau, erst mit der Sorge, wohin er sich setzen soll, nachdem nun Sanne auf seinem Platz sitzt und sich die Kirche massiv füllt. Viele Leute stehen sogar schon. Mit Beginn der Messe überwiegt aber dann das Gefühl, dass er einfach gar nicht kommt. Auf eine gewisse Weise ist es ein Herzenswunsch, in der Kathedrale mit meinen Liebsten den Weihrauchkessel zu erleben. Das weiß er, und er erfüllt ihn mir nicht.

Die Messe ist ein würdiger Abschluss, die Kathedrale ist zum Bersten gefüllt, Sanne neben mir schnieft würdig ergriffen schon bei der Messe, und als dann noch die bekannten 8 Männer zu den schweren Seilen gehen und den Kessel kraftvoll in Schwingungen bringen, bis er in Wahnsinnstempo an uns vorbei bis unter die Decke der Kathedrale saust und raucht, ist die Stimmung perfekt.

Für mich bleibt es vor allem eine Messe ohne Kristian.

Ich möchte allein sein und ziehe mich unter die Torbögen gegenüber der Kathedrale zurück. Warum liegen auf dem Camino Schmerz und Freude immer so nah beieinander.

Wie auf Kommando erscheint Kristian strahlend vor mir. Er war im Parador Mittagessen und ist sehr zufrieden mit sich und der Welt. Als ich ihn frage, ob er nun genügend Rache für gestern Abend genommen hat, zuckt er etwas schuldbewusst die Schultern. Er meint aber lapidar, dass es so für mich besser gewesen wäre. Vermutlich hat er recht.

Direkt auf dem Kathedralenplatz bekomme ich mein versprochenes Lied. Es ist ein norwegisches Lied, ein Lied von Sehnsucht und Sorge, welches Seefahrer wieder zu ihren Liebsten heimführen soll.

Danach will Kristian weg aus dem Zentrum, und so laufen wir im Nieselregen ziellos durch die Gegend. Eigentlich sollten wie beide besser unsere Beine schonen, und ich habe meine einzig trockene Ausrüstung an, die Regenjacke lagert praktisch in der Herberge. Wir frieren in einem Park und unter einer Art Wohnwagen (immerhin trocken), und ich bin irgendwann einfach zu müde. Müde von der eher schlaflosen Nacht, müde von dem schmerzenden Bein, müde von der zu langen Zeit in Santiago, aber auch müde von zu viel Zeit mir Kristian. Langsam sehne ich mich wieder nach einem Stückchen Kontinuität, Verlässlichkeit und Vorhersehbarkeit. Mir brummt der Kopf vor lauter seinen Einbrüchen in Gefängnisse, weil das interessant ist, seinen Freunden, die Polizisten in die Beine beißen, dass er nachts gern Alpträume hat, weil es spannender ist.

Nachdem Kristian ohnehin nochmal ins Internet will, verabschiede ich mich schweren Herzens in die Herberge. Zwar sind es die letzten Stunden mit ihm, aber wir gehen uns nur auf den Geist, und ich bin im Moment auch alles andere als spritzig spannend interessant. Mit schlechtem Gewissen mogele ich mich durch den Eingangsbereich, offiziell bin ich ja kein zahlender Gast mehr. Aber das sieht man mir offensichtlich nicht an.

In der Herberge ist großes Hallo, Jelle hat seine Clique gefunden und sie überzeugen können, kollektiv in dieser Herberge abzusteigen. Sie haben definitiv sehr viel Spaß und sind ordentlich laut.

Ich schlafe ein bisschen. Als ich wieder aufwache, ist auch Kristian aus der Stadt zurück. Er bemerkt, dass er glaubt, dass wir nicht heiraten werden.

Ich mache mich gegen 17.00 nochmal auf den Weg zur Kathedrale. Ich möchte noch ein letztes Mal von dem Platz davor Abschied nehmen, ein letztes Mal im Parador essen, und dann zu meinem Bus gehen, der um 21.00 startet. Außerdem suche ich Jelle, um mich von ihm zu verabschieden. Kristian will wieder alles 5 Minuten anders, sodass ich einfach alleine losgehe. Ich habe tierisch Santiago-Koller, bin genervt, gereizt und mürbe. Es tut mir leid, dass er das nun abkriegt.

Gegen 6 sitze ich wieder am Garagentor vor dem Parador, ich bin die erste. Allerdings kommt ein paar Minuten später eine Gruppe von recht lauten und größtenteils recht deutschen Männern. Sie sind zu neunt, das heißt, wir sind komplett. Irgendwas an ihrer Art passt mir nicht, und ohne irgendein bekanntes Gesicht will ich eh nicht Abendessen. Sanne kommt kurz darauf, sie ist auch ziemlich enttäuscht, dass es nun nicht mehr wird mit unserem Abendessen. Selbst Kristian kommt zu einer an sich ausreichenden Zeit. Ich biete ihm kurzentschlossen meinen Platz an, aber er hat heute wieder seinen Weltverbesserertag und möchte jemanden essen lassen, der es nötiger hat. Er humpelt schon wieder ohne weiteres Kommentar davon, ich kriege hier noch die Krise. Mein Bein möchte endlich seine Ruhe und hochgelegt werden, und statt dessen muss ich jetzt halb Santiago abrennen, um meine Leute zu finden und zumindest „tschüss“ zu sagen.

Kurzerhand buche ich Sanne zum Abendessen ein, es scheint ihr nichts auszumachen, mit dieser komischen Truppe zu essen. Ich sage ihr, dass ich an der Kathedrale auf sie warten werde, bevor ich auf den Bus gehe. Kaum habe ich Kristian fast wieder eingeholt, erspähe ich Jelle mit seinem Harem.

Zum Abschied setzen wir uns nochmal auf meinen Lieblingsplatz, mitten auf dem Platz, zu der Steinmuschel im Boden. Jelle strahlt einfach überglücklich, er hat seine Freunde wieder, er hatte einen wunderschönen Camino, er hat mich wieder. Und wie immer hat er eine entwaffnende Art, er ist der geborene aufmerksame Zuhörer. So breche ich nach ein paar Sätzen in Tränen aus und schütte ihm mein ganzes Herz aus, meine ungelösten und ungeklärten zwischenzeitlichen Eingebungen, meinen Santiagokoller, dass ich einfach endlich heimwill, wieder Normalität, dass Kristian mich überfordert und mir grade insgesamt alles zu viel ist. Und ebenfalls wie so oft darf ich ihm die Schulter vollheulen, er hält mich im Arm und sagt mit der schönsten Überzeugung, dass er an mich glaubt. Mein Fels in der Brandung.

Ich entscheide mich spontan, schon jetzt zum Busbahnhof zu gehen. Ich erwische Sanne noch kurz vor dem Essen. Sie versteht mich absolut ohne Worte.

Fehlt nur noch Kristian zum Verabschieden, aber er ist mal wieder weg, und ich habe überhaupt keinen Nerv mehr, jetzt noch die Stadt und die Herberge nach ihm abzusuchen. Ganz ohne Abschied geht aber definitiv auch nicht. Während ich noch Gewitterwölkchen produziere, warum man mit ihm nie mal was absprechen oder koordinieren kann, entdecke ich ihn friedlich an der Kathedrale sitzend. Er ist mal wieder in Gesellschaft von zwei anderen sehr relaxten Pilgern und sehr cool, sodass ich mich eher kurz und bündig verabschiede.

Zu meiner Überraschung steht er auf und begleitet mich noch ein Stück in die Richtung zu meinem Bus. Er versteht nicht, warum ich hier gerade eine Krise schiebe, er war doch die ganze Zeit da und hat mich unter Beobachtung gehabt. Und ich hätte ja offensichtlich „eine sehr gute Konversation“ gehabt, bei der er mich nicht hätte stören wollen.

Ich entschuldige mich für meine Launen in den letzten Tagen; er nimmt es nicht persönlich, sondern versteht, dass mir hier gerade einfach zu viel auf einmal zusammenkommt.

Ich bin recht überrascht, als Kristian mir auf die letzten Meter direkt noch den Arm um die Schultern legt. Er meint lapidar, dass er keine Abschiede mag und dann jetzt umdreht. Er denkt, er wird mir schreiben, sehr sicher sogar. Die wenigen Worte und die kurze Umarmung zum Abschied sind ein anderes Kaliber als mit Jelle, aber sie fühlen sich unendlich reich und intensiv an. Und es tut ordentlich weh, ihn zum letzten Mal davonhumpeln zu sehen.

Ich bin aber wieder erstaunlich sortiert und in Gedanken einfach nur noch auf dem Heimweg. Im Busbahnhof zeige ich auf gut Glück den Zettel von dem Notaufnahmearzt, dass ich mein Bein hochlegen sollte, aber die Dame hinter Glas meint nur ohne Gesichtsregung, der Bus wäre ausgebucht. Macht mir gar nichts, ich bin höchstens sehr froh, dass ich meiner Intuition gefolgt bin und mein Ticket bereits vor dem Camino reserviert habe. Die Zeit mit Kristian hat Spuren hinterlassen, ich packe ungerührt mitten in der Wartehalle meinen Schlafsack aus und verschwinde ausgiebig in den Waschräumen zum Zähneputzen, Frisieren und Kontaktlinsen Reinigen. Immerhin bin ich die nächsten 27 Stunden auf Heimreise.

Ich treffe noch einen Tschechen aus Fonfría wieder, der auch meinen Bus nimmt. Ich habe 10 Stunden Aufenthalt am Flughafen in Madrid, er relativiert mir das prächtig mit mehr als einem ganzen Tag. Wir haben nicht viel gemeinsam, aber es ist ein schönes, beruhigendes Gefühl, dass wir wechselweise auf unsere Sachen aufpassen können und uns zu unserem Bus durchschlagen.

Der Nachtbus hält etwa alle halbe Stunde irgendwo an, und das über 9 Stunden. Ich versuche manchmal, mein Bein über den Gang zu strecken, irgendwann lege ich mich kurzerhand mit meinem Schlafsack auf den Gangboden. Alle halbe Stunde tritt mir dann folglich jemand wahlweise auf Fuß oder Kopf, aber ich bin glücklich und ausgeglichen und störe mich an überhaupt nichts mehr.

Unsere Route führt ziemlich genau den Camino entlang. Im Dunkel der Nacht erkenne ich Vega de Valcarce, hier bin ich vor gerade mal einer Woche in Richtung La Faba vorbeigelaufen. Mir kommen plötzlich alle möglichen Momente in den Sinn, ich denke an die vielen Menschen, die ich eigentlich erst vor zwei Wochen getroffen habe, und die mich doch wieder so bereichert und bewegt haben. Alle Erfahrungen, auch die schwereren Momente waren wieder einmal so wertvoll und besonders, sie haben mir das Gefühl gegeben, intensiv zu leben und intensiv zu fühlen.

Die vielen Stunden auf dem Flughafen verbringe ich ungerührt mit meinem Schlafsack auf dem Boden und in der Kapelle, die ich zu meiner Freude auf dem hektischen und lauten Flughafen entdecke. Beim Einchecken frage ich nach einem Gangplatz für mein Bein, und wie ich erst im Flieger bemerke, habe ich sogar den einzig freien Platz in der riesigen Maschine neben meinem bekommen.

Ich habe so viele Engel getroffen, ich fühle mich, als würde ich heimgeleitet.

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Die Nacht ist reichlich skurril, wirklich viel schlafe ich nicht, und die Gedanken um mein Bein sind bei Nacht noch wirrer als vernünftig bei Tag betrachtet. Am Morgen könnte ich mir einbilden, dass die Schmerzen schon besser sind. Noch dicker ist es auch nicht geworden; vermutlich habe ich mich einfach deutlich überanstrengt und werde mich die nächsten Tage komplett schonen.

Der Japaner neben mir liegt noch im Bett, und ich blicke gar nicht mehr durch, was jetzt sein Problem mit dem Messe Verpassen war.

Ich gehe frühstücken, wieder mit Blick auf den Sonnenaufgang. Heute fühle ich mich nun endlich nach meinem ersten Kaffee. Wenn nicht hier und jetzt mit Blick auf die Kathedrale, wann dann. Es ist zwar nur ein Automatenkaffee und absolut nicht lecker, zumal ich das Umrühren vergessen habe, aber nach riesengroßen Gefühlen und Melodram ist mir momentan eh nicht mehr.

Dafür spicke ich auf Kristians Bett im anderen Schlafsaal, welches komischerweise leer ist. Ich mache mich abmarschbereit, als ich in meinem eigenen Schlafsaal plötzlich fast in Kristian reinlaufe, der dort seinen Schlafsack zusammenrollt. Ich bin schon nah dran, mich zu freuen, als ich in der gleichen Sekunde strahlend neben ihm ebenfalls schlafsackzusammenrollend Nadine sehe. Mich haut es ein paar Schritte rückwärts, das Teufelchen lacht, kichert, stichelt und tanzt Polka zugleich.

Ich mache auf dem Absatz kehrt und will mit meinem Tagesgepäck gerade Richtung Kathedrale flüchten, als Kristian mich leider erspäht und ruft. Ich soll mich mal zu ihm setzen. Von seinem Bett aus habe ich weiter Blick auf Nadine, allerdings hat sie ihren Rucksack auf der anderen Seite und drei Betten weiter. Und sie packt für Finisterre, während Kristian mich fragt, ob ich noch eine Nacht hierbleibe, um sich dann auch noch weiter einzubuchen. Was wir heute machen wollen. Ich bin immer noch etwas vorsichtig, aber eigentlich schon wieder halb versöhnt. Ich sage, dass ich zur Kathedrale will, einfach die Atmosphäre genießen und auf Leute warten. Und vorher noch um 9 zum Frühstücken in den Parador. Er moniert, dass das eh doof ist und zeitlich zu knapp bei seinem lahmen Fuß. Das ist mir jetzt egal, ich gehe und er kann ja schauen, ob er mitwill oder nicht.

Nadine läuft los Richtung Finisterre, ich humpele hinterher, so schnell es mir möglich ist. Ich frage sie, ob sie noch kurz mit Frühstücken kommt, und sie lässt sich schnell von der Idee überzeugen. Wir laufen die Viertelstunde zum Parador einträchtig, und ich kann endlich ihre nette Art einfach so genießen und eine ähnliche Wellenlänge zulassen.

Zehn Minuten vor 9 wartet sonst noch niemand am Garagentor, fünf vor kommen noch zwei Deutsche zum Gratisessen. Und Punkt 9 kommt charakteristisch humpelnd auch Kristian doch noch angetrottet.

Nadine und ich schwelgen in verrücktem Optimismus, was wir wohl für ein tolles Frühstück bekommen könnten; wir hypnotisieren die Teller mit Spiegeleiern und Toast, werden aber recht unsanft in die Realität zurückgeholt, als ein Koch „no no“ sagt und uns einen anderen Teller in die Hand drückt. Aber auch mit dem kann ich mich prima anfreunden. Ofenwarme Croissants, Hefegepäck und Fettausgebackenes, mit Puderzucker überstreut. Unsere kleine Runde ist nett und gemütlich, ich könnte Nadine umarmen, und Kristian natürlich gleich mit. Er wirkt ein bisschen verloren, weil wir nur deutsch sprechen und er wahrscheinlich meine diversen Sinneswandel nicht so recht versteht.

Nadine und die beiden Deutschen verabschieden sich nach Finisterre, und ich bin am Ziel meiner diesjährigen Caminoträume. In Santiago mit meinem Soulmate, der solange bei mir bleibt, bis ich heimfliege.

Wir sitzen vor der Kathedrale in der Sonne, und er erzählt von seinem Camino so weit. Bereits am ersten Tag nach unserer Trennung konnte er wider Erwarten gut laufen. Während ich den Camino duro gemacht habe und ab da bummelnd auf ihn gewartet habe, ist er bereits an dem Tag weiter nach O Cebreiro und war die ganze Zeit vor mir. Sein Fuß ist immer noch oder wieder ein Klumpen, mittlerweile mit einem schicken, professionellen Verband um den Knöchel. Ich bin erleichtert, dass er es demnach wohl mal einem Arzt gezeigt hat. Er wird verlegen und eher rot. Ein Pilger hat ihm den Verband gemacht, und weniger wegen dem Fuß, sondern weil er in Arca im Vollrausch aus dem Stockbett gefallen ist und nun auch noch einen kaputten Knöchel hat. Immerhin kennt er auf Nachfrage meine beiden Dänen, die anscheinend nicht weniger besoffen waren, allerdings schlau genug, sich nicht zu lädieren.

Wie auf Kommando erspähe ich sie gerade, wie sie den Kathedralenplatz langgehen. Ich habe sie letztes Jahr drei Tage lang gesehen, und doch verbindet mich sehr viel mit ihnen, oder zumindest mit einem von ihnen, Per. Ich fliege ihnen humpelnd in die Arme, und auch Kristian kommt kurz zum Hallosagen. Sie haben auf dem Monte de Gozo übernachtet und sind erst heute nach Santiago reingelaufen. Sie schlagen vor, zusammen einen Kaffee trinken zu gehen, aber Kristian ist schon wieder weg, schlendert ziellos und abwesend in eine andere Richtung, und ich bin hin- und hergerissen. Ich vertröste meine Dänen mit einem etwas schlechten Gewissen auf später und erwische Kristian gerade noch. Er lehnt auf einer Mauer und guckt regungslos ins Nichts. Ich weiß nicht, was in ihm vorgeht, aber praktischerweise spüren wir ja immer, wenn der andere traurig ist. Ich überrede ihn, irgendwo anders hinzugehen, bevor die Dänen vom Pilgerbüro zurückkommen. Mit mir allein kommt er wieder gut zurecht, wir humpeln sehr einträchtig möglichst nicht zu weit zu einer Treppe, auf die wir uns in die Sonne setzen.

Wir reden über alles mögliche, und es ist einfach wunderschön. Kristian ist so verrückt, kindlich begeistert, gegen jede Konvention, dass es einfach befreiend ist. Seine Augen leuchten vor Schalk, wenn auch im Moment unter abgesengten Wimpern, weil er sich besoffen eine Zigarette angezündet hat. Einerseits hängt er gerne mal den großen Frauenheld und Coolen raus, andererseits ist alles an ihm so liebenswert, schüchtern und empfindsam. Rechtzeitig durchbrochen von seinem typischen Gerotze und Gefluche.

Er fragt, ob er aus meiner Wasserflasche trinken darf oder ob ich das eklig finde. Letzteres. Er geht ungerührt zu einem Getränkeautomaten, wühlt dort im Müll, findet eine leere Coladose und befüllt sich diese an einem Brunnen. Lecker.

Gegen 11 gehen wir auf den Kathedralenplatz zurück, wo Sanne und die Dänen warten. Von weitem sehe ich Marco. Er deutet Richtung Camino und winkt mir einen stillen Abschied. Er geht bereits heute Richtung Finisterre, sein Herz hat wohl mal wieder gesprochen.

Ich bin fast am Ausflippen, als ich in der Kathedrale den Weihrauchkessel hängen sehe – und auch Sanne ist aus dem Häuschen über meine Entdeckung. Ich habe ihr davon erzählt, dass das für mich so etwa die Krönung überhaupt ist. Leider stellt sich bei näherem Hinsehen heraus, dass es doch nicht der Botafumeiro ist. Ich bin bodenlos enttäuscht, habe ich doch immer an die Caminoweisheit geglaubt „jeder bekommt den Empfang, den er verdient“.

Die Messe ist eh eine einzige Enttäuschung. Nicht meine Lieblingsnonne singt, vorher wird überhaupt nicht geübt wie sonst, beim Verlesen der Pilger werden Kristian und ich nicht erwähnt, die Bänke sind nur spärlich besetzt, es hat nur einen einzigen Priester, und der stört sich derart an den Touristen in seiner Messe, dass er zwischendurch mehrmals ein Donnerwetter loslässt, dass sie bitte verschwinden sollen. Leider macht das nur die Pilger betroffen, und die Herrschaften mit den dicken Kameras promenieren noch immer interessiert vor seiner Nase herum.

Ich sitze umrahmt von Sanne, Kristian und Per. Eigentlich wieder eine Traumkonstellation. Sanne ist wie üblich emotional ergriffen, Kristian wie üblich unruhig. Zudem riechen seine Füße so außerirdisch, dass ich mich schwer konzentrieren kann.

Nach der Messe treffen Sanne und ich zu unserer großen Freude Amber wieder; sie ist wie vermutet bereits einen Tag hier und geht heute nach Finisterre weiter. Wie üblich kommt die Idee auf, einen Kaffee trinken zu gehen. Ich schaue in erwartungsvolle Gesichter von Sanne, Amber und Per, und gleichzeitig schaue ich suchend über den Kathedralenplatz, auf dem Kristian schon wieder wegwandelt. Wieder stoße ich alle vor den Kopf und renne Kristian hinterher.

Wir treffen die zwei Kanadier, die ihm den Knöchel verbunden haben. Nachdem mein Bein wirklich nicht so der Knüller ist, fasse ich mir ein Herz und frage den medizinisch Erfahrenen, was er dazu meint. Zum dicken Bein meint er erst etwas in Richtung typischer Pilgerverschleiß, aber als ich ihm die roten Flecke in der Kniebeuge zeige, die sich seit ein paar Stunden ausbreiten, meint er recht resolut, dass das ein Fall für den Arzt wäre. Es könnte eine Phlebitis sein, und damit wäre nicht zu spaßen. Es hätte hier tolle Ärzte, ich könnte grad einfach in der Touristeninformation fragen.

Ich bin überaus einverstanden, habe ich diese Sorge doch auch seit gestern. Ich hole Kristian ein und informiere ihn über mein Vorhaben. Er lacht sich ungläubig kaputt, dass ich zum Arzt will, und dann auch gleich jetzt sofort, schließlich läuft er seit 2 Wochen mit dickem Fuß.

Ich gehe frohgemut in die Touristeninformation und frage freundlich motiviert nach einem Arzt. Die Dame am Tresen guckt mich an wie vom Mond und muss erst zwei Kollegen dazubeordern. Sie beratschlagen wild hin und her und stellen lustige Fragen nach meiner Art der Versicherung und ob ich ein Notfall wäre oder nicht. Weiß ich alles nicht so recht und habe ein ungutes Gefühl, als sie sich dann wie ausgewürfelt unentschlossen für eine Ärzteambulanz und gegen die Klinik entscheiden. Die läge nur eine Viertelstunde zu Fuß weg, und ich solle mich beeilen, damit ich vor 14.00 dort bin.

Ich düse fröhlich los, in freudiger Erwartung eines netten Pilgerarztes, der nur auf mich und mein dickes Bein wartet. Die Ambulanz ist ein Riesenkomplex, und ich steuere etwas unschlüssig ein paar Damen hinter dicken Glasscheiben an. Die ersten beiden schütteln nur stumm den Kopf und deuten auf eine Dritte, die dann reichlich genervt fragt, was ich will. Ich kiekse mein Sprüchlein gegen die dicke Glasscheibe, während die Dame sich in ihrem Drehstuhl zurücklehnt, die Arme verschränkt und ohne eine Miene zu verziehen meint, sie verstünde mich nicht. Regungslos will sie meine Versicherungskarte und beginnt 5 Minuten ohne Kommentar auf ihren Computer einzuhacken. Dann möchte sie meinen Pass, der sinnvollerweise in der Herberge sehr gut liegt. Sie guckt nicht mehr regungslos, sondern als wäre ich sehr suspekt. Ob ich ein Notfall wäre. Ja, herrje, für mich ist ein Notfall, wenn mir akut der Hals zuschwillt oder mein Herz stehenbleibt und ich Verlangen nach Blaulicht und rennenden Weißkitteln habe. Also bin ich kein Notfall. Wer denn hier mein Hausarzt wäre. Ach, ich bin gar nicht von Santiago (Überraschung). Wie lange ich denn hier wäre. Was, heute noch einen Termin?! Nein, keine Chance. Nur Notfälle. Dabei guckt sie mich die ganze Zeit völlig unbeteiligt und kalt an und tippt stundenlang in ihrem Rechner herum. Ich sage, dass ich ja extra hier bin, weil ich wissen will, ob ich ein Notfall bin. Offensichtlich wird ihr bewusst, dass ich sie gleich verklagen werde, wenn ich hier wegen einer nicht erkannten Thrombose Schaden nehme, und sie lässt sich zu einem kommentarlosen Zettel herab, den sie unter der Glasscheibe hindurch schiebt. Ich muss mehrmals nachfragen, was ich damit jetzt machen soll, bevor sie mich endlich in den vierten Stock schickt.

Dort tappe ich vergleichsweise vollmotiviert an einen weiteren Tresen, diesmal ohne Glasplatte. Ich zeige dem Herrn dort mein Zettelchen, und er bedeutet mir, Platz zu nehmen. Außer mir sitzen nur zwei andere, ich werde also bald dran kommen. Über mir ist eine Anzeigetafel, auf der Räume und Nummern aufgerufen werden, und die Patienten neben mir springen eifrig auf. Auf meinem Zettel ist leider keine Nummer, sodass ich nochmal beim Empfang frage. Der Herr ist schon reichlich gereizt und wedelt mich zu „warten!“. Es kommen immer neue Patienten, alle bekommen freudestrahlend einen Ausdruck mit einer großen Nummer drauf und wandern Minuten später in die aufgerufenen Räume. Ich warte gut eine Stunde immer verzweifelter, denn wie soll ich aufgerufen werden, wenn ich nicht mal eine Nummer habe. Ein Schichtwechsel findet statt, und ich kralle mir eine Dame in Weiß und frage, was ich mit meinem Zettel soll. Sie guckt irritiert drauf und meint, der Arzt darauf würde heute doch gar nicht arbeiten. Ich solle mal warten. Mache ich auch ziemlich schicksalsergeben. Die nächste junge Dame, die ich damit nerve, schaut wenigstens schon in den Computer, schüttelt voller Anteilnahme den Kopf und sagt, heute wäre nichts mehr frei. Was ich denn hätte. Ich habe dazugelernt und sage „vielleicht eine Thrombose“, und nachdem ich mittlerweile so gestresst bin von dieser hoffnungslosen Warterei, klinge ich wohl auch wirklich so dramatisch, dass sie nach einer Lösung sucht und mir den langersehnten Nummernzettel rausläßt. Mir klappt der Unterkiefer herunter, als ich als „geschätzer Termin“ 17:30 lese. Aber ich bin eh schon komplett schicksalsergeben. Ich verstehe kein Wort, ich glaube nicht dran, dass ich hier irgendwie mal drankomme, und ich fühle mich definitiv wie der letzte Pilgerabschaum. So werde ich ja auch behandelt. Ich kämpfe bereits mit den Tränen, als die junge Weißkittelin kurz zu mir herüberschwebt, mir meinen Zettel aus der Hand nimmt und mir dafür einen anderen hineindrückt. Ganz leise sagt sie, der wäre besser. Termin 15:15. Ich könnte sie umarmen.

Gegen 16:00, nach 2 1/2 Stunden warten, blinkt meine Nummer. Ich humpele in einen Raum, in dem ein junger Arzt auf seinen Monitor schaut und tippt, ohne mich zu begrüßen. Ich setze mich artig hin und warte. Er grummelt irgendwas, was ich nicht verstehe, also warte ich freundlich weiter. Er grummelt nochmal, reichlich ungehalten, und ich vermute, dass er wissen will, was ich hier will. Ich sage zwei Sätze, woraufhin er aufsteht und mir ein paarmal mit den Fingern resolut ins Bein piekt und fragt, ob ich Probleme mit der circulation hätte. Ich spare mir meine Antwort, dass ich das nicht weiß und deswegen ja hier bin, denn irgendwie kommt das hier nicht so gut an. Er folgert dann selber, dass ich Probleme mit der circulation hätte, setzt sich wieder und beginnt wild, ein Formular auszufüllen. Ich weiß nicht, was er macht, und für eine Verschreibung ist es langsam zu viel Text. Zudem steht noch etwas von Hospital drauf. Mein erster Gedanke ist „wenn der mich jetzt trotzdem noch in die Klinik schickt und ich 3 Stunden umsonst verplempert habe, drehe ich durch“. Genau das macht er aber kommentarlos. Er wedelt mit dem Zettel und bedeutet mir die Tür. Ich will dann doch mal wissen, was jetzt eigentlich los ist. Er lässt sich zu einem „Verdacht auf Phlebitis“ hinreißen. Ich frage, ob ich damit jetzt noch beruhigt in die Klinik laufen kann. Er guckt mich entgeistert an. Ob es denn gefährlich wäre? Er gibt ein bitteres Lachen von sich, na, das könnte man schon sagen. Ich bin irgendwie sowas von geschockt von den letzten paar Stunden, dass ich gar nichts mehr sage und gehe. Mein Terminengel guckt mich besorgt an, ich zeige ihr den Zettel und frage, was ich damit jetzt machen soll. Sie wechselt sogar auf Englisch und erklärt mir die Busverbindungen.

Total neben mir verlasse ich die Klinik und laufe den Weg zu der genannten Bushaltestelle zurück. In meinem Kopf ist nur noch „Phlebitis“, „peligroso“, das harte Lachen von dem Arzt; mein Bein tut unheimlich weh, ich bekomme panische Angst vor der Klinik, dass man mich dabehält, dass ich nicht heimfliegen darf. Auf halbem Weg geht mein rechtes Ohr zu; ich bekomme komplette Panik, fühle den gefährlichen Blutklumpen bereits in meinem Hirn angekommen und mich gleich tot auf der Straße. In einem Stadtteil, wo es keine Pilger gibt und wo die Einheimischen wahrscheinlich noch einen weiten Hygienebogen um meine Leiche machen würden.

Erstaunlicherweise erreiche ich aber lebend die Bushaltestelle, frage mich zu der richtigen Straße durch, sehe auch einen rettenden Bus mit Anzeige „Hospital“. Aber der freundliche Busfahrer meint, falsche Richtung und deutet auf einen Bus gut hundert Meter entfernt auf der anderen Straßenseite. Die mehrspurige Straße überquere ich unbesehen, aber der Bus ist viel zu weit weg und fährt schon an. Wunderbarerweise hält er auf meiner Höhe extra nochmal an. Ich lasse mich auf den Behindertensitzplatz plumpsen und werde etwas ruhiger.

Die Klinik ist Endstation, und ich gelange in eine riesige Halle wie in einem Hotel. Ich steuere einen weiteren Empfangstresen an, und hier ist man erstaunlich freundlich und weist mir den Weg, als ich meinen Zettel fragend entgegenstrecke. Leider wird auf eine Tür gedeutet, die ich beim besten Willen nicht sehe. Die Frau probiert es auf Englisch, und ein anderer Mann kommt hilfsbereit dazu, aber ich sehe immer noch keine Tür, sage aber irgendwann „ah, klar, danke“ und laufe mal auf gut Glück los. Das sieht man mir wohl auch an, denn der Mann kommt mir hinterher, lotst mich bis zu einem Fenster, aus dem er mir ein weiteres Gebäude zeigt, vor dem Krankenwagen parken, und vergewissert sich sogar noch, ob ich auch im Lift den richtigen Knopf gedrückt habe.

Die nächste Eingangshalle wirkt eher chaotisch in unschönem grünlich-kaltem Licht. Überall wuseln Weißkittel und Patienten. Jemand schiebt mich wieder an einen verglasten Empfang. Ein ähnliches Spielchen wie in der Ambulanz beginnt, glücklicherweise ist mein fehlender Pass hier kein Problem. Ich soll „dort“ warten. Wieder habe ich überhaupt keine Peilung und bin nicht so recht da; irgendjemand nimmt mich am Arm und führt mich zu einem Stuhl in einem Raum, in dem gefühlte 50 verzweifelte Patienten sitzen. Über mir ist ein Lautsprecher, und ich soll aufpassen, wann ich aufgerufen werde. Ich bin total hinüber, schon jenseits von Verzweiflung. Wieder stundenlang warten, und ich denke nicht, dass ich meinen Namen verstehen werde, nachdem ich ja seit einer Weile überhaupt schon nichts mehr so richtig auf die Reihe kriege.

Sekunden später klingt glockenklar mein Name in perfektem Deutsch aus dem Lautsprecher. Ich schaffe es, aufzustehen, bin dann aber schon wieder mit meinem Latein am Ende. Irgendwann zeigt die ganze wartende Patientenschar freundlich lächelnd und ermutigend auf eine Tür. Drinnen sitzt ein nonstop quasselnder Arzt, aber er wirkt freundlich, er quasselt für mich, und vor allem quasselt er Deutsch. Ich plumpse auf meinen Stuhl und bin wie am Ende eines Marathons. Ich habe es geschafft. Ich bin in einer Klinik, ich habe einen Arzt, und ich kann mich verständlich machen. Jetzt wird alles gut. Ich bin so erleichtert, dass ich noch kein Wort bewusst verstanden habe.

Irgendwann will er wissen, was los ist, soweit bin ich wieder da. Er findet mein Beinchen wohl auch etwas dick; mittlerweile färbt es sich auch zunehmend blutunterlaufen. Er interviewt mich, als wäre ich geistig zurückgeblieben, ob ich Pilgerin wäre, ob ich also den Camino gemacht hätte, ob ich also gelaufen wäre, ob ich also viel gelaufen wäre. Ich bin froh, den „Ja“s gewachsen zu sein, und sehr schnell darf ich mich wieder hinsetzen, und er erklärt kurz und bündig, dass man dann keine Thrombose hat, sondern einen Muskelfaserriss. Was?! Ich erinnere ihn an den Wisch von dem anderen Arzt, den er stirnrunzelnd mit einem „ach, ja, da haben wir ja auch noch etwas“ kommentiert. Aber es wäre sicher nichts mit den Venen. So langsam verschwindet folglich auch der imaginäre Blutklumpen in meinem Kopf, und ich kann mein Glück kaum fassen. Ich frage ihn wahrscheinlich hundert Mal, ob ich jetzt dann gar nicht sterbe, ob da auch im Flieger nichts passieren kann, ob er sich wirklich sicher ist… er bewahrt bemerkenswerte Contenance.

Ich bin schon fast an der Tür; nachdem ich ja nun wundersamerweise kein Notfall mehr bin, muss ich ja auch nicht die Notaufnahme blockieren. Der Doc ist aber noch nicht fertig und will mein Bein erst noch verbinden. Finde ich zwar moderat wichtig, hauptsache, ich sterbe nicht, aber von mir aus. Ich werde durch die Katakomben geleitet an lauter Leuten mit Infusionen im Arm oder in geschobenen Betten vorbei, und bekomme von drei lustigen Ladies etwas unkoordiniert mein Bein eingewickelt. Dann soll ich nochmal zum Doc zurück, der zufrieden mit dem Werk ist und meint, ich könne das Hosenbein dann wieder runterkrempeln. Können vor Lachen, mein dickes Bein samt noch dickerem Wattebindenverband ist komplett dagegen. Da müssten wir dann was anderes machen, meint der Doc stirnrunzelnd. Müssen wir jetzt nicht, bin ich sehr entschieden. Man kann es auch übertreiben.

Ich bekomme ein Schmerzmittel verordnet, obwohl ich eigentlich irgendwelchen Kram schon noch in meiner Reiseapotheke habe. Nein, so ganz ganz optimal ist das ja nicht. Na gut. Meine morgige neunstündige Busreise nach Madrid wird abgesegnet, allerdings mit dem Hinweis, das mein Bein dann doppelt so dick wird. Schwer vorstellbar. Aber nachdem auch das definitiv unbedenklich sein soll, grinse und strahle ich nur über beide Ohren in Anbetracht dieser Prognose. Der Doc schreibt mir stirnrunzelnd noch einen Zettel auf Spanisch, den ich dem Busfahrer zeigen soll, damit ich drei Plätze bekomme und mein Bein hochlegen kann. Er feilt an der optimalen Formulierung auf Deutsch, was die Diagnose angeht. Anscheinend hat er als Kind 10 Jahre in Deutschland verbracht, ist ansonsten aber Spanier. Ich schwanke nur zwischen „Mann, hast Du sonst nichts zu tun?!“ und endlosem Strahlen und Glücksgefühl. Der Gute hat ziemlich Glück, dass ich ihn zum Abschied nicht vor Freude und Dankbarkeit abküsse.

Als komplett neuer Mensch und mit komplett anderen Augen verlasse ich die Klinik. Draußen scheint die Sonne, jeder scheint mich anzustrahlen, der Bus kommt genau im richtigen Moment, der Busfahrer strahlt mich an. Ich bin mindestens ebenso wiedergeboren wie letztes Jahr nach meinem Schneesturm in Manjarín.

Ich schaue auf mein Handy. Eine SMS von Jelle. „Komme heute Abend nach Santiago“. Scheiße. Er macht wegen mir auch die zwei Tage in einem, und er ist nochmal 10 km weiter entfernt gestartet. 55 km. Ich schaue mein Bein an und denke „bitte nicht!“.

Der Busfahrer wirft mich in Kathedralennähe raus. Ich laufe zwar überaus moderat, traue mich mein dickes Bein nicht mehr beugen, sondern schleife es recht plakativ hinter mir her. Aber ich bin so unendlich glücklich, das Strahlen hört gar nicht mehr auf. Ich erlebe wie so oft das für mich typische Caminogefühl, diese Sicherheit, dass man nicht allein ist. Dass man bei Bedarf Gott spürt, direkt oder durch andere Menschen. Wenn ich jetzt dran denke, was die letzten Stunden alles passiert ist, die flüsternde Arzthelferin mit dem neueren Terminzettel, der Busfahrer, der extra wegen mir angehalten hat, der Wegbegleiter zur Notaufnahme, die vielen hilfsbereiten Menschen auf dem Weg dorthin und allen voran der Engel von Arzt.

Ich versuche, mein Medikament in einer Apotheke zu bekommen, aber es ist so exotisch, dass es niemand hat. Ich muss eine Apothekenhelferin schwer bearbeiten, dass sie mir wenigstens etwas anderes gibt. Offensichtlich hat sie Respekt vor der Notaufnahme und denkt, ohne dieses Mittel falle ich tot um und sie ist schuld.

Zur etwa gleichen Zeit wie gestern komme ich ähnlich schwerfällig auf den Kathedralenplatz. Nur ist er heute nicht leer, sondern alle meine Lieben sitzen wie die Hühner auf der Stange auf dem Mäuerchen um den Platz. Sie freuen sich, mich wiederzusehen und sind geschockt von meinem dicken Verband. Ich bin aber einfach nur überglücklich, strahle und freue mich. Sie gucken etwas irritiert.

Mit Sanne wollte ich ja zum Gratisessen in den Parador, mein Ausweichhighlight, nachdem es schon nichts war mit dem Botafumeiro. Per entscheidet sich spontan auch dafür, und auf dem Weg zum Garagentor läuft uns Günther über den Weg, der gerade angekommen ist, und den wir auch schnell noch einpacken. Fünf Minuten vor Beginn laufen zwei junge Tschechen mit Zelt an uns vorbei Richtung Finisterre, und auch sie sind für die Idee zu haben, im 5-Sterne-Hotel Abend zu essen. Wir sind neun Leute, als seelenruhig und üblich leger auch noch Kristian den Weg heruntergehumpelt kommt. Ich zeige ihm mein Bein und sage ihm leise, dass er sich darauf jetzt verdammt nochmal etwas einbilden kann. So einen Scheiß hätte ich noch nie gemacht, nur um einen Mann wiederzusehen. Er lächelt mich liebevoll an, und ich bekomme sein typisches schüchternes Wangenküsschen.

Ich fühle mich grandios. Im Pilgerspeisesaal darf ich schon mal mein Bein hochlegen, während mir ein anderer Pilger mein Tablett bringt. Es gibt den ersten frischen Salat meines Caminos, tolle Bratkartoffeln mit undefinierbarem, aber noch tollerem Fleisch und ein monströses Blätterteigstückchen zum Nachtisch. Neben mir sitzt mir leuchtenden Augen Sanne, und ich habe mal wieder fast alle meine Lieben am letzten Tag vereint. Zum vollkommenen Glück würde ein Wassertag von Kristian noch fehlen, aber den Gefallen tut er mir leider nicht.

Hinterher setzen wir uns nochmal auf den Kathedralenplatz. Ich schaue meine SMS an; Jelle ist vor einer halben Stunde in meiner Herberge angekommen.

Wie üblich stehe ich vor der Wahl, mit meinen erwartungsvollen Freunden den Abend ausklingen zu lassen oder mich für Kristian zu entscheiden. Ich bleibe meinen Gewohnheiten treu.

Er freut sich auf den Abend mit mir, er will mir heute mein versprochenes Lied singen und mit mir in der Stadt irgendwo ins Internet, um mir etwas zu zeigen. Wir beginnen wieder, wegen seines Alkoholkonsums zu streiten. Er findet es komplett fein und lustig, und schaden würde es ihm definitiv nicht. Ich sehe das minimal anders.

Wir passieren einen Platz, auf dem am Rand ein Betrunkener inmitten einer Flaschensammlung sitzt. Kristian steuert begeistert auf ihn zu und unterhält sich mit ihm. Zu allem Überfluss ist der Gute Deutscher und fragt mich mit ekelhaft schleimigen Augen aus. Ich sage Kristian, dass ich glaube ich lieber gehe. Er fragt „wieso?“ und bleibt sitzen. Ich versuche mein Bestes, Kristian zuliebe, aber als mir kichernd Klosterfrau Melissengeist angeboten wird, halte ich es wirklich nicht mehr aus. Kristian fragt nochmal „warum?“ und ist enttäuscht. Und ich erst.

Ich mache mich humpelnd auf den Heimweg. Aus einer weiteren merkwürdigen Gruppe löst sich ein Mann und folgt mir. Bingo, ich bin ja der Hit mit meinem Bein. Ich bin heilfroh, eine belebtere Straße zu finden und im letzten Moment jemand in einer kleinen Kirche vor mir verschwinden zu sehen. Ich hieve mein Bein begeistert auch über die Türschwelle und wohne noch etwas Gottesdienst bei. Genug zu danken habe ich heute wirklich.

In der Herberge suche ich Jelle, aber er ist nicht da. Ich vermute, er sucht mich in der Stadt. Seine Sachen liegen in dem Bett neben meinem, auf der anderen Seite hat sich Sanne niedergelassen. Ich schaue den Sonnenuntergang mit ihr an. Sie bemerkt mal wieder meine Enttäuschung über Kristian. Sie fragt mich, ob ich ihn wiedersehen werde und ob ich ihn liebe. Dass man auf dem Camino starke Gefühle haben kann, ohne dass es mit Liebe im herkömmlichen Sinn zusammenhängt, versteht sie ohne Erklärung. Auch sie glaubt, dass hier hinter allem die ultimative Liebe von Gott steckt. Ebenso versteht sie, dass ich mit seinem Lebensstil zu große Probleme habe, um lange mit ihm Zeit verbringen zu können. Er ist ein wunderbarer Mensch, ganz genauso, wie er ist. Aber ich könnte sein Trinken trotzdem nie akzeptieren, wir streiten ja jetzt schon jeden Abend.

Sanne geht ins Bett, als ich von Weitem Jelle erspähe. Wir freuen uns tierisch, und vor lauter Aufregung und Freude reden wir ungefähr drei Stunden gleichzeitig und durcheinander. Es ist ganz schön konfus und anstrengend. Jeder hat so viel spezielle Erfahrungen gemacht und ist so voller Eindrücke. Und wir stehen uns sehr nah, sodass wir es unbedingt teilen wollen.

Um Mitternacht scheuche ich ihn ins Bett. Ich bin etwas beunruhigt, wo Kristian ist. Als ich durch das Stockdunkel des ersten Schlafsaals meinen Weg suche, muss ich beruhigt lächeln. Auf Höhe seines Bettes riecht es astronomisch nach stinkenden Füßen.

Ich mache mich möglichst schnell und leise bettfertig, alles schläft ja schon. Groß umziehen ist eh nicht, ich kriege meine Trekkinghose ja nicht über das Bein.

„Ein schöner Tag, die Welt steht still, ein schöner Tag,

komm Welt lass Dich umarmen, welch ein Tag!“

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Die Nacht ist erstaunlich warm. Eigentlich habe ich gestern in weiser Voraussicht nach einer Decke gefragt, aber die Hospitalera (oder der fehlenden Pilgerseele nach nenne ich sie mal Herbergsverwalterin) meinte nur, es gäbe nicht genug für alle. Okay, ob ich trotzdem eine haben könnte. Das müsse man um 21.30 dann mal sehen. Die Logik bleibt mir verborgen, und um diese Zeit schlafe ich ja eh schon. Soll sie eben die 20 Decken in ihrem Schrank vergammeln lassen.

Hier ist nicht nur der Schlafraum ordentlich beheizt, auch der Frühstücksraum ist morgens mollig warm. Das ist nun wirklich fast unnötiger Luxus, kommt mir aber entgegen. Die nebligen Morgen sind immer ein etwas schwieriger Start.

Mein Bein ist heute der Horror. Die Druckstellen merke ich kaum mehr, aber das linke Bein fühlt sich vom Knie abwärts an wie ein einziger Krampf. Bei jedem Schritt spüre ich ein Gefühl wie ein Reißen und bin etwas ratlos. Ich habe gelernt, auf den Caminos auf meinen Körper zu hören, ich weiß, dass es sich rächt, wenn man das nicht tut. Aber zwei Tage vor Santiago passt mir das mal rein gar nicht, und das sage ich meinem Bein auch recht deutlich. Ich biete ihm freundliche Kooperation an. 5 Stunden Laufen, und dann pflege und schone ich es klaglos den ganzen Nachmittag. Aber bist Du nicht willig, so brauch ich Gewalt.

Jegliche etwaige Schönheit des Weges bleibt auf der Strecke, ich fühle nur den blöden Schmerz, denke zu viel darüber nach und sehne die Herberge herbei. Wieder gibt es kaum Brunnen, und als ich endlich einen sehe und freudig den letzten Rest aus meiner Flasche trinke, muss ich feststellen, dass er nicht funktioniert.

Ich erreiche die Herberge mit Ach und Krach kurz vor dem Öffnen. Der Supermarkt hat noch offen, und so gehe ich noch schnell einkaufen. Ich kaufe erstmal nur für den Mittag, denn Marco und Sanne haben so grob anklingen lassen, dass sie den letzten Abend mit endlich wieder einer tollen Küche gerne nochmal zelebrieren wollen.

Wieder drängeln sich alle in die fürchterlichen Duschen, während ich heimlich das Luxusbadezimmer, die Tür direkt neben der Treppe, in Beschlag nehme. Frisch geduscht wasche ich noch schnell und setze mich dann für den Rest des Nachmittags zur Erholung bereit vor die Herberge. Ich freue mich auf Sanne und Marco, und irgendwie spüre ich fast, dass heute auch Kristian hier stoppen müsste. Eigentlich müssten hier alle stoppen, die nicht wirklich einen ganzen Tag vor mir liegen. An Arco/Pedrouzo gibt es eigentlich kein Vorbeikommen. 5 Stunden vorher ist die letzte Herberge, und bis Santiago sind es nochmal grob 5 Stunden.

Ich genieße meinen Tintenfisch, fast einen ganzen Laib Brot, Joghurt und meine erste Coladose auf dem ganzen Camino. Mein Bein wird gecremt und hochgelegt. Ich fühle mich gut und entspannt angesichts des kommenden Nachmittags.

Die sieben Spanier von gestern treffen mit großem Hallo ein und posieren für ein Foto. Als ich mit Blick auf ihre Digicam zufrieden meine „sehr schön!“, kommentieren sie es mit „kein Wunder, so schön wie wir sind“. Lustige Gestalten.

Gut gesättigt und sonnengetankt tappe ich dann wieder in die Herberge, wo ich mein Bett überziehe und den Schlafsack ausbreite. Eher zufällig komme ich mit der Hospitalera ins Gespräch und frage noch zufälliger, ob hier nicht zufällig mal ein Norweger war. Sie fragt begeistert nach, ob ich so einen Dunklen meine. Hm, nein, eigentlich nicht, ich lächele freundlich und will schon wieder gehen. Sie springt aber schon zu ihrem Schränkchen und holt einen furchtbar dicken Stapel mit den Namen vom Vortag heraus, die sie alle liebevoll mit mir durchgeht. Alles sind Spanier oder ganz andere Nationalitäten, und ich überlege, wie ich bei Pilger 60 so langsam sagen kann, dass es gut ist. Da stolpere ich plötzlich über die beiden Dänen. Und während es in meinem Kopf langsam zu arbeiten anfängt, fällt mein Blick direkt drunter auf „Norwegen“ und auf „Kristian“. Ich bin wie gelähmt, einerseits muss ich ja damit gerechnet haben, sonst hätte ich nicht gefragt, aber gleichzeitig war ich so sicher, dass er hinter mir wäre. Und nun ist er einen ganzen Tag vor mir… die Hospitalera guckt mich mit großen Augen an und fragt wohl schon zum wiederholten Male, ob es der wäre, nach dem ich suche. Ich gucke immer noch wie ein hypnotisiertes Kaninchen ganz geschockt auf die Liste und sage irgendwann „ich muss weiter“. Sie schaut mich etwas besorgt an, ich brauche nochmal eine ganze Weile, bevor ich lächeln muss, ihr nochmal gleichzeitig danke und mich entschuldige und nur „continuar“ stammele.

Ich sammle meine Sachen hektisch zusammen und stopfe sie unsortiert in den Rucksack. Ich stelle irritiert fest, dass ich ja meine Nachmittagsgarnitur anhabe, so einen Sonnenbrand kriege und dann nichts Frisches mehr zum Wechseln habe. Ich laufe zur Wäscheleine und ziehe mich direkt dort um, hinein in das patschnasse Trekkinghemd. Meine Bettnachbarinnen schauen auch etwas konsterniert, aber mein Kopf ist nur noch „continuar“.

Ich bin wieder auf der Strecke, als mir einfällt, dass mein Bein ja ziemlich hinüber ist. Aber bevor mein Verstand zum Zug kommt, breitet sich schon wieder „continuar“ aus. Im kleinen Wäldchen kommt mir eine bekannte Silhouette entgegen, es ist Sanne. Sie schaut irritiert, ich radebreche mein „ich muss weiter“ und dass ich jetzt einfach die Leute wiedersehen muss, dass mein Herz das jetzt einfach verlangt, ich kann nichts dafür. Sie fragt, ob Marco bei mir in der Herberge gewesen sei, sie ist sich nicht sicher, wo er ist. Er wäre morgens ganz früh los. Sie hat den Verdacht, dass er auch bis Santiago durch will. Ich habe ihn nicht gesehen und kann ihr nicht weiterhelfen.

Ich laufe gut eine halbe Stunde, als ich mich eher zufällig umdrehe. Ich erschrecke fast. Hinter mir läuft Sanne. Ich bin komplett überrascht, aber sie sagt nur unter Tränen, dass da etwas in meinen Worten gewesen wäre, was ihr Herz berührt hätte, und für sie würde es sich auch richtig anfühlen. Ich bin irgendwie überglücklich, zum ersten Mal laufe ich mit Sanne, wir haben die Endorphine der Verrückten, wir leben nach unseren Gefühle und Intuitionen, und wahrscheinlich wollen wir beide einfach die Männer wiedersehen, mit denen uns entgegen jeglicher Logik etwas ganz Starkes verbindet. Wir verstehen uns ohne Worte. Ein ganz klein wenig reden wir dann doch, und ein Missverständnis lässt sich klären. Statt „Norwegian“ hat Sanne immer „Novizian“ verstanden. Vor ihrem inneren Auge sehne ich mich also nach einem Ordensmann, was mich anlässlich der Realität doch sehr schmunzeln lässt.

Leider läuft Sanne unheimlich schnell. Schneller, als ich sonst laufen würde, und vor allem viel zu schnell für mein Bein, mit dem ich wahrscheinlich besser humpeln sollte. Bzw. eigentlich definitiv gar nicht mehr laufen. Ich blende es komplett aus. So schnell, wie wir laufen und nur Santiago und das Wiedersehen im Kopf haben, spüre ich meinen Körper überhaupt nicht mehr.

Unsere Flaschen sind leer, als wir auf Höhe des Flughafens schnurstracks in einem feinen Hotel auf die Toilette stürmen und Wasser nachtanken. Das wieder Anlaufen nach dem kurzen Stehen ist die Hölle. An einem kleinen Bach möchte Sanne kurz ihre Füße baden. Ich gehe dankbar schon voraus, ganz langsam.

Ich erreiche erleichtert den Monte de Gozo und sehe Santiago; ich werde es schaffen. Aber ich bin zu erschöpft, um auch nur zum Denkmal zu gehen oder stehenzubleiben. Ich steuere die Herberge an. Ich habe mit Sanne überlegt, wo sich unsere Männer aufhalten könnten, und wir mussten lachen, dass sie beide wohl immer die billigste Herberge ansteuern würden.

Vor dem riesigen Herbergskomplex in der Sonne liegt, an einem Grashalm kauend, Marco. Er lächelt mich wenig erstaunt an. Ob er hier bleibt oder nicht, versucht er gerade zu erspüren. Ich spreche kurzerhand eine in der Sonne sitzende Pilgerin an, ungeachtet dessen, dass sie gerade ein halbes Brot im Mund zu haben scheint. Sie kennt Kristian nicht, und auch in der Rezeption bekomme ich ein eindeutiges Kopfschütteln. Als ich mich wieder auf den Weg mache, biegt gerade Sanne um die Ecke, und ich bekomme gerade noch mit, wie da wieder Energien synergistisch aufleuchten. Stimmt, es ist ja auch wieder Abendsonne. Sie rufen mir noch viel Glück nach, bevor sie wahrscheinlich gemeinsam in sich hineinspüren und den richtigen Ort für die Nacht erfühlen.

Ich erreiche Santiago und muss am Ortsschild kurz vor Dankbarkeit weinen. Ich habe 46 km geschafft. Mein Bein hat es geschafft. Aber nicht einvernehmlich, sondern ich habe Gewalt gebraucht.

Ich checke die nächste Herberge, die leider unendlich viele Treppenstufen abseits vom Weg liegt. Auch hier kein Norweger, und mir kommen so langsam Zweifel. Meine geplante Herberge, die einzige, die ich sonst noch kenne, kostet 10 Euro, und ich kann mir nicht vorstellen, dass Kristian dort nächtigt. Was, wenn er irgendwo mit seinem Zelt campiert? Da finde ich ihn nie.

Ich erreiche völlig k.o. die Kathedrale, wo ich mich auf den Boden plumpsen lasse. Weit und breit kein bekanntes Gesicht, kein Kristian, keine Dänen, keine Amber oder sonst jemand. Zum ersten Mal seit dem Mittag schaue ich auf die Uhr. Ich habe keine Ahnung, wann ich losgelaufen bin und wie spät es jetzt ist. Ich rechne mit 18, aber es ist schon kurz vor 19 Uhr. Mein letzter Gedanke ist das Pilgeressen im Parador; falls Kristian davon weiß, ist er sicher dort anzutreffen. Ich gehe die paar Meter, bis man Blick auf die wartende Gruppe vor der Garageneinfahrt hat. Und schon von weitem erkenne ich gegen die Sonne Kristian an seiner charakteristischen Frisur.

Ich bin nur noch am Strahlen, seit 5 Stunden habe ich mich auf diesen Moment gefreut. Kristian hängt cool mit drei ebenso coolen Gestalten gegen die Wand gelehnt und lässt sich im letzten Moment herab, zwei Schritte auf mich zuzugehen, mich kurz zu umarmen und nach einem „nice to see you“ wieder an der Wand abzuhängen. Dafür attackieren mich bestimmt vier kleinwüchsige, hysterische Hühner, dass ich hier nicht essen könnte, es wären schon 10 und bok- book- boooook. Will ich doch auch gar nicht. Ich habe Schwierigkeiten, mich zu konzentrieren und die Situation zu bewerten, als sich vor mir strahlend Nadine umdreht. Soweit arbeitet mein Hirn dann wieder, ich merke mit einem Mal magische Energien, die sich um Nadine und Kristian ranken, und mir leuchtet seine abweisende Art ein. Das Teufelchen in meinem Kopf lacht sich halb tot und rammt mir seinen Dreizack im Sekundentakt in den Kopf. Mir wird schlagartig so einiges klar. Nadine redet freundlich lächelnd wie ein Wasserfall auf mich ein, von der Überwältigung beim Ankommen, dass sie mich da total versteht, dass sie noch schauen muss, wo sie schläft, die Herberge gefällt ihr nicht. Kristian schläft dort, und ich denke nur „scheinheilige Kuh, natürlich wirst Du auch dort landen“.

Ich bin komplett leer. Den Weg zurück zur Kathedrale schaffe ich gerade noch, dann macht mein Bein aber komplett nicht mehr mit. Keine Endorphine mehr, die den Schmerz überdecken und mich zur Höchstleistung anspornen. Nur ein sich kugelnder kleiner Teufel in meinem Kopf, und er hat ja so recht.

Ich setze mich zwei Minuten in die leere Kathedrale, hole meine Compostela und etwas zu essen im Supermarkt. Ich brauche fast eine ganze Stunde zur Herberge. Dort frage ich nach den beiden Dänen. Sie sind nicht da.

Ich pfeife auf meine Vorsätze in Sachen „dem Schicksal überlassen“ und schreibe meinem Belgier eine SMS, dass ich in Santiago bin. Er ist zwei Etappen hinter mir.

Ich sehe Kristians Sachen auf einem Bett. Der Teufel in meinem Kopf lacht nicht mal mehr, überall Leere, und so schreibe ich einen kurzen Zettel, dass seine Email nicht funktioniert hat und schreibe ihm meine auf. Mir war die ganze Zeit über klar, dass ein Wiedersehen ein Risiko darstellt. Aber es hat mich so verzweifelt gemacht, eventuell nie schreiben zu können, selbst falls jemand wollte, und das nicht erklären zu können. Das habe ich hiermit getan. Es fühlt sich jetzt wieder sortierter an, und ich kann das Thema abschließen.

Ich setze mich noch kurz in den Aufenthaltsraum und schaue den Sonnenuntergang an. Meine ewigen Engel kommen in die Herberge. Zum Glück fragt Sanne nichts. Wahrscheinlich spürt sie es. Beide sind glücklich und wollen heute mit mir feiern. Ich würde wirklich gern, die beiden waren mein Camino 2009, mein stiller Halt und meine Kontinuität. Aber mein Bein, das ich mir jetzt zum ersten Mal besehen habe, ist doppelt so dick wie sonst, fühlt sich an wie kurz vor dem Platzen, wie mit Wasser gefüllt und denkbar beunruhigend. Damit laufe ich keinen Schritt mehr. Marco bietet begeistert an, hier zu kochen, aber es gibt nur eine Mikrowelle, und Sanne sieht auch so aus, als ob sie den Abend gerne mit einem Glas Wein feiern würde. Das sehe ich auch so, mir ist wichtig, dass sie einen schönen Abschluss haben. So schicke ich sie gerne ohne mich zurück in die Stadt.

Ein Japaner, den ich in Fonfría gesehen habe, hat das Bett neben mir. Ich will eigentlich schon schlafen, aber er plaudert noch. Er plant einen Abgang um 5 Uhr morgens. Ich frage, ob er nicht zur Messe will, seinen Namen hören. Er kennt weder Messe noch den Brauch, dass die Nationalitäten der Pilger vorgelesen werden. Ich erkläre ihm, dass es das Beste am ganzen Camino ist, das „heute erreichte uns ein Japaner, gestartet in SJPDP“. Ihm dämmert, dass ihm das gefallen könnte und versinkt zu meinem Schrecken in einen Monolog voller Selbstvorwürfe. Fehlt nur noch, dass er anfängt, sich selber zu schlagen. Ich rudere schnell zurück und meine, so wichtig wäre das auch nicht, eigentlich doch nur ein einziger Satz, aber er kann sein Unglück gar nicht fassen.

Mein Kopfwirrwarr ist wieder gut, nur mein Bein ist der Horror. Allein die Berührung mit der Matratze lässt mich schon jubilieren. Ich nehme eine Schmerztablette und male mir schon aus, morgen das Krankenhaus aufzusuchen.

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Obwohl mein Flieger erst am Nachmittag geht, stehe ich früh zusammen mit meinen liebsten Pilgerfreunden Jelle und Angelo auf. Jelle möchte mit dem Bus nach Finisterre, er hat nur noch 2 Tage. Angelo läuft zu Fuß über Finisterre nach Muxia und fühlt sich erst bei der Rückkehr so richtig angekommen. Das erklärt natürlich auch, warum ihm die gestrige Pilgermesse noch nicht wichtig war.

Er startet ganz früh im Morgengrauen. Der Abschied ist komisch und bewegend. Wir umarmen uns lange, und er schaut mich wieder mit diesem speziellen Goldklumpenblick an, eine Mischung aus sehr zufrieden, unheimlichem Strahlen und Stolz. Ich weiß nicht, was er in mir sieht. Zwar kann ich seine Gedankengänge normalerweise problemlos nachvollziehen, aber der Inbegriff geistiger Höhenflüge bin ich nun wirklich nicht. Wann immer er seine philosophischen Gedankengänge mit mir teilt, scheint ihn eine immense innere Zufriedenheit zu erfassen und er scheint Zugang zu Gott zu finden. Meine Eigenbeteiligung daran ist vermutlich gering.

Genauso unerklärlich wie unsere Freundschaft ist, so unerklärlich zerreißt es mir auch fast das Herz, ihn weggehen zu sehen, zum ersten Mal seit ich ihn kenne ohne das Wissen, ihn am gleichen Abend wiederzusehen. Zum letzten Mal seine strahlenden, ruhenden Augen, sein hellblaues Stirnband, sein 2 Meter hoher Pilgerstab, sein meditativ schwebender Gang. Jelle und ich schauen ihm vom Fenster der Herberge nach, wie er ruhig, monoton und sehr allein Richtung Sonnenaufgang und Richtung Kathedrale davongeht, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Wir frühstücken in der Herberge, dann begleite ich Jelle zum Busbahnhof. Am liebsten würde er noch einen Tag mit mir in Santiago bleiben, aber ich überrede ihn resolut zu Finisterre und einer Wanderung nach Muxia. Auch dieser Abschied fällt schwer, ist allerdings weitaus weniger mystisch behaftet. Wir haben sehr viel miteinander geredet, er kommt mir vor wie ein guter Freund, den ich seit vielen Jahren kenne. Insofern fühlt sich auch der Abschied an wie von einem guten Freund – „schade, aber wir werden uns ja schreiben und in Kontakt bleiben und irgendwann schon auch wieder mal sehen“.

Als ich mich durch die dunklen Katakomben des Busbahnhofes wieder nach draußen wurstele, laufe ich direkt in einen grauhaarigen Herrn. Ich brauche einen Moment, bis ich realisiere, dass es Helmut ist. Wie üblich donnert und wettert er vor sich hin, er hätte sich verlaufen, das wäre hier ja fürchterlich ausgeschildert, er wäre jetzt einfach mal den Rucksäcken nachgelaufen, und wo es denn jetzt hier zur Kathedrale geht. Das Ganze ist etwas unwirklich, allein schon, wie man sich in den Busbahnhof verlaufen kann und in dessen Tiefen die Kathedrale suchen. Und überhaupt, wo kommt Helmut so plötzlich her? Ich wähnte ihn mehrere Tage hinter mir. Ach, schnickschnack, er hätte das Trödeln nicht mehr ausgehalten. Ein cooler (und ziemlich zäher) Kerl mit seinen über 70 Jahren. Er ist sichtlich erleichtert, dass ich ihn jetzt zielsicher an der Kathedrale abliefere.

Bis zur Mittagsmesse habe ich noch etwas Zeit. Ich hole meine Sachen aus der Herberge und mache es mir auf meinem Lieblingsplatz bequem, direkt vor der Kathedrale. Immer wieder tauchen bekannte Gesichter auf, so auch der Deutsche ganz vom Anfang, bei dem ich dachte „nur nicht zu erkennen geben, dass ich auch deutsch bin“. Interessanterweise ist er mir noch genauso unsympathisch wie damals. Er fragt nach der Messe, und als ich ein bisschen von gestern ins Schwärmen komme und vom fliegenden Weihrauchkessel erzähle und meiner Freunde über „jeder bekommt den Empfang, den er verdient“, lächelt er mitleidig und weiß, dass der im Sommer jeden Tag geschwenkt wird. Ich bin mir da nicht so sicher, aber der Gute hat ja schließlich schlaue Bücher gelesen, und dann ist das so, wie ja auch sein ganzer Camino. Ich denke mir meinen Teil.

Auch der sportliche, schlanke Bademeister, den ich in Astorga und Villafranca getroffen habe, sitzt auf dem Mäuerchen. Ich frage nach seinem siamesischen Zwilling, den ich nur immer ächzend, keuchend, schwer atmend, feuerrot und schweißüberströmt in Erinnerung habe. Die Frage entlockt ihm nur ein wütendes Schnauben, sie hätten sich getrennt, der wäre ja nicht mehr ganz dicht. In einer Herberge wäre er ausgerastet und mit einem Messer auf jemanden losgegangen. Ihm wäre alles zu viel geworden. Mir tut das ziemlich leid, eigentlich hat seit Beginn jeder den Kopf über die beiden geschüttelt und ein ungutes Gefühl gehabt. Für seinen Kollegen wären sicher kürzere Etappen in eigenem Tempo geeigneter gewesen.

Gegen Mittag sammelt sich der verbliebene Pilgerrest in der Messe; ich sitze mit Aurélie und Mutter und Helmut. Es erfüllt mich fast mit einer gewissen Genugtuung, dass das Seil des Botafumeiros heute leer bleibt. Im Gang taucht plötzlich ein bekanntes Gesicht auf – der Kollege des Bademeisters, der gerade erst Santiago erreicht hat. Ich zeige begeistert auf die Reihe vor mir, wo sein Freund aus Kindheitstagen sitzt. Intuitiv denke ich, dass sie sich freuen, sich wiederzusehen, nachdem sie seit den getrennten Wegen keinen Kontakt mehr hatten. Aber er schaut abschätzig und meint, dann will er heute lieber nicht in dieser Messe sitzen und geht wieder. Ohne sie näher zu kennen, macht mich das doch ziemlich betroffen.

Nach der Messe verabschiede ich mich schnell von allen und lege einen atemlosen Sprint zum Busbahnhof hin. Mit wohlgeplantem Timing erwische ich genau den letzten Bus zu meinem Flug nach Hause.

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Heute steht die Erfüllung eines kleinen Traumes auf dem Programm – ich möchte pilgernd nach Santiago kommen, am besten atemlos rennend noch die Pilgermesse um 12 Uhr erwischen und meine Mitpilger voller Freude auf dem Kathedralenplatz umarmen. Freudentaumel pur. Soweit die Theorie.

Um dem Ganzen ein wenig näher zu kommen, liege ich die halbe Nacht wach, einen Wecker oder Handy habe ich nicht. Um 6 Uhr möchte ich loskommen. Prompt schlafe ich dann doch zu dieser Zeit, aber zum Glück weckt mich Jelle (mit Handy) auf und wir schleichen wirklich ganz geräuschlos aus dem Schlafsaal, um draußen im Flur mit Taschenlampenlicht alles ordentlich zu verpacken.

Die Abkürzung, die ich gestern nochmal überprüfen wollte, aber da auch nicht wirklich gefunden habe, sparen wir uns in aller Frühe sicherheitshalber und laufen die paar Hundert Meter zurück. Am letzten Tag nur keine Experimente mehr.

Zum ersten Mal laufen wir komplett von Anfang bis Ende zusammen. Ich hüpfe wie ein Flummi durch die Gegend, sobald ich die bekannten Anzeichen des Flughafens und der Fernsehstationen sehe und Santiago immer näher rücken weiß. Bei Jelle hält sich die überschäumende Begeisterung in Grenzen, aber er bekommt ja heute auch nicht einen kleinen Traum erfüllt.

Beim Ortsschild von Santiago bin ich schon so weit, dass ich ihm vor Begeisterung den halben Rucksack eintrommele. In der ersten Bäckerei genehmige ich mir ein Schokoladencroissant; wir sind so schnell gelaufen, dass wir gut 2 Stunden zu früh ankommen.

Komischerweise kenne ich die Straßen noch wie im Schlaf, jede Ecke kommt mir bekannt vor, gerade, als hätte ich hier mal ein paar Monate studiert. Die Herberge hat noch geschlossen, aber wir (d.h. ich) wollen ja eh direkt zur Messe. Traumwandlerisch finde ich auf Anhieb das Pilgerbüro, wo wir unsere Compostelas bekommen. Kaum habe ich das gute Stück in der Hand, merke ich, dass mein Name falsch geschrieben ist. Ich bin schon halb draußen, als ich dann doch beschließe, zu reklamieren. So ganz oft bekommt man ja doch keine Compostela. Die Dame ist sehr freundlich, entsorgt das erste Exemplar und reicht mir freundlich lächelt die neue Version. Leider stimmt es immer noch nicht, ich muss nochmal über meinen Schatten springen und reklamieren. Sie verbessert es wenig formschön. Nun denn.

Mit viel zu viel Zeit wird es zwar nun nichts mit hektischem glücklichen in die Messe rennen, aber das tut meiner inneren Glückseligkeit keinen Abbruch. Dafür haben wir alle Zeit der Welt, uns den Premiumplatz in der Kirche zu sichern – im Seitenschiff, zweite Reihe, ganz am Gang, linke Seite, wo wir die singende Nonne erwarten. Jelle kauft sich noch schnell einen Rosenkranz im Souvenirshop.

Wie im Vorjahr betritt die unscheinbare Nonne eine Viertelstunde vor 12 die Kirche. Sie bittet diszipliniert um Ruhe und studiert mit uns die Lieder ein. Ich fühle mich ganz seltsam, wie kurz vor einem lang ersehnten Ziel, in dem Wissen, dass es noch nicht erreicht ist, aber auch nichts mehr dazwischenkommen kann. Alles läuft in Zeitlupe und wie durch eine Nebel ab, aber es fühlt sich wunderbar an.

Die heute angekommenen Pilger werden verlesen, wir spitzen die Ohren. Letztes Jahr waren mit mir etwa 10 andere deutsche Pilger angekommen, die in Leon gestartet waren. Diesmal gibt es nur eine Alemana, die in Burgos gestartet ist, Wahnsinn. Jelle und ich erwachen gerade noch rechtzeitig aus unserem stillen Freudentaumel, um den einzelnen Belgier aus Ponferrada zu hören. Es ist komisch, was ein kurzer Satz in uns auslösen kann.

Nur noch übertroffen vom Anblick der dunkelrot gekleideten Herren, die den Botafumeiro hereintragen. Wahnsinnwahnsinnwahnsinn, wir bekommen den Botafumeiro. Jeder bekommt den Abschluss, den er verdient. Ein albernes Sprüchlein, aber in diesem Moment das Tüpfelchen auf dem i.

Wild rauchend wird er mit Weihrauch befüllt und dann von 6 Männern mit kräftigen, wohlkoordinierten Bewegungen in Schwung gebracht. Der Riesenkessel rauscht wirklich knapp einen Meter an mir vorbei. Als dann auch noch die Nonne wunderschön dazu singt und die Orgel donnert, komme ich aus dem Schluchzen nicht mehr heraus. Jelle nimmt meine Hand und drückt sie ganz fest. So sitzen wir, bis die Messe fertig ist und sich die Reihen leeren. Durch die Fenster oben fällt ein heller Lichtstrahl direkt auf unsere Bank. Wir sitzen still und vergießen Tränen.

Als ich aufschaue, sehe ich einen Pilger mit gesenktem Kopf den Hauptgang entlanglaufen. Er studiert gedankenverloren einen Zettel. Wir winken wie wild, denn es ist Angelo. Er kommt zu uns herübergeschwebt. Dass er in Santiago ist (und gerade die Messe verpasst hat), hat er noch nicht so recht realisiert. Er sucht jetzt erstmal den Platz, an dem er seine sorgsam aufgeschriebenen Wünsche ablegen will.

Anschließend wollen wir zusammen Angelos Empfehlung folgen und in einer Art Kloster übernachten. Dort war er auf seinem letzten Camino, es wäre sehr schlicht, aber eigentlich genau das, wonach es mir jetzt auch stehen würde. Leider hat es geschlossen, sodass wir doch wieder in das umfunktionierte Priesterseminar ziehen.

Für den Abend haben wir uns alle zusammen zum traditionelle Gratisessen im Parador verabredet. Bis dahin genieße ich eine ewig lange, dekadent heiße  Dusche, wir gehen in den Supermarkt, essen dekadent besondere Sachen wie Salätchen und Empanadas und sitzen in der Sonne auf dem Kathedralenplatz. Aurélie und ihre Mutter kommen am späten Nachmittag. Für freudige Umarmungen bleibt wenig Zeit, denn die Mutter ist müde und möchte jetzt schnell in die Herberge – noch bevor sie kurz in die Kathedrale können. Zum Glück ist Aurélie nicht übermäßig religiös, sodass es ihr nichts auszumachen scheint. Ich finde es recht beeindruckend, sie laufen seit 7 Jahren etappenweise am Jakobsweg ab Frankreich, haben nun endlich ihr großes Ziel erreicht – und gehen als allererstes in die Herberge.

Während meiner eher ziellosen Gänge durch die Gässchen Santiagos treffe ich auf Angelo. Er ist in philosophischer Bestform und erzählt mir von toten und lebendigen Wörter, ähnlich eindringlich wie die Geschichte mit dem Kuchen. So wie ich es verstehe, reden manche Menschen seiner Ansicht nach ohne Seele oder ohne wirkliche Überzeugung, nur Phrasen und Dahergesagtes. Und in anderen Worten lebt eben etwas, im Idealfall lebt dort Gott. Zum Abschluss schaut er mich wieder verträumt an, meint, ich würde lebende Worte reden und klopft mir anerkennend lächelnd auf die Schulter.

Am Abend warte ich schon eine Stunde zu früh als erste mit meiner Kopie vor dem Parador-Garageneingang. Auch Jelle und Angelo kommen wie besprochen kurz darauf, ebenfalls mit Kopie. Die beiden Französinnen dagegen lassen sich Zeit, erscheinen zeitgleich 10 Minuten zu früh mit einem Angestellten, der schon mal durchzählt und darauf hinweist, dass die Originalcompostela nicht geht und man eben eine Kopie braucht. Und die haben die beiden unbekümmerten Damen natürlich nicht. Ich renne mit ihren Originalen los, den gleichen Spaß hatten wir ja schon im Vorjahr, nur ist da Andi gerannt. Ich erwische eine Seitenstraße in Universitätsnähe, frage mich hektisch mit den Compostelas wedelnd nach einem Kopierer durch, sprinte mit meinen Flipflops wieder zurück und habe zumindest das theatralisch Dramatische, was heute morgen noch ein bisschen gefehlt hat, en perfection. Punkt 19.00 erscheint der Bedienstete und sammelt die entgegengereckten Kopien ein, wie eine Staffelholzübergabe drücke ich schnell noch die beiden französischen dazwischen und bin überglücklich. So auch der Rest der Gruppe, bis Aurélie bemerkt, dass ich jetzt ja gar nicht mehr drin bin, die 10 sind voll, und ich habe ja nicht angestanden. Das war mir schon auch klar und tut der Freude ja keinerlei Abbruch. Ich freue mich, meinen liebsten Mitpilgern den Abschluss im Parador ermöglicht zu haben und möchte mich gern nochmal ein wenig vor die Kathedrale setzen. Angelo findet das jetzt annähernd ähnlich kompliziert wie Einkaufen, dass ich da jetzt nicht mitkomme. Für mich ist alles fein, aber die Gruppe macht Kindergeburtstag und diskutiert (vor dem sichtlich genervten Angestellten und den restlichen Abendessenpilgern) so lange herum, bis sie beschließen, dann eben gar nicht zu gehen. Ich kann das nicht glauben und rege mich furchtbar auf. Zum einen, warum die da jetzt nicht einfach friedlich zu viert essen gehen können, zum zweiten, warum niemand akzeptieren kann, wenn ich sage, dass etwas gut so ist, und zum dritten, statt dessen gehen wir jetzt in glückseliger Großgruppe alle zusammen irgendwo feiern. Das ist ja so etwa genau das, was ich mir für meinen letzten Abend gewünscht habe. Arg. Ich bin konsequenter Selbstversorger, das ist eine Art persönliche Pilgerregel. Aber was ich will, zählt ja eh nicht, wie schön.

Wir suchen stundenlang nach einer passenden Essgelegenheit, natürlich gibt es bei fünf Leuten fünf Geschmäcker, und wenn einer davon noch Angelo heißt und mal wieder eine Formel aufstellt, wie das perfekte Restaurant sein soll, dann ergibt das genau das, was ich mir unter unkomplizierter Freiheit und Selbstbestimmtheit vorstelle. Ich bin denkbar schlecht gelaunt.

Wir finden eine urige, non-tourist Tapas Bar, nachdem Angelo beschlossen hat, dass es sowas sein soll und man, um diese zu finden, am besten schwangere Mütter mit Kinderwagen fragt. Nach einer repräsentativen Umfrage an ungefähr 10 Testpersonen gibt es zum Glück eine Häufung für eine Bar in der Nähe.

Wir probieren diverse Tapas durch, und ich muss sagen, so richtig viel ist mir Selbstversorger nicht entgangen. Muscheln in diversen Varianten sind sehr lecker, aber ansonsten überwiegt mein Groll, dass ich hier in ein Restaurant geschleppt wurde. Die glückliche Runde plant derweil heiter, dass man sich doch hinterher mal treffen könnte (oh ja, wir wohnen ja auch nur in Belgien, Frankreich, Italien und der Schweiz verstreut. Sehr realistisch). Ich grummele und grolle vor mich hin, wozu soll ich überhaupt noch was sagen.

Anschließend sitzen wir noch in der Herberge an einer Santiago-Torte, Aurélie hat nämlich Geburtstag, wie wir erst jetzt erfahren. Meine Grummelgrollstimmung verschwindet mit einem Schlag und macht einem eher schlechten Gewissen Platz, wie ich zu so einer missgünstigen Stimmung komme. Haben doch die vier auf ihr Parador-Essen verzichtet, weil ihnen unter anderem auch ich wichtig bin.

Passend zum Abschluss sind auch wieder die beiden Ungarn mit von der Partie. Irgendwann fällt mir auf, dass Jelle weg ist. Aurélie weiß, dass er noch ein bisschen spazieren gehen wollte. Um 22.00. Ich gehe ihn suchen und finde ihn wie erwartet nicht weit vom Eingang auf der Treppe sitzen. Der sonst so unerschütterliche Fels in der Brandung wirkt heute Abend etwas emotional verwirrt. Während ich mich ein Stück weit die letzten Tage immer mehr auf zu Hause gefreut habe, macht ihm der Abschied von allem sehr zu schaffen. Das Pilgern, wo er zum ersten Mal entspannen konnte, soll bald vorbei sein, zum ersten Mal hat er Freunde gefunden, das soll bald vorbei sein, hier konnte er zum ersten Mal seit Jahrzehnten weinen, hier kann er über Gefühle und Emotionen reden und hier nimmt ihn mal jemand in den Arm, wenn es ihm schlecht geht. Wie sich nun herausstellt, tut seine Frau das trotz „perfect relationship“ nie, und über Gefühle wird auch nicht geredet. Ich bin geschockt. Zugleich ziehe ich aber auch reflexartig meinen tröstenden Arm um die Schulter weg. Mir hat heute die Hand in der Kirche schon zu denken gegeben, die Moralpredigt bezüglich José und dass Hände nur nur nur was für den Partner sind, ist nicht einmal eine Woche her. Und „perfect relationships“ möchte ich gleich gar nicht relativieren.

So klopfe ich ihm dann lieber mal resolut auf die Schulter und überrede ihn, wieder in die Herberge zu kommen. Die erschöpfte Mutter sowie die Ungarn sind mittlerweile schon im Bett, und von Angelo und Aurélie verabschieden wir uns dann auch schnell ins Bett, nachdem sie wohl auch gerade einen schweren Abschied teilen.

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Aus Angst, am Morgen zu verschlafen und Andis Aufbruch zu verpassen, schlafe ich nur sehr leicht. So bin ich natürlich hellwach, als er sich morgens aus dem Schlafsack schält und packt. Glücklicherweise schläft der Grossteil noch, sodass ich um eine große Abschiedsrede herumkomme. Ich flüstere ihm einen guten Flug und ein paar verbindliche Worte zu. Er gibt mir die Hand und ist weg, bevor ich seinen Abschied verinnerlicht habe.

Ich solle meinem Freund ausrichten, dass er ein Glückspilz ist.

Ich denke, das ist eines der schönsten Komplimente, die ich je bekommen habe.  Andi ist nicht nur nett und gutmütig, sondern besitzt wirklich Größe.

Den ganzen Morgen fühle ich mich ziemlich leer und vor allem richtig schlecht. Nach meinen diversen Zickigkeiten und dem gestrigen Abgang hätte ich alles erwartet von Vorwürfen bis hin zu Ignorieren, und vermutlich hätte ich damit besser umgehen können.

Wie immer leert sich die Herberge vor 8, und ich mache mich auf Richtung Busbahnhof. Es ist ein ausgesprochen seltsames Gefühl, mein geliebtes Santiago als nicht mehr Pilger zu verlassen.

Kaum habe ich mein Ticket gekauft, läuft mir die langsamere Schwester des Dreiergespanns vom ersten Tag über den Weg. Lustig, ich habe sie seit bestimmt 2 Wochen nicht mehr getroffen. Sie erzählt, sich jetzt hier mit ihren Schwestern zu treffen, aber sie weiß gar nichts über sie und ihren Camino. Ich kann immerhin erzählen, dass ich sie in Finisterre getroffen habe, und die Gute ist völlig aus dem Häuschen. Sie bleibt in der Wartehalle, und ich mache mich auf zu den Bussen. An der Rolltreppe laufen mir dann die beiden anderen Schwestern entgegen. Als ich ihnen die frohe Nachricht übermitteln kann, dass oben schon jemand auf sie wartet, rennen auch sie schreiend drauflos. So ist der Abreisetag wenigstens für manch andere Pilger ein kleiner Höhepunkt.

Der Flughafen von Santiago ist klein, und mein Flug geht erst in vielen Stunden. Ich stelle mich schon auf die große Langweile ein, als mir plötzlich jemand ins Gesicht strahlt. Es handelt sich um die  floh- oder bettwanzengeplagte Deutsche vom Anfang, die ich seitdem auch nie wieder gesehen hatte. Es sind doch recht lustige Begegnungen so am Schluss. Wir tauschen uns aus über die verschiedenen Herbergen und Hospitaleros, irgendwie haben wir die gleichen Highlights erlebt. Sie war immer einen Tag vor mir, und wir sind uns nie begegnet.

Als sie auf ihren Flug geht, komme ich noch mit einigen anderen Pilgern ins Gespräch. Irgendwie kommen sie mir aber fremd vor und nicht so sympathisch wie meine Weggefährten. Vielleicht liegt es auch daran, dass wir keine Pilger mehr sind, sondern wieder Normalos. Irgendwie ist schlagartig wieder eine Art Fassade da. Auf dem Camino noch offene Verzweiflung oder Jammern, Herzausschütten an Wildfremde. Hier sitzen wir nun in einem blitzsauberen, hell ausgeleuchteten Wartesaal, und jeder hatte eigentlich nie Probleme, hätte viel weiter laufen können, hat natürlich alles perfekt gepackt und geplant. Jeder hat noch tollere Freunde gefunden, immer die ideale Herberge gewählt, und so bin ich froh, als mein Flug endlich aufgerufen wird und ich mich verabschieden kann.

Kurz vor dem Umsteigen in Barcelona wird mir gnadenlos schlecht, mir wird heiß und kalt im Wechsel, und ich bin froh, dort 2 Stunden Wartezeit zu haben, um mich wieder einigermaßen zu fangen. Nach 2 Wochen in einer anderen Welt fühle ich mich vermutlich einfach komplett entwurzelt und überflutet von Eindrücken, Erinnerungen und den heimischen Tatsachen und Problemen, die ich in dieser Zeit komplett beiseite schieben konnte.

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