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Posts Tagged ‘Camino duro’

Um 7 wache ich auf, eine prima Zeit zum Aufstehen. Die Herberge liegt noch in kompletter Stille (bzw. dem Schnarchen nach zu urteilen zumindest in seligem Tiefschlaf). Ich fühle mich unbeobachtet und ziehe mich in aller Seelenruhe um. Kaum bin ich fertig, erklingt ein hellwaches „good morning“ neben mir. Glückwunsch.

Ich packe meine Sachen zusammen, frühstücke und lege Regenmontur an. An sich will ich ja nicht planen, aber so ein bisschen schießt mir schon mein grober Zeitplan durch den Kopf. Heute wollte ich bis O Cebreiro, dann Samos, was zwei ziemlichen Mammutetappen entspricht. Dann wäre ich 3 Tage zu früh in Santiago.

Ich spiele mit dem Gedanken, einfach loszulaufen, nachdem Kristian weiterhin hellwach im Dunkeln liegt und seit dem „good morning“ kein weiteres Wort mehr verschwendet hat. Ich lege ihm noch mein typisches Apfelfrühstückstörtchen neben den Rucksack sowie mein Voltaren Gel. Ich setze mich dann doch nochmal zu ihm. Er fragt, ob ich jetzt gehe, was ich bejahe. Was ich mit so viel Tagen in Santiago machen will. Ich gebe zu, dass ich mit dem Gedanken spiele, den Weg nach Samos auf drei Etappen zu verteilen. Ich frage, wie er sich fühlt. Der Fuß ist scheiße, aber seine Energien wären gut. Ich bin erleichtert. Er meint lapidar, wir würden uns sicher bald wieder sehen. Genau. So muss man sich wenigstens nichts abbrechen und sich zum Abschied eventuell kurz umarmen.

Eigentlich wollte ich bei dem Regen diesmal auf den Camino duro verzichten. Als ich an der Abzweigung stehe, habe ich aber doch wieder das Gefühl, mich ein bisschen auspowern zu müssen und Luft und Freiheit zu fühlen. Und irgendwie einen gewissen Abschluss zu vollziehen.

Wieder einmal ist der Weg wunderwunderschön. Der Regen hat aufgehört und ich laufe in Wolken und Nebel, ganz mystisch verwunschen. Der gelbe und weiße Ginster, die abgestorbenen Bäume, die komplette Einsamkeit und gefühlte Unberührtheit… und der Blick ins Tal, auf die Autobahn und die Straße, auf der die Pilger wie Ameisen stupide geradeaus Kilometer fressen.

Zurück im Tal in Trabadelo mache ich eine intensive Frühstückspause. Heute will ich nur nach Ruitelán, wo es eine sehr atmosphärische Herberge geben soll. Und ich muss ja ein bisschen runterbremsen, wenn ich erst in 3 Tagen in Samos sein will.

In Vega de Valcarce erwische ich mal eine offene Kirche. Ich höre zwar noch nichts, fühle mich aber schon wieder ein bisschen gewohnt zu Hause.

Auf dem Weg ist nun recht viel los, vor und hinter mir sehe ich ständig Pilgergrüppchen. Das richtige Energie- und Naturerlebnis bekomme ich leider nur, wenn ich mich komplett alleine fühle und durch nichts gestört werde. Sobald ich Leute vor mir sehe, trabe ich recht abwesend Rucksäcken hinterher.

Ruitelán ist klein und wirkt zu Mittag recht unbelebt. Die Herberge hat noch geschlossen, sodass ich mich zum Warten vor die Eingangstüre setze, die ein bisschen überdacht ist. Es regnet schon wieder. Walter, ein älterer Österreicher, mit dem ich gestern schon ein paar Worte gewechselt habe, zieht fröhlich grüßend vorbei. Der Hospitalero trifft mit Tüten beladen ein; offensichtlich sitze ich im Weg. Ich springe sofort auf, aber er grunzt nur missgelaunt und schubst meinen Rucksack in eine andere Ecke, dabei hält sich die Beeinträchtigung in Grenzen. Er knallt die Türe wieder hinter sich zu. Ich bin ja eigentlich auf dem Camino, um auf mein Herz zu hören und meine Etappen nach Lust und Laune und Gefühl zu planen. Mein Gefühl sagt im Moment ganz klar nein, und so laufe ich kurzentschlossen weiter Richtung La Faba. Schon wieder eine Herberge, die ich kenne, aber besser als das hier.

Der Aufstieg zieht sich etwas in die Länge, und es beginnt schon wieder zu regnen. Ich schiebe alle zwei Minuten die Regenkappe vor oder zurück. So richtig schlimm regnet es ja nicht. Aber dann doch zu viel, als dass man nass werden wollte. Nervig.

Kurz vor La Faba treffe ich Walter. Lustig, zum dritten Mal laufe ich die letzten Meter in Begleitung eines älteren, deutsch sprechenden Pilgers. Walter möchte auch in die schwäbische Herberge und findet es ein Glück, mich Expertin gerade aufgelesen zu haben.

La Faba verbinde ich mit überschäumender, wenn auch sehr deutsch geprägter Gastfreundschaft. Diesmal ist nur eine einzelne Hospitalera da, etwa in meinem Alter. Sie hat sich am Eingang eine kleine Rezeption aufgebaut und ist ziemlich effizient geschäftig direkt. Ich vermisse das bekannte Wohnzimmergefühl, welches ich auch in Foncebadón erleben durfte. „Komm erst mal rein, setz Dich, schön, dass Du da bist. Such Dir erst mal ein Bett, mach Dich frisch, willst Du einen Tee?“. Zum Glück kenne ich mich gut genug aus, um mich eben selber liebevoll willkommen zu heißen.

Ich setze mich in den Aufenthaltsraum und versinke in Bändelknüpfen, während die Hospitalera mit einer spanischen Pilgerin redet. Ich höre unbeteiligt zu und denke mir ab und zu meinen Teil. Die Spanierin lacht sehr viel und klingt nett und offen.

Draußen regnet es in Strömen, fast schon wie Schneeregen. Ich bin froh, es noch rechtzeitig geschafft zu haben. Marco, der nervöse Spanier vom allerersten Tag, schafft den Weg zu uns ins Trockene. Die Hospitalera redet laut deutsch auf ihn ein, ich finde sie fürchterlich unsensibel und bin froh, als sie gegen 3 sagt, sie ginge jetzt mal in ihre Wohnung hoch. Sie kommt abends noch einmal kurz zum Kassieren, ansonsten sehe ich sie nie wieder. Und das in La Faba.

Die Spanierin ist lustig. Sie interessiert sich für meine Bändel und dass ich gute Energien reinknüpfe. Sie findet das gar nicht ungewöhnlich; selbst als ich von meiner Fußwunderheilung erzähle und dass ich doch gar nicht heilen kann, lächelt sie nur gütig und irgendwie allwissend, dass jeder Energien hätte und seine Hände benützen könnte. Etwas an ihr ist merkwürdig, sie wirkt definitiv nicht allein, sondern sehr gespeist von Energien und Spirituellem. Wir sparen uns den üblichen Smalltalk und das Durchkauen der üblichen Fakten (die habe ich beim Gespräch mit der Hospitalera eh zur Genüge gehört). Als mein Bändel fertig ist, gebe ich es ihr. Sie freut sich überschwänglich.

A propos Bändel freue ich mich auch sehr, Marco wiederzusehen. Ich weiß nicht, warum, aber bereits am ersten Tag hatte ich das Gefühl, ihm auch gern ein Bändel machen zu wollen. Ich spüre eine gewisse Nachdenklichkeit und Schwere in ihm, andererseits aber auch eine besondere Verbindung. Er ist ein ganz ruhiger, zurückgezogener, der wenig spricht. Aber etwas in seinen Augen zeigt mir, dass er versteht. Ich brauche nur unbeholfen einen Satz zu sagen, und seine Augen sagen mir, dass er die ganzen Gefühle, Gedanken und Probleme drumherum versteht und mit mir fühlt.

Walter und Marco kennen sich; allerdings ist es eine lustige Freundschaft. Marco versteht nur spärliches Englisch, und Walter redet nur Deutsch mit so einem massiven österreichischen Einschlag, dass selbst ich ihn schwierig verstehe. Aber er erklärt mir, dass sie sich schon seit ein paar Tagen begleiten und „gut verstehen“. Für den Abend will Marco für alle Chinesischen Reis kochen. Ich bin etwas zögerlich und hätte fast schon lieber wieder meine Freiheit, aber nachdem wir hier nur so eine Kleinfamilie sind in einem verregneten Mini-Ort, ist heute vielleicht nicht der geeignete Tag für meinen Egotrip.

Der Regen peitscht absolut wild, als in schwarzer Regenkluft Chuck pudelnass bei uns notlandet. Eigentlich wollte er bis O Cebreiro. Heute hat er Geburtstag, wie er schon seit Tagen jedem erzählt. Die große Party sollte dort steigen, und heute hat er auf dem Weg jedem Wein und Brot angeboten, zur Feier des Tages. Er ist wieder ganz der Alte; mehrmals schreit er durch den Raum, wo seine Geschenke seien, heute wäre doch sein Geburtstag. Ich kriege die Krise und lehne seinen Wein dankend ab. Er kommentiert es supersensibel mit „come on, davon wirst Du schon nicht gleich zum Alkoholiker“, was in mir dann erst recht massive Zuneigung weckt.

In einer kurzen Regenpause gehen wir zu dem kleinen Mercado. Es gibt diesmal wirklich sehr wenig zu kaufen, nicht mal Gemüse. Marco ist aber ein prima Koch und improvisiert mit Karotten-Kartoffeln-Erbsen aus dem Glas und meint, es würde schon gehen. Seinem Wunsch nach Eiern wird auch nachgekommen. Die Inhaberin verschwindet kurz für 5 Minuten ums Haus, es gackert und wir bekommen unsere Eier wahrscheinlich noch huhnwarm.

Zurück in der Herberge fragen wir Chuck, ob er auch mitessen will. Er guckt entgeistert und meint, es wäre doch sein Geburtstag, da ginge er doch natürlich in ein Restaurant. Optimistische Bezeichnung für die Bar in diesem Ort. Und komische Art zu feiern. Ganz allein.

In der Kirche neben der Herberge findet diesmal leider auch wieder kein Gottesdienst statt. Ich setze mich allein ein paar Minuten vor den Altar. Ich heule minutenlang Rotz und Wasser, ohne einen konkreten Gedanken dazu zu haben. Vermutlich treffe ich Gott.

Die Truppe in der Herberge ist prima, keiner zeigt sich irritiert von meinem verheulten Gesamtbild. Walter erklärt mir eingespielt, dass man Marco am besten allein kochen lässt und hinterher nur abspült. Ich darf immerhin die Kartoffeln aus dem Gemüseglas sortieren (die passen ihm nicht) und die Paprikas aus dem Glas in feine Streifen filetieren. Ansonsten kocht er zielsicher und geschwind vor sich hin. Aus den Tiefen seines Rucksacks zaubert er Sojasoße, die er in weiser Voraussicht noch im Tal eingekauft hat. Die wirklich unglaublich gelben Eier macht er zu Omelette, welches in Trapezform geschnitten über den Gemüsereis wandert. Das Abendessen mit Walter, Marco und der Spanierin mit der guten Energie ist nett, so richtig freuen kann ich mich aber nicht. Kristian fehlt mir, mir fehlen unsere intensiven gemeinsamen Schwingungen. Ich wüsste gern, wo er jetzt ist, wie es seinem Fuß geht und seiner Stimmung. Ich hoffe, er ist nicht wieder betrunken oder kriegt eine rastlose Krise und läuft in Wollsocken rauchend im Regen herum. Beim Gedanken an Rauchen muss ich lächeln. Ich habe zum Abschied gesagt, dass er jetzt ja sicher noch ab und zu an mich denken wird, wenn er seine platten Zigaretten raucht. Und er meinte, das würde er sowieso.

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Mein heutiger Tag beginnt mit dem Camino duro, der alpineren Variante des Caminos. Kurz vor dem Ortsausgang geht es nach der Brücke recht steil den Berg nach oben, und komischerweise kennen die wenigsten diesen Weg und folgen automatisch der Variante entlang der Fahrstraße. Ich finde diese einsame, verwunschene Etappe wunderschön und habe sie gestern so ziemlich jedem Gesprächspartner ans Herz gelegt.

Am Ende der Bergetappe kommt hinter mir der schweigsame Ungar mit den Bundeswehrhosen den Weg entlang. Ich frage, ob meine Empfehlung sich gelohnt hat. Er macht nur den Daumen nach oben, aber hat das gleiche Strahlen wie ich. Zwei Pilger, die heimlich dem Himmel näher waren.

Zurück im Tal in Trabadelo ärgere ich mich über den unfreundlichen und teuren Lebensmittelladen und verlasse ihn auch ohne Einkauf wieder. Umso erleichterter bin ich dann, als ich kurz vor Mittag in Vega de Valcarce einen noch geöffneten Supermarkt finde, denn Vorräte habe ich im Moment keine mehr, und nachdem ich den Brunnen misstraue, sollte zumindest regelmäßig eine Wasserflasche nachgekauft werden.

In Ruitélan treffe ich in einer Bar an der Strasse sitzend Helmut wieder, der sich in der prallen Mittagssonne ein überdimensionales Bierchen schmecken lässt. In seiner Begleitung ist ein netter Österreicher, der aber etwas kleinlaut erzählt, dass er den Camino bei einer Organisation gebucht hat. Höflich, wie er ist, schimpft er zwar nicht offenkundig, aber er zeigt sich etwas traurig darüber, dass er fest gebuchte Privatunterkünfte in viel zu kurzen Etappen hat. Es ist gerade Mittag, er ist fit und elangeladen, aber seine Unterkunft ist nun einmal schon hier. Auch wirkt er etwas wehmütig angesichts des großen Hallos und Wiedererkennens der Pilger, die sich aus den gemeinsamen Herbergen kennen. Während ich weiterlaufe, bin ich heilfroh, mich für die „ungeplantere“ Variante entschieden zu haben. Für mich macht den Camino zu einem großen Teil auch das Gefühl von Freiheit aus, jeden Tag aufs Neue entscheiden zu können, ob ich eine kurze Tour laufen will, ob ich mich verrückt verausgaben will, ob mir eine Herberge einfach vom Gefühl zusagt, vor allem aber auch, ob befreundete Pilger dort absteigen oder eher jemand, den ich nicht unbedingt um mich haben muss.

Ein paar Dörfer weiter mache ich ausgiebig Mittagspause mit meinen neu erstandenen Vorräten, als auch Helmut schon wieder den Weg entlang kommt. Nachdem er bisher nur Bier intus hat und auch meint, tagsüber nichts essen zu müssen, überrede ich ihn zu etwas Nahrungsaufnahme mit mir. Er ist schon ein rechtes Original, immer mit viel zu lauter Stimme vor sich hindonnernd und teilweise etwas lustige Ansichten vertretend, aber ich denke, er hat sein Herz am rechten Fleck, und seine Religiosität gefällt mir.

Helmut ist schon wieder vorausgegangen, als ich mich ausgesprochen entspannt wieder auf den Weg mache. Ich liege prima in der Zeit, es ist nicht besonders heiß, und vor allem weiß ich, was heute auf mich zukommt. Kein Vergleich zu letztem Jahr, als ich diese Strecke ziemlich neben mir gelaufen bin. Und ich habe gelernt, dass man Berge nur langsam genug angehen muss, dann strengen sie auch nicht an.

Durch die kleinen Weiler und Kuhweiden geht es auf den grobsteinigen Pfad unter Bäumen. Kurz vor La Faba höre ich vor mir Helmut laut wettern; der Berg ist ihm viel zu steil und anstrengend und überhaupt. Er torkelt ziemlich, vermutlich macht sich das Bier bemerkbar. Trinken lehnt er ab, er will jetzt endlich ankommen. Ich überrede ihn dann doch noch, ein paar Minuten stehen zu bleiben und etwas Wasser zu trinken. Die letzten Meter gehen wir schön langsam, ich will hier keinen kollabierten älteren Herren versorgen müssen.

Es ist gegen 14 Uhr, als wir an der heimisch bekannten Herberge anklopfen. Ein schwäbischer Hospitalero öffnet uns vorzeitig mit der bekannten Herzlichkeit und „hospitalidad“ von La Faba, wir sollen doch erstmal ein Bett beziehen und uns frisch machen, nur keinen Stress mit Einchecken oder Bezahlen. Helmut dröhnt begeistert, dass ich eh nicht zahlen muss, weil ich ja aus Schwaben komme. Die Herberge ist mitfinanziert von einem schwäbischen Dichter, der zur Auflage gemacht hat, dass Pilger aus seiner Heimat gegen Vortragen eines schwäbischen Gedichtes gratis logieren dürfen. Mir ist das eher peinlich, ich würde lieber unauffällig zahlen, aber nicht nur Helmut ist begeistert, auch der Hospitalero. Er holt nur noch schnell seine Frau, denn wie er erklärt, ist er schwerhörig, und das wäre ja schade um das schöne Gedicht. Die Gattin springt auch gleich wieder weg, um noch den Fotoapparat zu holen. Mir wird Angst und Bange, aber das Paar ist einfach noch recht neu in der Herberge, hat von diesem Brauch gelesen, ist aber noch nie damit in Berührung gekommen, und möchte mich jetzt für das persönliche Erinnerungsalbum an die Zeit als Hospitaleros. Ich trage Eduard Mörikes „Im Nebel ruhet noch die Welt“ vor, das zum Glück keiner kennt und auf Richtigkeit überprüfen kann. Die Hospitaleros sind begeistert und bewirten uns gleich noch mit selbstgebackenem Kuchen.

Ein weiterer Pilger trifft ein, was mir die Laune ziemlich verhagelt. Es ist der stressige Belgier Jelle, der mir gestern seinen tollen Etappenplan erklärt hat (so und nicht anders, auch wenn ich nur 17 km pro Tag etwas wenig fand. Lauf Du nur Deine 17 km, dann kreuzen sich unsere Wege schon nicht mehr). Nun hat er sich doch gegen den Führer entschieden, und seine erste Frage ist zielsicher „why are you mad at me?“. Arg, das wird ja noch kompliziert.

Dafür kommen gegen Abend auch die beiden Dänen aus Astorga sowie mein Engel Angelo. Ansonsten ist die Herberge recht spärlich besucht, die meisten gehen doch eher gleich bis O Cebreiro. Angelo kommt die Idee, ja heute hier die Spaghetti Carbonara kochen zu können, und am besten gleich für alle. Ich frage herum, wer alles mitessen will und male das Ganze noch blumig aus, indem ich dem guten Angelo kurzerhand einen versteckten Spitzenkoch andichte. Im wirklichen Leben ist er Consultant, und als er meine feurigen Essenseinladungen mitbekommt, lacht er und meint, er würde mich zu seinem Advertising Manager machen. Bevor wir einkaufen gehen können, müssen wir aber noch auf Aurélie warten, die heute auch La Faba auf dem Plan haben sollte. Eigentlich ist Aurélie supersympathisch, natürlich und herzlich. So ganz öffnen kann ich mich aber noch nicht für sie, denn ich spüre recht eindeutig, dass Angelo und sie zusammen gehören. Und die Rolle der Nummer 2 braucht bei mir immer ein paar Tage Adaptionszeit.

Angelo strahlt aber so glückselig, als sie endlich mit ihrer Mutter eintrifft, dass die Nummer 2 kaum mehr weh tut. Und Aurélie punktet ein weiteres Mal bei mir, indem sie keine Sekunde Pause nach dem langen Tag haben will, sondern sofort zur Shoppingtour bereit ist.

Der kleine Laden öffnet auf Klingeln, und Maitre de Cuisine des Abends Angelo ist mit einem mal völlig ausgewechselt. Vorbei ruhiges, seliges Lächeln, hier plant ein akribischer, perfektionistischer Italiener ein Abendessen. Alles wird mit einem kritischen „hm…. noooooo…. naaaah… hm“ und sehr gerunzelter Stirn kommentiert (dabei gibt es herzlich wenig Auswahl), bis wir endlich Eier, Schinken, Spaghetti und Wein haben.

Zurück in der Herberge passt mich Jelle unnachgiebig ab, ob er etwas falsch gemacht hätte. Er schaut so betroffen, dass ich wirklich ein schlechtes Gewissen bekomme, immer nur „nein, nein“ zu lügen, und so erkläre ich ihm kurz und knapp, wo mein Problem liegt. Dass er durch und durch nichts falsch gemacht hat und ja jeder ein Recht drauf hat, seinen Camino so zu gestalten und zu genießen, wie es ihm gefällt. Dass aber für mich der Camino und das Pilgersein etwas sehr heiliges ist, dass mir hier die Ruhe und die Werte des Pilgerns viel bedeuten, ich hier nicht mit jemandem hitzig über mein Leben diskutieren will oder darüber, ob man auch im Urlaub Stress haben muss. Ich schließe, dass es bei uns einfach nicht so recht passt, wir uns ja aber problemlos ein bisschen aus dem Weg gehen können. Er nickt eher bedröppelt und sagt nichts.

Anschließend steht Pilgermesse auf dem Programm, leider ohne Geistlichen. Das Herbergspaar nimmt mit uns in den Bänken Platz und leitet von dort recht schlicht und unauffällig den Gottesdienst. Wieder gibt es einige Texte in verschiedenen Sprachen, manches lesen oder singen wir gemeinsam, manches wieder einzelne Pilger. Zum ersten Mal bekomme ich keine panische Angst und versinke intensiv meine Füße studierend in meiner Bank. Prompt bekomme ich einen Text zum Verlesen, aber ich fühle mich hier in dieser Kirche schon so heimisch, umgeben von lauter vertrauten Freunden, sodass mir das Vorlesen ganz ruhig und locker gelingt – und es fühlt sich sogar schön an. Bei „gebt euch ein Zeichen des Friedens“ studiert Jelle neben mir fast schon bedröppelt seine Fußspitzen und wirkt ganz überrascht, dass ich ihm noch die Hand gebe. Zwar bin ich im Moment noch im Gottesdienst verhaftet, aber ich spüre, dass ich das so nicht lassen kann.

Danach steht endlich der Kochevent an. Angelo fragt den Hospitalero leidgeprüft, ob er denn nicht vielleicht wenigstens Kristallsalz hätte, nachdem er mit normalem Salz keine guten Spaghetti kochen kann. (Mir ist das schon fast peinlich, aber zu meinem Erstaunen hat er wirklich).

Ich ziehe mich schnell zu Spülzwecken und einfachen Arbeiten zurück, denn „hm… ah… naaaaaah… hm“, keine Schüssel ist richtig, keine Gabel perfekt geformt, kein Eigelb im richtigen Farbton. Dafür ist die Stimmung in dem kleinen Aufenthaltsraum mit Küche unbeschreiblich. Wir sind etwa 15 Leute, und alle helfen zusammen beim Vorbereiten und tragen ihren Teil dazu bei. Die Dänen zerkleinern großzügig ihre ganze verbliebene Astorga-Schokolade, während in der anderen Ecke Orangen zum Dessert filetiert werden. Und jeder wendet sich an mich, als wäre ich der Chef oder hätte sonst irgendeine Ahnung.

Angelo ist hochkonzentriert und ungewöhnlich unter Druck, bis wir alle um die zusammengeschobenen Tische sitzen und jeder seinen Teller Spaghetti Carbonara vor sich hat. Es schmeckt lecker, aber am beeindruckendsten dabei ist die Atmosphäre. Lückenlos alle Pilger sitzen zusammen wie eine Familie, die sich seit jeher kennt. Diese Gemeinschaft hier und heute hat eine ganz spezielle Magie.

Danach machen sich alle gemeinsam an den Abwasch, ein ziemliches Gedränge. Angelo strahlt stolz und überglücklich, wir klatschen sicher alle Viertelstunde aufs Neue auf unsere gelungene Working Cooperation ab. Alle bedanken sich für die Einladung und den beeindruckenden Abend. Beeindruckend ist für mich vor allem, dass da etwas beeindruckt hat, wofür weder Angelo noch ich verantwortlich waren.

Heute abend darf ich in vollen Zügen das Zweierteam mit Angelo genießen und spüre auch keine Wehmut mehr beim Gedanken, dass Angelo in den nächsten Tagen in einem neuen Zweierteam aufgehen wird.

Angelo überreicht mir seine Emailadresse, was mir eine große Ehre ist. Auch Per, mein Lieblingsdäne, gibt mir seine Email und erzählt, dass er an einem Blog schreibt. Ich witzele, dass er ja wohl hoffentlich nicht auch über mich schreibt. Und will wissen, wie er mich denn in seinem Werk beschreiben und charakterisieren würde. Er lächelt auf seine berühmte, stille, allwissende Art und meint, ich wäre strong, interesting und sweet.

Mit noch ziemlich viel Adrenalin vom Kochen und ziemlich viel Glücklichkeit liege ich im gleichen Bundeswehrbettchen wie im Vorjahr und denke über diese drei wunderschönen Adjektive nach – keines davon hätte ich auch nur im Traum erwartet.

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Heute habe ich einen langen Tag vor mir, weswegen ich ganz froh bin, zeitig wach zu werden. Das Bett neben mir ist komplett leer, es fehlt sogar die Matratze. Der Französin war das Schnarchen aus dem Nebenzimmer zu laut, sodass sie kurzentschlossen unter freiem Himmel geschlafen hat. Es passt zu ihr. Sie ist natürlich auch schon wach, weil sie auch gerne allein läuft und es kühl hat.

Ich lasse mir gerade den ersten Cappuccino meines Caminos aus dem Automaten, als ich eine Belgierin vom Vortag erspähe und kurz entschlossen frage, ob wir zusammen losgehen wollen. 2006 habe ich immer den Sonnenaufgang abgewartet, dieses Jahr laufe ich auch gern mal einige Minuten vorher los. Aber so ganz im Dunkeln ist es mir allein unwohl. Nach einer Weile holen wir zwei Engländer ein, eine Mutter mit ihrem Sohn. Wir kommen ins Gespräch. Schon in den vergangenen Tagen habe ich sie oft sehr schnell und diszipliniert laufen sehen, und wie sie mir nun erzählen, ist ihr Camino von langer Hand geplant. Die Mutter trainiert seit einem Jahr mit dem Vater lange Strecken und das Laufen mit schwerem Rucksack, der Vater hat zudem die optimalen Routen ausgearbeitet. Sie laufen nur bis O Cebreiro, weil für mehr die Zeit nicht reicht. Ich bin überrascht, wie man gerade dort aufhören kann und will wissen, ob es denn da einen Bus gibt. Sie drucksen etwas herum, nein, da würde der Vater sie dann abholen. Es stellt sich heraus, dass er die ganze Tour im Begleitfahrzeug mitmacht und sie sich jeden Abend zur Übernachtung treffen. Trotzdem ziehen sie das Pilgern voll durch und tragen jeden Tag sämtliches Gepäck auf dem Rücken. Kurios.

Als die Sonne aufgeht, befinde ich mich inmitten von Weinbergen mit wunderschönen Ausblicken. In der Stille des morgendlichen Nebels, erwärmt von den ersten Sonnenstrahlen, erreiche ich Villafranca del Bierzo.

Dort beginnt heute mein „camino duro“, mein harter Weg. Ein Weg führt an der Fahrstraße entlang, der andere soll recht anstrengend mitten über einen Berg gehen. Fahrstraße ist mir zu langweilig, zu gefährlich und sicher nicht gut für die Füße, sodass ich schon sehr nach der Herausforderung lechze – und umso enttäuschter bin, als die Stadt zu Ende ist und ich meinen Abzweig nicht gefunden habe. Einige Pilger um mich herum laufen eben schulterzuckend die Straße entlang, aber ich kehre doch wieder um und frage mich durch, bis mir jemand die etwas versteckte Abzweigung zeigen kann. Es geht wirklich recht steil den Berg hoch, aber es ist noch kühl und darum kein Problem. Ich bin wieder ganz berauscht von dem Höhengewinn, der Aussicht, wieder einmal dem Gefühl, alles unter sich zu lassen, allem zu entfliehen und frei zu sein.

Auf dem Plateau angekommen geht es sich wunderschön. Die Sonne taucht die Landschaft wie in flüssiges Gold, auf einem kleinen Trampelpfad geht es beschwingt und ebenerdig weiter. Weit unten im Tal sehe ich die Asphaltstraße und freue mich noch umso mehr, hier so nah am Himmel zu sein. Ein bisschen einsam ist es allerdings, weit und breit kein anderer Pilger, und meine ängstliche Seite kommt durch, die sich fragt, was ich mache, wenn mich hier im Nichts eine Schlange beißt oder eine der zahlreichen Wespen sticht. Irgendwann taucht hinter mir ein Wanderer auf, ich überlege mir den worst case. Sicherheitshalber setze ich den Rucksack ab, mache eine Frühstückspause und weiß, wo mein Pfefferspray liegt. Aber der Wanderer entpuppt sich als die Französin, die auch ein harter Knochen ist und natürlich auch als einzige diesen verrückten Weg wählt. Den Rest des Weges habe ich sie vor mir in entfernter Sichtweite und kann auch wieder die Wespen genießen.

Nach einem ebenso abrupten Abstieg wie Anstieg erreiche ich gegen Mittag Trabadelo und stehe vor einer schweren Entscheidung, oder besser, dem ersten Mal, dass meine Pläne nicht ganz perfekt und problemlos aufgehen. Am liebsten übernachte ich in Orten mit Supermarkt, ich freue mich, wenn die Herbergen im Führer wärmstens empfohlen werden. Viele Betten beruhigen mich, denn ich habe ständig Herbergsangst. Zwar laufe ich sehr zeitig los, gehe unterwegs nicht in Cafés und habe ein schnelles Gangtempo. Trotzdem bekomme ich ein starkes Unruhegefühl, wenn viele Pilger an mir vorbeilaufen. Vor meinem geistigen Auge zählen sich die Herbergsplätze herunter, noch dazu der Faktor, dass ich nicht weiß, wie viele Nachtschichtpilger schon vor mir sind. So bin ich immer froh, gegen Mittag in der Herberge anzukommen (auch wenn ich mich dann den ganzen Nachmittag langweile und jeden Tag aufs Neue ärgere). Auch habe ich Angst, zu spät in Santiago anzukommen und werde unruhig, wenn die Planung nicht 1-2 Tage Puffer beinhaltet. Zwischen all diesen Zweifeln steht heute groß „La Faba“ auf dem Programm, ein Ort 32 km entfernt, in dem ein Bekannter meines Vaters eine Herberge mitgegründet hat. Und schon bevor ich jemals den Weg gelaufen bin, war mein Vater Feuer und Flamme, dass ich dort mal übernachten müsste. Mein Vater hat sehr wenig Wünsche an mich, und auf eine schwer zu erklärende Weise ist es mir ein ganz dringendes Anliegen, diese Station mitzunehmen. Leider sind 32km ungewohnt viel für mich, noch dazu mit dem Fragezeichen des zusätzlichen camino duro, vor dem kräftetechnisch eher gewarnt wird.

So mache ich mich gegen Mittag, statt mir in Trabadelo ein Bett zu sichern und die Mittagshitze im Schatten zu genießen, mit einem stattlichen Vorrat von 3 Litern Wasser und einigen Bananen auf den Weg nach La Faba, und ich habe das Gefühl, dass es eine Herausforderung werden könnte.

Die Mittagshitze, die ich sonst immer umgangen habe, ist beachtlich. Mir ist leicht schwindelig und ich trinke konsequent. Vor mir befinden sich viele Pilger erschöpft auf den letzten Metern zu den Herbergen in den nächsten Dörfern, die noch vor dem großen Anstieg zu O Cebreiro liegen. In der letzten Herberge, 1 ½ Stunden vor La Faba, hole ich mir nur einen Stempel und trete wieder etwas unwirklich auf die Straße hinaus und laufe weiter. Der Weg ist komplett verlassen, und als ich unsicher ein paar Einheimische nach dem Weg frage, geben sie mir zu verstehen, dass ich zwar auf dem richtigen Weg bin, ich aber langsamer machen soll, wenn ich jemals in Santiago ankommen will. Offensichtlich sehe ich nicht mehr sehr fit aus, und ich muss gestehen, dass ich durch die Hitze schon ziemlich daneben bin. Mich packt ein bisschen die Verzweiflung, was ich hier mitten im Nichts machen soll, wenn ich nun einen Hitzschlag bekomme. Ich schelte mich für meinen blöden Ehrgeiz, den camino duro machen zu müssen und nicht wie jeder vernünftige Mensch aus Cacabelos heute (auch ganz ohne Extratour durch die Berge) nur bis zu den Dörfern vor dem Anstieg zu gehen. Meine erste Wasserflasche ist leer, und nachdem ich bisher immer mit einer vollen 1 ½ l Flasche zur Reserve gelaufen bin und diese jetzt wirklich mal anbrechen muss, wird mir doppelt mulmig. Ich entscheide, dass es so keinen Sinn hat. Diese letzten 5 Kilometer werde ich schaffen, auch bei der Hitze, ich muss nur durchhalten, darf mich nicht überanstrengen, und selbst wenn ich ganz langsam mache und erst abends ankomme, das werde ich schaffen und das ist sicher. Ich mache ab da furchtbar kleine Schritte, ganz bedächtig Schritt für Schritt, ohne dass es mich schwindelt.

Und so passiere ich Weiler um Weiler und merke, dass es zwar langsam geht, aber es geht. Dann stehe ich vor dem wirklichen Anstieg, und wieder schwindet mein Mut. Ich denke unbestimmt „lass mich das schaffen“, und in diesem Moment erhebt sich mitten in der drückenden Mittagshitze über dem flimmernden Asphalt sekundenlang eine absolut kühle Brise. Ich stehe ganz verwirrt da. Mit ein wenig mehr Mut mache ich mich langsam und bedächtig den Berg hoch, als eines der vielen Taxis den Weg entlang fährt, das viele Pilgerrucksäcke, aber auch einige Pilger selbst bequem auf den Gipfel chauffiert. Der Fahrer lässt im Vorbeifahren das Fenster herunter, er gestikuliert wild, strahlt und brüllt „buon camino!!!“. Ich bin total gerührt. Da fährt er ständig Rucksäcke durch die Gegend, und im Herzen wirkt er so, als ob er wirklichen Respekt nur vor denen hat, die es aus eigener Kraft schaffen wollen, die ihren Rucksack auf dem Rücken tragen und sich in der Mittagshitze den Berg hochschleppen.

Von kühler Brise und Taxifahrer bin ich erstaunlich ermutigt, als ich am Straßenrand im Schatten einen Mann stehen sehe. Als ich näher komme, spricht er mich an – und bietet mir einen Keks an. Wir machen uns dann gemeinsam auf den Anstieg. Er meint, er hätte mich schon oft gesehen (ich kann mich wie so oft nicht explizit erinnern), und doch, er würde sich natürlich erinnern, ich hätte so einen auffälligen Laufstil. Ich muss unter meiner Anstrengung schief lächeln und meine, dass er mich daran heute nun wirklich nicht erkannt haben kann. Er lacht auch und meint, gut, heute wäre es der Rucksack gewesen. Ich liebe meinen Rucksack heiß und innig, mit dem ich schon 4 Wochen Zelt und Kocher und Winterklamotten rumgeschleppt habe, und so pilgere ich auch in Spanien mit einem 65+20 Liter-Rucksack, auch wenn der natürlich nur normale 8 Kilo plus der obligatorischen Sicherheitswasserflasche beinhaltet. Gemeinsam schleichen wir den Berg hoch; mein Gegenüber ist schon etwas älter und sehr bedächtig – und er will sogar bis O Cebreiro. Und im Gegensatz zu mir hat er da auch gar keine Zweifel.

In La Faba trennen sich unsere Wege und ich folge dem aus wenigen Häusern bestehenden Ort zu der Herberge. Ich trete durch ein Tor auf ein großes Grundstück, in der Mitte eine Kirche, am Rand ein sauberes Haus, vor dem 3 deutsche Hospitaleros sitzen und jeden Neuankömmling erst mal hinsitzen lassen und ihm ein Glas kalten Tee anbieten. Das Ganze ist so unwirklich, und ich kann noch gar nicht glauben, dass ich den Tag rumgebracht habe und es nun wirklich geschafft habe.

Ich dusche schnell in einem kleinen Bad voller heimisch bekannter deutscher Armaturen und frage nach einer Einkaufsmöglichkeit. Es gibt tatsächlich eine, und die Inhaberin macht auf Klingeln für jeden extra auf. Es gibt diesmal wohl wirklich nur 50 Artikel zur Auswahl, aber alles ist da, was das Herz begehren könnte. Ich kaufe Nudeln und Tomaten und sogar eine Zwiebel, bekomme Brot und Schinken von einem riesigen Laib abgeschnitten, es gibt pilgergerechte Minibutter und ich kann wieder ordentlich Wasser tanken, um den Schwindel wegzutrinken und morgen wieder eine gefüllte Sicherheitsflasche im Rucksack zu haben.

Als ich mit voller Tüte und noch duschfeuchten Haaren in meinen Flip-Flops zurückschlappe, kommen mir auf einmal Tränen in die Augen geschossen. Mein einziger Gedanke ist, dass ich so ein Glück nicht verdient habe. Dass ein Laden extra für mich öffnet und alles hat, was mein Herz begehrt. Dass ich meinen Wagemut und meinen Ehrgeiz nicht bereuen musste. Dass ich in meinen mutlosen Momenten so viel Zeichen und Unterstützung bekommen habe. Dass gerade heute, wo ich etwas labil bin, eine so heimelige Herberge auf mich wartet. Mitten in einer Pfütze mit Jauche stehe ich hemmungslos schluchzend da, und es ist wahrscheinlich die nächste göttliche Fügung, dass mich in diesem Moment niemand sieht.

In der Herberge sitze ich mit vielen Pilgern verstreut im Garten vor der Kirche, offensichtlich ist für viele heute ein bewegender Tag gewesen. Zwischen meinem Tagebuch und meiner Routenplanung zieht es mich immer wieder in die Kirche, in der leise Musik läuft, sonst niemand ist, die nur uns Pilgern gehört und wo ich meinen Tränen noch mal freien Lauf lassen kann und diesmal meine Dankbarkeit an jemanden richten kann.

Bärbel, die ehemals magengeplagte Deutsche, trifft ebenfalls ein und ist ganz euphorisch. Durch das Umpacken ihres Schlafsacks ist der Rucksack heute unheimlich viel leichter zu tragen, das ganze Laufen ist ihr viel leichter gefallen und sie ist ganz baff erstaunt über dieses kleine Wunder.

Ein älterer Franzose, der das Bett gegenüber von mir bewohnt, beantwortet meinen Gruß auch schon wieder ganz wissend. Wir hätten uns doch schon getroffen. Ich gucke wieder etwas dumm aus der Wäsche und bin mir eigentlich sicher, dass nicht. Er holt eifrig sein Tagebuch heraus, oder besser einen konfusen Stapel von Papierfetzen. Er blättert jeden Tag durch, fragt erwartungsvoll nach eventuellen gemeinsamen Stationen – und tatsächlich, am zweiten Tag sind wir uns tatsächlich schon mal begegnet, wie er begeistert seinem Aufschrieb entnimmt. Mich würde ja zu sehr interessieren, was er sich da sonst noch so alles notiert hat, wenn selbst „eine große junge Frau mit großem Rucksack ist heute schnell an mir vorbeigelaufen“ schon Eingang findet.

Um 20:00 ist Messe, nur für uns Pilger. Auf die Minute genau biegt mit quietschenden Reifen ein kleines, weißes Auto in den Hof, und aus den Staubwolken heraus springt auf seinen Teva-Sandalen ein kleiner Mönch in braunem Gewand. Er eröffnet sehr persönlich die Messe und lässt sich gleich zwei Übersetzerinnen geben, die alles in Englisch und Französisch übersetzen. Auf Deutsch verzichten wir, weil schon für jeden etwas dabei war. Er hat eine sehr süße Art, spricht seine spanischen Worte und zeigt dann schüchtern lächelnd auf seine Übersetzerinnen. Zuerst lassen wir das „luz de paz“, das Licht des Friedens, durch die Reihen gehen. Nichts weiter geschieht, als dass alle ruhig und aufmerksam zusehen, während jeder bedächtig die diskusähnliche Scheibe mit dem Petroleumdocht entgegennimmt und weitergibt.

Anschließend werden 5 Freiwillige vorgebeten, sich gegenüber der kleinen Gemeinde hinzusetzen. Er beginnt, der ersten Sitzenden den Fuß zu waschen, und anschließend soll sie so bei ihrer Nebensitzerin verfahren. So geht es minutenlang reihum, und solange herrscht bedächtige Stille in der Kirche. Das kurze Resümee auf Spanisch ist, dass man so, wie man selbst behandelt werden will, auch mit seinem nächsten umgehen soll. Dann will der Pater wissen, ob wir auf diesem Weg schon irgendwelche Erkenntnisse erlangt haben. Wir sitzen uns gegenüber wie in einer kleinen Familie, alles ist so ruhig und geduldig. Ein Brasilianer meldet sich schließlich zu Wort. Ihm ist eine Parallele aufgefallen zwischen Problemen und Blasen: sie kommen nicht über Nacht, sondern man macht schon lange vorher etwas falsch und missachtet erste Warnzeichen. Die übersetzende Belgierin erzählt, dass eine Freundin ihr eine schwere Seelenlast mit auf den Weg gegeben hat. Sie hat ihr nicht gesagt, um was es sich handelt, aber sie wird für sie nach Santiago gehen und die Last für sie dort ablegen. Das bewegt mich wieder sehr und erinnert mich an das Cruz de Ferro, wo auch so viele ihre Last ablegen. Eine Französin steuert noch eine Weisheit bei, wonach man die Stille braucht, um wirklich hören zu können. Die beiden Übersetzerinnen übersetzen nicht nur fehlerfrei, sie sind wohl auch gläubig und innerlich sehr gefestigt, jedenfalls genieße ich sowohl auf Spanisch als auch auf Englisch und Französisch jedes Wort.

Zum Abschluss bittet uns der Pater nach vorne rund um den Altar und möchte ein „abrazo de paz“. Alle stehen etwas unentschlossen herum, bis die ersten anfangen, ihrem Nächsten nicht nur die Hand zu geben, sondern ihn herzlich in den Arm zu nehmen. Und wir belassen es nicht nur beim Nächsten, irgendwann umarmt jeder jeden. Ich umarme den Pater, die Übersetzerinnen, die Hospitaleros, Bärbel, Franzosen, Dänen… die ganze Kirche liegt sich minutenlang in den Armen.

Heute bin ich so voller Glück und Dankbarkeit, dass ich jeden Pilger auf den ganzen 800 km Jakobsweg umarmen könnte.

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