Feeds:
Beiträge
Kommentare

Archive for Januar 2010

Ich schlafe beeindruckend erschlagen von 20:30 bis 6:00. Aufgeweckt werde ich von dem Licht der großen Wagenräder. Ordentlich früher Rausschmiss, aber mir soll es recht sein. So brauche ich nicht mit mir zu ringen, ob ich wach liegenbleiben soll, um die anderen nicht zu stören, oder ob ich egoistisch gehe, wann es mir passt – wobei sich selbst bei größter Sorgfalt mindestens ein lautes Klappern selten vermeiden lässt.

So bin ich um 6:45 bereits wieder auf dem Camino. Vor mir laufen schon die blonden Grazien mit einem blauen Stirnlämpchen – und schon wieder munter am Plappern.

Mit zunehmender Helligkeit kann ich den Weg immer mehr genießen. Die wenigen Dörfer sind klein und friedlich, wir passieren viele Weiden, aus denen noch Morgennebel aufsteigt. Zwischendurch begleitet das sanfte Plätschern eines Baches den Weg.

Ich fühle mich erstaunlich leicht und beschwingt. Ob das vielleicht an meinem neuen Wanderstab liegt? Auch hier muss ich wieder an Harry Potter denken – der Stab sucht sich seinen Besitzer aus. Mein knorriger rotbrauner Stab genügt zwar keinen sportlichen Empfehlungen, entlasten tut er wohl auch nicht, aber wir harmonieren zweifellos wunderbar. Er hüpft und springt von Stein zu Stein, und ich mit ihm. Manchmal treffen wir auf andere Pilger, und ich bin überrascht, wie schnell wir an ihnen vorbeikommen.

Nach ein paar Stunden mache ich schon eine kleine operative Pause. Wie üblich hat sich um meine beiden kleinen Zehen eine satte Blase gebildet. Das kenne ich schon. Routiniert mache ich Blasenbehandlung à la Alfredo und klebe noch etwas Compeed hinterher. Ein paar Pilger, die mich überholen, bieten sofort ihre Hilfe an und gucken ganz betroffen. Rührend, aber nun wirklich kein Grund zur Sorge.

Irgendwann treffe ich auf einen kleinen Iren, mit dem ich ins Gespräch komme. Sein Akzent stellt eine gewisse Herausforderung dar, aber seine Geschichte ist spannend. Er hat erst vor einer Woche beschlossen, den Camino zu gehen – und er hat absolut keine Ahnung davon. Er läuft in Turnschuhen und mit einem lustigen Rucksack, überlegt sich jetzt erst, ob er am Tag so 35 km gehen soll, gewandert ist er vorher noch absolut nie, und dass das hier ein Pilgerweg ist, weiß er auch noch nicht. Ich erzähle ihm ein bisschen davon, und er ist sichtlich begeistert beim Gedanken, dass es sowas wie Pilgerwerte gibt und der Camino im ein oder anderen etwas bewirken kann. Er fragt überrascht, ob ich die Leute hier kenne, die ich anlächele und denen ich „einen guten Weg“ wünsche. Er ist ganz bestürzt, dass sich das so gehört und er das gar nicht wusste. Mit kindlicher Wissbegierde will er einen Crashkurs in Spanisch. Couragiert wünscht er sofort auch eifrig gute Wege und guten Appetit, auch wenn es mit seinem Irisch recht herzallerliebst klingt und er so manches durcheinanderbringt.

Schon bald haben wir Zubiri erreicht, wo ich für heute stoppen will. Für meinen Rückflug sollte ich in 2 Wochen in Burgos sein, leider beißt sich das mit meinen Wohlfühletappenlängen von über 30 km. Ich werde kürzere Etappen einlegen müssen, was mich jetzt schon ärgert und wieder in die verhasste Planerei stürzt.

Der Ire will weiter, am liebsten noch bis Pamplona heute. Ich gebe ihm zum Abschied ein Armbändel mit. Die beeindruckende Begegnung mit einem Spanier, der seinen Rucksack voller Armbändel hatte und sich an der Freude der Beschenkten freute, hat mich seither nicht mehr losgelassen. Diesmal habe ich nun einen Haufen Bändelwolle im Rucksack, für den Fall, dass ich wieder Lust zum Knüpfen bekommen sollte. Oder für den Fall, dass ich Leute treffe, denen ich gerne etwas schenken würde.

Ich warte gut eine Stunde, bis die Herberge öffnet. Von Andi habe ich noch lebhaft seine Erzählung von Zubiri in Erinnerung, bei ihm hat es damals geregnet und geschüttet und war matschig – und die Herberge war wohl ebenfalls traumatisierend feucht und schmutzig. Gewissermaßen im Andenken an ihn entscheide ich mich also gegen die Gemeindeherberge und gehe in etwas Privates, was von einer eher ruppigen Spanierin mürrisch aufgeschlossen wird. Ich dusche und wasche schnell, kaufe mir im Supermarkt etwas zu essen, mache eine zweite Blasenbehandlung und setze mich dann mit meinem ersten Satz Wolle draußen in die Sonne an den kleinen Fluss.

Meine Stimmung ist moderat, wie üblich, wenn ich früher stoppe, als ich eigentlich möchte. Alle paar Minuten laufen plaudernd fröhliche Pilger vorbei. Aber eben, ein fröhlicher Pilger definiert sich über seine Wanderschuhe, seinen Wanderstab, seinen schweren Rucksack, seine ehrliche Erschöpfung. Und sitzt nicht frisch geduscht und körperlich frisch in der Sonne.

Gegen Nachmittag füllt sich dann doch die Herberge, unter anderem mit vier jungen Deutschen in meinem Alter. Mein Bett gegenüber bezieht eine kleine ältere Dänin. Sie trägt einen beeindruckenden Rucksack mit sich, er ist winzig klein und wiegt auf Nachfrage weniger als 5 kg. In Plauderlaune ist sie aber nicht, sie wirkt sehr abweisend, sodass ich mich dann doch lieber wieder an den Fluss zurückziehe und weiterknüpfe.

Etwas später setzt sie sich dann doch noch zu mir. Mit sichtlicher Überwindung erzählt sie mir, dass bei ihr im letzten Jahr recht viel passiert wäre, unter anderem ist ihr Sohn gestorben. Sie kämpft versteinert und abweisend mit den Tränen und geht wieder. So traurig das auch ist, für mich ist der bisher sehr leere Tag plötzlich mit einem gewissen Inhalt gefüllt. Zum einen spüre ich eine große Zuversicht, dass der Camino ihr helfen wird. Und nachdem ich ihr die schon nicht in Worte fassen kann, knüpfe ich sie in das Bändel ein.

Einer der Deutschen setzt sich neugierig zu mir. Die vier sind nicht mal enge Freunde, sie kennen sich aus einer gemeinsamen Gemeinde und sind allesamt in irgendeiner Form religiös verwurzelt. Mein rothaariges Exemplar ist Student und das genaue Gegenteil der Dänin. Aus ihm sprudelt treuherzig alles nur so heraus, was ihm wichtig ist, was er hier sucht, wie er zu Gott steht. Seine offene Suche nach Gott und Sinn und Hilfsbereitschaft in seinem Tun sind mir auf Anhieb sympathisch.

Seine Kollegen sind ein wenig verschrobener und weniger direkt. So ganz schlau werde ich nicht aus ihnen und ihrem Humor und bin fast erleichtert, als sie zum Abendessen aufbrechen.

Auch ich widme mich meinem Abendessen, zusammen mit zwei Kanadierinnen, die auch -ähnlich wie der Ire- die spannende, neue Welt des Caminos entdecken. Ein charismatischer Pilger mit wallender grauer Mähne gesellt sich zu uns. Er stellt sich mit mildem, wissenden Lächeln als Pilger vor, und seine Aura umstrahlt den ganzen Tisch. Er kommt von überall und nirgends, offiziell aus Chile und der Schweiz, wobei ich mir letzteres schwer vorstellen kann. Und er weiß alles (und sagt das auch). Die armen Kanadierinnen schauen schon etwas erschlagen. Vor allem weiß er, dass man morgen in Pamplona einfach in die wunderbare Herberge in einem ehemaligen Opernhaus gehen muss, obwohl die Kanadierinnen eigentlich zögerlich ein Örtchen weiter wollen. Mit einem resoluten Haarschwung fegt er das zur Seite, da hätte es ja rein gar nichts, da könne man nicht hin. Ich hülle mich in Schweigen, mir ist diese selbsternannte Reinkarnation etwas suspekt.

Ich gehe früh zurück ins Zimmer, wo die Dänin bereits mit verschränkten Armen im Bett unter ihrem hauchdünnen Laken liegt (bei unter 5 kg ist natürlich kein Schlafsack dabei). Sie strahlt wieder massive Ablehnung aus, sodass ich minutenlang mit mir ringe, ob ich ihr wirklich mein Bändel geben soll. Vermutlich hat sie gerade mal ein spöttisches Lächeln übrig, bevor sie sich wegdreht und wieder gefriert. Ich riskiere es trotzdem.

Wider Erwarten ist sie total gerührt und hat beinahe Tränen in den Augen. Wir unterhalten uns direkt noch ein bisschen. Etwas reserviert, aber ich beginne mich an ihre Art zu gewöhnen. Sie kommentiert einfach alles, von ihrem Nierenversagen vor ein paar Jahren bis hin zu der Tatsache, dass sie zäh ist, mit einem spöttischen und provokanten Lächeln.

Ich schlafe recht schnell und friedlich ein; ich habe zwei Bändel verteilt, und der Spanier hatte recht, es erfüllt das Herz mit einer gewissen Freude.

Read Full Post »

Noch vor dem Handyklingeln wache ich auf und habe erstaunlicherweise so gut geschlafen wie nie zuvor, auch wenn es nicht mehr als 5 Stunden waren. Das 4-Sterne-Bett war schon nicht schlecht.

Ich möchte möglichst früh per Taxi an meinen Ausgangspunkt kommen, damit ich heute gleich noch die erste Etappe in Angriff nehmen kann. Die optimistische Planung hatte Herbergsübernachtung und Fahrgemeinschaft vorgesehen, nun bin ich natürlich allein und es wird schon wieder teuer. Schon wieder bereue ich, absolut nichts geplant zu haben. Ich habe mal lose von verschiedenen Taxi-Unternehmen gelesen, aber wo und welche Telefonnummer, so weit habe ich nicht gedacht.

An der Rezeption sitzt die freundlichere junge Dame von gestern Nacht und bietet mir spontan an, ein Taxi zu rufen. Ich nehme das Angebot erleichtert an und warte schon mal vor der Tür. Sie sucht mich nochmal, der Fahrer wäre gerade unterwegs und käme erst in einer Stunde. Start 7:30, auch gut. Mir ist etwas mulmig, nun nicht selber das Unternehmen ausgewählt zu haben (nun ja, nach welchen Kriterien auch); ich kalkuliere recht beeindruckt, dass ich hier in 2 Tagen meine halbes Budget ausgebe. Bleibt zu hoffen, dass ich nicht den ganzen Camino so weitermache und immer fröhlich beim worst case lande.

Der Taxifahrer ist ein seriöses Kerlchen, als Kosten veranschlagt er 90-100 Euro. Ich tröste mich damit, dass mein Flug ja immerhin sehr billig war und man einfach nicht für den Aufwand eines Billigflugs in einem Tag nach SJPdP kommt.

Zu besinnlicher Opern-CD gurken wir ziemlich endlos schmale Sträßchen entlang. Ab und zu weist der Fahrer mich daraufhin, dass wir ein Etappenziel passieren, wobei mir die Namen auch noch nichts sagen. Ich fühle mich eh ziemlich unwirklich, in einem Taxi herumchauffiert zu werden. In Herbergen und auf meinen eigenen Füßen habe ich mehr Erdung und Bodenhaftung.

Wir passieren Roncesvalles, und ab da wird mir schon etwas Angst und Bange. Das Wetter ist moderat, eher regnerisch nebelig,  und ich habe im Kopf, dass man dann nicht unbedingt über die Berge soll. Als nochmaligen worst case versuche ich mir die Fahrstraße einzuprägen, aber die geht endlos. Ich denke nicht, dass ich das in einem Tag schaffen kann; abgesehen davon wäre es auch etwas unsinnig, sich nun extra nach SJPdP karren zu lassen, um dann angestrengt einen Tag die gleiche Straße zurück zu laufen.

Zum Glück sind wir irgendwann da, ich bekomme meinen Rucksack, bin mit einem Schlag wieder richtig Pilgerin, und sofort stellt sich auch wieder eine gewisse Zuversicht ein. Lange Etappen, Wegfinden, schlechtes Wetter, Schlafgelegenheit… das sind Sachen, denen ich mich hier gewachsen fühle.

Ich frage mich in dem recht verschlafenen Örtchen zum Pilgerbüro durch, wo ein älterer Herr gerade zwei Radpilgern liebevoll die nächsten 800 km erklärt. Als ich an die Reihe komme und frage, ob ich auch so einen Karte haben kann und wo es denn losgeht, ist er etwas schlechter gelaunt. Ob ich heute denn noch los wolle, und wo ich hinwolle. Bei Roncesvalles kippt er schier aus den Latschen; es wäre zu spät, schon 9:30. Ob ich denn den Weg kennen würde. Tu ich ja nicht, woraufhin er den reinsten Wutanfall bekommt, wie ich mir das hier eigentlich vorstelle, das wären doch Berge und nicht nur 300 Meter Spaziergang. Offensichtlich denkt er, ich wüsste überhaupt nicht, was Laufen ist. Vom heutigen Weg weiß ich wirklich wenig, ich weiß, dass es hoch geht und etwa 7.5 Stunden dauert. Für meinen Geschmack reicht das, hat es bisher immer gereicht. Ich kaufe noch schnell eine Jakobsmuschel für meinen Rucksack, richtig schön ist keine. Der Herr ruft mir noch nach, ich solle mich beeilen und ja keine Pausen machen.

Ein bisschen verunsichert wage ich mich auf die ersten Meter. Mit einer gewissen Beruhigung sehe ich die bekannten Wegmarkierungen, scheint alles so zu sein wie anderswo auf dem Camino auch. Zudem überhole ich in der ersten Stunde gleich zwei wohl ebenfalls spät gestartete Pilger und bin erleichtert, somit nicht als einzige nachher in der Dunkelheit in den Bergen gesucht werden zu müssen.

Ich laufe recht schnell, absolut nicht in meinem Tempo, einfach nur etwas gehetzt. Gegen Mittag wage ich mal einen Blick auf die Karte, ich bin schon ziemlich ausgepowert. Es wirft mich ziemlich zurück, als ich sehe, gerade mal ein Fünftel der Höhenmeter geschafft zu haben. So wird das nichts; ich beschließe, nichts auf den Herrn im Pilgerbüro zu geben, sondern meinen Weg so zu laufen, wie ich es für richtig halte. Zu diesem Zweck setze ich mich bei der nächsten Gelegenheit erstmal ins Gras und mache eine ordentliche Frühstückspause.

Danach läuft es sich aus unerfindlichen Gründen wie von selbst. Der Weg wirkt ebener, ich treffe beruhigend viele andere Pilger, und vor allem sind mit einem Mal überall auf den Felsen um den Weg herum und in der Luft riesige Vögel. Ich weiß nicht, ob es Geier sind, aber sie haben etwas sehr Majestätisches und geben dem Wegstück etwas sehr spezielles. Einmal mehr bin ich traurig, keine Digitalkamera mit hervorragendem Zoom-Objektiv zu haben.

Ein letzter Blick zurück ins Tal, dann geht es in den weißen Wolkennebel. Auch das ist ein sehr spezielles Gefühl. Ich sehe immer gerade mein nächstes Wegstück vor mir. Ab und zu klart es für ein paar mehr Meter auf, dann sehe ich, dass auf den Wiesen um mich herum Schafe weiden. Ganz selten schiebt der Wind ganz viel Wolken zur Seite, dann habe ich Blick auf den Weg vor mir – und vereinzelte Pilger alle hundert Meter. Die meiste Zeit läuft aber jeder in seinem stillen, weißen Nebelkokon.

Irgendwann realisiere ich, dass ich den Gipfel wohl schon passiert habe, merkwürdigerweise, ohne allzu viel von dem Aufstieg mitbekommen zu haben. Ein bisschen schade ist es, hier alles nur im Nebel zu sehen und so durchzurennen, vor allem in Anbetracht der etwas umständlichen Anreise. Ich merke aber auch, dass ich zunehmend erleichtert bin, es offensichtlich rechtzeitig nach Roncesvalles zu schaffen. Mittlerweile bin ich richtiggehend in einem Pilgerpulk gelandet, ich habe das Gefühl, bestimmt an die hundert Leute im Nebel der Berge getroffen zu haben.

In einem Wäldchen laufen wir plötzlich auf eine stehende und eine liegende Pilgerin auf. Das Gesicht der Liegenden ist halb blutüberströmt. Sie ist auf den feuchten Steinen ausgerutscht und mit dem Gesicht aufgekommen. Alle kramen sofort geschockt nach Verbandsmaterial, die Liegende findet es überhaupt nicht bedenklich (kein Wunder, sie sieht sich ja nicht), und die Stehende eigentlich auch nicht, nachdem sie Krankenschwester ist und das alleine lösen kann. Mit etwas mulmigem Gefühl (und deutlich vorsichtigeren Schritten) gehen wir irgendwann weiter.

Ich habe keine Ahnung, wie spät es ist, als ich die Mauern von Roncesvalles erreiche. Wo es zur Herberge geht, ist eine riesige Menschenmenge. Alle stehen an zur Öffnung der Herberge. Ich krame meine Uhr heraus, es ist gerade mal 15:30.

Wie auch die letzten Tage ist alles noch etwas unwirklich und ungewohnt für mich. Diese Riesenhorde Pilger überfordert mich jetzt auch schon fast. Alles schnattert und plappert und blättert in Pilgerführern. Ich lasse mich auf eine Stufe fallen und bin einfach etwas leer.

Um 16:00 dürfen immer 10 Pilger auf einmal in den kleinen Raum, zum Ausfüllen der Anmeldung. Dann geht es auf die andere Straßenseite, wo sich die Schlafherberge befindet. Ungefähr zehn Hospitaleros versuchen einen reibungslosen Ablauf zu gewähren, koordinieren Schuh- und Stockregale und Bettenvergabe. Mir wuselt und klappert alles zu viel. Die Herberge ist eine riesige Halle mit meterhohen Wänden, von denen Leuchter von der Grösse von Wagenrädern hängen. Die Beleuchtung ist eher schummrig, die gut 50 Stockbetten beeindruckend. Ich schnappe mir ein Bett am hintersten Ende des Saals.

Wie ich jetzt erst bemerke, hat das feuchte Wetter doch seine Spuren hinterlassen, meine einzigen Wandersocken sind gut durchfeuchtet und machen auf dem kalten Steinboden ihre Abdrücke. Ich krame schnell mein Waschzeug heraus und mache mich vor dem allgemeinen Ansturm ans Duschen. Es gibt für die Damen gerade mal 2 Duschen, sodass es jetzt schon eine kleine Schlange hat. Damit es schnell geht, wird vorher schon mal komplett ausgezogen sowie anschließend triefnass gleich an die nächste übergeben. Es ist ein Chaos an halbnackten Damen, die ihre Kleidungsstapel auf dem langsam ebenso triefnassen Boden irgendwie trocken aufzutürmen versuchen. Ich bin sehr ruhig, eine Mischung aus schicksalsergeben, resigniert und eingeschüchtert.

Die wohl ersten Fertiggeduschten sind zwei junge, riesengroße Blondinen aus Deutschland von einer reichlich konträren Gemütsverfassung. Während die wartende Schlange meine Bedröppeltheit größtenteils zu teilen scheint, wirken die Ladies, als würden sie sich gerade frohgemut zur Disco parat machen. So wirkt auch das Arsenal an Haarpflegeprodukten, über das sie sich lautstark austauschen. Ohne Haarkur geht bei der einen gar nichts, während die andere eher auf ihren Schaum schwört. Beide sehen hinterher aus wie fit für den Laufsteg, sie unterhalten auch gleich heiter den halben Schlafsaal, vor allem den männlichen Anteil.

Ich wasche noch schnell meine Sachen durch, schreibe mein Tagebuch und esse meine verbliebenen Vorräte. Leider habe ich ein Wasserproblem, spätestens für morgen. Nach drei Caminos mit Wasser aus dem Supermarkt ringe ich mich zu einem Novum durch und beschließe, den Wasserhahn zu riskieren.

In der Hospitalero-Ecke hat es ein ansehnliches Arsenal an Wanderstöcken. Auch in dieser Hinsicht ein Novum, ich habe meine Teleskopstöcke zu Hause gelassen, dieses Geklapper passt mir nicht zu meinem Wohlfühlpilgern. Mit Stöcken bin ich zwar schnell, aber ein pilgerndes Schweben, wie ich es zum Beispiel bei meinem Freund Angelo gesehen habe, lässt sich vermutlich eher mit einem klassischen Stab verbinden. Ein Hospitalero zeigt mir den für meine Größe passenden Stab. Verliebt habe ich mich aber in einen dunkelbraunen, sehr massiven (und leider viel zu kurzen). Ich bin hin und hergerissen zwischen Vernunft und Intuition, entschließe mich aber wie so oft auf dem Camino für die Intuition.

Gegen 19:00 findet eine Messe statt. Offensichtlich ist heute zufällig auch noch ein besonderer Feiertag, es gibt eine Prozession, Orgelspiel und viel Zelebration. Beeindruckend, und neben all diesem Trubel und Chaos fühle ich mich schon wieder ein bisschen eher wie Camino.

Danach packe ich mich recht schnell in meinen Schlafsack und bringe meine Ohrstöpsel an. Meine Intuition sagt heute sehr eindeutig, dass mir nicht nach großem Hallo und Kommunizieren ist. Ich weiß nicht, woran es liegt, ich habe heute zwar sehr viele Leute getroffen, aber noch keinen „Pilger“.

Read Full Post »

Man sollte denken, ein Camino pro Jahr ist mehr als genug. Aber nachdem ich plötzlich wieder 2 Wochen Urlaub im September nehmen soll, beginnt mein Caminoherz ganz unerwartet wieder zu schlagen. Zuerst denke ich wie selbstverständlich, die beiden Wochen ab León zu laufen, aber als ich zufällig eine Karte Spaniens in die Hände bekomme und die Pyrenäen und die Strecke vor Pamplona sehe, bin ich von dieser Idee gefangen.

Die Planung bereitet mir wie immer Kopfzerbrechen. Die gefühlten hundert verschiedenen Anreisemöglichkeiten, dazu noch diesmal der wirklich etwas schwieriger zu erreichende Ausgangspunkt Saint-Jean-Pied-de-Port. Eine Bahnanreise scheint sinnvoller denn je, aber wie ich auch suche, es läuft auf 5 Stunden Bahnhofwechsel mitten in der Nacht in Paris raus. Und auch wenn mich auf dem Camino keine Herausforderung schreckt, so scheinen mir solche Kleinigkeiten unüberwindbar.

So entscheide ich mich für einen zumindest sehr preisgünstigen Direktflug von Genf nach Madrid. Der Flughafen ist mir irgendwie sympathisch und bekannt, habe ich dort doch erst vor kurzem mit Aurélie Jelle vom Flieger abgeholt. Der Flughafen hat somit schon etwas Pilgeratmosphäre.

In den frühen Morgenstunden breche ich dazu schon von zu Hause auf. Zwar finde ich mich dort wirklich gut zurecht, aber es ist ein endloses Schlangestehen und Gewimmel und über Rollbänder laufen, ich komme mir vor, als ob ich hier schon meine 25 km laufe. Der Flieger selbst ist ungewöhnlich eng, es gibt nichts zu essen, und auch landet er auf dem entlegendsten Rollfeld in Madrid. Spätestens das komplettiert die 25 km, zumindest gefühlt. Als ich endlich an der Gepäckausgabe bin, steht dort sonnig, dass der erste Koffer in einer Stunde erwartet wird. Mir ist noch schlecht vom Flug, eine Migräne kündigt sich an, ich schwitze halb unter meiner ganzen Kleidung, und irgendwie brummt mir der Kopf. Ich hatte intuitiv auf die vage Möglichkeit gehofft, einen frühen Bus nach Pamplona zu bekommen, gegen 20.00 einzutreffen und noch die Herberge zu erwischen. So ist die Ankunft jetzt 22.30, keine Herberge mehr offen, und ich muss auch noch mitten in der Nacht etwas zum schlafen finden.

Als mein Rucksack endlich ausgespuckt wird, fühle ich mich ein bisschen wie geprügelt. Mein Kopf ist trotz Tabletten moderat, meine Hitzeregulation ebenso. Mit der U-Bahn geht es zum Busbahnhof in der Avenida America. Plötzlich scheint doch nochmal ein früherer Bus erreichbar, ich renne ohne Zeitverlust durch die Katakomben, und bin letzten Endes 5 Minuten zu spät. Es heißt 3 Stunden warten, und das in einem unterirdischen Bau mit merkwürdigen Billigstläden und sehr merkwürdigen Wartenden. Seit meiner Landung habe ich kein Tageslicht mehr gesehen. Die Luft ist sehr stickig, und die einzige „Frischluft“ ist bei den abfahrenden Bussen. Aber auch das ist unterirdisch, und von den Abgasen hämmert mein Kopf gleich doppelt. Ich habe eine gelungene Mischung aus Kopfschmerzen, Angst und Resignation.

Als ich endlich im Bus sitze und er durch unergründliche Katakomben hinausfährt, bin ich überrascht, als draußen strahlende Sonne scheint und dort ein völlig normaler Nachmittag ist. Irgendwie hatte ich schon fast vergessen, dass es eine Welt jenseits von Neonlichtern, grün gekachelten Unterführungen und Beklommenheit gibt.

Ich schlafe die meiste Zeit, und in Pamplona holt mich prompt wieder die Beklommenheit ein. Meine vertrauenserweckenden Mitreisenden laufen alle zielstrebig in irgendwelche Richtungen davon, ich bleibe allein und fühle mich unangenehm beobachtet von den Obdachlosen, die als einzige um diese Zeit noch dort sind. Ich krame in meine Unterlagen, aber praktischerweise habe ich nichts so richtig geplant. Meine Planung hat sich wohl darauf beschränkt, auf den frühen Bus zu hoffen, und bei 3 Hotels zur Sicherheit abzuklären, dass sie auch zu der späten Zeit noch geöffnet haben. Aber wenn ich mir meinen Stadtplan jetzt so anschaue, liegen die locker eine halbe Stunde entfernt, was mich jetzt momentan nicht direkt mit Begeisterung erfüllt.

Ich verlasse den bedrückenden Busbahnhof und laufe wahllos in eine Richtung, in der ich dann auch wirklich auf eine sehr belebte Straße und erleichternde Normalität treffe. Eine Mutter mit Kinderwagen, die ich nach einem Hotel in der Nähe frage, lacht sympathisch und meint, da, direkt in der nächsten Straße, die wäre voller kleiner Pensionen, falls das auch ginge. Ich bin erleichtert, natürlich, wenn hier hordenweise Pilger durchkommen, muss es ja auch von diesen Pensionen geben, mit denen sich manche den ganzen Camino über Wasser halten.

Die Straße ist einladend, erst recht die kleinen Bars, von denen jede zweite ein Schild hat, das auf Zimmer hinweist. Ich frage frohgemut wahllos in einer, aber man schüttelt den Kopf, completo. Ich frage die nächsten fünf, alle completo. So ganz kann das für meinen Geschmack nicht sein. Vielleicht bin ich hier doch nicht in einer wirklichen Pilgerstraße, und man möchte einfach keinen verwanzten Pilger. Es geht schon gegen Mitternacht, und in der Straße keinerlei Chance.

Ich laufe ziellos weiter, sehe die riesige Leuchtschrift eines Nobelhotels. Den gepflegten älteren Herren in der Lobby fällt fast die gepflegte Zigarre aus dem Mund, und der Herr an der Rezeption springt bei meinem Anblick höchst alarmiert auf, nachdem er wahrscheinlich noch schnell einen Notknopf unter dem Tresen gedrückt hat. Er trägt es mit Fassung, als ich frage, ob noch etwas frei ist. Er meint mit ehrlichem Bedauern, leider nur etwas Suitenähnliches für 150 Euro. Ich bin nicht mal abgeneigt, hauptsache, ich muss nicht am Busbahnhof im Freien übernachten. Er holt einen Stadtplan hervor und erklärt mir sehr lieb, wo es noch andere Hotels in der Nähe hätte, die sehr sicher noch Plätze hätten. Ganz billig wären sie auch nicht, meint er entschuldigend, aber das ist mir sowohl klar als auch egal.

Mit einer idiotensicheren Wegbeschreibung verlasse ich die edle Absteige wieder, begleitet von warmen Worten des Rezeptionisten. Der erste Engel auf meinem Camino. Bis zu dem geplanten Hotel stehle ich mich von Hauseingang zu Hauseingang, um von den gröhlenden Grüppchen oder einzelnden torkelnden Gestalten nicht gesehen zu werden. Grossstädte machen mir einfach Angst, ich bin Pilgerin, um 20.00 gern in meiner schützenden Herberge, umgeben von Pilgern.

Das schlappe 4-Sterne-Hotel meiner Wahl ist noch gut bestückt mit einer älteren und einer jüngeren Rezeptionistin. Auf meine Frage nach einem Zimmer schüttelt die Ältere bestimmt den Kopf, sie hätten nur noch Doppelzimmer. Ich verstehe die Message, werde hier aber keinen Schritt mehr rausmachen. Was denn so ein Doppelzimmer kostet. Sehr widerwillig phantasiert sie 72 Euro zusammen. Das ist ja prächtig, die Dame kapituliert, räumt augenrollend das Feld und lässt mich bei der Jüngeren einchecken.

Ich bekomme das schickste Hotelzimmer meines Lebens, bin aber so fertig, dass ich mich direkt ins Bett fallen lassen, nachdem ich mein Handy für morgen auf unerfreuliche 5:30 Uhr gestellt habe.

Read Full Post »