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Archive for Mai 2009

Die Nacht ist reichlich skurril, wirklich viel schlafe ich nicht, und die Gedanken um mein Bein sind bei Nacht noch wirrer als vernünftig bei Tag betrachtet. Am Morgen könnte ich mir einbilden, dass die Schmerzen schon besser sind. Noch dicker ist es auch nicht geworden; vermutlich habe ich mich einfach deutlich überanstrengt und werde mich die nächsten Tage komplett schonen.

Der Japaner neben mir liegt noch im Bett, und ich blicke gar nicht mehr durch, was jetzt sein Problem mit dem Messe Verpassen war.

Ich gehe frühstücken, wieder mit Blick auf den Sonnenaufgang. Heute fühle ich mich nun endlich nach meinem ersten Kaffee. Wenn nicht hier und jetzt mit Blick auf die Kathedrale, wann dann. Es ist zwar nur ein Automatenkaffee und absolut nicht lecker, zumal ich das Umrühren vergessen habe, aber nach riesengroßen Gefühlen und Melodram ist mir momentan eh nicht mehr.

Dafür spicke ich auf Kristians Bett im anderen Schlafsaal, welches komischerweise leer ist. Ich mache mich abmarschbereit, als ich in meinem eigenen Schlafsaal plötzlich fast in Kristian reinlaufe, der dort seinen Schlafsack zusammenrollt. Ich bin schon nah dran, mich zu freuen, als ich in der gleichen Sekunde strahlend neben ihm ebenfalls schlafsackzusammenrollend Nadine sehe. Mich haut es ein paar Schritte rückwärts, das Teufelchen lacht, kichert, stichelt und tanzt Polka zugleich.

Ich mache auf dem Absatz kehrt und will mit meinem Tagesgepäck gerade Richtung Kathedrale flüchten, als Kristian mich leider erspäht und ruft. Ich soll mich mal zu ihm setzen. Von seinem Bett aus habe ich weiter Blick auf Nadine, allerdings hat sie ihren Rucksack auf der anderen Seite und drei Betten weiter. Und sie packt für Finisterre, während Kristian mich fragt, ob ich noch eine Nacht hierbleibe, um sich dann auch noch weiter einzubuchen. Was wir heute machen wollen. Ich bin immer noch etwas vorsichtig, aber eigentlich schon wieder halb versöhnt. Ich sage, dass ich zur Kathedrale will, einfach die Atmosphäre genießen und auf Leute warten. Und vorher noch um 9 zum Frühstücken in den Parador. Er moniert, dass das eh doof ist und zeitlich zu knapp bei seinem lahmen Fuß. Das ist mir jetzt egal, ich gehe und er kann ja schauen, ob er mitwill oder nicht.

Nadine läuft los Richtung Finisterre, ich humpele hinterher, so schnell es mir möglich ist. Ich frage sie, ob sie noch kurz mit Frühstücken kommt, und sie lässt sich schnell von der Idee überzeugen. Wir laufen die Viertelstunde zum Parador einträchtig, und ich kann endlich ihre nette Art einfach so genießen und eine ähnliche Wellenlänge zulassen.

Zehn Minuten vor 9 wartet sonst noch niemand am Garagentor, fünf vor kommen noch zwei Deutsche zum Gratisessen. Und Punkt 9 kommt charakteristisch humpelnd auch Kristian doch noch angetrottet.

Nadine und ich schwelgen in verrücktem Optimismus, was wir wohl für ein tolles Frühstück bekommen könnten; wir hypnotisieren die Teller mit Spiegeleiern und Toast, werden aber recht unsanft in die Realität zurückgeholt, als ein Koch „no no“ sagt und uns einen anderen Teller in die Hand drückt. Aber auch mit dem kann ich mich prima anfreunden. Ofenwarme Croissants, Hefegepäck und Fettausgebackenes, mit Puderzucker überstreut. Unsere kleine Runde ist nett und gemütlich, ich könnte Nadine umarmen, und Kristian natürlich gleich mit. Er wirkt ein bisschen verloren, weil wir nur deutsch sprechen und er wahrscheinlich meine diversen Sinneswandel nicht so recht versteht.

Nadine und die beiden Deutschen verabschieden sich nach Finisterre, und ich bin am Ziel meiner diesjährigen Caminoträume. In Santiago mit meinem Soulmate, der solange bei mir bleibt, bis ich heimfliege.

Wir sitzen vor der Kathedrale in der Sonne, und er erzählt von seinem Camino so weit. Bereits am ersten Tag nach unserer Trennung konnte er wider Erwarten gut laufen. Während ich den Camino duro gemacht habe und ab da bummelnd auf ihn gewartet habe, ist er bereits an dem Tag weiter nach O Cebreiro und war die ganze Zeit vor mir. Sein Fuß ist immer noch oder wieder ein Klumpen, mittlerweile mit einem schicken, professionellen Verband um den Knöchel. Ich bin erleichtert, dass er es demnach wohl mal einem Arzt gezeigt hat. Er wird verlegen und eher rot. Ein Pilger hat ihm den Verband gemacht, und weniger wegen dem Fuß, sondern weil er in Arca im Vollrausch aus dem Stockbett gefallen ist und nun auch noch einen kaputten Knöchel hat. Immerhin kennt er auf Nachfrage meine beiden Dänen, die anscheinend nicht weniger besoffen waren, allerdings schlau genug, sich nicht zu lädieren.

Wie auf Kommando erspähe ich sie gerade, wie sie den Kathedralenplatz langgehen. Ich habe sie letztes Jahr drei Tage lang gesehen, und doch verbindet mich sehr viel mit ihnen, oder zumindest mit einem von ihnen, Per. Ich fliege ihnen humpelnd in die Arme, und auch Kristian kommt kurz zum Hallosagen. Sie haben auf dem Monte de Gozo übernachtet und sind erst heute nach Santiago reingelaufen. Sie schlagen vor, zusammen einen Kaffee trinken zu gehen, aber Kristian ist schon wieder weg, schlendert ziellos und abwesend in eine andere Richtung, und ich bin hin- und hergerissen. Ich vertröste meine Dänen mit einem etwas schlechten Gewissen auf später und erwische Kristian gerade noch. Er lehnt auf einer Mauer und guckt regungslos ins Nichts. Ich weiß nicht, was in ihm vorgeht, aber praktischerweise spüren wir ja immer, wenn der andere traurig ist. Ich überrede ihn, irgendwo anders hinzugehen, bevor die Dänen vom Pilgerbüro zurückkommen. Mit mir allein kommt er wieder gut zurecht, wir humpeln sehr einträchtig möglichst nicht zu weit zu einer Treppe, auf die wir uns in die Sonne setzen.

Wir reden über alles mögliche, und es ist einfach wunderschön. Kristian ist so verrückt, kindlich begeistert, gegen jede Konvention, dass es einfach befreiend ist. Seine Augen leuchten vor Schalk, wenn auch im Moment unter abgesengten Wimpern, weil er sich besoffen eine Zigarette angezündet hat. Einerseits hängt er gerne mal den großen Frauenheld und Coolen raus, andererseits ist alles an ihm so liebenswert, schüchtern und empfindsam. Rechtzeitig durchbrochen von seinem typischen Gerotze und Gefluche.

Er fragt, ob er aus meiner Wasserflasche trinken darf oder ob ich das eklig finde. Letzteres. Er geht ungerührt zu einem Getränkeautomaten, wühlt dort im Müll, findet eine leere Coladose und befüllt sich diese an einem Brunnen. Lecker.

Gegen 11 gehen wir auf den Kathedralenplatz zurück, wo Sanne und die Dänen warten. Von weitem sehe ich Marco. Er deutet Richtung Camino und winkt mir einen stillen Abschied. Er geht bereits heute Richtung Finisterre, sein Herz hat wohl mal wieder gesprochen.

Ich bin fast am Ausflippen, als ich in der Kathedrale den Weihrauchkessel hängen sehe – und auch Sanne ist aus dem Häuschen über meine Entdeckung. Ich habe ihr davon erzählt, dass das für mich so etwa die Krönung überhaupt ist. Leider stellt sich bei näherem Hinsehen heraus, dass es doch nicht der Botafumeiro ist. Ich bin bodenlos enttäuscht, habe ich doch immer an die Caminoweisheit geglaubt „jeder bekommt den Empfang, den er verdient“.

Die Messe ist eh eine einzige Enttäuschung. Nicht meine Lieblingsnonne singt, vorher wird überhaupt nicht geübt wie sonst, beim Verlesen der Pilger werden Kristian und ich nicht erwähnt, die Bänke sind nur spärlich besetzt, es hat nur einen einzigen Priester, und der stört sich derart an den Touristen in seiner Messe, dass er zwischendurch mehrmals ein Donnerwetter loslässt, dass sie bitte verschwinden sollen. Leider macht das nur die Pilger betroffen, und die Herrschaften mit den dicken Kameras promenieren noch immer interessiert vor seiner Nase herum.

Ich sitze umrahmt von Sanne, Kristian und Per. Eigentlich wieder eine Traumkonstellation. Sanne ist wie üblich emotional ergriffen, Kristian wie üblich unruhig. Zudem riechen seine Füße so außerirdisch, dass ich mich schwer konzentrieren kann.

Nach der Messe treffen Sanne und ich zu unserer großen Freude Amber wieder; sie ist wie vermutet bereits einen Tag hier und geht heute nach Finisterre weiter. Wie üblich kommt die Idee auf, einen Kaffee trinken zu gehen. Ich schaue in erwartungsvolle Gesichter von Sanne, Amber und Per, und gleichzeitig schaue ich suchend über den Kathedralenplatz, auf dem Kristian schon wieder wegwandelt. Wieder stoße ich alle vor den Kopf und renne Kristian hinterher.

Wir treffen die zwei Kanadier, die ihm den Knöchel verbunden haben. Nachdem mein Bein wirklich nicht so der Knüller ist, fasse ich mir ein Herz und frage den medizinisch Erfahrenen, was er dazu meint. Zum dicken Bein meint er erst etwas in Richtung typischer Pilgerverschleiß, aber als ich ihm die roten Flecke in der Kniebeuge zeige, die sich seit ein paar Stunden ausbreiten, meint er recht resolut, dass das ein Fall für den Arzt wäre. Es könnte eine Phlebitis sein, und damit wäre nicht zu spaßen. Es hätte hier tolle Ärzte, ich könnte grad einfach in der Touristeninformation fragen.

Ich bin überaus einverstanden, habe ich diese Sorge doch auch seit gestern. Ich hole Kristian ein und informiere ihn über mein Vorhaben. Er lacht sich ungläubig kaputt, dass ich zum Arzt will, und dann auch gleich jetzt sofort, schließlich läuft er seit 2 Wochen mit dickem Fuß.

Ich gehe frohgemut in die Touristeninformation und frage freundlich motiviert nach einem Arzt. Die Dame am Tresen guckt mich an wie vom Mond und muss erst zwei Kollegen dazubeordern. Sie beratschlagen wild hin und her und stellen lustige Fragen nach meiner Art der Versicherung und ob ich ein Notfall wäre oder nicht. Weiß ich alles nicht so recht und habe ein ungutes Gefühl, als sie sich dann wie ausgewürfelt unentschlossen für eine Ärzteambulanz und gegen die Klinik entscheiden. Die läge nur eine Viertelstunde zu Fuß weg, und ich solle mich beeilen, damit ich vor 14.00 dort bin.

Ich düse fröhlich los, in freudiger Erwartung eines netten Pilgerarztes, der nur auf mich und mein dickes Bein wartet. Die Ambulanz ist ein Riesenkomplex, und ich steuere etwas unschlüssig ein paar Damen hinter dicken Glasscheiben an. Die ersten beiden schütteln nur stumm den Kopf und deuten auf eine Dritte, die dann reichlich genervt fragt, was ich will. Ich kiekse mein Sprüchlein gegen die dicke Glasscheibe, während die Dame sich in ihrem Drehstuhl zurücklehnt, die Arme verschränkt und ohne eine Miene zu verziehen meint, sie verstünde mich nicht. Regungslos will sie meine Versicherungskarte und beginnt 5 Minuten ohne Kommentar auf ihren Computer einzuhacken. Dann möchte sie meinen Pass, der sinnvollerweise in der Herberge sehr gut liegt. Sie guckt nicht mehr regungslos, sondern als wäre ich sehr suspekt. Ob ich ein Notfall wäre. Ja, herrje, für mich ist ein Notfall, wenn mir akut der Hals zuschwillt oder mein Herz stehenbleibt und ich Verlangen nach Blaulicht und rennenden Weißkitteln habe. Also bin ich kein Notfall. Wer denn hier mein Hausarzt wäre. Ach, ich bin gar nicht von Santiago (Überraschung). Wie lange ich denn hier wäre. Was, heute noch einen Termin?! Nein, keine Chance. Nur Notfälle. Dabei guckt sie mich die ganze Zeit völlig unbeteiligt und kalt an und tippt stundenlang in ihrem Rechner herum. Ich sage, dass ich ja extra hier bin, weil ich wissen will, ob ich ein Notfall bin. Offensichtlich wird ihr bewusst, dass ich sie gleich verklagen werde, wenn ich hier wegen einer nicht erkannten Thrombose Schaden nehme, und sie lässt sich zu einem kommentarlosen Zettel herab, den sie unter der Glasscheibe hindurch schiebt. Ich muss mehrmals nachfragen, was ich damit jetzt machen soll, bevor sie mich endlich in den vierten Stock schickt.

Dort tappe ich vergleichsweise vollmotiviert an einen weiteren Tresen, diesmal ohne Glasplatte. Ich zeige dem Herrn dort mein Zettelchen, und er bedeutet mir, Platz zu nehmen. Außer mir sitzen nur zwei andere, ich werde also bald dran kommen. Über mir ist eine Anzeigetafel, auf der Räume und Nummern aufgerufen werden, und die Patienten neben mir springen eifrig auf. Auf meinem Zettel ist leider keine Nummer, sodass ich nochmal beim Empfang frage. Der Herr ist schon reichlich gereizt und wedelt mich zu „warten!“. Es kommen immer neue Patienten, alle bekommen freudestrahlend einen Ausdruck mit einer großen Nummer drauf und wandern Minuten später in die aufgerufenen Räume. Ich warte gut eine Stunde immer verzweifelter, denn wie soll ich aufgerufen werden, wenn ich nicht mal eine Nummer habe. Ein Schichtwechsel findet statt, und ich kralle mir eine Dame in Weiß und frage, was ich mit meinem Zettel soll. Sie guckt irritiert drauf und meint, der Arzt darauf würde heute doch gar nicht arbeiten. Ich solle mal warten. Mache ich auch ziemlich schicksalsergeben. Die nächste junge Dame, die ich damit nerve, schaut wenigstens schon in den Computer, schüttelt voller Anteilnahme den Kopf und sagt, heute wäre nichts mehr frei. Was ich denn hätte. Ich habe dazugelernt und sage „vielleicht eine Thrombose“, und nachdem ich mittlerweile so gestresst bin von dieser hoffnungslosen Warterei, klinge ich wohl auch wirklich so dramatisch, dass sie nach einer Lösung sucht und mir den langersehnten Nummernzettel rausläßt. Mir klappt der Unterkiefer herunter, als ich als „geschätzer Termin“ 17:30 lese. Aber ich bin eh schon komplett schicksalsergeben. Ich verstehe kein Wort, ich glaube nicht dran, dass ich hier irgendwie mal drankomme, und ich fühle mich definitiv wie der letzte Pilgerabschaum. So werde ich ja auch behandelt. Ich kämpfe bereits mit den Tränen, als die junge Weißkittelin kurz zu mir herüberschwebt, mir meinen Zettel aus der Hand nimmt und mir dafür einen anderen hineindrückt. Ganz leise sagt sie, der wäre besser. Termin 15:15. Ich könnte sie umarmen.

Gegen 16:00, nach 2 1/2 Stunden warten, blinkt meine Nummer. Ich humpele in einen Raum, in dem ein junger Arzt auf seinen Monitor schaut und tippt, ohne mich zu begrüßen. Ich setze mich artig hin und warte. Er grummelt irgendwas, was ich nicht verstehe, also warte ich freundlich weiter. Er grummelt nochmal, reichlich ungehalten, und ich vermute, dass er wissen will, was ich hier will. Ich sage zwei Sätze, woraufhin er aufsteht und mir ein paarmal mit den Fingern resolut ins Bein piekt und fragt, ob ich Probleme mit der circulation hätte. Ich spare mir meine Antwort, dass ich das nicht weiß und deswegen ja hier bin, denn irgendwie kommt das hier nicht so gut an. Er folgert dann selber, dass ich Probleme mit der circulation hätte, setzt sich wieder und beginnt wild, ein Formular auszufüllen. Ich weiß nicht, was er macht, und für eine Verschreibung ist es langsam zu viel Text. Zudem steht noch etwas von Hospital drauf. Mein erster Gedanke ist „wenn der mich jetzt trotzdem noch in die Klinik schickt und ich 3 Stunden umsonst verplempert habe, drehe ich durch“. Genau das macht er aber kommentarlos. Er wedelt mit dem Zettel und bedeutet mir die Tür. Ich will dann doch mal wissen, was jetzt eigentlich los ist. Er lässt sich zu einem „Verdacht auf Phlebitis“ hinreißen. Ich frage, ob ich damit jetzt noch beruhigt in die Klinik laufen kann. Er guckt mich entgeistert an. Ob es denn gefährlich wäre? Er gibt ein bitteres Lachen von sich, na, das könnte man schon sagen. Ich bin irgendwie sowas von geschockt von den letzten paar Stunden, dass ich gar nichts mehr sage und gehe. Mein Terminengel guckt mich besorgt an, ich zeige ihr den Zettel und frage, was ich damit jetzt machen soll. Sie wechselt sogar auf Englisch und erklärt mir die Busverbindungen.

Total neben mir verlasse ich die Klinik und laufe den Weg zu der genannten Bushaltestelle zurück. In meinem Kopf ist nur noch „Phlebitis“, „peligroso“, das harte Lachen von dem Arzt; mein Bein tut unheimlich weh, ich bekomme panische Angst vor der Klinik, dass man mich dabehält, dass ich nicht heimfliegen darf. Auf halbem Weg geht mein rechtes Ohr zu; ich bekomme komplette Panik, fühle den gefährlichen Blutklumpen bereits in meinem Hirn angekommen und mich gleich tot auf der Straße. In einem Stadtteil, wo es keine Pilger gibt und wo die Einheimischen wahrscheinlich noch einen weiten Hygienebogen um meine Leiche machen würden.

Erstaunlicherweise erreiche ich aber lebend die Bushaltestelle, frage mich zu der richtigen Straße durch, sehe auch einen rettenden Bus mit Anzeige „Hospital“. Aber der freundliche Busfahrer meint, falsche Richtung und deutet auf einen Bus gut hundert Meter entfernt auf der anderen Straßenseite. Die mehrspurige Straße überquere ich unbesehen, aber der Bus ist viel zu weit weg und fährt schon an. Wunderbarerweise hält er auf meiner Höhe extra nochmal an. Ich lasse mich auf den Behindertensitzplatz plumpsen und werde etwas ruhiger.

Die Klinik ist Endstation, und ich gelange in eine riesige Halle wie in einem Hotel. Ich steuere einen weiteren Empfangstresen an, und hier ist man erstaunlich freundlich und weist mir den Weg, als ich meinen Zettel fragend entgegenstrecke. Leider wird auf eine Tür gedeutet, die ich beim besten Willen nicht sehe. Die Frau probiert es auf Englisch, und ein anderer Mann kommt hilfsbereit dazu, aber ich sehe immer noch keine Tür, sage aber irgendwann „ah, klar, danke“ und laufe mal auf gut Glück los. Das sieht man mir wohl auch an, denn der Mann kommt mir hinterher, lotst mich bis zu einem Fenster, aus dem er mir ein weiteres Gebäude zeigt, vor dem Krankenwagen parken, und vergewissert sich sogar noch, ob ich auch im Lift den richtigen Knopf gedrückt habe.

Die nächste Eingangshalle wirkt eher chaotisch in unschönem grünlich-kaltem Licht. Überall wuseln Weißkittel und Patienten. Jemand schiebt mich wieder an einen verglasten Empfang. Ein ähnliches Spielchen wie in der Ambulanz beginnt, glücklicherweise ist mein fehlender Pass hier kein Problem. Ich soll „dort“ warten. Wieder habe ich überhaupt keine Peilung und bin nicht so recht da; irgendjemand nimmt mich am Arm und führt mich zu einem Stuhl in einem Raum, in dem gefühlte 50 verzweifelte Patienten sitzen. Über mir ist ein Lautsprecher, und ich soll aufpassen, wann ich aufgerufen werde. Ich bin total hinüber, schon jenseits von Verzweiflung. Wieder stundenlang warten, und ich denke nicht, dass ich meinen Namen verstehen werde, nachdem ich ja seit einer Weile überhaupt schon nichts mehr so richtig auf die Reihe kriege.

Sekunden später klingt glockenklar mein Name in perfektem Deutsch aus dem Lautsprecher. Ich schaffe es, aufzustehen, bin dann aber schon wieder mit meinem Latein am Ende. Irgendwann zeigt die ganze wartende Patientenschar freundlich lächelnd und ermutigend auf eine Tür. Drinnen sitzt ein nonstop quasselnder Arzt, aber er wirkt freundlich, er quasselt für mich, und vor allem quasselt er Deutsch. Ich plumpse auf meinen Stuhl und bin wie am Ende eines Marathons. Ich habe es geschafft. Ich bin in einer Klinik, ich habe einen Arzt, und ich kann mich verständlich machen. Jetzt wird alles gut. Ich bin so erleichtert, dass ich noch kein Wort bewusst verstanden habe.

Irgendwann will er wissen, was los ist, soweit bin ich wieder da. Er findet mein Beinchen wohl auch etwas dick; mittlerweile färbt es sich auch zunehmend blutunterlaufen. Er interviewt mich, als wäre ich geistig zurückgeblieben, ob ich Pilgerin wäre, ob ich also den Camino gemacht hätte, ob ich also gelaufen wäre, ob ich also viel gelaufen wäre. Ich bin froh, den „Ja“s gewachsen zu sein, und sehr schnell darf ich mich wieder hinsetzen, und er erklärt kurz und bündig, dass man dann keine Thrombose hat, sondern einen Muskelfaserriss. Was?! Ich erinnere ihn an den Wisch von dem anderen Arzt, den er stirnrunzelnd mit einem „ach, ja, da haben wir ja auch noch etwas“ kommentiert. Aber es wäre sicher nichts mit den Venen. So langsam verschwindet folglich auch der imaginäre Blutklumpen in meinem Kopf, und ich kann mein Glück kaum fassen. Ich frage ihn wahrscheinlich hundert Mal, ob ich jetzt dann gar nicht sterbe, ob da auch im Flieger nichts passieren kann, ob er sich wirklich sicher ist… er bewahrt bemerkenswerte Contenance.

Ich bin schon fast an der Tür; nachdem ich ja nun wundersamerweise kein Notfall mehr bin, muss ich ja auch nicht die Notaufnahme blockieren. Der Doc ist aber noch nicht fertig und will mein Bein erst noch verbinden. Finde ich zwar moderat wichtig, hauptsache, ich sterbe nicht, aber von mir aus. Ich werde durch die Katakomben geleitet an lauter Leuten mit Infusionen im Arm oder in geschobenen Betten vorbei, und bekomme von drei lustigen Ladies etwas unkoordiniert mein Bein eingewickelt. Dann soll ich nochmal zum Doc zurück, der zufrieden mit dem Werk ist und meint, ich könne das Hosenbein dann wieder runterkrempeln. Können vor Lachen, mein dickes Bein samt noch dickerem Wattebindenverband ist komplett dagegen. Da müssten wir dann was anderes machen, meint der Doc stirnrunzelnd. Müssen wir jetzt nicht, bin ich sehr entschieden. Man kann es auch übertreiben.

Ich bekomme ein Schmerzmittel verordnet, obwohl ich eigentlich irgendwelchen Kram schon noch in meiner Reiseapotheke habe. Nein, so ganz ganz optimal ist das ja nicht. Na gut. Meine morgige neunstündige Busreise nach Madrid wird abgesegnet, allerdings mit dem Hinweis, das mein Bein dann doppelt so dick wird. Schwer vorstellbar. Aber nachdem auch das definitiv unbedenklich sein soll, grinse und strahle ich nur über beide Ohren in Anbetracht dieser Prognose. Der Doc schreibt mir stirnrunzelnd noch einen Zettel auf Spanisch, den ich dem Busfahrer zeigen soll, damit ich drei Plätze bekomme und mein Bein hochlegen kann. Er feilt an der optimalen Formulierung auf Deutsch, was die Diagnose angeht. Anscheinend hat er als Kind 10 Jahre in Deutschland verbracht, ist ansonsten aber Spanier. Ich schwanke nur zwischen „Mann, hast Du sonst nichts zu tun?!“ und endlosem Strahlen und Glücksgefühl. Der Gute hat ziemlich Glück, dass ich ihn zum Abschied nicht vor Freude und Dankbarkeit abküsse.

Als komplett neuer Mensch und mit komplett anderen Augen verlasse ich die Klinik. Draußen scheint die Sonne, jeder scheint mich anzustrahlen, der Bus kommt genau im richtigen Moment, der Busfahrer strahlt mich an. Ich bin mindestens ebenso wiedergeboren wie letztes Jahr nach meinem Schneesturm in Manjarín.

Ich schaue auf mein Handy. Eine SMS von Jelle. „Komme heute Abend nach Santiago“. Scheiße. Er macht wegen mir auch die zwei Tage in einem, und er ist nochmal 10 km weiter entfernt gestartet. 55 km. Ich schaue mein Bein an und denke „bitte nicht!“.

Der Busfahrer wirft mich in Kathedralennähe raus. Ich laufe zwar überaus moderat, traue mich mein dickes Bein nicht mehr beugen, sondern schleife es recht plakativ hinter mir her. Aber ich bin so unendlich glücklich, das Strahlen hört gar nicht mehr auf. Ich erlebe wie so oft das für mich typische Caminogefühl, diese Sicherheit, dass man nicht allein ist. Dass man bei Bedarf Gott spürt, direkt oder durch andere Menschen. Wenn ich jetzt dran denke, was die letzten Stunden alles passiert ist, die flüsternde Arzthelferin mit dem neueren Terminzettel, der Busfahrer, der extra wegen mir angehalten hat, der Wegbegleiter zur Notaufnahme, die vielen hilfsbereiten Menschen auf dem Weg dorthin und allen voran der Engel von Arzt.

Ich versuche, mein Medikament in einer Apotheke zu bekommen, aber es ist so exotisch, dass es niemand hat. Ich muss eine Apothekenhelferin schwer bearbeiten, dass sie mir wenigstens etwas anderes gibt. Offensichtlich hat sie Respekt vor der Notaufnahme und denkt, ohne dieses Mittel falle ich tot um und sie ist schuld.

Zur etwa gleichen Zeit wie gestern komme ich ähnlich schwerfällig auf den Kathedralenplatz. Nur ist er heute nicht leer, sondern alle meine Lieben sitzen wie die Hühner auf der Stange auf dem Mäuerchen um den Platz. Sie freuen sich, mich wiederzusehen und sind geschockt von meinem dicken Verband. Ich bin aber einfach nur überglücklich, strahle und freue mich. Sie gucken etwas irritiert.

Mit Sanne wollte ich ja zum Gratisessen in den Parador, mein Ausweichhighlight, nachdem es schon nichts war mit dem Botafumeiro. Per entscheidet sich spontan auch dafür, und auf dem Weg zum Garagentor läuft uns Günther über den Weg, der gerade angekommen ist, und den wir auch schnell noch einpacken. Fünf Minuten vor Beginn laufen zwei junge Tschechen mit Zelt an uns vorbei Richtung Finisterre, und auch sie sind für die Idee zu haben, im 5-Sterne-Hotel Abend zu essen. Wir sind neun Leute, als seelenruhig und üblich leger auch noch Kristian den Weg heruntergehumpelt kommt. Ich zeige ihm mein Bein und sage ihm leise, dass er sich darauf jetzt verdammt nochmal etwas einbilden kann. So einen Scheiß hätte ich noch nie gemacht, nur um einen Mann wiederzusehen. Er lächelt mich liebevoll an, und ich bekomme sein typisches schüchternes Wangenküsschen.

Ich fühle mich grandios. Im Pilgerspeisesaal darf ich schon mal mein Bein hochlegen, während mir ein anderer Pilger mein Tablett bringt. Es gibt den ersten frischen Salat meines Caminos, tolle Bratkartoffeln mit undefinierbarem, aber noch tollerem Fleisch und ein monströses Blätterteigstückchen zum Nachtisch. Neben mir sitzt mir leuchtenden Augen Sanne, und ich habe mal wieder fast alle meine Lieben am letzten Tag vereint. Zum vollkommenen Glück würde ein Wassertag von Kristian noch fehlen, aber den Gefallen tut er mir leider nicht.

Hinterher setzen wir uns nochmal auf den Kathedralenplatz. Ich schaue meine SMS an; Jelle ist vor einer halben Stunde in meiner Herberge angekommen.

Wie üblich stehe ich vor der Wahl, mit meinen erwartungsvollen Freunden den Abend ausklingen zu lassen oder mich für Kristian zu entscheiden. Ich bleibe meinen Gewohnheiten treu.

Er freut sich auf den Abend mit mir, er will mir heute mein versprochenes Lied singen und mit mir in der Stadt irgendwo ins Internet, um mir etwas zu zeigen. Wir beginnen wieder, wegen seines Alkoholkonsums zu streiten. Er findet es komplett fein und lustig, und schaden würde es ihm definitiv nicht. Ich sehe das minimal anders.

Wir passieren einen Platz, auf dem am Rand ein Betrunkener inmitten einer Flaschensammlung sitzt. Kristian steuert begeistert auf ihn zu und unterhält sich mit ihm. Zu allem Überfluss ist der Gute Deutscher und fragt mich mit ekelhaft schleimigen Augen aus. Ich sage Kristian, dass ich glaube ich lieber gehe. Er fragt „wieso?“ und bleibt sitzen. Ich versuche mein Bestes, Kristian zuliebe, aber als mir kichernd Klosterfrau Melissengeist angeboten wird, halte ich es wirklich nicht mehr aus. Kristian fragt nochmal „warum?“ und ist enttäuscht. Und ich erst.

Ich mache mich humpelnd auf den Heimweg. Aus einer weiteren merkwürdigen Gruppe löst sich ein Mann und folgt mir. Bingo, ich bin ja der Hit mit meinem Bein. Ich bin heilfroh, eine belebtere Straße zu finden und im letzten Moment jemand in einer kleinen Kirche vor mir verschwinden zu sehen. Ich hieve mein Bein begeistert auch über die Türschwelle und wohne noch etwas Gottesdienst bei. Genug zu danken habe ich heute wirklich.

In der Herberge suche ich Jelle, aber er ist nicht da. Ich vermute, er sucht mich in der Stadt. Seine Sachen liegen in dem Bett neben meinem, auf der anderen Seite hat sich Sanne niedergelassen. Ich schaue den Sonnenuntergang mit ihr an. Sie bemerkt mal wieder meine Enttäuschung über Kristian. Sie fragt mich, ob ich ihn wiedersehen werde und ob ich ihn liebe. Dass man auf dem Camino starke Gefühle haben kann, ohne dass es mit Liebe im herkömmlichen Sinn zusammenhängt, versteht sie ohne Erklärung. Auch sie glaubt, dass hier hinter allem die ultimative Liebe von Gott steckt. Ebenso versteht sie, dass ich mit seinem Lebensstil zu große Probleme habe, um lange mit ihm Zeit verbringen zu können. Er ist ein wunderbarer Mensch, ganz genauso, wie er ist. Aber ich könnte sein Trinken trotzdem nie akzeptieren, wir streiten ja jetzt schon jeden Abend.

Sanne geht ins Bett, als ich von Weitem Jelle erspähe. Wir freuen uns tierisch, und vor lauter Aufregung und Freude reden wir ungefähr drei Stunden gleichzeitig und durcheinander. Es ist ganz schön konfus und anstrengend. Jeder hat so viel spezielle Erfahrungen gemacht und ist so voller Eindrücke. Und wir stehen uns sehr nah, sodass wir es unbedingt teilen wollen.

Um Mitternacht scheuche ich ihn ins Bett. Ich bin etwas beunruhigt, wo Kristian ist. Als ich durch das Stockdunkel des ersten Schlafsaals meinen Weg suche, muss ich beruhigt lächeln. Auf Höhe seines Bettes riecht es astronomisch nach stinkenden Füßen.

Ich mache mich möglichst schnell und leise bettfertig, alles schläft ja schon. Groß umziehen ist eh nicht, ich kriege meine Trekkinghose ja nicht über das Bein.

„Ein schöner Tag, die Welt steht still, ein schöner Tag,

komm Welt lass Dich umarmen, welch ein Tag!“

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Die Nacht ist erstaunlich warm. Eigentlich habe ich gestern in weiser Voraussicht nach einer Decke gefragt, aber die Hospitalera (oder der fehlenden Pilgerseele nach nenne ich sie mal Herbergsverwalterin) meinte nur, es gäbe nicht genug für alle. Okay, ob ich trotzdem eine haben könnte. Das müsse man um 21.30 dann mal sehen. Die Logik bleibt mir verborgen, und um diese Zeit schlafe ich ja eh schon. Soll sie eben die 20 Decken in ihrem Schrank vergammeln lassen.

Hier ist nicht nur der Schlafraum ordentlich beheizt, auch der Frühstücksraum ist morgens mollig warm. Das ist nun wirklich fast unnötiger Luxus, kommt mir aber entgegen. Die nebligen Morgen sind immer ein etwas schwieriger Start.

Mein Bein ist heute der Horror. Die Druckstellen merke ich kaum mehr, aber das linke Bein fühlt sich vom Knie abwärts an wie ein einziger Krampf. Bei jedem Schritt spüre ich ein Gefühl wie ein Reißen und bin etwas ratlos. Ich habe gelernt, auf den Caminos auf meinen Körper zu hören, ich weiß, dass es sich rächt, wenn man das nicht tut. Aber zwei Tage vor Santiago passt mir das mal rein gar nicht, und das sage ich meinem Bein auch recht deutlich. Ich biete ihm freundliche Kooperation an. 5 Stunden Laufen, und dann pflege und schone ich es klaglos den ganzen Nachmittag. Aber bist Du nicht willig, so brauch ich Gewalt.

Jegliche etwaige Schönheit des Weges bleibt auf der Strecke, ich fühle nur den blöden Schmerz, denke zu viel darüber nach und sehne die Herberge herbei. Wieder gibt es kaum Brunnen, und als ich endlich einen sehe und freudig den letzten Rest aus meiner Flasche trinke, muss ich feststellen, dass er nicht funktioniert.

Ich erreiche die Herberge mit Ach und Krach kurz vor dem Öffnen. Der Supermarkt hat noch offen, und so gehe ich noch schnell einkaufen. Ich kaufe erstmal nur für den Mittag, denn Marco und Sanne haben so grob anklingen lassen, dass sie den letzten Abend mit endlich wieder einer tollen Küche gerne nochmal zelebrieren wollen.

Wieder drängeln sich alle in die fürchterlichen Duschen, während ich heimlich das Luxusbadezimmer, die Tür direkt neben der Treppe, in Beschlag nehme. Frisch geduscht wasche ich noch schnell und setze mich dann für den Rest des Nachmittags zur Erholung bereit vor die Herberge. Ich freue mich auf Sanne und Marco, und irgendwie spüre ich fast, dass heute auch Kristian hier stoppen müsste. Eigentlich müssten hier alle stoppen, die nicht wirklich einen ganzen Tag vor mir liegen. An Arco/Pedrouzo gibt es eigentlich kein Vorbeikommen. 5 Stunden vorher ist die letzte Herberge, und bis Santiago sind es nochmal grob 5 Stunden.

Ich genieße meinen Tintenfisch, fast einen ganzen Laib Brot, Joghurt und meine erste Coladose auf dem ganzen Camino. Mein Bein wird gecremt und hochgelegt. Ich fühle mich gut und entspannt angesichts des kommenden Nachmittags.

Die sieben Spanier von gestern treffen mit großem Hallo ein und posieren für ein Foto. Als ich mit Blick auf ihre Digicam zufrieden meine „sehr schön!“, kommentieren sie es mit „kein Wunder, so schön wie wir sind“. Lustige Gestalten.

Gut gesättigt und sonnengetankt tappe ich dann wieder in die Herberge, wo ich mein Bett überziehe und den Schlafsack ausbreite. Eher zufällig komme ich mit der Hospitalera ins Gespräch und frage noch zufälliger, ob hier nicht zufällig mal ein Norweger war. Sie fragt begeistert nach, ob ich so einen Dunklen meine. Hm, nein, eigentlich nicht, ich lächele freundlich und will schon wieder gehen. Sie springt aber schon zu ihrem Schränkchen und holt einen furchtbar dicken Stapel mit den Namen vom Vortag heraus, die sie alle liebevoll mit mir durchgeht. Alles sind Spanier oder ganz andere Nationalitäten, und ich überlege, wie ich bei Pilger 60 so langsam sagen kann, dass es gut ist. Da stolpere ich plötzlich über die beiden Dänen. Und während es in meinem Kopf langsam zu arbeiten anfängt, fällt mein Blick direkt drunter auf „Norwegen“ und auf „Kristian“. Ich bin wie gelähmt, einerseits muss ich ja damit gerechnet haben, sonst hätte ich nicht gefragt, aber gleichzeitig war ich so sicher, dass er hinter mir wäre. Und nun ist er einen ganzen Tag vor mir… die Hospitalera guckt mich mit großen Augen an und fragt wohl schon zum wiederholten Male, ob es der wäre, nach dem ich suche. Ich gucke immer noch wie ein hypnotisiertes Kaninchen ganz geschockt auf die Liste und sage irgendwann „ich muss weiter“. Sie schaut mich etwas besorgt an, ich brauche nochmal eine ganze Weile, bevor ich lächeln muss, ihr nochmal gleichzeitig danke und mich entschuldige und nur „continuar“ stammele.

Ich sammle meine Sachen hektisch zusammen und stopfe sie unsortiert in den Rucksack. Ich stelle irritiert fest, dass ich ja meine Nachmittagsgarnitur anhabe, so einen Sonnenbrand kriege und dann nichts Frisches mehr zum Wechseln habe. Ich laufe zur Wäscheleine und ziehe mich direkt dort um, hinein in das patschnasse Trekkinghemd. Meine Bettnachbarinnen schauen auch etwas konsterniert, aber mein Kopf ist nur noch „continuar“.

Ich bin wieder auf der Strecke, als mir einfällt, dass mein Bein ja ziemlich hinüber ist. Aber bevor mein Verstand zum Zug kommt, breitet sich schon wieder „continuar“ aus. Im kleinen Wäldchen kommt mir eine bekannte Silhouette entgegen, es ist Sanne. Sie schaut irritiert, ich radebreche mein „ich muss weiter“ und dass ich jetzt einfach die Leute wiedersehen muss, dass mein Herz das jetzt einfach verlangt, ich kann nichts dafür. Sie fragt, ob Marco bei mir in der Herberge gewesen sei, sie ist sich nicht sicher, wo er ist. Er wäre morgens ganz früh los. Sie hat den Verdacht, dass er auch bis Santiago durch will. Ich habe ihn nicht gesehen und kann ihr nicht weiterhelfen.

Ich laufe gut eine halbe Stunde, als ich mich eher zufällig umdrehe. Ich erschrecke fast. Hinter mir läuft Sanne. Ich bin komplett überrascht, aber sie sagt nur unter Tränen, dass da etwas in meinen Worten gewesen wäre, was ihr Herz berührt hätte, und für sie würde es sich auch richtig anfühlen. Ich bin irgendwie überglücklich, zum ersten Mal laufe ich mit Sanne, wir haben die Endorphine der Verrückten, wir leben nach unseren Gefühle und Intuitionen, und wahrscheinlich wollen wir beide einfach die Männer wiedersehen, mit denen uns entgegen jeglicher Logik etwas ganz Starkes verbindet. Wir verstehen uns ohne Worte. Ein ganz klein wenig reden wir dann doch, und ein Missverständnis lässt sich klären. Statt „Norwegian“ hat Sanne immer „Novizian“ verstanden. Vor ihrem inneren Auge sehne ich mich also nach einem Ordensmann, was mich anlässlich der Realität doch sehr schmunzeln lässt.

Leider läuft Sanne unheimlich schnell. Schneller, als ich sonst laufen würde, und vor allem viel zu schnell für mein Bein, mit dem ich wahrscheinlich besser humpeln sollte. Bzw. eigentlich definitiv gar nicht mehr laufen. Ich blende es komplett aus. So schnell, wie wir laufen und nur Santiago und das Wiedersehen im Kopf haben, spüre ich meinen Körper überhaupt nicht mehr.

Unsere Flaschen sind leer, als wir auf Höhe des Flughafens schnurstracks in einem feinen Hotel auf die Toilette stürmen und Wasser nachtanken. Das wieder Anlaufen nach dem kurzen Stehen ist die Hölle. An einem kleinen Bach möchte Sanne kurz ihre Füße baden. Ich gehe dankbar schon voraus, ganz langsam.

Ich erreiche erleichtert den Monte de Gozo und sehe Santiago; ich werde es schaffen. Aber ich bin zu erschöpft, um auch nur zum Denkmal zu gehen oder stehenzubleiben. Ich steuere die Herberge an. Ich habe mit Sanne überlegt, wo sich unsere Männer aufhalten könnten, und wir mussten lachen, dass sie beide wohl immer die billigste Herberge ansteuern würden.

Vor dem riesigen Herbergskomplex in der Sonne liegt, an einem Grashalm kauend, Marco. Er lächelt mich wenig erstaunt an. Ob er hier bleibt oder nicht, versucht er gerade zu erspüren. Ich spreche kurzerhand eine in der Sonne sitzende Pilgerin an, ungeachtet dessen, dass sie gerade ein halbes Brot im Mund zu haben scheint. Sie kennt Kristian nicht, und auch in der Rezeption bekomme ich ein eindeutiges Kopfschütteln. Als ich mich wieder auf den Weg mache, biegt gerade Sanne um die Ecke, und ich bekomme gerade noch mit, wie da wieder Energien synergistisch aufleuchten. Stimmt, es ist ja auch wieder Abendsonne. Sie rufen mir noch viel Glück nach, bevor sie wahrscheinlich gemeinsam in sich hineinspüren und den richtigen Ort für die Nacht erfühlen.

Ich erreiche Santiago und muss am Ortsschild kurz vor Dankbarkeit weinen. Ich habe 46 km geschafft. Mein Bein hat es geschafft. Aber nicht einvernehmlich, sondern ich habe Gewalt gebraucht.

Ich checke die nächste Herberge, die leider unendlich viele Treppenstufen abseits vom Weg liegt. Auch hier kein Norweger, und mir kommen so langsam Zweifel. Meine geplante Herberge, die einzige, die ich sonst noch kenne, kostet 10 Euro, und ich kann mir nicht vorstellen, dass Kristian dort nächtigt. Was, wenn er irgendwo mit seinem Zelt campiert? Da finde ich ihn nie.

Ich erreiche völlig k.o. die Kathedrale, wo ich mich auf den Boden plumpsen lasse. Weit und breit kein bekanntes Gesicht, kein Kristian, keine Dänen, keine Amber oder sonst jemand. Zum ersten Mal seit dem Mittag schaue ich auf die Uhr. Ich habe keine Ahnung, wann ich losgelaufen bin und wie spät es jetzt ist. Ich rechne mit 18, aber es ist schon kurz vor 19 Uhr. Mein letzter Gedanke ist das Pilgeressen im Parador; falls Kristian davon weiß, ist er sicher dort anzutreffen. Ich gehe die paar Meter, bis man Blick auf die wartende Gruppe vor der Garageneinfahrt hat. Und schon von weitem erkenne ich gegen die Sonne Kristian an seiner charakteristischen Frisur.

Ich bin nur noch am Strahlen, seit 5 Stunden habe ich mich auf diesen Moment gefreut. Kristian hängt cool mit drei ebenso coolen Gestalten gegen die Wand gelehnt und lässt sich im letzten Moment herab, zwei Schritte auf mich zuzugehen, mich kurz zu umarmen und nach einem „nice to see you“ wieder an der Wand abzuhängen. Dafür attackieren mich bestimmt vier kleinwüchsige, hysterische Hühner, dass ich hier nicht essen könnte, es wären schon 10 und bok- book- boooook. Will ich doch auch gar nicht. Ich habe Schwierigkeiten, mich zu konzentrieren und die Situation zu bewerten, als sich vor mir strahlend Nadine umdreht. Soweit arbeitet mein Hirn dann wieder, ich merke mit einem Mal magische Energien, die sich um Nadine und Kristian ranken, und mir leuchtet seine abweisende Art ein. Das Teufelchen in meinem Kopf lacht sich halb tot und rammt mir seinen Dreizack im Sekundentakt in den Kopf. Mir wird schlagartig so einiges klar. Nadine redet freundlich lächelnd wie ein Wasserfall auf mich ein, von der Überwältigung beim Ankommen, dass sie mich da total versteht, dass sie noch schauen muss, wo sie schläft, die Herberge gefällt ihr nicht. Kristian schläft dort, und ich denke nur „scheinheilige Kuh, natürlich wirst Du auch dort landen“.

Ich bin komplett leer. Den Weg zurück zur Kathedrale schaffe ich gerade noch, dann macht mein Bein aber komplett nicht mehr mit. Keine Endorphine mehr, die den Schmerz überdecken und mich zur Höchstleistung anspornen. Nur ein sich kugelnder kleiner Teufel in meinem Kopf, und er hat ja so recht.

Ich setze mich zwei Minuten in die leere Kathedrale, hole meine Compostela und etwas zu essen im Supermarkt. Ich brauche fast eine ganze Stunde zur Herberge. Dort frage ich nach den beiden Dänen. Sie sind nicht da.

Ich pfeife auf meine Vorsätze in Sachen „dem Schicksal überlassen“ und schreibe meinem Belgier eine SMS, dass ich in Santiago bin. Er ist zwei Etappen hinter mir.

Ich sehe Kristians Sachen auf einem Bett. Der Teufel in meinem Kopf lacht nicht mal mehr, überall Leere, und so schreibe ich einen kurzen Zettel, dass seine Email nicht funktioniert hat und schreibe ihm meine auf. Mir war die ganze Zeit über klar, dass ein Wiedersehen ein Risiko darstellt. Aber es hat mich so verzweifelt gemacht, eventuell nie schreiben zu können, selbst falls jemand wollte, und das nicht erklären zu können. Das habe ich hiermit getan. Es fühlt sich jetzt wieder sortierter an, und ich kann das Thema abschließen.

Ich setze mich noch kurz in den Aufenthaltsraum und schaue den Sonnenuntergang an. Meine ewigen Engel kommen in die Herberge. Zum Glück fragt Sanne nichts. Wahrscheinlich spürt sie es. Beide sind glücklich und wollen heute mit mir feiern. Ich würde wirklich gern, die beiden waren mein Camino 2009, mein stiller Halt und meine Kontinuität. Aber mein Bein, das ich mir jetzt zum ersten Mal besehen habe, ist doppelt so dick wie sonst, fühlt sich an wie kurz vor dem Platzen, wie mit Wasser gefüllt und denkbar beunruhigend. Damit laufe ich keinen Schritt mehr. Marco bietet begeistert an, hier zu kochen, aber es gibt nur eine Mikrowelle, und Sanne sieht auch so aus, als ob sie den Abend gerne mit einem Glas Wein feiern würde. Das sehe ich auch so, mir ist wichtig, dass sie einen schönen Abschluss haben. So schicke ich sie gerne ohne mich zurück in die Stadt.

Ein Japaner, den ich in Fonfría gesehen habe, hat das Bett neben mir. Ich will eigentlich schon schlafen, aber er plaudert noch. Er plant einen Abgang um 5 Uhr morgens. Ich frage, ob er nicht zur Messe will, seinen Namen hören. Er kennt weder Messe noch den Brauch, dass die Nationalitäten der Pilger vorgelesen werden. Ich erkläre ihm, dass es das Beste am ganzen Camino ist, das „heute erreichte uns ein Japaner, gestartet in SJPDP“. Ihm dämmert, dass ihm das gefallen könnte und versinkt zu meinem Schrecken in einen Monolog voller Selbstvorwürfe. Fehlt nur noch, dass er anfängt, sich selber zu schlagen. Ich rudere schnell zurück und meine, so wichtig wäre das auch nicht, eigentlich doch nur ein einziger Satz, aber er kann sein Unglück gar nicht fassen.

Mein Kopfwirrwarr ist wieder gut, nur mein Bein ist der Horror. Allein die Berührung mit der Matratze lässt mich schon jubilieren. Ich nehme eine Schmerztablette und male mir schon aus, morgen das Krankenhaus aufzusuchen.

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Mein versprochenes Frühstücksei steht schon auf dem Tisch, ebenso eine Tasse Tee. Sanne und Marco sind schon fertig mit essen und machen sich auf den Weg.

Meine Druckstellen tun heute unglaublich weh. Ich schnüre alle paar Meter um, aber ohne Erfolg. Seit Tagen trage ich zur Polsterung schon meinen Fleecehandschuh im Schuh, aber egal, wie ich ihn schiebe, es tut höllisch weh. In meiner Verzweiflung probiere ich schon Abstandshalter wie Steine, Holzstückchen und Flaschendeckel, aber so richtig besser wird es nicht, und vermutlich habe ich nachher noch zusätzliche Probleme und Druckstellen. Ich beschließe, es zu ignorieren und einfach weiterzulaufen.

Nach 1 1/2 Stunden freue ich mich in Palas de Rei dann auf Einkaufen und ein ausgiebiges zweites Frühstück. Ich komme gerade rechtzeitig zum Öffnen des Supermarktes, aber zuerst statte ich meiner Lieblingsbäckerei einen Besuch ab, kaufe ein Pain au chocolat (wie auch immer das in korrektem Spanisch heißen mag), eine schöne Empanada mit Fleischfüllung und ein Baguette. Alles noch ofenwarm, herrlich. Im Supermarkt meinen ebenfalls liebgewonnenen Tintenfisch in Soße sowie Frühstücksartikel, denn mein heutiges geplantes Etappenziel brilliert schon wieder durch fehlenden Laden. Mit Sanne und Marco bin ich mir einig; nach zwei Tagen in kleinen Herbergen zwischen den großen Etappenzielen möchten wir heute unsere Gruppe wieder einholen. Allen voran Amber, aber selbst Chuck würde ich langsam in Kauf nehmen.

Für mich wird es ab hier zusätzlich spannend; zwei dänische Freunde vom Vorjahr machen zeitgleich den Camino Primitivo, der hier nun auf den Hauptweg einbiegt. Ich habe es nicht mehr genau im Kopf, aber sie sollten um meinen Ankunftstag in Santiago ankommen, wahrscheinlich sind sie jetzt nur ein paar Kilometer von mir entfernt. Ebenfalls spätestens in Santiago treffen werde ich meinen belgischen Pilgerfreund Jelle, der ebenfalls in León, aber einen Tag nach mir gestartet ist. Zwischenzeitlich hatte ich fast Angst, ihn vorher wiederzutreffen, schließlich möchte ich meinen Camino gehen, mit meinen neuen Leuten und meinen neuen Erlebnissen. Aber so langsam bin ich bereit dafür und würde mich sehr über diesen Abschluss freuen. Ich ärgere mich fast ein bisschen, mir nicht genauer notiert zu haben, wann sie ihren Flug ab Santiago haben, aber ich wollte es dem Schicksal überlassen, ob und wann wir uns treffen. Und nachdem ich ihre Emailadressen habe und wir ohnehin regelmäßig in Kontakt sind, ist mir das Treffen auch nicht so übermäßig wichtig.

Heute stehen 34 km auf dem Programm, deutlich mehr, als ich in den letzten Tagen gelaufen bin. Mein Bummeln in der Hoffnung auf Kristian habe ich nun aufgegeben und möchte lieber wieder die bekannten Gesichter treffen.

Vor Mélide treffe ich schon mal die energetische Spanierin aus La Faba wieder, was mich sehr freut. Im Park mit den Pilgerbäumen mache ich eine gemütliche Mittagspause mit meinen Unmengen an Vorräten. Mein Rucksack sieht schon ganz komisch aus von dem quer reingestopften Baguette.

Die letzten Kilometer ziehen sich ziemlich endlos dahin. Ich bin definitiv etwas verweichlicht in den letzten Tagen.

Die Herberge von Ribadiso liegt friedlich im Sonnenschein am plätschernden Bach, von bekannten Gesichtern allerdings keine Spur. Ich bin etwas enttäuscht, vermutlich gilt auch diese Herberge wieder als „Zwischenetappenziel“, und der große Pulk ist eine Stunde weiter in Arzúa. Meinen ganzen Camino habe ich in den Herbergen immer nur wenige Pilger getroffen, meist maximal 20, dabei wäre ein großer Pilgerschub mit fast 100 Leuten direkt einen Tag vor uns. Ich war immer heilfroh, nicht auf diesen aufzulaufen, habe ich doch das Gefühl, das mein diesjähriger Camino eher in der Einsamkeit und dem Ahnen der Zuckerwattefäden sein Ziel hat. Trotzdem, heute wäre mir nach großem Hallo und Wiedersehen und Leben.

Die Herberge erscheint mir heute noch idyllischer wie eh schon. Ich dusche Ewigkeiten brühendheiß, und meine Wäsche trocknet blitzschnell in der Mischung aus Sonne und Wind. Ich halte meine Füße in den eiskalten Bach, was auch dringend nötig ist. Die Druckstellen erlauben langsam nicht mal mehr den Kontakt mit meinen watteweichen Crocs-Imitaten, und zu allem Überfluss zwickt es mich seit dem Ankommen in der linken Wade und Kniekehle, was ich mir eigentlich nicht erklären kann. Es ist nicht schlimm, aber ich creme für alle Fälle mal mit Arnika.

Auf einem Bänkchen in der Sonne esse ich mein Abendessen, unterhalten von einem recht süßen schwäbischen Pensionär. Meine beiden stillen Engel tauchen mit der Abendsonne auf, aber heute sind ihre Schwingungen füreinander so stark, dass ich mich zurückziehe. Sie strahlen sich so selig und harmonisch an, da passt niemand drittes mehr dazu, erst recht nicht jemand, der nicht so strahlt und leuchtet. Ich bewundere beide für ihre Fähigkeit, auf ihre innere Stimme zu hören. Beide stehen oder sitzen oft still da, lächeln vor sich hin und warten. Ich habe ein etwas gespaltenes Verhältnis zu meiner inneren Stimme. Kleine Blitze von Intuition habe ich auch manchmal, aber das Gefühl ist schwer greifbar, und mein Gehirn schaltet sich sofort ein und versucht eine Analyse. Das kommt dann einem verzweifelten Gedankenstrudel näher als dem seligen Lächeln.

Ein Bauer treibt seine Kuhherde von der benachbarten Weide. Schon in den vergangenen Tagen war ich beeindruckter Zeuge der Art von Kuhhaltung hier. Einmal bin ich einem Bauer mit seiner Kuhherde auf der Straße begegnet, der allen Kühen voran entlanggerannt ist und mit leuchtenden Augen und absoluter Passion rhythmische, antreibende Worte gerufen hat. Running with the cows als Lebenserfüllung. Gestern Abend in Areixe ist ein Bauer ungefähr eine halbe Stunde mit 4 Kühen immer wieder um den Stall und einmal kurz eine Runde durchs Dorf gerannt. Macht das besseres Fleisch und wirkt Verfettung entgegen? Heute wird die kleine Herde an unseren Bach getrieben und getränkt. Einige Kühe gehen ordentlich tief hinein und fühlen sich derart wohl, dass sich Blase und Darm entleeren. Ich ziehe schnell meine Füße aus dem Wasser. Anschließend wird die Herde dann komplett durch den Fluss durchgetrieben; praktisch, saubere Kühe, und sicher auch etwas für die Venen und den Kreislauf getan. Ich muss lachen beim Gedanken an das wunderschöne, kristallklare Wasser, in dem Marco vorher sogar todesmutig gebadet hat. Jetzt ist es ein einziger verdünnter, trüber Kuhfladen. Und bis zum nächsten Nachmittag erfreuen sich die nächsten Pilger an dem klaren Kristall.

In der Herberge herrscht Partyatmosphäre; eine Gruppe von sieben spanischen Männern in meinem Alter genießt den Camino auf ihre Weise. Wohl weniger meditativ und selbstfinderisch, sondern vor allem auf Spaß angelegt. Sie versuchen mich als weibliche Begleitung für die Bar zu gewinnen, und ich habe im Gegenzug meinen Spaß daran, ihre Kommunikationsversuche zu verfolgen. Der wohl am besten Englischsprechende wird vorangeschickt, um zu fragen, ob ich englisch wäre. Ich verneine, sage „Suiza“, und man kann förmlich die Köpfe rauchen sehen. Sie beratschlagen auf Spanisch, was ich dann wohl spreche bzw. welcher von ihnen dann die Gesprächsführung übernehmen soll. Ich habe meinen Spaß mit verständnislosem, hilflosem Schulterzucken und bin gespannt, was sie sich noch einfallen lassen bzw. was ich bis dahin noch alles belauschen darf. Leider durchschaut mich einer von ihnen dann doch, und so kann ich auf Spanisch dankend ihre Einladung ablehnen. So einer Horde geballter Männlichkeit fühle ich mich heute Abend nicht gewachsen.

Es ist kaum 8, und ich überlege mir, schlafen zu gehen. Sanne und Marco kochen zusammen, sonst kenne ich niemanden. Draußen lacht es auf Englisch, und ich überwinde mich doch nochmal und setze mich dazu. Zwei junge Amerikaner und ein Deutscher haben ordentlich Spaß zusammen. Der Deutsche ist wie ich vor 2 Jahren bis Arzúa weitergelaufen, um einzukaufen, und versorgt jetzt seine neuen amerikanischen Freunde und mich mit seinen Errungenschaften. Er hat einen guten Humor, recht treffend und knapp, und soweit ich es erfassen kann, ist er mir als Pilger sympathisch. Seit 20 Jahren macht er zum ersten Mal Urlaub, und er ist begeistert vom Camino und hat sich schon für das nächste Jahr als Hospitalero verpflichtet. Er läuft recht schnell, und eher zufällig frage ich, ob er dann irgendwo in den letzten Tagen zufällig meinen Norweger gesehen hat. Klar. Waaaaas? Ich falle fast von der Bank. Sie hätten sich in O Cebreiro getroffen, er erinnert sich genau an ihn, und er hätte gewirkt, als ob er schon noch weiterlaufen könne. Ich rechne chaotisch herum, wann das war, leider hat keiner von uns so richtig Zeitgefühl. Auf alle Fälle scheint Kristian demnach aber weitgehend normale Etappen laufen zu können, und etwas sagt mir, dass er es dann auch rechtzeitig für mich nach Santiago schaffen wird. Ich bin überglücklich, warum auch immer. Ich fühle mich wie der Liedtitel „I can reach heaven from here“.

Ich bin Günther unendlich dankbar, ebenfalls warum auch immer. Eben noch wollte ich etwas einsam und verlassen zu früh ins Bett, und nun habe ich mich eine Stunde brillant und lebhaft unterhalten, das Caminogefühl ausgetauscht und geteilt, leckere Cremeschnittchen aufgedrängt bekommen – und mit einem Mal wieder diese unbeschreiblich schönen Bewegungen meines Herzens, das seinen Soulmate wieder spürt.

Ich gebe Günther mit ganz viel Liebe ein Bändel und packe mich in meinen Schlafsack, als er nochmal kurz an mein Bett kommt und mir seine geschlossene Faust hinstreckt. Er sagt so etwas wie, dass es manchmal einfach stimmen und passen würde. Er ist schon wieder weg, als ich sein Geschenk näher betrachten kann – eine wunderschöne kleine Maus aus Metall.

Ich schlafe mal wieder unendlich glücklich und reich ein.

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Komischerweise habe ich wieder die „time of my life“, was meinen Schlaf angeht. Ich schlafe tief und fest und behütet und fühle mich total geborgen und ruhig. Gestern hatte ich das Gefühl, auf Grund meiner Entscheidung plötzlich Frieden und Ruhe gefunden zu haben, aber nun hatte ich mich doch eigentlich am Vorabend umentschlossen – und auch das wird mit ruhigem Gewissen und friedlichen Träumen belohnt? Ich beschließe, die Zeichen und inneren Stimmen zu ignorieren, überhaupt nicht mehr nachzudenken und wie Marco einfach jeden Tag aufs Neue zu laufen und abzuwarten.

Wieder beginnt der Tag mit Nebel, aber zum einen kenne ich das Spiel langsam, zum anderen sind wir Pilger im Sonnenrausch. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Sonne und der blaue Himmel durchkommt.

Schon in Villafranca habe ich Druckstellen auf meinem rechten Fuß bemerkt und vorsichtshalber mit Compeed abgeklebt. Seither hat es sich zwar jeden Tag eben wie eine Druckstelle angefühlt, aber nicht weiter gestört. Heute muss ich nach ein paar hundert Metern schon wieder den Rucksack absetzen und meine Füße auspacken, denn so geht das gar nicht. Bei jedem Schritt drückt die unterste Metall-Öse auf meinen großen Zeh. Marco und Sanne tauchen im Nebel hinter mir auf, verwundert über mein Picknick mitten auf der Straße. Ich beschwichtige und meine, ich bräuchte einfach noch kurz ein Compeed, damit es wieder besser läuft. Sanne sagt, sie glaubt, dass Sie weiß, was ich brauche, und beginnt, in den Tiefen ihres Rucksacks zu kramen. Endlich hat sie gefunden, wonach sie sucht, und sie drückt mir mit Nachdruck einen Stein in die Hand. Ich bin überrascht, fühle mich aber auch geehrt. Schon der dritte Stein, den ich hier bekomme.

Offensichtlich zeigt das Compeed und meine neue Schnürung Wirkung, oder es ist der Stein, jedenfalls läuft es sich wieder unbehelligter. Dafür kommt nach ein paar Kilometern wirklich die Sonne raus, leider aber auch haufenweise Pilger. In den Herbergen waren sie nicht, und dem Gepäck nach zu urteilen sind sie mit Begleitfahrzeug unterwegs. Kein freundliches Grüßen in Richtung der anderen Pilger, keine andächtige Ruhe. Hier schnattert es in ganzen Gruppen, ein paar haben sogar ihr Handy in der Hand, telefonieren nach Hause oder zu imaginären Pilgern vor oder hinter ihnen. Zunehmend treffe ich auch deutsche Grüppchen. Manchmal schäme ich mich direkt für ihre Gesprächsthemen und bin froh, dass ich manch andere Nationen überhaupt nicht verstehe und mich mit gutem Gewissen einfach an der Sprachmelodie erfreuen kann. Trotz der schönen Sonne, ich werde einfach kein Freund der letzten hundert Kilometer.

Ich passiere Portomarín, ohne einzukaufen und ohne auf meine Karte zu schauen. Ich habe so grob im Kopf, dass heute noch Palas de Rei oder Mélide auf dem Weg liegen müssten. Mein Wasser habe ich auch nicht aufgefüllt, und irgendwann riskiere ich dann doch mal einen Blick in den Führer. Mein Grobes im Kopf war Müll, ich habe mich um einen Tag vertan. Heute kommt keine weitere Stadt, auch keine Einkaufsmöglichkeit mehr, und selbst die Brunnen sind spärlich gesät – und ich passiere Dorf um Dorf, ohne den angekündigten Brunnen zu finden. Schade, nach meinen Erfahrungen hinter León war meine Halbliterflasche so ein Glücksgriff und ich habe nie zu viel mitgetragen. Hier muss man jetzt dann doch wieder planen.

Ich bin froh, als ich gegen 14.00 mein heutiges Etappenziel Areixe mit einer weiteren kleinen Xunta-Herberge in einem noch kleineren Dörfchen erreiche und Wasser tanken kann. Die Herberge ist offen, aber noch leer. Von der Hospitalera liegt ein Zettel da, dass man gerne schon einchecken darf. Wieder bin ich begeistert von den tollen Betten, den stylischen Aufenthaltsräumen, den heißen Duschen und diesmal sogar einem beschilderten Wäschetrockenplatz hinter dem Haus. Die Herberge verfügt über eine große Terrasse, auf der ich es mir mit meinen Bändeln und meinem Pfefferminztee gemütlich mache (denn Mikrowelle gibt es hier auch). Die meisten Pilger gehen noch weiter nach Palas de Rei. Ich vermisse die dortigen Einkaufsmöglichkeiten ein bisschen und esse traurig meine allerletzten Reste, vier Tage altes Brot und zwei Rippchen Schokolade. Auch vermisse ich heute Kristian wieder. Ich nehme seinen kleinen Stein heraus und versuche, ihm telepathisch zu entlocken, wo sein Besitzer wohl sein könnte. Eigentlich dachte ich, dass er mich so langsam ja wieder einholen könnte, so wie ich am Bummeln bin. Schon allein deswegen sitze ich unruhig auf der Terrasse herum; was, wenn er mich auf der Strecke unbemerkt überholt, nur weil ich gerade in der Herberge gegen die Wand schaue…?

Ich beschließe, meine Stolz mal wieder über Bord zu werfen und ihm eine Mail zu schreiben. Ich möchte meine geplanten Etappenziele durchgeben, dann liegt es ja an ihm, ob er sich beeilen will, um mich einzuholen. In der Bar hat es zum Glück Internet, doch kaum habe ich mein Werk endlich mühevoll vollendet (die Mischung aus Zuneigung und ich-muss-mich-nicht-aufdrängen ist gar nicht so leicht), meldet der Computer, dass sich der Hauptrechner gerade abgeschaltet hat. Der Besitzer aktiviert diesen zwar wieder, aber meine Mail ist weg. Ich kriege die Krise. Schnell schreibe ich eine absolute Kurzversion. Da meldet mein Posteingang eine neue Meldung – eine Fehlermeldung, die Mail kam zurück. Ich war mir mit der Schreibweise eigentlich recht sicher, versuche aber probehalber noch alles mögliche Ähnliche. Alles kommt zurück.

Ich bin total niedergeschlagen. Ein Gefühl sagt mir, dass Kristians Fuß so lädiert ist, dass er viele Tage hinter mir ist. Wir werden uns also eh nicht mehr sehen, was auch nicht weiter schlimm wäre, hatte ich doch immer die Option vor Augen, ihm hinterher schreiben zu können. Aber nun funktioniert die Adresse nicht, die er mir bei Nacht im dunklen Schlafsaal auf mein Tagebuch gekritzelt hat, eigentlich logisch. Meine Adresse hat er nicht, und vermutlich denkt er nun auch noch, dass ich ihm einfach nicht schreiben wollte. Ich kriege eine Riesensuperkrise. Ich weiß nicht mal seinen Nachnamen und versuche mich zu erinnern, in welcher Herberge ich da im Nachhinein eventuell nachfragen könnte. Vor meinem inneren Auge taucht der Hospitalero in Villafranca auf, der ja schon seine Schweigepflicht verletzt gesehen hat, als ich nur wissen wollte, ob mein Chaot dort nächtigt. Ich habe nicht ernsthaft erwartet, Kristian hier auf dem Camino wiederzusehen, aber auf Emailkontakt hatte ich mich so fest verlassen. Zudem schleicht sich der hinterhältige Gedanke in meinen Kopf, ob er mir mit Absicht eine falsche Adresse gegeben hat. Und passend dazu fällt mir auf, dass Nadine, die Deutsche mit Zelt, gestern nicht wie angekündigt in Ferreiros aufgetaucht ist. Das Teufelchen in meinem Kopf hämmert hartnäckig, dass sie bestimmt heimlich einen Tag pausiert hat und nun glücklich mit Kristian campiert. Und da hat er bestimmt auch keine Nähephobie.

Die Sonne färbt schon wieder alles in sanfte Goldtöne, als meine stummen Begleiter Sanne und Marco auf die Herberge zusteuern. Die Armen verstehen so langsam wahrscheinlich gar nichts mehr. Verzweifelt bin ich genauso wie gestern, aber heute aus einem komplett anderen Grund.

Heute nehme ich ihr Angebot, mit in die Bar zu kommen, gerne an, denn ich habe wirklich Hunger. Ich bekomme ein halbes Baguette mit Bacon und werde sehr satt. Sanne erzählt mir, dass Marco heute wieder ein Feuer gemacht hat und ihr mittags Paella gekocht hat. Sie erzählen, dass sie zwischen Englisch und Spanisch abwechseln, bei zu viel Spanisch würde es ihr bei den ernsten Themen dann doch zu anstrengend. Meine Kristian-Wehmut wird immer größer. Ich hätte auch gern wieder einen Soulmate, und so schön es mit den beiden auch ist, ihre Einladungen sind für mich immer etwas zwiespältig. Sie haben eine ganz besondere Energie zusammen, das spüre ich sehr deutlich, und ich gehöre da nicht so ganz dazu.

Marco organisiert noch vom Bauernhof nebenan frische Eier und verspricht ein Spiegelei für morgen früh. Wow, ein mitwanderndes Versorgungsfahrzeug, der Mann.

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Der Morgen ist grau und nebelfeucht. Passend. Nach einer gefühlten Ewigkeit entlang der Fahrstraße und in Kolonne mit anderen Pilgern geht es rechts in die Hügel, wo der Nebel wieder eine verwunschene Mystik heraufzaubert. Endlose Weiden, ab und an ein paar einzelne stolze Kühe, viele alte Kastanienbäume und ab und zu ein paar Sonnenstrahlen.

Ich verarbeite meine gestrigen Erkenntnisse mit reichlich Tränen, als mich Sanne überholt. Sie fragt treffend, ob es heute ein schwererer Tag sei. Sie lächelt auf ihre stille mitfühlende Art, und ich bin ihr sehr dankbar, dass sie es dabei bewenden lässt.

Vor Sarria treffe ich sie dann wieder – diesmal steht sie am Straßenrand und erlebt einen dieser schwereren Momente. Schön, dass man auf dem Camino niemandem etwas vorzumachen braucht.

In Sarria begrüßt mich strahlender Sonnenschein, blauer Himmel und generell ein durchwärmendes Wetter. Ich mache eine exzessive Umpackpause, verstaue die diversen Regenartikel, von der Rucksackhülle über Regenjacke bis hin zur Regenhose, bevor ich in meiner Lieblingsherberge vorbeischaue – diesmal nur, um höflich zu fragen, ob ich ganz kurz ins Internet darf. Nach ein paar Zeilen Gedankenteilen mit meiner Mama fühle ich mich deutlich abgeschlossener, sortierter und gewappneter für die nächsten Kilometer.

Ich habe plötzlich das Gefühl, auf einem falschen Weg zu sein, und wirklich, ich bin gerade an einer Abzweigung geradeaus gelaufen. Waren es die rosa Zuckerwattefäden, gegen die ich gelaufen bin und die mich stutzig gemacht haben?

Chuck kommt den Weg hinter mir entlang, grüßt kurzangebunden und stürmt den Weg weiter, aus dem ich gerade komme. Ich rufe ihm nach, dass der falsch ist, aber er hat Kopfhörer auf. Ich pfeife und schreie, aber ohne Erfolg. Und ich lege jetzt keinen Sprint für ihn hin.

Ich bin erleichtert, als ich ihn Stunden später in einer Wiese am Wegesrand mit Marco sitzen sehe. Offensichtlich hat sein Weg schon auch irgendwohin geführt, sonst hätte ich noch ein schlechtes Gewissen gehabt, zumal er mir bestimmt arglistige Täuschung unterstellt hätte.

Die Sonne scheint richtig heftig, die Wiesen sind wieder unglaublich grün, wir passieren nur winzige Weiler und laufen über Trittsteine in Flussbetten, eingerahmt von Weidezäunen aus aufgeschichteten Steinen. Mein Kopf ist wieder frei und sonnig. Ich habe Frieden mit den Erkenntnissen geschlossen und fühle mich damit sogar besser. Ich habe das Gefühl, ein deutlich zustimmendes Nicken von Gott bekommen zu haben, und mit dieser Unterstützung kann ich getrost jeden Weg gehen.

Ich bin froh, als die Herberge endlich erreicht ist und ich etwas trinken kann. Nachdem mich die großen Städte auf den letzten hundert Kilometern immer eher frustriert haben, habe ich mich diesmal für die kleinen Orte mit den 20-Betten-Herbergen entschieden – wenn auch auf Kosten von Einkaufsmöglichkeiten. Ich bin positiv überrascht von der Xunta-Herberge, einer der aus dem Boden gestampften Herbergen der galicischen Landesregierung. Alles ist sehr sauber und nett eingerichtet, die Betten sind aus hellem Holz und wieder mit den wunderbar dicken Matratzen; es gibt eine Küche (wenn auch typischerweise so gut wie ohne Geschirr) und einen großen Aufenthaltsraum, die Hospitalera ist nett und verbreitet eine persönliche Atmosphäre. Vor allem der Atmosphäre zuträglich sind die warmen Sonnenstrahlen. Ich setze mich auf die warmen, dunklen Steinplatten vor der Herberge und widme mich meinen reichhaltigen Vorräten.

Heute sehe ich viele neue Gesichter. So ganz in Plauderlaune bin ich noch nicht und habe eigentlich lieber meine Ruhe. Trotzdem passt es ganz gut zu meinem gefühlten Neuanfang.

Gegen Abend kommen Sanne und Marco zusammen angeschwebt. Beide sind mittlerweile toll gebräunt und strahlen mit der Abendsonne um die Wette. Jeder für sich allein hat eine besondere Ausstrahlung, von Verständnis und Feingefühl, aber zusammen bilden sie eine recht massive Einheit von Harmonie und Synergie. Beide sind so herzensgute Menschen und haben mich vom ersten Augenblick an irgendwie berührt, sodass ich nicht einmal Wehmut oder Neid verspüre.

Marco setzt sich zu mir auf die Steinplatten. Vermutlich hat ihn Sanne in Kenntnis gesetzt über meine aktuellen Schwierigkeiten. Er sitzt eine Weile einfach nur schweigend, anteilnehmend und verstehend. Dann erzählt er mir, warum er den Camino macht. Seine Probleme liegen ein wenig ähnlich. Mich überkommt ein starkes Gefühl von Verbundenheit und Begleitung; wie konnte ich gestern Abend denken, völlig allein ins Nichts zu fallen. Marco fällt auch nicht, sondern wir werden morgen einen weiteren Tag laufen und weiter kommen mit unseren Erkenntnissen. Und wir werden jeden Tag stärker und sicherer werden und unser Ziel immer klarer sehen. Woher kommt nur diese Gewissheit?

Sanne kommt dazu und fragt, ob wir alle zusammen in die einzige Bar des Örtchens gehen wollen. Ich lehne dankend ab und lasse die beiden allein gehen.

Ich schreibe und bekomme ein paar SMS, die eigentlich alles wieder umwerfen. Wo ist die Überzeugung von gestern hin, oder bin ich jetzt einfach nur wieder ein Feigling, der sich wie üblich bittere Neuerungen nicht eingestehen will? Irgendwie weiß ich langsam so gar nichts mehr, aber in den warmen Abendsonnenstrahlen macht mir das auch gar nichts aus. So wie Marco ruhig lächelnd sagt, er geht den Weg, um in sich hineinzuspüren und die Antworten zu finden, so bin auch ich im Moment überzeugt, dass ich sie finden werde. Ich spüre, dass mich die letzten Tage etwas massiv lenkt und beeinflusst, aber auch beschützt, und ich habe das Gefühl, dass ich einfach weiter auf dem Camino bleiben muss, einfach weitergehen und es zulassen, dann wird dieses Etwas mir meine Antworten zeigen.

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Als wir gestern zitternd und bibbernd in der kalten Herberge dem Regen und Schnee draußen zugeschaut haben, habe ich noch ironisch gewitztelt, dass ich mir in Triacastela als erstes eine große Tube Sonnenmilch kaufe. Ich hatte mich eigentlich auch schon damit abgefunden, dass wir jetzt in Galizien sind und dort nun mal eben meistens Regen vorherrscht. Umso schöner der morgendliche Blick aus dem Fenster – alles trocken!

Ich gebe Amber zum Abschied noch ihr Armband und mache mich auf den Weg. Es ist unheimlich schön mystisch; der Tag beginnt gerade, Nebelschwaden ziehen langsam in die Höhe, und hinter diesen kommt langsam die Sonne durch. Mal taucht die Sonne die Wiesen in gleißendes Licht, obwohl der Himmel selbst noch gewittrig dunkel ist, mal bescheint ein einzelner Lichtstrahl ein kleines Fleckchen inmitten von sonst eher trostlosem Grau in Grau. Ich kann mich kaum satt sehen.

Auch der Weg durch die Kastanienwälder ist einfach mystisch besinnlich, jeder Schritt fühlt sich gut und besonders an. Welch ein Kontrast zu den Tagen im Regen und ohne Motivation, bei dem man Kilometer um Kilometer abspult und nur das Ankommen im Kopf hat.

In Triacastela besuche ich den bekannten Supermarkt, kaufe mein verspätetes Frühstück und ein Glas Partysticks. Ich habe heute wieder viel an Kristian gedacht, und er hat fast täglich sehnsüchtig von diesem eingelegten Gemüse geschwärmt. Ich schreibe ihm ein Briefchen dazu und positioniere beides deutlich sichtbar auf dem Markierungsstein an der Abzweigung der beiden Wegalternativen. Ich denke, dass er einen Tag hinter mir ist. Vielleicht auch zwei. Aber wahrscheinlich überlebt mein Briefchen den nächsten Windstoß eh nicht.

Gegen Mittag erreiche ich Samos. Die Herberge hat noch geschlossen, aber die rüstige Lady aus England hat sich auch schon davor positioniert. Ich bin beruhigt, dass sie sich einen Teil des Weges mit dem Auto hat fahren lassen, sonst wäre sie mir wirklich unheimlich. Ich mache mich auf die Suche nach einem Supermarkt, beauftragt mit einem kleinen Brot und einer Tomate für das Vereinigte Königreich.

Während ich in der ersten Woche tagsüber so gut wie nichts gegessen habe, vernichte ich nun in Woche zwei unglaubliche Mengen. Ich habe ein hübsches Bänkchen neben dem Kloster mit Blick auf den sanft dahinfließenden Bach und fühle mich mal wieder sehr in mir ruhend.

Als es zu regnen beginnt und ich suchend nach einem Unterstand Ausschau halte, hat der Hospitalero ein Erbarmen und macht schon eine Stunde früher für mich auf.

Die Herberge ist sehr puristisch. Metallene Stockbetten in einem großen Raum mit biblisch anmutenden Wandmalereien. Neben dem Eingang ist eine Tankstelle und eine Hauptverkehrsstraße, und so riecht es auch. Außerdem gibt es keine Heizung, keine Küche und keinen Aufenthaltsraum, was die etwas kühle Atmosphäre noch unterstützt. Aber ich bin hier ja auch bewusst in einem Kloster abgestiegen.

Auch Sanne hat sich zu meiner Freude dafür entschieden. Wir waschen einträchtig Wäsche, ständig betreut von dem übereifrigen spanischen Hospitalero. Er hat sichtlich Freude an uns weiblichen Pilgerinnen und bietet sogar freundlich etwas Flüssigwaschmittel an. Glücklicherweise sind wir schon fertig, denn es hätte sich um das Bodendesinfektionsmittel gehandelt.

Die Wäsche können wir gegenüber der Straße aufhängen, und wie durch ein Wunder kommt mal wieder kurz die Sonne heraus. Sanne und ich liegen wortlos auf den Bänken und akkumulieren gute Energien. Soweit es eben an der Hauptstraße möglich ist.

Eine junge Deutsche trifft ein, sie hat ein Zelt dabei und ist in Pamplona gestartet. Mir kommen die ersten Sätze mit Kristian in den Sinn, und ich frage, ob sie zufällig „seine“ Deutsche mit dem Zelt ist. Ist sie, und sie ist ganz aus dem Häuschen, dass Kristian noch in der Nähe ist. In mir regt sich ein gewisser Widerwillen, als sie mir begeistert von ihrer Zeit zusammen erzählt. Sie ist ein unheimlich freundlicher, ausgeglichener, offener Mensch (zu allem Überfluss sehr hübsch und läuferisch sehr zäh), ich kann wirklich kein Haar in der Suppe finden und bin wohl einfach nur eifersüchtig.

Sie schleppt unglaublich viel Gepäck mit sich (sodass ich mich fast schon wie ein Versager fühle, weil mich meine wenigen Kilo manchmal ermüden), unter anderem eine Metalltasse, die sie mir leiht. Das Wasser in den Duschen ist so heiß, dass es für einen Tee reicht, und Teebeutel habe ich ja genug dabei. Die englische Lady kommt aus ihrem Schlafsack gekrochen und ist auch höchst erfreut über einen eigens für sie duschgebrühten five-o’clock-tea. Wir kommen ein bisschen ins Gespräch; sie ist pensionierte Kinderpsychologin, und in der etwas bedrückenden Atmosphäre der Herberge komme ich mir mit einem Mal vor, als befände ich mich in einer Therapiestunde. Sie kommt mir irgendwie allwissend vor und macht mir Angst. Ihre Andeutungen gehen mir nicht mehr aus dem Kopf, und plötzlich kann ich mir auch einen Reim auf alles machen. Ich habe das Gefühl, über Jahre hinweg so ziemlich alles übersehen und falsch interpretiert zu haben. Jetzt sehe ich plötzlich die schonungslose Wahrheit und fühle mich komplett neben mir.

Um 19.00 gehen wir, geführt von dem stolzen Hospitalero, in den Klostertrakt und lauschen einer gregorianisch gesungenen Messe von etwa 20 Mönchen. Ich kann mich überhaupt nicht konzentrieren und fühle mich, als ob ich jeden Moment umfallen würde. Ich bin heilfroh, als die Messe um ist, ich mich ins Bett fallen lassen kann und keinen mehr anschauen muss. Meine Mitpilgerinnen sind etwas überrascht, als ich das Abendessen mit ihnen ablehne, aber vermutlich sieht man mir an, dass ich im Moment andere Probleme habe.

Ich habe überhaupt keinen Boden mehr unter den Füßen und weiß nicht, wie ich die Nacht überstehen soll. Interessanterweise schlafe ich aber sofort ein, und als ich eine Stunde später wieder aufwache und auch den Rest der Nacht hauptsächlich wach liege, habe ich zwar die Gedanken präsent im Kopf, aber sie machen mir keine Angst mehr. Nichts dreht und rast und macht mich panisch; wahrscheinlich hat das feine Netz aus Zuckerwatte die Gedanken eingesponnen und hält sie ruhig in der Schwebe.

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Als ich aufwache, ist es schon taghell. Ein Blick auf die Uhr zeigt bereits nach 8 Uhr an. Wie konnte das passieren, normalerweise fallen meine Ohrstöpsel nach einigen Stunden von selbst raus, sodass ich ab 6 Uhr meistens die ersten Geräusche höre und so langsam mit aufwache. Heute stecken sie noch fest, und auch ohne ist es absolut still. Ich springe aus dem Bundeswehrbett und linse um die Ecke – und bin beruhigt. Alle und alles noch da, ich habe nicht als einzige verschlafen. Im Bad treffe ich die Spanierin, die als einzige sonst schon wach ist. Ich muss an Chuck denken, der mich am ersten Tag vorgewarnt hat vor dem morgendlichen Horror. Ab 5 wäre nicht mehr an Schlaf zu denken, um 6 wären alle schon auf der Strecke, um sich ihr Bett zu sichern. Aha.

Wir richten Frühstück (von der Hospitalera nach wie vor keine Spur), kochen Tee und rösten Brot. In der Abendbesetzung frühstücken wir nochmal gemeinsam, mich zieht es dann aber wieder los.

Das Wetter verspricht Spannung. Die Berge sind heute weiß bezuckert, und es windet und wolkt. Zum Glück bin ich ja Schnee gewöhnt und abgehärtet.

Auch dieses Jahr bleibt mir die Magie von O Cebreiro weitgehend verschlossen. Ich bin irgendwie immer im Morgengrauen dort, alles ist neblig grau, nur fragwürdig erheitert durch die touristenwirksame galizische Musik, die aus den vielen Touristenläden plärrt. Immerhin ist die Kirche dort offen, sofern man vorsichtig über den kalbsähnlichen Labrador steigt, der vor dem Eingang schläft.

Wieder habe ich einen guten Moment und kann Gott ansatzweise erahnen. Und heule schon wieder.

Kaum bin ich auf dem kleinen Hügel hinter O Cebreiro, kommt die Sonne heraus, beleuchtet das kleine Dorf und die grünen Hügel und Weiden nach La Faba. Bewegend.

Der Weg heute fühlt sich speziell an. Zum einen laufe ich vom Anfang bis Ende komplett allein; ein Stück weit fühle ich mich auch allein. Aber gleichzeitig fühle ich mich geborgen und begleitet. Mein Kopf denkt nichts, keine ängstlichen Sorgen, keine Sehnsucht nach meinen Soulmates. Vielleicht muss man das beides hinter sich lassen, um dieses kaum greifbare Gefühl zu bekommen.

Ich fühle mich allein, selbstbestimmt und frei. Zugleich habe ich aber auch das Gefühl, dass eine kaum spürbare Hand wie aus rosa Zuckerwatte in fünf Meter Entfernung um mich herum nur darauf wartet, mich unbemerkt wieder auf den richtigen Kurs zu bringen, wenn ich die falsche Richtung einschlage. Ich zweifle meine Entscheidungen nicht an, ich habe volles Vertrauen, dass ich die unmerkliche Kurskorrektur bekomme, wenn ich etwas Dummes mache. Vielleicht höre ich einfach meine innere Stimme? Oder kann ihr zum ersten Mal vertrauen?

Ich passiere kleine Dörfer. In einem fällt mir eine wunderschöne Kirche auf, die man über eine Treppe sogar besteigen kann. Ich kann gerade noch dem Verlangen widerstehen, die Seile zu den großen Glocken zu ziehen.

Ich erreiche Fonfría und checke ein. Ich bin die erste, viel mehr werden es wohl auch nicht werden, wahrscheinlich werde ich hier heute niemand Bekanntes wiedersehen. Aber ich bin innerlich so ruhig und gelassen, es fühlt sich einfach richtig und gut an.

Der Schlafsaal ist groß, voller massiver dunkelbrauner Holzbetten mit gewaltigen Matratzen. Es gibt zwar keine Küche, aber einen großen „Salon“ mit vielen schönen Sesseln und Panoramafensterfront auf die hinter mir liegenden Berge. Es ist ziemlich kalt, aber ich schnappe mir eine Decke und widme mich der Bändelmeditation.

Aus dem Nieselregen mit „Kapuze an oder doch lieber aus?“ entwickelt sich zunehmend ein Wolkenbruch. Zeitweise kommt der Regen fast waagerecht am Fenster vorbei bzw. in Flockenform. Durch mein Fenster sehe ich dick in Regenponchos eingepackte Pilger mit gesenktem Kopf gegen dieses Wetter ankämpfen – und die meisten stoppen zumindest für einen Kaffee im Trockenen. Mein Herz schlägt ein paar Takte schneller, als ich Walter und Marco in der Rezeption höre. Walter will hierbleiben, Marco muss erst noch in sich hineinspüren, wahrscheinlich belastet ihn die fehlende Kochgelegenheit. Aber auch er bleibt. Als er den Korridor entlangschwebt und mich auf seine typische Art anlächelt, bin ich so richtig angekommen.

Dröhnendes Lachen kündigt eine pudelnasse, aber wie immer unverwüstliche Amber an, und ein paar Minuten später sehe ich Sanne zum ersten Mal seit dem ersten Tag wieder. Ich hatte mich schon so drauf eingestellt, notfalls den ganzen Tag allein zu bleiben, und nun kommt im Minutentakt etwas Neues, Spannendes durch die Tür. Großes Hallo mit einem 70-jährigen Gentleman aus Wales, den ich in Astorga kennengelernt habe und der langsam, aber sicher sein Golfen vermisst. Die britischen Inseln sind gut vertreten, ich mache die Bekanntschaft mit einer ebenfalls 70-jährigen Lady, die einen extrem britischen Humor hat. Mir rutscht heraus, dass ich es toll finde, dass sie den Weg so allein macht. Sie guckt mich konsterniert an, ich würde ihn doch auch allein machen. Wo wäre denn da der Unterschied, übersieht sie provokant 40 Jahre Altersunterschied und eine massiv unterschiedliche körperliche Konstitution.

Bestimmt 30 Leute tummeln sich in dem Salon und sind bemüht, ihre Schuhe zu trocknen, zu reinigen und Füße zu kitten. Marco zeigt mir seine Schuhe, die deutliche Brandspuren zeigen. Die Story dazu ist einfach, er ist in einen Bach getreten, und um nicht mit nassen Schuhen weiterlaufen zu müssen, hat er sich kurzerhand ein Feuer angemacht. Woher er denn bei dem Wetter trockenes Holz hatte, will ich wissen. Er ist unter den Brücken der Nationalstraße entlang gelaufen. Findiges Kerlchen. Röstet einfach mal eine Stunde mitten auf der Strecke unter der Autobahn seine Schuhe – wenn auch eine Spur zu intensiv.

Er will die Armbändel lernen, und so sitzen wir einträchtig nebeneinander, die beiden Bändel an der gemeinsamen Wolldecke festgemacht und knoten wortlos vor uns hin. Bzw. auf jeden Knoten von ihm kommt ein Analysieren und wieder Auftrennen von mir, aber wer Feuer machen kann, muss ja auch nicht Armbändel flechten können. Sanne setzt sich zu uns; zu meiner Freude entdecke ich an ihrem Handgelenk mein Armband. Sie hat es die ganze Zeit getragen, ohne zu wissen, von wem es war.

Auf recht deutliche Proteste der gesamten Pilgerschaft hin werden gegen Abend endlich die Heizungen eingeschaltet. Ich habe einen Superplatz, die Füße an der heißen Heizung, die Schultern in die weiche Decke eingeschlagen, umgeben von wechselnden liebgewonnenen Menschen. DANKE!!!

Mit etwa zehn anderen Pilgern entscheide ich mich für das Pilgermenü der Herberge. Eigentlich bin ich auch lieber Selbstversorger, aber ich habe keinerlei Vorräte mehr, Fonfría hat keine Läden, und ich freue mich auf ein schönes warmes Essen in netter Gesellschaft.

Es gibt eine lecker duftende Suppe mit Bohnen, Fleisch und Kartoffeln. Das Hauptgericht bleibt dann etwas hinter den Erwartungen zurück, denn es gibt Fleisch mit Kartoffeln und Bohnen, nur eben ohne Brühe. Zum Nachtisch wird als Vorgeschmack auf Santiago schon die berühmte Mandeltorte gereicht.

Es ist immer noch recht kalt, und irgendwie bin ich erschöpft. Ich gehe gleich nach dem Essen ins Bett, wieder routinemässig unter drei Decken verpackt.

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