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Posts Tagged ‘Zubiri’

Am Morgen lässt mich meine blöde Herbergenangst nicht ruhig schlafen. Hier in Zubiri scheinen nur sehr wenige übernachtet zu haben, der Hauptpulk der gut 100 Leute aus Roncesvalles scheint einen Ort weitergegangen zu sein. Vor meinem geistigen Auge zieht es sie leider auch alle nicht nach Pamplona in dieses sagenumwobene Opernhaus, sondern alle in das kleine Cizur Menor, wo ich gerne neben einer Burg des Malteserordens übernachten würde. Mit nicht einmal 30 Betten.

Zuerst einmal kann ich jedoch den schönen Weg durch die immer noch recht unberührte Natur genießen. An der pittoresquen Brücke von Trinidad de Arre mache ich eine lange Mittagspause, ebenso eine Gruppe junger Männer. Das Wetter ist perfekt, sonnig, nicht zu warm; ich bin sehr entspannt.

Pamplona zu erreichen ist ein lustiges Gefühl. Hier bin ich nun am helligten Tag als Pilgerin, beschützt mit meinem Pilgerstab und meinem Rucksack mit Muschel. Ich fühle mich gelassen, zufrieden und stolz. Dabei ist es erst 3 Tage her, dass ich hier ziemlich verängstigt um ein Bett gebettelt habe.

Und es ist ziemlich genau 2 Jahre her, dass ich hier meinen ersten Camino begonnen habe. Eine gewisse Ruhe überkommt mich, dass ich ab jetzt eine grobe Ahnung habe, was auf mich zukommt. Nachdem es am Abend keine Einkaufsmöglichkeit geben soll, kaufe ich noch schön ein.

Es geht mitten durch Pamplona, entlang einer Verkehrsstraße, und man muss ziemlich genau auf die Markierungen am Boden achten. In großem Abstand vor mir läuft deutlich am schiefen, großen Rucksack zu erkennen ebenfalls ein Pilger, oder besser gesagt, er humpelt ziemlich bemitleidenswert. Irgendwann taucht zur Linken ein großer Park auf, der meine Erinnerung weckt, dass der Weg hier die Straße verlässt. Der Pilger vor mir hat den Abzweig nicht mitbekommen, ist aber viel zu weit weg, als dass ich rufen könnte. Während ich noch stehe und überlege, dreht er sich um und scheint mich zu sehen. Ich verlasse demonstrativ die Straße und gehe zu dem Park hinüber, hoffentlich versteht er es.

Für meine Verhältnisse ist es recht spät, deutlich nach Mittag, ich werde Cizur Menor erst gegen 3 erreichen. Die Sonne brennt ungewohnt stark, ich schwitze vor mich hin, während ich langsam doch immer schneller und unruhiger laufe. Nach Pamplona taucht schon bald auf einem leichten Hügel mein heutiges Etappenziel auf, die rotweiße Malteserfahne weht im Wind.

Ich schleppe mich durch den Hof und zu der Herberge, vor dem schon zwei Leute stehen. Recht erschöpft japse ich, ob es noch ein Bett für mich hat. Der Mann guckt mich verständnislos an, führt mich dann aber in die Herberge. Ohne eine Miene zu verziehen fragt er, ob ich denke, dass da eins für mich dabei wäre. Ich bin die Erste.

Er erklärt mir liebevoll den Ort, dass es in der Küche auch die wichtigsten Grundnahrungsmittel fertig eingekauft schon hätte, falls ich etwas brauche. Aber ja, eine Laden hätte es trotzdem, und natürlich, am Abend hat es eine Messe. Ich dusche in einem riesigen Raum mit 2 Duschen und Fischchen-Duschvorhängen, ich kann mein ganzes Gerümpel auf 2 Stühlen ausbreiten, mich in Ruhe anziehen, und das Waschbecken mit Flüssigseife verfügt sogar über ein (noch) frischgewaschenes, kuschelweiches Handtuch. Ich hatte mich auf eine spartanische, bereits überfüllte Herberge eingestellt, und nun so ein Himmel auf Erden.

Einzig beim Wäschewaschen hinter dem Haus holt mich ein bisschen die Realität wieder ein. Aus dem Wasserhahn spritzt unkontrolliert ein riesiger Schwall kaltes Wasser, ich bin also gleich nochmal geduscht, und mein recht eiliges Waschen wird kommentiert von drei großen Schäferhunden, die wenige Meter entfernt angekettet sind, an ihren Ketten reißen und sich die Seele aus dem Leib bellen.

Mit sich wieder beruhigendem Puls krame ich meinen Reiseführer, mein Tagebuch und einen weiteren Satz Bändelwolle aus meinem Rucksack und setze mich an einen der Tische im Innenhof. Der Hospitalero bietet mir eine große Schüssel an für ein kühles Fußbad, das täte gut. Unter reichlicher Anteilnahme der drei Hunde und mit einem diesmal schon etwas routinierterem Spritzwasserausweichen sitze ich dann endlich komplett entspannt in der Sonne, meine Füße in fröhlichem Eiskalt.

Der nächste Pilger lässt nicht lange auf sich warten; zu meiner Erleichterung ist es der Hinkende, der seinen Weg demnach doch noch gefunden zu haben scheint. Er grüßt mich vorsichtig erkennend. Ebenfalls freue ich mich über die Dänin aus Zubiri, die mich zur Begrüßung kurz anstrahlt, bevor sie sich fast schuldbewusst mit wieder versteinertem Blick ans Einchecken macht. Nun kommen im Minutentakt Pilger in den Hof geströmt, und ich bin fast etwas erleichtert, dass sie von einer ähnlichen Unruhe und Sorge getrieben zu sein scheinen. Ich treffe eine kleine Deutsche mit einem doppelt so hohen und breiten dunkelhäutigen Bär von einem Mann wieder, denen ich die letzten Tage immer wieder begegnet bin.

Meine Fußbadewanne gebe ich an den Hinkenden weiter, der sich zu mir setzt und sich als in Spanien lebender Belgier herausstellt. Mit seiner Frau möchte er hier eine Ferienanlage etablieren, aber wie ich so zwischen den Zeilen lese, so ganz nach Plan läuft es noch nicht. Auch der Camino wohl nicht, er hat nach ein paar Tagen schon ziemliche Beinprobleme. Er ist ein Trumm von einem Mann, spricht aber sehr leise und unsicher.

Weniger Probleme hat da eine Holländerin, junge Mutter, die sich dazugesellt und unbekümmert das Gespräch schmeißt. Zu Hause wacht ihr Mann über den Säugling, und sie kichert belustigt, dass er sicher am Verzweifeln ist. Die Fußbadewanne wandert an die kleine Deutsche, ebenfalls nicht mit Schüchternheit geschlagen, dafür mit Beinproblemen, die sie aber recht ironisch und lapidar kommentiert.

Ich werde zunehmend stiller und beschränke mich fasziniert auf das Zuhören und Beobachten der doch sehr unterschiedlichen Charaktere. Die drei Herrn von der Mittagsrast treffen ein, und ich bin recht fasziniert. Sie sehen jung und attraktiv aus, reden laut und viel auf Englisch und lachen herzlich, gleichzeitig strahlen sie aber auch eine besondere Atmosphäre aus, eine Art Ruhe und Respekt, die sie mir auf Anhieb sympathisch macht.

Wie sich herausstellt, ist einer ein Tscheche, der die anderen beiden, zwei Freunde aus Süddeutschland, auf dem Weg getroffen hat. Seitdem laufen sie zusammen. Der Tscheche ist schon einmal gepilgert, er wirkt sehr bedächtig und nachdenklich, während der Deutsche einfach eine unbeschwerte, wenn auch ruhige Frohnatur zu sein scheint. Nummer 3 ist gerade abwesend, er wäscht immer als erstes die Wäsche für alle, wie mir grinsend erzählt wird.

Ich springe schnell in den Laden des Örtchens und koche mir mein erstes Pilgeressen auf diesem Camino, Pasta mit Gemüse. Zu mir gesellt sich eine Australierin. Sie wirkt ähnlich wie der Belgier ein bisschen bedrückt. Sie hat sich die letzten Tage einen Magen-Darm-Infekt eingefangen und stochert mit wenig Appetit in ihren Spaghetti aus dem Plastikbeutel. Sie kennt hier noch niemanden, erst recht nicht den Camino und Spanien, noch dazu die Sorge um eine moderate körperliche Verlässlichkeit.

Während wir uns unterhalten, kommt plötzlich der chilenische grauhaarige Engel hereingeschwebt und lässt sich wissend milde lächelnd auf einem Stuhl gegenüber nieder. Er dreht sich in unsere Richtung und guckt weiter milde lächelnd, statt etwas zu sagen oder sich um sich selber zu kümmern. Mich irritiert das, zumal ich mir ihn hier nicht erklären kann, hat er doch gestern so ein flammendes Plädoyer gegen die Herberge hier gehalten. Mir kommt der Gedanke, dass er schon immer den Plan hatte, hier zu übernachten, und nur möglichst wenig Konkurrenz um die Betten haben wollte.

Die Nummer 3 der jungen Herren kommt konzentriert einen nassen Wäscheberg balancierend in die Küche, um nochmal mit etwas warmem Wasser nachzuspülen. Mir rutscht forsch heraus, dass er also der mit dem Waschspleen ist. Dafür, dass er mich rein gar nicht kennt, reagiert er sehr souverän und freundlich.

Als er zufrieden samt Wäschehäufchen die Küche verlassen hat und auch die Australierin sich noch ein bisschen hinlegen gegangen ist, sitze ich allein mit der Pilgerreinkarnation. Etwas an ihm passt mir gar nicht, ich merke, wie ich spontan auf Abwehr schalte und mich am liebsten in Schweigen hülle. Bis ich meinen Teller leer habe, fragt er mich hartnäckig über meine Beweggründe aus. Ich erzähle von meinen Erfahrungen, was mich so gefesselt hat, und dass das unter anderem die Begegnung mit Gott war. Und dass es mich fasziniert, dass hier vieles so abläuft, als wäre es genau für mich gemacht. Ich erzähle ihm von der Begegnung mit José auf meinem letzten Camino, dass er wie ein Engel genau in dem Moment zu mir geschickt worden wäre, wo ich ihn gebraucht habe. Wie schon seit der letzten viertel Stunde lächelt mein Gegenüber entrückt und wissend und selig, als hätte ich gerade eine Schulaufgabe gut bewältigt. Ja, ja, es gäbe Engel, die würde man hier treffen. Und diesmal wäre dann ja ich selber als Engel unterwegs. Stopp. Als Engel sehe ich mich nun wirklich nicht. Doch, ob ich das denn nicht sehen würde. Er würde mich schon seit einer Weile beobachten, und ich würde den ganzen Tag integrieren und ermutigen und Zuversicht spenden. Er hätte es doch gerade hier gesehen, er zeigt auf den leeren Platz der Australierin und auf den Warmwasserwaschplatz. Zum Glück bin ich mit meinem Essen fertig. Ich wasche schnell ab und verabschiede mich mit einem resoluten „na ja, mal schauen, was der Camino so bringt“.

Ich bin ihm nie wieder begegnet.

Es ist Zeit für den Gottesdienst. Kaum bin ich auf der kleinen Anhöhe der Kirche, bietet sich mir so ein wunderschöner Blick auf die Burg und Herberge im Sonnenuntergang, dass ich schnell noch einmal zurückspringe und meinen Foto hole.

Die Messe ist schön und verbreitet die gewohnte Atmosphäre. Ich genieße das „Vater Unser“ auf Spanisch und mache mich beschwingt auf den Rückweg. In den letzten Sonnenstrahlen sitzen die meisten Pilger an den Tischen im Hof zusammen. Ich setze mich zu den drei Herrn, und wir unterhalten uns bestimmt eine Stunde in einer beeindruckenden Wohlfühlatmosphäre. Damit der Tscheche etwas versteht, mühen wir uns auf Englisch mit schwäbischem Akzent. Die beiden Deutschen mir gegenüber sind sehr sympathisch, sehr interessiert, haben immer ein beeindruckend ruhiges Strahlen im Gesicht und ein fast unmerkliches Lächeln auf den Lippen, wenn wir nicht gerade ohnehin herzlich über etwas lachen. Wir tauschen uns über den Camino aus, ich schwelge in Erinnerungen und erzähle von meinen Erfahrungen.

Als sie mich noch zu einer Flasche Wein einladen, lehne ich dankend ab. Der Tscheche hat die ganze Zeit kein Wort geredet, und ich habe das Gefühl, die traute Dreiergruppe gestört zu haben. Ich witzele, dass er meine Gesellschaft ja nicht so sehr zu schätzen scheint. Er guckt mich todernst und voller Abscheu an und sagt „ja genau, ich mag Dich nicht“. Ich weiß erst nicht so recht, was ich sagen soll, als er nachlegt, dass ich mir einbilden würde, alles über den Camino zu wissen, und das könnte er nicht leiden. Ich weiß immer noch nicht, was ich sagen soll, ich bin sprichwörtlich sprachlos, schaffe es aber noch zu einem reichlich geschockten „gute Nacht dann“.

In der Herberge sehe ich fast Sternchen, so geschockt bin ich. Der erste Schock wird abgelöst von unbändiger Wut, ich würde ihm am liebsten sonstwas zurücksagen. Leider stelle ich beim zu Bett gehen fest, dass meine Wäsche noch draußen hängt, ich also nochmal da raus muss. Das ist vielleicht auch ganz gut, denn so kann ich jetzt eh absolut nicht schlafen. Auf dem Rückweg vom Wäscheständer gehe ich folglich nochmal kurz bei ihnen vorbei. Ich bin schon wieder so weit, dass es mir gelingt, mich zu entschuldigen, dass es zumindest nicht meine Absicht war, ihn zu verärgern, und dass ich auch sicher nicht den Eindruck erwecken wollte, den Camino in allen Facetten zu kennen. Auch er entschuldigt sich diplomatisch, und wir verabschieden uns recht versöhnlich damit, dass wir uns ja einfach ein bisschen aus dem Weg gehen können.

Ich bin zumindest nicht mehr wütend und auch nicht mehr geschockt, aber insgesamt sehr, sehr verwirrt. Der eine sieht einen Engel in mir, für den anderen bin ich ein rotes Tuch. Dabei habe ich eigentlich einfach nur friedlich meinen Tag gelebt. Im Bett über mir feiert die kleine Deutsche die reinste Mitternachtsparty mit ihren Bettnachbarinnen. Sie stellen kichernd fest, dass die eine Freundin jetzt versehentlich das Bett des dunkelhäutigen Bären belegt hat, der noch aushäusig unterwegs ist, und dass die Herberge ja completo ist.

Mir ist für heute wirklich alles zu viel, ich verdrille meine Ohrstöpsel und bin heilfroh über die sich ausbreitende Geräuschlosigkeit. In meinen Ohren und in meinen Gedanken.

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Ich schlafe beeindruckend erschlagen von 20:30 bis 6:00. Aufgeweckt werde ich von dem Licht der großen Wagenräder. Ordentlich früher Rausschmiss, aber mir soll es recht sein. So brauche ich nicht mit mir zu ringen, ob ich wach liegenbleiben soll, um die anderen nicht zu stören, oder ob ich egoistisch gehe, wann es mir passt – wobei sich selbst bei größter Sorgfalt mindestens ein lautes Klappern selten vermeiden lässt.

So bin ich um 6:45 bereits wieder auf dem Camino. Vor mir laufen schon die blonden Grazien mit einem blauen Stirnlämpchen – und schon wieder munter am Plappern.

Mit zunehmender Helligkeit kann ich den Weg immer mehr genießen. Die wenigen Dörfer sind klein und friedlich, wir passieren viele Weiden, aus denen noch Morgennebel aufsteigt. Zwischendurch begleitet das sanfte Plätschern eines Baches den Weg.

Ich fühle mich erstaunlich leicht und beschwingt. Ob das vielleicht an meinem neuen Wanderstab liegt? Auch hier muss ich wieder an Harry Potter denken – der Stab sucht sich seinen Besitzer aus. Mein knorriger rotbrauner Stab genügt zwar keinen sportlichen Empfehlungen, entlasten tut er wohl auch nicht, aber wir harmonieren zweifellos wunderbar. Er hüpft und springt von Stein zu Stein, und ich mit ihm. Manchmal treffen wir auf andere Pilger, und ich bin überrascht, wie schnell wir an ihnen vorbeikommen.

Nach ein paar Stunden mache ich schon eine kleine operative Pause. Wie üblich hat sich um meine beiden kleinen Zehen eine satte Blase gebildet. Das kenne ich schon. Routiniert mache ich Blasenbehandlung à la Alfredo und klebe noch etwas Compeed hinterher. Ein paar Pilger, die mich überholen, bieten sofort ihre Hilfe an und gucken ganz betroffen. Rührend, aber nun wirklich kein Grund zur Sorge.

Irgendwann treffe ich auf einen kleinen Iren, mit dem ich ins Gespräch komme. Sein Akzent stellt eine gewisse Herausforderung dar, aber seine Geschichte ist spannend. Er hat erst vor einer Woche beschlossen, den Camino zu gehen – und er hat absolut keine Ahnung davon. Er läuft in Turnschuhen und mit einem lustigen Rucksack, überlegt sich jetzt erst, ob er am Tag so 35 km gehen soll, gewandert ist er vorher noch absolut nie, und dass das hier ein Pilgerweg ist, weiß er auch noch nicht. Ich erzähle ihm ein bisschen davon, und er ist sichtlich begeistert beim Gedanken, dass es sowas wie Pilgerwerte gibt und der Camino im ein oder anderen etwas bewirken kann. Er fragt überrascht, ob ich die Leute hier kenne, die ich anlächele und denen ich „einen guten Weg“ wünsche. Er ist ganz bestürzt, dass sich das so gehört und er das gar nicht wusste. Mit kindlicher Wissbegierde will er einen Crashkurs in Spanisch. Couragiert wünscht er sofort auch eifrig gute Wege und guten Appetit, auch wenn es mit seinem Irisch recht herzallerliebst klingt und er so manches durcheinanderbringt.

Schon bald haben wir Zubiri erreicht, wo ich für heute stoppen will. Für meinen Rückflug sollte ich in 2 Wochen in Burgos sein, leider beißt sich das mit meinen Wohlfühletappenlängen von über 30 km. Ich werde kürzere Etappen einlegen müssen, was mich jetzt schon ärgert und wieder in die verhasste Planerei stürzt.

Der Ire will weiter, am liebsten noch bis Pamplona heute. Ich gebe ihm zum Abschied ein Armbändel mit. Die beeindruckende Begegnung mit einem Spanier, der seinen Rucksack voller Armbändel hatte und sich an der Freude der Beschenkten freute, hat mich seither nicht mehr losgelassen. Diesmal habe ich nun einen Haufen Bändelwolle im Rucksack, für den Fall, dass ich wieder Lust zum Knüpfen bekommen sollte. Oder für den Fall, dass ich Leute treffe, denen ich gerne etwas schenken würde.

Ich warte gut eine Stunde, bis die Herberge öffnet. Von Andi habe ich noch lebhaft seine Erzählung von Zubiri in Erinnerung, bei ihm hat es damals geregnet und geschüttet und war matschig – und die Herberge war wohl ebenfalls traumatisierend feucht und schmutzig. Gewissermaßen im Andenken an ihn entscheide ich mich also gegen die Gemeindeherberge und gehe in etwas Privates, was von einer eher ruppigen Spanierin mürrisch aufgeschlossen wird. Ich dusche und wasche schnell, kaufe mir im Supermarkt etwas zu essen, mache eine zweite Blasenbehandlung und setze mich dann mit meinem ersten Satz Wolle draußen in die Sonne an den kleinen Fluss.

Meine Stimmung ist moderat, wie üblich, wenn ich früher stoppe, als ich eigentlich möchte. Alle paar Minuten laufen plaudernd fröhliche Pilger vorbei. Aber eben, ein fröhlicher Pilger definiert sich über seine Wanderschuhe, seinen Wanderstab, seinen schweren Rucksack, seine ehrliche Erschöpfung. Und sitzt nicht frisch geduscht und körperlich frisch in der Sonne.

Gegen Nachmittag füllt sich dann doch die Herberge, unter anderem mit vier jungen Deutschen in meinem Alter. Mein Bett gegenüber bezieht eine kleine ältere Dänin. Sie trägt einen beeindruckenden Rucksack mit sich, er ist winzig klein und wiegt auf Nachfrage weniger als 5 kg. In Plauderlaune ist sie aber nicht, sie wirkt sehr abweisend, sodass ich mich dann doch lieber wieder an den Fluss zurückziehe und weiterknüpfe.

Etwas später setzt sie sich dann doch noch zu mir. Mit sichtlicher Überwindung erzählt sie mir, dass bei ihr im letzten Jahr recht viel passiert wäre, unter anderem ist ihr Sohn gestorben. Sie kämpft versteinert und abweisend mit den Tränen und geht wieder. So traurig das auch ist, für mich ist der bisher sehr leere Tag plötzlich mit einem gewissen Inhalt gefüllt. Zum einen spüre ich eine große Zuversicht, dass der Camino ihr helfen wird. Und nachdem ich ihr die schon nicht in Worte fassen kann, knüpfe ich sie in das Bändel ein.

Einer der Deutschen setzt sich neugierig zu mir. Die vier sind nicht mal enge Freunde, sie kennen sich aus einer gemeinsamen Gemeinde und sind allesamt in irgendeiner Form religiös verwurzelt. Mein rothaariges Exemplar ist Student und das genaue Gegenteil der Dänin. Aus ihm sprudelt treuherzig alles nur so heraus, was ihm wichtig ist, was er hier sucht, wie er zu Gott steht. Seine offene Suche nach Gott und Sinn und Hilfsbereitschaft in seinem Tun sind mir auf Anhieb sympathisch.

Seine Kollegen sind ein wenig verschrobener und weniger direkt. So ganz schlau werde ich nicht aus ihnen und ihrem Humor und bin fast erleichtert, als sie zum Abendessen aufbrechen.

Auch ich widme mich meinem Abendessen, zusammen mit zwei Kanadierinnen, die auch -ähnlich wie der Ire- die spannende, neue Welt des Caminos entdecken. Ein charismatischer Pilger mit wallender grauer Mähne gesellt sich zu uns. Er stellt sich mit mildem, wissenden Lächeln als Pilger vor, und seine Aura umstrahlt den ganzen Tisch. Er kommt von überall und nirgends, offiziell aus Chile und der Schweiz, wobei ich mir letzteres schwer vorstellen kann. Und er weiß alles (und sagt das auch). Die armen Kanadierinnen schauen schon etwas erschlagen. Vor allem weiß er, dass man morgen in Pamplona einfach in die wunderbare Herberge in einem ehemaligen Opernhaus gehen muss, obwohl die Kanadierinnen eigentlich zögerlich ein Örtchen weiter wollen. Mit einem resoluten Haarschwung fegt er das zur Seite, da hätte es ja rein gar nichts, da könne man nicht hin. Ich hülle mich in Schweigen, mir ist diese selbsternannte Reinkarnation etwas suspekt.

Ich gehe früh zurück ins Zimmer, wo die Dänin bereits mit verschränkten Armen im Bett unter ihrem hauchdünnen Laken liegt (bei unter 5 kg ist natürlich kein Schlafsack dabei). Sie strahlt wieder massive Ablehnung aus, sodass ich minutenlang mit mir ringe, ob ich ihr wirklich mein Bändel geben soll. Vermutlich hat sie gerade mal ein spöttisches Lächeln übrig, bevor sie sich wegdreht und wieder gefriert. Ich riskiere es trotzdem.

Wider Erwarten ist sie total gerührt und hat beinahe Tränen in den Augen. Wir unterhalten uns direkt noch ein bisschen. Etwas reserviert, aber ich beginne mich an ihre Art zu gewöhnen. Sie kommentiert einfach alles, von ihrem Nierenversagen vor ein paar Jahren bis hin zu der Tatsache, dass sie zäh ist, mit einem spöttischen und provokanten Lächeln.

Ich schlafe recht schnell und friedlich ein; ich habe zwei Bändel verteilt, und der Spanier hatte recht, es erfüllt das Herz mit einer gewissen Freude.

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