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Posts Tagged ‘Carrión de los Condes’

Ich schlafe in leichter Alarmbereitschaft, denn heute sollte ich zeitig los. Der einzige Bus des heutigen Tages fährt um 12.50 ab Carrión de los Condes. Für alle Fälle habe ich mein Ticket vorher im Internet gebucht – und einen Riesenschreck bekommen, dass 2 Wochen vorher an den beiden darauffolgenden Tagen nur noch 1 bzw. 2 Plätze frei waren. Sollte ich also meinen Bus heute verpassen, habe ich ein Problem.

Gegen 6 rappelt es zum ersten Mal, Jean macht sich schlurfend ans Packen. So früh traue ich mich dann doch nicht mehr los und schlafe nochmal weiter. Nächstes Augenöffnen um 7 erfüllt mich dann aber fast schon wieder mit Panik.

Ich düse gut vorbereitet los. Den Weg habe ich gestern sicherheitshalber schon auskundschaftet, und um nicht wieder fürchterlich zu frieren, trage ich heute gleich vorbeugend die ganze Montur, inklusive Regenhose und 2 Fleecepullis unter der Regenjacke. Leider ist es heute nur halb so kalt.

An die heutige Strecke habe ich keinerlei Erinnerungen, zumindest keine besonders guten. Laut Führer soll es auch immer an der Straße entlanggehen. Das tut es wirklich in sehr faszinierender Weise. Eigentlich ist das Wegchen dadurch eh idiotensicher, trotzdem hat es alle 50 Meter nicht nur einen, sondern gleich 4 Wegsteine. In guten Momenten habe ich Ausblick auf gleichzeitig etwa 20 Steinquader. Nach dem gestrigen Verirren ist das fast schon Hohn.

Den Sonnenaufgang ignoriere ich heute weitgehend. Entweder, es ist wirklich ein Stück weit die Gewöhnung. Oder die Tatsache, dass ich zwar begeistert Fotos mache, aber jeden Abend fast alles wieder löschen muss, weil ich nur eine Speicherkarte habe und diese so etwa 250 Fotos zu fassen scheint. 20 Bilder pro Tag. Die ersten Tage in der Meseta habe ich so viel geknipst, und selbst bei bestem Willen kann ich nicht auf 20 reduzieren. Ich hoffe ein Stück weit auf einen ausgleichenden Regentag – oder einen unspektakulären Tag an der Straße, so wie heute. Vor allem bin ich heute aber auch eindeutig gestresst, unter Strom und überhaupt nicht Pilger. Meine Gedanken sind nur bei den Busverbindungen und was mich in Astorga erwarten mag.

Trotz Zeitdruck mache ich irgendwann eine kleine Pause, um mich aus meinen Regensachen zu schälen bzw. diverse wärmende Fleeceartikel einzupacken. Heute ist es wirklich nicht übermäßig kalt.

Wie üblich überkommt mich ein warmes, ziehendes Gefühl, als ich zum ersten Mal bewusst ein Schild mit „Santiago“ und Kilometerangabe inmitten des Steinquadermeers wahrnehme. Im nächsten Moment schüttele ich mich, diese Kilometer gelten für alle, nur nicht für mich. Ich bin ja heute Pilgerabschaum und nehme den Bus.

Carrión de los Condes erreiche ich Punkt 12, fast eine Stunde zu früh. Direkt am Weg hat es einen kleinen Camino-Informationsstand, wo ich nach dem Busbahnhof frage. Die junge Frau guckt mich erstmal kritisch an und meint, wir könnten auch deutsch sprechen, sie käme aus Österreich. Und der Bus würde immer direkt gegenüber an einer kleinen Bar halten. Ich möchte lieber zum Busbahnhof, sicher ist sicher. Sie ist recht gereizt, ich könnte schon auch irgendwo anders hinlaufen, aber da käme auch nicht wirklich ein Busbahnhof. Ich bin etwas durcheinander und verunsichert. Sie kriegt verständlicherweise zunehmend die Krise mit mir, die sicher noch 10 x nachfragt, ob der Bus auch wirklich vor dieser komischen kleinen Bar anhält.

Ich mache mich zum Supermarkt im Stadtkern auf. So richtig viel kaufen macht keinen Sinn, sollte ich doch Astorga zu Ladenöffnungszeiten erreichen. Ein Jammer in Anbetracht des schönen Ladens. Ich schiele ein wenig zu den Kosmetikartikeln. Der Lippenpflegestift ist diesmal beim akribischen Rucksack-Durchwiegen dem Rotstift zum Opfer gefallen. Die Mischung aus Sonne, Kälte und Wind der letzten Tage lässt mich meine Lippen schon in Scheibchen abnagen. Ich finde nichts, stehe vermutlich vor dem falschen Regal, kann das ja aber in Astorga in Ruhe angehen.

Ich trabe zurück zu der großen Kathedrale am Ortseingang, die im Moment leider von Bauarbeiten und ohrenbetäubendem Lärm erschüttert wird. Meine über alles geliebte Herberge mit den Nonnen macht leider auch erst um 1 auf. Irgendwie hätte ich gerne nochmal dort vorbei geschaut. Ich tröste mich damit, das man wunderbare Erinnerungen auch einfach als solche belassen kann.

Ungeachtet der kathedralischen Presslufthämmer setze ich mich auf eine wie immer eiskalte Bank in die Sonne, um wenigstens im Geiste nochmal im Einzugsbereich der Herberge zu sein. Unter misstrauischen Blicken der Einheimischen breite ich meinen halben Rucksack aus, dekantiere Olivenwasser in die Grünanlagen und teile mein altes Brot begeistert mit den Vögeln (die plötzlich peinlicherweise keinen Hunger mehr haben, als ich einen halben Laib auf einmal ausgestreut habe). Ich habe mal wieder gerade einen viel zu großen Happen im Mund, als mir plötzlich halb das Herz stehen bleibt. Der atemberaubende Beau aus Burgos schlendert allen Ernstes zu mir her, in Begleitung eines anderen Pilgers. Er fragt irgendwas, ob ich auch hier wäre, worauf ich ja wirklich auch nicht sehr viel sinnvolleres antworten könnte als „hm-hm“, selbst wenn ich nicht Backen wie ein Hamster hätte. Offensichtlich dämmert ihm schnell, dass ich immer noch nicht in sein Beuteschema passe, und er trollt sich ziellos. Noch mehr als mein suboptimales Auftreten (ich schnipse mir betreten eine ordentliche Schicht aus Brotkrümeln und Mehl von der Brust) schockt mich die Tatsache, dass dieser kraftvolle, athletische Superpilger nicht bereits kurz vor Santiago ist, sondern ein ähnliches Schleichtempo drauf hat wie ich. Und mittags um 12 nichts besseres zu tun hat, als noch nicht mal den Pfeilen zu folgen. Ich kann ihn enttäuscht unter „mehr Schall als Rauch“ abhaken.

Eine halbe Stunde zu früh trabe ich zu der ominösen Bar zurück, und nachdem sich auch um 1 noch nichts tut, bin ich hin und hergerissen, ob ich nochmal die Österreicherin nerven soll oder mich irgendwo heulenderweise hinsetzen und überlegen, wie ich nun meinen Camino ohne Busetappe arrangiere.

Glücklicherweise kommt wirklich ein riesiger Bus die viel zu kleine Straße entlang. Ich winke wohl etwas zu theatralisch. Der Buschauffeur meint bei meinem wedelnden Ticket nur „ja, ja, steig mal ein“ und hat wohl das Gefühl, dass ich einen Vollschuss habe. Das könnte ich aktuell nicht einmal leugnen. Nun sitze ich zwar wohlbehalten im Bus, Weiterfahrt gesichert, aber nachdem der Chauffeur den Motor ausgestellt hat, ausgestiegen ist und wenig Anstalten macht, bald weiter zu fahren, überkommt mich jetzt eine richtiggehende Panik, nachdem gerade Jean den Weg entlang kommt. Wenn ich nicht gerade einen Frühstart hinlege, ist er der sichere Indikator für das Eintreffen des Pilgerpulks in den nächsten Minuten. Ich sehe nicht nur Domingo begeistert lächelnd „alles klar?!“ neben mir in den Sitz fallen, sondern am besten noch die Horde Franzosenehepaare. Und die neu-finnische Spezialtruppe. Ich muss wirklich leicht traumatisiert sein, ich atme erst wieder normal, als die Türen endlich schließen und wir losfahren.

Zum ersten Mal mache ich mich in einem spanischen Bus nicht gleich schlafbereit. Ich bin zu fasziniert von der Tatsache, dass wir fast die ganze Zeit am Camino entlang fahren. Auf den Schildern passieren wir die altbekannten Ortsnamen voller Erinnerungen, am Horizont sehe ich immer wieder Pilgergrüppchen, irgendwo radelt mühsam die kleine Spanierin auf ihrem frisch gesäuberten Fahrrad. Ich halte Ausschau nach bekannten Gesichtern, vor allem nach David. Irgendwie ein ganz komisches und unwirkliches Gefühl, an allem vorbeizufahren.

Wir fahren den Kreisel vor León, ich erinnere mich an das hupende Auto und den freundlichen, jaguarfahrenden Wegweiser. Gespannt halte ich Ausschau nach meiner Autobahnüberquerungs-Sprintstrecke. Zu meiner Erleicherung hat es dort eine quietschblaue Faltbrücke. Irgendwie hätte es mich auch gewundert, wenn ich da als einzige Bedenken gehabt hätte.

In León spuckt mich der Bus auf dem wenig einladenden Busbahnhof aus. Mein erster Gedanke gilt einem WC. Zuerst suche ich ein WC mit Papier. Ich reduziere die Ansprüche und hätte zumindest gerne etwas mit funktionierender Klospülung statt eingetretenem Spülkasten. Letztlich sehe ich über diverse Gucklöcher in der Wand hinweg, aber nachdem auch alle Schlösser herausgebrochen sind, stellt sich bei mir akuter Harnverhalt ein, und ich streiche das Unternehmen WC todesmutig.

In der Wartehalle wuselt es nur von Pilgern. Ich komme mir, ähnlich wie in Burgos, wie ein Fremdkörper vor. Mich schüchtert ihre selbstverständliche Pilgerausstrahlung ein, verstärkt durch die Sorge, auf wieviele Pilger ich hier wohl treffen mag, wenn schon der Busbahnhof derart geflutet ist.

Mein Anschlussbus stellt mich in meiner aktuell wenig sortierten Stimmung schon wieder vor unlösbare Probleme. Es hat keine Anzeigetafel, wo genau welcher Bus abfährt, und nachdem es etwa 30 Stellplätze hat, an der laufend Busse aus- und einfahren, habe ich Sorge, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Ein älterer Spanier beruhigt mich nett, dass ich einfach abwarten solle, wo mein Bus einfährt. Er ist selber schon mehrfach den Camino gelaufen, allein das beruhigt mich. Ich stelle mich ziellos in einen größeren, wartenden Pulk, während die geplante Abfahrtszeit immer näher rückt. Mit einem Mal kommen etwa 6 Busse auf einmal, alle um mich herum laufen erleichtert zu irgendwelchen Türen. Nirgends steht etwas von Astorga, Kunststück, sehr wahrscheinlich ist das wieder nicht der Endbahnhof. Die ersten Türen schließen sich schon wieder, die ersten Busse fahren schon wieder ab (und ich würde mich am liebsten intuitiv heulend auf den Boden werfen). Da kommt noch ein weiterer Bus eingefahren. Irgendwas mit Ponferrada lässt mich neue Hoffnung schöpfen, und der Busfahrer scheint mit meinem Ticket auch wirklich etwas anfangen zu können. Madre mia. Bin ich froh, wenn ich diesen Tag hinter mir habe. Ich habe den Eindruck, dass mich pilgerische Herausforderungen wie Minusgrade, Wassermangel oder Mammutetappen weitaus weniger aus der Fassung bringen.

Noch einmal geht es im sonnigen Abendwerden an bekannten Orten vorbei, Abzweigungen nach Villar de Mazarife und Hospital de Orbigo, ich kann sogar die markanten Wassertürme sehen und werde von Erinnerungen förmlich überrollt.

Bei der Einfahrt in Astorga bin ich gespannt, wo ich wohl herausgelassen werde. Zu meiner Freude direkt am Gaudi-Palast und meiner geplanten Herberge. Und im Vorbeifahren erspähe ich sogar noch einen El Arbol Supermarkt.

Ich bin heilfroh und unendlich erleichtert, als ich zum ersten Mal astorgischen Boden unter den Füßen habe und ab jetzt endlich wieder normale, richtige Pilgerin bin. Sofort kommt auch die übliche Sicherheit zurück, während ich zielstrebig und mit weitausholendem Schritt zur Herberge strebe.

Dort werde ich heute schon wieder deutsch (und recht resolut) empfangen. Die Hospitalera drückt gönnerhaft ein Auge zu und lässt mich einchecken; nachdem die Herberge ja kommerziell ist, würden auch Buspilger genommen. Das beleidigt mich dann doch wieder einen Hauch in meinem Pilgerstolz. Bin ich heute doch brav meine normale Etappenlänge gelaufen.

Ich gehe schnell auf Einkaufstour; der Supermarkt ist Luxus, und ich erstehe meine favorisierten grünen Minipaprika sowie einen Beutel Mischsalat. Nach dem vielen Weißbrot mit Chorizo der letzten Tage lechze ich förmlich nach etwas aus der Rubrik „gesund und frisch“. Ich kaufe auch Kiwi und Sharon, höchstens etwas gebremst durch die vage Erinnerung an einen ordentlich gefüllten Beutel mit Mandarinen, den ich schon viel zu lange mit mir herumschleppe und vielleicht zuerst konsumieren sollte.

Nur einen Lippenpflegestift finde ich wieder nicht. Einen einzigen hat es, aber der hat Lichtschutzfaktor (so einen weißen habe ich selber) und ohnehin Inhaltsstoffe, die eher nach Deo oder irgendwie gesundheitsschädlich klingen. Ich stehe schon wieder ein wenig geknickt auf der Straße, als mir auf der anderen Straßenseite eine Drogerie Parfumerie ins Auge sticht. Vermutlich nicht mein Preisklasse, aber für alle Fälle spähe ich mal durch das Schaufenster, und nachdem es Waschmittelregale à la dm-Markt hat, wage ich mein Glück. Sofort springt eine alarmierte Horde von Verkäuferinnen auf mich zu (ich passe zugegebenermaßen doch nicht so ganz zum Ambiente), werde aber lieb durch den halben Laden zu den Lippenpflegestiften geleitet (ich bin begeistert von meiner spanischen Umschreibung, die offensichtlich gar nicht so schlecht war). Stolz wirft sich die Verkäuferin in Positur, es gibt Vaseline oder Labello blau oder Labello rosé. Punkt. Während ich noch geschockt schaue, guckt sie mich schon begeistert erwartungsvoll an. Vor meinem geistigen Auge öffnen sich heimische Schubladen mit 20 verschiedenen Sorten diverser namhafter französischer Kosmetikhersteller, gefolgt von Erklärungen, warum Vaseline und Labello rein gar nicht gut sind für die Lippen. Ich schüttele mich zurück in die Gegenwart. In einem letzten kläglichen Versuche frage ich, ob die denn gut sind, was die Gute weitausholend begeistert bejaht, als wäre ich taubstumm. Ich nehme schicksalsergeben Labello blau. Ob ich nicht lieber rosé möchte, der hätte noch zusätzlich Rose drin – und wäre „offerta“! Mir geistert eine Millisekunde „dumme Nuss, der ist einfach rosa eingefärbt“ durch den Kopf, lächele dann aber freundlich und dankbar. Draußen werfe ich einen Blick auf die Inhaltsstoffe – es hat tatsächlich Rose drin und stattlich viel Jojobaöl. Und das Ding duftet und schmeckt ganz göttlich. Ich fühle mich peinlich berührt wegen der „dummen Nuss“.

Ich wende mich endlich wieder dem Camino zu und betrachte die Lage. In der Herberge ist es ausgesprochen leer, von befürchteten Pilgermassen keine Spur. Nur das Wetter ist etwas moderat, wolkig bedeckt. Bin ich etwa meinem strahlenden Sonnenschein davongefahren?

Diesmal ist nicht nur der Gaudi-Palast wie immer geschlossen, sondern auch die Kirche. Dafür sondiere ich eine Messe für den Abend. Natürlich wieder nicht in der großen Kirche, aber in einem kleinen Konvent direkt gegenüber. Vorher gehe ich noch ein bisschen Stadtbummeln, wenn ich heute eh schon Buspilger bin. In einem Pilgerladen hat es meine Muschelanhänger. Eigentlich wollte ich sie wie vor 2 Jahren in der Herberge in Castrojeriz kaufen. Da diese aber geschlossen hatte, bin ich heute froh darum. Der Verkäufer ist nett, bemüht sich um Small Talk mit den Pilgern und schenkt mir einen Pilgermagnet. „Für den Kühlschrank“. Hm.

Die schönen Backwaren in den Schaufenstern sind verführerisch, ich habe aber wieder das Gefühl, eher das Ambiente zu stören, sodass ich mich lieber auf die Suche nach der Messe mache. Ich umrunde das Areal fast zweimal, bis ich endlich den recht versteckten Eingang finde. Hinter dem Kirchenschiff hat es dicke Gitterstäbe, dahinter erstreckt sich nochmal ein ähnlich großer Raum mit Bänken und auf den ersten Blick sehr vielen Nonnen. Vermutlich ist interessiertes Umdrehen und Hinstarren nicht angebracht, sodass ich es bei dem speziellen Gefühl belasse, vor einem Haufen Nonnen hinter Gittern zu sitzen.

Nach der Messe mache ich mir mein Abendessen. Leider sind die Paprikas absolut ungenießbar scharf, zumindest einige von ihnen. Nach der ersten brennt mir derart der Mund, dass ich auch kaum mehr beurteilen kann, ob die weiteren gut oder ähnlich höllisch sind. Ich esse tapfer ungefähr die Hälfte davon, aber ein Genuss ist es wirklich nicht. Auch meinem Salat fehlt es an einer zündenden Soße, er schmeckt einfach nach ziemlich schlecht abgetropft. Ich bin ziemlich bedröppelt von meinem Werk.

Die Hospitalera gesellt sich zu mir. Sie bekommt jeden Tag das Essen vom Gaudi-Restaurant geliefert und erfreut sich aktuell einer deutlich appetitlicher aussehenden Fischsuppe. Sie erzählt mir vom Hospitalera-Alltag und den Bettwanzenproblemen. Mir wird schon ganz eng, und es juckt mich fast prophylaktisch. Vor allem, weil in den Betten neben mir zwei wild verstochene Pilgerinnen sind, die sich die Wanzen in Sahagun geholt hätten. Ich habe ganz dezente Sorge, ob in den wenige Tagen seither schon alle Wanzen komplett beseitigt sind und lagere meine gesamten Sachen schon etwas paranoid an die Wand gedrängt. Meine Sorgen schürt die Hospitalera leider eher noch. Auch lacht sie sich kaputt über meine Mandarinenvorräte. Wenn ich noch Essen mit mir rumschleppen würde, wäre ich wohl einfach noch nicht lange genug gepilgert. Das kränkt nun erst recht meinen Stolz (sie hat natürlich Recht) und ich beschließe, ab morgen rigoros meine Vorräte zu dezimieren.

Neben den zwei Verwanzten kommt noch ein Deutscher an den Tisch, den ich am Busbahnhof in León schon getroffen habe. Er ist nicht besonders kommunikativ. Irgendwie tut ihm überall irgendetwas weh, deswegen hat er auch abgekürzt, was ihm nun aber auch zu schaffen macht. Als noch vermutlich seine Eltern auf dem Handy anrufen und sich über die Busnahme erstaunt zeigen, bekommt er fast schon einen Wutanfall, dass er daran jetzt ja auch nichts ändern kann.

Den Rest des Abends beschränke ich mich weitgehend aufs Zuhören und Bändelknüpfen. Ich bin ziemlich matschig, habe mich heute zu oft dem Heulen nahe gefühlt, bin nicht richtig gepilgert – und durch meine Gehirnwindungen krauchen zu viele kleine schwarze Käferchen.

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Zu recht früher Stunde werden wir geweckt – allerdings sehr stimmungsvoll mit christlichen Liedern von zarten Frauenstimmen. Während die anderen sich Richtung Bad oder ans Packen machen, gehe ich den Klängen nach, die diesmal aber nur aus einem Lautsprecher kommen. Trotzdem sind sie für mich so bewegend, dass ich mir ein paar Decken schnappe und mich auf den Boden vor dem Lautsprecher setze – und heultechnisch da weitermache, wo ich gestern aufgehört habe.

Folglich verlasse ich auch als eine der letzten die Herberge, und José ist schon früh alleine los. Wie zu erwarten war, ist das Wetter schlecht. Es regnet konstant, und der Regen ist nah am Schnee. Ich trage schon seit Tagen morgens alle meine Kleidung auf einmal am Körper, und trotzdem ist es eine fröstelige Angelegenheit. Mir fehlt ein dickes Halstuch, ein Schal oder Handschuhe.

Normalerweise laufe ich als eine der ersten los, und nachdem ich wenig Pausen mache, komme ich auch als eine der ersten an und habe somit Einsamkeitsfeeling pur. Heute laufe ich auf einen Pulk nach dem anderen auf. Ich treffe einen älteren Dänen von gestern wieder, der übersetzt passenderweise Donner heißt. Er ist sehr spirituell und ein „Pilger“ mit allen Eigenschaften und Gedanken, wie ich es mir vorstelle. Dazu passt natürlich auch, dass er nach ein paar Minuten dann lieber alleine weiterläuft, weil er heute Input von oben erahnt.

Dafür heftet sich eine ebenfalls ältere Dänin an meine Fersen und bespaßt mich recht hartnäckig mit lapidaren Allerweltsthemen. Sie ist aber tendenziell eine Nette, so dass es mir wieder ein bisschen leid tut, ihr irgendwann „ich geh dann mal alleine ein bisschen schneller“ übermitteln zu müssen.

Vielleicht wäre der Weg ähnlich schön wie zu Beginn der Meseta, wenn denn das Wetter schöner wäre. So sehe ich unter meiner Kapuze aber nur den Schotterweg und rechts und links eigentlich wenig. Es regnet in Schnüren und windet noch zudem. Meine Rucksackregenhülle rattert schon lange im Wind, aber jetzt muss ich im ersten Moment direkt ironisch auflachen, denn der Wind wirft mich jede Sekunde mit voller Wucht in eine andere Richtung. Ich muss meine Stöcke voll einsetzen, um halbwegs auf Kurs zu bleiben. Trotzdem laufe ich ordentlich Schlangenlinien.

Merkwürdigerweise legt sich in diesem Moment irgendein Schalter in meinem Kopf um. Vorher noch die hochgezogenen Schultern und das aus der Kapuze Schielen sowie eine gewisse Resignation, jetzt plötzlich bin ich geradezu kampflustig. Versuch’s doch, puste doch noch mehr, ich laufe auch weiter, selbst wenn Du mich in den Graben schmeißt, durchnäss mich doch, Du hältst mich nicht von meinem Camino ab. Vor allem aber kriegst Du mich nicht klein.

Und mit einem Mal fühlt sich der Sturm nicht mehr wie ein Feind an, sondern ich spüre nur die ungeheuere Energie – und bin ein Teil von ihr. Ich fühle mich unheimlich stark, mächtig und glücklich. Ich beginne zu singen, oder besser gegen den Wind zu schreien. Die heutige Etappe ist mit 27 km verhältnismäßig lang, und doch vergeht sie wie im Flug. Ich mache keine Pause und bin gegen Mittag an der Herberge, die allerdings noch geschlossen hat. Auch sonst ist kein Pilger weit und breit. José habe ich wahrscheinlich irgendwo zwischendurch an einer Bar überholt, es hätte mich auch gewundert, wenn er so lange vor mir geblieben wäre.

Ich sitze im Regen vor der nicht überdachten Herberge, die einfach nicht aufmacht, obwohl sie laut Führer sollte. Ich werde etwas unruhig, weil mir kalt wird, mir die Idee kommt, dass sie vielleicht wenn nicht jetzt, auch später nicht mehr aufmacht, und mir kommt der Gedanke, dass ich José verloren haben könnte. So genau kenne ich sein heutiges Etappenziel nicht, vielleicht ist er doch schon weiter. Wenn ich nun aber weiter gehe und er ist hinter mir, dann verliere ich ihn auch.

Umso erleichterter bin ich, als nach einer halbe Stunde ein wehender dunkelblauer Regenponcho am Horizont auftaucht. José strahlt schon aus 50 Metern Entfernung und sagt, er wäre so froh, mich zu sehen. Wahrscheinlich ist er auch einfach froh, dass ich wieder die Alte bin und weder schmolle noch heule. Vor lauter Begeisterung umarmt er mich erstmal. Das Ganze ist sehr feucht, und nicht etwa Wasser, sondern Schweiß, wie er stolz betont. Aha. Im nächsten Moment schimpft er wie ein Rohrspatz auf diesen scheiß Tag. Das scheiß Wetter, und diese endlose Etappe. Ich bin ganz überrascht, denn ich bin voller Energie, Adrenalin und Endorphinen.

Glücklicherweise kommt Bewegung in den verlassenen kleinen Ort – eine Dame nähert sich der Herberge und lässt uns einchecken. Zwar gibt es keine Küche (und ohnehin keinen Supermarkt, was mir Selbstversorger nicht sehr entgegen kommt), dafür sind die Räume superschick. Keine Stockbetten, nur jeweils 4-6 Betten, Heizung zum Trocknen unserer doch recht durchweichten Sachen – und natürlich wieder das komplette Wäscheprogramm für José.

Die Herberge scheint auch einen großzügigen Heißwassertank zu haben (bzw. wir sind diesmal natürlich auch wieder die ersten und einzigen), jedenfalls kann ich minutenlang brühend heiß duschen. Leicht störend ist nur wieder mein kleiner Spanier, der neben mir duscht und – das scheint sich langsam für einen guten Spanier einfach zu gehören – ächz und stöhnt und prustet. Ich lasse ihm etwas Vorsprung zum sich in Ruhe Anziehen, aber die nutzt er natürlich nicht, sondern beglückt mich mit dem Anblick seines nicht gerade durchtrainierten Oberkörpers. Lustigerweise findet er sich mager und quasi „a shadow of the man he used to be“, seit er im Vergleich zu früher abgenommen hat. Damals, so erzählt er stolz, stand er noch vor dem Spiegel und hat sich gedacht „wow, ich bin ein echter Mann!“. Ich kann dazu nicht viel sagen, denn auch als für seinen Geschmack halbe Portion ist er einfach noch massiv übergewichtig, und vermutlich jeder andere würde vor Gram und Scham vergehen.

Nachdem geduscht, Wäsche gewaschen und der Rest überall zum Trocknen ausgebreitet ist, widmen wir uns wieder der leidigen Etappenplanung. José beendet diesen Camino in León und möchte sich für die 67 km natürlich wieder 3 Tage Zeit lassen. Vor allem möchte er morgen entlang der Strasse gehen ( als „unspektakulär bis eintönig“ beschrieben), während ich mich schon seit zu Hause auf  „die  sehr einsame Variante“, „ein ganz spezielles Erlebnis“ und auf das „gänzlich allein Fühlen bis hin zu dem Gefühl, man könnte nie wieder auf eine Ortschaft stoßen“ über Calzadilla de los Hermanillos freue. José hängt wieder den Besserwisser raus, da hat es nämlich Wölfe. Das steht so in seinem Führer. Als ich das sehen will und da etwas von Mittelalter steht, wird er zickig und behauptet, die wären jetzt eben neu wieder am Kommen. Und er als Jäger weiß das natürlich besser als ich. Und er findet es überhaupt Irrsinn, dass ich in diese Herberge dort will, wo sonst kein Mensch ist. So sehr mich seine Selbstherrlichkeit mal wieder aufregt, die Sache mit der Herberge allein im Nichts verzückt mich ehrlich nicht gerade. Trotzdem, ich muss wirklich an meinen Zeitplan denken, und schließlich trennen sich unsere Wege in spätestens 3 Tagen eh unwiderruflich. Diesmal bleibe ich hart und beharre auf meiner Etappe. José meint, ich soll mich dann eben von ihm verabschieden, wenn wir uns trennen. Das bestätigt mich nur in meiner Entscheidung.

Quasi zum Abschied verbringen wir die obligatorische Siesta gemeinsam auf seinem Bett, jeder brav in seinen Schlafsack eingemummelt. Der dänische Donner ist mittlerweile auch eingetroffen und gerade am Auspacken, so dass ich eh nicht schlafen kann, zumal José schon wieder schnarcht, dass das ganze Bett wackelt. Ich wechsle noch ein paar kurze Worte mit dem Dänen, der auch komplett euphorisch von dem heutigen Tag und den Naturgewalten ist. Er will morgen auch in die einsame Herberge, die hat er vor ein paar Jahren schon einmal angesteuert, und das wäre prima. Das beglückt mich natürlich erst recht.

Plötzlich höre ich ein Klingeln und renne wie von der Tarantel gestochen in meiner einzig trockenen Garnitur und Flipflops auf die Straße, in der Hoffnung, dass es sich um ein Bäckerauto handelt und ich doch noch etwas zu essen bekomme. Leider sehe ich weit und breit keins und laufe suchend durch den sehr überschaubaren Ort. Es klingelt nochmals, und am anderen Ende des Ortes sehe ich den Fahrer gerade die Tür zuschlagen. Ich renne ohne Rücksicht auf Verluste quer durch irgendwelchen Matsch, als der Wagen sich schon in Bewegung setzt. Glücklicherweise erspäht mich noch eine ältere Spanierin, die ihm Zeichen gibt. Er öffnet extra nochmal für mich und mein Brot. Zwar habe ich eiskalte, verspritze Füße und bin leicht eingeregnet, aber dafür habe ich ein Brot. So triumphal hat sich sicher nicht mal Cäsar unter seinem Lorbeerkranz jemals gefühlt.

Den Nachmittag verbringe ich mit intensiven Gesprächen mit José in der Bar, wo er sich ein Bierchen nach dem anderen genehmigt, die er sich für seinen Geschmack heute redlich verdient hat. Eine gewisse Wehmut macht sich bei mir schon breit. Die wenigen Tage mit ihm kommen mir wie eine Ewigkeit vor, wir sind trotz aller Wutanfälle meinerseits ein eingespieltes Dreamteam geworden, und nachdem der Däne schon anklopft, bevor er unser gemeinsames Zimmer betritt („weil man ja nie weiß“) und zu unserem letzten Tag meint „ja, ja, für die große Liebe muss man halt notfalls mal eine längere Etappe machen“, scheint unsere Seelenverbundenheit auch nach außen hin eine (wenn auch andere) Verbundenheit widerzuspiegeln. Eine Vorstellung, die mich durchaus erheitert. Zwar halten wir uns manchmal im Arm oder an den Händen, aber das hat mehr mit südländischer Herzlichkeit als mit leidenschaftlicher Hingabe zu tun.

Als José zum Abendessen in die Bar geht und ich mich wieder vorsatzgetreu meinem (diesmal zwar sehr frischen, aber unbelegtem) Brot widme, überkommt mich nach all der Energie des Tages eine drückende Schwermut. Die Zweifel wegen der Etappe morgen und die Entscheidung, mich von José zu lösen, das überfordert mich in meinem einfachen Pilgerleben einfach schon wieder. Ich kann ewig nicht einschlafen, aber als José meine Sorgen mit seinem typischen „don’t worry, be happy“ und einem dröhnenden Lachen abtut, weiß ich, dass meine Entscheidung richtig ist.

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Aprilwetter ist offensichtlich auch in Spanien wechselhaft. Meine Sorgen wegen zu wenig Sonnenmilch liegen weit zurück, in letzter Zeit friere ich einfach. Und heute sieht der Himmel erstmals auch nach Regen aus.

Untypischerweise starte ich heute schon gleich mit José. Im Vergleich zu den ersten Tagen in der Meseta mit endlosem Grün, blauem Himmel und Sonnenschein, die ich ewig in mich aufsaugen könnte, hat der Weg hier eher weniger zu bieten, so dass ich wenig Gewissensbisse habe, in Gesellschaft zu laufen.

Generell mache ich mir allerdings schon viele Gedanken um diese Art des Caminos. Ich fühle mich reichlich unruhig; zum einen, weil ich niemanden kennenlerne und ich das Gefühl habe, dass mir interessante Bekanntschaften entgehen. Ich habe das Gefühl, nicht wirklich abschalten zu können und für göttlichen Input empfänglich zu sein, statt dessen bin ich hier zickig, empfindlich und leicht beleidigt wie ich es sonst gar nicht von mir kenne. Charakterlich bin ich mit José eine höchst explosive Mischung. Er ist vielleicht nicht gerade ein Frauenversteher, er hat kein Händchen dafür, kleine Verstimmungen bei mir zu entdecken (geschweige denn zu beschwichtigen). Manchmal treibt mich seine Selbstzufriedenheit und Rücksichtslosigkeit in den Wahnsinn. Ernste Gespräche von seiner Seite sind wunderschön, ernste Gespräche von meiner Seite hört er sich geduldig an, um dann standardmäßig „don’t worry, be happy“ zu radebrechen, was mich absolut auf die Palme bringt, denn was anderes hat er wirklich nicht auf Lager. Schlussendlich ist unsere Etappenplanung jeden Tag aufs Neue ein heikles Thema. Nach seiner mehrstündigen Siesta jeden Tag wirft José einen selbstzufriedenen Blick in seinen Führer und hat nach einigen Sekunden ähnlich selbstzufrieden das Ziel für den nächsten Tag beschlossen, das dann auch immer in sehr überschaubaren 20 km liegt. Für mich stellt sich dann immer das (jeden Tag größer werdende) Riesenproblem, dass ich so unmöglich meinen Zeitplan einhalten kann. Ich muss 25-30 km pro Tag machen, um Santiago zu erreichen, und mit jedem Tag, den ich wegen José verbummele, rechnet mein Unterbewusstsein beunruhigt, wo ich eventuell später noch 5 km pro Tag wieder reinholen kann. Der Versuch, José diese Problematik näherzubringen bzw. ihn eventuell mir zuliebe ein paar Kilometer weiter zu bewegen, erstickt er selbstzufrieden im Keim. Er läuft seine 20 km, und wenn ich meine, weiter zu müssen, dann muss ich das machen. „Don’t worry, be happy“, harharharharhar. Ich komme mir wie eine Schmeißfliege vor, die an ihm klebt und nicht von ihm loskommt.

Heute gibt es ausnahmsweise Balsam für die Schmeißfliegenseele; José äußert gegen 10 leicht verzweifelt, dass er jetzt wirklich in der nächsten Stadt mal etwas essen muss. Ich bin erstaunt, ob er denn nicht gefrühstückt hätte. Nein, schließlich hätte er mich dann doch nicht mehr eingeholt. So viel Zuneigungsbezeugung überrascht mich direkt.

José steuert eine Bar an, und ich biete an, auf ihn zu warten. Ich erzähle ihm von meinen diversen merkwürdigen kleinen Camino-Vorsätzen, zu denen eben unter anderem gehört, mein Essen mitzutragen und nicht essen zu gehen. (Derweil essen wir jetzt beide statt in der Bar auf einer Bank). Seinen Schokoriegel lehne ich auch dankend ab, schließlich habe ich auch so eine Art Süssigkeitenvorsatz. Baff erstaunt ist er dann noch über den Alkoholvorsatz und Handwäschevorsatz; letzterer wäre wohl der größte Verzicht für meinen kleinen Pascha. Ich kenne keinen Pilger außer ihm, der wirklich jeden Tag Waschmaschine und Trockner in Anspruch nimmt (was ja meist schon mehr kostet als die Übernachtung an sich). Mir soll es ja recht sein, so riecht er wirklich immer sehr angenehm in seiner Wolke aus Weichspüler, was man von manch anderem Pilger nicht sagen kann.

Wir laufen recht eintönig einen langen Weg an einer Straße entlang, und außer Pilgern kommt hinter uns auch ein Mann mit zwei Hunden. Die springen begeistert um uns herum, was meiner Angst vor Hunden nicht direkt entgegen kommt. Ich drehe mich nach dem Herrchen um und will einen bösen Blick loswerden, da erkenne ich, dass es sich auch um einen Pilger handelt und die Hunde definitiv nicht zu ihm gehören – und auch sonst zu niemandem. Einer der beiden Hunde ist riesengroß, eine Mischung aus Bernhardiner und Kalb, und hinter sich her schleift er gut 3 Meter einer dicken Metallkette. José kommentiert ungewöhnlich besorgt, dass das nicht gut ist, und auch mir dämmert, dass es sich hier um die berühmten wilden Hunde handelt. Glücklicherweise sind sie zwar herrenlos, aber nicht wirklich wild vom Temperament, und trotten bereits ein paar Meter vor uns her. Sie wechseln der Einfachheit halber auf die wenig befahrene Fahrstraße, und mein sonst so gelassener José ist komplett beunruhigt. Er ist ein großer Hundeliebhaber und macht sich riesige Sorgen, zumal immer wieder Autos auf der Straße auftauchen und erst im letzten Moment ausweichen. José brüllt Leuten vor uns zu, dass sie Steine werfen sollen, um die Hunde von der Straße zu bringen, und wir sind mittlerweile halb am Joggen, um sie einzuholen. Weder Autos noch Steine bringen die beiden Hunde aus der Ruhe, und kaum haben wir sie eingeholt, werden wir Zeuge, wie der kleinere Hund voll gegen ein Auto läuft. José schreit und mir wird überhaupt ganz schlecht. Der Hund rappelt sich jedoch erstaunlich unbeschadet wieder auf, und sie verschwinden seitlich in die Felder.

Mir ist danach wirklich ganz anders; dieser fast überfahren wordene Hund, José völlig außer Fassung, ganz generell der Gedanke, dass überall auf dem Camino solche Hunde rumlaufen könnten und ich morgens um 7 allein auf weiter Flur vielleicht doch kein so unbesorgtes Gefühl haben sollte… dazu beginnt es jetzt noch zu regnen. Heute stellt sich für meinen unruhigen Planungsgeist ein weiteres Mal nicht die Frage, ob ich meine Etappen einhalten soll oder meinen Stolz mal wieder an den Nagel hängen und um einen weiteren Tag an der Seite des kleinen Spaniers betteln.

Wir suchen uns eine Herberge, die von Schwestern geleitet wird. Wir bekommen Tee angeboten, für den Abend einen Pilgersegen offeriert, und die Nonne spricht sogar perfekt Deutsch. Die Herberge verfügt über eine ganz unglaubliche Küche, so dass ich kurz vor 1 noch schnell losziehe, um etwas für ein warmes Mittagessen einzukaufen.

Ich finde einen ebenso unglaublichen Supermarkt und kaufe für Ratatouille und Paella ein. Das viele Gemüse stellt eine Herausforderung dar. Man muss selber wiegen und dazu Tasten betätigen, auf denen keine Nummer, sondern nur die spanische Bezeichnung steht. Mit den kleinen Läden komme ich gut klar, da gibt es eh nur 5 Sorten Obst und 5 Sorten Gemüse, und die beherrsche ich mittlerweile verständlich. Das Supersortiment hier mit Auberginen und Zucchini und Paprika und speziellen Zwiebeln führt dagegen dazu, dass ich am Ende so ziemlich jeden anwesenden Mitarbeiter zweimal um Rat gefragt habe.

José sitzt frisch geduscht, die Wäsche fröhlich bereits im Trockner rotierend, wie immer selbstzufrieden in der Herberge und ist neugierig, was ich ihm da Schönes kochen werden. Aha. Ich werkele noch ungeduscht allein in der Küche herum, und José kommt nur ab und zu vorbei, um sich an meinem „Chaos cooking“ zu ergötzen (ich gehe das ja etwas spontaner und flexibler an als er) und anzumerken, dass er nachher gern ein paar meiner Tüten hätte. Aha.

Nach dem Essen geht er erstmal Siesta machen, während ich mir noch reichlich verfroren einen warmen Tee mache. Ich nehme einen Kuli zur Hand und gestalte eine Art Abschiedsgeschenk für José – ich beschrifte die von ihm gewünschte Plastiktüte. Obwohl wir erst ein paar Tage zusammen laufen, haben sich da schon reichlich viele Insider angesammelt, und viele Dinge, für die ich ihm dankbar bin.

Das Frieren bessert sich dadurch nicht, also versuche ich es mit einer warmen Dusche, aber zum ersten Mal auf diesem Camino hat es für mich kein warmes Wasser mehr. Die eiskalte Dusche,  obwohl mir eh schon kalt war, ist keine gute Idee. Ich verziehe mich in den Schlafsaal, der verhältnismäßig gut gefüllt ist. Viele Deutsche sind da, und ich ertappe mich dabei, beim Spanisch und Englisch mit José zu bleiben und zu hoffen, dass man mich für alles hält, nur nicht für Deutsch.

Über mir lagert eine Französin, die hellauf begeistert ist, dass ich Französisch verstehe. Sie kann sonst keine Sprache, hat seit einer Woche mit niemandem geredet, und zu allem Überfluss war sie gestern ganz allein in einer Herberge, die generell so schlecht besucht zu sein scheint, dass sich in den Decken in Seelenruhe Bettwanzen vermehrt haben – und sich begeistert auf ihr Opfer gestürzt haben. Sie hat so schweren Ausschlag, dass sie beim Arzt war. Sie sitzt gerade nur in einem T-Shirt von den Nonnen auf ihrem Bett, selbst alle Unterhosen sind in der Wäsche, um wanzenfrei zu werden. Leider liegt mein aktives Französisch Jahre zurück, und nach Spanisch mit José verwechsle ich alles ganz fürchterlich, so dass ich wenig Unterstützendes zu entgegnen habe. Mir wird nur auch wieder ganz eng beim Gedanken, ob jetzt die letzten Residualbettwanzen vielleicht gerade auf meinen Rucksack umsiedeln, und außer der Aussicht auf wilde Hunde hab ich jetzt auch noch die Vorstellung im Kopf, dass man eine dumme Herberge erwischen kann, in der man allein ist (die arme Französin konnte die Tür nicht abschließen und hat die ganze Nacht panische Angst gehabt).

Als José endlich seinen Dornröschenschlaf beendet, nimmt er ungerührt meine liebevoll gestaltete Tüte entgegen mit dem lapidaren Kommentar, ich hätte etwas draufgeschrieben. Meine Verzweiflung über die kalte Dusche kommentiert er belehrend, dass das erste, was man in einer Herberge machen muss, Duschen ist. Er hatte nämlich eine viertel Stunde eine wunderbar heiße Dusche (und mir wird klar, warum der Heißwassertank anschließend leer war). Ich beglücke ihn mit einer Gardinenpredigt über „compartir“, und dass ich mal für ihn durch Kälte und Regen gedüst bin, um ein Mittagessen für ihn einzukaufen, während er das heiße Wasser weggeduscht hat. Er trägt es mit Fassung.

Abends gehen wir wieder zusammen in die Messe in der Kirche neben der Herberge. Es ist nicht nur wirklich eisig kalt, sondern es regnet auch seit Mittag, und nachdem ich meine beiden Fleecepullis anhabe und brauche, bin ich froh, dass der Weg so kurz ist und ich meine Kleidung wieder trocken heimrette.

Ich widme mich dem Paella-kochen, während neben mir am Herd ein etwas wild aussehender Spanier werkelt. Leider verstehe ich ihn überhaupt nicht, er spricht sehr schnell und offensichtlich einen anderen Dialekt, als ich sonst gewöhnt bin. José dolmetscht mir die ein oder andere Information. Er ist Koch, kocht gerade Abendessen für 10 Leute, das macht er öfter, die Leute kennt er eigentlich auch nicht näher, aber sie bezahlen die Zutaten und er kocht. Mir gibt er auch den ein oder anderen fachkundigen Ratschlag in Sachen Paella, aber ich verstehe ihn einfach nicht und bin eher konfus.

Derweil habe ich die 497. Krise in Sachen José; nicht nur, dass ich alleine für ihn koche, sondern ich darf auch allein abspülen. Und als er wieder einen Seelenkummer meinerseits nicht ernst nimmt, sondern ungläubig begeistert seine frisch weichgespülte Wäsche hypnotisiert, schmolle ich.

Schmollen ist bei José leider denkbar ineffizient, denn er reagiert einfach nicht darauf. Vor 21:00 sitzen wir wartend in der bitterkalten Eingangshalle in Erwartung des Pilgersegens. José hat eine Decke, aber nachdem ich ja schmolle, friere ich lieber. Die fünf Nonnen kommen pünktlich die Treppe heruntergeschwebt (etwas unromantisch, aber praktisch mit mehreren Schichten Fleece- und Strickjacken bekleidet). Eine hat eine moderne Gitarre dabei, und alle strahlen tierisch, dabei sind wir gerade mal jämmerliche zwei Anwesende (und eine davon schmollt noch und weiß nicht, wie sie da wieder herauskommen soll). Eine junge Peruanerin fängt einfach mal unglaublich strahlend an, die Gitarre zu bearbeiten, und so kommen dann doch noch ein paar weitere neugierige Pilger aus dem Schlafsaal (und unter ihren warmen Decken) hervorgekrochen.

Es ist der Hammer. Die Nonnen singen durchaus moderne Lieder, sie singen unheimlich gut, und vor allem strahlen sie. Nicht nur optisch, sondern mein Herz fühlt sich an wie auf einer Wärmeplatte. Die koordinierende Nonne lädt uns ein, uns kurz vorzustellen, wer wir sind, was wir hier machen… sie beginnen bei sich selbst, und es ist schon allein sehr faszinierend, dass alle (allesamt ungefähr in meinem Alter) bis vor wenigen Jahren noch ganz normal gelebt, studiert, Beziehungen geführt haben – und nun ihren Frieden bei Gott gefunden haben. Und alles was recht ist, dass sie ihren Frieden gefunden haben, das sieht man ihnen wirklich an.

Der spanische Koch redet wie immer zu schnell, aber ich bekomme doch noch mit, dass er gerade die Kurzfassung seines verkorksten Lebens voller Drogen, Alkohol und Arbeitslosigkeit zum Besten gibt. Eine Deutsche in der Runde bricht beim Erzählen über ihr Arbeitsleben in Tränen aus, sie ist offensichtlich ziemlich mit den Nerven am Ende. Die Nonnen strahlen sie einfach unheimlich intensiv und zugleich geduldig lächelnd an, und ich fühle mich an Science Fiction Filme erinnert, in denen Menschen mit ihren Augen Feuer machen können oder ähnliches. Es wirkt hier, als ob die Damen sich wortlos einig wären „komm, diese Pilgerin hier müssen wir mal ordentlich mit Energie aufladen“. Wobei ich wieder an José und seine „Energie, Glaube, Kraft, Glücklichkeit“ denken muss, die er hier sammelt, um sie weitergeben zu können.

Den Pilgersegen singen uns die Nonnen mit Gitarrenbegleitung, und als eine Nonne herumgeht und jeden Einzelnen segnet und auch noch einen selbstgebastelten Stern dazu verteilt, bin ich nur noch am Heulen. Wenn ich grad mal was durch die satte Tränenschicht sehe, dann die 24-jährige Peruanerin an der Gitarre, die so wunderschön singt und so unendlich viel Kraft und Freude in den Augen (und in der Stimme) hat. Diese Nonnen scheinen Gott ganz eng bei sich zu haben, und das dürfen wir verirrte Pilgerschäfchen an diesem Abend auch spüren. Ich fühle mich, als würde mich Gott hier und jetzt aus 5 Augenpaaren anlächeln und sagen „hey, Du schaffst alles, ich bin bei Dir“. Und das überfordert mich im Moment emotional ein wenig.

Ich bin eine Mischung aus „Totalschaden“ und „zutiefst bewegt“, als ich ins Bett gehe. José ist ungewöhnlich besorgt über meine Darbietung und lässt sich sogar zu einem versöhnlichen „Gute Nacht“ hinreißen, obwohl ich ja immer noch schmolle.

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