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Archive for August 2010

Ich gebe mir Mühe, lange zu schlafen. Gegen 8 bin ich dann trotzdem wach und packe mit meiner Zimmerkollegin, während unter unserem Balkon mal wieder ein Taxi vorfährt.

Es ist ein komisches Gefühl, nicht mehr zu pilgern; ich überlege mir sogar, ob ich überhaupt noch mein Trekkinghemd anziehen soll. Ich plane etwas Sightseeing, Fototour mit meinem neu ausgerüsteten Foto, Souvenir-Shopping und einen letzten Supermarkteinkauf, für ein paar an den Camino erinnernde Alltags-Utensilien, bevor ich um 12 meinen Bus nach Madrid habe.

Im Gegensatz zu gestern ist die Stadt heute komplett ausgestorben. In der ein oder anderen Ecke kehrt ein Straßenkehrer, ansonsten keine Menschenseele. Auch die wenigen Läden machen keine Anstalten zu öffnen, und wenn, sind es nicht die Art von Läden (wie z.B. in Mérida), die mir vorschweben würden. Ein kitschiges Souvenir suche ich schon mal nicht; mir hätte vielleicht noch ein paar Ohrringe oder ein Kettenanhänger gefallen.

Mit einem Programmpunkt weniger mache ich mich also in der frühen Morgensonne auf Fotojagd, wobei auch das irgendwie schwierig ist. Überall um die Stadtmauer herum hat es kleine, schmale Gässchen. Direkt an der Stadtmauer sehen die Bilder dann eben aber auch so aus, wie direkt vor der Stadtmauer gemacht. Mir fehlt ein erschlagendes Panorama aus der Vogelperspektive.

So beschließe ich dann recht früh, schon mal den Supermarkt zu suchen. Es soll einen richtig großen Mercadona haben. Voller Vorfreude schlage ich mich durch die Straßen und durchquere halb Cáceres. Immer, wenn ich denke, irgendwie schon dran vorbei zu sein, winkt mich jemand motiviert lächelnd weiter, doch, doch, direkt um die nächste Ecke. Irgendwie sind das hier komische Spanier, jede nächste Ecke ist nochmal 10 Minuten weg. Und als ich den Supermarkt endlich gefunden habe, bin ich doch etwas desillusioniert. Aus England nehme ich mir z.B. immer gerne Teebeutel mit, damit ich die nächsten Monate noch oft eine Erinnerung an den Urlaub habe. Nicht umsonst ist England für das Teetrinken bekannt und Spanien nicht, so hält sich die spektakuläre Auswahl dann auch sehr in Grenzen. Ich kaufe Proviant für heute und morgen, in dem guten Gewissen, nicht mehr auf Gewicht achten zu müssen.

Gegen halb 11 beschließe ich dann doch sicherheitshalber, mich zum Busbahnhof aufzumachen. Der Supermarkt lag recht weit außerhalb, und zum Busbahnhof war es ja auch eine gewisse Strecke. Einen Plan habe ich nicht, ich hoffe, wie gestern überall die Busschilder zu sehen.

Obwohl ich richtig schnell unterwegs bin, brauche ich über eine halbe Stunde, bis ich überhaupt wieder auf Höhe der Herberge zurück bin. Ich werde fast schon ein bisschen unruhig. Ich halte mich immer links, so müsste ich nach meiner Orientierung eigentlich Richtung Busbahnhof kommen. Leider hat es wenig Schilder, und die Straße läuft auch ziemlich verschlungen nicht wirklich in eine Richtung. Ich stehe irgendwann ziemlich verloren in einem Häuser- und Straßenmeer und muss wieder vorbeieilende Spanier fragen, ob meine Richtung stimmt. Ich bin ziemlich im Stress, und gerade heute kann sich keiner auf „si“ oder „no“ beschränken, sondern redet liebevoll minutenlang alles mögliche, was ich eh nicht verstehe oder mir merken kann. Ich gucke laufend auf die Uhr, und jedesmal sind bereits 10 Minuten vergangen, ohne dass ich wirklich weitergekommen wäre. Es ist schon halb 12, von einem Busbahnhof weit und breit keine Spur. Ich kenne auch die Straßen nicht, die ich hier entlanglaufe. Es ist nicht das, wo ich gestern entlanggelaufen bin. Mich beschleicht das Gefühl, komplett in die falsche Richtung zu rennen. Mittlerweile habe ich wirklich schon fast Laufschritt drauf, ich muss ständig fragen und verzweifle fast, warum mir heute niemand einfach nur sagen kann „ja, Richtung richtig, weiter!“. Einmal frage ich, ob das in 20 Minuten machbar ist; nach ewig langem Überlegen meint die Passantin, nein, eher 25 Minuten. Oder 30? Nein, wenn man schnell ist, vielleicht ja doch 20? Eine andere frage ich, ob ich mit einem Bus dorthin schneller bin. Mit Engelsgeduld fragt sie, was ich für einen Bus möchte, ob Innerstadtbus oder der weiter weg fährt. Sie beginnt mir zu erklären, wo die Busse nach Madrid abfahren. Ich bin heute wohl ziemlich unhöflich und lasse alle mitten im Satz stehen.

Es wird Viertel vor 12 und 10 vor 12. Immer noch kenne ich die Gegend nicht, von dem eigentlich riesigen Busbahnhofs-Areal keine Spur. Ich laufe immer noch durch hohe Wohnblocks und Einkaufsstraßen. Ich habe seit Ewigkeiten nichts mehr getrunken, bin noch zu warm angezogen, habe weder Sonnenmilch noch Sonnenhut. Mir wird schon ganz komisch, vor allem aber ist mir zum Heulen zumute.

Es ist 5 vor 12, keine Chance. Ich bin komplett verzweifelt; mach doch, dass endlich dieser beschissene Busbahnhof kommt. In diesem Moment biege ich in eine Wohnsiedlung, deren Kinderspielplatz mir seltsam bekannt vorkommt. Ist das etwa…? Und wirklich, direkt dahinter erstrecken sich die Umzäunungen des Busbahnhofs.

Mit Tränen der Erleichterung und auch Berührtheit (es war das dritte, völlig unbewusste Stoßgebet innerhalb von wenigen Tagen, das postwendend erhört wurde), garniert mit verschwitzten Vorboten eines Hitzschlags, stelle ich eine interessante Erscheinung für die Wartenden dar. Mir bleibt sogar noch Zeit, meine Jakobsmuschel liebevoll und bedächtig vom Rucksack abzunehmen und sorgfältig in meinen Waschbeutel einzubetten, bevor er im Bauch des Überlandbusses verschwindet.

Den größten Teil der Fahrt verschlafe ich. Zwischendurch haben wir einen längeren Aufenthalt irgendwo im Nichts, bevor wir um 16.00 in Madrid ankommen. Für einen Moment spiele ich mit dem Gedanken, erstmalig ein paar Schritte in Madrid zu machen, entscheide mich dann aber doch in alter Gewohnheit direkt für den Untergrund zur Metro.

Ich finde die passenden Züge problemlos. Beim Warten fällt mir ein komplett schwarz gekleideter, etwas furchterregender Mann auf, der sich so mitten vor ein Gebläse stellt, dass ihm seine langen, schwarzen Haare vors Gesicht gepustet werden. Ein echter Eyecatcher.

In der Metro sitzt er mir wieder gegenüber, den Kopf diesmal gebeugt, sodass auch ohne Gepuste die Haare alles verdecken. Irgendwann fängt er mit zittrigen, fahrigen Händen an, in seiner satanistisch anmutenden Tasche zu kramen. Er beginnt allen Ernstes, ein Bändel zu knüpfen. (Er hat schon sicher 10 verschiedene am Handgelenk). Die gesamte Insassenschaft schaut entgeistert und wie hypnotisiert. Auch ich bin etwas hypnotisiert; ich folge mal wieder einer völlig verrückten Camino-Intuition, als ich ihn beim Aussteigen anstupse (woraufhin er erstmal einen Kopfhörer unter der Perücke hervorwurstelt und sich die Haare aus dem Gesicht streicht) und ihm mein Bändel hinstrecke. Wider Erwarten hat er ein hübsches Gesicht, eine sanfte Stimme und gepflegte Umgangsformen. Er bedankt sich und bietet mir dafür im Gegenzug sein in Arbeit befindliches Werk an. Zum Glück schließen sich die Türen bereits wieder, und ich muss einen Hechtsprung hinlegen.

Wird Zeit, dass es wieder der Normalität zugeht.

Mit einer zweiten Linie fahre ich Richtung Flughafen, wo ich in Barajas mein Hotel gebucht habe. Leider habe ich wieder keinerlei Ahnung, wo ich dort aussteigen soll, es hat 3 verschiedene Haltestellen. Ich entscheide mich für die mittlere. Nun komme ich doch noch zu meinen Schritten auf freiem Boden in Madrid. Die Passanten hier sind ähnlich hilfsbereit wie auf dem Camino; der erste kennt gleich mein Hotel und winkt weit ausholend „todo recto, todo recto“! Ich trabe frohgemut die Straße entlang und finde das Hotel auch sofort. Ich bekomme ein wunderschönes Zimmer, mit einem riesigen, weiß überzogenen Bett, Parkettboden und einem türkisen Bad voller Glas und Spiegel. Ich esse in Ruhe und verbringe bestimmt eine halbe Stunde im Bad, endlich mal ohne Hektik, mit Unmengen Duschgel und haufenweise duftender, weißer Handtücher.

Ich schreibe noch mein Tagebuch zu Ende und trenne meinen Rucksackinhalt schon einmal in Waschmaschine und Sonstiges. Ein komisches Gefühl.

Der Zwischentag tut gut, es ist ein langsamer Übergang wieder zurück in die normale Welt.

Am nächsten Morgen um 6 geht es wieder zur Metrostation und um 8 mit dem Flieger nach Hause.

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