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Archive for August 2008

Wie die Ehrenrunde nach dem Marathon fühlt sich dieser Tag heute an. Vorbei jede Durchhalte-Survivor-Mentalität vom Beginn des Caminos, jede Frustration auf den letzten 100 Kilometern vor Santiago, dieses Gefühl des Soges von Santiago. Heute fühle ich mich, als ob seit langem wieder die Sonne aufgehen würde. Ein neues Leben, ein neuer Abschnitt, ein neues Kapitel. Das große Ziel Santiago ist geschafft, das kleine weitere Ziel vom Ende der Welt. Die Pflicht ist erfüllt. Für mich geht es heute noch weiter nach Muxía.

Der Weg führt weitgehend parallel zur Küste entlang. Das Meer hat eine unglaubliche Faszination auf mich, bei jeder Gelegenheit mache ich einen Umweg, um direkt an den Sand und die wilden Wellen zu kommen. Ich mache mehr Pause, als dass ich laufe. Hier sind nicht mehr viele Pilger unterwegs, die wenigen sind vor mir, und auf halber Strecke treffe ich nur die Engländerin wieder, die zuerst Muxía angesteuert hat und sich Finisterre für den endgültig finalen Abschluss aufgehoben hat.

Wir treffen uns an einer pittoresquen Stelle – es gibt einen kleinen Bach zu durchqueren. Landestypisch liegen dazu dicke Quader im Wasser, die man als Tritte nutzen kann. Leider liegen sie knöchel- bis knietief unter der Wasseroberfläche, und das Wasser ist durchaus erfrischend eiskalt. Wir machen noch kurz schon wieder eine kleine gemeinsame Pause, bevor es in entgegengesetzte Richtungen weitergeht.

Gegen Nachmittag klart das Wetter komplett auf, ich laufe die letzten Meter in Erwartung der Stadt eine kleine Strasse entlang. Keine 50 Meter links von mir begleitet mich das dunkelblaue Meer mit weißer Gischt, und in dem Grünstreifen zwischendrin befinden sich Pferdeweiden, Fußballfelder und Schrebergärten. Wie von einer anderen Welt und sehr faszinierend.

So betrete ich auch Muxía über die Fahrstrasse, an die direkt die Wellen schlagen. Die Stadt ist zu dieser Tageszeit wie ausgestorben, man hört nur die See. Ich finde die Herberge nicht, und die drei Leute, die ich schließlich finde, beschreiben mir jeder eine ganz andere Richtung. Auch meine Muxiana, meine dritte Urkunde für diese Reise, kann ich erst am späteren Nachmittag abholen, und um nicht sinnlos zu warten, entscheide ich mich gegen meine sonstige Hasenfussroutine, nicht erst einzuchecken und zu duschen, sondern einfach mit Rucksack mein endgültiges Ziel aufzusuchen. Das Santurio de la Virxe da Barca, das Heiligtum der Jungfrau im Steinschiff.

Und hier finde ich meinen Abschluss.

Alles kommt zusammen, der strahlendblaue Himmel, die leuchtende Sonne, die Tatsache, dass außer mir weit und breit keine Menschenseele ist, die wunderschöne Kirche direkt am Meer, das Wissen, dass ich hier wirklich am alleräußersten Punkt bin. Mich zieht es hinunter ans Wasser, und dort stehe ich sicher eine Stunde lang, ganz nah an den meterhohen Wellen. Mir erscheint zwar keine Maria in einem Steinschiff, um mir Mut zuzusprechen, aber mit jedem Wellenschlag habe ich das Gefühl, dass eine weitere Erinnerung noch mal Revue passiert. Die Erinnerungen sind wie ein Siegeszug, lauter starke Erlebnisse, Momente der Freude, Erinnerungen an Rührung, an gute Freunde. Mir wird bewusst, was ich in diesen 3 Wochen alles erkannt habe, was mir bewusst geworden ist, und was ich auch teilweise überwunden habe. Zwar erst auf die letzten Tage, aber ich habe meine Vorratsangst überwunden und erkannt, dass ich einfach vertrauen kann. Ich habe aufgehört, akribisch Etappen zu planen, und ich bin angekommen. Und heute habe ich sogar die letzte Angst überwunden und bin nicht panisch schnell gewandert, um mir ja mein Bettchen zu sichern. Ich habe Leere in Santiago gefühlt und in Finisterre, an Orten mit Touristenbussen und Erwartungshaltung. Und ich habe meinen Frieden, meinen Abschluss und auch noch mal meine direkte Leitung zu Gott hier in Muxía gefunden.

Irgendwann entschließe ich mich dann doch mal ganz relaxt, nach Urkunde und Herberge zu schauen. Ich schwebe förmlich in die Stadt zurück, wo ich prompt Andi in die Arme laufe. Er hat seine Urkunde schon, war auch noch nicht in der Herberge und wartet brav auf mich. Mit Muxiana und unendlichem Glücksgefühl (Andi braucht dazu natürlich nicht stundenlang Tränen der Rührung vergießen) suchen wir die Herberge, und die Gesellschaft von Andi fühlt sich wie das einzig richtige an.

Die Herberge ist seltsam. Riesig groß und modern, 3 Etagen mit vielen Räumen und vielen Stühlen, alle paar Meter wacht ein Bewegungsmelder über die Beleuchtung. Es gibt sogar nagelneue ultrabequeme Ledersofas. Und in dem dann doch wieder recht normal anmutenden kleinen Räumchen mit den Stockbetten befinden sich nicht mal 15 Pilger.

Ich koche mir eine Art Risotto, unter der fachkundigen Anleitung eines Freundes des Hospitaleros, der aber leider nur Spanisch spricht und irgendwie schwer verständlich für mich. Ich entnehme so grob, dass er Schiffskoch ist, mein Risotto wird also nach Strich und Faden auseinandergenommen. Ich will eigentlich nur essen, aber er rührt, gießt Wasser, reguliert das Feuer in eine Richtung, die nur er kennt. Während ich esse, unterhält er mich intensiv mit seinen Pilgerphilosophien. Auch er ist ein Dauerpilger, scheint nichts anderes mehr zu machen, als zu pilgern und ist durchaus interessant, aber ich verstehe wie gesagt nur die Hälfte, wenn überhaupt, und irgendwie ist mir das an Tag 20 etwas zu viel Input. Im Endeffekt erlebt jeder Dinge auf dem Camino, die ihn so bewegen, dass er sie zu verarbeiten versucht, indem er sie anderen Menschen verständlich machen will. (Manche tun es in einem Blog, :-)!). Aber alle Erlebnisse sind auch persönlich und einzigartig und nicht übertragbar, und es macht wenig Sinn, Verständnis dafür erzwingen zu wollen. Wahrscheinlich sehnen sich viele Pilger nach einem Pendant, der genauso empfindet und fühlt und versteht, einem Soulmate. Und wahrscheinlich muss jeder lernen, dass es diesen nicht gibt.

Mit Andi verabrede ich mich wieder zum Sonnenuntergang auf dem Berg über der Kirche am Meer. Wir sind ein eingespieltes und perfektes Team. Ich bekomme meinen Vorsprung, darf allein den kleinen Gipfel besteigen und den erhabenen Ausblick genießen. Und ein paar Worte nach oben richten, wenn die Verbindung hier schon mal so außergewöhnlich gut ist. Andi hört sich dann anschließend wieder treu meine täglichen Philosophien und Erkenntnisse an, meine vielen Zeichen und Signale und Spinnereien. Natürlich perlt auch am letzten Tag alles Spirituelle an ihm ab, aber das ist ja auch gut so.

Der Sonnenuntergang ist wärmer als in Finisterre und so, wie ich ihn mir den ganzen Camino und das ganze Jahr davor vorgestellt habe.

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Ich bin sehr früh wach, und so starte ich bereits gegen 6 Uhr in kompletter Dunkelheit mit der ermunternden Aussicht, bald einen Supermarkt zu erreichen und meine Vorräte wieder auf die gewohnten Dimensionen aufstocken zu können.

Aber bereits in dem wirklich winzigen Dorf finde ich kaum den Camino wieder. An der Hauptstraße meine ich zwar so etwas wie einen Pfeil zu sehen, bin mir aber doch nicht so sicher, so dass ich schon wieder am Umdrehen bin, als hinter mir eine laute spanische Gruppe auch meinen Weg einschlägt. So traben wir fast eine Stunde im Stockfinstern die Autostrasse entlang. Mittlerweile regnet es auch ordentlich. Die ganze Stunde über sehe ich keinen einzigen Pfeil, so dass ich dann irgendwann doch den Kontakt abreißen lasse und im munteren Regen schnell meinen Reiseführer auspacke. Und wie ich es schon geahnt habe, es heißt natürlich „vor der großen Straße geht der Weg links ab“. Ich weiß nicht, welchen Rappel ich habe, aber ich laufe wutentbrannt alles wieder zurück. Ich will den Camino gehen, und zwar jeden Meter. Keine Abkürzung und erst recht keine hässliche Fahrstraße.

So ist es ordentlich hell, als ich wieder am Ausgangspunkt angelangt bin – und das Dorf ist wie ausgestorben, alle Pilger sind schon auf dem (richtigen) Weg. Ich finde die sehr versteckte Abzweigung und werde reiflich für meinen Umweg belohnt. Es geht verwunschen und völlig einsam in die Höhe. Überall dichter Nebel, umso überraschender dann plötzlich der Blick zur Seite ins Tal auf einen großen See. Ich fühle mich fast schon wieder auf dem falschen Weg, weil ich weit und breit keinen anderen Menschen sehe – aber wenigstens die gelben Pfeile.

Als ich wieder auf Zivilisation stoße, sehe ich in einem Straßencafe die spanischen Truppe sitzen und ausgiebig frühstücken, während ich abgekämpft seit 3 Stunden laufe. Die Straße hat natürlich auch zum Ziel geführt, und offensichtlich war ich schon kurz vor dem Zusammentreffen der beiden Wege.

Ab da wird es wieder verwunschen, da nebelig und einsam. Auch sehe ich wieder einmal über viele Kilometer keine Markierungen mehr, noch dazu wird mir schwummerig und schwindelig. Ich vermute, dass es an der sparsamen Nahrungsaufnahme liegt, esse die letzte Banane und den letzten Schokoriegel und habe erstmals nur noch ein Stück Brot mit Chorizo und ein paar Schluck Wasser in meinem Rucksack. Und nach einer weiteren Stunde und einem immer merkwürdigeren Allgemeinzustand überwinde ich meine Vorratsangst und treffe die Entscheidung, alles auf eine Karte zu setzen, alles zu essen und zu hoffen, dass ich dann wirklich irgendwann die heißersehnte Stadt treffe.

Viele Situationen stellt man sich im Vorfeld als schwierig und problematisch vor. Sei es, in den Herbergen Platz zu finden, den Weg zu finden, wie es mit der Sicherheit und Diebstahl ist, wie man in Kontakt mit anderen kommt… all das ist ab dem ersten Tag nie mehr ein Problem gewesen. Dafür erscheinen einem plötzlich völlige Lappalien wie ein Riesenproblem, und man verzweifelt an harmlosen Kleinigkeiten.

So sitze ich im völligen Nebel, seit Stunden weit und breit keine Markierung und weit und breit kein Pilger, obwohl mit mir doch 30-40 andere Pilger unterwegs sein müssten. In mir festigt sich die Gewissheit, auf dem falschen Weg zu sein, es fragt sich nur, seit wann. Panik steigt in mir auf; wenn ich seit 2 Stunden in die falsche Richtung laufe und dann noch 2 oder mehr in die richtige muss, wie lange mein kleines Chorizobrot vorhält. Zu allem Überfluss habe ich auf dem Weg, auf dem so gut wie keine Fußspuren zu sehen sind, riesige Pfotenabdrücke entdeckt, die definitiv nicht mehr von einem Hund stammen können. So erlebe ich mit meinem Pfefferabwehrspray in der Hand und lauter desperaten Gedanken im Kopf meine wohl schwärzeste Vesperpause des Caminos.

Aber der Camino ist nicht umsonst magisch. Erlebt man Tiefs, kann man sich umso mehr freuen, wenn es hinterher wieder bergauf geht. Und ist man an einem Punkt angekommen, an dem man nicht mehr will, an dem einem alles zu viel wird, an dem man alleine nicht mehr weiterkommt – dann kann man sich sicher sein, dass die Gebete erhört werden und eine höhere Instanz einem soweit wieder Starthilfe gibt, bis man von selbst wieder in der Lage ist, frohgemut voranzuschreiten oder zumindest unerschrocken weiterzukämpfen.

Kaum habe ich meinen Rucksack wieder geschultert und lasse den Blick schweifen, fällt mir nur wenige Meter von meinem Pausenplatz ein Stein am Wegesrand auf – mit einem dicken, gelben Pfeil, und wie ich schwören könnte, dem ersten seit Stunden. Gerade schicke ich noch ein unendlich dankbares Dankesgebet nach oben, bin kaum 50 Meter gelaufen – da klar der Nebel komplett auf. Und nach 2 Stunden Nebel eröffnet sich der Blick auf das Meer und die Bucht von Cée und nicht zuletzt die Stadt mit meinem Supermarkt. Und wenn, dann kommt der Beistand von oben so richtig gewaltig, umwerfend und unleugbar – mein ganzer Abstieg in die Stadt wird begleitet von Salutschüssen (auch wenn diese sicher nicht mir gelten). Wieder einmal habe ich die schützende Hand Gottes wenige Meter über mir gespürt, und folglich komme ich reichlich bewegt (und verheult) am Ortseingang an.

Der Supermarkt ist das Tüpfelchen auf dem i, und so bin ich voller Elan, als ich die letzte Etappe nach Finisterre angehe. Von hier könnte man den Bus nehmen, ich weiß, dass das einige meiner Mitpilger auch planen, aber das hier ist die Krönung eines Weges, den ich auf meinen Füßen geschafft habe – und natürlich erfolgt diese Krönung erst recht zu Fuß.

Leider ist das Wetter nicht ganz so auf meiner Seite, es nebelt und regnet ordentlich, so dass der Einlauf in Finisterre denkbar unromantisch und unbewegend ist. Ich checke in der Herberge ein, wo ich gleich mit meinem täglichen Stempel auch eine wunderschöne Fisterrana, die Urkunde für Fußpilger, bekomme. Im Vergleich zu der schlichten Compostela ein echtes Schmuckstück – und etwas besonderes.

Das Besondere droht fast schon wieder ein wenig auf der Strecke zu bleiben, nachdem ich mein Bett wechseln muss, nachdem eine nach mir kommende Pilgerin die Krise schiebt, dass sie zusammen mit ihrem Partner zwei nebeneinanderliegende Bett unten haben will. So ziehe ich ein Stockwerk tiefer in ein oberes Stockbett und wundere mich, warum mir auf dem ganzen Camino noch nie so ein komisches Verhalten aufgefallen ist. Ist doch der Pilger klassisch einfach wunschlos glücklich, überhaupt ein Bett zu haben.

Ich dusche und sehe beim Lüften aus der kleinen Luke zwei liebgewonnene Engländer, die ich in Sarria im Zimmer hatte und mit denen ich in Santiago eine unerwartete, aber unerwartet intensive und beeindruckende Unterhaltung hatte. Sie sind mit dem Bus gefahren, und zu gern würde ich sie noch einmal sprechen – aber 100m über die Dächer von Finisterre schreien will ich dann doch nicht – zumal unbekleidet.

In der Küche treffe ich wie vom Donner gerührt zwei Bekannte der aller ersten Stunde – die beiden schnellen Schwestern des Dreiergespanns. Und natürlich biegt auch Andi kurz nach mir wie üblich freudig strahlend in die Herberge ein. Und nachdem wir mittlerweile als siamesische Zwillinge durchgehen, setzt er mich auch gleich in Kenntnis, wie er sich unseren restlichen Tag vorgestellt hat. Ich bin unleidig und möchte mich noch nicht festlegen. Also setzt er sich einfach wartend aufs Sofa und belauert mich auch Schritt und Tritt.

Mir gelingt die Flucht, Punkt Ladenöffnung erstehe ich meine Paella-Zutaten und stehe bereits in der Küche, als Andi interessiert beschließt, auch Paella zu kochen und mir Gesellschaft zu leisten. Ich habe mittlerweile meinen Zeitplan fest vor Augen, ich will um alles in der Welt den Sonnenuntergang am Leuchtturm erleben. Das ist der Abschluss, auf den ich den ganzen Camino hinfiebere.

So esse ich sehr eilig und stehe schon abmarschbereit auf der Strasse, als Andi gerade vom Einkaufen zurückkommt. Ich bin fast erleichtert, habe aber meine Rechnung ohne Andi gemacht. Statt wie geplant Paella zu kochen, hat er sich für das zeitsparende Bocadillo entschieden und ist allen Ernstes auch abmarschbereit. Er grinst wie immer so überglücklich und nichts böses ahnend, dass es mir wirklich in der Seele wehtut, ihm dann klipp und klar zu sagen, dass ich jetzt wirklich alleine meine halbe Stunde zum Leuchtturm genießen will. Statt mich mal endlich als zickig abzutun, zuckt er nur schicksalsergeben die Schultern und meint „na gut, dann hole ich mir noch was zu trinken und komme in 5 Minuten nach“.

Statt emotionsüberflutet die letzten Meter zum Punkt 0 zu genießen, habe ich die ganze Strecke natürlich nur ein schlechtes Gewissen, fühle mich ordentlich mies und freue mich ganz unheimlich, als Andi dann auch ankommt, und gemeinsam schauen wir den Leuchtturm an, machen Siegerfotos am Kilometerstein und suchen die Superposition für das Abendrot.

Leider sind wir viel zu früh, und leider ist es extrem kalt. Andi bewahrt stoische Ruhe und harrt selbstlos mit mir, bis ich meinen albernen Traum erfüllt kriege. Zwar bin ich am Ende der Welt, als die Sonne untergeht, aber leider geht sie so schnell und unspektakulär unter, dass ich davon nicht mal wirklich ein Foto machen will. Ich bin frustriert, völlig verfroren, und der arme Andi bekommt auch den ganzen Heimweg noch meine selbstmitleidigen Gedanken ab. Punkt Küchenschluss spuckt uns die Mikrowelle noch 2 Tassen heißes Wasser aus, und so beenden wir den turbulenten Tag einträchtig kamillenteetrinkend.

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Der Tag, der heute vor mir liegt, erfüllt mich von Anfang an mit einer Mischung aus Nervenkitzel, Herausforderung und Vorfreude. Während ich mich auf dem Camino immer vernünftig geschont habe, mich bei 25 km zur Vernunft gerufen habe und mir jeden Moment bewusst war, sorgsam mit meinen Kräften und meinem Körper umgehen zu müssen, winkt auf die letzten Tage das „alles oder nichts“. Ich habe mein grosses Ziel Santiago erreicht, jetzt ist es egal, ob ich mit Fussschaden ausfalle oder eine Sehnenreizung hole. Jetzt darf ich endlich meine Grenzen austesten, bzw. eigentlich muss ich es sogar. Heute müssen 32 km gelaufen werden, es gibt keine Herberge zwischendrin. Ich freue mich darauf, aber gestern zeigten sich manche Pilger schon überfordert angesichts dieses Drucks. Einige sind mit dem Bus sofort nach Santiago zurückgefahren, andere haben den Bus nach Finisterre genommen. Wieder andere machen eine Minietappe von 10 km, wo es anscheinend ein provisorisches Quartier geben soll.

Während die meisten noch frühstücken, packen und interessiert in die Finsternis schauen, entziehe ich mich diesem kollektiven Zeitschinden und laufe schon mal los. Ich habe ja eine Stirnlampe und mittlerweile wenig Angst.

Folglich bin ich auch den restlichen Tag immer so gut wie allein auf dem Weg. Nur eine Engländerin, diejenige, die gestern als erste in der Herberge war, läuft mir immer wieder über den Weg, je nachdem, wer von uns gerade Pause macht. Sie beeindruckt durch ihr Tempo. Ich „schreite“ ja schon wieder wie ein Pilger mit unendlichen Lasten auf den Schultern (vor allem angesichts dieser Strecke heute, bei der ich mir lieber wieder die Kräfte einteile), während sie zu hüpfen und zu springen scheint, als würde sie gerade mit kleinem Proviantrucksack zum Sonntagsausflug aufbrechen.

Ich lasse mir Zeit, und der Weg ist auch wirklich wunderschön. Ich überwinde meine jahrelange Abneigung gegen meine Stimme und singe stundenlang (und völlig unharmonisch) alles, was mir so in den Sinn kommt. Ein befreiendes Gefühl, und wie so oft auf dem Camino das gute Gefühl, ein weiteres, lähmendes Hemmnis überwunden zu haben.

Die 8 Stunden Wanderzeit sind schon etwas anderes; anstatt durchzulaufen zur Herberge wie sonst mache ich nun doch bereits auf dem Weg immer wieder längere Pausen, um zu essen oder mich zu sammeln.

Vor der Herberge sammeln sich schnell einige Pilger. Die frische Engländerin ist natürlich schon da, auch der Österreicher mit zwei blonden Grazien hat es geschafft, allerdings hat er gegen Ende für sie die Rucksäcke getragen, und sie freuen sich auf Abkürzung mit dem Bus morgen. Andi kommt wieder kurz nach mir; ähnlich wie ich kommt er zwar an seine Grenzen, geniesst es aber absolut und würde nie an kleinere Etappen oder gar Bus denken.

Olveiroa an sich ist auch wieder eine Herausforderung; es gibt keine Einkaufsmöglichkeit, sodass ich mit den kargen Vorräten aus meinem Rucksack zu kochen gedenke. Und der nächste Morgen wird interessant, weil erst nach der halben Strecke dann wieder eine Stadt kommt, in der ich auftanken kann.

Irgendwie bin ich Andi gegenüber heute versöhnlich gestimmt und lade ihn freiwillig zum kräftetankenden Essen ein – auch wenn es nur trockene Nudeln, Zwiebel und Reste von Salami gibt. Er freut sich, zeigt sich auch über das Essen glücklich – auch wenn es eigentlich eine Zumutung ist.

Derweil lockt die nächste Überwindung von hemmenden Sorgen und Ängsten. Zwei Tage ohne Einkaufsmöglichkeit bringen zumindest meine Wasserplanung an ihre Grenze. Bisher habe ich mich tapfer gegen Brunnen- oder Leitungswasser gewehrt und immer zwei grosse Wasserflaschen mitgeschleppt. Nachdem die nun zu Ende sind, ich zugegebenermassen etwas trinken sollte und mir alle glaubhaft versichern, dass das Wasser prima wäre, wage ich die Hasenfussvariante und koche etwas Leitungswasser ab. Dummerweise sucht dann gerade beim Abkühlen ein kopulierendes Fliegenpärchen den Freitod in meinem Wasser, und der Österreicher betrifft die Küche und schwört Stein und Bein, dass er seit gewissen Erlebnissen nie, nie wieder Hahnenwasser trinken wird. Letztlich bleibe ich dann lieber durstig.

Mein Spanier vom Vortag kommt leider nicht mehr; wie mir andere mitteilen, ist er in der Herberge nach 10 km geblieben. Schade, denn ich hätte gern herausgefunden, warum er sich das Leben so schwer macht.

Dafür treffe ich einen unglaublichen Amerikaner. Er hat eine faszinierende Lebensphilosphie. Er arbeitet immer das, worauf er gerade Lust hat. Ein halbes Jahr auf einem Bauernhof, ein halbes Jahr in der Chirurgie, ein Jahr auf einem Weingut… bis es ihn nicht mehr reizt und er wo anders hin will, oder bis er genug Geld hat, um manche Urlaubstraumziele zu bereisen. Nun gibt es viele Leute, die sich nie binden können und nie „in das System“ passen und zwischen Nichtstun und Träumereien hin- und herpendeln, aber dieser Pilger wirkt unheimlich vernünftig und kontrolliert. Er erzählt, dass er immer 2 Monatslöhne in der Hinterhand behält, um genug zu haben, um auf Stellensuche gehen zu können. Er rechnet immer durch, wie viel Geld er wo zum Leben bräuchte, und ob es eine Stelle gibt, die seinem momentanen Gusto entspricht und genügend abwirft. Natürlich ist das langfristig vielleicht immer noch nicht ideal, aber ich bin schwer beeindruckt davon, wie sehr man seinen Träumen und Wünschen folgen kann. Ich, die seit jeher den Weg der grössten Vernunft und Sicherheit wählt und ganz viele Träume mit sich rumschleppt nach dem Motto „das hätte ich gern gemacht, aber nachdem ich jetzt ja nun mal eine gute Stelle hier habe…“.

Der Tag fühlt sich unwirklich rastlos an. Beim Einschlafen bin ich in Gedanken schon beim nächsten Morgen und der ersten Stadt auf halber Strecke nach 4 Stunden. Der Gedanke an meinen leeren Rucksack ohne das gewohnte „emergency food“ lässt mich jetzt schon Hunger fühlen.

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Endlich geht es auch für mich wieder weiter, ich fühle mich, als ob Wochen vergangen wären, seit ich meinen Rucksack das letzte Mal auf dem Rücken hatte. Dabei war es nur ein Ruhetag.

Wieder kann ich früh aufstehen und laufe wie gewohnt bei Sonnenaufgang aus Santiago. Es ist ein komisches Gefühl. Einerseits dieser Abschluss, Santiago erreicht zu haben, viele Freunde hinter sich zu lassen; die Ungewissheit, wie sich die vielen Leute auf die wenigen Herbergen verteilen werden; die nervöse Vorfreude auf meine eigentlichen Ziele, das Ende der Welt, das Meer, die Ungewissheit, ob ich dort meinen richtigen emotionalen Abschluss finden werde.

Beim Blick zurück auf Santiago sehe ich schon zahlreiche Pilger hinter mir kommen, sofort erkenne ich auch Andi. Mich überkommt eine regelrechte Panik, ich möchte nun wirklich nicht 4 Tage von ihm belagert werden. Ich sehne mich nach Spiritualität und seltsamen Erfahrungen, während Andi alles im Keim erstickt, logisch erklärt bzw. sich eigentlich meistens überhaupt keine Gedanken macht. So kann man durch Bayern stapfen, aber nicht meinen heiligen Jakobsweg lang. Bzw. natürlich kann er das machen, aber bitte ohne mich.

Der Weg ist schön, wirkt verwunschener und abenteuerlicher. Die Massenpilger der letzten Tage fehlen natürlich, sodass sich ein etwas auserwählteres Gefühl einstellt. Und die Pilger, die ich hier treffe, haben wie ich nochmal richtig tief durchgeatmet vor diesen letzten 100 km, körperlich und geistig. Einer hat beschlossen, den Rest barfuss zu laufen.

Am frühen Nachmittag erreiche ich die Herberge und kann überhaupt nicht einschätzen, was mich erwartet. Auf alle Fälle rechne ich mit der Franzosengruppe. Aber zu meiner grenzenlosen Überraschung ist die Herberge komplett leer, und nur ein Bett ist schon mal belegt. Ich dusche und wasche, als Andi auftaucht. Sehr lange bleiben wir alleine in der Herberge, und erst gegen Abend füllt es sich so langsam. Die Franzosen und alle, die mir im Vorfeld erzählt haben, noch nach Finisterre zu wollen, sehe ich aber nie wieder.

Andi belauert mich auf Schritt und Tritt und möchte mich meinen Kochplänen anschliessen. So planen wir mein Standardgericht Nudeln mit Tomatensosse. Auf dem Rückweg vom Supermarkt treffen wir einen  Spanier, der sich recht resolut dazu einlädt. Lustigerweise ist es Bärbels Traummann aus Pedrouzo, und zu gutem Aussehen bietet er noch unglaubliche Sprachkenntnisse wie z.B. perfektes Deutsch. Auch Kochen scheint er super zu können, jedenfalls macht er aus allem eine Wissenschaft. Ich fröhlicher Chaoskocher darf meine Tomaten und Zwiebeln nicht so schneiden, wie ich möchte, und für jeden Handstreich muss ich mich quasi rechtfertigen, warum ich es so und nicht anders mache. Nichts, was ich auf dem Camino unbedingt herbeisehne.

Ein Bekannter von Andi aus Österreich trifft ein, ich kenne ihn flüchtig von unserem alkoholischen Restaurantabend in Santiago. Er kennt mich auch, und zwar aus Samos. Ich verstehe erst nicht, aber er stellt sich als derjenige Pilger heraus, um den ich stundenlang herumgewandert bin. Er erkundigt sich, ob ich mich belästigt gefühlt hätte. Ihm wäre es so unangenehm gewesen, dass es durch sein Fotografieren so ausgesehen hätte, als ob er auf mich Warten würde. Lustig.

Lustig ist sowieso das richtige Wort, er ist ein unglaubliches Energiebündel und sprüht vor Fröhlichkeit und Ausgelassenheit. Im ersten Moment hatte ich ehrlichgesagt sogar den Eindruck, dass er nicht ganz bei Verstand ist. Aber er ist wirklich einfach unheimlich am Strahlen, und oh Wunder, angeblich erst seit dem Camino.

Nicht so unser spanischer Freund. Bei allen Erzählungen oder Gesprächen trägt er eine Sorgenfalte zur Show und kompliziert auch alles, z.B. indem er schon zum Abspülen rennt, nachdem wir uns den letzten Bissen in den Mund geschoben haben (und noch gemütlich sitzen bleiben). Ich nehme mir vor, mich morgen mit ihm etwas näher zu unterhalten.

Als ich schlafen gehe, ist die Herberge tatsächlich nicht nur komplett belegt, sondern auch die Zelte im Garten sowie alle Isomatten sind bevölkert.

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