Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘Torremegía’

Während ich die ersten Tage auf bis zu 13 Stunden Schlaf pro Tag gekommen bin, liege ich in letzter Zeit meist ziemlich viel wach. Diese Nacht ist in dieser Hinsicht noch Rekord. Die beiden Schwaben neben mir scheinen ähnlich schlecht zu schlafen, und so wechseln wir uns mit raschelndem Umdrehen recht lückenlos ab. Ein deutscher Pilger, der spät am Abend noch eingetroffen ist, hat gestern schon durch laufende Selbstgespräche, Schnaufen und Stöhnen brilliert. Bei Nacht macht er das durch schwer in Worte zu fassendes Schnarchen mindestens ebenso wett.

Außerdem bin ich ziemlich rastlos wegen meiner heutigen Etappe. Die Verabredung um 12 mit Steffen war eine Schnapsidee, es bedeutet Stress und frühes Aufstehen. So bin ich dann ganz dankbar, als die Schwedin gegen 7 raschelnd packt und mich dadurch aufweckt. Ich packe alles unkoordiniert in den Rucksack und verlagere mich in den Speisesaal. Zu meiner Überraschung ist Liekes Bett wie am Vorabend leer. Ein derartiger Frühaufsteher ist sie nicht, und auch ihre Sachen scheinen noch da zu sein. Ich mache mir leichte Sorgen.

Nachdem ich alles ordentlich verstaut habe, gehe ich noch zum Wasserauffüllen in das Bad im Erdgeschoss – und laufe fast in Lieke hinein. Sie erzählt, sie hätte sich am Abend noch in das Sofazimmer gesetzt und die Sonnenstrahlen genossen. Dabei wäre sie eingenickt und hätte dann, als sie mitten in der Nacht wieder aufgewacht ist, keine Lust mehr gehabt, mit großem Lärm ihr Bett im Schlafsaal zu beziehen. So hat sie einfach eine Sofaschicht eingelegt.

Wie so oft regnet es auch heute, als ich mich auf die 15 km nach Mérida begebe. Es ist ein komisches Gefühl, diese Strecke zu laufen, die gestern meine zwei Mitpilger schon begangen haben. Sie vielleicht als letztes gestern, ich als erste heute. Schon wieder komme ich nicht umhin, mich irgendwie schwermütig zu fühlen.

Der Weg ist heute irgendwie nicht so klar wie sonst, oft geht es in der Nähe der Straße entlang und ich bin immer etwas unsicher, ob ich nicht einen Abzweig verpasst habe. Während ich mich durch Feldwege (mit monströsen Lehmbehängen an den Stiefeln) schlage, überholt mich auf der Nationalstraße ein pilgerndes Vierergrüppchen. Sie gehen zielsicher und ohne zu zögern auf der Straße weiter; ich bin ein bisschen irritiert, ob sie nun einfach schon so schnell die Pfeile sehen oder ob sie einfach rigoros nur Straße laufen wollen. So zögere ich dann doch wieder alle paar 100m und versuche aus meinem Führer schlau zu werden. Keine gute Idee für jemanden, der sonst nur nach den Pfeilen läuft.

Heute regnet es zum ersten Mal richtig stark. Die Tage vorher habe ich zwar auch fast immer mein Regencape und meine Rucksackhülle herausgekramt, aber eher, um nicht von dem leichten Nieseln auf Dauer doch durchfeuchtet zu werden. Heute ist „durchfeuchten“ fehl am Platz, es regnet einfach so richtig.

Wir laufen parallel zur Nationalstraße, als ein bekanntes Campmobil abzweigt und auf der Via wartet. Schon von weitem wedelt Marie enthusiastisch mit einem weißen Handtuch und guckt mich erwartungsvoll an. Ich hätte mein Handtuch in der Herberge vergessen. Ich muss sie enttäuschen, meins ist das nicht, dafür erkenne ich es ziemlich treffsicher als eines aus der Herberge in den Olivenfeldern wieder. Marie ist sichtlich enttäuscht, jetzt statt als rettender Handtuchengel quasi mit Diebesgut in der Gegend herumzufahren.

Ich bin erleichtert, als es endlich in die im Führer angekündigten Feldwege geht und ich nicht mehr so viel an Seitenstreifen links und Abzweigung hinter Hügelkuppe rechts und ähnliche Scherze denken muss. Mit Erleichterung passiere ich den erwähnten Steinbrunnen und weiß mich auf dem richtigen Weg. Die vier Pilger vor mir dagegen bleiben zögernd stehen und drehen dann wieder um. Sie wollen sicherheitshalber die Fahrstraße laufen, ihnen ist es eh zu schlammig. Komisches Völkchen.

Der Weg ist schön, vor allem hat es wieder die von mir so geliebten Blumen in Hülle und Fülle. Leider immer hinter einem satten Regenvorhang.

Als Mérida in Sicht kommt, erwischt mich noch einmal so richtig ein Wolkenbruch. Die fotogene Römerbrücke (über lehmfarbenem Wasser auf Höchststand) renne ich schon fast entlang und suche recht gestresst die Herberge, die hier irgendwo am Ufer liegen soll. Es ist schon nach 11, und laut meinem Führer muss man an irgendeinem Kiosk den Schlüssel dafür holen, nur sehe ich weit und breit keinen Kiosk. Meine Stimmung ist mal wieder höchst moderat. Zum einen nervt mich dieser blöde Führer, in den ich zwar stundenlang reinschaue und wegen dem ich nach irgendwelchen Biegungen und charakteristischen Gebäuden Ausschau halte, aber auch nicht vorwärts komme. Zum anderen bin ich wütend auf mich selber, mit Steffen diesen Termin abgemacht zu haben. Ein Camino mit Zeitdruck und Verpflichtungen, das ist für mich ein Widerspruch in sich. Zumal bei diesem Wetter.

Zwei Pilger vor mir laufen zielstrebig auf ein Gebäude am Ufer zu, was sich auch ganz ohne Kiosk als die Herberge entpuppt. Ein Hospitalero mit sehr schriller Stimme macht mich mehrmals darauf aufmerksam, dass die Herberge von 13 bis 16.00 schließt, weil er schließlich auch mal Pause braucht. Der Schlafsaal selber ist dunkel und trostlos, die Betten zum ersten Mal so richtig schmutzig und zerlegen. Mir wird bewusst, dass ich das auf dem Camino Frances ganz selbstverständlich hingenommen hätte. Nach den kommerziellen Luxusherbergen der vergangenen Tagen bin ich wohl pilgerisch schon ziemlich verweichlicht.

Durch die geöffneten Fenster hat es ziemlich reingeregnet, die Hälfte des Schlafsaals ist Pfütze. Im hintersten Bett kräht ein älterer Engländer nach einem spanischsprachigen Dolmetscher; offensichtlich hat er heftige Magen-Darm-Probleme und den Hospitalero wegen einer Apotheke gefragt. Dieser hätte etwas von einem Arzt geredet, aber nun wären schon ein paar Stunden vergangen und er weiß nicht, ob das noch etwas wird oder nicht. Ein hilfbereiter Holländer dolmetscht. Der Hospitalero mit der schrillen Stimme ist bei näherer Betrachtung etwas zurückgeblieben und antwortet auf jede Frage und Erklärung nur, dass die Herberge über Mittag schließt, weil er ja schließlich auch mal was essen muss. Der verzweifelte Engländer sucht ein wenig Trost und Ansprache bei mir, aber ich bin etwas im Stress und habe ehrlichgesagt auch Panik davor, mich mit seinem Virus anzustecken.

Ich dusche schnell meinen recht ausgekühlten Körper warm, um dann vor der Wahl zu stehen, meine trockenen Sachen anzuziehen, um diese auch noch patschnass zu machen, oder mich wieder in meine einladend nasskalte Pilgermontur zu werfen. Ich entscheide mich für ein Zwischending. Obenrum kalt, aber meine trockene Nachmittagshose, die ich mit meiner Regenhose zu schützen gedenke. Dafür untenrum meine patschnassen Socken, nachdem die Wanderstiefel ja auch patschnass sind. Ich bin ein einziger Wutanfall. Diese dunkle, feuchte, dreckige Herberge, aus der man nun auch noch über Mittag raus muss, und dann der strömende Regen draußen, in den ich mich jetzt wegen dieser schwachsinnigen Verabredung begeben muss. Ich bin auch schon zu spät dran, noch 10 Minuten bis 12, ich muss auch noch rennen.

Während ich hektisch panisch die Straße zur Römerbrücke zurücklaufe und von dort die Plaza suche, hört es auf zu regnen – und als die Glocken zwölf zu schlagen beginnen und ich auf der Plaza nach Steffen Ausschau halte, kommt mit einem Mal strahlend die Sonne heraus.

Meine Laune ist mit einem Mal auch wieder strahlend, als ich mit dem letzten Glockenschlag stolz einen Sprung vor Steffen mache und ihn aus der vertieften Studie seines Reiseführers schrecke. Wir setzen uns erstmal zu einem Kaffee hin (meinen ersten hier auf der Via. Normalerweise lebe ich ja Bar-autark, aber besondere Umstände verlangen wohl besondere Ausnahmen). Allem Wetter- und Terminfrust zum Trotz freue ich mich mit einem Mal sehr, Steffen wiederzusehen und zu hören, wie es ihnen gestern noch ergangen ist. Die letzten drei Stunden wären nicht so das Problem gewesen, aber bis sie ein Hostal in Sevilla gefunden hätten, das hätte sich ewig hingezogen. Sie wären nochmal gefühlt eine Stunde herumgerannt, und am Abend wäre er dann so erledigt gewesen, dass er sich zum Duschen in die Wanne gesetzt hätte. Er outet sich auch heute noch als total platt und müde und dass ich da jetzt nicht den ganzen Nachmittag Sightseeing von ihm erwarten könne. Ich bin sehr erleichtert, hatte ich doch eben das befürchtet und mir schon Sorgen wegen meiner Selbstbestimmtheit und meinem Freiheitsdrang gemacht.

Wie ein fehlendes Puzzleteil taucht die neongelbe Rucksackhülle von Lieke auf. Steffen brüllt quer über den Platz, bis sie uns bemerkt. Sie hat eine ähnliche Hostal-aversion wie ich und will folglich auch in die öffentliche Herberge, sodass sie sich gleich auf den Weg dorthin macht, um noch vor der ominösen Essenspause einzuchecken.

Etwas ziellos wandere ich mich Steffen durch die Haupteinkaufsmeile von Mérida, die sich wie eine andere Welt anfühlt. Steffen erzählt, dass hier Marc gestern bei der Hostalsuche noch eine halbe Krise gekriegt hätte, weil sie so abgerissen ausgesehen hätten. Das kann ich mir bildlich vorstellen. Mérida ist wie ein Kulturschock, nachdem wir die letzten 10 Tage (vielleicht von Zafra abgesehen) nur lauter kleine Dörfer passiert haben. Das hier ist eine richtige Einkaufsstraße, lauter bekannte Modemarken zur Linken und zur Rechten, und dazu noch ein Gewusele und Gesumme sondergleichen. Und natürlich, außer uns ist niemand abgerissen und dreckig und müde und humpelnd.

Am Ende der Straße erwartet uns ein Park. Ein Blick auf Steffens schlaue Karte zeigt, dass hier das bekannte Teatro romano sein muss, ein beeindruckendes Relikt aus Römerzeiten und auch wieder mit ein Ort, den ich vor der Via unbedingt sehen wollte. So entscheiden wir uns todesmutig und spontan für ein all inclusive Ticket und somit einen Kulturtag.

Leider wimmelt es hier etwas unromantisch nur so von Schulklassen, es ist eine absolut pilgeruntypische Touristenatmosphäre. Aber einmal pro Camino kann ich das vielleicht auch verschmerzen.

Das Teatro ist beeindruckend schön, noch dazu der strahlend blaue Himmel wie aus dem Nichts. Ich bin so richtig glücklich.

Leider müssen wir auch schon recht fix wieder das Gelände verlassen, weil auch hier wohl ausgiebig spanische Mittagspause gemacht wird. Steffen möchte ein Mittagsschläfchen machen und vorher noch etwas essen gehen. Wir verabreden uns auf 16.00 an der Römerbrücke für weiteres Sightseeing und Fotoshooting.

Mich zieht es bei dem tollen Wetter zu meinem persönlichen Highlight hier, dem Acueducto de los Milagros, dem Wunderaquädukt. Davon möchte ich unbedingt noch ein schönes Foto mitnehmen und mich nicht darauf verlassen, ob morgen beim Verlassen von Mérida schon geeignete Lichtverhältnisse herrschen. Trotz oder vielleicht gerade wegen Steffens Stadtplan tappe ich recht planlos von Straßenecke zu Straßenecke, mit ähnlich großen, staunenden Augen wie in Sevilla. Irgendwann jaulen die Sirenen einer Horde Polizeiautos durch die Straßen, und alles sammelt sich gerade dort, wo ich entlangwandele. Die neugierigen Menschenmenge beobachtet aus sicherer Entfernung, während ich recht unbedarft wahrscheinlich gerade mitten durch den Fluchtweg eines bewaffneten Raubüberfalls promeniere. Mit großen Augen entdecke ich unbeschadet einen riesigen El Arbol Supermarkt, der sogar noch durchgehend geöffnet hat. Und das Innere ist das Paradies auf Erden. Es hat eine ganze Wand voller spannender Brotsorten, und das nach 10 Tagen mit höchst trockenem Weißbrot. Ich schaue bestimmt eine halbe Stunde wie ein hypnotisiertes Kaninchen die Auslagen an und muss mich ziemlich zusammenreißen, nur eine Cola und zwei Empanadas für den akuten Hunger zu kaufen. Alles andere müsste ich ja den Rest des Tages mit mir herumschleppen. Nachdem der Supermarkt bis 21.00 geöffnet hat, tröste ich mich mit einem ausgiebigen zweiten Besuch als Abendprogramm.

Die Sonne brennt mittlerweile wirklich ziemlich heftig, meine Sonnenbrille und Co. liegen natürlich glücklich am anderen Ende von Mérida in einer mittagspäuslich geschlossenen Herberge. Endlich finde ich das Aquädukt, lustigerweise ziemlich direkt mitten in die Stadt integriert. Es ist umgeben von einer gepflegten grünen Parkanlage, die aber um die Zeit wundersamerweise menschenleer ist. Ich schnappe mit ein Bänkchen mit Spitzenblick auf die Arkaden und die darauf nistenden Störche, lege meine nassen Socken zum Trocknen aus und genieße hingebungsvoll mein Premiumlunch.

Irgendwann siegt das schlechte Gewissen wegen der prallen Mittagssonne, und ich transferiere mich an eine andere Stelle unter einen schattenspendenden Baum. Dort kann ich meine Schuhe im letzten Moment vor einem apportierwütigen kleinen Terrier retten. Christian kommt entspannt entlanggetrabt, wir haben heute beide eine wunderbar entspannte Laune. Er will aber noch ein wenig weiter und macht sich nach einem kleinen Plausch wieder auf den Weg.

Fast schon etwas wehmütig verlasse ich gegen halb 4 meinen halbschattigen Platz mit privater Superaussicht und bin schon fast wieder etwas terminfrustriert, als ich wieder durch die Straßen renne. Eigentlich hätte ich gern meine Sonnenbrille im Austausch gegen die Regenhose, aber die Herberge öffnet ja erst zeitgleich mit meinem Treffen mit Steffen.

Mit unserem Kombiticket besuchen wir ein vermutlich auch kulturell sehr bedeutendes Etwas rechts von der Römerbrücke, die Alcazaba. Beeindruckend ist der Blick von dort auf die Brücke sowie eine Hinweistafel auf eine unterirdische Wasserversorgung. Es geht in ein eher unscheinbares Häuschen und von dort viele dunkle Treppen hinab zu einem Wasserreservoir à la kleiner Swimmingpool. Durch einen winzigen Fensterspalt beleuchtet schimmert das Wasser mysteriös leuchtend hellblau klar, durchzogen von einigen kontrastfarben leuchtenden Goldfischen. Ein ganz beeindruckender, fast schon atemberaubend schöner Ort, den wir so ganz unerwartet gefunden haben.

Zum Glück gibt es auf dem Gelände auch einen Brunnen, an dem ich mein Wasser auffüllen kann. Die Hitze hier ist mir ja doch etwas suspekt. Bei Gärten voller antiker Amphoren und Säulenfragmenten plaudern wir über heimische Gärten und Hobbies und Zukunftspläne. Mit dröhnendem Lachen kommt Lieke auf uns zu und zeigt stolz eine Serie künstlerisch durchaus wertvoller Fotos, die sie gerade heimlich von uns gemacht hat. Es ist schön, sie (ohne jegliche Absprache) immer wieder wie durch Zauberhand zu treffen. Ich zeige ihr begeistert den magischen Goldfischteich; beim wieder nach draußen zum wartenden Steffen Laufen stolpert sie fast über die letzte Stufe, was sie zu „oh Steffen, you see, I fall for you!“ verleitet. Die Dame hat einen einmaligen Humor.

Steffen zeigt mir noch ein wenig die Sehenswürdigkeiten der Stadt, wie zum Beispiel den Diana-Tempel. Auch der liegt aber wieder so inmitten der Stadt, eingebettet in Baustellen und umgeben von Baukränen, dass mich nicht wirklich die Fotolust packt. Ihn zieht es noch in ein Museum, wonach mir aber nicht mehr ist. Wir verabschieden uns also erstmal für heute, und ich mache mich auf den Rückweg durch die Einkaufsmeile, die jetzt dank Siesta noch ziemlich ausgestorben ist. Ich kaufe ein Paar Ohrringe als Andenken, außerdem möchte ich endlich Postkarten kaufen. Die geöffneten Geschäfte haben nur wirklich gruselige Motive; in einem Geschäft sehe ich durch die Scheibe noch eine andere Auswahl und lungere gut eine Stunde davor herum, bis es endlich aufmacht. Und nochmal gut eine halbe Stunde, bis ich die perfekte Karte für jeden ausgesucht habe. Der Verkäufer hat sicher das Gefühl, dass ich zu viel Sonne abbekommen habe.

Auf dem Rückweg gönne ich mir noch wie versprochen den wunderbaren Supermarkt und einen wahren Großeinkauf. Ganz spanisch untypisch entscheide ich mich für ein tolles Vollkornbrot mit dem klangvollen Namen „Kornspitz“, ein Glas mit eingelegten gegrillten Paprika, eine Dose Muscheln, Pizzataschen und „artisan“ gebackene Bizcochos. Mit voller, schwerer Tüte mache ich mich auf dem Heimweg noch auf die Suche nach einem Telefon, um meinem Bruder zum Geburtstag zu gratulieren. Nachdem ich meinen Euro eingeworfen habe, vertippe ich mich, finde aber keine Taste zum Korrigieren. Nachdem mir in Spanien beim Einhängen schon einmal einfach das Geld einbehalten wurde, suche ich lieber weiter nach einer Taste und frage sogar eine hilfsbereite Spanierin, die dann ähnlich verzweifelt und erfolglos mit mir herumtippt und -probiert. Sie hält noch den halben Gehweg in Atem, bis jemand meint, ich könnte einfach einhängen. Und wirklich kommt mein Euro für einen weiteren Versuch heraus. Mindestens 5 Leute sind begeistert, eine Arbeit im Team erfolgreich gemeistert zu haben. Und ich bin nach dem Telefonat doppelt froh, denn mein Bruder meint, dass der Luftraum langsam wieder frei wäre und er nicht denkt, dass meinem Rückflug etwas im Wege stehen könnte. Erleichternd, nachdem ich diese Problematik heute bei Steffen angesprochen habe, der erheitert gelacht hat und gemeint hat, warum ich mir da Sorgen machen würde. Wenn nichts fliegen würde, wären die Züge sicher auch schon restlos ausgebucht und ich hätte ohnehin keine Chance, wegzukommen. Steffens desillusionierender Realismus vom Feinsten.

In der Abendsonne komme ich in der Herberge an. Dort packt gerade Sean seinen Rucksack aus. Er ist wirklich ein gewisses Phänomen. Vor ein paar Tagen hat er im Parador genächtigt, heute nun hat er sich wieder die öffentliche Schmuddelherberge ausgesucht. Er berichtet mir, dass Patrick heute da gewesen wäre, und er hätte mir eine Nachricht hinterlassen, wo auch immer. Vor ein paar Tagen hat mir Lieke bereits Grüße von ihm ausgerichtet, er hat unser Tempo nicht mithalten können und beschlossen, nun eher per Bus die noch ausstehenden Sehenswürdigkeiten abzuklappern und dann noch einen Abstecher nach Granada zu machen.

Ich will gerade in meine Croc-Imitate steigen, als ich in meinem rechten Schuh Patricks Nachricht finde. Wie schön.

Ich dusche noch schnell, bevor ich mich mit Tagebuch und meinem reichhaltigen Essensbeutel bewaffnet auf in den Park mache, wo ich inmitten von relaxten Joggern und Familien mit Kindern ein wunderbar schmeckendes Abendessen einnehme. Die Abendsonne scheint warm, ein luftiger Wind trocknet meine noch duschnassen Haare im Nu, einzig mein Anblick ist vielleicht keine so große Wonne. Mangels Besteck fische ich die Paprikas mit den Fingern aus dem Glas, was dem Geschmack und meinem absoluten Wohlgefühl allerdings keinerlei Abbruch tut.

Nach Sonnenuntergang setze ich mich in der Herberge an den einzigen Tisch und schiebe mir einen Bankersatz dazu, um endlich meine Postkarten zu schreiben. Die beiden Schwaben der beiden letzten Tage sind auch hier, der Fußlahme fliegt nun morgen definitiv heim. Vielleicht liegt es an meiner wunderbaren Laune heute, irgendwie verstehen wir uns heute deutlich besser, und es ist noch richtig nett mit ihnen und mit Lieke, die noch dazukommt. Sie lachen sich ungläubig kaputt über meinen riesigen Rucksack, der eigentlich so leicht wäre, wenn ich nicht immer einige Kilo Esswaren mit mir herumschleppen würde. Sie helfen mir gleich ein wenig aus der Misere, indem wir ein paar abendliche Bizcochos vortesten.

Lieke sieht zum unzähligsten Male unseren letzten Abend gekommen, sie schenkt mir einen Stein als Glücksbringer und gibt mir gute Worte mit auf den Weg. Ich fühle mich etwas unbeholfen, weil ich nichts im Gegenzug habe oder erwidern kann. Steffen hat sich da schon besser aus der Affäre gezogen. Analog zu Liekes gestriger Frage, frage heute ich sie „so you met Steffen?!“, denn sie hat auch eine selbstgeschnitzte Minimuschel um den Hals hängen.

Wir plaudern und schreiben bis kurz vor 10, eine für mich recht ungewohnte Zeit. Ich bin erschlagen von den Eindrücken, aber auch von dem vielen Laufen kreuz und quer und hin und her durch die Stadt. Von dem Wolkenbruch und der Hitze. Von meiner miesen Laune und gleichzeitig meinen himmelhoch jauchzenden Momenten. Welch ein Tag.

Werbeanzeigen

Read Full Post »

Ich schlafe überhaupt nicht gut. Zum einen höre ich die Autobahn, als würde ich direkt auf dem Standstreifen zelten. Die ist zwar in der Nähe, aber den ganzen Nachmittag haben wie nie etwas davon gehört. Zum anderen ist es tierisch kalt (und mein Schlafsack liegt natürlich im Rucksack). Mir zieht es um den Kopf und die Schultern, als ob die Balkontür neben meinem Bett offen wäre. Ich taste im Dunklen danach, aber sie scheint zu zu sein.

Irgendwann steht Marc wieder im Stockdunklen auf. Steffen wird auch davon wach und schaut auf die Uhr. Es ist 5 Uhr, und im Moment entlockt mir das nur ein „Oh mann, dieser Irre“. Wir schlafen auch nicht mehr so richtig. Steffen ist wie üblich morgens ziemlich zerknittert und regt sich über die Mücke und die fürchterlich stickige Luft auf. Ich erzähle von der Kälte, und er meint „klar“, er hätte ja auch die Balkontür aufgemacht. Ich weiß nicht, wonach ich da heute Nacht getastet hab, aber stimmt, sie ist sperrangelweit offen. Nun bin auch ich etwas missgestimmt. Da sterbe ich den halben Erfrierungstod, weil die Herren nur an ihre frische Luft am anderen Ende des Raumes denken, während ich so richtig nett im Durchzug liege.

Marc raucht draußen in der Finsternis, hat sehr eindeutig schlechte Laune und will seine Ruhe. Ich gehe mit Steffen frühstücken, und unser verkatertes Bild wird komplettiert von dem Herbergsvater, der natürlich zu dieser frühen Morgenstunde auch noch nicht das blühende Leben ist.

Das Frühstück komplettiert allerdings auch unseren exzellenten Eindruck von dieser Herberge. Der Kaffee kommt aus einer sehr edlen Espressomaschine, es gibt faszinierend zuckrig-zimtige Kringel und frisch geröstetes Brot. Ich haue ordentlich rein, schließlich bin ich ja ohne Proviant, und nachdem die Herren heute so früh loswollen, werde ich auch Villafrance zu einer Zeit hinter mir lassen, zu der die Läden noch nicht geöffnet haben. Ich habe mittlerweile meine Supermarktsehnsucht komplett überwunden und habe das Gefühl, eigentlich die nächsten Tage gar nichts mehr an Vorräten zu brauchen.

Marc setzt sich zu uns. Er isst nichts, trinkt nur zwei starke Kaffee. Er bräuchte tagsüber nie was, und er hat heute wirklich so schlechte Laune, dass ich mich nicht zu widersprechen oder wie üblich zu scherzen traue.

In der Dunkelheit laufen wir durch die Olivenhaine und an der Straße entlang nach Villafranca. Marc möchte in eine Bar, nochmal 3 Kaffee trinken. Ich gehe schon mal weiter. Irgendwie fühle ich mich heute ziemlich niedergeschlagen und leer. Mit Steffen habe ich beim Frühstück kurz über mein Leben jenseits des Caminos gesprochen und dass ich nicht immer eine kichernde und quasselnde Hupfdohle bin. Nun fühlt er sich beflissen, mir gutgemeinte Ratschläge zu geben. Dafür bin ich im Moment aber noch weniger offen als sonst schon; ich möchte hier meinen Camino genießen, meine Unbeschwertheit, ich möchte noch ein bisschen von dem Gefühl aufsaugen,  glücklich und strahlend und voller Energie zu sein. Und Marc schüttelt nur immer resigniert den Kopf und meint, heute keine gute Stimmung zu haben. Seine Augen strahlen auch nicht mehr.

Wider Erwarten hat gegen 8 schon ein kleiner Laden offen, in dem ich dann doch ein bisschen einkaufe, allerdings ohne den üblichen Enthusiasmus.

Recht bald holt mich Steffen ein, der nicht so lange in der Bar geblieben und schon mal ohne Marc losgelaufen ist. Er möchte heute auch bis Mérida gehen. Ich bleibe bei Torremegía, habe aber ein intuitives Gefühl, Steffen trotzdem wiederzusehen. Er läuft schon mal flott voraus, während ich eher trödele und auf Marc warte. Ich nutze die Gelegenheit, ein kleines Steinbild auf den Weg zu legen.

Selbst das zu dritt laufen ist heute irgendwie anstrengend. Heute haben wir wohl alle den ganzen Tag unsere „5 Minuten“. Laufe ich mit Marc, fragt Steffen, ob es uns stört, wenn er sich anschließt. Laufe ich mit Steffen, legen wir zur angeregten Unterhaltung automatisch unseren Schnellschritt ein, der nicht ganz Marcs Tempo ist – vor allem zickt der dann wieder, dass diese hochgeistigen Gespräche ja einfach nichts für einfache Leute wie ihn sind. Warte ich wieder auf Marc, hat Steffen den Eindruck, da gerade einer zu viel zu sein. Und ich dachte immer, Männer wären pflegeleicht.

Die Sonne scheint heute ziemlich ordentlich, während wir durch Weinberge und eher flaches Gelände laufen. An einigen Stellen ist der Boden von den Regenfällen der vergangenen Tage noch total matschig. Phasenweise haben wir ungefähr 5 cm roten Lehm rund um die Stiefel hängen.

Gegen Mittag haben wir den vor uns laufenden Steffen fast wieder eingeholt. Wir würden gern Pause machen, aber Steffen dreht sich nie um, sodass wir es ihm nicht signalisieren können. Marc könnte vermutlich rufen, hat aber keine Lust, durch die Gegend zu brüllen. Genervt versuche ich, Steffen allein einzuholen, aber nachdem er auch recht schnell ist, wird der Abstand kaum kürzer. Ich versuche es sicher eine Viertelstunde, habe dann aber auch keine Lust mehr. Am Wegrand blühen lauter schöne Blumen, mit der Sonne wären es super Fotomotive, und ich renne hier wie eine Irre nur geradeaus, weil der eine Herr zu fein zum Rufen ist und der andere Herr gerade schmollend drauflosläuft und sich nicht umdreht.

Mit schlechtem Gewissen mache ich also nur mit Marc Pause. Vor meinem inneren Auge nimmt Steffen das wahrscheinlich erst recht persönlich. Es ist beeindruckend, wir verändert Marc ohne seine Strahleaugen ist bzw. wie verändert unsere Beziehung. Wir gehen uns absolut nur auf den Geist. Ich komme nicht umhin, den ein oder anderen Kommentar dazu zu verlieren, den ganzen Tag nichts zu sich zu nehmen außer 5 Kaffee. Oder bei brennender Sonne in einer schwarzen Fleecejacke rumzulaufen, wenn einem der Schweiß schon über das rote Gesicht läuft. Kaum hat er die dann endlich doch noch ausgezogen, bringt ihn meine unschuldige Frage, ob er jetzt wohl auch keine Sonnenmilch drauftut, komplett auf die Palme. Wir haben ein bisschen eine andere Einstellung zum pfleglichen Umgang mit unserem Körper. Er schimpft auch wütend auf Pilger, die mit kleinen Wehwehchen schon aufgeben, und er würde sicher nicht nur wegen einer entzündeten Achillessehne aufhören. Ich bin auch kein Freund von leichtfertigem Aufhören, vor Achillessehnen habe ich aber Respekt. Ich versuche zaghaft Verständnis dafür zu werben, dass wenn die wirklich gerötet und geschwollen ist, ja auch reißen könnte. Na und? Dann soll sie halt reißen. Das würde er gerne in Kauf nehmen. Lieber, als wie ein Weichei vorher aufhören. Es überrascht mich, wie leistungsbezogen er den Camino sieht – und wie er seinen eigenen Wert an (ohnehin fragwürdiger) Leistung festmacht. Eigentlich spricht aus ihm ein erfahrener Pilger, und dazu gehört für mich fast automatisch die Fähigkeit, auf seinen Körper zu hören, seinen Körper zu schätzen und zu pflegen. Und eigentlich auch, seinen Wert nicht an solchen Kleinigkeiten festzulegen. Wo bleibt die Toleranz unter Pilgern, wenn man irgendjemanden als Weichei oder Versager tituliert, nur weil er sein Ziel nicht um jeden Preis erreichen muss? Für mich ist es ein Zeichen von Stärke und Größe und auch davon, auf dem Camino etwas gelernt zu haben, wenn man in der Lage ist, einen Camino aus Vernunftsgründen abzubrechen. Oder bisherige Ziele unter anderen Gesichtspunkten neu zu überdenken.

Ohne die Strahleaugen hat Marc vor allem ziemlich entschiedene, harte Meinungen, die für mich zu unsensibel sind – und vielleicht wirklich nicht besonders intelligent.

Die letzte Stunde laufen wir fast schweigend. An einer Weggabelung sitzt von weitem sichtbar eine gebeugte Gestalt. Zuerst überlege ich, ob es eine Vogelscheuche ist, so wirklich schlaff wie sie dasitzt. Bei genauerer Betrachtung handelt es sich um Lieke, die trotz ihrer Vorankündigungen von kleinen Etappen hier mal wieder voll mithält. Momentan ist sie sichtlich erschöpft, wohl auch von der Hitze. Trotzdem strahlt sie und witzelt „so, you met Steffen?“, weil er an ihr vorbei ist und auch ein Armbändel hatte. Wir laufen weiter, und ich denke noch eine Weile beeindruckt über Lieke nach. Sie hat eine bemerkenswerte Ausstrahlung. Ein Stück weit ist sie wohl eine Kämpfernatur mit der unausgesprochenen Botschaft „bietet mir keine Hilfe an, ich kriege das schon allein hin“.

Torremegía ist schon in Sicht, als sich unser Weg in roten Lehmmorast wandelt – und von einem etwa 5 Meter breiten Wasserlauf durchquert wird. Marc bekommt fluchend den reinsten Tobsuchtsanfall, während ich das Ganze eher gelassen und belustigt sehe. Durchkommen ist da wirklich nicht, denn der ganze Boden gibt nach, aber im schlimmsten Fall gehen wir eben zurück und wo anders lang. Hinter uns tuckert das Geräusch eines Traktors, und ich witzele noch, dass Marc ja den fragen kann, ob er uns mitnimmt. Auf unserer Höhe ist er bereits über einen Meter eingesunken, erschreckend. Noch bevor ich etwas denken kann, winkt der Bauer (von auf Höhe unserer Schuhe) entschieden zum Aufsteigen. Ich finde das eigentlich keine gute Idee, der Traktor kippt und versinkt ja selber. Der Bauer wirkt aber optimistisch und gröhlt nur, dass wir uns gut festhalten sollen. Dann gibt er Vollgas. Jegliche Achterbahn ist nichts dagegen, wir pflügen mit Volldampf durch den Morast und die Brühe. Auf der anderen Seite werden wir wieder abgesetzt, und ich bin noch derart adrenalingeladen, dass ich nur ziemlich hysterisch kichern kann. Und ich bin total begeistert von diesem Zufall.

Mit etwas bangem Gefühl laufen wir nach Torremegía hinein. Was, wenn Steffen nun bereits weiter ist? Offiziell ist es ja unser letzter Tag. Ich bin deutlich erleichtert, als wir ihn dann doch an eine Mauer gelehnt antreffen. Er meint, heute wäre es bei ihm einfach supergut und superschnell gelaufen, da hätte er das ausgenutzt. Wir setzen uns zur finalen Lagebesprechung unter einen Baum in den Schatten. Steffen rekapituliert recht sortiert, dass er sich heute gut fühlt und deswegen definitiv bis Mérida geht, sich morgen dann aber die Stadt anschauen würde. Wann ich denn eintreffe. Ich bin etwas unvorbereitet, ich weiß nur, dass es eine kurze Etappe ist morgen. Ich sage mal pauschal „11 Uhr“, und Steffen legt zielstrebig 12 Uhr auf der Plaza de España fest. Geht mir alles ein wenig schnell. Eigentlich bin ich eh noch ziemlich adrenalingeladen und noch nicht erschöpft, lauftechnisch fühlt es sich komisch an, jetzt hierzubleiben. Vom Gefühl her ist es aber definitiv richtig. Vom ersten Moment an war dieses Dreamteam für mich besonders, irgendwie mehr als normal. Ein Stück weit haben wir so perfekt harmoniert und uns ergänzt, dass es für mich schon wieder das typische Caminogefühl ausgelöst hat – wunderbar, bewegend und magisch. Für mich waren diese Momente ein Geschenk, Augenblicke von etwas besonderem. Es ist schwer in Worte zu fassen, aber ich habe gelernt, mich an diesen Momenten zu freuen, ohne sie halten zu müssen.

Was nicht ausschließt, dass es sich ziemlich beschissen anfühlt, die beiden gehen zu lassen und mich allein auf Herbergssuche zu machen. Irgendwie ist alles ziemlich leer. Vor der Herberge (wieder in einem traumhaften, imposanten Steinkoloss) treffe ich wenigstens Marie mit ihrem Campmobil, es fühlt sich wenigstens einen Hauch von vertraut an. Sie weiß zu berichten, dass die Herberge wunderschön wäre und noch völlig leer. Es wundert mich nicht, schließlich gibt es hier noch andere Herbergen und auch wieder Hostals.

Ein junger Spanier geleitet mich durch die Herberge in den ersten Stock – per völligem Novum, nämlich per Aufzug. Die Herberge ist wieder sehr stylisch, mit in den Boden eingelassenen Glasquadern, durch die Halogenlampen ihr Licht werfen. Allerdings beginnt mich diese Art von Luxus langsam schon zu nerven. Zwar sind es ja auch nicht Herbergen explizit für Pilger, man kann also niemandem einen Vorwurf machen, aber bisher habe ich nun mal immer nur Pilger angetroffen, und was bringt da all der Glamour und die riesigen Speisesäle, wenn es nur eine Dusche gibt, kein heißes Wasser beim Geschirr und keinerlei Möglichkeit, die Wäsche aufzuhängen.

In dem freundlichen, wie immer großzügigen Schlafsaal befindet sich wirklich erst ein älteres, schwedisches Ehepaar, die ich beim Eintreten unsanft aus ihrem yogalichen Handstand reiße. Sie sind schon sehr, sehr esoterisch. Der Schwede geht duschen; meine Idee, derweil wenigstens schon mal meine Wäsche durchzuwaschen, begrabe ich sehr schnell erschreckt wieder. Die Nasszelle ist sehr praktisch durchdacht: Toilette und Waschbecken sind nur zu erreichen, wenn man duschende nackte Tatsachen in Kauf nehmen will. Also warte ich etwas frustriert fast eine halbe Stunde, bis der Schwede sich genüsslich renoviert, rasiert und seine Wäsche gewaschen hat.

Meine triefnasse Wäsche findet keinen Platz mehr an dem einzigen öffenbaren Fenster, sodass ich motiviert um die Herberge herumtrabe. Es hat wirklich nicht viel Wäscheleineartiges. Mir bleiben nur die schönen Gitterfenster vor dem sofabeladenen Aufenthaltsraum. Mit etwas schlechtem Gewissen flagge ich also da meine Socken und Unterwäsche. Die beiden Schweden vom Balkon über mir bieten ihre Wäscheleine an, die ich sehr dankbar annehme und begeistert quer durch die Lande spanne. Heute scheint die Sonne wirklich intensiv, dazu geht ein Windchen, sodass ich gute Chancen habe, heute mal ordentlich trockene Wäsche zu bekommen. Und nachdem ich gleich noch einen verklärten Vortrag zu den Vorteilen von Hanfwäscheleinen bekomme, kann ja wirklich nichts mehr schiefgehen.

Ich setze mich auf das Steinmäuerchen des imposanten Eingangsbereiches und packe meine Einkäufe vom Morgen aus, als Lieke in der Ferne auftaucht. Ich bin irgendwie sehr erleichtert, wenigstens ein bekanntes, liebes Gesicht um mich zu haben. Sie ist im Moment aber fast ein bisschen missgelaunt, sofern das bei ihr möglich ist. Sie sagt, heute hätte sie gelernt, nie anderen Leuten nachzulaufen. Damit meint sie in diesem Fall Marc und mich. Ohne Traktortransport hätte sie es erst in Sandalen durch den roten Morast probiert, wäre aber völlig eingesunken. Und der Dreck ginge einfach nicht mehr raus, sie zeigt frustriert rotlehmige Socken und Schuhe und Beine. Anscheinend wären manch andere über die Bahngleise direkt daneben gegangen, aber eine noch befahrene Eisenbahnbrücke musste es für sie dann doch auch nicht sein, sodass sie wieder zurück zur letzten Kreuzung ist. Sie wirkt erstmalig ein bisschen erschöpft und frustriert.

Ein junger Mann, der auch in der Herberge logiert, kommt vorbeigehinkt. Als ich frage, wie es mit dem Bein geht, meint er „so gut, dass er morgen abbricht“. Mir entfährt ein „oh je“, woraufhin er mich sehr unverständig belehrt, dass das doch gut so ist und überhaupt das ganze Leben ein Camino und wieso ich da jetzt etwas Negatives hineinlege. Hilfe. Ich denke „uff“ und sage gar nichts mehr. Irgendwie sind mir hier alle etwas esoterisch abgehoben. Dieses Gefühl festigt sich noch, als ich ihn später im Schlafsaal wiedertreffe; zusammen mit seinem Kollegen erkenne ich sie als die Pilger wieder, die gestern mit uns in der Ölmühle waren. Wie gestern auch sind sie eher unkommunikativ. In halsbrecherischen Posen turnen sie vermutlich meditativ auf ihren Betten herum; wenn wir uns unterhalten, führt es fast immer zu Missverständnissen.

Ich setze mich in das Sofazimmer, wo mir die Abendsonne den Rücken wärmt. Ich schreibe mein Tagebuch und versuche ein Resumee der letzten Tage. Zum einen fühle ich mich hier unbeschreiblich leer und alleine und freudlos ohne meine beiden so liebgewonnenen Mitpilger. Zum anderen weiß ich, dass der Camino mir erfahrungsgemäß am meisten in eben diesen Momenten gibt. Für plapperndes Entertainment muss ich nicht pilgern gehen. Auch wenn es sich im Moment nicht gut anfühlt, aber ich bin sehr ausgesöhnt damit, wie es jetzt ist. Hätten Marcs Augen auch heute noch so magisch gestrahlt, wäre ich jetzt hier wohl todunglücklich. So bin ich einfach leer und ein bisschen resigniert angesichts unseres heutigen Tages. Man bekommt nicht, was man will, sondern was gut für einen ist.

Mit Lieke gehe ich abends auf mercado-Suche; es hat wider Erwarten einen großen Supermarkt, und ich bin schon so weit, dass ich mich sogar freue, als aus dem Hostal Millenium Jorge mit Begeisterung auf mich zustürmt. Mit jedem Tag verstehen wir uns besser – sicher auch mit jedem Tag, an dem wir keinen Schlafraum teilen und ich nicht sein Schnarchen hören muss.

Entgegen meiner sonstigen Gewohnheiten schreibe ich eine SMS nach Hause. Die Antwort ist nicht direkt stimmungserhellend. Ich lebe seit meiner Ankunft in Spanien ohne Nachrichten. Zwar habe ich etwas mitbekommen von einem Vulkanausbruch in Island, denn Patrick hat etwas anklingen lassen, dass Flüge aus Irland eventuell schwierig wären. Aber das war schon vor Tagen, und ich bin hier im Süden und nicht im Norden. Ich falle aus allen Wolken, dass im Moment der europäische Luftraum stillzustehen scheint und auch mein Rückflug überhaupt nicht gesichert ist.

Wie so oft, wenn mich auf dem Camino Panik angesichts von zu vielen Alltagssorgen überkommt, blende ich es einfach gekonnt aus und esse mit Lieke zu Abend. Sie erzählt von ihrer Brustkrebserkrankung und zwei überstandenen Burnouts. Zwar kommt es für mich nicht völlig überraschend, allerdings ist es trotzdem schwer vorstellbar, dass die unverwüstlich dröhnend lachende Lieke noch nicht immer so war.

Gegen 8 klingen plötzlich die so vielbeschworenen Campanas der Kirche gegenüber. Unglaublich, es scheint eine Messe zu geben. Ich frage einen Mann auf der Straße, der gütig Auskunft gibt und meint, ich könne da sehr gerne kommen, wenn es mir denn nichts ausmacht, dass es eine Totenmesse ist. Ich schlucke etwas, aber er lacht und meint, erster Jahrestag. Das ist mir auch wurst, ich springe begeistert in die vollbesetzte Kirche. Lustigerweise sehe ich den Mann von gerade eben wieder – mit neuem Umhang stellt er sich als der Priester heraus. So ganz Ruhe finde ich nicht, es ist aber trotzdem ein tolles Gefühl, nun endlich nach so vielen Fehlversuchen doch noch einen Gottesdienst mitbekommen zu haben.

Zu meiner Überraschung liegt Lieke noch gar nicht im Bett, normalerweise ist sie mit 20.00 noch ein schlimmerer Frühschlafengeher wie ich. Vielleicht genießt sie draußen noch die letzten Sonnenstrahlen.

Read Full Post »