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Posts Tagged ‘Fonfría’

In dem massivholzigen, riesigen und recht leeren Schlafsaal schläft es sich tief und fest wie in einer Höhle. Zum ersten Mal ist mein warmer Schlafsack auch wirklich nicht schlecht. In meinem sonst üblichen Billigschlafsack hätte ich wahrscheinlich gefroren.

Richtig Tageslicht haben wir hier drin nicht, aber irgendwie scheint es mir nicht mehr so ganz dunkel zu sein, als ich aufwache. Ich konsultiere mal sicherheitshalber meine Uhr und bekomme einen Riesenschreck – es ist schon nach 8. Nicht, dass ich auch irgendeinem Grund wirklich früher rausmüsste, aber nachdem mein normaler Rhythmus eben anders ist, fällt es unter „verschlafen“ und rasche Aufbruchspanik. Die wenigen anderen schlafen noch tief und fest, sodass ich wieder alles zusammenraffe und erst im Aufenthaltsraum ordnend zusammenpacke. Dort traue ich meinen Augen kaum – hinter den riesigen Panoramafenstern zeichnet sich rosarot und vollkommen wolken- und nebelfrei ein klarer Sonnenaufgang vom Feinsten ab. Nach den vielen Tagen voller grauem Dauerregen ist es fast unfassbar. Als ich meine letzte Portion Krimskrams aus dem Schlafsaal hole, kommt mir Miguel entgegen. Ich mache ihm lautlose, dafür umso gestenreichere Zeichen in Sachen Wetterlage. Auch er strahlt.

Der klare Blick war ein Luxus, der den Frühaufstehern vorbehalten war. Während ich rasch zusammenpacke, ziehen sich schon wieder hauchdünne Nebelwölkchen vor die Berge. Ich laufe ein paar Meter im Sonnenaufgang, als es auch schon wieder in dicke, aufsteigende Nebel geht. Es ist ein lustiges Gefühl, im gleichen Grau wie immer zu laufen, aber wie ein Eingeweihter einer geheimen Verschwörung zu wissen, dass es hinter dem Nebel Sonne hat. Ich muss an eine alte Caminoerkenntnis denken, dass die Sonne immer für einen scheint – manchmal einfach nur hinter dicken Wolken.

Ich bin fast schon ein bisschen wehmütig, die Höhe so schnell wieder zu verlassen, noch dazu im Morgennebel. Heute bin ich mir sicher, dass er irgendwann der Sonne weichen wird. Das tut er dann auch wirklich, als ich das erste Örtchen hinter Fonfría hinter mir lasse. Plötzlich bietet sich ein nebelfreier Panoramablick bis hin zu den Bergen, freier Blick auf sich türmende und aneinander vorbeischiebende Wolkenfronten. Das allein lässt mich schon beeindruckt stehenbleiben, aber als dann noch die Sonne über den Bergen hervorkommt und einzelne Weidestücke in gleißendes Licht taucht, bin ich einmal mehr förmlich erschlagen von der Schönheit, Kraft und Wandlungsfähigkeit der Natur.

Der Weg nach Triacastela zieht sich stundenlang, und ich bin heilfroh, gestern von dieser Schnapsidee abgekommen zu sein, das noch kurz anzuschließen. Aber heute in dieser zögerlich einsetzenden Sonne ist es ein beeindruckender Weg.

In Triacastela besuche ich kurz die Kirche und meinen altbekannten Mercado; wegen Wochenende und Allerheiligen bin ich ja sehr vorbildlich vorratslos. Im Mercado kommt mir sofort eine Verkäuferin entgegen, die mit durchaus angepisstem Gesichtsausdruck in zwei Worten vermittelt, dass ich da mit meinem Rucksack nicht reindarf. Soweit habe ich dafür vollstes Verständnis, allerdings nicht für die Art der Kommunikation. Irgendwie bin ich richtiggehend vor den Kopf gestoßen, dass sie nicht wenigstens entschuldigend (oder überhaupt) ein bisschen lächelt oder etwas sagt wie „entschuldigung“, „bitte“ oder „leider“. Am liebsten würde ich einfach ähnlich angepisst dann gerade wieder hinausgehen. Mein nächster Gedanke, der mir auch sehr schnell auf der Zunge liegt, ist ein Konter, dass ich mit Rucksack immernoch weitaus schlanker bin als sie ohne. Glücklicherweise reichen meine Spanischkenntnisse mal wieder nicht aus, das fehlerfrei und schlagfertig über die Bühne zu bringen, sodass ich es lieber lasse. Ich kaufe meinen Minimaleinkauf ein und bin nachdenklich betrübt, dass man mit wenigen Worten darüber bestimmen kann, ob man einem Mitmenschen ein fröhliches Herz oder eine verregnete Stimmung beschert.

Mein nächster Gang führt zielstrebig über die Straße in die Apotheke. Diesmal stelle ich meinen Rucksack eingeschüchtert von vorneherein vor die Tür, allerdings steht er nun so elegant an einer Straßenecke, dass der nächste gebrechliche Kunde sich daran vermutlich den Hals bricht. Ich bin vollmotiviert und spanisch perfekt vorformuliert, um mir die Alfredo-empfohlene Wunderbeincreme zu kaufen. Das bin ich meinem Klumpbein, das mich so klaglos über die Berge getragen hat, nun mehr als schuldig. Vor mir stehen noch vier andere Kunden, und so richtig schnell geht es nicht vorwärts. Die einzige Apothekerin (vom Format von 4 Rucksäcken nebeneinander) walzt kontinuierlich schweratmend durch ihren kleinen Laden, um sich ächzend nach den wenigen Artikeln zu strecken, die in den Regalen im Hintergrund stehen. Kaum steht sie wieder schnaufend am Ladentisch und scannt die Packung ein, folgt nach einem irritierten Blick die Umkehr zur Rückwand und ein Strecken nach einem anderen Produkt, das nach kontrollierendem Scannen dann auch nicht das Richtige ist. So geht das etwa zehnmal, und ich bemerke eine gewisse Gereiztheit anlässlich dieses try-and-error-Verfahrens. Nachdem die wartenden Spanier aber allesamt völlig gelassen sind, beschließe ich, dass ich momentan einfach überreagiere und vielleicht besser mal frühstücken gehen sollte, bis sich der Laden geleert hat.

Nach einem ausgiebigen Pulpofrühstück aus der Dose und etwa eine halbe Stunde später treffe ich in der Apotheke immer noch 4 Leute an – allerdings um einen Kunden vorangerückt im Vergleich zu vorhin. Ich rede mir Gelassenheit ein und warte nochmal interessiert die (wenigen) Auslagen anschauend und spanische Ruhe kultivierend, aber nachdem auch nach 10 Minuten noch derselbe Kunde an der Reihe ist, gehe ich frustriert unverrichteter Dinge. Meine Ruhe und Gelassenheit reicht heute einfach noch nicht aus.

Statt über Samos zu laufen, entscheide ich mich heute wieder für die Variante über San Xil, die landschaftlich schöner sein soll und die ich bisher nur mit leichtem Schneefall kenne. In der völligen Ruhe und Einsamkeit inmitten von verwunschenen Kastanienwäldern finde ich meine Balance dann glücklicherweise recht schnell wieder. In den kleinen Weilern scheint die Zeit stehengeblieben zu sein, ich fühle mich ein wenig an Dornröschenschlaf erinnert. Höchstens unterbrochen durch eine Hühnermama mit ihrer wild durcheinanderkugelnden Kinderschar.

Obwohl ich eigentlich kein großer Liebhaber von Galicien mit seinen ständig verregneten, ständig schattigen Wäldern bin, bin ich diesmal ziemlich ergriffen vom Charme der uralten Kastanien, der moosbewachsenen Steine und dieser unglaublichen Ruhe und Beständigkeit, die davon ausgeht. Zum einen werde ich selber immer ruhiger, zum anderen stehe ich mehr mit bewundernd großen Augen, als dass ich laufen würde.

An einer Quelle mit großem, respekteinflößendem Teich entdecke ich die Selbstauslöserfunktion an meiner Kamera. Bestimmt eine Viertelstunde springe ich hin und her zwischen einem praktisch stehenden Müllcontainer und irgendwelchen Plätzen in Muschelnähe, um anschließend noch fotografiebegeistert die optimale Spiegelung erwischen zu wollen. Dazu versenke ich minutenlang alle auf dem dunklen Wasser schwimmenden Blätter und kann vermutlich von Glück reden, dass ich meine Kamera nicht gleich mitversenke.

Mitten in meine völlige Versunkenheit taucht plötzlich ein Pilger am Weg auf, sodass ich fast erschrecke. Der größere Schreck folgt, als ich ihn beim Näherkommen als Joaquin identifiziere. Mich überkommt eine „jetzt denkt er bestimmt, dass er mit mir reden muss“-Welle par excellence, und ich ergreife recht überstürzt die Flucht.

Nachdem ich mit meinem Bein und meiner cuidado nicht wirklich schnell bin, dauert es nicht lange, bis ein Klackern hinter mir Joaquin ankündigt. Das heißt, wirklich klackern tut er nicht. Zu einem hellen, leichten Tippen gesellt sich ein dumpfes Donnern. Bei näherer Betrachtung läuft er mit zwei gefundenen Holzstöcken, einer ähnlich filigran wie meiner, der andere ein halber Baum, wie ich ihn wohl nicht mal mit meiner Handspannweite halten könnte. Mein Erstaunen erstaunt ihn erst recht. Er guckt wieder wie aus allen Wolken gefallen, dass seine Stockauswahl ungewöhnlich sein könnte.

Meine panische Welle wird etwas geglättet durch die Tatsache, dass er sich recht offensichtlich in den Kopf gesetzt hat, jetzt mir laufen zu wollen. Er hat heute einen Frühstart hingelegt, mit Anke dann gegen 9 zusammen in Fonfría gefrühstückt, und nun scheinen sich ihre Wege fürs erste getrennt zu haben. Er hat es eilig und möchte bis Sarria, während das Anke zu weit ist. Sie stoppt heute in Calvor, in einer Miniherberge, wo es auch sonst nichts hat.

Es ist sehr merkwürdig und unwirklich, mit Joaquin zu laufen. Auf eine Art wirkt es absolut vertraut auf mich, was daran liegt, dass ich die ganze Zeit das Gefühl habe, Kristian neben mir zu haben. Sie haben dieselbe Größe, den gleichen Slang, fluchen ständig salopp – und schweben ein wenig verpeilt in einer anderen Dimension. Mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass ich mich mit Kristian irgendwie blind verstanden habe und ihn ein Stück weit einfach gefühlt habe. Joaquin und ich verstehen uns dagegen nicht mal sehenden Auges, von fühlen ganz zu schweigen. Wann immer ich einen Satz beende, guckt er wie aus dem Nest gefallen und fragt, ob ich den ersten Satz nochmal wiederhole könnte. Oder ein Wort von vor 2 Minuten. Oder stellt fest, dass er da rein gar nichts verstanden hat. Er versteht meinen „grässlichen deutschen Akzent im Englischen“ nicht und lacht darüber so erheitert, dass ich ihm eine reinschlagen könnte. Im Gegenzug muss ich 5 x nachfragen, was seine genuschelten Wortfetzen mit sonstwas für einem Slang bedeuten sollen. Allein schon am Sprachverständnis hapert es bei uns kolossal, und dann erst beim Inhalt. Er schwebt als emotional healer in so einer anderen Sphäre, dass er es natürlich schon völlig daneben findet, einem weniger erleuchteten Mitmenschen in normalen Worten ein paar basics dazu zu erklären. Was auch immer ich sage, er findet es entweder unverständlich (sofern er es sprachlich versteht und mich nicht wieder mit einer Nachfrage zu einem Wort von vor 5 Minuten aus dem Konzept bringt) oder guckt derart gönnerhaft allwissend erleuchtet, dass ich auch schon wieder emotional sehr unbalanciert werden könnte. Wir laufen bis Sarria zusammen, aber als er am Ortseingang beschließt, mal kurz vor einer Herberge eine Pause zu machen und ein paar Schlucke zu trinken, bin ich höchst erleichtert darüber. Er imponiert mir sehr, aber gleichzeitig passt das mit uns rein absolut überhaupt nicht. Ich fühle mich total angestrengt durcheinander, falsch verstanden, kommunikativ limitiert, emotional allwissend durchleuchtet und letztendlich auch noch ein bisschen in Erinnerungen hin- und hergerissen.

Ich steuere meine Lieblingsherberge an, in der ich den Herbergsvater gleich wiedererkenne, als wäre ich gestern zum letzten Mal dagewesen. Er erkennt mich nicht, was ihm aber auch nicht zu verübeln ist, zumal es in der Herberge summt und brummt wie in einem Bienenstock. Die unteren Zimmer sind alle fast schon belegt, ich ergattere ein moderat befriedigendes Bett, dicht an dicht zu einem anderen. Über mir logiert schon jemand, vom Bett gegenüber steht ein Rucksack und Krimskrams, und irgendwo sollte nun auch ich mich noch ausbreiten. Mein Lieblingsbett mit ausladendem Steinsims wäre auch noch frei, aber das darf laut Hospitalero nur von einem Pärchen belegt werden, weil ja auch das obere Stockbett noch frei ist. Ich spüre schon wieder einen Hauch von Unausgeglichenheit in mir aufkeimen.

In der Herberge hat es haufenweise wild schnatternde Koreaner, und als ich gerade am Duschen bin, schnattert es von draußen wie ein deutsches Pfadfinderlager. Ich weiß nicht, wieso, aber im Moment überfordert mich alles hier enorm. Vielleicht die vielen Leute überhaupt, vielleicht die Masse von Deutschen. Ich kann mich gar nicht erinnern, wann ich zum letzten Mal Deutsche auf dem Camino getroffen habe. Ich dusche möglichst heiß und versuche mich irgendwie zu beruhigen. Eigentlich ist überhaupt nichts, aber ich bin total unruhig. Vielleicht macht es der krasse Kontrast zu meinem heutigen Tag inmitten von uralten, einsamen Kastanienwäldern.

Als ich aus der Dusche komme, steht draußen im Garten die Grinsekatze des Österreichers und hilft einem deutschen Pärchen, ihre verbettwanzten Sachen zu sortieren. Das Pärchen logiert in meinem Zimmer und scheint gerade die Strategie zu verfolgen, dass die Bettwanzen ja vielleicht einfach wo anders hingehen, wenn man alles einfach nur ausladend genug ausbreitet. Der heiß erduschte Hauch von Gelassenheit ist schon wieder dahin, ich packe fluchtartig meine Ausgeh-Utensilien und suche mein Heil in einem mich normalerweise sehr erdenden Supermarkteinkauf. Beim Verlassen der Herberge fällt mein Blick noch auf Joaquin, begeistert kommunizierend mit einer Horde sehr alternativ wirkender Deutscher. Ich komme gerade irgendwie gar nicht klar.

Der Supermarkt beruhigt ein klein wenig, ich kaufe mir einen Paella-Bausatz und freue mich auf geruhsames Kochen. Danach suche ich noch eine Apotheke, wo ich mein mühsam zurechtgelegtes Sprüchlein von einer Creme für die Muskeln der Beine in einer gelben Dose mit asiatischen Schriftzeichen mit Methylsalicylat und ätherischen Ölen zum besten gebe. Die Dame in Weiß guckt moderat beeindruckt und zeigt mir einen Quadratmeter Regal mit tausenden Tuben Radiosalil; das wäre gut für die Beine. Ich will hier ja nichts, was gut für die Beine ist, sondern ich will die Creme für die Muskeln der Beine in einer gelben Dose mit asiatischen Schriftzeichen mit Methylsalicylat und ätherischen Ölen. Sie beharrt auf ihrem Regal nach dem Motto „Du bist Pilger, also musst Du das brauchen“, ich beharre drauf, ob sie denn nicht vielleicht doch noch was anderes hat. Sie schaut schicksalsergeben in ihrem Computer, findet aber nichts. Ich bedanke mich und gehe frustriert. Draußen habe ich ein schlechtes Gewissen meinem Bein gegenüber, das sich eine Creme ja wirklich verdient hat. So drehe ich nochmal resigniert um und kaufe doch diese merkwürdige Tube.

In der Herberge creme ich erstmal. Wenn jeder sowas benutzt, kein Wunder, dass ich die einzige mit Beschwerden bin. Der geballte entzündungshemmende Cocktail unterdrückt wahrscheinlich jede Reizung im Keim. Noch dazu stinkt das gute Stück atemberaubend nach Wintergrün (alias „nach Pilger“), und warum man klebrige Vaseline als Grundlage nehmen muss, erschließt sich mir auch noch nicht so ganz. Ein ganz kleines bisschen wehmütig denke ich an das luftige, asiatische Cremchen, dann aber doch lieber an meine Paella.

Als ich gerade in die Küche trabe, erspäht mich Joaquin. Er kommt strahlend auf mich zu und fragt begeistert, ob ich nicht auch mit ihnen kochen möchte – da hätte sich gerade einen nette Gruppe für den Abend zusammengefunden. Hinter ihm strahlt schon die Grinsekatze. Ich bin heilfroh über meinen gefrorenen Paella-Klotz, den ich alibi-mäßig bedauernd hochhalte. Zusammen kochen mit dieser Horde, no no never ever nunca nada.

Ich koche statt dessen mit einem lustigen Koreanerrudel, das zwar auch ordentlich laut ist, aber mich irgendwie weitaus weniger stresst. Sie schnibbeln stundenlang alle möglichen Sorten Gemüse, Fleisch, schlagen Eier schaumig… – um hinterher alles in einen Topf mit kochendem Wasser zu kippen. Ich werde strahlend eingeladen, ebenfalls mitzuessen, kann aber glücklicherweise wieder auf meinen Riesenteller Paella verweisen. Die isst sich in koreanischer Gesellschaft auch denkbar problemlos. Die Damen haben praktischerweise schon rollenweise Klopapier in Tischnähe bereitgestellt, weil sich selbst die Suppe irgendwie nicht nur mit Löffel essen zu lassen scheint. Da bin ich mit meinen öligen Garnelen-pul-Fingern ganz unauffällig aufgehoben. Derweil ist die überwiegend deutsche Riesengruppe vom Einkaufen zurückgekommen und bevölkert neben der Küche auch so ungefähr alle übrigen Tische, wild am diskutieren, wer nun was für was wie genau zubereiten soll. Mich überfordert doch schon Kochen mit einem einzigen Südländer.

Ich gehe in die Abendmesse und anschließend in den kleinen Kaminraum, wo es am Abend üblicherweise ein offenes Feuer gibt. Im Moment lagert dort vor allem die Kochgruppe – mit einem wirklich lecker aussehenden Mahl. Ein ganzer Tisch ist allein schon vollgestellt mit verschiedenen Töpfen und Schüsseln. Ich verdrücke mich platzsparend und unauffällig an den warmen Kamin. Mittlerweile hat es wieder leicht zu regnen angefangen, sodass ein wenig Durchwärmung gut tut.

Nach dem Essen verlagert sich die Gesellschaft ebenfalls um den Kamin, im Lauf der Zeit füllt sich der ganze kleine Raum mit Pilgern. Der Herbergsvater bringt die bekannten drei Alkoholika zum Degustieren, wobei ich mich gleich schon mit Kennerblick an den sherry-ähnlichen, süssen Moscatel halte. Eine seltsame Metalltrommel in der Mitte des Feuers entpuppt sich als Kastanienröster, und nachdem eine ältere Engländerin als einzige die Kastanien am Weg als Esskastanien identifiziert hat und heute eifrig kiloweise eingesammelt hat, bekommen wir nun superleckere, geröstete Kastanien. Ich futtere wie ein Weltmeister.

Schräg über das Feuer ergibt sich das ein oder andere interessante Gespräch. Ich komme nicht drumrum, Deutsch zu sprechen. Ein Exemplar der alternativ aussehende Pilger fragt mich sehr frei heraus, warum ich den Camino gehe und was ich damit verarbeite. Während ich noch mit mir ringe, ob ich einfach finde, dass sie das nichts angeht, oder ob ich ihr erklären soll, dass ich nicht unbedingt mit Fragen oder konkreten Problemen auf den Camino gehe, ist sie eh schon selber am Weitererzählen. Ich erfahre mehr als mir so auf die Schnelle lieb ist, was sie verarbeitet, und dass sie natürlich täglich an ihre körperlichen und emotionalen Grenzen kommt und natürlich oft so fertig ist und nur am Heulen. Ich entscheide mich für Reserviertheit. So spektakulär ist mein Camino ohnehin nicht, und wirklich zu interessieren scheint es sie ja auch nicht.

Ich wechsle ein paar Worte mit einer Südafrikanerin, mit der ich schon eher auf einer Wellenlänge bin. Ansonsten entscheide ich mich heute wieder für die stille Zuhörer- und Beobachterrolle, nippe an meinem Gläschen Moscatel und schäle Marone um Marone.

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Nachdem ich gestern recht eindeutig von dem fröhlichen „NO HAY COCINA!!!“-Hospitalero instruiert worden bin, dass wir geweckt werden und bis dahin gefälligst im Bett zu bleiben haben, liege ich brav halbwach im Dunkeln. Miguel und Joaquin schälen sich schon grazil aus ihren Betten; ich gebe mir Mühe, die Augen rücksichtsvoll wieder zu schließen.

Da donnert mit einem Mal in einer unglaublichen Lautstärke Musik los, die in ein stimmungsvolles „Ave Maria“ mündet. Während ich mich in meine Trekkingmontur werfe, geht es noch wändewackelnder mit Nessun Dorma weiter. Ohnehin schon ein Lieblingslied von mir, und dann noch an diesem besonderen Morgen in dieser besonderen Herberge. Ich renne ungekämmt und noch reichlich verquollen in den Aufenthaltsraum und setze mich direkt unter die Boxen. Miguel sitzt da bereits schon am Frühstückstisch – allerdings deutlich aus dem Ei gepellter.

So nett die Herberge und die Leute und die Musik sind, ich will wieder los. Nach Frühstücken ist mir nicht. Alles hat seine Faszination, so lange sie unausgesprochen ist. Im Schlafraum ist schon ein begeistertes Beweihräuchern, jeder findet alles so toll. Genau. Ja! Und das erst! Ja, superstimmungsvoll. Irgendwie bin ich da gerade allergisch. Ich packe schnell unter wunderschönem „Alegria“, gesungen von einer so glockenhellen Stimme und voll von einer fröhlichen Leichtigkeit, dass es einfach nur zu diesem unwirklichen, magischen Aufenthalt passt. Bevor ich losgehe, lege ich Anke ein Bändel aufs Bett.

Mein Bein erscheint mit heute nicht ganz so übelkeitserregend, mein Geist ist „Alegria“, ich werde heute vorsichtig laufen, und es wird gutgehen. Ich schleiche also in Minischrittchen die wunderschönen kleinen Weiler vor dem ersten Aufstieg entlang, leider ist es wie immer regnerisch, neblig verhangen, grau in grau.

Am ersten Berg überwältigen mich schon wieder Erinnerungen an meinen eindrücklichen Wandertag in 2007, vermutlich bin ich heute auch weitgehend mürbe und spirituell offen. Ich mache gerade ein Foto zurück, als am Ende des Weges hektisch und schnell ein Pilger angedüst kommt. Es ist Matthias mit seinen neu erworbenen Trekkingstöcken, klack-klack, klack-klack. Zu meinem Schrecken überholt er nicht mal freundlich grüßend, sondern macht Anstalten, sich meinem Tempo anzupassen. Er ist guter Laune, ich habe nichts gegen seine Gesellschaft, aber ich laufe fürchterlich langsam und kann mich überhaupt nicht konzentrieren, weil ich die ganze Zeit nur fühle, wie er viel schneller gehen könnte. Und mein Kopf ist voll von der Vorstellung, dass er panisch überlegt, wie er da jetzt wieder rauskommt und dass er wahrscheinlich 1000 Tode stirbt, weil er mit mir laufen muss, ohne es zu wollen. So verabschiede ich mich nach ein paar Minuten resolut damit, dass ich jetzt eine Frühstückspause einlege. Während ich ihm einen ordentlichen Vorsprung lasse, frage ich mich, was bei mir im Hirn eigentlich abläuft. Dass er ein schnelleres Tempo in den Beinen hat, zweifellos, aber woher nehme ich die Überzeugung, dass er sich quält? Und selbst wenn, muss das mein Problem sein?

Der Weg mündet von der Straße in das steilere Stück, den steinigen Weg unter Kastanienbäumen. Der Regen der letzten Tage hat Unmengen von Kastanien von den Bäumen gespült, sodass ich auf einem Teppich aus unversehrten Stachelpäckchen laufe. Irgendwie beeindruckend.

Ich gehe den Weg unglaublich langsam. Im Ohr klingt mir der Hospitalero mit seinem Lachen, dass ich natürlich laufen könnte, aber eben einfach mit „cuidado“. Ein schönes Wort, welches sich mit Achtsamkeit, Bedacht, Behutsamkeit, Fürsorge, Schonung, Sorge und Sorgsamkeit übersetzen lässt. Genau das Richtige für das Verhältnis eines Pilgers zu seinem Körper.

In derartiger Bedächtigkeit keimt in mir auf Höhe von La Faba die Idee, doch wieder mit einem Stock zu laufen. Auf den Wiesen zur Linken hat es immer wieder Haufen mit mehr oder weniger dicken Stöcken, und als ich mich zum Stockgehen entschließe, hat es prompt auch genau das, was ich mir vorstelle. Ein dünnes, biegsames Stöcklein, gerade gewachsen, genau in der richtigen Höhe. Nichts, um sich zentnerschwer abzustützen, aber ich laufe ja eh mit cuidado.

In La Faba biege ich mit einem üblich bewegten Gefühl zu „meiner“ schwäbischen Herberge und „meiner“ Kirche ein. Die Küche der Herberge ist hell erleuchtet, es war also gestern wirklich noch geöffnet. Viele Herbergen schließen auf November oder auch schon ein paar Tage vorher. Ich gehe für ein paar Minuten in die Kirche, lasse das dortige Gedicht und die vielen Kerzen auf mich wirken. Ein Stück weit fühle ich in der dunklen, leeren Kirche die Schwingungen von so vielen Pilger, Gottesdiensten und bewegenden Momenten, dass mich eine komische Melancholie ergreift. Die Kirche wird nun vermutlich bis zum Frühjahr eingemottet, ruht im Winterschlaf und öffnet dann wieder ihre Mauern, um Schwingungen aufzunehmen und Schwingungen abzugeben. Schwingungen, Stimmungen, Tränen, Verzweiflung, Hoffnung, Dankbarkeit, Gemeinschaftsgefühl, Glauben, überschäumende Freude.

Mit meinem neu erworbenen Stöckchen geht es asphaltiert weiter in die Höhe. Der Himmel zieht wieder wolkig und neblig zu wie immer. Seltsam, „wie immer“ sind gerade einmal 3 oder 4 Tage.

Als ich zwischendurch eine cuidadotive Verschnaufspause mache und zurückschaue, hält der Himmel für mich einen beeindruckenden Hoffnungsschimmer inmitten der Wolken bereit. Die Gegend um La Faba ist für mich mit einer gewissen Magie behaftet.

Dann ist aber auch wieder genug mit Licht und Hoffnung für heute, die Wolken ziehen zu, in der Höhe umschließt mich eine feuchte Nebelwolke, und auch der bekannte Nieselregen setzt wieder ein. Mit Stock in der einen und Hannah Montana in der anderen Hand mache ich mich an die Bezwingung des wetterspinnenden O Cebreiro.

Der Weg zieht sich überraschend in die Länge, und mit jedem Kilometer wird der Regen heftiger, der Wind dazu waagerechter. Hannah büßt eine weitere Strebe ein, und mein mittlerweile nur noch halber Kinderregenschirm wirkt recht kläglich und verloren gegen die Wettergewalten.

O Cebreiro liegt wie immer im Regen und Nebel, es ist schweinekalt, aber erstaunlich belebt. Beim Überqueren der Straße werde ich dreimal fast umgefahren. Ich will der Kirche einen kleinen Besuch abstatten. Dort ist aber Riesentrubel, und wie mir einfällt, vermutlich, weil heute Allerheiligen ist. Ich schaue auf die Uhr, es ist etwa halb 12. Offensichtlich gibt es zum Mittag eine Festmesse, habe ich ein Glück. Ich mache es mir in einer hinteren Reihe bequem, setze mich mit möglichst großer Trockenoberfläche hin und lege mein Bein bestmöglich hoch, ohne die Pietät der Kirche zu verletzen.

Während ich sitze, warte und versuche, etwas zur Ruhe und Besinnung zu kommen, legt sich mir plötzlich eine Hand warm und schwer auf die Schulter. Anke strahlt mich mit wie üblich unglaublichem Leuchten in den Augen wortlos an, bevor sie sich mit Joaquin in eine andere Bank setzt.

Bis der Gottesdienst beginnt, wird mir langsam fast schon etwas kalt und unruhig. Wie üblich kann ich am helligten Tag nicht so richtig loslassen, zumal ich zu rechnen beginne, dass ich mich vielleicht etwas beeilen sollte, wenn ich heute bis Triacastela will. Anke und die beiden Spanier wollen nur bis Fonfría, aber Joaquin und die beiden Markusse nach Triacastela, wo ich dann endlich auch den verrückten Österreicher wiederzutreffen hoffe.

Nicht nur meine Gedanken, auch die Kirche kommt überhaupt nicht zur Ruhe. Es ist ein reges Kommen und Grüßen, hier trifft sich alles, was sonst wohl nicht in die Kirche geht. Recht offensichtlich steht der Glaube auch etwas im Hintergrund, es scheint viel um das Gesehenwerden zu gehen. Vor mir sitzen Mutter und Tochter, feinst herausgeputzt und alle paar Minuten an der eh schon perfekten Frisur nestelnd und sich in Positur setzend. Höchstens unterbrochen durch einen agitierten Austausch, wer da gerade neu in die Kirche gekommen ist und dass der wohl auch schon mal besser ausgesehen hat. Ich starre wie hypnotisiert auf die perfekte Frisur vor mir. Seit Tagen schwanken meine Haare zwischen pudelnass triefend, strähnig trocknend oder feucht lockend, passend in Form gepresst von entweder Stirnband oder Regenjackenkapuze.

Nach einer halben Stunde beschließe ich etwas frustriert, es dem Großteil der merkwürdigen Gemeinde gleichzutun und mitten im Gottesdienst rauszugehen. Ich kann hier und heute einfach überhaupt nichts mitnehmen. Ich sammle Hannah Montana von vor der Tür ein und mache mich recht stoisch auf in den windigen Regennebel.

Ich laufe schier in den österreichischen Markus, der trotz des Wetters irgendwie hervorragend aussieht. Statt notdürftig mit einem kaputten Regenschirm rumzuwedeln, lässt er es einfach selbstbewusst auf die windschnittige, graumelierte Frisur regnen. Statt schützend die Augen zusammenzukneifen, guckt er mit stahlgrauen Augen einfach entschlossen und direkt in den Regen. Und anstatt mit einem dünnen Ästchen entlangzuhumpeln, hat er einen akuraten, entschlossenen, unbeirrbaren Schritt. Reflexartig ist mein erster Gedanke nur wieder „herrje, was mache ich nur, damit er jetzt nicht das Gefühl hat, mit mir laufen zu müssen“, aber auf die Idee kommt er bei seinem zielstrebigen Turbopilgern zum Glück eh nicht.

Ich trotte triefend und tropfend durch den Nebel, als an einer Weggabelung plötzlich Markus von rechts angeschossen kommt. Irgendwie muss er sich verlaufen haben und einen ziemlichen Umweg gegangen sein. Diesmal nimmt er deutlich das Tempo raus und scheint mit mir reden zu wollen. Ich brauche wieder ein paar Minuten, um den Kopf frei zu bekommen und nicht mehr pausenlos zu denken „der will doch viel schneller laufen; gib ihm eine Chance, sich schadlos aus der Affäre zu ziehen“. Markus läuft offenkundig derart schnell und ist derart bestimmt, dass mein Geist sich irgendwann doch noch entspannt.

Offensichtlich hat Markus im Moment Redebedarf. Ich bin recht überrascht, welche Zweifel und Unsicherheiten sich hinter diesem auf den ersten Blick so absolut geradlinigen Pilger verbergen. Dass Äusserlichkeiten täuschen, habe ich auf dem Camino oft genug gelernt, trotzdem zieht die Intuition immer wieder unbemerkt begeistert irgendwelche Schubladen auf.

Einig sind wir uns schon mal über den magischen, alles überstrahlenden Joaquin. Ich bin fast ein bisschen erleichtert, dass auch Markus absolut begeistert ins Schwärmen kommt. Hatte ich doch schon fast befürchtet, dass da zwischengeschlechtliche Faszination im Spiel sein könnte. Markus ist begeistert von seiner Gelassenheit und Souveränität – allein schon gestern bei der Unterhosenverwechslung. Dieses Beispiel überrascht mich ein wenig. Markus kann es gar nicht fassen, dass er nicht ausgerastet ist oder Vorwürfe gemacht hat. Es wurmt ihn immer noch sehr, wie er so einen peinlichen, doofen Fehler machen konnte, auch wenn Joaquin ihn in seiner wunderbaren Art beruhigt hätte, dass doch gar nichts passiert wäre. Das verblüfft nun mich schon auch kolossal. Wieso sollte man denn ausrasten, wenn jemand gerade seit ein paar Minuten versehentlich die eigene Unterhose trägt – und die hinterher sogar noch maschinengewaschen zurückgibt? Offensichtlich habe nicht nur ich ab und an lustige Hirngespinste.

Weiter erzählt Markus, dass er nie etwas fertigbringt. Alles fängt er an, und er und seine Kollegen wissen, dass er es eh nie durchzieht. Ihn wurmt es, dass er zum Beispiel nie eine Sprache durchgezogen hat. Sein Englisch ist lückenhaft, und deswegen hätte er sich dann gestern auch nicht zu der Tischgesellschaft getraut. Ich bin geschockt. Zum einen, dass so ein Trumm von einem Mann Selbstzweifel haben kann. Davon, dass er einen ganzen Abend in einem leeren Schlafsaal von Zweifeln und schlechten Gefühlen zernagt wird, nur weil er sein Englisch für nicht gut genug hält. Und letztlich davon, wie wir einen Abend in ausgelassener Runde verbringen konnten, ohne darüber nachzudenken, warum die Französin und Markus den ganzen Abend in ihrem Bett verbringen – und warum nicht einer von uns auch nur kurz nach ihnen geschaut hat.

Ab und zu streue ich einen kleinen Gedanken ein oder versuche etwas zu entschärfen, aber in erster Linie brodeln im Moment einfach ganz viele Erkenntnisse in Markus. Der Wunderberg von La Faba hat wohl auch an ihm gewirkt. Er erinnert mich an einem dampfenden, Wölkchen ausstoßenden Stier, als er furios sein halbes Leben abhandelt und mit einer unglaublichen Wut und Entschlossenheit zugleich beschließt, diesmal zum ersten Mal etwas zu Ende zu bringen. Er möchte in Finisterre am Ende der Welt stehen und sein altes Leben hinter sich lassen. Zum ersten Mal wissen, etwas zu Ende gebracht zu haben. Und wenn man einen Camino schafft, kann man alles schaffen.

Ich brauche es nicht einmal zu kommentieren. Bereits jetzt hier auf dem Camino ist er schon derart voll von Stärke und Entschlossenheit, dass ich sein altes Leben gar nicht erst gesehen hätte. Bei ihm setzt diese Erkenntnis offensichtlich erst mit einiger Zeitverzögerung ein. Auch wenn er das im Moment noch mit sorgenvollem Zweifel sieht, aber natürlich wird er in zwei Wochen in Finisterre stehen und natürlich wird er das Gefühl erfahren, nun alles schaffen zu können. Da bin nun ausnahmsweise ich mir sicher mit etwas.

Markus sucht in den kleinen Örtchen vergeblich nach einer Bar, um etwas Warmes zu sich zu nehmen. Ich will (cuidado hin oder her) nicht nochmal stoppen, zumal ich keine allzu guten Erinnerungen an lieblose, spanische Gerichte habe. Markus gibt mir recht, so ganz toll wäre es selten. Und er würde schon seit Beginn seiner Pilgerschaft auf eine Paella hoffen, aber das gäbe es nie. Meist wäre auf einem Schild groß Paella angekündigt, und kaum säße man im dem Restaurant, hieße es immer „Paella schon aus“ oder „erst am Abend“.

Wir passieren die Passhöhe San Roque mit der Pilgerstatue im Nebel, und als es zum nächsten Pass hochgeht, beschließt Markus, dann dort endlich etwas essen zu gehen. Ich nutze die willkommene Gelegenheit, ihn schon mal vorausspurten zu lassen. In seiner Gesellschaft bin ich doch wieder viel zu schnell gelaufen, und spätestens beim Anstieg und dem Ziehen in den Waden möchte ich nun wieder einen auf cuidado machen. Er bedankt sich für das Gespräch bzw. fürs Zuhören und fliegt förmlich den Berg hoch. Als ich Minuten später endlich sehr achtsam die Höhe erklommen habe, kommt Markus freudestrahlend und wie ein Flummi aus dem Restaurant geschossen. Es hätte Paella!!! Ich wünsche ihm lächelnd einen guten Appetit und bin recht merkwürdig bewegt, als ich mechanisch weitertrotte. Vermutlich hat jeder gewisse Schlüsselmomente auf dem Camino, voller Erkenntnisse und Emotionen. Vermutlich bin ich heute wieder überaus empathisch, jedenfalls bin ich auch als bloßer Zuhörer ein Stück weit emotional erschöpft und von einer typischen Caminoleere erfüllt.

Mit einem Mal zieht sich plötzlich der Weg dann auch ziemlich endlos. So richtig überschäumende Freude daran empfinden kann ich bei dem feuchten, kalten Nebel ohnehin nicht. Trotz Schirmresten werde ich so langsam nass, vor allem meine Schuhe sind patschnass. Und einfach irgendwas in mir ist müde und sträubt sich subtil gegen jeden Schritt. Und ich habe noch nicht mal Fonfría.

Ich tappe durch die kleinen Kuhdörfer, und als ich plötzlich die bekannte Herberge sehe und demnach schon in Fonfría bin, gehe ich ganz spontan ein paar Momente in mich und versuche zu erfühlen, ob ich heute wirklich bis Triacastela muss. Zum einen möchte ich die ganzen Leute wiedersehen, außerdem habe ich ja auch einen groben Zeitplan einzuhalten. Andererseits aber wäre eine Heizung für die nassen Sachen mal wieder nicht schlecht, Triacastela an einem Feiertag nur halb so spannend, ich müsste irgendwann nochmal in die Kälte raus, um irgendwo ein Bocadillo zu erstehen, selbst für den Gottesdienst müsste ich in den Regen hinaus. In Fonfría dagegen gibt es eh nichts zu kaufen, weder in einem mercado noch in einer Bar, und ich kann den ganzen restlichen Tag in schön trockener Kleidung rumlaufen, während meine nasse Garnitur genauso schön über irgendeiner Heizung trocknet.

So entscheide ich mich in Minutenschnelle um. Der Herr hinter der Rezeption guckt etwas verwirrt, sodass ich sicherheitshalber lieber frage, ob ich denn überhaupt hier schlafen kann. Er lacht, ja klar, wenn es mir nichts ausmacht, die einzige zu sein und eventuell zu bleiben. Meine Frage nach Heizung lässt ihn kurz grübeln. Er führt mich in die Herberge und erklärt, dass er mir zum Preis des Schlafsaalbettes ein kleines Doppelzimmer gibt, weil das einfacher zu heizen ist. Und falls noch mehr kommen, kann ich dann immer noch umziehen. Nein, nein, ich beschwichtige ihn. Der Schlafsaal ist prima, und mollig warm geheizt brauche ich es doch auch nicht. Einen Heizkörper für 2 Stunden, bis die Wäsche trocken ist. Schließlich schleppe ich nicht umsonst meinen 2-Kilo-Schlafsack, in dem mir jede Nacht so heiß ist, dass ich irgendwann schwitzend aufwache und irgendwelche Reißverschlüsse aufziehe.

Ich genieße viel zu lang den Luxus einer Dusche mit Thermostat und muss an die Kanadierin aus Villafranca denken. Sie meinte, sie duscht gern heiß. Und sie meint richtig heiß. Sie muss rot wie ein Krebs sein. Und das, ohne eine Miene zu verziehen. Irgendwie habe ich ein Faible für lustige Aussagen zu versteinerten Gesichtsausdrücken.

Dann drapiere ich meine nassen Sachen überall über Stuhllehnen und das obere Stockbett. Auch wenn der Schlafsaal momentan etwas kalt, dunkel und ungemütlich aussieht (und vor allem leer) – die Betten sind einfach der Hammer. Aus dicken, runden Baumstämmen. Ich fühle mich wie ein Lachsfischer in seiner Blockhütte in Alaska. Nachdem ich noch liebevoll meine Schuhe mit einem Riesenstapel Zeitungen ausgestopft habe, widme ich mir als letzte liebevolle Pilgerhandlung meinen Beinen und Füßen – und stelle zum ersten Mal überrascht fest, dass ich gestern noch ein fürchterliches Beinproblem hatte und nicht im Traum daran gedacht hätte, O Cebreiro zu Fuß überqueren zu können. Bei der Überlegung zwischen Fonfría und Triacastela habe ich nur an nasse Kleidung gedacht und keinen Moment daran, ob 31 km mit wildem Rauf und Runter so der Knüller gewesen wären. Ich creme dankbar den nächsten Rest Arnikacreme in meine Problemwade und nehme mir vor, mir morgen in Triacastela in der Apotheke diese asiatische Salbe zu kaufen, von der Alfredo so geschwärmt hat.

Vor allem bin ich wirklich einfach dankbar. Schon lange fühle ich Gott nicht mehr intensiv bei mir, nicht einmal mehr in den Gottesdiensten. Auch jetzt bleibt er mir verborgen, aber die Häufung an besonderen Menschen in den letzten 24 Stunden lässt ein ähnliches Geborgenheitsgefühl aufkommen. Manchmal zeigt sich Gott selber, manchmal in der Natur, manchmal in Erkenntnissen, die plötzlich wie zufällig aus dem eigenen Inneren kommen, oder aber in Form von Level 2 Pilgern, die ihre Päckchen von Liebe und Zuversicht überbringen.

Ich beginne gerade etwas unruhig zu werden, weil ich auch Stunden später noch die einzige in der Herberge bin. Da steht plötzlich Anke an der Rezeption. Wie üblich ist sie eine beeindruckende Erscheinung und schafft es, trotz patschnassen Haaren immer noch wie eine Sonne zu strahlen.

Am späteren Nachmittag kommen wie angekündigt die beiden Spanier, ein etwas zurückgezogenes Pärchen und (zu meiner unbändigen Freude) das Italienergrüppchen von Villafranca. Allerdings geschrumpft auf zwei, der Wandpinkler ist nicht mehr dabei. Und aus unerfindlichen Gründen sind sie heute gedrückter Stimmung, still und leise, und verbringen den restlichen Tag damit, ihrer Kleidung beim Trocknen zuzuschauen.

Schon gefühlte Sekunden nach dem Einchecken ist Miguel schon strahlend mit seinem Isomättchen beschäftigt, einen geeigneten Platz für sein Workout zu eruieren. Das findet sich dann wenige Meter von meinem Sofa entfernt, und wieder habe ich alle Mühe der Welt, mich auf mein Tagebuch zu konzentrieren, während er herzallerliebst keuchend und stöhnend seinen Astralkörper ertüchtigt.

Mit zum ersten Mal reichlich Zeit und vielen Blicken in meinen Führer fällt mir auf, dass ich mit meinem intuitiven Frühstopp heute das ein oder andere Problem habe. Meine nächsten Etappen tragen alle eine klangvolle 3 vor der hinteren Stelle, und irgendwie erfüllt mich das rein intuitiv nicht mit der adrenalinigen Vorfreude wie auch schon. Mein tapferes Bein in allen Ehren, aber ich sehe im Moment keinerlei Chance, wie ich diese langen Etappen mit meiner cuidado vereinbaren soll. So disponiere ich kurzentschlossen um. Statt Ankunft Samstag Nachmittag und Heimflug Sonntag Nachmittag laufe ich einfach alle Tage voll aus. Ich denke gar nicht weiter drüber nach, ob das riskant ist bzw. ob ein Tag in Santiago nicht nett wäre. Es geht ja einfach nicht anders. Die Dreier gehen überhaupt nicht, danke an meine klare Intuition.

Anke setzt sich zu mir aufs Sofa. Sie sagt, wie schön es wäre, dass ich auch hier bin, und mein erster Gedanke ist, dass sie lügt. Mein sehr postwendend zweiter Gedanke ist, warum ich so etwas denke. Sie hat ja schließlich nicht gesagt, dass ich das Schönste bin, was ihr jemals passiert ist, sondern einfach, dass es schön ist, dass ich da bin. Vermutlich ist jeder heute ehrlich froh über jeden, der die Herberge ein bisschen mit Leben füllt.

Joaquin ist nicht wie geplant nach Triacastela durchgelaufen, sondern hat sogar schon vorher in Hospital gestoppt. Intuitiv freue ich mich, ihn demnach irgendwann nochmal zu sehen. Gleichzeitig ist er vielleicht aber auch der Grund, dass ich mich mit Anke so ein wenig unwohl fühle. Ich fühle mich wie ein Ersatz, was soweit keinerlei Problem wäre. Aber ich fühle mich wie ein ganz und gar mangelhafter und schäbiger Ersatz. Anke und Joaquin sind Meister des Strahlens, Meister der Emotionen, Meister der Kommunikation, Meister der tiefgründigen Gespräche und fühlen sich in 4-5 Sprachen spielend zu Hause. Dass Anke Joaquin mit seligem Lächeln anstrahlt, leuchtet mir ein, aber dass ich das gleiche Lächeln bekomme, kommt mir irgendwie nicht schlüssig vor. Ich gucke jämmerlich, radebreche mit grässlichem Akzent meine Bruchstücke Englisch und Spanisch, fühle mich meistens jämmerlich und bin Gesamtpaket jämmerlich.

Das junge Pärchen gesellt sich zu uns. Beide sind aus Kalifornien und das genaue Gegenteil von jämmerlich. Zumindest die weibliche Komponente redet stundenlang wie ein Wasserfall und mit einem Selbstverständnis und Selbstbewusstsein, das mir dann im Gegenzug fast auch schon wieder ein bisschen unsympathisch ist und mich nachdenklich zu dem Schluss kommen lässt, dass es wohl irgendwo eine goldene Mitte gibt. Und die Erkenntnis ist nicht weit, dass ich dieser goldenen Mitte schon einmal deutlich näher war – und auch irgendwann wieder deutlich näher sein werde. So sicher wie Markus irgendwann in Finisterre stehen wird.

Wir bekommen Abendessen in einem kleinen Tipi-ähnlichen Raum. Zur Vorspeise gibt es Caldo Gallego, diesmal deutlich schmackhafter als aus meiner Dose in Villafranca. Trotzdem werde ich mit der bohnig-kartoffligen, trüben Brühe mit den Grünkohlfäden nicht so warm. Zum Hauptgericht gibt es tellerweise verschiedene Tortillas, leider sind wir nach zwei Tellern schon satt. Das Kochteam verabschiedet sich, nachdem sie uns zur Nachspeise einen Teller Santiago-Mandeltorte hingestellt haben. Sie müssen nämlich noch mit der Köchin ins Spital fahren, sie hat schlimmen Brechdurchfall. Ah ja.

Unsere kleine Runde verlagert sich wieder in Begleitung der Rotweinflasche auf das Sofa. Es ist nun wirklich recht kalt, da wegen uns Häufchen verständlicherweise nicht die ganze Herberge beheizt wird. In Minutenabständen verschwindet Pilger um Pilger, um mit einer Jacke oder einer Wolldecke zurückzukommen. Wir sitzen dick eingemummelt, während vor allem die Kalifornierin redet. Ich beschränke mich weitgehend aufs Zuhören, was aber heute auch absolut in Ordnung ist. Wie ich mir schon an den ersten Tagen etwas Zeit gegeben habe, um mich ans Pilgern zu gewöhnen, so beschließe ich auch nun, mir etwas Zeit zu geben auf dem Weg von der Jämmerlichkeit in die goldene Mitte.

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Als wir gestern zitternd und bibbernd in der kalten Herberge dem Regen und Schnee draußen zugeschaut haben, habe ich noch ironisch gewitztelt, dass ich mir in Triacastela als erstes eine große Tube Sonnenmilch kaufe. Ich hatte mich eigentlich auch schon damit abgefunden, dass wir jetzt in Galizien sind und dort nun mal eben meistens Regen vorherrscht. Umso schöner der morgendliche Blick aus dem Fenster – alles trocken!

Ich gebe Amber zum Abschied noch ihr Armband und mache mich auf den Weg. Es ist unheimlich schön mystisch; der Tag beginnt gerade, Nebelschwaden ziehen langsam in die Höhe, und hinter diesen kommt langsam die Sonne durch. Mal taucht die Sonne die Wiesen in gleißendes Licht, obwohl der Himmel selbst noch gewittrig dunkel ist, mal bescheint ein einzelner Lichtstrahl ein kleines Fleckchen inmitten von sonst eher trostlosem Grau in Grau. Ich kann mich kaum satt sehen.

Auch der Weg durch die Kastanienwälder ist einfach mystisch besinnlich, jeder Schritt fühlt sich gut und besonders an. Welch ein Kontrast zu den Tagen im Regen und ohne Motivation, bei dem man Kilometer um Kilometer abspult und nur das Ankommen im Kopf hat.

In Triacastela besuche ich den bekannten Supermarkt, kaufe mein verspätetes Frühstück und ein Glas Partysticks. Ich habe heute wieder viel an Kristian gedacht, und er hat fast täglich sehnsüchtig von diesem eingelegten Gemüse geschwärmt. Ich schreibe ihm ein Briefchen dazu und positioniere beides deutlich sichtbar auf dem Markierungsstein an der Abzweigung der beiden Wegalternativen. Ich denke, dass er einen Tag hinter mir ist. Vielleicht auch zwei. Aber wahrscheinlich überlebt mein Briefchen den nächsten Windstoß eh nicht.

Gegen Mittag erreiche ich Samos. Die Herberge hat noch geschlossen, aber die rüstige Lady aus England hat sich auch schon davor positioniert. Ich bin beruhigt, dass sie sich einen Teil des Weges mit dem Auto hat fahren lassen, sonst wäre sie mir wirklich unheimlich. Ich mache mich auf die Suche nach einem Supermarkt, beauftragt mit einem kleinen Brot und einer Tomate für das Vereinigte Königreich.

Während ich in der ersten Woche tagsüber so gut wie nichts gegessen habe, vernichte ich nun in Woche zwei unglaubliche Mengen. Ich habe ein hübsches Bänkchen neben dem Kloster mit Blick auf den sanft dahinfließenden Bach und fühle mich mal wieder sehr in mir ruhend.

Als es zu regnen beginnt und ich suchend nach einem Unterstand Ausschau halte, hat der Hospitalero ein Erbarmen und macht schon eine Stunde früher für mich auf.

Die Herberge ist sehr puristisch. Metallene Stockbetten in einem großen Raum mit biblisch anmutenden Wandmalereien. Neben dem Eingang ist eine Tankstelle und eine Hauptverkehrsstraße, und so riecht es auch. Außerdem gibt es keine Heizung, keine Küche und keinen Aufenthaltsraum, was die etwas kühle Atmosphäre noch unterstützt. Aber ich bin hier ja auch bewusst in einem Kloster abgestiegen.

Auch Sanne hat sich zu meiner Freude dafür entschieden. Wir waschen einträchtig Wäsche, ständig betreut von dem übereifrigen spanischen Hospitalero. Er hat sichtlich Freude an uns weiblichen Pilgerinnen und bietet sogar freundlich etwas Flüssigwaschmittel an. Glücklicherweise sind wir schon fertig, denn es hätte sich um das Bodendesinfektionsmittel gehandelt.

Die Wäsche können wir gegenüber der Straße aufhängen, und wie durch ein Wunder kommt mal wieder kurz die Sonne heraus. Sanne und ich liegen wortlos auf den Bänken und akkumulieren gute Energien. Soweit es eben an der Hauptstraße möglich ist.

Eine junge Deutsche trifft ein, sie hat ein Zelt dabei und ist in Pamplona gestartet. Mir kommen die ersten Sätze mit Kristian in den Sinn, und ich frage, ob sie zufällig „seine“ Deutsche mit dem Zelt ist. Ist sie, und sie ist ganz aus dem Häuschen, dass Kristian noch in der Nähe ist. In mir regt sich ein gewisser Widerwillen, als sie mir begeistert von ihrer Zeit zusammen erzählt. Sie ist ein unheimlich freundlicher, ausgeglichener, offener Mensch (zu allem Überfluss sehr hübsch und läuferisch sehr zäh), ich kann wirklich kein Haar in der Suppe finden und bin wohl einfach nur eifersüchtig.

Sie schleppt unglaublich viel Gepäck mit sich (sodass ich mich fast schon wie ein Versager fühle, weil mich meine wenigen Kilo manchmal ermüden), unter anderem eine Metalltasse, die sie mir leiht. Das Wasser in den Duschen ist so heiß, dass es für einen Tee reicht, und Teebeutel habe ich ja genug dabei. Die englische Lady kommt aus ihrem Schlafsack gekrochen und ist auch höchst erfreut über einen eigens für sie duschgebrühten five-o’clock-tea. Wir kommen ein bisschen ins Gespräch; sie ist pensionierte Kinderpsychologin, und in der etwas bedrückenden Atmosphäre der Herberge komme ich mir mit einem Mal vor, als befände ich mich in einer Therapiestunde. Sie kommt mir irgendwie allwissend vor und macht mir Angst. Ihre Andeutungen gehen mir nicht mehr aus dem Kopf, und plötzlich kann ich mir auch einen Reim auf alles machen. Ich habe das Gefühl, über Jahre hinweg so ziemlich alles übersehen und falsch interpretiert zu haben. Jetzt sehe ich plötzlich die schonungslose Wahrheit und fühle mich komplett neben mir.

Um 19.00 gehen wir, geführt von dem stolzen Hospitalero, in den Klostertrakt und lauschen einer gregorianisch gesungenen Messe von etwa 20 Mönchen. Ich kann mich überhaupt nicht konzentrieren und fühle mich, als ob ich jeden Moment umfallen würde. Ich bin heilfroh, als die Messe um ist, ich mich ins Bett fallen lassen kann und keinen mehr anschauen muss. Meine Mitpilgerinnen sind etwas überrascht, als ich das Abendessen mit ihnen ablehne, aber vermutlich sieht man mir an, dass ich im Moment andere Probleme habe.

Ich habe überhaupt keinen Boden mehr unter den Füßen und weiß nicht, wie ich die Nacht überstehen soll. Interessanterweise schlafe ich aber sofort ein, und als ich eine Stunde später wieder aufwache und auch den Rest der Nacht hauptsächlich wach liege, habe ich zwar die Gedanken präsent im Kopf, aber sie machen mir keine Angst mehr. Nichts dreht und rast und macht mich panisch; wahrscheinlich hat das feine Netz aus Zuckerwatte die Gedanken eingesponnen und hält sie ruhig in der Schwebe.

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Als ich aufwache, ist es schon taghell. Ein Blick auf die Uhr zeigt bereits nach 8 Uhr an. Wie konnte das passieren, normalerweise fallen meine Ohrstöpsel nach einigen Stunden von selbst raus, sodass ich ab 6 Uhr meistens die ersten Geräusche höre und so langsam mit aufwache. Heute stecken sie noch fest, und auch ohne ist es absolut still. Ich springe aus dem Bundeswehrbett und linse um die Ecke – und bin beruhigt. Alle und alles noch da, ich habe nicht als einzige verschlafen. Im Bad treffe ich die Spanierin, die als einzige sonst schon wach ist. Ich muss an Chuck denken, der mich am ersten Tag vorgewarnt hat vor dem morgendlichen Horror. Ab 5 wäre nicht mehr an Schlaf zu denken, um 6 wären alle schon auf der Strecke, um sich ihr Bett zu sichern. Aha.

Wir richten Frühstück (von der Hospitalera nach wie vor keine Spur), kochen Tee und rösten Brot. In der Abendbesetzung frühstücken wir nochmal gemeinsam, mich zieht es dann aber wieder los.

Das Wetter verspricht Spannung. Die Berge sind heute weiß bezuckert, und es windet und wolkt. Zum Glück bin ich ja Schnee gewöhnt und abgehärtet.

Auch dieses Jahr bleibt mir die Magie von O Cebreiro weitgehend verschlossen. Ich bin irgendwie immer im Morgengrauen dort, alles ist neblig grau, nur fragwürdig erheitert durch die touristenwirksame galizische Musik, die aus den vielen Touristenläden plärrt. Immerhin ist die Kirche dort offen, sofern man vorsichtig über den kalbsähnlichen Labrador steigt, der vor dem Eingang schläft.

Wieder habe ich einen guten Moment und kann Gott ansatzweise erahnen. Und heule schon wieder.

Kaum bin ich auf dem kleinen Hügel hinter O Cebreiro, kommt die Sonne heraus, beleuchtet das kleine Dorf und die grünen Hügel und Weiden nach La Faba. Bewegend.

Der Weg heute fühlt sich speziell an. Zum einen laufe ich vom Anfang bis Ende komplett allein; ein Stück weit fühle ich mich auch allein. Aber gleichzeitig fühle ich mich geborgen und begleitet. Mein Kopf denkt nichts, keine ängstlichen Sorgen, keine Sehnsucht nach meinen Soulmates. Vielleicht muss man das beides hinter sich lassen, um dieses kaum greifbare Gefühl zu bekommen.

Ich fühle mich allein, selbstbestimmt und frei. Zugleich habe ich aber auch das Gefühl, dass eine kaum spürbare Hand wie aus rosa Zuckerwatte in fünf Meter Entfernung um mich herum nur darauf wartet, mich unbemerkt wieder auf den richtigen Kurs zu bringen, wenn ich die falsche Richtung einschlage. Ich zweifle meine Entscheidungen nicht an, ich habe volles Vertrauen, dass ich die unmerkliche Kurskorrektur bekomme, wenn ich etwas Dummes mache. Vielleicht höre ich einfach meine innere Stimme? Oder kann ihr zum ersten Mal vertrauen?

Ich passiere kleine Dörfer. In einem fällt mir eine wunderschöne Kirche auf, die man über eine Treppe sogar besteigen kann. Ich kann gerade noch dem Verlangen widerstehen, die Seile zu den großen Glocken zu ziehen.

Ich erreiche Fonfría und checke ein. Ich bin die erste, viel mehr werden es wohl auch nicht werden, wahrscheinlich werde ich hier heute niemand Bekanntes wiedersehen. Aber ich bin innerlich so ruhig und gelassen, es fühlt sich einfach richtig und gut an.

Der Schlafsaal ist groß, voller massiver dunkelbrauner Holzbetten mit gewaltigen Matratzen. Es gibt zwar keine Küche, aber einen großen „Salon“ mit vielen schönen Sesseln und Panoramafensterfront auf die hinter mir liegenden Berge. Es ist ziemlich kalt, aber ich schnappe mir eine Decke und widme mich der Bändelmeditation.

Aus dem Nieselregen mit „Kapuze an oder doch lieber aus?“ entwickelt sich zunehmend ein Wolkenbruch. Zeitweise kommt der Regen fast waagerecht am Fenster vorbei bzw. in Flockenform. Durch mein Fenster sehe ich dick in Regenponchos eingepackte Pilger mit gesenktem Kopf gegen dieses Wetter ankämpfen – und die meisten stoppen zumindest für einen Kaffee im Trockenen. Mein Herz schlägt ein paar Takte schneller, als ich Walter und Marco in der Rezeption höre. Walter will hierbleiben, Marco muss erst noch in sich hineinspüren, wahrscheinlich belastet ihn die fehlende Kochgelegenheit. Aber auch er bleibt. Als er den Korridor entlangschwebt und mich auf seine typische Art anlächelt, bin ich so richtig angekommen.

Dröhnendes Lachen kündigt eine pudelnasse, aber wie immer unverwüstliche Amber an, und ein paar Minuten später sehe ich Sanne zum ersten Mal seit dem ersten Tag wieder. Ich hatte mich schon so drauf eingestellt, notfalls den ganzen Tag allein zu bleiben, und nun kommt im Minutentakt etwas Neues, Spannendes durch die Tür. Großes Hallo mit einem 70-jährigen Gentleman aus Wales, den ich in Astorga kennengelernt habe und der langsam, aber sicher sein Golfen vermisst. Die britischen Inseln sind gut vertreten, ich mache die Bekanntschaft mit einer ebenfalls 70-jährigen Lady, die einen extrem britischen Humor hat. Mir rutscht heraus, dass ich es toll finde, dass sie den Weg so allein macht. Sie guckt mich konsterniert an, ich würde ihn doch auch allein machen. Wo wäre denn da der Unterschied, übersieht sie provokant 40 Jahre Altersunterschied und eine massiv unterschiedliche körperliche Konstitution.

Bestimmt 30 Leute tummeln sich in dem Salon und sind bemüht, ihre Schuhe zu trocknen, zu reinigen und Füße zu kitten. Marco zeigt mir seine Schuhe, die deutliche Brandspuren zeigen. Die Story dazu ist einfach, er ist in einen Bach getreten, und um nicht mit nassen Schuhen weiterlaufen zu müssen, hat er sich kurzerhand ein Feuer angemacht. Woher er denn bei dem Wetter trockenes Holz hatte, will ich wissen. Er ist unter den Brücken der Nationalstraße entlang gelaufen. Findiges Kerlchen. Röstet einfach mal eine Stunde mitten auf der Strecke unter der Autobahn seine Schuhe – wenn auch eine Spur zu intensiv.

Er will die Armbändel lernen, und so sitzen wir einträchtig nebeneinander, die beiden Bändel an der gemeinsamen Wolldecke festgemacht und knoten wortlos vor uns hin. Bzw. auf jeden Knoten von ihm kommt ein Analysieren und wieder Auftrennen von mir, aber wer Feuer machen kann, muss ja auch nicht Armbändel flechten können. Sanne setzt sich zu uns; zu meiner Freude entdecke ich an ihrem Handgelenk mein Armband. Sie hat es die ganze Zeit getragen, ohne zu wissen, von wem es war.

Auf recht deutliche Proteste der gesamten Pilgerschaft hin werden gegen Abend endlich die Heizungen eingeschaltet. Ich habe einen Superplatz, die Füße an der heißen Heizung, die Schultern in die weiche Decke eingeschlagen, umgeben von wechselnden liebgewonnenen Menschen. DANKE!!!

Mit etwa zehn anderen Pilgern entscheide ich mich für das Pilgermenü der Herberge. Eigentlich bin ich auch lieber Selbstversorger, aber ich habe keinerlei Vorräte mehr, Fonfría hat keine Läden, und ich freue mich auf ein schönes warmes Essen in netter Gesellschaft.

Es gibt eine lecker duftende Suppe mit Bohnen, Fleisch und Kartoffeln. Das Hauptgericht bleibt dann etwas hinter den Erwartungen zurück, denn es gibt Fleisch mit Kartoffeln und Bohnen, nur eben ohne Brühe. Zum Nachtisch wird als Vorgeschmack auf Santiago schon die berühmte Mandeltorte gereicht.

Es ist immer noch recht kalt, und irgendwie bin ich erschöpft. Ich gehe gleich nach dem Essen ins Bett, wieder routinemässig unter drei Decken verpackt.

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