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Archive for Juli 2008

Ich erlebe einen ungewöhnlichen Morgen. Die ersten laufen wie üblich früh los, weil sie nach Finisterre oder auf ihren Flug wollen. Ich habe für heute einen Ruhetag und kann weitgehend ausschlafen.

Mein erster Gang bringt mich quer durch die Stadt zum Supermarkt. Nachdem ich in Pedrouzo mein Duschgel und zugleich Waschmittel vergessen habe, muss Ersatz her. Lustigerweise gibt es alles nur in 400ml-Flaschen, sodass ich mit einem Seifenstück ende. Auf dem Rückweg halte ich Ausschau nach einem Ersatzpaar Flipflops. Meine haben leider bereits in Ribadixo den Geist aufgegeben, und obwohl ich sie mit Suns Tape notdürftig repariert habe, humple und schlurfe ich ganz fürchtlich damit. Und barfuss in den Herbergen und Duschen ist es mir dann doch nicht so wohl.  Aber unglaublich, es gibt weit und breit keine Flipflops. Zumindest nicht solche, die sich für die Dusche eignen und meinem geplanten Pilgerbudget entsprechen.

So bringe ich also meine Seife zurück in die Herberge und wappne mich für den Tag ohne Gepäck. Auf dem Plan steht Souvenirs schauen. Nachdem ich noch nach Finisterre weiter will, wird noch nichts gekauft.

Und prompt entdecke ich auf dem spannenden Grossmarkt, auf dem es ungefähr 100 Stände für Fleisch, 100 für Fisch, 100 für Gemüse und so weiter gibt, völlig verloren bei einem Spielzeugstand, mein Traumpaar Flipflops. Zwar 3 Grössen zu klein und wild bemustert. Ich bin erleichtert, auch wenn ich nun nochmal die leidige Viertelstunde zur Herberge zurück muss.

Nach letztendlich dann mehr Kilometern als sonst um diese Tageszeit stehe ich endlich auf dem Kathedralenplatz, auf dem sich wie durch Zufall auch meine sonstigen Freunde einfinden.

Sun allerdings sieht alles andere als entspannt aus, und als sie mich dann am Arm packt und sagt „I saw man“, habe ich ein Deja-Vue zu Bärbels Exhibitionisten-Erzählung in Sarria. Wie sich herausstellt, war sie in der gleichen Herberge wie ich. Aber während auf meinem Stock 100 Leute waren, war sie als Nummer 101 ein Stockwerk höher nur mit Nummer 102. Und dieser hielt es für nötig, sie im Waschraum zu bedrängen. Es handelt sich also um einen Pilger, der sogar namentlich in der Herberge registriert ist, ich kann das gar nicht fassen. Sofort will ich mit ihr zur Herberge zurück und bei der Verwaltung Bescheid sagen, aber da war sie schon – und dieser Premiumtyp hat sich nicht dafür interessiert und sich sogar geweigert, ihr für die zweite Nacht ein Bett im unteren Stockwerk zu geben. Das macht mich jetzt erst recht fassunglos und wütend. Andi ist mittlerweile auch eingetroffen und wir schmieden wilde Pläne zur Selbstjustiz. Nachdem Sun bei der Vorstellung, wie Andi und ich den Pilger kopfüber in eine Mülltonne stecken und den Verwalter gleich mit, auch schon wieder lachen kann, verschieben wir die Pläne auf später. Und falls derjenige am Abend immer noch auf dem Stock ist, ziehen wir einfach alle dort hinauf und zeigen ihm, was richtige Belästigung ist.

Bärbel ist natürlich ebenfalls ziemlich schockiert von den Neuigkeiten, allerdings nicht so mein spezieller Antipilger aus Astorga (dem ich seither nicht mehr begegnet war), der förmlich aufblüht, es gar nicht fassen kann, dass es jetzt endlich doch noch einen Skandal wie aus seinen Büchern auf dem Camino gibt, und der begeistert strahlend fragt „and – were you shocked?!“.

Mit Bärbel verabrede ich mich zur 12-Uhr-Messe, bei der heute unsere Ankunft verlesen wird. So ganz Frieden geschlossen mit Santiago habe ich zwar noch nicht, aber dass ich nun das Highlight, „meine Messe“, mit Bärbel teilen kann, ist doch schön.

Die Kirche ist gestopft voll, und schon eine halbe Stunde vor Beginn finden wir nur noch einen Platz in den hinteren Reihen. Kurz vor 12 kommt eine Nonne und übt mit uns die Lieder ein. Die neuen Pilger werden verlesen, aber statt Namen finden wir uns in „heute haben uns erreicht, gestartet aus Leon, 34 Spanier, 13 Franzosen, 9 Deutsche…“ wieder.

Die Messe ist beeindruckend, die Lieder wunderschön, aber so die ganz gelöste Stimmung, wie ich sie sonst manchmal in Kirchen erleben kann, stellt sich nicht ein. Vielleicht habe ich zu viele Erwartungen.

Zum Ende wird der Botafumeiro geschwenkt, ein riesiger, silberner Weihrauchkessel. Von unserem Platz hinten im Hauptschiff sehen wir eigentlich nur das Seil, das alle paar Sekunden in der Mitte vorbeizieht, bevor es samt Botafumeiro bis zur Decke in die Seitenschiffe hochsteigt.

Nach der Messe treffen wir Sun und Andi wieder. Andi mit einem Tag Vorsprung ist natürlich Experte, was das leibliche Wohl angeht, und erzählt uns vom Parador-Hotel, in dem man 3 Tage nach Ankunft kostenlos essen kann, sofern man zu den 10 ersten Pilgern zählt, die sich anstellen. Soeben hat er prompt auch dort Mittag gegessen. Wir verabreden uns zum Abschluss alle zusammen auf den Abend.

Meinen Nachmittag verbringe ich etwas heimatlos zwischen Herberge und Souvenirläden. Bereits bei Tag gehe ich ein Stück des Caminos weiter, damit ich morgen in der Frühe nicht viel Zeit verliere. Die grösseren Städte sind in dieser Hinsicht immer etwas Stress für mich. Statt den Weg entlang zu gehen und aus den Augenwinkeln die gelben Pfeile zur Kenntnis zu nehmen, stehe ich die meiste Zeit ängstlich suchend an jeder Ecke, habe ständig das Gefühl, eine Abzweigung verpasst zu haben und verirre mich auch wirklich meistens.

Eine halbe Stunde vor Abendessen sitze ich dann auch schon erwartungsvoll vor besagtem Garagentor des Luxushotels – und verzweifle schier, weil ich das Gefühl habe, falsch zu sein, weil sonst keiner da ist. Als dann endlich ein Spanier dazukommt und mich auf das Essen anspricht, bin ich in dieser Hinsicht zwar erleichtert, aber auch nur in dieser. Er sieht schlimm aus, riecht streng nach Alkohol, hat einen ziemlich irren Blick, zuckt ständig und beginnt sich mit einem langen Klappmesser die dreckigen Fingernägel zu pflegen. Zum ersten Mal auf dem Camino habe ich Angst um meine „Handtasche“ (meine Plastiktüte mit Foto und Compostela) und bin mir nicht wirklich sicher, ob es eine gute Idee war, mit lauter Gratispilgern essen zu wollen. Zwischen schrecklichen Hustenanfällen ruft er mir überlaut ein paar Worte zu, die ich nicht verstehe. Unter anderem behauptet er, ich würde nicht hineinkommen mit Original-Compostela, sondern bräuchte eine Kopie. Ich wittere an allen Ecken nur einen Trick und bleibe erstmal seelenruhig. Langsam füllt sich der Treffpunkt, wir sind schon 7, als Andi eintrifft. Ein Bediensteter des Hotels (sichtlich pikiert, sich um uns kümmern zu müssen), schaut schon mal vorbei und sammelt die ersten Kopien ein. Und Tatsache, es braucht Kopien. Andi rennt mit unseren Compostelas los, um einen Kopierer zu finden, und ich werde immer desperater. Plötzlich scheinen aus allen Ecken Pilger interessiert das Garagentor zu suchen, und nachdem ich auf dem Camino selten Entscheidungen treffen musste oder Probleme lösen, überfordert mich die Situation hier. Ich bin an Stelle 1 gelistet, wenn auch noch ohne Compostela, aber wenn Andi irgendwann zurückkommt, habe zwar ich meinen Platz und meine Kopie, aber er hat wegen mir seinen Platz aufgegeben. Und ich kriege zwar meinen grossen Traum Parador, aber inmitten von Fremden mit Klappmesser.

Am Ende der Treppe taucht ein interessiertes deutsches Pärchen samt Freundin auf, die erst ein falsche Tür anstreben. Die Freundin ruft im selben Moment „schaut mal, da unten ist es glaube ich“, als ich am Horizont Andi strahlend und fröhlich die Kopien schwenkend entlangschlendern sehe. So wild es möglich ist, ohne von den Deutschen bemerkt zu werden, gebe ich Andi Handzeichen, und als er endlich kapiert, dass ich ihm mit beiden Händen „10 Leute!!!“ anzeige, setzt er mit seinen müden Knochen und seinen einigen Kilo zuviel zu einem dramatischen Spurt an. Hier geht es nur um ein völlig unwichtiges Essen, aber nachdem es unser Tageshighlight ist, fühlt es sich an, als gäbe es kein Morgen mehr. Aber Andi schafft es keuchend und schwitzend vor den drei sonnigen Gemütern, und wir sind selig.

Nicht mehr jedoch, als Bärbel eintrifft. Nun deutlich jenseits der 10 Leute und ohne Aussicht auf Einlass. Für sie ist es ein noch grösseres Drama als für uns, sie kann es gar nicht fassen und will verhandeln oder zumindest einfach so mitsitzen. Für sie ist es der letzte Abend mit uns, und eben, der Parador muss es als Abschluss auch sein. Ein lieber anderer Pilger bietet sogar an, sein Essen mit ihr zu teilen, Andi will für sie zurückstecken, aber seine Kopie ist schon abgegeben, und ich probiere es nochmal mit meinem perfekten Spanisch, aber mir ist natürlich klar, dass es keine Ausnahme geben wird. Als dann auch noch Sun, eine Minute vor 7, mit einer gelungenen Unbeschwertheit angeschlendert kommt, ahne ich die nächste Katastrophe. Aber sie macht nur weite Augen und wird sprachlos. Irgendwann entlocken wir ihr „man“, und es stellt sich heraus, dass der irre Pilger neben mir zugleich das Prachtexemplar vom Morgen aus den Waschräumen ist. Sie ist so angewidert, dass sie natürlich ohnehin nicht in dieser trauten Runde essen will, und so verabreden wir uns für später. Mir wird ziemlich anders bei diesem Pilger. Mir wird bewusst, wie unschön der Camino sein kann, wenn man sich mit so jemandem anlegt, der auch morgen vielleicht den gleichen Weg geht. Noch laufe ich unbekümmert bei Dunkelheit und über Stunden einsam.

Wir werden ruckzuck mit möglichst wenig Aufsehen durch die Gänge des Nobelhotels geschleusst und dürfen uns in der Küche unser Menü abholen. Während der Irre schon Weinflasche um Weinflasche leert, dabei wild mit sich oder wem auch immer spricht und dann wortlos mitten im Essen auch schon wieder rausrennt, fehlt Andi, um dann irgendwann mit einer strahlenden Bärbel im Schlepptau aufzutauchen, die er unter wiederrum bewundernswertem Einsatz eingeschleusst hat.

Nach dem Essen geht es samt Sun und einigen deutschen Freunden von Andi ins erste Restaurant auf meinem Camino. Allerdings sagt mir die überaus deutsche Spassgesellschaft mit viel Gelächter und Alkoholkonsum nicht besonders zu. Dafür erhalte ich noch ein paar interessante Einblicke in Suns Leben. Sie erzäht, ein Rebell zu sein – was ich mir nun wirklich nicht vorstellen kann. Ihre Lehrer hätten sie nicht leiden können, weil sie sich 16 Stunden Unterricht täglich widersetzt hat. Mal wieder hat sie glasige Augen und die trotzige Unterlippe und den ziemlich verlorenen Blick.

Nach einem kurzen Abschied von Bärbel, der mich nicht so mitnimmt, weil ich weiss, dass wir in Emailkontakt bleiben werden, gehe ich mit Sun in die Herberge zurück. Glücklicherweise ist der Spanier nicht mehr da. Der Abschied von Sun überrascht und rührt mich. Sie ist kein Mensch der grossen Worte, erst recht nicht der Gefühle und Emotionen. Aber sie drückt meinen Arm und sagt, dass es toll mit mir war und sie mich vermissen wird.

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