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Posts Tagged ‘Casanova’

Die erkältete Spanierin neben mir schnarcht, dass die Wände wackeln, und als sie morgens im Schlaf auch noch herzhaft ungebremst Nies- und Hustenattacken bekommt, flüchte ich kurz vor 7. Ich warte brav bis 7.30, bevor ich mich auf den Weg mache. Heute ist es klar, kein Nebel, dafür ein bisschen Wind. Die ersten Stunden bleibt es ruhig, ich werde nur sehr vereinzelt von Pilgern überholt. Ich bin in einer komischen Stimmung, eine Mischung aus traurig, niedergeschlagen, resigniert oder ernüchtert. Anke ist weit hinter mir, Joaquin weit vor mir, ich werde sie nicht mehr treffen. Und sonst kenne ich eigentlich niemand. Auch Santiago weckt keine allzugroße Vorfreude in mir. Durch meine Stückelung fühle ich mich ein bisschen wie ein Kurzstreckenpilger, nicht so gewachsen, als wäre ich 3 Wochen lang jeden Meter auf mein Ziel hingelaufen. Und mein letzter Tag wird wohl weniger langsames, besinnliches In-mich-Hineinfühlen, sondern eher eine koordinatorische Meisterleistung, um rechtzeitig auf meinen Flieger zu kommen.

In Mélide mache ich einen feierlichen Großeinkauf in meinem Stammsupermarkt und breite mich ebenfalls an meinem Stammplatz am Ortsausgang vor einer Kirche aus. Zu Schafskäse und edlem Lomo habe ich mir leider versehentlich ein süßes Rosinen-Nuss-Brot gekauft, was das stimmige Gesamtkonzept etwas ins Wanken bringt.

Heute habe ich mal wieder wunderbares Wetter und fühle mich mit Zitronenbäumen und Weinreben sicher nicht wie November. Typisch für Galizien wimmelt es von den Hórreos, den Kornspeichern. Zum ersten Mal stehen einige offen und sind auch wirklich mit corn, mit Mais bestückt.

Heute bin ich ziemlich unschlüssig bezüglich meines Tageszieles. In Ribadiso bin ich viel zu früh, sonst ist noch niemand da, und nach der gestrigen Nacht möchte ich einfach mal wieder einen Haufen Pilger um mich haben und ein bisschen Trubel. Ich setze mich erstmal in den Schatten auf die Brücke und warte ab.

Ein paar nett aussehende Spanier stürmen die Herberge und halten ihre Füße in den kühlen Bach. Ich entscheide mich spontan, auch hierzubleiben. Kaum habe ich eingecheckt, packen sie auch schon wieder zusammen. Sie haben nur mal kurz die Füße erfrischt und laufen nun natürlich noch weiter. Ich bin leicht verzweifelt.

Die Herberge ist eigentlich wirklich wunderschön. Abgesehen von dem tollen Bach faszinieren mich die hellblauen Pferdestalltüren und der verschachtelte, über mehrere Ebene verteilte Schlafsaal. Zum absoluten Wohlgefühl würden einfach ein Supermarkt, eine eingerichtete Küche und nette, bekannte Gesichter fehlen.

Ersteres nehme ich kurzentschlossen mal wieder in Angriff, ich laufe nach Arzúa. Ich fühle mich ausgesprochen leicht und beschwingt, was sicher am fehlenden Rucksack und dem Wissen um die kurze Strecke liegt. Und daran, dass ich langsam die Sorgen um meine Beine und Vorsicht und Schonung abgelegt habe.

Ich kaufe wie üblich viel zu viel, zwei riesige Tüten, es ist schon fast schwer zu tragen (und im Nachhinein weiß ich immer gar nicht mehr, wie ich das alles essen soll). Unter anderem habe ich mir auch eine Tüte Schokobons gegönnt, die ich während meines Rückwegs schon einmal anbreche. Mir kommen die ersten Pilger entgegen, völlig abgekämpft vom Berg, dem langen Tag, der Verzweiflung, wann denn endlich Arzúa auftauchen könnte. Beim Anblick einer Pilgerin mit Supermarkttüten schöpfen sie neue Hoffnung, und es ist schön, ihnen versichern zu können, dass hinter der nächsten Biegung wirklich schon der Ort ist. Ich drücke jedem noch ein Schokobon in die Hand und mache mich noch etwas beschwingter als eh schon auf meinen Weiterweg in Gegenrichtung.

Das mit den Schokobons war eine lustige Idee, und ich beschließe, jeden weiteren Pilger auf seinen letzten Metern damit zu beschenken. Viele kenne ich vom Sehen, manche kenne ich auch gar nicht, aber jede Begegnung ist ein Highlight, innerhalb weniger Sekunden Überraschung, ein paar Worte, Freude und ein Strahlen. Zurück in Ribadiso ist meine Tüte leer, aber ich bin erstaunlich erfüllt und beseelt von meiner kleinen Aktion. Vielleicht weniger vom Schokoladeverteilen an sich, sondern von dem Gefühl, dass man sich gleich besser fühlen kann, wenn man offen auf andere Menschen zugeht bzw. sich nicht um sich, sondern um seine Mitmenschen sorgt. Eigentlich keine neue Erkenntnis, aber es kommt mir vor wie eine kleine Lektion von oben, ein kleiner Reminder.

Passend dazu, wie eine kleine Belohnung, ist Ribadiso bei meiner Rückkehr mit einem Schlag recht belebt und mit Trubel erfüllt. Trotz meiner Lektion in Sachen Offenheit ist mir nicht danach, mich voll ins Kennenlernen zu stürzen. Dafür ist dieser Camino vielleicht schon zu weit fortgeschritten oder diesmal einfach auch mit anderen Lehren und Erfahrungen gefüllt. Ich sitze in der Abendsonne bei lauter Caminodelikatessen wie Artischocken aus der Dose, Crema Catalana, einer Kaki und Schweppes Lemon, plaudere den ein oder anderen kurzen Smalltalk, bin aber eigentlich sehr zufrieden mit meinem freundlichen Trubel um mich herum, ohne voll darin eintauchen zu müssen.

Gegen Abend zieht Nebel auf, sodass ich mich recht bald in den Schlafsack verziehe. Die Südafrikanerin aus Sarria kommt jetzt erst angepilgert. Etwas aufgedreht erzählt sie, dass sie ja die letzten Tage mit diesen „party people“ verbracht hätte, und da hätten sie heute vor lauter Feiern dann die Zeit vergessen. Die party crew hat dann ein Taxi nach Arzúa genommen, aber soweit geht ihre Partybegeisterung dann doch nicht, sie ist doch noch so lange gelaufen, wie sie etwas sehen konnte.

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Um 6 wache ich zum ersten Mal auf. Um 7 bin ich dann endgültig wach und ergreife auch recht zügig die Flucht, bevor die ganzen Mädels wieder zu schnattern beginnen.

Wie üblich ist es bescheuert, im Stockdunkeln zu laufen. Ich bin wieder einen Hauch von neurotisch, höre überall Geräusche und habe Angst vor Hunden. Ich bin wirklich erleichtert, als es heller zu werden beginnt. Auch heute hat es wieder sehr dichten Nebel, alles ist watteweiß.

Ich bin wieder in aufgeregter Fotografierlaune. Nicht nur blauer Himmel und strahlender Sonnenschein lassen mein Herz höher schlagen, mittlerweile habe ich auch meine Freude an Nebelspielen und Wassertropfen, Spinnweben und kleinen Details wie einer wunderschönen Passionsblumenblüte (und ich bin ehrlich erstaunt, was ich Anfänger mit meiner Digitalkamera alles zustande bringe). Wieder faszinieren mich auch die Hórreos, die galizischen Getreidespeicher. Es sind nur Speicher für Maiskolben, aber die Version meiner Pilgerfreundin Bärbel, dass die Leute da ihre Toten drin aufbewahren, geht mir vor allem in diesem stillen Morgennebel auch nicht ganz aus dem Kopf.

Nach einer Weile ist der kurze Moment gekommen, in dem die Wattewolken mit der Sonne kämpfen. Ich mache es mir auf einer Leitplanke gemütlich, esse meine gestern eingekauften Cremeschnittchen und trinke meine Tetrapaks Kakao.

Hinter mir lichtet sich der Nebel bereits und gibt den Blick frei auf einen strahlend blauen Himmel. Der Weg, den ich gekommen bin, liegt dagegen noch komplett im Nebel. Ich bin früh losgelaufen und habe bisher keine Menschenseele getroffen. Dass vermutlich alle das morgendliche Hellerwerden abgewartet haben und eine halbe Stunde nach mit gestartet sind, wird mir nun bewusst, als fast im Sekundentakt ein Pilger durch die Nebelwand bricht. Mich passieren unglaubliche Massen unglaublich schneller, hektischer und betriebsamer Pilger, es ist fast etwas unwirklich.

Ich lasse den größten Schwung passieren. Als es wieder ruhiger wird, mache ich mich wieder auf den Weg, immer noch mitten an der Grenze zwischen Nebel und Sonne. Auf der anderen Straßenseite sieht irgendetwas merkwürdig aus, seltsam blendend hell. Die Gruppe Spanier, die hinter mir entlanggestoben kommt, ruft sich hektisch „arco iris!“ zu. Ein Regenbogen, der direkt auf dem Acker vor mir endet, und den ich als solchen erst richtig sehe, als ich ein paar Schritte zurücktrete.

Meine Stimmung schwankt  zwischen fasziniert von der beeindruckenden Schönheit des Wegs und etwas desillusioniert von den Pilgerscharen. Es geht recht eintönig an der Straße entlang, vor und hinter mir hat es hektische Pilgergrüppchen, soweit das Auge reicht. Ich kenne so gut wie niemanden von ihnen, und sie sind unheimlich schnell und gestresst und laut. Ich muss schon wieder an Bärbel denken – dass man als Pilger nach ein paar Wochen nicht mehr geht (oder gar hetzt), sondern schreitet. Ich vermisse dieses bedächtige, nachdenkliche, ruhige, in sich gekehrte Schreiten, das ich die vergangenen 2 Wochen beobachten durfte.

Irgendwann ist alles Schnelle an mir vorbei, und ich laufe lustigerweise auch wieder in kompletter Ruhe und Einsamkeit.

Irgendwann holt mich Joaquin ein. Heute ohne Anke. Er möchte oder muss sich beeilen, er will seine Mutter bereits am Samstag in Santiago treffen, Sonntag früh geht ihr Bus nach Portugal. Die Mutter ist offensichtlich irgendwie auch auf dem Camino (oder auch wieder nicht, mit dem Bus, Joaquin ist klar auskunftsfreudig wie immer), er will heute bis Mélide. Anke dagegen hat beschlossen, dass es ihr nichts bringt, so früh anzukommen, sie hat ja ihren Mann ein oder zwei Etappe hinter sich. Nachdem sie „ihr Santiago“ schon im Frühling hatte, will sie es ihrem Mann offen lassen, ob er „sein“ Santiago lieber allein erlebt oder ob sie gemeinsam die letzte Etappe gehen wollen. Und dann vielleicht gemeinsam bis ans Ende der Welt.

Ich schicke Joaquin voraus. Heute nicht einmal aus schlechtem Gewissen, irgendwie habe ich heute einfach keine Lust mehr auf seine gönnerhaften, allwissenden Kommentare, auf unsere „Gespräche“, die ja eh zu nichts führen.

Heute ist es so richtig warm, ich trödele mal wieder par excellence und spiele Schwamm, der die Eindrücke und Ruhe auf den letzten Kilometern vor Santiago aufsaugt. Gestern an der 100 km – Markierung habe ich die Kanadierin mit dem transportierten Müslirucksack getroffen. Sie war gemischter Gefühle. Weniger die Freude, den Camino bald geschafft zu haben, als eher eine Traurigkeit, dass sie nun 700 km unterwegs war und sich so daran gewöhnt hat – und es nun so bald schon zu Ende ist. Mir geht es (auch mit deutlich weniger Kilometern) einen Hauch von ähnlich. Die Stimmung ist Abschiednehmen.

Als ich eine kleine Anhöhe erklimme, sitzt auf einem Steinmäuerchen Joaquin. Er hat auf mich gewartet.

Ich bin weitgehend überrascht, aber wir laufen von da ab zusammen weiter, und es geht überraschend gut. Er hat eine recht unverwüstlich gute Laune, bleibt immer wieder stehen, um bedächtig eine Blume am Wegesrand zu inspizieren und liebevoll mit seinen filigranen Fingern an seinem Strohhut zu befestigen. Der Hut ist eh schon der Knüller, vor allem, seit er einen recht stattlichen Pilz aufgelesen hat. Ich nenne ihn neuerdings nur noch Mushroom-pilgrim.

Auf Höhe der ersten Riesenherberge von Palas de Rei treffen wir auf Lucia, die mal wieder mit merkwürdigen Geräuschen mit sich selbst beschäftigt ist. Irgendwas behagt ihr nicht an ihren Handschuhen, die sie wie die meisten Koreanerinnen gegen die Sonne trägt. Und täglich wäscht. Wir machen Erinnerungsfotos (den Mushroom-pilgrim hat sie trotz fehlender christlicher Aura ins Herz geschlossen), und sie fragt, ob wir zufällig ein Gummiband hätten. Sie hat ihres verloren, und die offenen Haare, ugh oh ah. Ich packe mitten auf dem Weg meinen Rucksack aus und suche ihr mein Haargummi aus dem Kulturbeutel. Sie bricht vor Freude erst recht in undeutliche Grunzlaute aus und ist kaum mehr zu beruhigen. Sie ist schon lustig mit ihren fast 60 Jahren. Vor allem will sie heute weit laufen. Bis Mélide, warum auch nicht. Sie will unbedingt den Papst sehen. Die Chance gibt es nur einmal, und dafür probiert sie alles. Da hat sie eigentlich recht.

Mich zieht es zielstrebig zu meinem Wunderbäcker in Palas de Rei, allerdings ist es genau 14:30, und die Läden beginnen zu schließen. Ich brauche auf alle Fälle etwas zu essen, sodass ich sicherheitshalber lieber in den nähergelegenen Supermarkt springe. Ich kaufe auf die Schnelle meinen geliebten Pulpo a la marinera, ein Brot und Mousse au Chocolat. Joaquin hat beschlossen, mit mir einkaufen zu gehen, wandelt aber verträumt zwischen den Regalen, ohne so wirklich weiter zu kommen. Die Verkäuferin wird wenig dezent ungeduldig, schließlich will sie den Laden schließen. Ich wecke Joaquin aus seinen Träumen, woraufhin er zerstreut bis an die Kühltruhe an der Kasse kommt und sinniert, dass er jetzt vielleicht ein Eis möchte. Er steht minutenlang regungslos vor der geöffneten Eistruhe. Irgendwann hat er sich für ein grünes Wassereis entschieden, ja, das glaubt er, will er. Es gibt es einzeln oder im Fünferpack. Er fragt nach dem Preis und rechnet in einer Endlosschleife, dass die Großpackung ja günstiger ist. Weitere Minuten vergehen, ich kann mir einen ungläubig grinsenden Blick mit der Verkäuferin nicht verkneifen.

Für einen von uns gibt es heute tatsächlich 5 Packungen grünes Wassereis zum Mittagessen.

Wir setzen uns mehr praktisch als idyllisch direkt auf eine Bank an der viel befahrenen Straße. Ich bin ungläubig begeistert von Joaquin. Ich kann ihn nicht so recht einschätzen, manchmal wirkt er mir einen Hauch von arrogant, aber vor allem ist er einfach tierisch verplant und verträumt.

Ich bemühe mich sehr um Toleranz und halte meine Meinung zu dem vielen Wassereis recht vornehm zurück. Irgendwann kann ich mir einen Kommentar dann doch nicht verkneifen, ob ihm diese Farbstoffe denn keine Sorgen machen – so viel Chinolingelb würde dann nicht mal ich essen, dabei bin ich hier ja nicht der Alfalfa-Man. Er ist halb geschockt, dass das giftgrüne Zeug ungesund sein und künstliche Farbstoffe enthalten könnte. Am Ende von Eis Nummer 2 keimt ihm auch der Gedanke, dass er vielleicht doch nicht den ganzen Karton hätte kaufen müssen. Zu Beginn von Eis Nummer 4 ist er eine Mischung aus aggressiv, verzweifelt und mit den Nerven am Ende, ich soll nur ja meinen Schnabel halten, sonst kotzt er grad quer über den Platz. Am Ende von Eis Nummer 4 sieht er selber einen Hauch von grüngelb aus und erinnert sehr an ein Häufchen Elend. Wie ein rettender Engel kommt Matthias den Platz entlanggeschlendert. Wir bieten ihm ein erfrischendes Eis an, was er überrascht dankend annimmt. Joaquin sieht zwar noch grün, aber unendlich erleichtert aus.

Wir laufen zu dritt weiter, die Stimmung ist super. Beide Herren sind auf ihre Art recht erheiternd und lustig. Die Temperaturen klettern immer höher, zum ersten Mal wird es mir selbst im hochgekrempelten Trekkinghemd warm. Wir haben November.

Es geht durch haufenweise kleine Örtchen, wobei Matthias immer unruhiger wird. Er wollte vermutlich eh nur bis Palas de Rei, hat sich von uns da etwas anstecken lassen, und sein Horror ist nun recht deutlich, bis Mélide durchlaufen zu müssen. Die Herbergen in den kleinen Orten haben im November bereits geschlossen. Ich vertraue recht optimistisch auf Casanova/Mato.

Als wir den Ort passieren und auf der rechten Seite die (geöffnete) Herberge auftaucht, hoffe ich fast schon einen Moment, dass auch Joaquin hierbleibt. Er ist aber erstaunlich klar, nein, er möchte bis Mélide. Ich gebe zu bedenken, dass das noch gut zwei Stunden sind und wir schon späten Nachmittag haben. Das überrascht ihn zwar wieder, Mélide muss es aber trotzdem sein. „Wir sehen uns“ (nein, Herzchen, nicht, wenn Du bis Mélide prescht und Sonntag morgen schon abreist), „bleiben ja aber eh über Facebook in Kontakt“ (obwohl wir nur unsere Vornamen kennen). Er ist unendlich verplant, aber sympathisch verplant, wie ich leider feststellen muss, als ich allein in die recht einsame Herberge einchecke. Die Spanierin am Tisch ist kurz angebunden bis unfreundlich, sie wohnt in dem 5-Seelen-Ort gegenüber und bewegt sich schlurfend in die Herberge, wenn ihr kleiner Kläffer unmissverständlich das Eintreffen eines Pilgers ankündigt. Dass es hier keinen Mercado gibt, ist mir klar, aber auch auf die Frage nach einer Bar schüttelt sich völlig resolut den Kopf. Nicht hier und nicht in der Nähe.

Ich trapse etwas einsam im Herzen die Treppe hoch. Diese Herberge ist praktisch identisch mit den anderen kleinen Herbergen in den kleinen Orten. Eigentlich recht süß, sauber und modern, mit wunderbar dicken Matratzen, kleinen Schlafsälen und modernen Facilities, wie einem (immer verschlossenem) Raum mit WC extra nur für Behinderte im Erdgeschoss sowie einer ausladenden Küche (in der wie üblich jegliches Geschirr fehlt). Vermutlich könnten diese Herbergen ein kuscheliges Gefühl von Heimeligkeit vermitteln, wären sie von einem engagierten Hospitalero liebevoll betreut und mit Liebe und Leben versehen. So dagegen ist der Bau unheimlich seelenlos, und es wird auch nicht davon besser, dass der Schlafsaal ziemlich leer ist. Mich strahlt nur die Grinsekatze an, ein älteres spanisches Pärchen ist am Duschen. Die Matratze sieht irgendwie komisch aus, es hat lauter dunkle Krümel, sodass ich einen Bettwanzenkoller kriege. Die Deutsche springt mir (mit ihrer leidvollen Erfahrung) hilfsbereit zur Seite und versichert mir, dass Wanzen anders aussehen. Trotzdem bin ich dankbar für ihren Anti-Bettwanzen-Umgebungsspray, mit dem ich angewidert alles von Matratze über Rucksack bis hin zu meinen eigenen Füßen einsprühe.

Draußen ist es zugig und windig und kalt, zu Essen hat es auch nichts herzerfreuendes. Ich bin ziemlich einsam und leer, sitze am Küchentisch und versuche mir einen Pfefferminztee aus der Mikrowelle schönzureden, für den es nicht einmal eine Tasse, sondern nur einen Joghurtbecher hat.

Am späten Abend trifft noch eine Spanierin ein, die auf dem oberen Stockbett mit Bächen von Jodlösung ihre Füße bearbeitet. Mich schüttelt es ähnlich wie beim Anblick der sehr korpulenten Frau des Spanierpärchens. Ihrem Mann zuliebe schleppt sie sich seit SJPdP den Camino entlang; sie freut sich mit leuchtenden Augen sehr, sehr, sehr auf das Ankommen in Santiago, vermutlich einfach auf das Ende dieser Tortur. Sie ist schwer erkältet, und an ihren Füssen ist keine normale Haut mehr zu erkennen, alles ist entweder frische Blase oder verhornte Blase.

An diesem Abend finde ich in allen Aspekten keinerlei Wärme und Wohlgefühl. Um 9 verkrieche ich mich in meinem Schlafsack. Wenigstens der ist eine zuverlässige Bank in Sachen warm umschließende Geborgenheit.

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