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Posts Tagged ‘Palas de Rei’

Um 6 wache ich zum ersten Mal auf. Um 7 bin ich dann endgültig wach und ergreife auch recht zügig die Flucht, bevor die ganzen Mädels wieder zu schnattern beginnen.

Wie üblich ist es bescheuert, im Stockdunkeln zu laufen. Ich bin wieder einen Hauch von neurotisch, höre überall Geräusche und habe Angst vor Hunden. Ich bin wirklich erleichtert, als es heller zu werden beginnt. Auch heute hat es wieder sehr dichten Nebel, alles ist watteweiß.

Ich bin wieder in aufgeregter Fotografierlaune. Nicht nur blauer Himmel und strahlender Sonnenschein lassen mein Herz höher schlagen, mittlerweile habe ich auch meine Freude an Nebelspielen und Wassertropfen, Spinnweben und kleinen Details wie einer wunderschönen Passionsblumenblüte (und ich bin ehrlich erstaunt, was ich Anfänger mit meiner Digitalkamera alles zustande bringe). Wieder faszinieren mich auch die Hórreos, die galizischen Getreidespeicher. Es sind nur Speicher für Maiskolben, aber die Version meiner Pilgerfreundin Bärbel, dass die Leute da ihre Toten drin aufbewahren, geht mir vor allem in diesem stillen Morgennebel auch nicht ganz aus dem Kopf.

Nach einer Weile ist der kurze Moment gekommen, in dem die Wattewolken mit der Sonne kämpfen. Ich mache es mir auf einer Leitplanke gemütlich, esse meine gestern eingekauften Cremeschnittchen und trinke meine Tetrapaks Kakao.

Hinter mir lichtet sich der Nebel bereits und gibt den Blick frei auf einen strahlend blauen Himmel. Der Weg, den ich gekommen bin, liegt dagegen noch komplett im Nebel. Ich bin früh losgelaufen und habe bisher keine Menschenseele getroffen. Dass vermutlich alle das morgendliche Hellerwerden abgewartet haben und eine halbe Stunde nach mit gestartet sind, wird mir nun bewusst, als fast im Sekundentakt ein Pilger durch die Nebelwand bricht. Mich passieren unglaubliche Massen unglaublich schneller, hektischer und betriebsamer Pilger, es ist fast etwas unwirklich.

Ich lasse den größten Schwung passieren. Als es wieder ruhiger wird, mache ich mich wieder auf den Weg, immer noch mitten an der Grenze zwischen Nebel und Sonne. Auf der anderen Straßenseite sieht irgendetwas merkwürdig aus, seltsam blendend hell. Die Gruppe Spanier, die hinter mir entlanggestoben kommt, ruft sich hektisch „arco iris!“ zu. Ein Regenbogen, der direkt auf dem Acker vor mir endet, und den ich als solchen erst richtig sehe, als ich ein paar Schritte zurücktrete.

Meine Stimmung schwankt  zwischen fasziniert von der beeindruckenden Schönheit des Wegs und etwas desillusioniert von den Pilgerscharen. Es geht recht eintönig an der Straße entlang, vor und hinter mir hat es hektische Pilgergrüppchen, soweit das Auge reicht. Ich kenne so gut wie niemanden von ihnen, und sie sind unheimlich schnell und gestresst und laut. Ich muss schon wieder an Bärbel denken – dass man als Pilger nach ein paar Wochen nicht mehr geht (oder gar hetzt), sondern schreitet. Ich vermisse dieses bedächtige, nachdenkliche, ruhige, in sich gekehrte Schreiten, das ich die vergangenen 2 Wochen beobachten durfte.

Irgendwann ist alles Schnelle an mir vorbei, und ich laufe lustigerweise auch wieder in kompletter Ruhe und Einsamkeit.

Irgendwann holt mich Joaquin ein. Heute ohne Anke. Er möchte oder muss sich beeilen, er will seine Mutter bereits am Samstag in Santiago treffen, Sonntag früh geht ihr Bus nach Portugal. Die Mutter ist offensichtlich irgendwie auch auf dem Camino (oder auch wieder nicht, mit dem Bus, Joaquin ist klar auskunftsfreudig wie immer), er will heute bis Mélide. Anke dagegen hat beschlossen, dass es ihr nichts bringt, so früh anzukommen, sie hat ja ihren Mann ein oder zwei Etappe hinter sich. Nachdem sie „ihr Santiago“ schon im Frühling hatte, will sie es ihrem Mann offen lassen, ob er „sein“ Santiago lieber allein erlebt oder ob sie gemeinsam die letzte Etappe gehen wollen. Und dann vielleicht gemeinsam bis ans Ende der Welt.

Ich schicke Joaquin voraus. Heute nicht einmal aus schlechtem Gewissen, irgendwie habe ich heute einfach keine Lust mehr auf seine gönnerhaften, allwissenden Kommentare, auf unsere „Gespräche“, die ja eh zu nichts führen.

Heute ist es so richtig warm, ich trödele mal wieder par excellence und spiele Schwamm, der die Eindrücke und Ruhe auf den letzten Kilometern vor Santiago aufsaugt. Gestern an der 100 km – Markierung habe ich die Kanadierin mit dem transportierten Müslirucksack getroffen. Sie war gemischter Gefühle. Weniger die Freude, den Camino bald geschafft zu haben, als eher eine Traurigkeit, dass sie nun 700 km unterwegs war und sich so daran gewöhnt hat – und es nun so bald schon zu Ende ist. Mir geht es (auch mit deutlich weniger Kilometern) einen Hauch von ähnlich. Die Stimmung ist Abschiednehmen.

Als ich eine kleine Anhöhe erklimme, sitzt auf einem Steinmäuerchen Joaquin. Er hat auf mich gewartet.

Ich bin weitgehend überrascht, aber wir laufen von da ab zusammen weiter, und es geht überraschend gut. Er hat eine recht unverwüstlich gute Laune, bleibt immer wieder stehen, um bedächtig eine Blume am Wegesrand zu inspizieren und liebevoll mit seinen filigranen Fingern an seinem Strohhut zu befestigen. Der Hut ist eh schon der Knüller, vor allem, seit er einen recht stattlichen Pilz aufgelesen hat. Ich nenne ihn neuerdings nur noch Mushroom-pilgrim.

Auf Höhe der ersten Riesenherberge von Palas de Rei treffen wir auf Lucia, die mal wieder mit merkwürdigen Geräuschen mit sich selbst beschäftigt ist. Irgendwas behagt ihr nicht an ihren Handschuhen, die sie wie die meisten Koreanerinnen gegen die Sonne trägt. Und täglich wäscht. Wir machen Erinnerungsfotos (den Mushroom-pilgrim hat sie trotz fehlender christlicher Aura ins Herz geschlossen), und sie fragt, ob wir zufällig ein Gummiband hätten. Sie hat ihres verloren, und die offenen Haare, ugh oh ah. Ich packe mitten auf dem Weg meinen Rucksack aus und suche ihr mein Haargummi aus dem Kulturbeutel. Sie bricht vor Freude erst recht in undeutliche Grunzlaute aus und ist kaum mehr zu beruhigen. Sie ist schon lustig mit ihren fast 60 Jahren. Vor allem will sie heute weit laufen. Bis Mélide, warum auch nicht. Sie will unbedingt den Papst sehen. Die Chance gibt es nur einmal, und dafür probiert sie alles. Da hat sie eigentlich recht.

Mich zieht es zielstrebig zu meinem Wunderbäcker in Palas de Rei, allerdings ist es genau 14:30, und die Läden beginnen zu schließen. Ich brauche auf alle Fälle etwas zu essen, sodass ich sicherheitshalber lieber in den nähergelegenen Supermarkt springe. Ich kaufe auf die Schnelle meinen geliebten Pulpo a la marinera, ein Brot und Mousse au Chocolat. Joaquin hat beschlossen, mit mir einkaufen zu gehen, wandelt aber verträumt zwischen den Regalen, ohne so wirklich weiter zu kommen. Die Verkäuferin wird wenig dezent ungeduldig, schließlich will sie den Laden schließen. Ich wecke Joaquin aus seinen Träumen, woraufhin er zerstreut bis an die Kühltruhe an der Kasse kommt und sinniert, dass er jetzt vielleicht ein Eis möchte. Er steht minutenlang regungslos vor der geöffneten Eistruhe. Irgendwann hat er sich für ein grünes Wassereis entschieden, ja, das glaubt er, will er. Es gibt es einzeln oder im Fünferpack. Er fragt nach dem Preis und rechnet in einer Endlosschleife, dass die Großpackung ja günstiger ist. Weitere Minuten vergehen, ich kann mir einen ungläubig grinsenden Blick mit der Verkäuferin nicht verkneifen.

Für einen von uns gibt es heute tatsächlich 5 Packungen grünes Wassereis zum Mittagessen.

Wir setzen uns mehr praktisch als idyllisch direkt auf eine Bank an der viel befahrenen Straße. Ich bin ungläubig begeistert von Joaquin. Ich kann ihn nicht so recht einschätzen, manchmal wirkt er mir einen Hauch von arrogant, aber vor allem ist er einfach tierisch verplant und verträumt.

Ich bemühe mich sehr um Toleranz und halte meine Meinung zu dem vielen Wassereis recht vornehm zurück. Irgendwann kann ich mir einen Kommentar dann doch nicht verkneifen, ob ihm diese Farbstoffe denn keine Sorgen machen – so viel Chinolingelb würde dann nicht mal ich essen, dabei bin ich hier ja nicht der Alfalfa-Man. Er ist halb geschockt, dass das giftgrüne Zeug ungesund sein und künstliche Farbstoffe enthalten könnte. Am Ende von Eis Nummer 2 keimt ihm auch der Gedanke, dass er vielleicht doch nicht den ganzen Karton hätte kaufen müssen. Zu Beginn von Eis Nummer 4 ist er eine Mischung aus aggressiv, verzweifelt und mit den Nerven am Ende, ich soll nur ja meinen Schnabel halten, sonst kotzt er grad quer über den Platz. Am Ende von Eis Nummer 4 sieht er selber einen Hauch von grüngelb aus und erinnert sehr an ein Häufchen Elend. Wie ein rettender Engel kommt Matthias den Platz entlanggeschlendert. Wir bieten ihm ein erfrischendes Eis an, was er überrascht dankend annimmt. Joaquin sieht zwar noch grün, aber unendlich erleichtert aus.

Wir laufen zu dritt weiter, die Stimmung ist super. Beide Herren sind auf ihre Art recht erheiternd und lustig. Die Temperaturen klettern immer höher, zum ersten Mal wird es mir selbst im hochgekrempelten Trekkinghemd warm. Wir haben November.

Es geht durch haufenweise kleine Örtchen, wobei Matthias immer unruhiger wird. Er wollte vermutlich eh nur bis Palas de Rei, hat sich von uns da etwas anstecken lassen, und sein Horror ist nun recht deutlich, bis Mélide durchlaufen zu müssen. Die Herbergen in den kleinen Orten haben im November bereits geschlossen. Ich vertraue recht optimistisch auf Casanova/Mato.

Als wir den Ort passieren und auf der rechten Seite die (geöffnete) Herberge auftaucht, hoffe ich fast schon einen Moment, dass auch Joaquin hierbleibt. Er ist aber erstaunlich klar, nein, er möchte bis Mélide. Ich gebe zu bedenken, dass das noch gut zwei Stunden sind und wir schon späten Nachmittag haben. Das überrascht ihn zwar wieder, Mélide muss es aber trotzdem sein. „Wir sehen uns“ (nein, Herzchen, nicht, wenn Du bis Mélide prescht und Sonntag morgen schon abreist), „bleiben ja aber eh über Facebook in Kontakt“ (obwohl wir nur unsere Vornamen kennen). Er ist unendlich verplant, aber sympathisch verplant, wie ich leider feststellen muss, als ich allein in die recht einsame Herberge einchecke. Die Spanierin am Tisch ist kurz angebunden bis unfreundlich, sie wohnt in dem 5-Seelen-Ort gegenüber und bewegt sich schlurfend in die Herberge, wenn ihr kleiner Kläffer unmissverständlich das Eintreffen eines Pilgers ankündigt. Dass es hier keinen Mercado gibt, ist mir klar, aber auch auf die Frage nach einer Bar schüttelt sich völlig resolut den Kopf. Nicht hier und nicht in der Nähe.

Ich trapse etwas einsam im Herzen die Treppe hoch. Diese Herberge ist praktisch identisch mit den anderen kleinen Herbergen in den kleinen Orten. Eigentlich recht süß, sauber und modern, mit wunderbar dicken Matratzen, kleinen Schlafsälen und modernen Facilities, wie einem (immer verschlossenem) Raum mit WC extra nur für Behinderte im Erdgeschoss sowie einer ausladenden Küche (in der wie üblich jegliches Geschirr fehlt). Vermutlich könnten diese Herbergen ein kuscheliges Gefühl von Heimeligkeit vermitteln, wären sie von einem engagierten Hospitalero liebevoll betreut und mit Liebe und Leben versehen. So dagegen ist der Bau unheimlich seelenlos, und es wird auch nicht davon besser, dass der Schlafsaal ziemlich leer ist. Mich strahlt nur die Grinsekatze an, ein älteres spanisches Pärchen ist am Duschen. Die Matratze sieht irgendwie komisch aus, es hat lauter dunkle Krümel, sodass ich einen Bettwanzenkoller kriege. Die Deutsche springt mir (mit ihrer leidvollen Erfahrung) hilfsbereit zur Seite und versichert mir, dass Wanzen anders aussehen. Trotzdem bin ich dankbar für ihren Anti-Bettwanzen-Umgebungsspray, mit dem ich angewidert alles von Matratze über Rucksack bis hin zu meinen eigenen Füßen einsprühe.

Draußen ist es zugig und windig und kalt, zu Essen hat es auch nichts herzerfreuendes. Ich bin ziemlich einsam und leer, sitze am Küchentisch und versuche mir einen Pfefferminztee aus der Mikrowelle schönzureden, für den es nicht einmal eine Tasse, sondern nur einen Joghurtbecher hat.

Am späten Abend trifft noch eine Spanierin ein, die auf dem oberen Stockbett mit Bächen von Jodlösung ihre Füße bearbeitet. Mich schüttelt es ähnlich wie beim Anblick der sehr korpulenten Frau des Spanierpärchens. Ihrem Mann zuliebe schleppt sie sich seit SJPdP den Camino entlang; sie freut sich mit leuchtenden Augen sehr, sehr, sehr auf das Ankommen in Santiago, vermutlich einfach auf das Ende dieser Tortur. Sie ist schwer erkältet, und an ihren Füssen ist keine normale Haut mehr zu erkennen, alles ist entweder frische Blase oder verhornte Blase.

An diesem Abend finde ich in allen Aspekten keinerlei Wärme und Wohlgefühl. Um 9 verkrieche ich mich in meinem Schlafsack. Wenigstens der ist eine zuverlässige Bank in Sachen warm umschließende Geborgenheit.

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Mein versprochenes Frühstücksei steht schon auf dem Tisch, ebenso eine Tasse Tee. Sanne und Marco sind schon fertig mit essen und machen sich auf den Weg.

Meine Druckstellen tun heute unglaublich weh. Ich schnüre alle paar Meter um, aber ohne Erfolg. Seit Tagen trage ich zur Polsterung schon meinen Fleecehandschuh im Schuh, aber egal, wie ich ihn schiebe, es tut höllisch weh. In meiner Verzweiflung probiere ich schon Abstandshalter wie Steine, Holzstückchen und Flaschendeckel, aber so richtig besser wird es nicht, und vermutlich habe ich nachher noch zusätzliche Probleme und Druckstellen. Ich beschließe, es zu ignorieren und einfach weiterzulaufen.

Nach 1 1/2 Stunden freue ich mich in Palas de Rei dann auf Einkaufen und ein ausgiebiges zweites Frühstück. Ich komme gerade rechtzeitig zum Öffnen des Supermarktes, aber zuerst statte ich meiner Lieblingsbäckerei einen Besuch ab, kaufe ein Pain au chocolat (wie auch immer das in korrektem Spanisch heißen mag), eine schöne Empanada mit Fleischfüllung und ein Baguette. Alles noch ofenwarm, herrlich. Im Supermarkt meinen ebenfalls liebgewonnenen Tintenfisch in Soße sowie Frühstücksartikel, denn mein heutiges geplantes Etappenziel brilliert schon wieder durch fehlenden Laden. Mit Sanne und Marco bin ich mir einig; nach zwei Tagen in kleinen Herbergen zwischen den großen Etappenzielen möchten wir heute unsere Gruppe wieder einholen. Allen voran Amber, aber selbst Chuck würde ich langsam in Kauf nehmen.

Für mich wird es ab hier zusätzlich spannend; zwei dänische Freunde vom Vorjahr machen zeitgleich den Camino Primitivo, der hier nun auf den Hauptweg einbiegt. Ich habe es nicht mehr genau im Kopf, aber sie sollten um meinen Ankunftstag in Santiago ankommen, wahrscheinlich sind sie jetzt nur ein paar Kilometer von mir entfernt. Ebenfalls spätestens in Santiago treffen werde ich meinen belgischen Pilgerfreund Jelle, der ebenfalls in León, aber einen Tag nach mir gestartet ist. Zwischenzeitlich hatte ich fast Angst, ihn vorher wiederzutreffen, schließlich möchte ich meinen Camino gehen, mit meinen neuen Leuten und meinen neuen Erlebnissen. Aber so langsam bin ich bereit dafür und würde mich sehr über diesen Abschluss freuen. Ich ärgere mich fast ein bisschen, mir nicht genauer notiert zu haben, wann sie ihren Flug ab Santiago haben, aber ich wollte es dem Schicksal überlassen, ob und wann wir uns treffen. Und nachdem ich ihre Emailadressen habe und wir ohnehin regelmäßig in Kontakt sind, ist mir das Treffen auch nicht so übermäßig wichtig.

Heute stehen 34 km auf dem Programm, deutlich mehr, als ich in den letzten Tagen gelaufen bin. Mein Bummeln in der Hoffnung auf Kristian habe ich nun aufgegeben und möchte lieber wieder die bekannten Gesichter treffen.

Vor Mélide treffe ich schon mal die energetische Spanierin aus La Faba wieder, was mich sehr freut. Im Park mit den Pilgerbäumen mache ich eine gemütliche Mittagspause mit meinen Unmengen an Vorräten. Mein Rucksack sieht schon ganz komisch aus von dem quer reingestopften Baguette.

Die letzten Kilometer ziehen sich ziemlich endlos dahin. Ich bin definitiv etwas verweichlicht in den letzten Tagen.

Die Herberge von Ribadiso liegt friedlich im Sonnenschein am plätschernden Bach, von bekannten Gesichtern allerdings keine Spur. Ich bin etwas enttäuscht, vermutlich gilt auch diese Herberge wieder als „Zwischenetappenziel“, und der große Pulk ist eine Stunde weiter in Arzúa. Meinen ganzen Camino habe ich in den Herbergen immer nur wenige Pilger getroffen, meist maximal 20, dabei wäre ein großer Pilgerschub mit fast 100 Leuten direkt einen Tag vor uns. Ich war immer heilfroh, nicht auf diesen aufzulaufen, habe ich doch das Gefühl, das mein diesjähriger Camino eher in der Einsamkeit und dem Ahnen der Zuckerwattefäden sein Ziel hat. Trotzdem, heute wäre mir nach großem Hallo und Wiedersehen und Leben.

Die Herberge erscheint mir heute noch idyllischer wie eh schon. Ich dusche Ewigkeiten brühendheiß, und meine Wäsche trocknet blitzschnell in der Mischung aus Sonne und Wind. Ich halte meine Füße in den eiskalten Bach, was auch dringend nötig ist. Die Druckstellen erlauben langsam nicht mal mehr den Kontakt mit meinen watteweichen Crocs-Imitaten, und zu allem Überfluss zwickt es mich seit dem Ankommen in der linken Wade und Kniekehle, was ich mir eigentlich nicht erklären kann. Es ist nicht schlimm, aber ich creme für alle Fälle mal mit Arnika.

Auf einem Bänkchen in der Sonne esse ich mein Abendessen, unterhalten von einem recht süßen schwäbischen Pensionär. Meine beiden stillen Engel tauchen mit der Abendsonne auf, aber heute sind ihre Schwingungen füreinander so stark, dass ich mich zurückziehe. Sie strahlen sich so selig und harmonisch an, da passt niemand drittes mehr dazu, erst recht nicht jemand, der nicht so strahlt und leuchtet. Ich bewundere beide für ihre Fähigkeit, auf ihre innere Stimme zu hören. Beide stehen oder sitzen oft still da, lächeln vor sich hin und warten. Ich habe ein etwas gespaltenes Verhältnis zu meiner inneren Stimme. Kleine Blitze von Intuition habe ich auch manchmal, aber das Gefühl ist schwer greifbar, und mein Gehirn schaltet sich sofort ein und versucht eine Analyse. Das kommt dann einem verzweifelten Gedankenstrudel näher als dem seligen Lächeln.

Ein Bauer treibt seine Kuhherde von der benachbarten Weide. Schon in den vergangenen Tagen war ich beeindruckter Zeuge der Art von Kuhhaltung hier. Einmal bin ich einem Bauer mit seiner Kuhherde auf der Straße begegnet, der allen Kühen voran entlanggerannt ist und mit leuchtenden Augen und absoluter Passion rhythmische, antreibende Worte gerufen hat. Running with the cows als Lebenserfüllung. Gestern Abend in Areixe ist ein Bauer ungefähr eine halbe Stunde mit 4 Kühen immer wieder um den Stall und einmal kurz eine Runde durchs Dorf gerannt. Macht das besseres Fleisch und wirkt Verfettung entgegen? Heute wird die kleine Herde an unseren Bach getrieben und getränkt. Einige Kühe gehen ordentlich tief hinein und fühlen sich derart wohl, dass sich Blase und Darm entleeren. Ich ziehe schnell meine Füße aus dem Wasser. Anschließend wird die Herde dann komplett durch den Fluss durchgetrieben; praktisch, saubere Kühe, und sicher auch etwas für die Venen und den Kreislauf getan. Ich muss lachen beim Gedanken an das wunderschöne, kristallklare Wasser, in dem Marco vorher sogar todesmutig gebadet hat. Jetzt ist es ein einziger verdünnter, trüber Kuhfladen. Und bis zum nächsten Nachmittag erfreuen sich die nächsten Pilger an dem klaren Kristall.

In der Herberge herrscht Partyatmosphäre; eine Gruppe von sieben spanischen Männern in meinem Alter genießt den Camino auf ihre Weise. Wohl weniger meditativ und selbstfinderisch, sondern vor allem auf Spaß angelegt. Sie versuchen mich als weibliche Begleitung für die Bar zu gewinnen, und ich habe im Gegenzug meinen Spaß daran, ihre Kommunikationsversuche zu verfolgen. Der wohl am besten Englischsprechende wird vorangeschickt, um zu fragen, ob ich englisch wäre. Ich verneine, sage „Suiza“, und man kann förmlich die Köpfe rauchen sehen. Sie beratschlagen auf Spanisch, was ich dann wohl spreche bzw. welcher von ihnen dann die Gesprächsführung übernehmen soll. Ich habe meinen Spaß mit verständnislosem, hilflosem Schulterzucken und bin gespannt, was sie sich noch einfallen lassen bzw. was ich bis dahin noch alles belauschen darf. Leider durchschaut mich einer von ihnen dann doch, und so kann ich auf Spanisch dankend ihre Einladung ablehnen. So einer Horde geballter Männlichkeit fühle ich mich heute Abend nicht gewachsen.

Es ist kaum 8, und ich überlege mir, schlafen zu gehen. Sanne und Marco kochen zusammen, sonst kenne ich niemanden. Draußen lacht es auf Englisch, und ich überwinde mich doch nochmal und setze mich dazu. Zwei junge Amerikaner und ein Deutscher haben ordentlich Spaß zusammen. Der Deutsche ist wie ich vor 2 Jahren bis Arzúa weitergelaufen, um einzukaufen, und versorgt jetzt seine neuen amerikanischen Freunde und mich mit seinen Errungenschaften. Er hat einen guten Humor, recht treffend und knapp, und soweit ich es erfassen kann, ist er mir als Pilger sympathisch. Seit 20 Jahren macht er zum ersten Mal Urlaub, und er ist begeistert vom Camino und hat sich schon für das nächste Jahr als Hospitalero verpflichtet. Er läuft recht schnell, und eher zufällig frage ich, ob er dann irgendwo in den letzten Tagen zufällig meinen Norweger gesehen hat. Klar. Waaaaas? Ich falle fast von der Bank. Sie hätten sich in O Cebreiro getroffen, er erinnert sich genau an ihn, und er hätte gewirkt, als ob er schon noch weiterlaufen könne. Ich rechne chaotisch herum, wann das war, leider hat keiner von uns so richtig Zeitgefühl. Auf alle Fälle scheint Kristian demnach aber weitgehend normale Etappen laufen zu können, und etwas sagt mir, dass er es dann auch rechtzeitig für mich nach Santiago schaffen wird. Ich bin überglücklich, warum auch immer. Ich fühle mich wie der Liedtitel „I can reach heaven from here“.

Ich bin Günther unendlich dankbar, ebenfalls warum auch immer. Eben noch wollte ich etwas einsam und verlassen zu früh ins Bett, und nun habe ich mich eine Stunde brillant und lebhaft unterhalten, das Caminogefühl ausgetauscht und geteilt, leckere Cremeschnittchen aufgedrängt bekommen – und mit einem Mal wieder diese unbeschreiblich schönen Bewegungen meines Herzens, das seinen Soulmate wieder spürt.

Ich gebe Günther mit ganz viel Liebe ein Bändel und packe mich in meinen Schlafsack, als er nochmal kurz an mein Bett kommt und mir seine geschlossene Faust hinstreckt. Er sagt so etwas wie, dass es manchmal einfach stimmen und passen würde. Er ist schon wieder weg, als ich sein Geschenk näher betrachten kann – eine wunderschöne kleine Maus aus Metall.

Ich schlafe mal wieder unendlich glücklich und reich ein.

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Die Nacht ist erstaunlich warm, ich friere nicht wie üblich in meinem ultraleichten Ultrabilligschlafsack. Zum Frühstück habe ich gleich noch eine leckere Fleisch-Empanada von gestern (die Vorräte müssen ja mal weg).

Das Wetter ist heute besser, es nieselt nur noch und schüttet nicht mehr. Vielleicht kommt es einfach immer auf den Vergleich an – etwas, was mich schon wieder an Angelos Geschichte gestern denken lässt. Eigentlich ist nie etwas ganz gut oder ganz schlecht, vielleicht ist vieles wirklich nur eine Einstellungsfrage.

Ich laufe schon wieder mit Jelle, als wir Mélide erreichen, eine größere und industriellere Stadt als sonst üblich. Hier hoffe ich, meinen Teleskop- Stock repariert zu bekommen. Ein Stück hat sich verklemmt, ich bekomme ihn nicht mehr klein zusammen. Zum einen ist mir das klappernde Stöckeln etwas lästig, zum anderen muss ich ihn ja spätestens für die Heimreise wieder klein in meinen Rucksack bekommen. So steuern wir ein Geschäft an, das sehr nach Handwerkerbedarf aussieht. Trotz zahlreichen Bohrmaschinen hat der Verkäufer aber keine Zange (oder versteht mein Problem nicht) und deutet auf die andere Straßenseite. Dort ist eine Autowerkstatt, die wir etwas zögerlich betreten. Weit und breit kein Mensch, und ich will es fast schon wieder sein lassen, als ein Männchen in der hintersten Ecke extra sein Schweißen unterbricht. Mir ist es etwas unangenehm, aber nachdem wir jetzt schon da sind, schildere ich eben mein Stockproblem. Der Mann ist sofort bei der Sache und zieht und zerrt herum. (Nachdem sowohl ich als auch Jelle und Angelo schon daran herumgezerrt haben, wundert es mich nicht, dass ohne Erfolg). Er greift zu einer Zange, aber auch das ohne Erfolg. Ich möchte sagen „na gut, dann halt nicht, vielen Dank trotzdem!“, aber er läuft schon zu einem Schraubstock. Mir wird ganz anders (vor allem, da er jetzt mit voller Hebelgewalt in die falsche Richtung dreht). Nachdem auch das erfolglos bleibt, kramt er diverse Sprays hervor, um eventuellen Rost zu lösen. Mir tut der ganze Aufwand leid, aber offensichtlich habe ich hier spanischen männlichen Ehrgeiz geweckt, und der ist durch nichts zu bremsen. Zumindest nicht durch eine schlecht spanisch radebrechende Pilgerin. Irgendwann gibt er sich doch geschlagen, entschuldigt sich mehrfach und lehnt Bezahlung rigoros ab. Zwar kein reparierter Stock, aber immerhin haben wir ein weiteres Mal erlebt, welchen Respekt und welche Freundlichkeit Pilger entlang des Weges von der einheimischen Bevölkerung entgegengebracht bekommen.

Passend zum aufklarenden Wetter werden heute auch meine Gedanken deutlich klarer. Die Worte von Angelo sind mir allgegenwärtig, und von Pessimismus, Depression und negativem Denken möchte ich mich für die Zukunft befreien. Wie auch in der Meseta, als ich eine gewisse Beruhigung und Vollendung gefunden habe, indem ich der Engländerin den Muschelanhänger gegeben habe, überkommt mich eine Idee wie eine Eingebung. Ich frage Jelle, ob er mir einen Gefallen tun würde. Ohne zu wissen, um was es geht, sagt er sofort ohne zu zögern ja, und beginnt wild herumzuraten, um was es gehen könnte. Ich bin fast überrascht, auf was er alles kommt, und was er alles für  mich tun würde. Ich unterbreche seine lustigen Gedankengänge und erkläre ihm, worum es mir geht. Ich möchte meine Jakobsmuschel in Muxia im Meer versenkt haben. Normalerweise begleitet mich meine Muschel den ganzen Camino durch Höhen und Tiefen und ist mir wie ein Glücksbringer. Diesen Camino habe ich nicht so richtig Freundschaft mit meiner Muschel geschlossen, ich habe sie recht seelenlos schnell in Burgos gekauft. Dabei denke ich eigentlich, eine Muschel muss einen finden, so wie bei Harry Potter der Zauberstab sich seinen Besitzer aussucht. Ein Stück weit möchte ich diese nicht stimmige Muschel loswerden, und vor allem mit ihr all die Erkenntnisse und Abschiede, die ich auf diesem Camino gesammelt habe. Zu Muxia habe ich ein ganz besonderes Verhältnis, vom Gefühl her ist das genau der passende Ort. Ich kann dieses Mal leider nicht selber bis ans Ende der Welt laufen, aber Jelle wird dorthin gehen. Er fühlt sich sehr geehrt ob dieses Auftrags und möchte seine Muschel dann auch gleich dazubinden, als Zeichen der Bande zwischen uns. Mir ist das eher unrecht, zum einen soll er seinen Glücksbringer mal schön behalten, und zum anderen versenke ich damit doch einen Teil von mir, den ich hinter mir lassen möchte.

In Arzúa bin ich gespannt auf die Herberge, die ich noch nicht kenne. Wir finden die städtische Herberge, und ich bin sehr positiv überrascht. Es gibt einen riesigen Schlafsaal mit schönen Holzbetten, die ganze Herberge ist großzügig und mit viel Holz. Außer uns ist erst ein Deutscher da, sodass wir unsere doch rundum feuchten Sachen weiträumig ausbreiten können. Er ist in den Pyrenäen gestartet, und auf meine Frage, ob er sich denn nun nach so langer Zeit aufs Ankommen freut, bekommt er fast einen Tobsuchtsanfall. Offensichtlich nicht. Auch scheint er noch deutlich mehr unter den Pilgerneulingen zu leiden als ich. Ich finde es in manchen Momenten ein wenig schade für die Stimmung, aber er verwendet derart gesalzene Kraftausdrücke für alles, dass ich mich auch schon etwas verängstigt lieber wieder Jelle zuwende.

Heute sprechen wir ausnahmsweise eher über ihn. Wir sind schon sehr grundlegend verschieden. Während meine Gedanken die meiste Zeit wild Karussel fahren, ich alles durchdenke und mich wegen allem sorge und ängstige, findet er Sorgen und Ängste nicht sinnvoll. Wenn sich irgendein Zweifel in ihm regt, dann verbannt er ihn einfach willentlich, und schon ist da kein Zweifel mehr. Ich bin recht erschlagen von dieser Lebensphilosophie.

Ich nehme mir ein bisschen Zeit für mich, höre in mich hinein und schreibe drei wesentliche Ziele für mich nieder, die als positive Richtungsweisung mit in das Meer sollen. Dann übergebe ich die Muschel Jelle, es ist ein richtig feierlicher Moment, und er knotet sie mit einer Behutsamkeit an seinen Rucksack und zu seiner Muschel, als wären es die englischen Kronjuwelen.

Wir gehen in den schon bekannten tollen Supermarkt und essen im Foyer der Herberge an den dafür vorgesehenen Tischen. Auch hier gibt es wieder eine moderne, schicke Tür zur Küche – nur eine Küche selber natürlich nicht.

Ein junges Pärchen kommt an die Rezeption und beäugt erst einmal kritisch die Herberge. Die weibliche Komponente verzieht das Gesicht, sodass sie weiterziehen. Nach einer Stunde sind sie dann doch wieder da und checken ein. Ich komme mit dem jungen Mann ins Gespräch, es sind Studenten aus Deutschland. Ich habe sehr wenige junge Paare hier getroffen, ich stelle es mir aus eigener Erfahrung auch ungleich schwieriger vor. Das Kerlchen ist offensichtlich mit einer Lebenseinstellung wie Jelle ausgestattet, ihn kümmert und besorgt nichts. Weder die Tatsache, dass seine Freundin die Krise bei der Herberge hier kriegt, noch, dass die Freundin kaum mehr einen Schritt laufen kann. Sie kommt mitleidserregend die Treppe herunter, lässt sich auf eine Bank fallen und bleibt dort lethargisch sitzen. Ihr eines Bein ist vom Knie abwärts doppelt so dick, dem fröhlichen Geplapper ihrer besseren Hälfte nach tut es höllisch weh, sodass sie jetzt mal nach einer Apotheke schauen wollen. Die Arme schläft derweil vor Erschöpfung ein.

Eine halbe Stunde später steht er strahlend wieder im Foyer, die Freundin schleppt sich Minuten später hinterher. Ich gebe zu bedenken, dass sie zu einem Arzt sollte und dass sie nun wohl erstmal pausieren müssen. Er guckt mich an wie von allen guten Geistern verlassen, nein, morgen geht es weiter, 25 km, das ist ja wenig, da kann sie sich ja dabei erholen. Sie hängt derweil wieder mit dem Kopf auf der Tischplatte, und ich bin irgendwie geschockt von dieser Gesamtperformance.

Zum Abend hin trudeln auch noch Angelo und Aurélie samt Mutter ein. Sie versinken mit Jelle wieder in der Planung und Koordination des gemeinsamen Abendessengehens. Ich will zum Glück ohnehin in den Gottesdienst und bin froh, eine plausible Ausrede zu haben.

Ich esse noch schnell einen netten Thunfischsalat mit Mais und Oliven, bevor ich mir ein frühes Zubettgehen gönne.

Heute habe ich das Gefühl, einen großen Schritt weitergekommen zu sein.

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Offensichtlich habe ich ziemlich tief geschlafen, ich bin nicht einmal davon aufgewacht, dass Jelle zurückgekommen ist. Wir wachen wieder zeitgleich auf, und er erzählt flüsternd vom gestrigen Abend. Er hat allen Ernstes Angelo wiedergetroffen, samt Aurélie und deren Mutter. Sie wären nach La Faba in den besagten Schneesturm gekommen, es hätte absolut kein Durchkommen mehr gegeben, sodass sie in Fonfría stoppen mussten. Auch am nächsten Tag nach Triacastela hätte sie wieder ein Schneesturm erwischt. Schon lustig, nachdem wir beide ja ziemlich unbehelligt geblieben sind. Nur die zwei Dänen sind leider wirklich einen Tag hinter uns, denn sie müssen erst einen Tag nach uns in Santiago angekommen und hätten sich gesagt, wozu jetzt hetzen.

Das beste ist, Angelo logiert in der gleichen Herberge wie wir. Dank der vielen roten Vorhänge ist er nur etwas schwierig auszumachen. Ich linse überall dahinter, erspähe immerhin Aurélie, die mich ins Restaurant oben verweist, wo mein Philosoph dann auch wirklich ist. Ich freu mich aus unerfindlichen Gründen sehr, er strahlt auch, aber nachdem wir heute das gleiche Ziel haben und auch die gleiche Herberge ansteuern, belassen wir es bei viel wortlosem Strahlen.

Ich gehe mit Jelle zusammen los; nachdem er die letzten Tage wegen José zurückstecken musste, haben wir kommunikativen Nachholbedarf. Wie so immer ist das Wetter moderat, es nieselt und regnet, sodass wir wieder ohne Pause die 4-5 Stunden nach Palas de Rei durchlaufen. Dort steuern wie die private Herberge an, die Angelo empfohlen hat. Mit der öffentlichen Herberge verbinde ich vom Vorjahr keine guten Erinnerungen und bin daher froh über die Entscheidung.

Leider ist die Herberge geschlossen – und wir gehen doch in die Öffentliche. Allerdings ist der Raum diesmal ein viel hellerer, mit lauter großen Erkerfenstern zur Straße hin. Und ich habe Jelle und später Angelo.

In Kenntnis der merkwürdigen Duschen dusche ich ganz blitzschnell, bevor die restlichen Pilger sich mit dem Problem befassen, wie Männlein und Weiblein in höchst wenig abgetrennten Duschen miteinander auskommen sollen.

Anschließend fällt mir dann doch etwas die Decke auf den Kopf. Wie letztes Jahr auch sitze ich auf meinem Bett, viel anderes gibt es nicht zu tun, so satt wie es draußen regnet. Zudem ist Sonntag, kein Supermarkt hat offen, und meine Vorräte lachen mich wieder rein gar nicht an. Etwas, was mir immer sehr auf die Stimmung schlägt. Ich fühle mich zum Warten verdonnert, und beim Nachdenken kommen mir auch nur eher düstere Gedanken. Ich ziehe ein Resümee über meinen bisherigen Camino, der sich ja nun schon seinem Ende neigt, und wie sich schon mit José abgezeichnet hat, die großen Erleuchtungen und Eingebungen sind ausgeblieben. Wie ich in La Faba anfangs in einer Misa gehört habe, es braucht die Stille, um die Worte zu hören. Mit José hatte ich eine Menge Spaß (und eine Menge Wutausbrüche), und Jelle ist mir wie ein Bruder geworden, aber vor lauter Gequatsche, wo höre ich hier Gott?!

Wie so oft habe ich eine wenig souveräne Krise, ich heule Jelle im Treppenhaus die Ohren voll, und wie immer ist er verständig und zu nett, um wahr zu sein.

Schon wieder halb getröstet, frage ich spaßeshalber an der Rezeption, ob es irgendwas wie eine Bar oder so etwas gibt, wo man etwas kaufen kann. Die Dame erzählt überraschenderweise, es gäbe eine Bäckerei, die hätte recht viel, und gar nicht weit. Ich bin schon wieder extrem high und schleppe Jelle durch den Regen. Unterwegs machen wir das hellblaue Stirnband unter einem riesigen Regenponcho aus, der meditativ verträumt durch die Gassen schwebt. Angelo hat noch nicht bewusst wahrgenommen, dass es schüttet wie aus Kübeln und strahlt „ah!“. Für ihn ist heute die Welt wohl einfach wunderbar.

Für mich auch, als wir die Bäckerei betreten. Es hat nicht nur alle Arten von Schokocroissants, sondern auch Empanadas, mit Fleisch und Thunfisch. Dazu noch frisches Brot, und theoretisch hätte es sogar Früchte und Wasser und wirklich alles. Ich kaufe ein, als gäbe es bis Santiago keinen Laden mehr, und auf dem Rückweg bemerke ich auch nicht mehr, dass es regnet.

In der Herberge nimmt mich Angelo zur Seite, wir würden jetzt mal reden. Wir setzen uns auf den Boden an einem Erkerfenster, und ich bin gespannt, was kommt. Eigentlich kenne ich Angelo nur strahlend. Seine dunklen Augen erzählen natürlich auch immer sehr viel, sie sprühen und leuchten ganz unwahrscheinlich, aber ein richtiges Gespräch, das ist etwas Neues.

Er schält eine Mandarine, als würde er Yoga-Übungen machen, und beginnt nach ein paar Minuten Schweigen, mir ohne jeglichen Zusammenhang von seiner Frau zu erzählen. Dass er eine 14-jährige Tochter hat, weiß ich, aber dass er von der Frau dazu getrennt lebt, wurde nie thematisiert. Er erzählt, dass er sich wirklich Mühe gegeben hätte, aber sie hätte alles immer nur negativ gesehen, hätte alles immer falsch gefunden, wäre bei allem pessimistisch und depressiv gewesen. Und sie hätte versucht, ihn da mit hineinzuziehen, bis er einen Schlussstrich gezogen hat.

Es ist eine merkwürdige Unterhaltung, bzw. eher ein Monolog. Teilweise habe ich das Gefühl, Angelo verarbeitet damit selbst etwas. Ihm ist anzumerken, wie schwer es ihm als sehr gläubiger Christ gefallen ist, eine Ehe nicht retten zu können. Andererseits kenne ich ihn als derart philosophischen, nachdenklichen und hintergründigen Menschen, dass ich mir kaum vorstellen kann, dass er es so ganz ohne Grund erzählt.

Und wirklich habe ich hinterher das Gefühl, als ob mir gewisse Erkenntnisse wie Schuppen von den Augen fallen. Hat er mit ein paar Blicken erkannt, dass meine Lebenseinstellung gerade auch nicht die alleroptimistischen Bahnen einschlägt?

Mit einem Mal habe ich auch das Gefühl, dass dieser Camino mir sehr wohl sehr viel gebracht hat. Vielleicht auf eine andere Weise als ein Camino in Stille, aber allein die vielen wunderbaren Freundschaften sind ein absolutes Geschenk. Manchmal zeigt sich Gott direkt, manchmal spürt man ihn nur, manchmal zeigt er sich in Boten. Wenn ich zurückdenke, habe ich jeden Tag so viele Boten bekommen; Menschen, die mir genau das gesagt oder gegeben haben, was ich gebraucht habe. Ich erinnere mich an die magischen ersten Begegnungen mit José, an Pers lapidare und doch so schöne Charakterisierung von mir, an Jelle, der in jedem Moment für mich da ist und an mich glaubt und mich stark findet, wenn ich mich absolut wie ein Häufchen Elend fühle. Und Angelo, der meistens nur ganz besonders strahlt und schaut und bei dem man immer das Gefühl hat, durch diese Augen strahlt noch jemand ganz anderes.

Wir gehen alle zusammen in die Kirche, Jelle, Angelo, Aurélie und ich. Irgendwie spüre ich, dass es für sie ungewohnt ist. So richtig in die Stimmung eintauchen kann ich nicht, und beim Umarmen als Zeichen des Friedens schaffen wir es fast, eine ganze Kirchenbank mit reichlich Lärm umzuschmeißen. Halleluja.

Die drei treffen sich noch mit zwei Ungarn, um essen zu gehen. Offensichtlich ist es immer sehr heiter und sehr weinselig und somit nicht das, was ich im Moment suche.

Ich verbringe noch einige Zeit allein in der Kirche und bin so dankbar, dass ich heute nach so einem durchwachsenen Tag doch wieder genau das spüren durfte, was für mich den Camino ausmacht.

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Erst am Morgen entdecke ich, dass die Herberge sogar über einen großen Aufenthaltsraum verfügt. Ich hätte also gar nicht den ganzen Tag frustriert auf meinem Bett hocken müssen.

Heute bin ich sehr geläutert und freue mich vor allem ganz unheimlich auf meine deutschen Freunde. Ich laufe schnell, weil ich sie einen Ort vor mir weiß und einzuholen hoffe. Ich laufe auch wieder im Dunkeln los, aber im Gegensatz zu gestern ist es heute deutlich angenehmer. Kein Gewitter, kein Nebel, und nachdem sich zwei andere Pilger, glücklich über meine Lampe, in meinen Windschatten gehängt haben und mein strammes Tempo mitgehen, bin ich nicht allein und mache mir auch bei unheimlichen Geräuschen keine Sorgen.

Das Wetter ist noch nicht sehr stabil, kurz vor Mélide wird es auf einmal windig, im Hintergrund donnert es wieder, und als ich mich nach hinten umdrehe, sehe ich eine dunkelgraue Wolkenfront aufziehen. Nach ein paar Minuten brauche ich mich nicht mal mehr umzudrehen, um das Schlamassel zu sehen. Auch rechts und links von mir ist es überaus schwarz. Und passend zu meiner Angst vor Gewittern und zu meiner blühenden Phantasie befinde ich mich natürlich auch jetzt wieder auf freiem Feld, weit und breit keine anderen Opfer für ziellose Blitze, und Mélide ist zwar in Sicht, aber noch viel zu weit weg. Im Hintergrund setzt ein Platzregen ein, es donnert und windet. Ich schaue mich nicht einmal mehr um, sondern laufe so schnell wie es geht, bevor mich das Gewitter einholt.

Es geht durch den „Wald der Pilger“, wie ich im Vorbeilaufen sehe. Der Weg geht schnurgerade, ist parkähnlich angelegt und wird von kleinen, liebevoll gepflanzten Bäumchen eingerahmt. Auf Tafeln stehen Namen; ich vermute, hier geht es um verdiente Pilger.

Faszinierenderweise tobt um mich herum das schlechte Wetter, rechts und links von mir höre ich den Regen herunterprasseln. Aber mein Weg durch den Pilgerwald bleibt von Anfang bis Ende sonnendurchflutet und trocken. Nachdem meine Stimmung die letzten Tage moderat war und ich mich zwischenzeitlich ein wenig allein gelassen gefühlt habe, ist der Effekt jetzt unglaublich. Ich fühle mich, als würde jemand seine große Hand genau über mich halten, gerade die Regenwolke über mir ein bißchen zur Seite schieben und mich mal wieder daran erinnern, dass ich doch jederzeit Beistand bekomme, wenn ich allein nicht mehr weiter will oder kann. Dieser Jemand schickt mir dann auch noch einen gewaltigen Regenbogen vor dem dunklen Himmel, und wenn ich nicht meinen Foto gezückt hätte, würde ich mir dieses Erlebnis heute selber nicht mehr glauben.

Ich bin also wieder mit mir und der Welt im Reinen, als ich gutgelaunt zwei Kurzstreckenpilger überhole, die fein herausgeputzt und in Turnschuhen den Weg entlangstaksen. Als diese mich mit Namen begrüßen, stehe ich erst gehörig auf dem Schlauch, bevor ich die zwei Italienerinnen aus Molinaseca wiedererkenne. Ich hätte sie hinter mir vermutet und bin beeindruckt, dass man ein ordentliches Pensum laufen und dabei noch wie aus dem Ei gepellt aussehen kann (was ich von mir definitiv nicht behaupten kann).

Sie haben die Nacht in Casanova verbracht, dem Örtchen, wo auch Andi hinwollte. Als ich seine Beschreibung durchgebe und nachfrage, bestätigt mir die englischsprachige Italienerin begeistert seine Anwesenheit. Und die andere Italienerin gibt eifrig zu übersetzen, dass da auch noch zwei andere Deutsche gewesen wären. Bei mir überschlägt sich alles, und ja, es sind meine beiden anderen Caminofreundinnen gewesen. Und wie auch die Italienerinnen (und ich) wollen sie heute alle bis Ribadixo. Ich bin wieder wunschlos glücklich und stürme voller Vorfreude weiter.

Die Herberge in Ribadixo ist noch geschlossen, vor dem Eingang hat sich aber schon eine Pilgerschlange gebildet. Zu meiner Überraschung ist zwar schon die kochende, französische Frühaufstehertruppe da, meine Herrschaften fehlen aber noch. Ich habe sie wohl, ohne es zu merken, auf dem Weg überholt. Andi nennen wir nicht umsonst „Bocadillo-Andi“, er kann an keiner Bar vorbeigehen und gerät richtig in Verzückung, wenn er von seinen Bocadillos schwärmt.

Während ich auf die Öffnung der Herberge warte, halte ich in freudiger Erwartung den Camino im Auge. Aber niemand kommt, sodaß ich erstmal einchecke, dusche und wasche. Weiterhin in freudiger Erwartung setze ich mich auf eine Bank mit Blick auf den Weg, aber zwar kommen haufenweise Pilger, nur meine nicht. Die Italienerinnen treffen ein sowie zwei hinkende Schwedinnen. Sie sprechen mich an und danken mir für das Licht heute morgen. Ich kombiniere, dass das wohl die beiden fixen Gestalten heute morgen waren. Mir tut es leid, dass ich so schnell gegangen bin. Offensichtlich haben sich die beiden bei dem Tempo gründlich übernommen, aber zu sehr Angst vor der Dunkelheit ohne Lampe gehabt, als den Kontakt verlieren zu wollen. Hätten sie doch etwas gesagt!

Noch immer behalte ich den Camino im Auge, aber nach nunmehr mehr als 2 Stunden ist von freudiger Erwartung nicht mehr viel geblieben. Es dämmert selbst mir so langsam, dass selbst Andi nicht so viel Zeit mit Bocadillos vertrödeln kann, und dass ich sie endgültig verloren habe.

Immerhin taucht jetzt am Horizont inmitten der deutlich langsameren Pilger eine mir bekannte Silhouette auf. Niemand sonst trägt zu seinem Rucksack noch einen zweiten kleinen Rucksack auf der Brust als meine koreanische Sun. Dieser Bauchsack kombiniert mit ihrem spanischen Touristensonnenhut, der ihr bis auf die Nase reicht, vervollständigen den Wiedererkennungseffekt. Die Gute sieht nämlich überhaupt nichts, folglich tastet sie sich stolpernd vorwärts und legt alle 20 Schritte den Kopf weit in den Nacken (natürlich schräg, wie es ihre Art ist), um unter dem Hut hervorzulinsen und die nächsten Meter abzuchecken.

Begeistert sprinte ich halsbrecherisch in meinen Flipflops das Kopfsteinpflaster hinunter, um sie willkommen zu heißen. Sie guckt mich an, als käme ich vom Mond. Sie ist knallrot, dem Hitzschlag nah und auch mit Kopf im Nacken nicht mehr ganz klar. Sie radebrecht, dass sie noch eine Station weiter will. Es ist wohl nicht mal Egoismus, als ich ihr klarmache, dass sie da auf keinen Fall weitergeht. Und sie ist auch recht fix zu einem schiefgelegten „maybe stay here“ zu bewegen.

Ich bin überglücklich über die Gesellschaft einer liebgewonnenen Freundin und kann endlich die schöne Herberge aus vollem Herzen genießen. Sie liegt in einem Tal an einem kleinen, idyllischen Fluss. Die Sonne scheint und man kann die heißen Füße von einem Mäuerchen direkt in das wunderbar kühle Nass hängen.

Einen kleinen Haken hat die Sache allerdings, das Örtchen ist so einsam, dass es keinen Supermarkt gibt. Zwar habe ich noch einiges an „emergency food“, haufenweise Zeugs gegen plötzliche Verhungerungsanfälle, aber mein Wasser wird knapp, und auf 7 Müsliriegel zum Abendessen habe ich auch nicht so richtig Lust. Der nächste Ort ist 3 1/2 km entfernt, und der Gedanke an den dortigen Supermarkt läßt mich einfach nicht los. Nachdem Sun auch ein Selbstversorger ist und sie so fertig ist und bestimmt die Krise kriegt, dass es hier nichts gibt, schrecke ich sie aus ihrer üblichen meditativen Gesichtspflege, um ihre Wunschliste aufzunehmen. Beim Wort „supermercado“ erwachen ihre Lebensgeister und sie produziert ein „maybe I come with you“. Und trotz deutlicher Schilderung der Lage ist sie davon nicht abzubringen. Und während sich die letzten Pilger völlig fertig und schweißüberströmt in die Herberge schleppen, machen sich zwei verrückte Pilgerinnen auf, 7 km nur wegen eines Einkaufes dranzuhängen.

Sun trägt Flipflops, und als ich sie drauf anspreche, dass ich das toll finde, dass Asiaten damit so gut laufen können auch im Alltag (ich stolpere damit ja schon schier beim nur Duschen), ist sie überrascht und meint, nein, sie würde damit eigentlich sonst nie laufen. Halleluja, wir rennen gerade einen Berg hoch, mit mir eine völlig kaputte Koreanerin, die statt Wanderschuhen ihre Duschausstattung trägt.

Wir erreichen wirklich den Ort und brechen förmlich in Jubel aus, als auf der anderen Straßenseite das Logo unseres gemeinsamen Lieblingssupermarktes auftaucht. Und an der Tür, mir verschlägt es den Atem, stoßen wir förmlich mit zwei Pilgern zusammen. Und es sind Bärbel und Andi. Wahnsinn. Sie sind in dem Ort untergekommen, wollten wohl nie wirklich nach Ribadixo, und Bärbel meint etwas verschnupft, dass sie nach meiner Ansage in Portomarin dann auch dachte, es wäre besser, mich nicht zu stören. Ich verstehe nicht so wirklich. So langsam bekomme ich aus ihr heraus, dass ich offensichtlich gesagt habe, dass sie mir auf den Geist geht. Ich erinnere mich absolut nicht daran. Wohl wahr, dass ich die vergangenen Tage ab und zu gedacht habe, dass es mir zu deutsch und zu eng ist, aber gesagt habe ich es meines Wissens nie, und zudem auch sicher nicht, dass Bärbel an sich mir auf den Geist geht. Das Ganze tut mir ganz furchtbar leid, aber immerhin wollen alle morgen nach Pedrouzo, und da treffen wir uns dann wirklich wieder. Ich bin ganz unglücklich, die beiden wieder so schnell ziehen zu lassen, zumal es mich schwer beschäftigt, dass Bärbel nun zwei Tage so einen Müll von mir gedacht hat und sich wahrscheinlich schlecht gefühlt hat.

Der Siegeszug heim mit Sun heitert aber wieder auf. Wir tragen jeder 3 Beutel, das Gewicht dürfte mehr sein, als wir sonst im Rucksack haben. Wir sind euphorisch ausgelassen über unseren Einkauf und über unsere Verrücktheit, es verbindet enorm. Immer noch taumeln einige Pilger den Berg hoch, während wir beschwingt in die andere Richtung kichern. Einige schauen uns an wie nicht mehr ganz dicht (womit sie recht haben können).

Wir genießen ausgiebig unser Abendessen, und endlich schlafe ich mal wieder rundum versöhnt ein.

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Meine Laune hat sich auch über Nacht nicht gebessert. Bereits kurz nach 6 Uhr herrscht die schlimmste Jugendherbergsatmosphäre, alles lärmt und lacht und klappert und raschelt. Ich breche mein Frühstück mittendrin ab und lasse eine etwas überraschte Bärbel zurück, die meinen Gruppenkoller hoffentlich versteht.

Draussen ist es stockfinster, einige Pilger halten unter dem Vordach Krisensitzung, denn es regnet und gewittert. Ich erinnere mich an die beeindruckenden Worte einer früheren Miturlauberin in Schweden, die mit mir bei strömendem Regen durch den Matsch stapfte und auf ihren Freund schimpfte, der lieber im Trockenen geblieben war: „wir sind doch nicht aus Zucker!“. Ich bin also nicht aus Zucker und kein Pilgerweichei, was kümmert mich Regen, ich habe doch alles in meinem großen Rucksack dabei (Regenjacke, Regenhose, Rucksackhülle). Was kümmert mich Dunkelheit, ich bin doch kein Anfänger.

Bereits nach wenigen Metern wird mir klar, dass ich eventuell nicht sehr vernünftig agiere. Am Horizont knallen im Sekundentakt Blitze, und ich gehe mutterseelenallein in ein Waldgebiet.

Dort wird mir dann klar, dass ich absolut verrückt sein muss. Das Gewitter erinnert mich spontan an Weltuntergang, und trotz meiner Stirnlampe sehe ich wegen dem Regen und Nebel nicht mal einen halben Meter. Ich sehe den Weg nicht, geschweige denn Abzweigungen. Ich sehe nicht einmal meine Füße. Ich laufe nur durch totale Schwärze, wenige Zentimeter vor mir bläulich beleuchtet, während es um mich herum kracht und blitzt.

Ich bin schon nicht mehr recht bei Sinnen, als links von mir etwas am Wegesrand steht. Ich gehe auf wenige Zentimeter heran, halte es für einen hellblauen Kasten. Dieser dreht sich plötzlich um, ich blicke Andi ins Gesicht und brauche einige Sekunden, bis ich die Verknüpfung schaffe, dass ich gerade seine Rucksackhülle gesehen habe und ihm jetzt seit einer Weile mit wenigen Zentimetern Abstand voll ins Gesicht leuchte. Er ist wie üblich Meister der Contenance, dabei muss ihm eigentlich auch etwas mulmig sein, weil er ja nur geblendet ist und keine Ahnung hat, wer ihn da sprachlos anstarrt. Auf alle Fälle sickert so langsam bei uns beiden Normalität durch; ich glaube, nicht nur ich bin froh, ihn getroffen zu haben. Wir wahren zwar unseren Stolz und geben uns cool, laufen aber bis zu Tagesanbruch sehr erleichtert zusammen weiter.

Dann sticht mich wieder wie üblich der Hafer, ich brauche meine Ruhe und büchse aus.

Heute beschäftigen mich einige Gedanken rund um meine restlichen Pilgertage. Ich muss etwas an meinen Herbergen ändern, ich will wieder das Puristische. Ich will wieder internationale Bekanntschaften, englisch denken wie mit der kleinen Kanadierin, spanisch radebrechen, neue Leute kennenlernen. Nicht mehr nur mit Bärbel und Andi über die heimische Realität plaudern. Santiago ist nah, aber noch nicht erreicht, noch darf ich pilgern und mich frei fühlen.

In Palas de Rei suche ich die kleine, öffentliche Herberge. Obwohl ich fix unterwegs war, steht eine lange Schlange für die etwa 30 Betten an, und kaum habe ich eingecheckt, wird auch schon ein „completo“-Schild herausgehängt. Ich fühle mich schlecht bei diesem Gedanken, aber ich bin froh, dass kein Platz mehr ist für meine deutschen Freunde. Ich freue mich auf ein Wiedersehen, aber heute bitte nicht in meiner Herberge.

Ich hole mir etwas zu essen und setze mich auf den Dorfplatz, um auf meine Leute zu warten. Andi kommt vorbei, leistet mir Gesellschaft, will aber noch ein paar Dörfer weiter. Steffi läuft suchend auf der anderen Straßenseite entlang, aber auch sie snackt nur ein wenig und geht weiter.

Ich fühle mich plötzlich unzufrieden und untätig. Die Herberge ist zwar genau das, was ich gestern wollte, spartanisch, ein bisschen schmuddelig, keine Küche, offene Duschen. Heute will ich es aber irgendwie nicht mehr. Die Mentalität der Pilger hier ist „so wenig Kosten wie möglich“, keiner spendet auch nur irgendetwas, findet das bei dem Service auch überflüssig und zeichnet sich für meinen Geschmack nicht durch Weitsicht aus. Die große französische Gruppe aus Molinaseca belagert lautstark die Herdplatten (sie sind die einzigen, die Kochgeschirr dabei haben, denn hier gibt es spartanischerweise weder Töpfe noch Teller). Sonst kenne ich niemanden, und irgendwie will ich auch keinen hier kennenlernen. Ich schaue mir stundenlang das Stockbett über mir von unten an und bin irgendwann so mürbe, dass ich zum ersten Mal auf dem Camino meinen Freund anrufe. Als der dann nicht einmal ans Telefon geht, ist meine Stimmung wirklich am Boden und ich gehe noch vor 20.00 schlafen.

Heute habe ich keinen Gruppenkoller mehr. Mir wird klar, wie undankbar ich war meinen neuen Freunden gegenüber, und ich empfinde die Strafe heute nur als gerecht.

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