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Posts Tagged ‘Rabanal del Camino’

In aller Herrgottsfrühe schlappe ich als erste Amtshandlung in die Küche, um mein geliebtes (halbes) Bocadillo aus dem Kühlschrank zu holen. Um das nicht zu vergessen, habe ich mir mit meinen Socken sehr plakative Riesenschleifen an die Crocs gemacht. Brendan ist schon am Frühstückrichten und lacht.

Er meint, heute sähe es wirklich nach Regen aus. Das hat er gestern schon gesagt, aber nach so viel Sonne der letzten Woche habe ich es lachend beiseite geschoben. Und wenn, dann regnet es halt ein bisschen. Optimismus pur.

Heute zieht es mich mal wieder früh los. Ich verabschiede mich von Brendan und schaffe es nun doch noch, ihm mein Bändel zu überreichen. Erleichtert mache ich mich auf ins Dunkel.

Trotz oder gerade wegen der aufziehenden leichten Wolken ist der Sonnenaufgang wieder einmal beeindruckend. Wie so oft ist mir aber auch etwas mulmig mit den diversen Geräuschen im Dunkeln. Irgendjemand scheint hinter mir zu laufen. Bei einem weiteren Fotostopp stellt sich dieser Jemand als You-Seok heraus. Sie ist offensichtlich weniger ängstlich, sie hätte sich schon immer gewundert, was dieses rote Licht im Dunkeln ist. Während sie sich bei einem Fotolicht „wundert“, wäre ich sicher keinen Schritt weitergegangen, wenn mich aus der Ferne ein glutäugiges Ungetüm angestarrt hätte. Und dann noch einäugig glutäugig.

Auch dieser Abschnitt des Camino gehört zu meinen Lieblingsstrecken, und ich bin fast ein bisschen wehmütig, ihn so im Halbdunkel ohne geeignete Fotobeleuchtung runterzuspulen. Allerdings, da hat Brendan leider recht, nach ganz wolkenlos strahlendem Himmel wie gestern sieht es heute nicht aus.

Pünktlich zu Foncebadón kommt die Sonne so richtig heraus, und ich springe panisch zwischen den Ruinen auf und ab. Die Herbstfärbung, die goldene Morgensonne, die mystischen Ruinen… ein Gedicht. Auch wenn natürlich die Zivilisation Einzug gehalten hat und ich schon immer Umwege krakseln muss, um keinen dekorativen Müllcontainer im Bild zu haben.

Beim Anblick der Kirche werde ich schon wieder von Erinnerungen eingeholt; dieser Ort hat heute für mich eine ganze spezielle Atmosphäre, und ich würde am liebsten, ähnlich wie bei San Antón, ewig hier campieren. Die Wetter- und Wolkenlage dagegen veranlasst mich eher, das Cruz de Ferro schnell hinter mich bringen zu wollen. Auch damit verbinde ich Erinnerungen, wenn auch weniger ansprechende.

Als ich am Kreuz und am höchsten Punkt angekommen bin, weht bereits wieder ein sehr kalter Wind, alles ist grau in grau. In einem kleinen Unterstand optimiere ich erst einmal meine Zwiebelschichten und ziehe alles an, was ich dabei habe. Ich lege meinen Stein nieder.

Manchmal berührt mich dieser Ort unheimlich, fühle ich doch mit jedem Stein die Hoffnungen, Lasten und Herzenswünsche von vielen tausend Pilgern vor mir. Heute bleibt der Steinhaufen für mich ein Steinhaufen. Vielleicht liegt es am grauen Wetter oder meiner wenig rührseligen Stimmung.

Dafür beschließe ich, dass ein besonderes Bocadillo an einem besonderen Ort gegessen werden muss, schließlich brauche ich Energie, Kalorien und innere Wärme für den kalten Abstieg.

Während ich mich in beginnendem, feinen Nieselregen und jagenden Nebelwolken auf den Weg mache, registriere ich erstaunt, dass ich nicht einmal enttäuscht bin. Automatisch hätte ich erwartet, dass es mich frustriert, diesen wichtigen Punkt ohne mitreißendes Foto und große Gefühle hinter mir zu lassen. Statt dessen bin ich innerlich am Strahlen, wunderbar gelaunt und in erster Linie furchtbar dankbar über den Bocadillonachgeschmack und vor allem meine wunderbar warme, weiche Einpackung. Es ist grau und kalt, aber ich habe warme Fleecehandschuhe, ein warmes Fleecestirnband um die Ohren und meinen Mehrzweckschlauch bis unter die Augen gezogen. Regenjacke und Regenhose flattern im Wind, halten mich aber auch warm. Noch schöner als Freude über strahlenden Sonnenschein ist wohl das Empfinden von Freude über Kleinigkeiten.

Zu der Freude über Kleinigkeiten kommt ganz akut noch die Freude darüber, dass sich selbst in diesem mistigen Wetter immer wieder schöne Blicke ergeben und mich selbst die Macht der dunklen Wolken noch freut. Ich werde schon wieder furchtbar langsam vor lauter Schauen und Fotografieren und Genießen, so dass mich auf Höhe von Manjarín wohl so ziemlich alles überholt hat, was heute auf der Strecke ist. Auch das erfüllt mich mit einer seltsamen Freude. Sonst bin ich immer wie gejagt durch die Gegend geprescht, als erste los und als erste angekommen, am liebsten immer in der Einsamkeit vor dem großen Pulk. Neuerdings macht mir selbst der Pulk nicht mehr viel aus, vor allem ist es ein neues Gefühl, in der Einsamkeit hinter jeglichem Pulk zu laufen. Auf eine Weise bin ich begeistert davon, dass es so etwas wie Weiterentwicklung zu geben scheint.

Irgendwann ermüdet mich das endlose Grau dann doch ein wenig, zumal ich unter meiner zugezogenen Kapuze auch nicht allzu viel sehe. Nachdem es steil bergab geht, muss ich mich eh weitgehend auf den Weg konzentrieren. Als ich endlich mit El Acebo das erste Dorf erreiche, hat sich der Nieselregen in einen hartnäckigen Dauerregen verwandelt; die wenigen Pilger vor mir flüchten in Bars. Mir kommt der Pilger entgegen, dem ich seit Astorga oft über den Weg gelaufen bin und der mich immer so freundlich gegrüßt hat. Heute sagt er nach dem üblichen herzlichen „Hola“, dass wir ja wohl auch „Hallo“ sagen könnten, er wäre auch deutsch. Wegen des Regens hat er wider Erwarten beschlossen, in El Acebo zu bleiben. Morgen ist für ihn ab Ponferrada ohnehin Heimreise angesagt, er macht den Camino Stück für Stück in Etappen. Zum Abschluss fragt er noch, wie ich heiße – für die Akten und die Erinnerung, wie er fast entschuldigend hinzufügt. Wir wünschen uns einen letzten „buen camino“, ich bin fast etwas nachdenklich und bewegt. So, wie Steinhaufen Steinhaufen oder eine emotionale Welle sein können, so können auch Pilgerbegegnungen Begegnungen oder irgendwie mehr sein.

Dafür kippt jetzt etwas meine Wohlfühleinstellung zum Thema „warm verpackt durch Wind und Wetter“. Es schüttet fürchterlich aus Kübeln. Meine Fleecehandschuhe sind patschnass, ich kann sie triefend auswringen. Dazu zieht mir mal wieder die Feuchtigkeit innen die Ärmel hoch. Nachdem ich wenig Lust habe, meine beiden Fleecepullis nass zu bekommen, würde ich sie gerne hochkrempeln. Aber selbst dazu fehlt ein kurzfristig trockener Unterstand.

In Riego de Ambros muss ich schon fast lachen, als ich die überflutete Straße entlanglaufe. Ein Pilgergrüppchen vor mir steht zögernd am Ortsausgang und entscheidet sich nach einem kritischen Blick für die Fahrstraße. Ich natürlich nicht, mitten rein in den Trampelpfad. Wobei ich nun wirklich lachen muss. Ich laufe in einem soeben frisch begonnenen Flussbett, um mich plätschert und gluckert lustig ein Bächlein von etwa 5 cm Tiefe. Ich laufe gleiches Tempo mit mitschwimmenden Blättern. Dass meine Schuhe nachher patschnass sind, macht vollends auch nichts mehr. Mich überkommt höchstens ein mulmiges Gefühl anlässlich meines Höllentempos über die patschnassen, moosbewachsenen Steine.

Irgendwas durchnässt meine Hose unter der Regenhose, und irgendwas schlägt mir immer von hinten gegen die Beine. Als ich meinen Rucksack abnehme, entleert sich ein Schwall von mindestens einem Liter Wasser, der sich in meiner Regenhülle von innen gesammelt hat (und dadurch tief hinunter gezogen hat). Wie ich es mit patschnassen Handschuhen im strömendem Regen beurteilen kann, ist mein Rucksack alles andere als trocken geblieben. Alles ist unglaublich nass. Bisher hat mein Allzweckschlauch erstaunlich gut allen Regen aufgefangen, der mir vorne in den Hals fließen wollte. Seit einer Weile wringe ich auch dieses Tuch regelmäßig aus, aber als Molinaseca in Sicht kommt, beginnt auch das endlich, gänzlich zu durchfeuchten.

Eigentlich wollte ich fest eingeplant bis Ponferrada weiter. Aber zum einen erinnere ich mich nur an die Waschbecken im Garten und die Wäscheleinen dort, wie soll ich da meine patschnassen Sachen trocken bekommen. Und zum anderen überzeugt mich mein kapitulierendes Allzwecktuch. Wenn ich jetzt rundum einen kalten, nassen Hals bekomme und meine Fleecepullis auch noch vom Kragen an durchfeuchten, ist wirklich Schluss mit lustig. Ich presche noch etwas unentschlossen und mit mir ringend durch den Platzregen von Molinaseca, aber als vor mir auch ein nett (und hartgesotten) aussehender Österreicher zur Herberge abbiegt, darf ich das wohl auch.

Wir ziehen vor der Tür unsere Schuhe aus, aber selbst in Socken hinterlasse ich sofort große Pfützchen. Ich bin gespannt auf die Herberge, den Stolz von Hospitalero Alfredo, den ich zwar bei jedem Camino kurz besuche, gegen dessen Luxusherberge ich mich aber bisher immer tapfer gesträubt habe. Ich bin nicht sonderlich überrascht, dass an der Rezeption ein älterer Herr sitzt. Alfredo hat vermutlich anderes zu tun, als jahraus-, jahrein in seiner Herberge abzuhängen.

Wir bringen unsere nassen Sachen in den Keller, um dann eine edle Holztreppe bis unter das Dach hochzulaufen, wo es einen zugegebenermaßen sehr schicken Raum hat. Unter der Dachschräge, durchzogen von Holzbalken – und mit Einzelbetten. Ich flagge erst einmal alles Halbnasse über die verfügbaren Heizungen und Balken und springe dann nochmal in den Keller, um meine Schuhe mit alten Zeitungen trockenzulegen. Beim Vorbeispringen am Erdgeschoss fällt mein Blick auf die Rezeption, an der nun doch sehr charakteristisch Alfredo sitzt. Ich grüße schüchtern lächelnd. Als ich wieder die Treppe hochspringe, grinse ich nochmal quer durch den Raum. Er schaut schon etwas irritiert.

Nachdem mein Equipment weitgehend versorgt ist, widme ich mich endlich einer heißen Dusche. Im Keller hat nur die Herrenabteilung geöffnet, was solls, außer mir ist eh keiner da. Ich bin schon fast fertiggeduscht in meinem Kabinchen, als laut grölend eine Horde Männer den Raum betritt und sich vermutlich vor meinem Kabinchen auszuziehen beginnt. Uah arg. Ich schnappe mir schnell alles, solange sich die Herren hoffentlich erst in der Socken-Auszieh-Phase befinden. Während die meisten Herren es mit einem stillen Grinsen nehmen, wer da aus der Dusche geschossen kommt, brüllt mir der fröhliche Österreicher Helmut natürlich noch alles mögliche nach. Er ist schon in der Handtuchphase, herrje, da habe ich ja nochmal Glück gehabt.

Endlich sind alle Handgriffe des Tages erledigt, und ich lasse mich auf mein Bett plumpsen. Und plumpse gleich eine Etage tiefer als erwartet. Bei näherem Hinsehen fehlt eine Latte an wichtiger Stelle. So kann ich nicht schlafen. Zum Glück hat es noch ein weiteres freies Bett an der Tür, sodass ich umziehe. Helmut findet das schade, dass ich nun nicht mehr neben ihm logiere und meint, wir könnten doch einfach die Betten austauschen. Macht er dann auch allen Ernstes.

Kaum sitze ich nun wirklich bereit zum Entspannen auf meinem neuen Bett an alter Stelle, rumort es von der Treppe. Matthias, dem grummeligen Deutschen, wird von Alfredo der Raum gezeigt und das noch einzig freie Bett an der Tür zugewiesen. Mit schlechtem Gewissen springe ich auf und versuche zu erklären, dass das neuerdings über eine gebrochene Latte verfügt. Ich hebe die Matratze hoch, aber Alfredo meint, da könne man schon drauf schlafen. Ich lasse mich wieder auf mein Bett fallen, aber Alfredo fixiert mich nun mit scharfem Blick. Heh, mich würde er doch kennen. Als ihm die Verknüpfung dämmert, dass ich die Verrückte bin, die ihn jedes Jahr besucht, lacht er sich halb kaputt. Er fragt, mein wievielter Camino das ist. Vor Matthias und Helmut ist mir das ein wenig peinlich, ich mache verschämt eine wortlose Zahl mit beiden Händen. Er bricht erst recht in dröhnendes Lachen aus und verpflichtet mich zur Herbergsführung.

Aktuell ist er auf dem Japantrip, plant für den nächsten Monat selbst einen Pilgerweg in Japan, zeigt mir einen Wandteppich, den man in Japan anscheinend statt einer Compostela bekommt sowie einen Wegstein, in dem in japanischen Hieroglyphen ein Wegweiser zu seiner Herberge eingemeißelt ist. Er stellt mich allen möglichen Pilgern vor. Einen habe ich heute rennend gesehen und noch überlegt, ob ihm im Wind etwas davongeweht ist. Nein, es ist einfach sein dreizehnter Camino, und er rennt sie alle. Ich bekomme stolz sämtliche Schaukästen erklärt, die Bilder von Alfredo im Pilgerkostüm mit Ehrung durch den spanischen König und den Zeitungsartikel über Papst Benedikt, der noch als Joseph Ratzinger in Alfredos alter Herberge geschlafen hat, damals aber schon mit „zukünftiger Papst“ unterschrieben hat.

Dank Alfredos Vorstellung kennen mich nun alle ehrfurchtsvoll als eine Pilgerin, die bereits 7 mal den Camino gegangen ist. Das ist mir mal elegant peinlich, zumal es ja reichlich an der Wahrheit vorbeigeht. 7 Caminohäppchen würden es wohl besser treffen. Er zeigt mir seine Fotoalben von früheren Caminos. Auffallend sind die vielen „sehr gefährlichen Frauen“ und „blutjungen Abenteuer“, begleitet vom üblichen dröhnenden Lachen. Ich muss mir für einen Moment vorstellen, ob in meinem heimischen Freundeskreis ein verheirateter Mann ähnlich begeistert und selbstbewusst seine Fotos zeigen würde. Vermutlich ein Mentalitätsunterschied.

Nachdem es wider Erwarten kein Essen in der Herberge gibt (die Köchin ist krank), muss ich nochmal kurz raus in den Regen. Der Laden wäre nichts und viel zu teuer, warnt mich Helmut vor. Nachdem ich ja nur notdürftig etwas bis Ponferrada brauche, ist mir das weitgehend egal. Ich bekomme sogar eine getrocknete Feige angeboten und eine Scheibe unglaublich lecker schmeckende Honigmelone. Nur nicht unbedingt verkaufsfördernd; vermutlich kaufen sich die wenigsten Pilger daraufhin begeistert so einen zwei Kilo schweren Trümmer.

Ich esse mit Helmut und einer deutschen Freundin von ihm. Er ist wirklich lustig, nett und interessant, leider redet er unheimlich viel, schnell und in so einem extremen Dialekt, dass ich fast noch weniger verstehe als bei Spaniern oder Italienern. Für mich summt es nur immer irgendwie. Er erzählt von seinem Beruf als Masseur und von alternativem Schnickschnack wie Klangtherapie und Körperspannungen und vielem mehr. Völlig ungeniert stößt er im vollbesetzten Aufenthaltsraum irgendwelche an Kuh mit Rinderwahn erinnernde Laute aus, die irgendwelche Verspannungen lösen sollen. Seine ständig breit grinsende Freundin und ich dürfen uns auf den Fliesen im Raum aufstellen, und er erklärt uns, dass je nachdem, auf was für einem Fliesenkreuz wir stehen, wir schwach oder stark sind. Es funktioniert, auch so finde ich das Ganze sehr spannend und beeindruckend, allerdings ist mir wie so oft auch etwas unwohl beim Gedanken, dass da jemand mehr von mir weiß und spürt als ich selber. Helmut sieht mir derart kompetent aus, dass er wahrscheinlich sonstwas an mir manipulieren kann mit dem Klang seiner Stimme oder einer Körperhaltung. Ich werde einen Hauch von paranoid.

Mittlerweile hat sich auch Matthias eingefunden, nachdem seine einzige Hose wieder soweit trocken zu sein scheint, dass er sich aus seinem Schlafsack heraustraut. Als Helmut angesichts dieser wunderbar deutschen Clique den Rest des Abends Karten spielen will, verdünnisiere ich mich lieber aufs Sofa. Erst dieses Restunwohlsein über diese ganze Magie, die ich nicht durchschaue, und jetzt noch die Vorstellung, so richtig deutsch Karten zu spielen. Irgendwie ist das gerade nicht so meins.

Statt dessen mache ich ein Bändel für Alfredo. Als er sich interessiert dazusetzt und fragt, was ich mache, sage ich ungerührt, ich würde ihm für seinen Camino in Japan ein Bändel flechten und „Hallo, ich heiße Alfredo und suche Abenteuer“ in japanischen Schriftzeichen einflechten. Ich ernte einen Schlag mit der Zeitung und die dröhnend lachende Belehrung, dass er keine Abenteuer sucht, sondern Begegnungen. Na dann.

Im Austausch für das Bändel bekomme ich eine weitere Rucksackmuschel. Alfredo erzählt mir viel vom Herbergsalltag; mir dämmert langsam, dass ich mich als Hospitalera wohl nicht einmal eignen würde, ich kann nicht einmal richtig putzen. Zumindest wenn man unter Putzen das versteht, was Spitzenhospitaleros wie Brendan oder Alfredo darunter verstehen. Alfredo erzählt mir von seiner chinesisch anmutenden Wundersalbe gegen alle Arten von Pilgerbeschwerden (zum Glück habe ich keinerlei) sowie von seinen koreanischen Massagekünsten (bei denen es erstmal höllisch weh tun soll. Zum doppelten Glück muss ich das nicht ausprobieren). Auch kann er Köpfe heilen. Ich bin interessiert, wie das geht. Er meint, einfach durch Zuhören und will es bei mir zum Beweis gleich ausprobieren. Darauf habe ich mal wieder überhaupt keine Lust. Zum Heilen gibt es da sicher viel, vermutlich hat er da auch wirklich Talent, aber nachdem ich mich noch nicht mal von dem übersinnlichen Helmut erholt habe, fehlt mir gerade noch so ein „ich weiß schon alles, was Du noch nicht weißt“.

Wir verabschieden uns bis zum nächsten Mal. Wir könnten ja mal den Camino Portugues zusammen gehen. Aber bis dahin soll ich bitte noch gut kochen lernen (im Geiste kann ich mir ein „wenn Du schon keine Abenteuer magst“ nicht verkneifen. Oder die Vorstellung, welche Heerscharen von Pilgerinnen mit ihm durch Portugal pflügen würden, wenn auch nur die Hälfte darauf zurückkommen würde.) Qué hombre!

Vor dem Einschlafen lässt mich Helmut noch ein Lied von seinem Kopfhörer mithören. Nachdem er vorhin schon einen komischen Test mit mir gemacht hat, bei dem einem eine Energie gesagt hat „Du bist gut, ganz genauso, wie Du bist, ohne etwas geben oder nehmen zu müssen“, habe ich nun auch bei dem Lied haargenau das Gefühl, dass es mir etwas sagen soll. Vermutlich bin ich heute langsam schon zu müde vom „Emotionalebarrikadenerrichten“, ich lasse die wirklich wunderschöne Musik einfach auf mich wirken. Ich könnte heulen.

One day I’ll grow up, I’ll be a beautiful woman.
One day I’ll grow up, I’ll be a beautiful girl.
But for today I am a child, for today I am a boy.
One day I’ll grow up, I’ll feel the power in me.
One day I’ll grow up, of this I’m sure.
One day I’ll grow up, I know whom within me.
One day I’ll grow up, feel it full and pure.

(Antony and the Johnsons)

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Statt des sonstigen 5-Sterne-Frühstücks bleibt der Frühstücksraum heute geschlossen. Schade, hatte ich mich vorratstechnisch fast darauf verlassen. Macht aber auch nichts, so esse ich wenigstens noch meine Sharon und Kiwi und eine weitere leidige Mandarine, bevor ich mich auf den Weg mache. Schließlich habe ich beschlossen, aber heute Leichtpilger zu werden. Das süffisante „dafür pilgerst Du wohl noch nicht lang genug“ geht ja gar nicht.

Auf dem Weg ist unerwartet ziemlicher Trubel, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass wir nur etwa 10 Pilger in der Herberge waren und es noch nicht einmal richtig hell ist. Ich habe morgens wie immer einen Riesenschluck Wasser getrunken, um nicht so viel mitschleppen zu müssen und „meine Sehnen ordentlich zu hydrieren“. Jetzt sterbe ich schier, dass alle 20 Meter ein Pilger läuft und ich absolut keine Chance für einen Abstecher ins Gebüsch habe. Der erste Ort Murias de Rechivaldo würde unter normalen Umständen mein Fotografenherz mehr als erfreuen. Jedes noch so heruntergekommene Haus ziert eine leuchtend blaue Tür oder ein leuchtend grünes Garagentor. In der gerade einsetzenden strahlenden Sonne ein Gedicht. Offensichtlich stoppen die Pilgermassen entweder für Fotos oder für ein Frühstück, jedenfalls ist am Ortsausgang plötzlich niemand mehr hinter mir zu sehen. Segensreich. Oder Rettung in letzter Sekunde.

Ebenfalls entgegen meines gestrigen Eindrucks ist das Wetter genauso perfekt wie in der Meseta, der Himmel im Sonnenaufgang ist wieder wolkenlos, und nachdem hier weitgehend der Wind fehlt, lassen die Temperaturen richtiggehend Frühlingsgefühle aufkommen.

Das Wetter ist wunderschön, die Strecke mit dem rötlichen Boden und der eher ruppigen Vegetation gehört zu einer meiner Lieblingsstrecken, und noch dazu erscheinen mir die Pilger heute auch irgendwie sympathischer. Bereits gestern in der Herberge hatte ich diesen Eindruck. Vielleicht liegt es daran, dass hier viele allein unterwegs sind oder still zu zweit. Diese lauten Rudel aus der Meseta scheint es hier auf den ersten Blick gar nicht zu haben.

Als nächsten Programmpunkt habe ich „Operation Pilgermuschel“. Nachdem mir die Exemplare in Burgos ja zu seelenlos kommerziell waren, laufe ich immer noch ohne Muschel am Rucksack, habe aber in Erinnerung, dass vor irgendeinem kleinen Dörfchen hinter Astorga immer ein Stock- und Muschelverkäufer steht. Die Stelle erkenne ich wieder, vermutlich auch das Männchen dazu, allerdings kämpft er gerade weniger in Muschel- als in Stockmission mit irgendeinem Stab auf dem Boden. Vermutlich ist er gerade ausverkauft, es hat diesmal keinen Stand. Etwas enttäuscht durchquere ich Santa Catalina de Somoza, wo ich fast zufällig auf der rechten Straßenseite einen Haufen Muscheln an einer Tür hängen sehe. Glücklicherweise ist mir eine davon genehm, und nachdem ich ein paar Minuten etwas unschlüssig und zaghaft „hola?“- krähend in den Innenhof gelinst habe, kommt auch eine Dame zum Geldentgegennehmen. Ich binde fröhlich meine Muschel an den Rucksack, als mir auffällt, dass ich nun doch noch mein Foto von einer blauen Tür im Sonnenschein bekomme.

Heute ist ein reges Grüßen von netten Pilgern angesagt. Ich promeniere heute mal wieder im Schleichmodus und mache viel zu viele Fotos, sodass ich ständig die gleichen Pilger wiedertreffe, selbst wenn sie jede Bar für einen Kaffee mitnehmen. Ein Mann mittleren Alters fällt mir besonders auf, er grüßt wie „aus tiefster Seele“, auch wenn ich nicht genauer erklären könnte, was ich damit meine.

Mich überholt der grummelige Deutsche von gestern. Wirklich besser geht es seinen Beinen heute anscheinend auch nicht, aber er hat sich in Astorga Trekkingstöcke gekauft, und na ja, vielleicht geht es damit. Inmitten der Sonne und des Strahlens an allen Ecken und Enden wirkt er noch doppelt niedergeschlagen, lustlos und schlecht gelaunt. Ebenfalls vom Busbahnhof in León sehe ich ein Pärchen wieder, die mir irgendwie chilenisch aussehen und bei denen ich gestern schon gegrübelt habe, ob sie wohl Pilger sind, was an ihnen nach Pilger aussieht und was nicht. Sie sind ganz eindeutig zu gepflegt, tragen kleine Sightseeing-Rucksäcke, sie einen modischen Minirock und er eine Bundfaltenhose zu eleganten Büroschuhen. Wie sich herausstellt, sind es Spanier, in dieser Aufmachung bereits routinierte Pilger, die heute noch nach Ponferrada wollen (wo ich einen vollen Wandertag später anzukommen gedenke). Respekt. Und mal wieder eine Lektion in Sachen „sich nicht vom ersten Schein täuschen lassen“.

Ich könnte mal wieder schier ausflippen angesichts der wunderbaren Umgebung; überall dieses in der Sonne fast weiß schimmernde Gras, welches sich zart im Wind bewegt. Mein Wohlgefühl lasse ich darin gipfeln, mich an einem Rastplatz niederzulassen und das Trauma des schlechten Pilgers hinter mich zu bringen. Ich vernichte jegliche Schokolade, das Mandarinenkollektiv, letzte Schokoriegel sowie mit wirklich etwas schlechtem Gewissen noch heimisches Vollkornbrot und Salamisticks. Mein Rucksack ist zum ersten Mal so richtig zusammengefallen leer.

Zwei Franzosen rasten mit mir. Ihr Mitpilger kommt mit etwas Verspätung schon aus der Ferne erahnbar. Er summt und singt unter seinen Kopfhörern, und als die beiden Vespernden ihm weitausholend winken, sich doch dazu zu setzen, winkt er nur ebenso weitausholend ab, um sich mit voller Inbrunst und mit voller Lautstärke seinem aktuellen Song hinzugeben. In schauderhaftem Englisch, mit sich überschlagender Stimme, aber mit einer Lebensfreude sondergleichen brüllt er im Weitergehen „Gif a little bee!“, bis er um die nächste Ecke verschwunden ist. Ich habe Mühe, mir ein strahlendes Lächeln aus dem Gesicht zu knipsen und würde am liebsten auch „Gif a little bee!“ schmettern. Das Ganze hier ist gerade Wohlgefühl vom Feinsten.

Der schöne Tag geht viel zu schnell rum, bald passiere ich schon El Ganso, das letzte Örtchen vor meinem heutigen Etappenziel Rabanal del Camino. Vor einem kleinen Anstieg biegt der Weg von der Fahrstraße ab und windet sich einen steinigen Pfad unter golden gefärbten Bäumen entlang. Ich bin mal wieder hellauf begeistert am Fotografieren, vor allem die vielen Kreuze aus Holzstückchen, die Pilger vor mir in den Zaun an der Seite gesteckt haben. Mein begeistertes Zaunfotografieren findet ein jähes Ende, als mir untrüglich dämmert, dass seit einer Weile etwas in ein paar Meter Abstand hinter dem Zaun mit mir mitläuft. Vermutlich eine Kuh, die ich unten weiden sehen habe, aber es ist mir einen Hauch unheimlich, sodass ich lieber schnell weitergehe.

Die ersten Krokusse kurz vor Rabanal komplettieren meinen Eindruck, dass es an einem 30.Oktober in Spanien gerade mal Frühling ist.

Rabanal liegt fast verlassen in völliger Mittagsruhe, es ist ja auch gerade mal 12 Uhr. Ich bin wie üblich hin- und hergerissen, ob ich nicht doch weitergehen soll. Aber schon seit langem wollte ich einmal die englische Herberge in Rabanal ausprobieren, sodass ich mich gemütlich an der Kirche gegenüber ausbreite. Die Herberge öffnet leider erst um 15 Uhr, ich habe also genügend Zeit, der Kirche einen Besuch abzustatten. Seit ich dort 2007 eine sehr bewegende Misa erlebt habe, verbindet mich etwas mit diesem Ort, und so schaue ich auch bei jedem Camino vorbei, wie es mit den Bauarbeiten vorangeht. Unvergessen die klappernden, provisorischen Holzbänke. Als ich diesmal erwartungsvoll nach links um die Ecke schiele, erschrecke ich fast. Kein provisorischer Altar mehr. Fast noch mehr erschrecke ich aber, als ich nach rechts schaue, wo in der Vergangenheit Baugitter eine Schutthalde abgegrenzt haben – und wo sich nun eine komplette, perfekte kleine Kirche mit eleganten Holzbänken und rotem Teppichbelag erstreckt. Ich bin fast sprachlos vor Überraschung, und das Ergebnis sieht berührend schön aus.

Ich setze mich vor die Kirche in die Sonne und beschließe, meinen Füßen endlich mal die versprochene Zuwendung zukommen zu lassen. Jeder Fuß bekommt eine liebevolle Massage – und ich werde so barfuß höchstens ein bisschen unruhig, als ich registriere, dass der Baum, unter dem ich sitze, begeistert alle möglichen Insekten anzieht, unter anderem auch ein paar stattliche Hornissen.

Eine Koreanerin biegt um die Ecke, auch auf der Suche nach der englischen Herberge. Sie setzt sich klaglos zu mir in Anbetracht der Stunden Wartezeit, die wir noch vor uns haben. Ich überlege, ob ich mal noch kurz etwas einkaufen gehe, bevor die Siesta beginnt. You Seok klärt mich auf, dass es hier keinen Supermarkt hätte. Doch, doch, und was für einen. Wobei ich mich eigentlich auch gewundert habe, dass er mir auf dem Hinweg nicht aufgefallen ist. Ich gehe mit wachem Blick nochmal die Straße entlang, und wirklich, da wo sonst der kleine Laden war, hängt jetzt ein Schild, dass er ein paar Wochen geschlossen hat. Und das am ersten Tag meines Lebens als vorratslose Pilgerin.

You Seok entpuppt sich glücklicherweise als interessante Gesprächspartnerin mit hervorragendem Englisch. Es ist fast schon ungewohnt, mit einer Koreanerin ganz locker flockig plaudern zu können, ohne alles intuitiv mit reichhaltiger Gestik und Mimik zu untermalen. Sie erzählt, dass man in ihrem Betrieb bei 15 Jahren Betriebszugehörigkeit ein Geschenk bekommt, nämlich die Möglichkeit, bei halber Lohnfortzahlung ein halbes oder ein ganzes Jahr Auszeit zu nehmen. Sie hat sich für ersteres entschieden. Faszinierenderweise gibt es dieses Angebot einmal im Leben; wer nach 15 Jahren nicht möchte, aber vielleicht ein Jahr später, hat einfach für den Rest seines Lebens Pech gehabt. So sehr You Seok auch das Reisen und Pilgern gern hat, so betrüben sie aktuell ihre Füße ziemlich. Auch sie ist ein Exemplar der Gattung „es tut alles irgendwie weh“, kann aber nicht sagen, wo genau was. Sie will sich jetzt einfach in Minietappen nach Santiago schleppen, Zeit hat sie ja zum Glück noch ein halbes Jahr.

Noch mehr asiatisches Flair findet sich unter unserem Baum ein. Irgendwie kommt mir der Radpilger seltsam bekannt vor. Der Groschen fällt, ich kenne ihn aus Burgos. Er ist mir damals schon aufgefallen mit dem Fußpilgerrucksack auf dem Gepäckträger. Er scheint froh zu sein, ein wenig Pause machen zu können. Er kommt aus Taiwan, ist schon seit Monaten unterwegs, hat gerade halb Russland und die Türkei durchquert, hat seinen Laptop in den Satteltaschen und sich das Rad extra auf dem Camino gekauft, weil er so das Gefühl hatte, dass er jetzt zum Radpilgern bestimmt ist. Eine sehr sympathische Erscheinung mit einem ordentlichen Schuss Spontaneität und Verrücktheit.

Während wie weiter warten, biegen immer mehr Pilger suchend um die Ecke. Einige wollen weiter, einige zu anderen Herbergen. Eine Pilgerin gewinnt innerhalb von Sekunden nicht gerade meine Sympathie, indem sie ohne vorherigen Gruß fragt, ob das die beste Herberge wäre. Ich sage, dass es die englische Herberge ist und die gut sein soll. Was sie wissen will, ist, ob es DIE BESTE ist. Ich sehe schon ziemlich rot angesichts ihres Tonfalls. Sie guckt mich etwas spöttisch und mitleidig an, dass ich vor einer Herberge warte, ohne definitiv zu wissen, ob es die beste ist. Dafür fragt sie dann noch, ob die denn auch wirklich sauber wäre. Ich spare mir jeden weiteren Kommentar, aber vermutlich spricht mein Gesichtsausdruck Bände, und ich bin heilfroh, als sie mit erhobenem Näschen erstmal weiter stolziert.

Der nächste Pilger will wissen, wo es zur Herberge geht. Ich bin noch restgereizt und fauche ihn schon fast an, zu welcher er denn will (zur besten oder zur saubersten oder sonstwas, ohne meinen Anwalt sage ich gar nichts mehr). Er guckt etwas verstört und retardiert, meint dann, dass „municipal“ schon recht wäre. Ich weise ihm die Richtung, die er nicht kapiert. Ich deute auf das Schild in Pfeilform, was keine 10 Meter vor ihm nach links weist. Er guckt mich nur an wie ein Schaf. Irgendwann springe ich schon todesmutig barfuß durch die Mischung aus Blättern und Hornissen, um ihm dieses vermaledeite Schild zu zeigen. Er guckt mich immer noch entgeistert an wie ein Schaf und denkt sich vermutlich „schon gut, schon gut, ich wollte doch nur einen Weg wissen“.

Glücklicherweise rappelt es endlich hinter dem eleganten Tor an der elegant gemauerten Herberge (ich kann mich nicht erwehren, „very british“ zu denken), und ein Traum von einem Hospitalero begrüßt uns mit „welcome to paradise“. Brendan ist mir auf Anhieb sympathisch, ein resoluter Pilger durch und durch – und ein sehr stolzer Hospitalero. Er ist hier mit seiner Frau, und an einem Klapptisch im Innenhof wird nun erstmal die Begrüßung zelebriert. Ob es okay ist, die für You Seok und mich nur einmal zu machen. Äh, ja. Madame instruiert uns liebevoll gut 10 Minuten über Waschmöglichkeiten, ihr selbstgekochtes Birnenmus mit Fallobst aus dem herbergseigenen Garten, die Anzahl Residualspaghetti in der Küche, die wir nehmen dürfen, den Modalitäten der Messe und vielem mehr. Ein bisschen wird die Herzlichkeit höchstens von dem etwas verbiesterten „we don’t want that“ getrübt, was sie alle paar Minuten einstreut. So werden wir belehrt, dass wir gar nicht im Schlafsaal rauchen dürfen. We don’t want that. Och nööööö.

Brendan geleitet uns dann persönlich in die oberen Räume, zeigt uns den wunderbaren Rundblick vom Balkon, den Garten, die Waschräume. Alles ist picobello sauber – und eben einen Hauch von british.

Ich sprinte etwas hyperaktiv durch die Gegend, hänge meinen Schlafsack von einem Bettwanzen-Hinweisplakat inspiriert auf die Wäscheleine in die Sonne und wasche im Garten meine Pilgermontur mit derart eiskaltem Wasser, dass meine Finger nachher so steif sind, dass ich nicht mal mehr meine Socken auswringen kann. Muss ich auch nicht, denn Brendan naht schon hilfsbereit und aktiviert die Wäscheschleuder für mich. Ich bin begeistert, als literweise Wasser unten herausfließt und meine Socken wirklich nahezu trocken an die Leine können.

Nachdem ich mehrmals das weitläufige Gelände durchquert habe, weil mir immer noch irgendein Artikel aus dem Schlafraum einfällt, sobald ich gerade unten im Garten bin, sitze ich endlich wirklich paradiesisch in der Sonne im riesigen Garten, während die Frau des Hauses bereits akribisch mit einer Kehrschaufel ein vom Baum fallendes Blatt empfängt. Ich schreibe Tagebuch und unterhalte mich mit You Seok, als zu meiner unbeschreiblichen Freude die beste, sauberste Pilgerin ihre Wäsche auf die Leine schmeißt und sich zu uns setzt. Die Bühne gehört komplett ihr, während sie uns theatralisch illustriert, wie sie in jeder größeren Stadt eine Parfümerie sucht, sich dort hineinschleppt und wie eine Sterbende danach ruft, mit Parfum besprüht zu werden. Der Auftritt ist wirklich big drama, nicht schlecht. Die Stirn in tiefste Kummerfalten gelegt, eine Hand in der Herzgegend verkrampft, die andere anklagend gen Himmel gerichtet, dazu die lamentierende Stimme. Noch besser ist aber eigentlich You Seoks Gesichtsausdruck dazu. Wir leiden wohl beide nicht so furchtbar drunter, auf dem Camino kein Parfum zu haben, aber You Seok mit ihrem schwarzen Kochtopfschopf und dem wenig mimosenhaften Auftreten ist noch echt cool.

Ich bin schon fast geneigt, die Argentinierin unterhaltsam zu finden, als sie auch schon mit ähnlich herzverkrampfter Haltung die morgige Etappe zu einem Drama vertextet. Nicht, dass You Seoks Mimik in irgendeiner Weise auf Beunruhigung schließen lassen würde; trotzdem fühle ich mich zum Widerspruch gedrängt. Wenn man nur langsam genug in kleinen Schritten läuft, ist auch eine Steigung nicht viel anstrengender, als weitausholend durchs Flachland zu preschen. Neinneinnein. Argentinien belehrt mich eines besseren, wie bei einem BelastungsEKG nämlich die Herzfrequenz steigt. Ich wiederhole (schon wieder leicht gereizt), dass man darum ja einfach langsame, kleine Schritte machen kann und hier ja auch keiner von einem BelastungsEKG redet. Dochdochdoch. Sie hat sowas nämlich schon mal gemacht, und wenn man da dann ganz arg belasten muss, kommt man so richtig ins Schwitzen und das Herz schlägt schneller… bei mir schwillt vor allem gerade irgendeine Ader an der Schläfe an, und ich kann nur noch ganz schwer ein „are you a doctor? Otherwise shut up“ unterdrücken. Da bin ich nun ein mustergültiger Pilger mit leerem Rucksack und leerem Magen, aber überhaupt nicht mitmenschenfreundlich gelassen, tolerant und liebevoll. Toller Tausch.

Für den Abend haben You Seok und ich die Spaghetti-Reste auf dem Plan, aber wegen morgen mache ich mich auf zu der anderen Herberge, wo es zumindest Bocadillos geben soll. Welch ein Zustand, ich werde morgen auf eine Etappe Einsamkeit gehen mit nichts als einem Bocadillo.

In der anderen Herberge ist ordentlich Trubel; ich bin ganz froh, very british abgestiegen zu sein. An einem langen Bartresen warte ich auf mein Tortilla-Bocadillo zum Mitnehmen, ich rechne mir damit die meisten Kalorien aus. Was ich nachher für wieder einmal schlappe 3 Euro in Händen halte, ist ein Traum von einem Brot. Die Tortilla ist fluffiges Ei mit zarten Kartoffeln, zu einer saftigen Einheit mit dem knusprigen Baguette verschmelzend. Zurück in der Herberge halte ich schon ein klägliches halb so großes Alufolienpäckchen in Händen. Ich bin hin und hergerissen, nochmal zurück zu gehen. Eine Etappe Einsamkeit mit einem halben Bocadillo. Irrsinn. Aber wieder einen vollgehamsterten Rucksack und kiloweise Bocadillos bis nach Ponferrada schleppen, das geht erst recht nicht.

Die Herberge hat sich zwischenzeitlich noch recht gut gefüllt. Ich starte eine kollektive Meinungsumfrage, wer alles Lust auf Spaghetti zum Abendessen hat (schließlich ist unser geplantes Essen ja Allgemeingut). Glücklicherweise hat außer der Argentinierin und einem jungen Franzosen jeder auswärtige Pläne. Wir beginnen zeitig zu kochen, nachdem ich um 7 zur Messe will. Mit leicht schlechtem Gewissen, denn Madame hat mich vorhin (beim Birneneinsammeln) hoffnungsfroh gefragt, ob ich da nachher in der Messe ein paar Worte in Englisch verlesen will. Geschockt habe ich verneint, habe ich doch Mikrofon-, Kirchen-, Öffentlichkeits- und Ausspracheangst in einem. Zum einen tut es mir leid, sie enttäuscht zu haben, zum anderen ist es wieder einer der vielen Caminofälle, wo ich mit einem Ziehen an meinem Herzen merke, dass ich mich zu einem Schritt überwinden sollte. Und es fühlt sich mal wieder denkbar dämlich an, versagt zu haben und nun nicht in der wunderbaren Kirche ein paar wunderbar stimmungsvolle Worte Gottes zu verlesen. Scheiße.

In der Küche überlasse ich weitgehend You Seok das Regiment, sie scheint da deutlich praktischer und zupackender zu sein (und eliminiert entschlossen meinen zu kleinen Spaghettitopf). Dafür hält mich der junge Franzose in Atem. Irgendwas stimmt absolut nicht mit ihm. Vorhin lag er auf seinem Bett, als hätte er hohes Fieber. Er hat ein graues Gesicht und blaue Lippen, gleichzeitig schwitzt er. Wir drei sind ziemlich betreten mit ihm. Argentinien fragt direkt feinfühlig, ob es ihm gut geht, was er bejaht. Einerseits versteht er offensichtlich Spanisch, Englisch und natürlich Französisch, trotzdem scheint er Mühe zu haben, auf eine Frage zu antworten, es scheint ihn sehr zu stressen, sich darauf konzentrieren zu müssen. Er wirkt total fahrig und rastlos. Entweder er hat Entzugserscheinungen oder Panikattacken oder sonstwas. Als das Essen endlich fertig ist, schaufelt er seine Portion in Windeseile in sich hinein. Er fragt, ob sonst noch jemand Nachschub will und kippt den Rest direkt aus dem Topf auf seinen Teller, während die Argentinierin ihm noch helfend schöpfen will. Ihr entfährt ein „der isst ja wie ein Verhungernder“, woraufhin er mit flackernden Augen „ja“ sagt. Die Tischgesellschaft ist generell recht betreten, es wird auch nicht besser, als er uns kurz informiert, dass er seit 2 Monaten unterwegs ist und in SJPdP angefangen hat. Das hat You Seok auch, aber vor 3 Wochen. Offensichtlich hat er nichts, zu dem er eilig zurückkehren müsste. Die Argentinierin rangiert derweil wieder treffsicher auf Fettnäpfchenkurs, während sie philosophiert, wie alt das Knäblein wohl sein mag. Zwischen hastigem Schlingen sagt er „31“. Ich hätte ihn auch jünger geschätzt, aber gut. Nicht so für die Dramaqueen, die ihm minutenlang erklärt, dass es 21 heißen muss, und 31 ja drei, drei Finger, wäre. Er guckt sie flackernd an, als würde er sich gleich in einen grauen Werwolf verwandeln.

Nachdem wir uns alle mehr als einig sind, dass er nicht beim Abspülen helfen muss, räumen wir dann zu dritt recht bedrückt die Küche wieder in Ordnung. Dieses graue Gesicht mit den Schweißperlen und den hellen, gehetzten Augen verfolgt mich noch lange.

Ich schleppe You Seok mit in die Messe, und selbst Drama kommt mit, allerdings nur wegen der gregorianischen Gesänge und wirklich nicht wegen der Messe, weil mit der Katholischen Kirche hat sie es gar nicht mehr, ganz schlechtes Karma. Ich will das schon gar nicht mehr wissen.

Punkt 7 kommt ein Mönch in schwarz vom neben der Herberge liegenden Konvent. Ich sehe die Gesänge in weite Ferne rücken, allerdings hatte mich Brendan ja schon vorgewarnt, dass es gerade nicht viele Mönche hätte und der eine schon ein Fortschritt wäre. Dafür ist der ein sehr junger und ausgesprochen attraktiver Fortschritt, der erstmal mit einem tollen Lächeln und einer samtenen, leisen Stimme jeden fragt, woher er kommt und welche Sprache er will. Ich bin superfein mit Englisch oder Spanisch, aber nein, nein, er schaut dann schon, dass er noch etwas in deutscher Sprache einbaut.

In Ermangelung eines freiwilligen, der englischen Sprache gut mächtigen Pilgers (arg) liest Brendan einleitend einen Text. Die Predigt gestaltet sich multilingual, allerdings ohne Gesänge, woraufhin jemand dann theatralisch die Haare nach hinten wirft und die Kirche verlässt. So richtig berührte Kirchenstimmung kommt bei mir (wie schon seit längerem) nicht auf. Diesmal könnte es auch nicht unbedeutend an der Person des Mönchs liegen, der meine Gedanken weitgehend dahin okkupiert, warum so ein toller Mann ausgerechnet Mönch werden muss.

Nach der Messe sitze ich noch kurz in der Kirche, während hinter mir jemand wild Fotos macht. Es klickt und blitzt minutenlang, bis ich es mit der Kirchenstimmung für heute wirklich aufgebe. Der Mönch schließt mit einem beeindruckenden Riesenschlüssel, den er an einer Kordel um die Taille trägt, hinter uns ab. Eine Österreicherin verwickelt ihn in ein interessantes Gespräch über die Zukunft seines Ordens hier und seiner Herkunft. Er hat vorher 4 Jahre in München gewirkt, was natürlich auch die fließenden Sprachkenntnisse erklärt. Und mit den gregorianischen Gesängen würde es so schnell auch nichts mehr. Nächste Woche käme zwar noch ein Zusatzmönch, aber der Bruder Weissnichtwas könnte nicht so gut singen (wozu er sehr charmant grinst). Neben mir mache ich die Ursache des fotografischen Dauergewitters aus; ein älterer Pilger aus Thailand ist begeistert von der Kirche, dem Mönch und dem Schlüssel. Nach dem etwa hundertsten Bild grinst der Mönch mitten im Gespräch kurz und meint, ob der denn jetzt irgendwann mal fertig wäre. Der halb so große Thailänder versteht das natürlich nicht, lächelt nur total begeistert und knipst strahlend weiter. Schon bekomme ich den Foto in die Hand gedrückt, Thailänder mit Mönch mit Schlüssel. Der Knabe kennt da wirklich nichts, er stellt sich breit grinsend neben den Mönch und legt ihm den Arm um die Schulter. Die wahlbayrische Frohnatur ist sichtlich hin- und hergerissen zwischen Erstaunen und Amüsement, während die Österreicherin noch tapfer an ihrer Fragerunde festhält. Ich übergebe den Foto wieder, der Thailänder ist sichtlich erfreut und möchte jetzt nur noch den imposanten Schlüssel in Großaufnahme für seine Kollektion. Dazu rückt er dem Mönch mal wieder derart auf die Pelle und nestelt an dessen Kutte herum, dass diesem dann doch ein „jetzt reichts aber mal!“ entfährt. Man hats nicht leicht.

Derweil hat der fürsorgliche Spitzenhospitalero schon ein Feuer im Kaminzimmer entfacht, um restliche Wäsche zu trocknen und den Schlafsaal direkt darüber zu beheizen. Wir sitzen gemütlich zusammen, ich tausche Emailadressen mit You Seok aus, höre mir Brendans spannenden beruflichen Werdegang an und seine Pilgererfahrungen. Ein bisschen betrübt zeigt er sich vom Pilgerrückgang in den letzten Jahren. Früher gab es in Foncebadón keine Übernachtungsmöglichkeit, auch in Rabanal waren die Betten spärlich gesät. Die englische Herberge war mit die einzige Möglichkeit, vor den Bergen zu übernachten. Interessant finde ich auch die Hospitalero-Modalitäten in dieser Herberge: um zwei Wochen hier arbeiten zu „dürfen“, muss man sich mindestens ein Jahr im Voraus anmelden, der Job ist heiß begehrt. Dass es eine absolute Ehre und Kür für Brendan ist, merkt man ihm auch mit jeder Pore an. Es überrascht mich dagegen nicht weiter, als er erzählt, dass seine Frau selber noch nie gepilgert ist (und es auch nicht will). We don’t like that.

Ich flechte noch halb panisch an meinen Bändeln. Ich möchte You Seok auf alle Fälle eins geben, und eigentlich auch Brendan. Allerdings habe ich langsam etwas Materialmangel und außerdem gestandene-Männern-könnten-kitschige-Bändelgeschenke-doof-finden-Angst. Wieder zieht mein Herz, und wieder schaffe ich es nicht, den kleinen Schritt zu machen.

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Ab ca. 4 Uhr morgens bin ich so gut wie hellwach, schaue alle 10 Minuten auf die Uhr, während mich meine unruhigen Gedanken von gestern morgen wieder umtreiben. Ich sehne mich nach meiner Stirnlampe, um loslaufen zu können, sobald ich wach bin, anstatt jetzt idiotisch ins Dunkel zu starren, auf das monströse Schnarchen von zwei männlichen Radpilgern zu lauschen und Kristian alle 10 Minuten husten zu hören, als gäbe es kein Morgen mehr.

Ich harre tapfer bis 6 Uhr aus, aber dann stopfe ich alles geräuschlos in meinen Schlafsack und mache mich davon. Im Essraum packe ich alles ordentlich zusammen und finde sehr dankbar noch ein Brötchen vom ersten Tag, das in diesem Moment hervorragend schmeckt. Dann will ich nur noch weg und laufen.

Astorga im Dunkeln ist unheimlich, aber bald dämmert es, und ich bin außerhalb der Stadt. Hinter mir geht die Sonne auf, schon zum dritten Mal fühlt sich die Landschaft an wie der ultimative Energiespender, ich komme zur Ruhe und fühle mich einfach in einem sorglosen Flow.

In Rabanal freue ich mich auf den Mercado und endlich etwas zu essen. Der Laden ist der Hammer, es hat auf kleinstem Raum wirklich alles, vor allem in Pilgergröße. Ob nun einzelne Taschentücher oder Marmelade. Mir stechen auch Batterien ins Auge, und ich beschließe, meiner Stirnlampe noch eine Chance zu geben. Außerdem bin ich erleichtert, eine große Flasche Wasser erstanden zu haben. Ich bin lange nur noch mit einer Halbliterflasche gelaufen und habe immer wieder an Brunnen aufgefüllt. Heute ist mir dann siedendheiß eingefallen, dass es den ganzen Tag über keinen Brunnen gibt und ich mit meinem halben Liter über den Berg vielleicht etwas alt aussehen könnte.

Zum Abschied bekomme ich aus einem großen Sack eine Handvoll Haselnüsse.

Leider helfen die neuen Batterien auch nichts, ich könnte heulen. An einer Stelle ist eine Batterie ausgelaufen und alles korrodiert. Ich versuche, mir meinen praktischen kleinen Bruder ins Gedächtnis zu rufen und dass man Kontakte herstellen muss. Ich kratze wie eine Wilde mit einer Sicherheitsnadel herum, aber nichts tut sich. Ich will gerade aufgeben, als mir auffällt, dass ich die Batterien allesamt verkehrt herum eingelegt habe. Ich drehe sie um – und es leuchtet.

Ich bin richtig high und ziehe mich bei beginnendem Regen in die kleine Kirche zurück. Ich möchte bis Foncebadón weiter, aber aus leidvoller Erfahrung möchte ich dieses Jahr nicht wieder einen Wetterwechsel riskieren. Ich will abwarten und weitersehen. Ich freue mich über meine über die Jahre gelernte Gelassenheit, und ich freue mich an der Kirche, die mittlerweile schon über richtige Sitzbänke verfügt und mit der es aufwärts zu gehen scheint.

Ich richte mich gerade häuslich vor der überdachten Kirche ein, um zu essen, als ich einen Mönch draußen sehe, der auf Englisch einem Pilger zu erklären versucht, dass die Herberge leider erst um 16.00 aufmacht. Ob man denn dann wenigstens etwas einkaufen könne. Ich schiele um die nächste Säule, erkenne Kristian und winke mit meiner gefüllten Supermarkttüte. Er lacht und erklärt dem Mönch, ich wäre sein Schutzengel.

Der Mönch stellt sich als Deutscher heraus, der jetzt gleich eine Messe hält und dazu noch Mitstreiter sucht. Ich bin begeistert, vor allem angesichts des eh kalten Regenwetters. Ich schaffe noch schnell ein Stück Brot vor der Messe, Kristian kommt leider erst im letzten Moment, was ihm sein Lieblingswort entlockt.

Die Messe singen drei Mönche in gregorianischen Chorälen, aber es bewegt mich nicht. Vielleicht bin ich zu unentspannt, weil es mitten am Tag ist und ich noch weiterlaufen will. Vielleicht irritiert mich Kristian, der sich sehr unwohl zu fühlen scheint und dessen Magen lautstark knurrt. Aus der Predigt bleibt mir ein Satz haften – vom Zusammenhang, dass man einfach jeden Tag sein Bestes geben soll und im Sinne Gottes leben, dann schaut Gott nach dem Rest. Angesichts meiner panischen weltumwälzenden Gedankentiraden irgendwie versöhnlich.

Bei der Kommunion verlässt Kristian die Kirche. Zum ersten Mal wird hier die Oblate in Wein getaucht, irgendwie ist mir danach auch nicht zumute. Ich bin froh, als die Messe vorbei ist.  So wie ich mit meinem spanischen Pilgerfreund José Messen sehr bereichernd erlebt habe, von seiner Religiosität angesteckt und entflammt wurde, so zerstört Kristian mit seiner linkischen Art, seinem Gerotze und Gefluche meine Stimmung. Das Wetter ist soweit stabil und ich will einfach nur wieder weg hier. Laufen, meine Ruhe haben, allein sein.

Direkt nach Rabanal treffe ich auf Luca von gestern abend. Er scheint einer Unterhaltung nicht abgeneigt, und ich bin mit einem Schlag auch besänftigt. Er ist lustig und intelligent, gleichzeitig erinnert er mich an Angelo. Er hat auch einen fürchterlich langen Pilgerstab, den gleichen lustigen Akzent im Englischen und ein ähnliches Temperament. Wir laufen zusammen die eineinhalb Stunden bis Foncebadón, derweil erzählt er mir von seiner Musik, seiner Beziehung, seinen Selbstzweifeln und von einem deutschen Freund, den er hier kennengelernt hat und den er bereits am Wochenende in Mélide wiedertreffen will. Deswegen möchte er heute auch möglichst weit kommen und bis Manjarín laufen. Ich warne ihn etwas vor, aber das Wiedersehen mit dem Freund scheint ihm alles wert zu sein. Bei einer Rast überholt uns Kristian, der sich nun wohl doch umentschieden hat und nicht in Rabanal geblieben ist.

In Foncebadón tausche ich mit Luca Emailadressen aus, und wir verabreden uns lose für morgen früh; als Frühlosläufer werde ich ihn wohl einholen.

Letztes Jahr hatte ich mich so auf die Pfarrherberge gefreut, die dann geschlossen hatte. Diesmal habe ich mich mit einer privaten Herberge eigentlich schon angefreundet, aber probehalber gehe ich trotzdem die paar Schritte weiter – und wirklich, im Nieselregen vor der Herberge spielt ein CD-Player. Ich bin hin- und hergerissen, was ich jetzt machen soll, lasse wieder meine Intuition entscheiden- und bleibe da. Hinter der dicken, klemmenden Tür am Empfang sitzt schon der Norweger, was mich kaum mehr überrascht.

Der Hospitalero ist Kanadier und erklärt uns liebevoll das Procedere. In der Miniküche kochen er und ein Freund heute abend für uns, im Aufenthaltsraum hat es einen warmen Gasofen, sonst leider wenig Warmes. Der Schlafsaal wirkt riesig, düster und kalt. Die Dusche ist zwar heiss, aber die Luft ist so kalt, dass meine Atemluft raucht. Ich verkrieche mich in den Aufenthaltsraum an den Ofen und lasse mich schön durchrösten.

Die beiden Hospitaleros beginnen ab dem Nachmittag zu kochen, und sie scheinen etwas davon zu verstehen. Der später Dazugekommene ist mir auf Anhieb sympathisch. Wir reden ein wenig über die Eckpunkte des Pilgerns, warum und wieso, aber was der eine sagt ist das, was der andere genauso fühlt. Zum Beispiel meint er, am wohlsten würde er sich auf dem Camino fühlen, aber es wäre schwierig, das seiner Frau und seiner Familie gegenüber zu vermitteln, ohne dass es falsch verstanden würde. Ich weiß genau, was er meint; vielleicht fühle ich mich auch deswegen so wohl und betreut hier.

Im Schlafsaal brennt mir eine Frage auf der Zunge. Ich frage Kristian, ob er sich selbst eigentlich gern hat. Die Reaktion spricht für „Treffer. Versenkt.“. Ich verstehe nicht, wieso ich seit gestern abend eine ganz komische Verbindung zu ihm habe. Seit ich ihm das Bändel um das Handgelenk gemacht habe, fühlt mein Herz jede negative Schwingung bei ihm (und er hat viele). Wir sitzen zusammen im warmen Aufenthaltsraum, er sitzt allen Ernstes annähernd ruhig, und wir reden recht persönlich. Da erschlägt mich die nächste Eingebung aus dem Hinterhalt. Meine Hände sagen, sie wollen heilen. Ich ignoriere das mal, zumal Kristian schon im Schlafsaal so weit in eine hintere Ecke gezogen ist, dass es mich wundert, dass er nicht gleich draußen zeltet, und auch hier sitzen wir jeder an einem Ende des Tisches. Er scheint eine gewisse Phobie vor Nähe zu haben, aber meine Hände wollen immer noch heilen. Nachdem er jetzt auch seinen Fuß auspackt und sorgenvoll betrachtet, fragt etwas in mir, ob ich ihm mal Hände auflegen soll. Er meint „okay“ und ich denke „schöne Scheiße, was mache ich hier eigentlich, ich kann doch weit und breit nicht heilen?!“. Sein Fuß sieht echt schlimm aus, total aufgedunsen, und ich lege mal zaghaft meine Hände drumrum. Er meint fasziniert interessiert, dass das ja alle Heiler so machen, dass die Energien dann von rechts nach links fließen. Ich danke Gott, dass meine Hände zufällig richtig liegen. Nach 5 Minuten meint er, es würde sich jetzt ganz toll anfühlen. Ich denke nur „herrje“ und flüchte zum Händewaschen alias schlechte Energien ableiten.

Glücklicherweise gibt es bald Abendessen, und weitere unkontrollierbare Schnapsideen meinerseits bleiben aus. Wir sind leider immer noch nur zwei Pilger und zwei Hospitaleros, dabei haben die beiden unheimlich liebevoll zwei verschiedene Suppen, Tortilla und Spaghetti mit Thunfisch gekocht. Ich bin unheimlich glücklich in dieser kleinen Runde, als es klopft und Chuck sich zum Abendessen einlädt. Er logiert in der privaten Herberge, aber dort ist ihm das Essen zu teuer. Das hier ist alles Donativo, d.h. auf Basis von freiwilliger Spende. Heute spende ich mehr als jemals zuvor, aber für Chuck ähnelt Donativo „fast gratis“. Und Kristian hat auch schon verlauten lassen, dass er heute einfach eine Gratisherberge gebraucht hat, weil er nur noch 6 Euro hat bis zum nächsten Geldautomaten.

Allein beim Anblick von Chuck vergeht mir der Appetit. Er redet ohne Unterlass, im wesentlichen davon, wie toll er ist. Er erzählt von seinem Blog, dass er in Google Nummer 1 ist, wenn man Spanien und perverse Sachen eingibt, weil klar, er weiß ja, wie er auf sich aufmerksam machen kann… ich bekomme schier Brechreiz. Abschließend setzt er an zu „hey guys, also jetzt mal im Ernst, der Camino wird doch einfach nur maßlos überschätzt. Klar, man hat hier jeden Abend ein warmes Bett und das Laufen tut gut, aber sonst ist doch nichts, oder?“. Kristian scheppert lautstark seine Teller zusammen und beginnt mit dem Abräumen, und auch ich verlasse fluchtartig und dankbar den Raum. Wir spülen zusammen ab, als mein Lieblingshospitalero mir zuraunt, ob der da drinnen ein Freund von mir wäre. Mein Blick ist wohl eindeutig, und er meint „ein Glück!“. Das macht ihn mir nochmal doppelt so sympathisch.

Während wir einträchtig abspülen (und Kristian kritisiert, dass noch Spülmittelreste auf den Tellern wären und die nicht festtrocknen dürften; er wäre später gerne mal Hausfrau), überfällt mich eine gewisse Beklommenheit und Traurigkeit. Ich fühle mich endlos verbunden mit diesem Chaoten, und er fragt prompt auch, ob ich gerade happy wäre. Als ich verneine, fragt er, ob es daran liege, dass ich abspülen müsse. Als ich wieder verneine, ist er still. Ganz ehrlich breche ich aber fast gleich in Tränen aus. Ich habe einen beschissenen riesigen Topf mit Linsenresten zum Spülen, und auch wenn ich seit 5 Minuten schrubbe, es werden irgendwie immer mehr Linsenreste. Ich ertappe mich dabei, die Linsenreste schon als „fucking“ zu titulieren, und das macht mich erst recht unglücklich.

Zum Glück gibt es nun noch eine Messe, nur für mich, weil Kristian für heute wohl schon genug Messe hatte. Darüber bin ich auch erleichtert. Wir sitzen zu dritt in der Kirche, die man direkt durch den Schlafsaal betreten kann. Ich bekomme Texte in Deutsch zum Vorlesen, lustigerweise die, die ich bereits im Vorjahr in Ponferrada gelesen habe. Ich darf den spanischen Pilgersegen lesen, die Kanadier lauschen geduldig meinen spanischen Leseversuchen. Zum Abschluss singen wir „Hallelujah“ von Leonard Cohen, zum Glück in einer abgeänderten Version. Sonst hätte ich mich leider weigern müssen. Ich hatte noch nie so Probleme mit einem Lied wie bei der Stelle „it’s a cold and it’s a broken hallelujah“.

Mein Hospitalero nimmt mich zum Abschied nochmal sorgenvoll zur Seite; ich wüsste ja, wo sie schlafen, falls irgendwas sein sollte. Ich denke an den verklärten Vortrag über festtrocknendes Spülmittel und versichere ihm, dass nichts irgendwie sein wird.

Kristian liegt schon im Bett, er schaut sich gerade seine Digitalfotos an. Er hat die Brücke von Hospital de Órbigo und meint, lustig, und 5 Meter später kamst Du. Ich finde es weniger lustig. Davor hatte ich mich unter Kontrolle und habe nicht spinnende Hände gehabt und komische Sachen gesagt. Ich bekomme seine Emailadresse. Ich schnappe mir 4 Decken gegen die Kälte, sage „Gute Nacht“ und haue meine Ohrstöpsel rein. Bestimmt zwei Stunden lang wache ich immer wieder auf, weil Kristian irgendwas sagt. Ja, denkt der denn, ich höre da ewig zu? Einmal sagt er, sein Fuß fühle sich unglaublich an, wie neu. Ich denke nur scheißescheißescheiße.

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Seit langem gönne ich mir mal wieder ein offizielles Herbergsfrühstück, das hier Hotelcharakter haben soll. Bis ich mich durch die diversen Kuchen und Säfte durchgearbeitet habe, sind die meisten Pilger schon wieder aufgebrochen. Ich will auch gerade aufstehen, als die beiden Deutschen vom Vorabend kommen. Nachdem sie sich zu mir setzen, bleibe ich noch ein bisschen und höre mir ihre Geschichte an. Eigentlich wollten sie die Via de la Plata laufen, aber irgendwie war das nicht nach ihrem Gusto. Zu heiß und zu wenig Herbergen, deswegen sind sie jetzt kurzerhand mit dem Bus hierher in den Norden gefahren. Einer der beiden, ein sportlich Schlanker, ist den Weg letztes Jahr schon gelaufen, und diesmal hat er seinen Kumpel auch dafür begeistert. Besagter Kumpel ist ungefähr dreifach so dick und schwitzt schon beim Frühstücken. Deutlich sympathischer als gestern Abend werden sie mir auch jetzt nicht; ihre Art, an allem herumzumeckern und sich zu echauffieren passt mir nicht.

Ich verabschiede mich von „meinem“ Hospitalero, der mir irgendwie schon ganz vertraut ist. Ich bedanke mich und sage ihm, dass er ein toller Hospitalero ist und ich dank ihm ein ganz tolles Flair und einen sehr entspannenden Aufenthalt geniessen durfte. Er meint, ich wäre eine gute Pilgerin. Nur den Guten würde so etwas überhaupt auffallen.

Das heutige Etappenziel ist Foncebadón, worauf ich mich schon sehr freue. Ein ehemals verlassenes Dörfchen, jetzt schon wieder besiedelt, aber immer noch mit einem Hauch von Einsamkeit behaftet und schön in den Bergen gelegen. Angelo kennt die dortige Herberge mit gemeinsamem Kochen und Andacht, genau richtig.

Der morgendliche Weg führt wieder über sandig roten Boden, eingerahmt von rauen, farbenprächtigen Büschen. Ich bin als eine der Letzten gestartet und sehe jetzt also ungewohnt viele Rucksäcke und Stöcke vor mir. Ich lege meinen Schnellschritt ein und überhole Stück für Stück, ich brauche morgens einfach meine freie Sicht und meine Einsamkeit. Ich überhole auch Angelo, der wie üblich fest eingemummelt in sein Stirnband und Kapuze meditativ vor sich hinschleicht. Er ist definitiv das Langsamste, was ich jemals auf dem Camino gesehen habe.

Der Weg hier ist eines meiner Lieblingsstücke, genauso wie die Kirche in Rabanal einer meiner Lieblingsorte ist. Sie sieht noch genauso aus wie vor einem halben Jahr, genau die gleiche Baustelle, immer noch wackelige Holzbretter als Bankersatz. Ich bin direkt wehmütig, dass ich heute weitergehen werde und die Messe hier verpasse.

Mir gefallen vor allem Strecken, die fernab sind von Städten oder Straßen, insofern bin ich hier genau richtig. Soweit das Auge reicht, ist nichts außer im Wind wehenden Sträuchern oder Berggipfeln in der Ferne. Gegen Mittag habe ich Foncebadón erreicht, aber meine geplante Herberge ist verwaist und geschlossen. Ich gehe zurück zu einem der wenigen Häuser zu Beginn des kleinen Dorfes. Dort herrscht deutlich mehr Betrieb. Die Tische in der Bar sind restlos bevölkert, und um überhaupt hinein zu kommen, muss man ordentliche Musikbeschallung über sich ergehen lassen, die mich an eine österreichische Skihütte erinnert. Ich frage den Besitzer nach der Herberge oben, und wie ich befürchtet hatte, sie macht erst später im Jahr auf. Bei ihm könne man theoretisch auch schlafen, aber das geht für mich absolut nicht. Auch die dritte (und damit letzte) Schlafgelegenheit in Foncebadón hat auf den ersten Blick eher Hotel- als Herbergscharakter, sodass ich mich höchst spontan entschließe, einfach weiterzulaufen nach Manjarín. Die Herberge dort soll wirklich ursprünglich sein.

Kaum habe ich Foncebadón hinter mir gelassen, zieht ein leichter Wind auf und schiebt Wolken vor meinen lückenlos blauen Himmel. Vor dem Cruz de Ferro wird es dann direkt ein bisschen neblig, und wenige Meter vorher setzt ein leichter Nieselregen ein. Ich denke „perfektes Timing“, ich habe nämlich noch nicht Mittag gegessen und überbrücke den kleinen Wetterwechsel gemütlich auf einem windgeschützten, überdachten Plätzchen mit unverbautem Blick auf das imposante Cruz de Ferro. Ich esse und esse, und so richtig besser wird das Wetter nicht. Irgendwann bin ich fertig mit essen, und mittlerweile regnet es wie aus Kübeln. Für einen Moment überkommt mich ein mulmiges Gefühl, ich bin hier wirklich ziemlich weit im Nichts, nach mir kommt diesen Weg heute wohl niemand mehr, und so ganz wohl ist mir der aufkommende Nebel nicht. Am Kreuz parkt neuerdings ein Wohnmobil, allerdings macht (verständlicherweise) keiner Anstalten, auszusteigen. Ein bisschen beruhigt mich diese Anwesenheit, habe ich doch das Gefühl, nicht ganz so allein zu sein.

Ich lege meinen von zu Hause mitgebrachten Stein am Kreuz ab. Wegen dem Regen wird das Ganze aber deutlich kürzer und unromantischer als geplant. Ich verziehe mich wieder in den trockenen Unterstand, aber langsam wird mir kalt. Und ich traue meinen Augen kaum, als es dann auch noch zu schneien anfängt. Heute morgen noch strahlender blauer Himmel und Sonne, nun windet und schneestürmt es hier. Mir wird immer mulmiger.

Plötzlich kommen zwei Gestalten durch den Schnee geeilt, eine läuft auf das Wohnmobil zu, eine kommt zu mir. Mein Exemplar ist ein junger Deutscher, der fröhlich strahlt und der plaudert, als wäre hier der normalste Tag auf dem Camino. Er erzählt mir, dass er mit einem spanischen Pfarrer unterwegs ist, und beide wiederum mit der Schwester des Pfarrers im Begleitfahrzeug, besagtem Wohnmobil. Sie haben immer Handykontakt und können sich umziehen oder aufwärmen, wann immer sie wollen. Nur gelaufen wird strikt selber. So kommt auch der Pfarrer dann irgendwann wieder aus dem Wohnmobil und wartet mit uns auf Wetterbesserung. Mittlerweile haben auch ein polnischer Vater und Sohn sowie ein italienischer Radpilger Schutz unter der Überdachung gesucht, und ich bin deutlich erleichtert. Vor allem der Italiener ist gar nicht glücklich mit dem Wetter, er findet es sehr gefährlich, aber nachdem ich jetzt nicht mehr alleine bin, ist mir das alles ziemlich egal.

Die beiden Herren mit Begleitfahrzeug wollen sich entlang der Fahrstraße auf den Weg machen, und ich sehe es als meine Chance, mich da anzuhängen und in sicherer Begleitung bis Manjarín mitzulaufen. Trotz Schneesturm brechen wir zu dritt auf. Der spanische Pfarrer ist halb so groß und doppelt so alt wie wir, aber er schlägt ein unglaubliches Tempo an. Muss man auch, denn es ist extrem kalt. Der Schnee kommt einem horizontal wie in großen Platten entgegen, ich muss mich alle paar Meter schütteln, um eine Schneeschicht von meinem Bauch zu bekommen. So gut meine Regenjacke bisher auch mitgemacht hat, hier ist nach wenigen Minuten Ende. Zu meiner Kapuze und am Hals kommt Schnee herein und fließt mir eiskalt in die unteren Schichten. Meine Hände sind feuerrot und nass, genauso wie die Ärmel meiner Jacke und meiner beiden Fleecejacken darunter. Ich trage im Moment alles Warme am Körper, und alles wird patschnass. Der Deutsche neben mir ist interessiert um Konversation bemüht, aber ich kann jetzt beim besten Willen nicht reden. Ich versuche, die Straße im Auge zu behalten und gleichzeitig mit tief gesenktem Kopf nicht allzu viel Schnee in die Augen und Jacke zu bekommen. Meine Gedanken kreisen absolut panisch um Erfrierungstod oder zumindest Lungenentzündung.

Als rechts von der Straße Manjarín auftaucht, setze ich alles auf eine Karte und biege ab. Wenn diese Herberge nun auch geschlossen ist, bin ich aufgeschmissen, denn so schnell wie wir gelaufen sind, sind die beiden anderen nach einer halben Minute schon in uneinholbarer Entfernung. Und allein kann ich das nicht laufen, ich bin schon in heller Aufregung gewesen auch mit der an sich tröstlichen Gesellschaft eines Pfarrers und Begleitfahrzeugs. Die Herberge ist dunkel, und mein Klopfen hallt ebenso dunkel ins Nichts. Nach einigen endlos schweren Sekunden öffnet sich die Tür dann doch – und für den ersten Moment bin ich selig.

Von Tomás, dem berühmten Hospitalero und Tempelritter in einem, habe ich schon viel gehört. Jetzt so in meiner verzweifelten Stimmung wirkt er etwas einschüchternd auf mich. Er zeigt mir einen Ofen in der Mitte des Raumes, an den ich mich setzen soll, und verschwindet murmelnd in einem anderen Raum. Die Herberge wird in Führern liebevoll von „einfach“ bis „speziell“ beschrieben. Die einzige Beleuchtung in Form einer Lampe von der Stärke eines Glühwürmchens lässt erahnen, dass sich in dem Raum entlang der Küchenflächen etwa 50 ungespülte und übereinandergestapelte Gedecke türmen. In der Spüle steht eine große Plastikwanne mit einer Flüssigkeit, die sowohl zum eventuellen Abspülen als auch gleichzeitig für alles andere dient, z.B. als Hundetränke und zum Händewaschen.

Es klopft an der Tür, und die beiden Polen kommen, um sich aufzuwärmen. Sie haben überhaupt keine Regenausrüstung, nicht mal eine Regenjacke, und auch nur Turnschuhe. Sie sind also noch verfrorener als ich und ebenso verzweifelt. Vermute ich zumindest, als der eine seine nassen Sachen direkt auf den heißen Ofen legt, „Hauptsache, sie werden trocken“, obwohl es ungut riecht und dem Material wohl eher weniger zuträglich ist. Ich bin erleichtert über die Gesellschaft, aber sie wollen nicht übernachten, sondern weiter, sobald es ihnen wieder etwas wärmer ist. Sie wollen bis runter ins Tal, entlang der Fahrstraße. Diese Möglichkeit kommt für mich nicht in Frage. Zum einen ist es noch richtig weit, mehrere Stunden, ich habe keine Ahnung, wie lang die Fahrstraße noch extra ist, es wird schon langsam dunkel, ich bin eh schon patschnass und eiskalt, und ganz abgesehen davon ist das die beste Strecke vom ganzen Camino, und die möchte ich sicher nicht im totalen Blindflug und in Erfrierungshalluzinationen zurücklegen.

Nachdem ich übernachten will, zeigt mir Tomás das Schlafgebäude. Eigentlich recht hübsch in einem Steinhaus mit (Natur-)Steinboden, dadurch natürlich reichlich kalt, aber stolz zeigt mir Tomás seinen neuen Ofen, den er dann auch extra für mich anfeuert. Etwas skeptisch macht mich höchstens sein Welpe, der, nass wie er ist,  begeistert auf allen Matratzen und auf meinen Sachen herumspringt. Ich versuche gerade das Beste aus der Lage zu machen, als Tomás schon wiederkommt mit drei Schwestern im Schlepptau, die hier auch schlafen wollen. Im ersten Moment bin ich erleichtert, allerdings sammeln sie bereits eine viertel Stunde später alles wieder ein, nachdem die eine die Freilufttoilette inspiziert hat und absolut geschockt stammelt, dass sie hier nicht bleiben kann.

So bin ich also wieder allein, noch dazu ist der Ofen auch gleich wieder ausgegangen, und in dem Steinhäuschen herrschen die gleichen Temperaturen wie draußen. Meine nassen Sachen hängen quer durch den Raum verteilt, aber wovon sollen sie trocknen. Zwar habe ich im Moment meine Zweitgarnitur an, ein trockenes T-Shirt und eine trockene Hose, aber ohne Fleecepulli ist es kalt, und um in das Haupthaus zu kommen, muss ich durch einen matschigen Hof und bin bei der aktuellen Lage gleich wieder nass.

Ich entscheide mich für Haupthaus und den warmen Ofen, allerdings ist es mit Tomás mühsam. Er redet von sich aus nichts, ich komme mir irgendwie wie ein Störfaktor vor. Wenn ich etwas frage, brummelt er eher missmutig eine Antwort. Er redet von Energien, die er spüren kann, manche Pilger hätten gute und manche schlechte, und guckt mich grimmig an. Er meint, 2012 würde die Welt untergehen. Mir macht das alles in meiner momentanen Situation einfach nur Angst, ich verstehe sein Spanisch kaum, ich verstehe nicht, was er mir sagen will oder was ich machen soll. Er sagt, um 8 gäbe es Abendessen. Das ist ja nett, aber ich weiß nicht, ob ich helfen soll oder kann, sitze also nur untätig dumm rum und fühle mich total beschissen.

Das Abendessen ist eine Suppe, von der ich lieber nicht wissen will, ob die Grundlage auch aus der Allzweckplastikschüssel kommt. Der Hund schlabbert vorher aus den Tellern und als die Suppe drin ist. Ich bin an sich nicht übermäßig heikel, aber vermutlich hätte mich das unter normalen Umständen eher gestört. Im Moment bin ich aber wie narkotisiert, fühle mich hilflos und ausgeliefert und hoffe einfach nur irgendwie, dass das rumgeht bzw. Tomás nicht mit mir böse ist. Irgendwann brummelt er etwas von seinem Hund (er hat viele), der weggelaufen ist, und geht raus. Ich sitze noch eine Weile, irgendwann kommt ein Mann, der Gemüse bringt und nach Tomás fragt. Ich habe aber auch keine Ahnung, wo der ist, nutze aber die Chance, das Haupthaus zu verlassen, solange mir jemand hilft, die Türen so zu öffnen und zu schließen, dass das restliche Heimtierarsenal nicht auch noch begeistert wegläuft.

Die Schlafhütte ist an sich romantisch und nett, denkt man an Sommer und eine lustige Mischung netter Mitpilger, die vielleicht auch noch Spanisch können. Tomás ist ja schließlich auch ein netter und interessanter Mensch, wenn er einen nicht gerade in einem Moment erwischt, in dem einem alles und jedes Angst macht. Aber jetzt so allein bei Eiseskälte ist die Hütte der Horror. Es gibt eine dicke Holztür, zum Glück mit einem tollen, schweren Riegel, den ich erstmal begeistert vorschiebe. Aber über und unter der Tür sind schlappe 20 cm Luft, draußen hört man Hunde und sonstiges; was Getier angeht könnte ich wahrscheinlich genauso gut draußen schlafen. Und hier ist ja nichts Dorf oder so, sondern wildlife at its best.

Ich schnappe mir alle 7 Decken. Ich bin eiskalt, mein Schlafsack ist eiskalt, die Decken sind eiskalt. Meine Wasserflasche neben mir beschlägt schon. Ich bin in einer ganz merkwürdigen Stimmung. Ich kann mir nicht mehr vorstellen, dass es ein paar Kilometer weiter ein anderes Leben gibt, ich erinnere mich nicht an Herbergen und Freunde, die Geborgenheit von Astorga. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es ein Morgen gibt. Ich kann nicht mal mehr vernünftig denken, ich fühle mich so hilflos und schicksalsergeben. Dieser Wetterumschwung hat mich in doppelter Hinsicht geschockt. Ich wollte meinen Stein niederlegen, mit Gebeten und Wünschen. Am liebsten hätte ich in diesem Moment, wie so oft, einen Regenbogen oder einen Sonnenstrahl gehabt, der mich dann vollends in Tränen der Rührung hätte ausbrechen lassen. Statt dessen hat mir die höhere Instanz ein Unwetter geschickt und bestraft mich mit dieser Herberge (anders kann ich das im Moment nicht sehen). Ich kann nicht mal mehr beten, dass ich diese Nacht gut überstehe, ich habe das Gefühl, dass derjenige gerade sehr genau mein Schicksal im Auge hat, sowieso seine Pläne mit mir hat, die er durchsetzt – und es zieht mir jeglichen Boden unter den Füßen weg, dass ich momentan das Gefühl habe, dass er mir gar nicht wohlgesonnen ist.

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Der Morgen beginnt etwas unerfreulich. Gestern noch ein kleiner morgendlicher Käfer, heute der ein oder andere juckende rote Fleck. Aus Erfahrung ahne ich, dass es sich um Bettwanzen handelt. Meine Begeisterung hält sich in Grenzen, aber solange die Herrschaften in dem Bett geblieben sind und sich nicht in meinem Rucksack verkrochen haben, soll es mir kein Drama sein.

Ab Rabanal geht es ordentlich den Berg hoch, durch einsame Dörfer, umrankt von Schauergeschichten von Hape Kerkeling über wilde Hunde. Vor Hunden habe ich so oder so schon ziemlichen Respekt, trage meiner straffen Gewichtsplanung zum Trotz einen Pfefferspray mit mir herum und sehe dem großen Abenteuer mit gemischten Gefühlen entgegen. Bei Sonnenaufgang überwiegt dann aber doch die Freude auf die Berge, dort bin ich richtig zu Hause, dort bin ich belastbar und kann meinem Körper voll vertrauen und mich auf meine Kondition verlassen.

Auf der Straße richten die beiden Belgierinnen ihre Satteltaschen, Leuchtwesten und Helme. Wir wünschen uns herzlich einen guten Weg, und ich denke noch einige Minuten darüber nach. Pilger sind höflich und man wünscht jedem einen guten Weg, aber selten hatte ich das Gefühl, dass so viel in den Worten mitschwingt.

Einen guten Weg wünsche ich schweren Herzens auch meiner kleinen Kanadierin. Schon gestern konnte sie abends kaum mehr auftreten. Bei diesem Abschied weiß ich, dass ich sie abends nicht mehr in der Herberge treffen werde und wir uns nicht mehr wiedersehen werden. Ich bringe nicht den Mut auf, sie nach ihrer Email zu fragen und damit zuzugeben, wie ich ihren Zustand einschätze und dass ich nicht auf sie warten werde. Ich bin sicher, dass sie sich notfalls auf den Händen nach Santiago durchkämpfen wird. In meinem Herzen trage ich sie immer bei mir als meinen Engel der ersten Tage.

Bei strahlendem Sonnenschein stapfe ich munter den Berg hoch. Es ist noch kühl und einfach schön. Nach einiger Zeit radelt es auf der Straße parallel zu meinem Weg – es sind die Belgierinnen, und wir winken uns begeistert zu. Unsere Wege kreuzen sich noch oft auf dem Aufstieg, wir winken wie die Weltmeister und holen wahrscheinlich alles nach, was die Mädels in den vergangenen Tagen an überraschenden Wiedererkennungen auf dem Weg vermisst haben. Und es ist ein beflügelndes Gefühl, ebenso schnell wie die Fahrräder den Berg hinauf zu fliegen.

Die einsame Stadt voller Ruinen und wilder Hunde ist natürlich gar nicht einsam, und einmal kommen mir zwar große Hunde entgegen, sie trotten aber völlig ungerührt den Weg entlang und nehmen nicht mal Notiz von mir, die respektvoll einen Meter zur Seite tritt. Trotzdem ist Foncebadón beeindruckend und mystisch, und von der Höhe hat man eine schöne Aussicht.Der Weg ist wunderschön einsam, ich sehe vor und hinter mir niemanden. Hohes, weißgelbes Gras wogt um den schmalen Pfad, Heidekraut und Ginster setzen Farbakzente. Ich fliege dahin, schwinge kraftvoll die Flügel, ich lebe.

Ich erreiche das Cruz de Ferro, einen Punkt, auf den ich mich im Vorfeld auch sehr gefreut habe. Das Gebet, welches man am Kreuz und Steinhaufen mit Beiträgen aus aller Welt zu beten hat, während man seinen Stein niederlegt, lautet: „Herr, möge dieser Stein, Symbol für mein Bemühen auf meiner Pilgerschaft, den ich zu Füßen des Kreuzes des Erlösers niederlege, dereinst, wenn über die Taten meines Lebens gerichtet wird, die Wagschale zugunsten meiner guten Taten senken. Möge es so sein“.

Das Kreuz ist gut besucht, jeder Pilger scheint dort Rast zu machen, lässt das berühmte Foto von sich machen und legt seinen Stein nieder. Trotz des Trubels kann ich mich konzentrieren und meine Gedanken an den lieben Gott richten. Das Gebet bewegt mich sehr, ebenso das Kreuz an sich. Neben einigem Plunder hängen viele Fotos und tiefchristliche Bitten. Ich kann mir vorstellen, welch Sorgen sich um manche der Personen auf den Fotos ranken und mit welch schwerer Last hier viele gestanden haben. Viele, die wirklich das Gefühl hatten, diesen Stein ablegen zu müssen, um glücklich zu werden und um Glück zugeteilt zu bekommen. Viele, die darin Vertrauen setzen. Die glauben, dass an diesem exponierten Pfahl, unter diesem Kreuz, der Herr näher ist und ihre Bitten besser hören kann. Die keinen anderen Ausweg mehr sehen, als Gott um Hilfe zu bitten und ihre Geschicke lenken zu lassen.

Und in diesem Moment erscheint mir das rein überhaupt nicht abwegig. Vor einem Jahr bin ich den Weg sportlich und kulturell motiviert gelaufen, und hier stehe ich nun, mir laufen die Tränen und ich bin tief bewegt. Schon seit Tagen kann ich in guten Momenten meine Gedanken an Gott richten, aber mein Leben lang habe ich sie wie als Kind in den endlosen, schwarzen Himmel geschickt. Hier stehe ich nun und denke meine Gedanken, als säße Gott keine 2 Meter von mir entfernt. Ich sehe ihn gefühlsmäßig vor mir, wie er mir zuhört und mich wortlos anschaut, vielleicht schmunzelt und mir sagen will „wie konntest Du denn an mir zweifeln?“ oder „hey, ich bin doch immer bei Dir, wenn Du mich brauchst“.

Freudenschreie reißen mich aus meinen Gedanken. Die Nachzüglerschwester ist mittlerweile eingetroffen und hat einen Zettel von ihren Schwestern gefunden. Sie sind einen Tag vorher hier vorbeigekommen, und sie ist komplett aus dem Häuschen, dass sie nur einen Tag vor ihr liegen, in greifbarer Nähe, und an sie denken.

Die Belgierinnen kommen angeradelt, ich nehme ihr Erinnerungsfoto auf. Obwohl es anschließend abwärts geht und sich unsere Wege definitiv trennen, wollen sie noch meinen Namen wissen. Ich bekomme wieder ein sehr herzliches „buon camino“, diesmal mit meinem Namen, und bin rundum glücklich wie schon lange nicht mehr.

Der Abstieg wird beschwerlich. Es ist heiß, man steigt über Felsen und Geröll, meine Vorräte gehen zur Neige und ich werde unkonzentriert. Mit jedem Abstieg spüre ich meine Knie, ich denke an die Kanadierin und die gehunfähigen Frauen in Astorga. Ich gebe mir Mühe, meine Stöcke einzusetzen und mich zu konzentrieren, aber der Weg ist endlos, und ich bin sehr froh, als ich wieder die ersten Dörfer erreiche, ohne gestürzt zu sein. Ein Mercado hat offen, ich kaufe glücklich meine Standardkost, eine große Wasserflasche, 2 Bananen, Brot und Käse.

Ich bin ziemlich erledigt, als ich nach fast 30 Kilometern samt Bergüberquerung mein Ziel Molinaseca erreiche. Aber zum ersten Mal habe ich das Gefühl, auch wirklich etwas geleistet zu haben.

Ich tätige meinen Standardanruf zu Hause, 50 Cent, um zu hören, dass bei meiner Familie alles okay ist, und um meine besorgte Mutter zu beruhigen. Mit gutem Gewissen kann ich meinen eh schon beschlossenen Standardsatz bringen „bin gesund, Wetter fein, ganz viele nette Leute, niemand Gefährliches, Laufen problemlos“.

In der Herberge fragt der Herbergsvater (auch wieder ein überzeugter Nur-Spanisch-Sprecher) nach Blasen. Ich weiß nicht so recht, ob man mit Blasen keinen Einlas bekommt oder Socken tragen muss oder warum er es wissen will. Ich zeige meine zwei kleinen Bläschen und er stürzt begeistert davon. Nur 5 Minuten mit dem Auto zu seiner anderen Herberge. Ich kapiere nichts und hoffe nur, jetzt nicht irgendwas angerichtet zu haben. Er kommt wieder mit einem riesigen Verbandskasten und beginnt, Kanülen in meine Blasen zu stecken und Jodlösung hineinzubugsieren. Er erzählt, dass er die Herberge seit 15 Jahren hat und der Experte ist im Blasen heilen. (Aha, ein medizinisch Bewanderter also). Er hat auch noch die schicke Herberge auf der anderen Straßenseite, aber er mag lieber den Spirit hier, das Puristische, das Echte. Obwohl mir gerade mehr als schlecht wird mit all den Kanülen in den Füßen, ist er mir sehr sympathisch. Nicht jeder versteht meine Gefühle, meine Gedanken, meine Faszination. Ich denke an den aktienverrückten Superman und den bayrischen Informatiker und weiß, dass ich selbst in 4 Wochen Camino keinerlei Seelenverwandtschaft entdecken könnte. Aber der Herbergsvater hier ist selber 20 Mal den Weg gelaufen und hängt furchtbar gern unter den Pilgern ab.

Als ich ihm interessehalber meine roten Stellen zeige und wissen will, ob es Flöhe oder Wanzen sind, wird er sehr unruhig und verlangt sofort meine Sachen zu sehen. Er inspiziert akribisch den gesamten Rucksack, jede Socke, jede Naht des Schlafsacks, will wissen, was ich wann getragen habe und ob irgendwo noch mehr ist. Mir wird überaus mulmig und ich hoffe nur, dass er nichts findet und vollends in Panik ausbricht. Auch die interessierten Mitpilger in der Herberge gucken mich schon ganz und gar unfreundlich an. Aber er findet nichts, ist erleichtert (und ich erst!) und erzählt, dass in den letzten Tagen schon mehr dieser Art passiert wäre. Er will genau wissen, wo ich war und wo nicht und will herumtelefonieren, damit die entsprechenden Herbergen desinfizieren und sich die Wanzen nicht weiter verteilen. Ich verstehe seine sehr plastische Schilderung mit wilder, verzweifelter Gestik, dass mit nur einer Bettwanze nach ein paar Wochen Hunderte, Tausende, Millionen schlüpfen. Trotz grünem Licht für meinen Rucksack ist mir jetzt ordentlich mulmig. Weder will ich seine geliebte Herberge verwanzt haben noch freue ich mich auf Hunderte, Tausende, Millionen in meiner Wohnung in Deutschland.

Mein heutiges Dosengerichtchen ist supereklig, und in der Herbergsküche macht sich eine große Gruppe breit. Alle sind nett, kennen sich aber untereinander, haben genug Kontakt mit sich selbst und sind also nicht so recht offen für neue Kontakte. Ich bin eingeschüchtert und fühle mich etwas fehl am Platz. Der Hospitalero kommt abends noch, setzt sich zu mir auf die Stufen und erzählt vom Pilgern, seinen Idealen, der Faszination. Es ist wunderschön, und vor allem toll, dass ich doch eigentlich kaum Spanisch verstehe, ich aber das Wesentliche voll erfasse.

Ebenso nicht zu der großen Gruppe gehören zwei bildhübsche Italienerinnen. Erstaunlicherweise sind sie höchst erfreut über meine Kontaktaufnahme und unheimlich nett. Bzw. eine kann leider kein Englisch und auch sonst wieder nichts außer Italienisch. Sie sitzt höflich freundlich lächelnd dabei, aber versteht ja kein Wort. Mir ist das furchtbar unangenehm, aber sie wirkt schicksalsergeben und nicht unglücklich.

Ich bekomme etwas Kopfweh und mache mich zeitig auf in den gemütlichen und wirklich urigen Schlafsaal. Beim Zähneputzen erwischt mich der allgegenwärtige Chef des Hauses besorgt und erkundigt sich, ob alles okay ist. Sofort will er wieder den Koffer holen gehen, um mich mit Kopfschmerztabletten zu versorgen. Ich bin gerührt über so viel Engagement für die Pilger und schlafe heute sehr zufrieden und wie immer sehr „reich“ ein.

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Je größer die Herberge, desto früher geht das mir doch etwas verhasste, rücksichtslose morgendliche Zusammenpacken los. Obwohl noch die Hälfte der Pilger im Bett liegt, knipsen manche Experten das Licht an und palavern munter in normaler Lautstärke (wohlgemerkt weit vor 7 Uhr). Ich ziehe mich also auch an und zerquetsche eher unbewusst einen kleinen, schwarzen Käfer, der meine Hose entlang krabbelt. Zurück bleibt ein dicker Blutfleck.

Im Aufenthaltsraum scharren etwa 100 Pilger unruhig mit den Stiefeln, bis die Sonne aufgeht und allgemeiner Aufbruch ist. Ich trinke meinen letzten herbergseigenen Beruhigungstee und bin froh, als es endlich losgeht, ich mich aus dem Gänsemarsch der Pilger lösen kann und entspannt das freie Ausschreiten genießen kann.

Letztes Jahr bin ich den Camino mit meinem Freund gegangen. Soweit war es ein schönes Erlebnis, und ich habe mich hinterher über Hape Kerkelings Aussage aufgeregt, dass man den Camino allein gehen sollte. Im Nachhinein, nun mit dem Wissen, wie es sich anfühlt, allein zu gehen, muss ich ihm aber zustimmen. Sobald man sein Tempo, seine Pausen, seine Etappen an jemanden anpasst, gibt man ein großes Stück dessen auf, was der Camino zu bieten hat.

Umso mehr blühe ich jetzt auf. Die Sonnenaufgänge sind traumhaft, man läuft der Sonne entgegen, man wird willkommen geheißen, man saugt Kraft in sich auf. Ich laufe in meinem Tempo, genieße die Stille und meine Gedanken. Genieße ein bisschen auch die Wehmut, neu gewonnene Freunde zurückzulassen, jeden Tag einen neuen Tag, einen neuen Anfang zu haben. Schnatternde Rucksäcke vor mir sind mir ein Gräuel, in ein zurückhaltenderes Tempo gepresst zu werden macht mich ganz rastlos. Ich überhole schonungslos alles, bis ich meine Freiheit habe, nichts vor mir, was mich ablenkt, keine Beine, die einen anderen Rhythmus gehen, kein Rucksack, auf den sich mein Blick lenkt. Der Blick vorwärts, der weitausgreifende Schritt ungehemmt, das ist für den Moment mein Leben, meine Freiheit, meine Unabhängigkeit. Wenn mir nicht mein Körper Blasen oder Durst oder Hunger anmeldet, bin ich frei in meinen Gedanken, sorgenfrei.

So erreiche ich gegen Mittag bereits mein geplantes Tagesziel, Rabanal del Camino. Ich miete mich in der erstbesten Herberge ein, die schon geöffnet hat, widme mich meiner Dusche und Wäsche. Ich gehe einkaufen und möchte auf der sonnigen Wiese meine Ruhe genießen. Leider habe ich direkten Blick auf den Camino und auf endlos viele Pilger, die alle weitergehen. Ich fühle mich rastlos und unbefriedigt, noch nicht ausgepowert und komme zu dem Entschluss, dass die Absteige in der kleinen, dunklen Herberge keine gute Idee war. Niemand ist da, den ich kenne. Um genau zu sein, bleibt überhaupt niemand da. Recht verzweifelt lege ich mich in mein müffiges Bett, führe ein gedankliches Zwiegespräch mit dem tröstlichen Amulett von Mose und schlafe ein.

Aufgeweckt werde ich von zartem Englisch „yes, over there is fine“. Die kleine Kanadierin erscheint mir wie ein Engel, ich bin unheimlich glücklich, sie zu sehen (auch wenn sie sogleich treffend konstatiert, dass wir hier wohl ganz schön dumm abgestiegen sind). Sie ist den ganzen Tag in Sandalen gewandert, weil ihre Wanderstiefel ihr weg getan haben. Nun tun ihr auch die Füße in Sandalen weh und sie läuft in Socken durch die Stadt. Ich sage nichts, denn es passt einfach zu ihr.

Mittags benutze ich die kleine Küche und mache mir eine leckere Dose aus dem Mini-mercado warm. Als ich am Abspülen bin, schlappt gerade die Koreanerin aus Astorga mit ihren Nudeln und Tomaten herein. Leider ist sie nicht in Plauderlaune, ich bekomme nur aus ihr heraus, dass sie extra Oregano aus Korea mitgenommen hat, weil sie einfach Tomatensoße mit Oregano liebt (und das kocht sie sich jetzt jeden Tag). Ich habe das Gefühl, dass sie mich einfach nicht so recht leiden kann und respektiere das.

Abends steht ein Highlight an und der Grund, warum ich in Rabanal Station machen wollte: ein Benediktinerkloster mit „nach gregorianischer Tradition in Latein gesungenem Abendgebet“ um 19 Uhr. Zuerst stehe ich schon wieder vor der falschen Kirche, finde aber noch rechtzeitig die richtige. Die Hälfte der Kirche ist eine beeindruckende Baustelle. Die andere Hälfte ist gut gefüllt mit Pilgern, die auf provisorischen Holzlatten sitzend bzw. balancieren. Vorne stehen 2 Sitzbänke sowie eine Kerze. Punkt 19.00 kommen schweigend 2 Mönche herein. 4 Pilger treten abwechselnd nach vorne und lesen einen Bibeltext, in Spanisch, Englisch, Französisch und Deutsch. Der Text an sich ist beeindruckend, er endet in etwa mit „so wer bist Du, dass Du andere richtest?“ (mit diesem Gedanken hatte ich mich ja gestern zufälligerweise schon ansatzweise beschäftigt). Die Engländerin scheint eine passionierte Christin zu sein, sie schmettert die Worte mit einer derartigen Inbrunst durch die kleine Kirche, dass ich Gänsehaut bekomme und mir Tränen in die Augen steigen. Statt der erwarteten Armee von singenden Mönchen stelle ich fest, dass wohl wir den Gesang beisteuern werden. Rechts von mir sitzt ein älterer Italiener, links ein ebenfalls älterer Franzose. Beide haben wohl gleich die richtige Kirche gefunden und hatten somit Zeit, sich die Handzettel mit den Texten zu nehmen. Beide singen laut und begeistert, ohne Rücksicht auf Tonhöhe und Melodie, und ohne Kenntnis von Latein. Rechts von mir tönt jedes „c“ wie das „tsch“ einer kochlöffelschwingenden, fülligen italienischen Mamma beim Pastakochen. Links von mir wird jedes „c“ im Gegenzug zu weichen, melodischen Zischlauten verwandelt. Dazu kracht immer wieder ein Pilger von der provisorischen Sitzgelegenheit. Mich faszinieren die beiden jungen Mönche, schon wieder habe ich Modelle und versuche zu verstehen, warum jeder so lebt, wie er lebt. Die Messe ist ein Erlebnis und mal wieder voller Anregungen, aber ich bin viel zu abgelenkt, um zur Ruhe zu kommen und meine Worte und Gedanken an Gott zu richten. Deswegen beschließe ich, um 21:30 gleich noch mal auf der Matte zu stehen und den Pilgersegen mitzunehmen.

Bis dahin sitze ich vor der Herberge und komme mit spannenden Leuten ins Gespräch. Ein Notfallmediziner aus Belgien sowie zwei radelnde Belgierinnen. Ich habe mir das noch nie so überlegt, aber manche Radler sind etwas unglücklich und einsam, wenn sie die Wanderer sehen und tagtäglich begeisterte Wiedererkennungen erleben. Die meisten Pilger laufen intuitiv ähnliche Strecken, es sei denn, sie machen einen bewussten Schongang oder sind extrem schnell (wie meine beiden Österreicher). Jeden Abend trifft man hauptsächlich auf bekannten Gesichter und einige Freunde. Bei den Radlern sind die Distanzen zu unterschiedlich, zu variabel und zu weit gestreut. Die Belgierin erzählt, dass sie noch nie jemanden wiedergetroffen haben, natürlich auch in den Herbergen niemanden kennen (und wäre ich nicht vor lauter Langweile mal wieder losgezogen, würden wir uns jetzt auch nicht unterhalten). Das gibt mir zu denken, und ich bin plötzlich unheimlich dankbar, dass ich, auch wenn ich mich heute etwas einsam fühle, immer noch deutlich mehr Kontakt habe.

Während mein Schlafsaal schon in die Betten steigt, mache ich mich noch mal auf zur Kirche. Wieder kommen die beiden Mönche schweigend herein, nach einem kurzen Gebet bleiben sie aber noch sitzen. Keiner sagt etwas, keiner weiß, was passiert, aber alle bleiben ruhig und erwartungsvoll. In der letzten Reihe packt ein Mädel eine Querflöte aus. Sie spielt eine wunderschöne Melodie, bei der ich wieder extrem nah am Wasser gebaut bin. Der Klang ist so pur, so unspektakulär einfach, aber doch höre ich mit jedem Ton unheimlich viel Gefühl, Schmerz, Sehnsucht, einfach Emotionen heraus. Als sie geendet hat, verlassen zuerst die Mönche schweigend die Kirche, dann folgen ebenfalls schweigend die Pilger.

Mit weiten Herz beeile ich mich, in meine Herberge zu kommen. Alles schläft schon, aber zum Glück ist noch geöffnet. Auf meinem Kissen liegt noch vom Nachmittag mein Amulett und erinnert mich, wie nah Verzweiflung und Hoffnung zusammen liegen können.

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