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Posts Tagged ‘Ponferrada’

Ich träume reichlich durcheinander und bin ganz froh, irgendwann wieder Realität und „festen Boden“ unter mir zu haben. Die Heizung der Herberge hat ganze Arbeit geleistet, meine Sachen sind lückenlos trocken. Ich verabschiede mich von Helmut, er möchte heute auch nach Villafranca del Bierzo in die gleiche Herberge.

Noch regnet es nicht, wirklich vielversprechend sieht es aber auch nicht aus. Ich laufe den Weg an der Straße entlang. Einerseits weiß ich, dass er recht lang an der Straße bleibt, trotzdem habe ich nach einer langen Weile das Gefühl, nun doch den Abzweig verpasst zu haben. Ich bin schon nah dran, wieder umzukehren, da kommt die Abzweigung zum Glück doch noch. In einem weitausholenden Bogen geht es auf Ponferrada zu, ein Lichtermeer im Morgengrauen.

Ich treffe gegen 9 ein und muss noch ein bisschen warten, bis mein Lieblingssupermarkt aufmacht. Ich bekomme ein ofenwarmes Croissant und Ciabatta und einen Käse von der Theke. Mein üblicher Liter Fruchtsaft komplettiert auch schon meinen Einkauf. Unter den misstrauischen Augen der Kassiererin zittere ich den Saft tropfenfrei in meine beiden Plastikfläschchen. Vor der Tür sitzt ein Bettler, und obwohl ich einen frisch gefüllten Rucksack habe, fühle ich mich momentan auch ein wenig heimatlos. Das Croissant esse ich im Laufen, während nun doch wieder Regen einsetzt. Wieder ist alles grau und wolkenverhangen, kaum ein Mensch auf der Straße, jeder flüchtet unter seinem trockenen Schirm in irgendein Haus. Nur ich habe einen superlangen Tag vor mir, zum ersten Mal mehr als 30km, und nun regnet es gleich zu Beginn. Vermutlich ist nach spätestens einer Stunde alles nass, ich bin total niedergeschlagen und hoffnungslos. Für einen Moment kommt mir die Idee, dass ich mir einen Schirm kaufen könnte, allerdings bin ich schon ein gutes Stück vom Supermarkt weg, und dort hätte ich ohnehin noch nie einen Schirm gesehen. Wo kauft man sowas überhaupt? Ich lasse den Blick auf der linken Straßenseite entlangschweifen, aber hier ist eher Industriegebiet, und die Läden sehen nach Gärtnerbedarf und Eisenwaren aus, aber nicht nach Schirm. Da fällt mein Blick auf die rechte Seite und einen Mülleimer direkt neben mir, aus dem zielsicher ein rosa Griff ragt. Fast schon atemlos linse ich den den Eimer, es ist wirklich ein Schirm. Ich ziehe in heraus und hoffe und bitte, dass er aufgeht und funktioniert. Tut er zuerst leider nicht, aber nachdem ich die Arretierung verstanden habe, öffnet er sich wundersam. Ganz intakt ist er naheliegenderweise natürlich nicht, zwei Speichen sind gebrochen, aber das schadet überhaupt nichts. Ich bin überglücklich, einen rundum trockenen Kopf zu haben, nichts kann mehr in den Kragen laufen, ich muss nicht immer die Augen halb zusammenkneifen und die Schultern hochziehen.

Die wenigen Passanten schauen mich ein klein wenig entgeistert an. Für einen kurzen Moment streift mich auch der Gedanke, ob man nun normalerweise kaputte Schirme aus Mülleimern zieht. Ich muss grinsen und an Kristian denken. Er hätte vermutlich nicht nur den Schirm mitgenommen, sondern gleich noch kurz nach einem angekauten Sandwich gewühlt.

Egal, der Schirm ist himmlisch, und vermutlich schauen die Passanten auch deswegen etwas befremdet, weil ich von lieblichem rosa-lila und einer begeistert singenden Hannah Montana trocken gehalten werde. Die Begeisterung der strahlenden Blondine auf dem Schirm steckt an, ich bin mit einem Mal auch vollkommen motiviert und beflügelt. Einziger Unterschied ist vermutlich, dass sie perfekt gestylt perfekt lächelt und ich mal wieder sehr, sehr verpilgert aussehe.

Ich presche wieder in gewohntem Tempo der früheren Jahre durch die Lande, bei dem aktuellen Regen und Nebel reizt Verweilen und Genießen auch nicht sonderlich. Begeistert stelle ich fest, dass ich unter Hannah bequem und regengeschützt fotografieren kann.

Ich erreiche Cacabelos, wo ich einer Kirche kurz einen Besuch abstatte. Die Ausstattung ist sehr schlicht, aber das hell beleuchtete Kreuz inmitten der sonst dunklen Kirche strahlt etwas Besonderes aus. Ich bedanke mich für meinen wundersam gefundenen Regenschirm, bevor es wieder hinaus ins Grau geht.

Nach ein paar Kilometern Straße biegt der Camino rechts in die Weinberge. Eine Gruppe vor mir läuft nach kurzem Zögern zielstrebig geradeaus weiter. Wieder einmal wünsche ich mir eine laute, donnernd dröhnende Stimme, um schon aus ein paar hundert Meter Entfernung auf mich aufmerksam machen zu können. Ich tröste mich damit, dass sie vielleicht einfach bewusst nicht den Matsch gehen wollten.

Der Weg (eine weitere Lieblingsstrecke) ist trotz Nebel beeindruckend. Soweit das Auge reicht, nichts als Weinberge, Weinstöcke in rot, gelb oder grün.

Irgendwann kommt für einen kleinen Moment ein Hauch von Sonne heraus. Ich bleibe unschlüssig stehen und würde am liebsten die letzte Stunde nochmal zurücklaufen, um die Farbenpracht bei Sonne zu erleben. Aber da schiebt sich schon wieder eine Wolke davor, es ist wohl noch nicht der Beginn eines sonnigen Nachmittags.

Es geht einen kleinen, steilen Hügel empor, und gerade, als ich oben mein Traumhaus erspähe, kommt wieder recht gewaltig die Sonne heraus. Ich werfe schnell meinen Rucksack hin und zücke den Foto. Während ich wieder panisch durch die Gegend springe, erstrampelt sich den Hügel ein Rudel Radpilger, die in Anbetracht der Aussicht und der unverhofften Sonne einer um den anderen in erstaunten Jubel ausbrechen. Ich sitze glücklich auf einem kleinen Holzbrettchen, genieße die Sonne und ein Kitkat und die begeisterte Jubeluntermalung von der Seite.

Kaum bin ich an dem Traumhaus in den Weinbergen vorbei, ziehe die Wolken wieder zu. Ich bin schon wieder dankbar.

Recht früh komme ich in Villafranca del Bierzo an – ich bin heute wirklich mal wieder gerast. Ich laufe die Treppe zur städtischen Herberge hinunter, die ich heute ausprobieren will. Von der anderen Seite kommt ein junger Mann, der Anstalten macht, an die Hauswand zu pinkeln. Im letzten Moment sieht er mich dann doch noch, was ihn aber nicht in seinem Vorhaben stört. Wie kann man nur.

Zwei Minuten später sind er und zwei Freunde von ihm am vor mir Einchecken in die Herberge. Sie diskutieren ewig herum, bestimmt 10 Minuten, und ich werde schon reichlich ungeduldig und unleidlich in meiner Regenmontur. Zur Ablenkung mache ich mich auf den Weg in die Stadt in Mission Abendessen Einkaufen. Als ich dazu eine weitere Treppe in Angriff nehme, merke ich plötzlich, wie meine Beine ziemlich schmerzen und ziehen. Unterwegs war ich mal wieder derart im Laufrausch, dass ich nicht drauf geachtet habe, aber nun kommt mir doch wieder in den Sinn, dass ich heute schon eine lange Etappe in den Beinen habe und vielleicht nicht unsinnigerweise durch die Gegend laufen sollte. Die Wahrscheinlichkeit, am frühen Nachmittag einen Supermarkt zu finden, ist vermutlich eh moderat. So trapse ich zur Herberge zurück, wo der Herr Wandpinkler und Konsorten immer noch laut am Diskutieren und Kichern sind. Ganz, ganz schlechte Schwingungen.

Als ich endlich dran bin, hellt sich meine Stimmung auch nicht gerade auf, als mir die Dame am Empfang mit biestiger Miene zu verstehen gibt, dass es zwar eine Küche hat, aber keinen Herd. Das 8-Bett-Zimmer ist fast schon überfüllt mit den drei Italienern, und als nach mir noch eine Koreanerin kommt und schon ein oberes Bett besiedeln muss, wird es erst recht eng. Die Italiener sind der Knüller, sie stecken die Köpfe zusammen und lästern völlig unbekümmert über alles, was ihnen über den Weg läuft. Sie hocken auf ihrem Bett, gucken mich abschätzig an und tauschen sich aus, was ich für einen Eindruck auf sie mache (vermutlich einen angepissten). Mir geht ja schon nicht in den Kopf, wie man an eine Herberge urinieren kann, wenn man dort eh gleich eincheckt, aber wie man sich auf dem Camino auf Italienisch unterhalten kann und das Gefühl haben, nicht verstanden zu werden, das erst recht nicht. Mir schwillt schon wieder eine imaginäre Hirnschlagader, während in meinem Kopf wild hin- und herrast, ob ich jetzt einfach auf Deutsch eine wüste Schimpftirade loslassen soll oder auf Spanisch. Letzteres würde wohl einleuchtender vermitteln, dass ich sie verstehe, wäre aber vermutlich nicht ganz so souverän. Glücklicherweise gehe ich statt dessen duschen.

Mit mir am Abtrocknen ist dann auch die weibliche Komponente meines Lieblingstrios, die neben einer Originalflasche Shampoo auch noch eine Originalgröße von etwas dabei hat, was ich meinen Haaren nicht mal zu Hause gönne. Meine Stimmung wird nicht ausgeglichener, dazu noch die unpersönliche, kalte Herberge. Überall hängen Schilder, was man alles nicht darf, z. B. keine Türen schlagen. We don’t want that. In der Küche hängt ein Zettel, dass Essen nur aufgewärmt werden darf und keinesfalls gebraten. Die Dame des Hauses hat Glück, dass der Herd im Moment eh in Reparatur ist, ansonsten hätte ich mir höchst garantiert heute Abend Paprika frittiert.

Ich bin in einer ungewohnt aggressiven Stimmung, die dann auch sehr bald ins Weinerliche schwappt. Ich gehe zum ersten Mal ins Internet; trotz heimeligem Pfefferminztee (aus der Mikrowelle) und Feuer im Kamin fühle ich mich einfach richtig einsam. Helmut ist immer noch nicht da; im Moment habe ich sogar schon richtig Sehnsucht nach seinem summenden Gequassel.

In Anbetracht des morgigen Sonntags und anschließenden Feiertags kaufe ich etwas mehr als nötig in einem unfreundlichen Supermarkt ein. Auf dem Rückweg sticht mir eine Tafel mit „Empanada con pulpo“ ins Auge. Das erscheint mir irgendwie versöhnlich an diesem grauen Tag. Die junge Frau in dem Laden packt gerade einem älteren Herrn liebevoll seine Einkäufe ein, lässt seiner gesamten Verwandtschaft liebe Grüße ausrichten und hält ihm die Tür auf. Auch zu mir ist sie ähnlich freundlich, strahlend und zuwendungsvoll. Ich bekomme mein Teigteilchen mit ganz vielen lila Beinchen und Tentakeln und Saugnäpfen und bin richtig traurig, dass ich ja schon eine volle Tasche vom Supermarkt habe. Das Brot und die Früchte bei ihr sehen tausendmal besser aus – und liebevoller.

Auf dem Rückweg laufe ich Helmut und seiner Grinsefreundin über den Weg, die sich auch gerade in die Stadt aufmachen. Sie sind in der anderen Herberge abgestiegen. Die Freundin grinst, dazu hätte sie ihn überredet. Die liebevollen Pulpo-Schwingungen halten nicht lange vor, ich bin schon wieder durch und durch gehässig und denke nur wütend „schon klar“. Ich habe wenig Lust auf kleine Konkurrenzkämpfchen um die Gunst der wenigen interessanten Begleiter, sodass ich den Herrn mit den Schwingungen resigniert ihr überlasse.

Zur Superstimmung passt dann auch noch mein Eintopf aus der Dose, der ewig nicht richtig warm wird, ich schleppe den übervollen Teller sicher dreimal vom Tisch doch nochmal zurück in die Mikrowelle. Ein paar spinat- oder suppenkrautähnliche Fäden schwimmen in einer leidigen Brühe mit Fettaugen. Jippie.

Ich rede ein bisschen mit einer ansonsten netten Koreanerin, die aber leider nicht so viel Englisch kann. Pulpo kennt sie und probiert begeistert meine Empanada. Gegen Abend kommt tropfnass auch noch die spanische Radpilgerin, die ich in Frómista getroffen habe. Alle sitzen mehr oder weniger bedröppelt um den Kamin, vor dem alle Schuhe und Einlegesohlen aufgereiht sind und ein windschiefer Wäscheständer balanciert. Vermutlich sind alle so verzweifelt mit der Nässe, dass sie geröstete Socken und geschmolzene Schuhe in Kauf nehmen.

Bei jedem Mal Treppelaufen tut mein linkes Bein beachtlich weh. Im Schlafraum inspiziere ich es mal sicherheitshalber und kriege eine halbe Krise, weil es schon wieder dick aussieht. Je länger ich schaue, desto dicker wird es natürlich. Ich bin schon wieder so verunsichert, dass ich sogar die anwesende Radpilgerin frage, ob sie mal kurz meine Beindicke anschauen kann. Zuerst schaut sie mich recht erschrocken an. Offensichtlich wirke ich einen Hauch von verzagt, denn sie guckt diensteifrig, um dann wunderbar liebevoll zu sagen, dass es wenn, dann höchstens einen kleinen Hauch dicker ist, wirklich nur einen Hauch, und ich mir keine Sorgen machen soll.

Mache ich mir natürlich doch. Der Tag ist in vielerlei Hinsicht eh schon im Eimer, jetzt auch noch das Bein. Ich gehe um 7 ins Bett. Ist bestimmt wieder der Knüller für meine italienischen Freunde, und ich finde es selber auch etwas befremdlich, aber ich weiß mal wieder nicht weiter und ziehe es vor, die nächsten Stunden in jeder wachen Minute zu beten, dass mein Bein morgen gut ist.

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Eine Irre in meinem kleinen Schlafraum packt ernsthaft schon morgens um 4. Ich wache kurz vor 7 auf und kriege einen kleinen Schreck, dass es schon so spät ist. Draußen ist aber noch alles ruhig. Einer der Hospitaleros macht Punkt 7 lautstark wenig besinnliche Musik an, offizieller Rausschmiss, ebenso unpersönlich wie der ganze Aufenthalt. Immerhin gibt es schon fertig heißes Wasser, ich genehmige mir noch einen heißen Pfefferminztee. Spartanisch wie ich manchmal sein möchte, habe ich auch gestern im Supermarkt auf eine leckere Luxussorte verzichtet. Und morgens überhaupt etwas Warmes zu haben ist Luxus genug.

Ich sehe von weitem Kristian den Gang entlanglaufen. Er lächelt mich schief an; mein Gedanke ist „mein Rucksack ist schon fertig gepackt und ich bin gleich weg“, was ich dann auch in die Tat umsetze.

Im Nieselregen durch die noch einsame, dunkle Stadt ist es wieder ein bisschen unheimlich – und trist, passend zu meiner Stimmung. Nach einer Viertelstunde treffe ich den seriösen Franzosen von gestern wieder; wir laufen zusammen weiter, und es tut unheimlich gut. Er ist so wunderbar spießig, stimmig und berechenbar. Ich habe das Gefühl, dass die ziellose Eisscholle, auf der ich grade noch allein auf einem dunklen Ozean gedriftet habe, an Land angedockt ist. Es tut mir auch gut, über den gestrigen Abend zu sprechen.

Nach einer Weile habe ich meinen inneren Frieden ganz extrem wiedergefunden. So intensiv, dass ich mich unbedingt wo hinsetzen möchte und etwas nachspüren. Columbrianos ist wie geschaffen dafür. Vor der dortigen Kirche habe ich schon in den Vorjahren intensive Pausen gemacht.

Nach dem Nieselregen kommt jetzt hinter gewaltigen Wolken ebenso gewaltig die Sonne hervor; ich habe das Gefühl, dass aus allen Richtungen Energie förmlich über mich hereinbricht. Unendlich glücklich packe ich meine netten Frühstücksaccessoires aus. Ich blinzele ins Gegenlicht, vor dem sich die mir wohlbekannte, humpelnde Silhouette mit der wippenden Isomatte abhebt, und es komplettiert einfach mein Gücksgefühl.

Kristian kommt zu meiner Bank, er grinst schüchtern und fragt, wie es mir geht. Ich kann kaum Worte finden, strahle, sage irgendwann dann „fine“ und er sagt ziemlich baff, dass man das sieht, ich sähe sehr gut aus (und damit meint er wohl nicht meine ladylike Erscheinung). Umgekehrt ist ihm heute wohl nicht so nach dem sonstigen obercoolen Pokerface, er gesteht, dass es ihm total scheiße geht, Kater von gestern, absolut keine Lust auf Laufen heute, sein Fuß ist wieder schlecht. Ich versorge ihn erstmal mit meinen Blätterteigstückchen und gebe ihm eine Energietransfusion. Er willigt sofort ein und gibt mir sogar noch ein Küsschen auf die Wange, es muss ihm also wirklich schlecht gehen.

Auf der Straße bleibt er kurz darauf plötzlich stehen und liest begeistert etwas auf. Zwei Büroklammern. Wie er mir erklärt, ist das in Norwegen ein unglaublicher Glücksbringer. Die Norweger hätten nicht viel erfunden, nur die Büroklammer, und wenn man zwei davon finden würde, Wahnsinn. Ich bekomme eines dieser ehrfurchtsvollen, rostigen Stücke.

Ein paar Meter später plagt ihn das schlechte Gewissen, es wäre eine Lüge, eigentlich würde außer ihm niemand wissen, dass es Glücksbringer sind. Aber er hätte sich gedacht, dass es auf dem Camino eine gute Idee wäre, um Leuten ein besonderes Geschenk zu machen. Ich finde es süß.

Auf den langweiligen Kilometern entlang der Straße muss ich dann doch noch meinen gestrigen Gefühlen Luft machen. Mein Donnerwetter, dass ich alles Essen lecker finde, das mit Liebe gekocht ist, und dass ich Lügen einfach absolut feige finde, erträgt er sehr kleinlaut. Meine Frage, ob er mal ein ernsthaftes Alkoholproblem hatte, kommentiert er aber wieder mit einem herzlichen Lachen. Was ich denn bitteschön mit „hatte“ meine. (Wieso überrascht mich das eigentlich nicht?)

Er kippt wieder schier aus den Latschen vor Hunger, sodass ich ihm wie üblich mein Baguette, Chorizo und Oliven überlasse. Wir sind ein super Team. Ich kaufe gern ein und immer zu viel und habe nie Hunger. Kristian hat nie Geld und immer Hunger.

In Cacabelos gibt es eine Bank, die noch offen hat. Kristian kann sein Konto plündern und ist überaus glücklich. Wir machen Mittagspause in einem kleinen Park. Ich setze mich immer auf meine Crocs-Imitate und meine Regenjacke, um keinen kalten Hintern zu bekommen. Zu spät fällt mir heute ein, dass ich im Spaß vorher Kristians Zigaretten konfisziert habe und in meiner Regenjacke versteckt. Mir tut es einerseits sehr leid, andererseits komme ich kaum aus dem Lachen heraus, als ich ihn über seine heiligen plattgesessenen Zigaretten informiere. Er lächelt fast liebevoll und meint, jedem anderen wäre er jetzt böse.

Kristian hadert mit seinem Fuß und der Tatsache, dass er heute einfach nicht laufen will. Ich habe aber wenig Lust auf die Herberge hier und nur 3 Stunden Tagespensum und mache mich einfach weiter auf den Weg. Kristian kommt fluchend hinterher.

Er meint, ich wäre unglaublich. Wenn man keine Lust mehr hätte und eigentlich fast aufgeben wollte, käme ich immer vor oder hinter ihm angehüpft oder geschwebt, und da könnte er dann gar nicht anders. Überhaupt scheint er eine interessante Vorstellung von mir zu haben. Er findet mich sehr ausgeglichen. Demnach hat er meinen Kampf mit den Tränen und dem Linsentopf in Foncebadón wohl doch nicht so mitgekriegt.

Er strahlt mich an und meint, heute wolle er meine „story of life“ hören. Ich strahle deutlich weniger, denn die will ich glaube ich nicht erzählen. Ich muss zugeben, die letzten Tage fühle ich mich meist ganz wunderbar, wirklich sehr ausgeglichen (wahrscheinlich macht es der Vergleich), das Laufen klappt wunderbar ohne Schmerzen und Probleme, ich laufe jeden Tag meine 30km, und meine heimischen Sorgen, die mir anfangs noch so wildes Kopfzerbrechen bereitet haben, sind unheimlich weit weg. Mein Leben besteht aus viel „fuck“ und „fucking“, viel spitzbübischem Grinsen, viel Verrücktheit und Emotionen.

Er akzeptiert das vollkommen und widmet sich eher einem anderen interessanten Gedankengang, wie er auch nur wieder von ihm kommen kann. Er erklärt mir, dass uns auf dem Camino ja wahrscheinlich jeder für Geschwister hält, „weil wir beide groß sind und unser Wanderdress ähnliche Farben hat“. (Ich vermute mal, dass jeder alles mögliche denkt, nur das nicht.) Und er hätte eine spannende andere Idee. Nachdem ihm jeder als Norweger unterstellen würde, reich zu sein, könnten wir doch vorgeben, dass er sich mit seinem vielen Geld einen persönlichen Guide alias mich leistet. Ich muss lachen und meine, ich Guide in Sparversion würde aber nicht nach viel Geld seinerseits aussehen. Er versteht das gar nicht, ich hätte doch superviel Caminoerfahrung. Süß.

Es geht auf meine absolute Lieblingsstrecke durch die Weinberge. Ich bin wie heute morgen in der Stimmung, das in mich aufsaugen und auf mich wirken lassen zu müssen. Ich lege mich unter einen schattigen Baum mitten in einem Weinberg. Kristian wirft mir ein Kusshändchen zu und läuft weiter.

Offensichtlich ist er wieder unheimlich schnell unterwegs, ich sehe ihn nicht mehr. Dafür habe ich meine Ruhe, um die Landschaft auf mich wirken zu lassen, und es ist absolut überwältigend. Ich habe das Gefühl, dass ich von Tag zu Tag offener und entspannter werde und intensiver fühle. Der blaue Himmel, die Sonne, die roten Weinberge, die Büsche und Bäume, alles berührt mein Herz und fühlt sich an wie eine stundenlange Energieinfusion. Ich mache Fotos wie eine Wilde und viele Pausen und könnte die Welt umarmen.

In Villafranca keine Spur von Kristian, und ich habe keine Ahnung, in welcher Herberge er ist. Ich frage erst einmal in der Öffentlichen. Die Hospitalera erinnert sich zwar mit leuchtenden Augen, meint aber, er wäre in die andere Herberge weitergegangen. Ich verabschiede mich freundlich entschuldigend und frage in der mir aus dem Vorjahr bekannten Unterkunft. Zum ersten Mal reagiert ein Hospitalero entgegengesetzt auf unsere so-called Geschwisterbeziehung. Er ist höchst misstrauisch, will mir keine Auskunft geben und fragt, ob ich ihn verfolgen würde. Herrje, ich muss ja einen schlimmen Eindruck machen, wenn er sich so um sein norwegisches Prachtexemplar sorgt, das sich interessanterweise in dieser Herberge als 10 Jahre älter eingetragen hat. Er begleitet mich hoch in den Schlafsaal und verschwindet erst erleichtert, als Kristian mich zu kennen scheint.

Durch den großen Schlafsaal mit knarrenden Metallstockbetten erreicht man über eine halsbrecherische Hühnerleiter eine kleine Empore, auf der ich letztes Jahr genächtigt habe. Klettert man noch durch ein kleines Loch in der Wand, erreicht man einen Miniraum unter der Dachschräge, in der zwei Matratzen auf dem Boden liegen und von wo man durch eine Dachluke und ins Dach geschnitzte Sterne den Himmel sehen kann. Dort logiert schon Kristian, und aus Rücksicht auf seine Nähephobie könnte ich mich jetzt in den Schlafsaal verziehen. Aber er hat nichts dagegen, dass ich ihm Gesellschaft leiste.

Ich mache mich ans Duschen und Wäschewaschen. Nachdem es hier keine Küche mit Resten gibt, die es als erste Amtshandlung aufzuessen gilt, ist Kristian bereits am Duschen. Ich muss mir schwer ein Lachen verkneifen, so göttlich ist seine Geräuschkulisse. Er hustet locker 10 Minuten am Stück aus tiefster Lunge, abgewechselt von Prusten und geträllerten Liedfetzen.

Meine Wäsche hänge ich schon mal leicht pessimistisch veranlagt unter dem Wellblechdach auf, denn es beginnt, intervallweise zu nieseln. In den sonnigen Momenten setze ich mich auf die Bank im Innenhof und widme mich meiner meditativen Caminobeschäftigung, dem Bändelknüpfen. Kritisch kommentiert von Kristian, ob ich das eigentlich für jeden mache. Er ist beruhigt, als ich das verneinen kann. So intensiv wie für ihn habe ich noch nie in ein Bändel hineingeknotet.

Beim Aufräumen hat er einen kleinen Stein wiedergefunden, den er eigentlich am Cruz de Ferro niederlegen wollte. Den bekomme jetzt ich. Lustig, wie sehr mich hier Steingeschenke bewegen.

Der Regen nimmt zu, es windet und ist kalt. Wir ziehen uns in unseren Hühnerverschlag zurück, und mir fällt so langsam die Decke auf den Kopf. Ich ärgere mich, wieder in einer gleichen Herberge zu sein, noch dazu in einer, die ich schon im Vorjahr nicht gemocht habe. Ich ärgere mich, schon wieder einen Camino im April gemacht zu haben, obwohl ich im Vorjahr schon zwei Wochen durch den Regen gestapft bin und in den Herbergen unter drei Decken gefroren habe. Ich liebe meinen Norweger heiß und innig, aber zum einen ist er ordentlich anstrengend, zum anderen ist das eben auch nicht der Camino, wie ich ihn suche. Das wird mir noch bewusster, als Kristian mich fragt, ob ich diesmal auch wieder so viel Gott spüre. Ich muss sagen, ich spüre absolut nichts, in den Kirchen nicht und auf dem Weg nicht. Die etwaigen Zeichen finde langsam selbst ich etwas an den Haaren herbeigezogen. Kristian sinniert, dass es vielleicht daran liegt, dass ich mit ihm laufe. Ich zucke mit den Schultern und sage recht verbittert „wahrscheinlich“.

Nachdem sein Fuß wieder schlecht ist, streckt er ihn mir zur Wunderheilung hin. Meine Hände sprechen heute aber absolut nicht, und in mir ist auch kein Funken Energie und Optimismus. Er erzählt begeistert, dass so viele Ärzte und Pseudoexperten daran herumgedoktert hätten ohne Erfolg, und ich hätte ihn geheilt und wäre jetzt sein Wunderdoktor. Ich fühle mich leer.

Wir gehen zusammen in die Stadt, einen Supermarkt für ihn und einen Film für meinen Foto für mich. Auf halbem Weg lasse ich ihn zu seiner Verwunderung stehen. Ich weiß auch nicht, was plötzlich mit mir los ist. Vor ein paar Stunden noch die Energiedurchflutung in der sonnigen Traumlandschaft, jetzt der kalte Nieselregen außen und in mir. Ich komme mir blödsinnig vor. Ich komme keinen Schritt weiter mit meinen Problemen, ich lerne keine inspirierenden Pilger kennen, und meine Gesellschaft ist entweder rastlos hyperaktiv, geistig abwesend, unberechenbar oder besoffen. Nach 2 Wochen bin ich dann keinen Deut schlauer wieder in meiner Welt, und was bleibt, ist wohl nur, dass ich ständig „fuck“ denke.

Ich bin in Endzeitstimmung, was Kristian angeht. Ich frage ihn, ob er immer noch meine „story of life“ hören will. Will er. Hinterher fühle ich mich komplett beschissen, leer, deprimiert und rastlos. Weg ist die Pilgerin, die immer glücklich beschwingt den Camino entlangschwebt, immer lacht und ihr Leben im Griff hat. Weg ist auch die wunderschöne Verbindung zu Kristian.

Dafür erzählt er mir noch einen weiteren Knüller aus seinem Leben. Ich bin einfach nur leer und verzweifelt, aber er merkt es gar nicht, ist hinterher aber deutlich ruhiger und sortierter und sehr glücklich. Er hätte das lange niemandem erzählt, und er wirkt befreit. Schön für ihn. Ich flicke ihm seine Trekkinghose, sprinte die Hühnerleiter hinunter, um seinen Schlafsack vor einem Regenguss von der Leine zu retten und hole ihm Wasser, wenn er gerade zu faul zum Aufstehen ist, weil es unter seiner Decke so schön warm ist. Er fühlt sich wieder wunderbar, liebt diese Herberge und ist glücklich. Ich fühle mich wie im Lied von „Echt“, wie ausgekotzt, und wo war bitte jemals eine Verbindung zwischen uns, wenn er das nicht einmal merkt.

Ich gehe zum gemeinschaftlichen Abendessen. Dort treffe ich Chuck und Amber vom ersten Tag. Beide wirken heute allerdings etwas geschafft und ruhig. Chuck sagt den ganzen Abend kein Wort. Als ich ihn später allein im Schlafsaal antreffe, tut er mir direkt leid. Vielleicht arbeitet der Camino doch etwas an ihm.

Kristian liegt schon unter der Dachschräge. Irgendwie hat wohl auch er langsam etwas gemerkt. Er meint, sein Fuß würde wohl nicht mehr so richtig, und morgen würde er wohl nur eine Minietappe machen. Es ist für uns beide keine Frage, dass sich damit unsere Wege trennen werden.

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Gegen 7 Uhr wache ich auf, unter meinen vielen Decken habe ich erstaunlich warm geschlafen. Draußen rumoren die kanadischen Heinzelmännchen schon leise in der Küche, es duftet nach Kaffee und geröstetem Brot.

Ich genieße ein letztes Mal meine liebgewonnene Kleinfamilie. Mein Hospitalero sagt, es wäre schön gewesen, dass ich dagewesen wäre. Kann ich so nur bestätigen.

Zum Abschied legen uns die Herren ganz patriotisch nochmal das Hallelujah in den CD-Player, und wir bekommen einen Pin mit der kanadischen Flagge an die Jacke gesteckt sowie eine Umarmung mit auf den Weg. Ich bin reichlich bewegt, sicher eine der denkwürdigsten und intensivsten Herbergsübernachtungen.

Ich frage Kristian, ob er auch mal für mich singt. Definitiv nie und nimmer; nur weil er mal in einer Band anfangen wollte, sollte doch nicht jeder dämlich denken, dass er jetzt ein Supersänger wäre, ich solle doch den Italiener fragen, der schon seine zweite CD draußen hat und ihn nicht nerven. Heute morgen hab ich noch etwas zu wenig Verständnis dafür, und so schicke ich ihn allein voraus.

Über Nacht hat es geregnet, und noch ist alles im Nebel. Am Cruz de Ferro ist es leider immer noch neblig, und von Kristian und Luca keine Spur. Ich lege meine beiden Steine nieder, den von Kristian und den von einer Arbeitskollegin von zu Hause. Beiden wünsche ich von Herzen alles, alles Gute und dass sie erkennen, was für wunderbare Menschen sie sind.

Und allen Ernstes bricht in diesem Moment am Himmel hinter dem Kreuz ein Sonnenstrahl durch den bedeckten Himmel. Ich bin so dankbar, dass meine Steine diesmal mehr Anklang gefunden zu haben scheinen.

Ich denke an Kristian und habe ein schlechtes Gewissen, dass ich heute morgen so rumgezickt habe. Ich dachte, ihn bald wieder einzuholen, aber offensichtlich ist er wirklich deutlich schneller als ich und hat wahrscheinlich nicht so lang ergriffen am Kreuz vertrödelt. Mit diesen Gedanken komme ich an eine Wegmarkierung, unter der in die Erde gekratzt mein Name und „hola“ steht. Ich bin darüber fast so glücklich wie über den Sonnenstrahl, offensichtlich ist Kristian mir nicht böse.

In Manjarín ist zwar einiges los, aber wieder keiner meiner beiden Jungs. Die Landschaft liegt immer noch im Nebel, zwar schön verwunschen, aber nachdem ich den grandiosen Ausblick auf die Schneeberge kenne, den man hier eigentlich haben könnte, fühlt es sich eher leer an.

Ich laufe viel zu schnell den gerölligen Weg abwärts; ich könnte warten, dass es aufklart, um diese Königsetappe gebührend genießen zu können, aber ich will Kristian wiedertreffen. Kurz vor El Acebo sehe ich ihn dann auch wirklich von weitem, deutlich erkennbar an seiner wippenden blauen Isomatte. Aber er läuft nicht allein, und mir wird plötzlich bewusst, dass er vielleicht gar keine Freude dran hat, wenn ich plötzlich wieder auftauche. Und mit einem Schlag wird mir bewusst, dass auch das Hola wohl gar nicht von ihm war, sondern von Luca. Ich fühle mich immer enttäuschter und leerer und frustriert, weil ich zwar schon fast jogge, aber überhaupt nicht aufhole.

Im Dorf habe ich sie fast eingeholt, ich erkenne, dass seine Begleitung der Italiener mit dem Riesenstab ist. Sie biegen in eine Bar ab, und ich laufe weiter. Irgendwie mangelt es mir gerade an Selbstvertrauen, ich habe das Gefühl, dass die beiden wunschlos glücklich miteinander sind und ich einfach überflüssig. Ein paar hundert Meter später stoppe ich dann doch, was habe ich hier von Stolz und beleidigter Leberwurst. Ich muss sicher eine halbe Stunde warten, aber das ist es mir dann doch wert.

Ich bin gespannt, wie Luca die spezielle Herberge erlebt hat – er ist komplett begeistert und von der Rolle. Außer ihm war nur ein weiterer Pilger da, dafür fünf Bewohner, er erzählt begeistert, mit welchen Religionen sie sich da beschäftigen und welch interessante Menschen das waren. Einem ist passend zu Ostern in den Händen das Christusmal aufgetaucht, direkt vor den Augen des Italieners. Für beide war es ein unglaubliches Wunder, und er ist noch komplett konfus und ungläubig. Ich freue mich sehr für ihn, dass er diese Erfahrung machen durfte. Generell ist er eher ein logischer Denker, wenig offen für Gott und die Magie des Caminos, und ich wünsche ihm sehr, dazu Zugang zu bekommen.

Wir haben zu dritt recht viel Spaß; als wir auf Chuck zu sprechen kommen, machen die beiden Musiker aus dem Stehgreif einen Song auf ihn. Kristian rappt die typischen „come on, guys…!“-Phrasen, während Luca die Soundmachine dazu macht. Ich lache mich halb kaputt und genieße unheimlich diese Gesellschaft. Ich frage Luca wegen der Nachricht im Boden. Er weiß von nichts, dafür wird Kristian etwas verlegen. Ich bin so glücklich.

Kristian setzt sich irgendwann von uns ab, er läuft unheimlich schnell. Mir tut es ein bisschen weh, weil ich das Gefühl habe, dass er sich überflüssig gefühlt hat. Andererseits bin ich mehr als überrascht, dass meine Fußheilung wirklich etwas bewirkt haben muss. Er meint nach wie vor, der Fuß wäre absolut perfekt, und sein Laufstil spricht dafür.

Luca fragt mich interessiert über meinen Glauben aus. So ganz die gleiche Wellenlänge haben wir nicht, er ist mir zu analytisch. Ich soll ihm alle möglichen Bibelstellen belegen oder erklären; was weiß ich. Ich glaube einfach, dass es einen Gott gibt, der auf mich aufpasst und den ich hier immer wieder spüre. Ob man das auch alles anders erklären kann, ob es nicht auch mit Schicksal oder Leben erklärbar ist, das überfordert mich bzw. erscheint mir überflüssig. Ich finde es ein bisschen anstrengend und bin froh, am Ortseingang von Molinaseca Kristian auf einer Bank beim Mittagessen wiederzutreffen. Luca schlägt vor, in Ponferrada gemeinsam zu kochen; eigentlich eine nette Idee, allerdings bin ich noch etwas traumatisiert von den Kochvorstellungen südländischer Männer. Bisher waren alle Versuche eher unentspannt und unharmonisch, und mein Exemplar hier scheint ja auch eher ein verbissener Planer als ein Spaßkocher zu sein.

Kristian fragt, wohin ich heute laufe. Ich bin ehrlich und sage, dass ich geneigt bin, dorthin zu gehen, wo er hingeht. Wir sitzen einträchtig auf einem Bänkchen, und er meint plötzlich zusammenhanglos, dass er das Gefühl hat, dass er in Santiago für mich singen wird. Nach dem intensiven Geziere im Vorfeld und dem „no never ever“ bin ich überrascht.

Luca möchte planerisch Nägel mit Köpfen machen zwecks des Abendessens. Ich ergreife spontan die Flucht und entschuldige mich damit, noch kurz bei Alfredo in der Herberge vorbeischauen zu wollen.

Ich treffe ihn auch wirklich an, er ist gerade am Putzen und wirkt etwas getreßt und angestrengt. Seine Herberge in Finisterre ist immer noch nicht fertig, er plant eine Herberge in einem Schiff. Dass das etwas Verwaltungsaufwand erfordert, kann ich mir vorstellen. Ich drohe ihm, dass ich jetzt jedes Jahr vorbeischaue und mich nach dem Stand erkundige.

Kristian läuft vorbei, und ich springe ihm hinterher. Er meint, Luca würde mich wohl mögen, er hätte höchst beunruhigt geschaut, dass er sich allein auf meine Fersen geheftet hat. Bin etwas belustigt bei der Vorstellung, dass hier irgendjemand interessiert oder eifersüchtig sein könnte. Ich fühle mich so unendlich elegant in meiner unförmigen Tchibo-Hose, der zerklatschten Frisur unter wahlweise Stirnband oder Schlapphut, dass ich eigentlich nur bei den Symbolen an den Waschräumen erinnert werde, dass ich eine Frau bin.

Durch die Vororte von Ponferrada gewinne ich weitere interessante Einblicke in das Leben von Kristian. Er greift begeistert nach verwitterten Spraydosen im Straßengraben, die zu seinem Bedauern leer sind. Normalerweise würde er damit seine Kleidung verzieren. Er freut sich auf eine große Bank in Ponferrada, wo er sein Konto plündern will. Er hat noch 14 Euro drauf, und die kann man anscheinend nicht mehr aus dem Automaten lassen, sondern muss persönlich vorsprechen. Ab und an arbeitet er bei seiner Mutter, wenn er das Gefühl hat, Geld zu brauchen. Wie ich heraushöre, hat er das Gefühl aber eher selten.

Ich habe gemischte Gefühle wegen der Herberge in Ponferrada; zum einen will ich ja nichts Bekanntes wiederholen, zum anderen reizt mich gerade nach der gestrigen so persönlichen Herberge der etwas seelenlose Riesenkomplex wenig.

Kristian geht es sehr ähnlich, er wird schon wieder komplett unruhig, als wir im Innenhof warten müssen, bis die Herberge öffnet. Er möchte am liebsten weiter, 12-18 km schrecken ihn dann aber doch. Zumal die 2-Personen-Hundehütten in Cacabelos mich jetzt auch nicht wirklich mehr reizen würden.

Ich habe ein leeres Damen-4-Bett-Zimmer und erledige mein Waschprogramm. Kristian steht unschlüssig in der Eingangshalle und meint, er wartet jetzt halt, bis ich fertig bin, was soll er auch sonst tun. Luca möchte mit uns ja einkaufen gehen und dann in die Stadt, und jetzt warten wir also auch auf Luca, bis der geduscht und tagebuchfertig ist. Zu allem Überfluss hat noch Chuck in ihrem Zimmer eingecheckt, und der freundliche Luca hat ihn auch zum Abendessen eingeladen. Kristian wirkt wie ein Häufchen Elend bzw. wie ein komplett eingesperrter Tiger, sodass ich ihm vorschlage, dass er ja nicht mit muss. Er strahlt unheimlich dankbar und erleichtert und lässt sich das nicht zweimal sagen.

Meine Vorfreude hält sich auch in Grenzen. Ich verbringe etwa eine Stunde mit Warten auf den ausgemachten Termin zum Losgehen. Richtig relaxen und entspannen kann ich nicht, ich warte einfach und fühle mich sehr unfrei. Wie ich befürchtet hatte, Luca ist furchtbar kompliziert und sehr sparsam. Dass es Öl nur in Literflaschen gibt, stellt ihn vor unlösbare Probleme. Er steht 5 Minuten vor dem Regal und wird immer verzweifelter, und gleiches vor 10 anderen Regalen, wo es auch wieder um 50 cent hin oder her geht. Er will Spaghetti Carbonara kochen, und mir blutet das Herz, dass ich in so einem wunderschönen Supermarkt mit so viel Auswahl an exotischen Sachen stehe, aber eigentlich außer Frühstück nichts einkaufen sollte.

Ich erkläre Luca, dass ich noch ein bisschen schauen will und den Einkauf nachher allein zurücktrage. Er ist wieder ganz irritiert, dass wir demnach jetzt gar nicht zusammen Stadtbummeln. Es tut mir sehr weh, seine Enttäuschung zu sehen, aber ich fühle mich derart unfrei und beengt, dass sich Frustration und Resignation noch breiter machen, wenn ich so weiter mache.

Ich kaufe wenigstens noch Erdbeeren und meine geliebten grünen Minipaprikas, die sich hoffentlich in Lucas Menüprogramm integrieren lassen. Draußen regnet es in Strömen, ich habe natürlich nur mein schönes Nachmittags-Fleece-Programm an und werde ziemlich nass.

Siedendheiß fällt mir ein, dass durch das unsägliche Kochen wohl auch meine Abendmesse flach fällt. Ein Stück weit ist es vielleicht Glück, dass der Hospitalero mir erklärt, dass sie die Kapelle zwar aufmachen, dort aber nie Messen gehalten werden. Aus dem Vorjahr bin ich da ziemlich anderer Überzeugung.

Ich gehe in den Leseraum, der diesmal leider auch nicht seine beruhigende und besänftigende Wirkung auf mich hat. Kristian sitzt dort schon am Rechner und hackt stundenlang vor sich hin. Seine Mission Kontoplündern ist schiefgegangen, die Banken hatten bereits zu. In Vorfreude auf das Geld hat er aber schon mal vorher alles Bisherige in Zigaretten und Bier investiert und ist jetzt komplett pleite.

Ich knüpfe ein weiteres Bändel, um die Zeit bis zum Kochen totzuschlagen. Für ein paar Minuten gehe ich in die kleine Kapelle, aber meine Stimmung ist heute einfach moderat.

Kristian zeigt mir auf dem Rechner Fotos von sich, seinen Collagen, seiner Familie, und ich darf mir seine Lieblingsmusik anhören. Vorher erklärt er mir aber noch mit abwesendem Blick, dass er morgen entweder früh losgeht oder den Bus nimmt, er hält die Leute nicht mehr aus. So etwas habe ich kommen sehen. Trotzdem bricht für mich eine Welt zusammen, und ich frage nur, was denn dann aus meinem versprochenen Lied in Santiago wird. Er meint, dann wartet er halt dort auf mich.

Ich schaue sein desperates Lieblingslied, während sich in mir unendliche Leere breit macht. Offensichtlich spürt er das, denn er legt mir kurz eine Hand auf den Rücken – ein Riesenschritt bei seiner Nähe-Phobie. Danach kann ich es fast schon wieder mit Humor sehen, ich witzele, dass er mit seinem Klumpfuß eh nicht weit kommt und für einen Bus doch kein Geld hat. Er lacht.

Wir gehen runter in die Küche, um Luca beim Kochen zu helfen. Er ist schon voll konzentriert am Zwiebeln schneiden (akribisch genau, wie ich es mir schon dachte), auch sonst sieht es eher aus, als würde jede Hilfe seine Kreise stören. Man merkt ihm an, dass es ihm ganz wichtig ist, dass sein Essen perfekt wird. Er ist ein stolzer und sehr empfindlicher Mensch, der seinen Wert vermutlich auch etwas von seinen Erfolgen abhängig macht. Ich würde ihm gerne das Gefühl geben, dass er gar nichts machen oder beweisen muss, aber was ich auf diesem Camino so oft habe, diese wortlose Verbindung zur Seele, den Emotionen oder zum Herzen anderer, bei Luca macht zu viel Nachdenken sie zu einer Einbahnstraße.

Ich wasche und brate meine Minipaprikas in Öl, bin nach 2 Minuten fertig mit der Vorspeise, zeitgleich wie Luca mit dem Zwiebelschneiden. Kristian ist extrem abwesend und unruhig und hat derweil bestimmt schon die dritte Zigarette geraucht. Ich verpflichte ihn zum Erdbeerwaschen. Er strahlt, das kennt er, er hat wohl auch mal in dieser Mission gejobbt. Komischerweise erstaunt es mich nicht weiter, als er beiläufig erwähnt, auf der Straße zu leben.

Wir schnipseln einträchtig im Akkord Erdbeeren; er moniert, dass ich ja gar nicht die schlechten Stellen wegschneide. Ich widerspreche, dass meine Erdbeeren einfach keine schlechten Stellen hätten. Er kann es nicht glauben, aber Tatsache, ich greife automatisch die makellosen, er automatisch die, die etwas mehr Sorgfalt erfordern (und die hat in Sachen Küche und Haushalt definitiv er). In das Schweigen sagt er irgendwann, dass wir wie Ying und Yang wären. Völlig verschieden, aber es würde trotzdem funktionieren. Irgendwie ist es wieder genau das, was ich in diesem Moment fühle. Mir schnürt es alles zusammen.

Luca verzweifelt derweil, weil das Wasser in seinem Riesentopf nicht kochen will. Zum Glück trifft er einen französischen Weggefährten wieder, den ich am Nachmittag schon kurz kennengelernt habe. Er ist Bibliothekar, hat schüttere Haare, trägt Brille, Bügelfaltenhemd und sehr viel Sonnenmilch, und Luca scheint sich bei ihm besser entspannen zu können.

Ich frage Kristian, ob er sein Leben immer so weiterführen will. Er schüttelt sehr bestimmt den Kopf, nein, bald sucht er sich ein Girl, nimmt sich eine Wohnung, bekommt 5 Kinder und liebt sein Girl abgöttisch bis ans Ende seines Lebens. Die Mischung aus penetranter Bierfahne und Rauchgestank gepaart mit der inbrünstigen Überzeugung eines 5-Jährigen, der erklärt, später mal seine Mama zu heiraten, weil sie die tollste Frau überhaupt ist, macht mich betroffen. Dann ist Kristian schon wieder weg, draußen am Rauchen, obwohl es regnet und er in Wollsocken rumläuft. Ich fühle mich zunehmend hilflos.

Endlich sind die Spaghetti fertig und der Tisch gedeckt. Der Deutsche, der ihr Zimmer teilt und deswegen auch eingeladen ist, ist netter als erwartet, und Chuck ist zum Glück in wichtiger Mission noch in der Stadt (um seinen Blog auf Vordermann zu bringen), und wir sollen ihm nur etwas aufheben. Der Franzose hat sich auch breitschlagen lassen, und so freue ich mich in doch noch netter Runde nach einem anstrengenden Tag mit viel Koordinieren und Warten und zwei schwierigen Männern auf das toll aussehende Essen.

Nach dem ersten Probieren meint Kristian viel zu laut zu mir, dass es ihm gar nicht schmeckt. Es würde nichts taugen, und er könne das 200 x besser. Luca hat gefühlte Tränen in den Augen, läuft rot an und fragt zutiefst gekränkt und aus der Bahn geworfen nach Verbesserungsvorschlägen. Kristian behauptet völlig ungerührt, er hätte doch gar nichts gesagt in diese Richtung und lügt ein zweiminütiges Märchen zusammen. Der Deutsche ist ein sonniges Gemüt, aber der Franzose neben mir ist ungefähr genauso geschockt wie ich.

Meine Empathiebahnen richten sich in Windeseile um Luca aus. Ich weiß so genau, was dieses Kochen und dieser Abschlußabend für ihn bedeutet haben, und umgekehrt auch, was Kristian bei ihm angerichtet hat. Die reichliche Alkoholgrundlage der Nachmittagsbiere hat Kristian noch philosophisch-melancholisch gemacht. Die Flasche Rotwein jetzt macht in einfach nur noch aggressiv. Er diskutiert hitzig mit dem armen Luca, und nach zweimal „jetzt rede ich und Du wartest, bis ich fertig bin!“ ergreife ich die Flucht und gehe abspülen.

Mit einem Schlag fühle ich ihn überhaupt nicht mehr. Dafür sehe ich ihn jetzt zum ersten Mal mit den Augen, mit denen vor allem die besorgten Hospitaleros ihn wohl die ganze Zeit schon sehen.

Leider muss ich Luca schon wieder enttäuschen, indem ich mich um 21.00 ins Bett verabschiede. Er ist komplett überrascht, aber ich verabrede mich mit ihm für Santiago. Er nimmt morgen den Bus, um seinen Pilgerfreund einzuholen, läuft dann bis Finisterre, und an meinem letzten Tag sollte er eigentlich auch wieder in Santiago eintreffen. Luca wäre nicht Luca, würde er nicht einen festen Termin abmachen wollen. Nachdem ich wirklich noch nicht weiß, was bin dahin ist, sage ich, der Camino wird uns schon wieder zusammenführen, wenn es so sein soll. Er lacht. Heute in den Bergen habe ich ihm von dieser Art Lebensmotto von mir erzählt. Eigentlich ist es

„Gott gibt einem nicht, was man will, sondern was gut für einen ist“.

Für Luca hatte ich Gott durch Camino ersetzt, und er war so begeistert davon, dass er direkt sein Schreibzeug hervorgekramt hat.

Vielleicht sollte ich mir dieses Motto auch jetzt vor Augen halten. Was ich will, habe ich wirklich nicht bekommen. Dass es vielleicht gut war, ist naheliegend. Trotzdem fühle ich mich eklig leer und enttäuscht, ich fühle mich einfach nur wie „ich“, allein mit meinem Kopf, Seele und Herz. Keine Bahnen und Bindungen zu anderen Pilgern, die weh tun oder Wärme spenden oder einfach ein Gefühl von Nähe geben. Ich glaube, am meisten mag ich diese Bahnen, weil sie magisch sind und sie sich anfühlen, als ob jemand über mir sie legt und lenkt.

Ich packe meinen Rucksack wieder vor und lege die Stirnlampe neben das Bett. Wenn Kristian morgen aufsteht, will ich weg sein.

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Die Kilometer hinter Ponferrada gehören nicht gerade zu meinen Lieblingsstrecken. Bis Cacabelos führt der Weg auf asphaltierten Straßen entlang, durch lauter kleine, langezogene Städtchen. Nach den Bergen und der Einsamkeit der letzten Tage ist mir das etwas monoton und unspektakulär.

In Cacabelos möchte ich heute eigentlich noch nicht stoppen, und so kommt es mir entgegen, dass die Herberge dort ohnehin diesen Monat geschlossen hat. So geht es gleich weiter in die versöhnlicheren Weinberge.

In Villafranca del Bierzo bin ich hin- und hergerissen zwischen den beiden Herbergen. Wie meistens bin ich ziemlich früh dran, andere Pilger sind noch nicht da, sodass mir auch das keine Entscheidungshilfe ist. Ich entscheide mich für die Private, die laut Führer (und laut Angelo) einen sehr guten Ruf und viel „spirit“ haben soll.

In den Waschräumen wird mir allerdings nicht allzu warm ums Herz. Alles wirkt etwas heruntergekommen, und die Falttüren, die die Toiletten abgrenzen, sind fast ausschließlich wenig blickdicht beschädigt.

Im großen bewirteten Hauptraum treffe ich eine Gruppe spanischer Radpilger wieder, denen ich heute den ganzen Tag über immer wieder begegnet bin. Sie können es gar nicht fassen, wie ich so fliegen kann. Vermutlich liegt es weniger an meinem Fliegen, sondern an deren Affinität zum geselligen Leben in allen Bars entlang des Weges.

Ohne Ablenkung durch Bars ist natürlich auch wieder die lockenköpfige Französin eingetroffen. Mich nervt wie üblich ihre Thematisierung, wer es nun wieder wie schnell geschafft hat, aber ein Stück weit gehört sie langsam schon zum Caminoinventar. Seit León treffe ich sie sehr zielsicher in jeder Herberge an.

Ich setze mich mit meinem Tagebuch und Reiseführer auf eine Bank im Innenhof, als sich die Herberge langsam zu füllen beginnt. Ein Pilger mit spiegelnder Glatze fällt mir auf, und nachdem er sein Bett bezogen hat und etwas ziellos wieder in den Hof kommt, verwickle ich ihn in ein Gespräch. Er setzt sich nur allzu gerne dazu und überwältigt mich mit einer wahren Redeflut. Wahrscheinlich ähnlich wie ich die beiden Dänen in Astorga.

Er ist Belgier, heißt Jelle und ist heute seinen ersten Tag gelaufen. Das scheint ziemlich aufregend für ihn zu sein. Generell steht er ziemlich unter Strom, er erzählt von seiner Arbeit zu Hause, die ihn extrem stresst und fordert… und allein schon das Erzählen lässt eine gestresste Stimmung inmitten des sonnigen Innenhofes aufkommen. Das fällt auch ihm auf, so lacht er immer wieder kurz fast schon hysterisch, wechselt das Thema zu erholsamem Pilgerurlaub, um drei Sätze später schon wieder beim unausweichlichen Alltagsstress angekommen zu sein. Mir tut das fast ein bisschen leid, und ich versuche eine gewisse Ruhe zu vermitteln. Aber nein, er weiß recht resolut, wie das Leben läuft, man muss sich einfach total stressen, denn man ist entweder „in or out of the system“. Angesichts der vielen absolut relaxten und in sich ruhenden Pilger hier stimme ich dem nicht so ganz zu, vor allem weckt es meinen Widerspruch, als er selbstzufrieden meint, dass er ja zum Glück jetzt 10 Tage Urlaub hätte, um sich so richtig powerentspannen zu können. Denn dazu wäre der Camino ja wohl da, es sich mal so richtig gutgehen zu lassen. Irgendwas stört mich daran kolossal. Hier in der Herberge hängt so treffend ein Schild mit „a tourist demands, a pilgrim thanks“, und das vor mir ist sehr eindeutig ein Tourist.

Wie ein Maschinengewehr rattert Jelle über sein Leben, vor allem über die vielen Zwänge, denen man ausgeliefert ist und dass man es ja nicht in der Hand hat, etwas ruhiger zu leben. Auch mich bombadiert er mit Fragen zu meiner Arbeit und meinem Leben allgemein, und erst während des Gespräches fällt mir auf, wie wenig und ungern ich darüber eigentlich auf dem Camino rede. Jede Antwort kommentiert und bewertet er rigoros, er weiß ja eh alles besser. Mir geht das Gespräch zunehmend gegen den Strich, und so widme ich mich wieder meinem Führer. Aber Jelle ist nicht zu stoppen; selbst, als ich in meinem Tagebuch zu schreiben beginne, hört sein Verhör nicht auf. Irgendwann stehe ich genervt auch. Er meint, ich würde nicht sehr glücklich mit meinem Leben wirken. Grundsätzlich mag er recht haben, aber ich finde es in dem Moment eine Frechheit. Was geht es ihn an, und wie soll man nach seiner mehrstündigen Abrechnung auch überhaupt noch ausgeglichen und glücklich sein.

Ich bin eine Mischung aus abgrundtief wütend, verunsichert und deprimiert. Ich verkrieche mich erstmal auf meine Matratze und blase Trübsal.

Am späteren Nachmittag mache ich einen kurzen Abstecher in die Innenstadt zum Einkaufen. Ich treffe die beiden Zimmergenossen aus Hospital de Orbigo wieder, sowie eine bekannte Bundeswehrhose. Ich zerbreche mir den ganzen Einkauf über den Kopf, wo ich diesen Pilger schon einmal gesehen habe. Zeitgleich fällt es uns ein – von meinem ersten Tag in Burgos. Er ist Ungar, spricht wohl eigentlich deutsch, wählt aber lieber Zeichensprache und auch wieder schnelles Verschwinden.

In der Herberge dann ein weiteres Wiedersehen, diesmal mit den beiden lauten Deutschen aus Astorga. Während der sportlichere von ihnen, der sich als Bademeister herausstellt, zufrieden mit sich und der Welt zu sein scheint, ist sein dickerer Kollege absolut schweißüberströmt, krebsrot und dem Delirium nahe. Krachend lässt er sich auf eine Bank fallen, packt seine komplett lädierten Füße aus und wirkt generell eher unausgeglichen. Meine vorsichtige Frage, ob bei der Hitze kürzere Etappen für ihn nicht sinnvoller wären, beantwortet der unverwüstliche Bademeister für ihn mit „nein, nein, das packen wir schon“. Ich habe kein gutes Gefühl dabei (auch die anderen Pilger schauen etwas betreten), aber es sind ja erwachsene Menschen.

Gegen Abend schwebt auch in einer Wolke aus Ruhe, Meditation und Gelassenheit Angelo ein. Nach der eher traumatisierenden Begegnung mit dem Belgier und seiner gestressten Aura sehne ich mich nach etwas Angelo, allerdings gibt es ihn nur im Dreierpack mit zwei Französinnen, Mutter und Tochter. Sie haben in Foncebadón zusammen übernachtet und scheinen seither unzertrennlich zu sein. Aurélie ist Sportlehrerin und zeigt mir ein paar Dehnungsübungen. Sie ist mit ihrer Mutter in Frankreich gestartet, vor vielen Jahren. Jedes Jahr laufen sie ein weiteres Stückchen des Weges, je nachdem, wie sie Zeit haben. Sie ist sehr nett und natürlich, trotzdem bedauere ich es, nicht mit Angelo unter vier Augen reden zu können.

Zum Abendessen haben sich fast alle Pilger für das hauseigene Pilgermenü gemeldet, welches wir an zwei riesigen Tischen einnehmen. Neben mich hat sich zu meinem Schrecken Jelle platziert, aber ich ignoriere ihn absolut gekonnt und unterhalte mich lieber mit den beiden älteren Franzosen gegenüber. Es sind Brüder, einer von beiden ist frisch pensioniert, und an Sprachkenntnis, Wortwahl und Benehmen lässt sich unschwer ableiten, dass sie hier ziemlich undercover herumpilgern. Mir imponiert, dass sie alles zu Fuß laufen, alles selber tragen und sich in den Herbergen unter die Pilger mischen, auch wenn der Urlaub sonst wohl eher in 5-Sterne-Hotels stattfindet. Auch wenn sie sich sehr bedeckt halten, kann ich dem Pensionierten doch entlocken, dass er den Camino macht, um sich inspirieren zu lassen, wie er seinen nächsten Lebensabschnitt mit möglichst viel Sinn füllt. Vermutlich möchte er seine Fähigkeiten nun zum Wohle der Menschheit einbringen, und etwas daran beeindruckt mich sehr. Vielleicht am meisten, dass man seine beeindruckende Persönlichkeit und seine hohen Ziele ganz massiv spürt, ohne dass er sie betont oder überhaupt ausspricht.

Nach dem Essen fragt mich Jelle, ob ich wütend auf ihn wäre. Es ist sonst absolut nicht meine Art, aber in diesem Moment lüge ich einfach, lächele pseudoherzlich und beteuere „nein, wie kommst Du denn darauf“. Hauptsache, keine weitere Diskussion.

An der Wand in der Herberge entdecke ich ein sehr beeindruckendes Plakat. Für mich hat es sehr viel versteckte Wahrheit. Die meisten Pilger beginnen ihren Camino auf irgendeine Weise zweifelnd und gebückt, und wer auch nur eine Stunde den Platz vor der Kathedrale in Santiago beobachtet und die Ankunft der Pilger, der weiß zumindest, auf welcher Stufe sie ihren Camino beenden.

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Eine Strophe aus dem Kinderlied „Zwischen Berg und tiefem Tag saßen einst zwei Hasen“ beschreibt den Morgen in Perfektion:

„Als sie sich nun aufgerappelt hatt’n und sich besannen, ob sie noch am Leben, Leben war’n hüpften sie von dannen.“

Ich kann es kaum glauben, als ich morgens aufwache. Ich bin weder erfroren, noch rennen Ratten über das Bett. Draußen wird es schon hell, und weder hat nachts ein wilder Mann meine Tür eintreten wollen noch habe ich vor Ängsten und Alpträumen die halbe Nacht wachgelegen. Ich bin ehrlich verwundert.

Umso neu belebter packe ich recht schnell meine Sachen zusammen und schiele aus dem Spalt über der Tür. Draußen zeigen sich unglaublicherweise die ersten Sonnenstrahlen. Eigentlich hätte ich die schwarz-weiß-Umgebung von gestern erwartet, grau in grau mit Schneematsch. Statt dessen klar und sonnig. Und so einladend, dass ich mich auch schon traue, loszulaufen. Tomás streunt auch bereits um seine Hütte herum. Vielleicht ist er heute besser gelaunt oder es macht einfach die Sonne, auf jeden Fall wirkt er richtig freundlich, als er nach meiner Nacht fragt und ob ich Frühstück will. Ich bin höflich, alles prima, aber will dann doch schnell von hier weg.

Ein paar hundert Meter entfernt bleibe ich dann etwas außer Atem stehen, packe erstmal etwas zum Frühstücken aus und genieße den wunderschönen Ausblick. Der Nebel lichtet sich gerade über dem winzigen Dorf Manjarín, Sonnenstrahlen brechen überall durch, und die ersten Pilger aus Foncebadón überholen mich schon. Sie sind unbeschwert und glücklich, und es fühlt sich ganz komisch an, dass ich hier als einzige das Gefühl habe, als wäre die Welt gestern untergegangen – und heute neu erschaffen worden. Und ich bin mit dabei.

Der Weg hier ist für mich die Königsetappe des Jakobswegs. Hier trifft man zum ersten Mal auf die Berge, läuft in luftiger Höhe inmitten von Berggipfeln, die Vegetation ist eine ganz andere, und ich habe immer wieder das Gefühl einer Reise durch Zeit und Raum. Kaum hat man den höchsten Punkt erreicht, beginnt ein recht anstrengender und steiler Abstieg über Gestein und Geröll, der Staub und die ungeschützte Hitze erinnern mich an Wüste. Das erste Dort, welches nach einer gefühlten Unendlichkeit sichtbar wird, El Acebo, erinnert an ein Schweizer Bergdorf und ist ziemlich pittoresk.

Dann geht es in die Hitze Korsikas oder Korfus durch verschlungene Pfade voller Kastanienbäume und hoher Ginstersträucher, bevor mit dem kleinen Touristenstädtchen Molinaseca wieder spanische Caminorealität einkehrt.

Ich bekomme ein noch ofenwarmes Minibaguette und passiere wie auch im Vorjahr wieder eine Bushaltestelle, an der eine Gruppe Pilgertouristen wartet. Ein merkwürdiger Anblick. Aber im Gegensatz zu letztem Jahr, als ich das eher verachtet habe, bin ich diesmal milder gestimmt und einfach dankbar, dass ich die Möglichkeit, Zeit und Kraft habe, den Camino in seiner vollen Dimension zu genießen.

Vor der alten Herberge in Molinaseca mache ich meine Mittagspause. Eigentlich wollte ich hier dem Hospitalero einen Besuch abstatten, aber die Herberge ist noch geschlossen. Kein Wunder, es ist ja auch erst Mittag, und bei den ohnehin wenigen Pilger, die sich um diese Zeit im April auf dem Weg befinden, rückt Alfredo sicher erst gegen Abend an. Er betreut noch eine modernere Herberge auf der anderen Straßenseite und pflegt mit seinem Auto hin- und herzugondeln, um beides im Auge zu haben. In sofern halte ich nach seinem Auto Ausschau, vielleicht kommt er ja doch noch vorbei. Tut er nicht, dafür kommt die mütterliche Spanierin vorbei und leistet mir Pausengesellschaft. Es tut gut, ihr von meiner Nacht in Manjarín zu erzählen, das Ganze verliert seinen Schrecken und klingt eher abenteuerlich und spektakulär. Beim Thema Hygiene kreischt sie begeistert in den höchsten Tönen – ich bin direkt erleichtert, dass zu ihrem Weltbild vom deutschen Pilger außer eiskalt duschen nicht auch noch gehört, dass Deutsche gern im Dreck wohnen und gern erfrieren.

Schweren Herzens verlasse ich Molinaseca, ohne Alfredo getroffen zu haben. Die Spanierin hat es ein bisschen eilig. Sie hat einen Anruf bekommen, dass sie früher als geplant wieder arbeiten kommen muss, und nun möchte sie noch so viel wie möglich vom Weg mitkriegen. Statt wie ich nach Ponferrada will sie noch 2 Stunden weiter.

Ponferrada erreiche ich gegen 15:30 – und bin schon wieder etwas erschlagen von so viel Stadt. Schon aus der Ferne sieht man rauchende Industrieschlote, etwas, was mir so auf dem ganzen Camino nicht so aufgefallen ist. Allerdings sieht man die Orte natürlich selten so schön aus der Vogelperspektive wie heute. Die Herberge soll laut Führer ein kleiner Overkill sein, 300 Betten, auch das Größte, was ich je erlebt habe.

Vor Ort bin ich aber positiv überrascht. Zentral, aber doch ein ganz kleines bisschen abgelegen ist ein großes, abgetrenntes Areal, auf der einen Seite die Herberge, auf der anderen eine kleine Hauskapelle. Bevor die Herberge um 16.00 öffnet, ist man eingeladen, auf den Bänkchen in der kleinen Gartenanlage zu warten. Dort wartet bisher erst die lockenköpfige Französin, wieder einmal freudestrahlend, die Erste zu sein. Ihre Kommunikation geht auch immer nur dahingehend, sich selbstzufrieden auf die Schulter zu klopfen oder, wie es eine Freundin sagen würde, sich selbstzubeweihräuchern.

Pünktlich wird geöffnet, mittlerweile sind es doch etwa 30 Leute, die in der akribischen Schlange an der Rezeption warten. Alles ist sehr neu, sehr weiß, sehr sauber und eben etwas akribisch und perfekt. Allein schon die 4 Betreuer, die sich um die Organisation kümmern. Sobald ein gleichgeschlechtliches Grüppchen à 6 komplett ist (und nur dann), wird in das Schlafgemach geführt. Mein Grüppchen ist tendenziell eher älter, sodass mich die Betreuerin mit missbilligendem Blick darauf aufmerksam macht, dass die Jüngeren die oberen Betten belegen. Der Raum ist recht beengt und intuitiv könnte ich es mir nett vorstellen, alle nur halb zu belegen, aber ich fühle mich so wohl, dass ich gar nicht genervt sein kann. Nach der gestrigen Nacht ist diese Herberge wie für mich gemacht, die Sauberkeit und Organisation und Sicherheit macht mich ganz high.

Ich kann wieder heiß duschen, es fühlt sich befreiend an. Dann mache ich mich auf die Suche nach einem Supermarkt und treffe wieder auf einen absoluten Hypermarkt. Ein ganzes Regal fantastischer Nussmischungen, ein ganzes Regal exotischer Fruchtsäfte inklusive meinem heißgeliebten Mandarinensaft, Empanadas, die gefüllten Teigtaschen, Blätterteiggebäck für das Frühstück… für den Nachmittag plane ich ein Riesenomelette, diese Idee spukt mir schon seit meinem ersten Caminotag im Kopf herum. Angeblich holt sich der Körper, was er braucht. Vielleicht verlangen meine Muskeln ja nach Eiweiß und steuern mich deshalb zum Eierregal.

Und ich erfülle mir nach dem warmen Ohrenwärmer in Astorga einen weiteren Luxuswunsch, ich kaufe eine Gesichtscreme. Im Vorfeld habe ich das alles rigoros aus dem Gepäck verbannt nach dem Motto „Schnörkel“, aber nachdem sich mein Gesicht langsam ziemlich schält, kreisen meine Gedanken auch darum. Obwohl ich beruflich eigentlich Kosmetikexpertin bin, stehe ich sehr verloren vor dem Regal. Die spanischen Fachbegriffe verstehe ich nicht, die Marken sagen mir nichts, und nachdem es ja doch so leicht wie möglich sein soll, fällt ein Glastiegel auch flach. Ich hole mir schlussendlich eine perfekt gestylte Verkäuferin zu Hilfe, die mich recht süss und ein wenig hilflos berät. Auf Pilgerbedürfnisse ist sie wohl nicht so recht eingestellt.

Kaum habe ich den Laden verlassen, haue ich mir meine Feuchtigkeitscreme mit Aloe vera in dicker Schicht ins Gesicht. Um ehrlich zu sein habe ich mich vom sehr pflegeproduktbewussten José leiten lassen, der mir immer einen Vortrag gehalten hat, wie wichtig Gesichts-, Hand- und Fußpflege ist – und eben mit Aloe vera. Das Cremchen fühlt sich toll an, sodass ich es zurück in der Herberge auch gleich noch um meine Knöchel herum schiere. Da sieht die Haut nämlich langsam von den scheuernden Stiefelschäften auch schon etwas merkwürdig aus.

Ich mache mich in der riesigen Küche breit, leider gibt es weit und breit kein Öl. Ich frage die Betreuerin, die aber auch nur mitleidig lächelt (vielleicht habe ich statt Öl ja auch wieder Essig oder etwas ganz anderes gesagt). Ein kleines Männchen im Blaumann, der den Damen gerade Wechselgeld bringt, wedelt allerdings vielsagend mit den schmutzigen Händen und schleppt mir eine Flasche Öl an – ich bin selig. Ich koche mit zwei Spaniern, die sich ein atemberaubendes (und sehr gesundes) Menü schnitzeln, und habe direkt ein schlechtes Gewissen, als sie meine schön aussehende Tortilla loben. Tortilla ist gut, ich habe 4 Eier verquirlt.

Beim Wäschewaschen hinter dem kleinen Kirchlein treffe ich Helmut wieder, der mir dröhnend seine letzten Tage zusammenfasst. Eine Amerikanerin wäscht auch mit, und nachdem sie fusslahm ist, hat sie heute eine Minietappe von Molinaseca hingelegt. Ich erkundige mich begeistert, ob sie in der alten Herberge war und Alfredo getroffen hat. Hat sie der Beschreibung nach. Schön.

In meinem Zimmer lagert eine silberhaarige ältere Dame dahingestreckt auf ihrem Bett und moniert den Ausblick. Ich bin heute in Superstimmung und denke also nur „wozu aufregen, ich muss ja nicht mit ihr reden“. Statt dessen erkunde ich die große Herberge und den Lesesaal, einen riesigen Raum mit verstreuten Sesseln und Sofas und einem Bücherregal voller zumeist gläubig angehauchter Bücher in allen möglichen Sprachen. In den Sesseln sitzen frischgeduschte grauhaarige Männer und lesen in Bibeln – ein unbeschreiblicher Frieden, und welch ein Balsam für meiner Seele.

Weiter hat es zwei Computer mit Internet, und nachdem ich meiner Mutter schon lange kein Lebenszeichen mehr geschickt habe, eigentlich seit vor León nicht mehr, logge ich mich ein. In meinem Postfach ist eine Mail von José, was mich total überrascht. Dass er sich melden würde, hätte ich eh nicht unbedingt gedacht, und vor allem nicht, während ich noch unterwegs bin. Er ist ein Verfechter von Abgeschiedenheit und liest seine Mails unterwegs nie.

Die Mail füllt den Monitor, und noch einige Seiten mehr. José schreibt mir alles, was ich vielleicht während des Caminos gerne gehört hätte, und noch viel mehr. Es beginnt damit, dass er ständig an mich denken muss und dass ich das Beste gewesen wäre, was ihm auf diesem Camino passiert wäre. Ich hätte ihm das Vertrauen zurückgegeben, dass es auf dieser Welt noch Frauen mit Werten, Prinzipien, Glauben und Schönheit hätte, die es zu suchen lohnt. Meine beschriftete Tüte hätte er zu Hause in ein Schmuckkästchen gelegt, denn für ihn wäre sie ein Juwel. Er wäre den einen Tag extra 27 km gelaufen, um mich einzuholen, in Mansilla de las Mulas hätte er rumgefragt, und eine Hospitalera hätte mich vorbeilaufen sehen. Das hätte ihn beruhigt. Offensichtlich dachte er, ich wäre den einsamen Weg gelaufen, und hatte sich Sorgen gemacht. In León hat er dann auch gleich noch die Herbergen abtelefoniert und sich gefreut, dass ich demnach gut auf dem Weg bin.

Er bedankt sich tausendmal für meine Gesellschaft auf dem Camino und mein großes Herz, dass alle um mich herum mit Liebe überschüttet (offensichtlich verwechselt er da etwas. Ich erinnere mich nur, dass ich so richtig viel gezickt habe). Und der Knüller in zwei Zeilen am Schluss: egal, wo ich am Wochenende bin, er kommt mich besuchen. Ich bin platt und sprachlos und sprachlos und platt.

Zu der Freude, ihn demnach wiederzusehen, und dem versöhnlichen Gefühl, dass nicht nur er mir einseitig etwas bedeutet hat, mischt sich aber auch etwas wie Panik und Widerwillen. Ich habe mich so mühsam freigekämpft, bin gerade dabei, wieder eigene Kraft und Eigenständigkeit zu entwickeln und zu genießen. Zudem erdrückt mich diese Erwartungshaltung. Ich bin kein guter Mensch, erst recht nicht die Reinkarnation von Werten und Großherzigkeit. Sollte man das Märchen nicht vielleicht lieber im besten Moment auf dem Höhepunkt der Illusion beschließen? So fällt meine Rückmail an José dann wohl auch etwas zurückhaltend aus.

Ich schwebe beschwingt auf einem Wattewölkchen die Treppe hinunter, wo ich voll in die beiden Dänen aus Astorga laufe. Auch heute sind sie wieder geduldig und lächeln mich schweigend und freundlich an, während ich ihnen mein Melodram von gestern schildere, das nach dem dritten Erzählen langsam an Schrecken verliert und sich wohl der objektiven Realität annähert, nämlich dass ich eine Nacht allein in einer Herberge verbringen musste, was nicht ganz so unterhaltsam war wie sonst, und dass es kalt war und ich mich deswegen nicht bis spät in die Nacht sonnen konnte.

Ich besuche die Messe in der kleinen Kapelle, in der der kleine Mann im Blaumann schon geschäftig die Lichter anzündet und rückt und richtet. Trotz vergleichsweise vielen Pilgern in der Herberge kommen nicht einmal 10 zu der Messe. Helmut ist wieder mit dabei, sowie die beiden Jungspunde aus Astorga, die (ich habe es mir fast gedacht) nicht viel mit Gott am Hut haben und die ganze Zeit nur Kichern und sich über alles lustig machen. Ich bin schon fast geneigt, sie rauszuwerfen, meine Messe ist mir heilig, aber zum Glück beginnt die Predigt. Vielmehr fängt der kleine Blaumann an, einen Segen zu sprechen und zu erklären, dass er sich nicht umzieht, wenn es recht ist, man hat ja so viel zu werkeln. Ich bin baff.

Er strahlt große Begeisterung für seinen Beruf aus, ebenso wie für die Gestaltung des Gottesdienstes. Wir lassen eine Kerze durch die Reihen gehen, bei der jeder etwas dazu singen oder beten oder auch nur denken kann. Alle denken. Dann sollen wir ein Liedchen singen, jeder irgendwas. Der Pfarrer rudert ermutigend mit den Händen (er spricht nur Spanisch und ich bin die einzige, die ihn zumindest ganz rudimentär versteht). Glücklicherweise setzt Helmut dröhnend und erstaunlich wohlklingend zu ein paar sehr passenden Kirchenliedern an. Nach dem Gottesdienst sind wir eingeladen, noch in der Kirche zu verweilen, der gute Pfarrer lässt auch extra noch das Licht und die Heizung an. In einem Buch können wir unsere Gebete eintragen, und die betet der Pfarrer dann für uns bis zum angegebenen Datum. Ich fühle mich in der Kirche sehr wohl, schreibe für alle Fälle mein Gebet auf und halte die Kerze nochmal in aller Ruhe in der Hand; ich habe recht viel auf dem Herzen, das ich verbeten will, wenn hier gerade mal so eine gute Atmosphäre ist.

In meinem Zimmer liegt die Silberhaarige immer noch an der gleichen Stelle in ihrem Bett, sodass ich sie doch anspreche. Sie kommt aus Neuseeland und hat etwas sehr erhabenes. Zu den perfekt gepflegten Haaren trägt sie Perlenohrringe. Aber entgegen meinem ersten Eindruck ist auch sie eine gute Pilgerin, wenn auch im Moment vielleicht etwas verzweifelt, da am Ende der Kräfte und wohl etwas allein. Sie hört gar nicht mehr auf zu erzählen, offensichtlich hat sie in der Herberge hier keine Freunde und vielleicht auch sonst nicht viel Gelegenheit zum Austausch. Der Camino erfüllt sie mit einer großen Ehrfurcht. Mit Tränen in den Augen und ungläubigem Kopfschütteln erzählt sie mir von immer neuen Erlebnissen, davon, dass ihr Einheimische einen Kaffee oder einen Stuhl angeboten hätten, dass ihr ein Pilger in den Bergen ihr Gepäck abgenommen hätte und die schweren Sachen schon mal in El Acebo für sie deponiert hätte. Sie kann es gar nicht glauben, sie ist so erschüttert von so viel Zuneigung ohne eigene Gegenleistung, dass selbst ich die ein oder andere Träne kaum zurückhalten kann. Das ist der Camino, die Magie und die unglaubliche Schönheit.

Wieder im Flur laufe ich Angelo in die Arme, der mit verklärt lächelndem Blick unter seinem hellblauen Ohrenwärmer hervorstrahlt. Er ist erschöpft und gerade angekommen – um 20.00. Er scheint seinen Weg bis ins kleinste Detail zu genießen und auszukosten. Ich freue mich unheimlich; auch wenn wir gar nichts reden, ist seine Anwesenheit einfach nur schön. Mit seinen dunklen Augen strahlt er mich einfach in Zeitlupentempo an, bringt nach einer Minute vielleicht ein „meine Peregrina“ heraus, strahlt noch mehr und strahlt noch weiter. Ein faszinierender Mann.

Zwei Meter weiter hält mich eine junge Frau an. Sie spricht Englisch, und vielleicht bin ich noch im Bann von Angelos Langsamkeit, jedenfalls raffe ich überhaupt nichts. Sie redet von Hospitalero und Molinaseca und Freundin und Amerika. Langsam verstehe ich, dass sie die Freundin von der Amerikanerin vom Waschen ist, die ihr wiederrum erzählt hat, dass ich Alfredo kenne, der da wäre. Da wäre? Ich verstehe nichts. Sie schiebt mich etwas nachdrücklich in den großen Aufenthaltsraum und lenkt meinen Blick an den Hospitaleratisch, als ob ich schwer von Begriff wäre (bin ich ja auch). Und Tatsache, da steht Alfredo. Der Groschen fällt, und ich bedanke mich bei ihr wieder in normaler Geschwindigkeit, was sie offensichtlich erleichtert. Lustigerweise hätte ich vorher nicht mehr sagen können, wie Alfredo überhaupt aussieht, aber jetzt, wo ich ihn vor mir sehe, ist alles wieder da.

Wie ich von José gelernt habe, ein guter Spanier bespaßt immer die Hospitaleras, so natürlich auch Alfredo. Als ich mich nähere, wird er plötzlich stutzig und hält mitten im Satz inne. Offensichtlich geht es ihm ähnlich, und mit einem Schlag kommt eine Erinnerung zurück. (Für einen Moment spukt mir panisch durch den Kopf, ob ich ihm letztes Jahr nicht vielleicht doch eine Bettwanze eingeschleppt habe, die sich dann explosionsartig vermehrt hat, und vielleicht hat er mein Gesicht auf einem imaginären „wanted-dead or alive“-Plakat in seinem Gedächtnis). Als der Groschen bei ihm fällt, bricht er in dröhnendes Lachen aus (also doch keine von mir verschuldete Bettwanzeninvasion) und lacht sich kaputt, dass ich Verrückte schon wieder auf dem Camino bin und mich noch an ihn erinnere. Lustigerweise hat er mich nicht an meiner charakteristischen Gestalt erkannt (doppelt so lang und dreifach so dünn wie die typische Pilgerin), sondern an den Augen. Nach dem frisch diagnostizierten großen Herz wundert mich jetzt auch das nicht mehr.

Ich rede ein paar Minuten mit ihm, er erzählt von einer Herberge in Finisterre, die er plant, und ich buche mich als die erste Hospitalera ein, wenn das Ding dann wirklich mal steht. Alfredo ist ein ganz faszinierender Mensch (wer hier eigentlich nicht?), einerseits fühlt man sich bei ihm wie bei einem Pilger mit Leib und Seele (was er ja auch immer wieder ist), andererseits hat er im Gegensatz zu José und Angelo etwas sehr lebensnahes, und seine sehr intensiven, dunklen Augen können sicher auch eine starke männliche Faszination versprühen.

Ich muss mich ins Bett sputen, es ist schon 22.00 und damit offizielles Lichterlöschen. Im Bett bin ich noch überhaupt nicht müde. Ich fühle mich so sicher und so wohl, in dieser wunderschönen Herberge, nach dieser sehr persönlichen Messe, nach diesem sonnigen Tag wie neugeboren. Ich habe die Dänen wieder, Angelo, Helmut, irgendwie auch José, Alfredo wiedergesehen, und dank der Lady im Bett unter mir habe ich auch wieder die unglaubliche Magie des Caminos verdeutlicht bekommen. Warum auch immer der liebe Gott mich gestern scheinbar verlassen hat, heute ist er wieder sehr, sehr nah.

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