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Posts Tagged ‘Almadén de la Plata’

Nach der gestrigen doch etwas längeren Etappe bin ich heute ganz froh über die geplante Minietappe mit 15 km. Meine Hüften fühlen sich ziemlich steif und eingerostet an, und einen Totalschaden will ich auf keinen Fall riskieren.

Die lauten englischen Radpilger rascheln morgens vor 7 in voller Lautstärke, ich habe es geahnt. Ich schäle mich gekonnt aus meiner Schlafnische, räume alles in meinen Schlafsack und verlagere mich in den Frühstücksraum. Meine Wäsche ist zum Glück weitgehend getrocknet. Heute ist das Pilgerkollektiv irgendwie unruhiger als sonst, Pilger um Pilger kommt in den Raum und packt wohl so sorgsam wie noch nie alles schön bei Licht und mit Platz in seinen Rucksack. Als ich kurz nach 7 gehe, ist im Schlafsaal schon die Deckenbeleutung an.

Vorbei an einer kleinen Stierkampfarena geht es in ländliche Gefilde. Mein Führer kündigt etwas von einer Umleitung wegen einer privaten Finca an, ich bin also gespannt. Zuerst fängt es aber erst einmal zu nieseln an, während ich im vernebelten Morgengrauen an Weiden und durch die typischen Eichenwälder wandele. Nach einer Weile führt das idyllische Wegchen auf eine asphaltierte Straße, auf der ich einen Spanier aus der Herberge treffe, der nach eigenen Aussagen so 50-60km am Tag läuft. Er trägt einen sehr lustigen Regenschirm, der irgendwie nicht zu seiner sonstigen hartgesottenen Art passt.

Auf Höhe einer Farm mit vielen Schafen setzt plötzlich so starker Regen ein, dass ich mich kurzfristig lieber unterstelle. Die dicke Eiche bedeckt zwar gut meinen Kopf, aber an den Schultern läuft dann doch alles an mir herunter. Statt einem kurzen Schauer wie so oft regnet es gut eine Viertelstunde wie aus Kübeln. Die Schafe stehen wie festgeklebt regungslos auf ihrer Weide, und ich tue es ihnen unter meiner Eiche nach, während um mich herum ziemliche Bäche vorbeiziehen.

Irgendwann laufe ich dann doch weiter, nachdem mir das Wasser überall hineinläuft. Eine Regenhose hätte ich zwar in den Tiefen meines Rucksacks gehabt, aber so nass wie ich nun bin, macht das auch keinen Sinn mehr. Das Wasser von der Rucksackhülle scheint mir gekonnt hinten in die Hose hineingelaufen zu sein, und auch meine Schuhe sind nass. Juhu.

Bei dem Nieselregen bleibt ein wenig die Schönheit der Strecke und der interessanten Viehherden verborgen. Ich laufe mal wieder möglichst schnell und mit gesenktem Kopf an Schaf- und Ziegenherden vorbei- und an den beeindruckenden schwarzen Schweinen.

Auf einer leichten Anhöhe bietet sich ein beeindruckender Blick in die Weite und auf die unterschiedlichen Wetterfronten. Ganz in der Ferne ein Hauch von blauem Himmel, ansonsten aber viel Regen und dunkelstes Gewitter. Nichts wie weiter.

Ich bin froh über meinen Multifunktionsschlauch, den ich nun als Stirnband verwende. Es regnet und stürmt, und spätestens auf nasse Fransen im Gesicht kann ich gerade wirklich verzichten, wenn sonst schon alles nass und triefig ist.

Es geht wieder etwas bergab, und mit einem Mal entspannt sich auch das Wetter. Der Weg führt eine breite Straße entlang, kein Wind mehr, und auch der Regen hat aufgehört. Der Himmel ist immer noch reichlich bewölkt. Zum ersten Mal heute kann ich meinen Rucksack abnehmen und mir drei Brownies vom Vortag genehmigen, die mit etwas Regen ganz hervorragend schmecken.

Ich muss an die Messe am ersten Abend in Sevilla denken und an die beeindruckende Gläubigkeit der jungen Lateinamerikaner. Mir kommt das Bild in den Sinn, wie einer sehr selbstverständlich beim Vater Unser die Arme weit ausgebreitet hat. Danach ist mir jetzt auch. Nach wenigen Sekunden beleuchtet mich ein heller Sonnenstrahl. Ich drehe mich ungläubig um und denke „Gott, jetzt nicht echt, oder?!“, aber da schiebt sich schon wieder die Wolkendecke zusammen. Seltsam.

Gegen Mittag erreiche ich eine Ortschaft, mein heutiges Etappenziel. Am ersten Haus entleert eine Frau enthusiastisch einen Putzeimer quer über die Straße; ich habe Glück, zu meiner Nässe nicht auch noch putzmitteliges Zitronenaroma abgekriegt zu haben. Beim näheren Hinsehen ist das auch gleich die Herberge. Zuerst muss ich aber in die Touristeninformation zum Bezahlen und Schlüsselholen. Und die ist „todo recto, todo recto“, man könnte meinen, mehrere Kilometer weit entfernt. Wie schön.

Auf dem Rückweg von dort kaufe ich gleich noch ein wenig Proviant ein. Mittlerweile ist der spanische Putzteufel verschwunden und ich schließe zum ersten Mal mit eigenem Schlüssel eine Herberge auf. Ein komisches Gefühl. Das kleine Gewölbe am Eingang beherbergt einen grossen Tisch. Zur Linken geht es in mein Zimmer mit zwei Stockbetten und reichlich verzierten Überwurfdecken. Ich erkunde die rechte Seite, immer mit eingezogenem Kopf, denn die Türrahmen sind nicht für meine Größe ausgelegt. Zwei schnuckelige Bäder, ein Kamin sowie zwei weitere, noch abgeschlossene Zimmer. Eine spannende Herberge, eine Mischung aus Hexenhäuschen und altenglischem Charme.

Ich gönne meinem ziemlich feucht ausgekühltem Körper eine sehr heiße Dusche und wische anschließend pflichtbewusst mit dem Wischmop hinterher. Eine Duschkabine oder ein Duschvorhang haben schon ihre Vorteile.

Ich suche einen trockenen Platz für meine Wäsche, als draußen neongelb rucksackbehüllt Lieke vorbeitrabt. Ich rufe und erkläre ihr den Weg zur Officina de Turismo. Auch Jorge trifft hoch erfreut ein, kurz darauf die beiden Iren. Im Minutentakt kommt auch noch die Schwäbin und ihr Begleiter. Alle lassen ihre nassen Rucksäcke schon mal in dem kleinen Eingangsgewölbe.

Ich widme mich meinem schönen Mittagessen mit Partyspießchen und Aprikosenjoghurt zum Nachtisch. Ein ungewohnter Luxus und eine willkommene Abwechslung zu dem sonstigen Weißbrot mit Chorizo.

Gegen Nachmittag kommt fast ein bisschen die Sonne heraus. Prompt schleppen wir schnell die Stühle auf die Terrasse und breiten die Wäsche auf dem Geländer aus. Nachdem es alle halbe Stunde wieder zu einem kleinen Wolkenbruch ansetzt, kommt so zumindest keine Langeweile auf.

Eine kleine Radpilgerin aus Bayern trifft ein. Sie fährt auf einem gemütlichen Damenrad, ein lustiger Kontrast zu den sonstigen Radpilgern. Meist sind es junge, durchtrainierte spanische Männer auf Rennrädern mit entsprechenden Radlertrikots. Sie sieht einfach aus, als würde sie mit dem Rad zum Einkaufen fahren. Und als hätte sie ein Wolkenbruch erwischt.

Der Ire Sean überrascht mich, indem er sich plötzlich in Bügelfaltenhose, weißer Anzugjacke und schwarzen Lackschuhen auf den Weg zu seinem nachmittäglichen Bier macht. Es passt hervorragend zu seinem auch sonst sehr stilvollen Habitus, aber herrje, was trägt er nur alles. Nachdem ich meinen Rucksack auch wenig pfleglich behandele, ihn gern mal in irgendwelchem Matsch abstelle oder mich draufsetze oder -lege, würde so illustres Bekleidungsmaterial bei mir wohl auch nicht sehr lange überleben.

Nach einem kurzen Mittagsschlaf weiß ich, warum meine Hüften so weh tun. Es liegt nicht einmal an der Laufbelastung, sondern an den sehr weichen Matratzen. Seit dem Schläfchen tut mir nämlich sehr eindeutig die Seite weh, auf der ich gelegen habe. Beruhigend für meine weiteren Wanderpläne.

Wir verbringen einen entspannten Nachmittag auf der weitläufigen Terrasse mit Blick auf eine riesige Ziegenzucht und erleben sogar eine Geburt mit. Es bleibt viel Zeit zum Lesen und Schreiben und für Gespräche. Die Radfahrerin stöhnt über die rutschigen Wege und hat auch schon beachtliche Blessuren an den Beinen vorzuweisen. Lieke ist ziemlich geschafft von den heute zu durchquerenden Flüssen, bei einem hätte sie bis zu den Oberschenkeln im Wasser gestanden. Ich bin überrascht, ich habe keinen Fluss wahrgenommen, zumindest keinen, bei dem ich nass geworden bin. Vermutlich hatte ich durch meinen frühen Start das Glück, den Regen nur von oben mitzubekommen und nicht in Form der blitzartig angeschwollenen Bäche. Auch die angekündigte Umleitung wegen der Privatfinca habe ich nicht mitbekommen. Die Radpilgerin ist aktueller informiert; diese Problematik hat sich vor einigen Monaten wohl gelöst.

Der Pilger mit dem grünen Turban, von Jorge wenig respektvoll als “ el Taliban“ tituliert, schaut sich die Herberge an. Mir wird ganz anders, denn das Bett über mir ist noch frei. Er wirkt ein wenig irr, aber nett und freundlich, trägt aber sehr schmutzige, abgerissene Gewänder und riecht sehr gewöhnungsbedürftig. Nach etwa einer Stunde geht er plötzlich weiter. Als ich frage, ob er es sich anders überlegt hätte, meint er, er wäre Pilger ohne Geld und würde etwas weiter draußen sein Zelt aufschlagen.

Gegen Abend mache ich mich wieder einmal auf zu einer Messe, laut meinem Führer um 19.00. Wie schon so oft ist die Kirche abgeschlossen. Wieder erklärt mir eine freundliche Spanierin, dass sie vielleicht später aufmacht und ich einfach auf die campanas, die Glocken, hören soll. Das kenn ich ja schon. Ich laufe ein paarmal im Kreis, auf der Suche nach einem Supermarkt oder einem schönen Fotomotiv. Der Himmel ist ganz beeindruckend, voller gewaltiger Wolken und Abendsonne.

Ich treffe Patrick, der ebenfalls mit Foto bewaffnet unterwegs ist. Wir fachsimpeln ein wenig über Bilder, und er verspricht mir, mir einen Link zu seinen Picasa-Bildern zu schicken. Er lacht sich schlapp über das summende Geräusch, das mein noch nicht digitaler Foto von sich gibt. Er selber hat Hightech pur in Händen und macht beeindruckende Bilder. Wir laufen zusammen zum castillo, einer Burgfestung, hinauf. Es ist sehr lustig und erfrischend mit ihm. Eigentlich ist das das erste längere und ausgelassenere Gespräch, seit ich auf der Via unterwegs bin. Patrick ist zwar vermutlich auch fast doppelt so alt wie ich, glücklicherweise aber nicht mit der üblichen väterlichen Besorgnis ausgestattet, die ich hier so oft hervorrufe. Ich überreiche ihm ein Armbändel.

Zu seinem etwas speziellen Planungsverhalten mit den laminierten Plänen und Klebepunkten ist er auch ein interessanter Fotograf. Am liebsten geht er auf Einheimischenjagd in möglichst natürlichen Posen. Zu diesem Zweck stellt er einen Timer an seiner Kamera ein, hat diese um den Hals hängen und promeniert dann, interessiert in seinen Stadtplan schauend, an den Zielen seiner Begierde vorbei. Die gelungenen Bilder geben seinem ungewöhnlichen Vorgehen recht.

Gegen 20.00 probiere ich es ein letztes Mal mit der Messe, wieder ohne Erfolg. Dafür finde ich noch einen kleinen geöffneten Markt und tanke nochmal Joghurt und Schinken. Beim näheren Hinsehen ist der schon wochenlang über das Verfallsdatum hinaus. Ich darf ihn zwar umtauschen, die Verkäuferin legt mein Exemplar allerdings wieder ungerührt aus.

Es wird schon dunkel, als noch eine rastabezopfte junge Dänin vor der Herberge steht. Sie hat eine ziemliche Ruhe weg. Wir sind alle am Überlegen, wie sie jetzt noch ein Bett bekommen kann. Wir sind zu acht, beide Zimmer belegt, und für das dritte Zimmer bräuchte man wohl einen Schlüssel, den es aber nur in der mittlerweile geschlossenen Tourismusoffice gibt. Patrick probiert die Klinke – das Zimmer ist offen. Glück gehabt.

Während ich noch ein spätes Abendessen zu mir nehme, ereifert sich die Dänin mit Patrick über die Vorzüge verschiedener GPS-Systeme. Ich habe davon rein überhaupt keine Ahnung, finde es auch ausgesprochen überflüssig hier und bin recht froh, dass ich dann zeitnah in mein Zimmer verschwinden kann, wo Lieke schon seit langem schläft und Jorge ohrenbetäubend wie immer schnarcht.

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Nach einer schnarcherischen Horrornacht (dieser Spanier!!!) raschelt es gegen 7 zum ersten Mal. Ich nutze die noch dunkle Herberge, mich schnell anzuziehen und mein Gepäck raus in den Gang zu schleppen, wo ich packe. Fast zeitgleich mit ebenfalls Frühaufsteherin Lieke mache ich mich im noch Dunklen auf den Weg.

Ein Blick in den Führer verheißt nichts Gutes. Heute soll es erst einmal 16 km auf asphaltierter Landstraße entlanggehen, bevor es in den Nationalpark El Berrocal geht. Zudem ist es heute mit fast 30 km die erste längere Etappe und die erste wirkliche Prüfung für meine „Tragfähigkeit“.

Die Straße ist wenig befahren und führt eigentlich durch recht schöne Landschaft. Trotzdem komme ich nicht umhin, immer wieder die Uhr aus meiner Hosentasche zu holen, um zu schauen, wieviel der 16 km ich schon habe. Keine gute Strategie. Ähnlich wie am ersten Tag motiviert es nicht sehr, wenn man nach einer gefühlten Ewigkeit realisiert, dass man gerade ein Ministückchen hinter sich gebracht hat.

Ein einzelner Pilger sowie die beiden wie immer makellos schnell und ästhetisch kraftvoll laufenden Holländer überholen mich, als ich mir nach einigen Stunden eine verfrühte Mittagspause gönne. Frohgemut mit Autosuggestion verinnerliche ich, dass es sich nach so einer Unterteilung gleich wieder viel lockerer läuft. Das gute Gebilde bricht zusammen, als ich Kilometerstein „6“ passiere – zu Beginn hieß es „14“. Ich laufe seit 3 1/2 Stunden und habe noch nicht einmal mehr als 8 km? Bitte nicht.

Magischerweise und die dubiosen Zahlen ignorierend wird meine Bitte erhört – im nächsten Moment taucht auf der rechten Seite ein kleines Türmchen sowie ein Tor auf, und die gelben Pfeile zeigen gehäuft einen Wechsel auf die rechte Straßenseite. Ich kann es kaum glauben, aber die Tafel dort heißt wirklich herzlich willkommen im El Berrocal Nationalpark.

Es geht über eine breite Schotterstraße und ist nicht ganz so naturbelassen, wie ich es mir intuitiv vorgestellt hätte. Aber die Sonne scheint, alles grünt und blüht, die Vögel zwitschern. Ich störe die liebliche Idylle, indem ich meine Schuhe ausziehe, meine dampfenden Socken in die Gegend strecke und mich schon wieder autosuggestiv motivierend erholen möchte. Die Holländer kommen schon wieder an mir vorbei (vermutlich habe ich sie bei einer Pause überholt); Rudi Carrell fragt schon wieder ganz besorgt, ob es mir denn gut gehen würde und alles okay wäre. Herrje, warum muss mir denn immer jeder ansehen, dass ich nicht die Superriesenkillerkondition habe?

Eine Stunde später überhole dann wieder ich sie bei einer Pause und sie mich danach wieder. Jedesmal spüre ich den besorgten Blick und kriege schon fast eine Krise. Beziehungsweise meine Motivation sinkt wirklich ein bisschen, wenn ich sie laufen sehe. Sie haben genau die gleiche Schrittlänge, groß gewachsen, setzen schwungvoll und rhythmisch die Arme ein, es ist einfach wunderbar anzuschauen – und sie sind sicher 6 km/h schnell. Ich rangiere dagegen vermutlich langsam eher bei der Hälfte. Jede weitere Stunde wird irgendwie noch mühsamer und langsamer. Ich fühle mich absolut nicht schwebend oder kraftvoll. Mir fallen nur lauter Verben wie schleichen, stolpern, trapsen, trotten, sich schleppen, schwanken, torkeln, taumeln, wanken und ähnlich motivationsfördernde Exemplare ein. Mein Rücken tut weh, und meine Hüften fühlen sich steif an. Noch dazu brennt die Sonne zum ersten Mal ziemlich heiß (es ist ja auch zum ersten Mal schon Nachmittag), ich trage meinen Schlapphut und meine riesen Sonnenbrille. Ich fühle mich erinnert an eine Ausstellung, bei der man in speziell erschwerende Anzüge schlüpft, um zu simulieren, wie sich ältere Menschen mit Sehstörungen und Bewegungseinschränkungen fühlen müssen.

Zwischendurch erschrecke ich, als mich ein „hola“ von rechts grüßt. Ein junger Mann mit grünem Turban sitzt recht gelassen gegen einen Baumstamm gelehnt im Schatten.

Als dann auch noch der letzte Anstieg vor Almadén kommt, bei dem es gefühlt senkrecht den Berg hochgeht, motiviert mich nur noch die Vorstellung, dass oben direkt das Dorf sein soll. Bei näherer Betrachtung hatte ich da etwas falsch im Kopf, es geht erst noch den gleichen Buckel auch wieder runter. Ich hinke und hatsche wirklich ziemlich und habe für die Schönheit der Natur und den theoretisch einzigartigen Ausblick von oben wenig übrig.

Im Dorf treffe ich an einer Tafel den ersten Pilger von heute morgen wieder. Ich frage freudig „albergue, albergue?“. Er stellt sich als deutsch heraus, und er will nicht mal hier in die Albergue, sondern noch eins weiter. Oh Gott. Und ich fühle mich hier schon wie der letzte Mensch.

Er weist mich fürsorglich auf den richtigen Weg zur Herberge, die auch gefühlte 20 km am anderen Ende des Dorfes liegt. Die Tür ist zwar offen, aber auf unzähligen Schildern wird gebeten, nach Ankunft Manuela in irgendeiner Straße 22 zu kontaktieren. Soll ich das jetzt mitten in bester Siestazeit machen? Ich schaue vor die Tür. Ein Haus mit Nummer 46. Na ja, überschaubar. Ich laufe die Straße hinunter bis zur 22, wo ich klingele. Zu spät kommt mir die Idee, ob es überhaupt die richtige Straße ist. Aber eine eher unfreundliche kleine Frau kommt wortlos heraus und watschelt vor mir her. Das ist wohl Manuela.

Die stinkenden Schuhe müssen in die Küche, ich samt einem Schild „angekommen als fünfte“ werde in einen engen Schlafsaal geleitet, wo sie das Schild mit Klettverschluss an mein Bett heftet. Die beiden Holländer sind auch schon da sowie ein weiterer Ire von Castilblanco. Er hat das „angekommen als erster“, was mir ein wenig schleierhaft ist. Er erzählt grinsend, er hätte einfach den Daumen rausgehalten und wäre bis zum Parkeingang getrampt.

Ich dusche zum ersten Mal in einer sehr ordentlichen Sanitäranlage. 5 Waschbecken mit Spiegeln, 3 WCs und 2 Duschen nur für die Frauen. Bzw. momentan nur für mich, und mehr als zwei andere Frauen werden sich heute vermutlich auch nicht mehr herbeihexen.

Es gibt einen großen Speisesaal und eine kleine Küche. Ich nutze die Siesta, schon mal das schmutzige Geschirr abzuwaschen, um nachher die einzige Pfanne für mein Abendessen zu haben. In Erinnerung an meinen schlauen früheren Mitpilger Angelo möchte ich mir heute Omelette mit Thunfisch machen, um meine Muskeln mal so richtig aufzubauen.

Ich rede ein bisschen mit dem Iren Patrick, der auf seinem Bett eine riesige Schulmappe hat. Ich habe alles in leichten Plastiktüten und bin erstaunt, dass er so viel Ballast mitschleppt. Er guckt ungläubig und öffnet mir die Mappe. Die gefühlten 3 Kilo sind ausschließlich Reiseführer! Er hat sich jede Seite einzeln laminiert, hat 5 verschiedene Textmarker und ein ganzes Klebepunktesortiment dabei. Die Texte sind fast lückenlos verschiedenfarbig unterstrichen, harmonisch abgerundet mit zahllosen Klebepunkten mit farblich abgestimmten Farben. Zwischendurch sind noch etwa 30 Telefonnummern pro Etappe notiert. Der Knabe spinnt. Er sieht es mit Humor und kichert, dass er ja fast schon ein bisschen deutsch wäre. Nett ist er wirklich. Im Gegenzug macht er sich über mich lustig, dass ich von allem das Gewicht kenne und im Vorfeld sogar 10 Kulis durchgewogen habe, welches der leichteste ist.

Lieke kommt ähnlich geschafft in die Herberge, ebenso wieder mein Spanier, der sich immer sichtlich freut, wenn er „la chica!“ trifft. Ich mache mich gegen halb 6 auf zu einem Mercado. Der hat noch geschlossen, und so setzte ich mich wartend auf den kleinen Marktplatz und arbeite an meinem ersten Armbändel auf diesem Camino. Nach wenigen Minuten lässt sich mit einem beglückten „la chica! Ah, sie versteht ja eh wieder nichts!“ Jorge neben mir nieder. Ich ignoriere ihn möglichst gekonnt, er lässt sich davon natürlich wieder nicht in seinem Geplapper stören. Vermutlich hat auch er einfach nur das Gefühl, dass ich armes kleines Mädchen hier einsam und verlassen bin und man sich um mich kümmern muss. Zum Glück kommt Lieke, und die beiden gehen ein Bier trinken. Ich meide ja glücklicherweise aus Prinzip Bars und Restaurants und bin froh, dadurch eine Ausrede zu haben.

Um 6 warten Lieke und ich vor dem immer noch geschlossenen Mercado, als ein wahrer Wolkenbruch einsetzt. Wir stehen gerade noch unter einer Überdachung. Die Spanier haben lustige Regenrinnen. Die meisten enden irgendwo in 4 Meter Höhe mitten auf der Straße – oder kurz über dem Gehweg. Lieke bekommt fast eine Ladung in den Schuh. Vor allem spritzt uns jedes Auto so richtig schön nass. Ich klammere mich schon immer vorsorglich an ein vergittertes Fenster des Marktes und ziehe die Beine hoch. Trotzdem sind unsere Hosen patschnass verspritzt, als gegen halb 7 endlich geöffnet wird.

Der Laden ist nichts für Vegetarier. Gleichzeitig ist er wohl eine berühmte Schinkenproduktionsstätte. Die Decke ist vollgehängt mit Schinken – ein beeindruckender Anblick. Ich bin begeistert, meinen Thunfisch und Eier zu bekommen sowie eine Cherimoya zu einem Kilopreis, zu dem man in Deutschland nicht einmal einen Apfel bekommt. Dafür gibt es leider kein Brot und auch nicht meine gewohnten fluffigen Morgengebäcke, mit Vorliebe Muffins oder Magdalenas oder die Blätterteig-Apfel-Puddingstückchen vom Camino Frances. Hauptsache Schinken.

Meine Wäsche in der Herberge ist natürlich nasser als vorher. Tröstlich ist, dass es den jetzt noch eintreffenden Pilgern auch nicht viel besser geht. Die Schwäbin und ihr Begleiter kommen recht erschöpft und nass an; einem unmögliches britisches Radpilgerpärchen gönne ich es dagegen fast.

Ich mache mich begeistert ans Kochen. So ziemlich jeder zeigt sich neidisch und anerkennend anlässlich meines saftigen Omelettes und meiner hübschen dreifarbigen Nudeln. Tatsache ist aber, dass es keinerlei Salz gibt und alles ganz und gar ekelhaft und fettig schmeckt. Ich würde es am liebsten alles wegschmeißen, esse aber tapfer auf. Wenigstens gesund ist es ja sicher.

Zum Nachtisch probiere ich Sonnenblumenkerne, die zurückgelassen in der Küche stehen. Lecker. So ganz sicher bin ich mir dann doch nicht, wie man sie isst und ob ich das richtig mache so mit Schale. Ich frage einen freundlichen Spanier, der mir erklärt, wie man die knackt und von der Schale befreit. Mit meinen locker 20 verspeisten Schalen im Magen wird mir jetzt doppelt schlecht.

Die Stimmung droht schon wieder gefährlich zu kippen. Ich treffe Lieke und überreiche ihr mein Armbändel und ein gewünschtes hartgekochtes Ei aus meinem Sixpack. Ich hänge meine noch nasse Wäsche im Speisesaal auf und stelle auch gleich noch meinen Rucksack dazu. So vergesse ich sie sicher nicht und mache morgen auch wirklich keinen Krach als early starter. Und so beengt, wie die Herberge ist, ist das Packen draußen auch sicher besser.

Danach gehe ich ins Bett, was gar nicht so einfach ist. Die Stockbetten sind so tief, dass man sich wirklich recht artistisch hineinschälen muss. Im Liegen möchte ich meinen Schlafsack am Fußteil ein bisschen aufziehen, aber ich kann mich nicht mal so weit hochbeugen, dass ich hinkomme, sondern muss erst wieder ganz auf den Gang. Gegen 22.00 wache ich nochmal auf, als der Großteil der Pilger vom Essen zurückkommt (und die bikenden Engländer quer durch den Raum brüllen). Zur Freude von Jorge hüpfe ich nochmal kurz im T-Shirt auf die Toilette. Ich schäle mich schon wieder artistisch in meine Schlafnische, als Lieke von 4 Betten weiter wilde Zeichen nach unten macht. Ich kapiere nichts. An mein Bettende sehe ich ja auch nicht und mache wieder eine kunstvolle Wendung über den Gang. Da entdecke ich an meinem Fußende den kleinen Pastiktütenknäuel, in dem ich ihr ihr Ei präsentiert habe. Häh? Ich schaue genauer hin. Drin ist eine zusammengefaltete Serviette. Doppel-Häh? Mit krakeliger Schrift entziffere ich „salt“. Die Gute hat mir nach meinem Kochdesaster im Restaurant extra ein bisschen Salz geklaut. Das ist ja süß. Gerührt über diese Fürsorge schlafe ich ein.

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