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Posts Tagged ‘Portomarin’

Um 6 wache ich zum ersten Mal auf. Um 7 bin ich dann endgültig wach und ergreife auch recht zügig die Flucht, bevor die ganzen Mädels wieder zu schnattern beginnen.

Wie üblich ist es bescheuert, im Stockdunkeln zu laufen. Ich bin wieder einen Hauch von neurotisch, höre überall Geräusche und habe Angst vor Hunden. Ich bin wirklich erleichtert, als es heller zu werden beginnt. Auch heute hat es wieder sehr dichten Nebel, alles ist watteweiß.

Ich bin wieder in aufgeregter Fotografierlaune. Nicht nur blauer Himmel und strahlender Sonnenschein lassen mein Herz höher schlagen, mittlerweile habe ich auch meine Freude an Nebelspielen und Wassertropfen, Spinnweben und kleinen Details wie einer wunderschönen Passionsblumenblüte (und ich bin ehrlich erstaunt, was ich Anfänger mit meiner Digitalkamera alles zustande bringe). Wieder faszinieren mich auch die Hórreos, die galizischen Getreidespeicher. Es sind nur Speicher für Maiskolben, aber die Version meiner Pilgerfreundin Bärbel, dass die Leute da ihre Toten drin aufbewahren, geht mir vor allem in diesem stillen Morgennebel auch nicht ganz aus dem Kopf.

Nach einer Weile ist der kurze Moment gekommen, in dem die Wattewolken mit der Sonne kämpfen. Ich mache es mir auf einer Leitplanke gemütlich, esse meine gestern eingekauften Cremeschnittchen und trinke meine Tetrapaks Kakao.

Hinter mir lichtet sich der Nebel bereits und gibt den Blick frei auf einen strahlend blauen Himmel. Der Weg, den ich gekommen bin, liegt dagegen noch komplett im Nebel. Ich bin früh losgelaufen und habe bisher keine Menschenseele getroffen. Dass vermutlich alle das morgendliche Hellerwerden abgewartet haben und eine halbe Stunde nach mit gestartet sind, wird mir nun bewusst, als fast im Sekundentakt ein Pilger durch die Nebelwand bricht. Mich passieren unglaubliche Massen unglaublich schneller, hektischer und betriebsamer Pilger, es ist fast etwas unwirklich.

Ich lasse den größten Schwung passieren. Als es wieder ruhiger wird, mache ich mich wieder auf den Weg, immer noch mitten an der Grenze zwischen Nebel und Sonne. Auf der anderen Straßenseite sieht irgendetwas merkwürdig aus, seltsam blendend hell. Die Gruppe Spanier, die hinter mir entlanggestoben kommt, ruft sich hektisch „arco iris!“ zu. Ein Regenbogen, der direkt auf dem Acker vor mir endet, und den ich als solchen erst richtig sehe, als ich ein paar Schritte zurücktrete.

Meine Stimmung schwankt  zwischen fasziniert von der beeindruckenden Schönheit des Wegs und etwas desillusioniert von den Pilgerscharen. Es geht recht eintönig an der Straße entlang, vor und hinter mir hat es hektische Pilgergrüppchen, soweit das Auge reicht. Ich kenne so gut wie niemanden von ihnen, und sie sind unheimlich schnell und gestresst und laut. Ich muss schon wieder an Bärbel denken – dass man als Pilger nach ein paar Wochen nicht mehr geht (oder gar hetzt), sondern schreitet. Ich vermisse dieses bedächtige, nachdenkliche, ruhige, in sich gekehrte Schreiten, das ich die vergangenen 2 Wochen beobachten durfte.

Irgendwann ist alles Schnelle an mir vorbei, und ich laufe lustigerweise auch wieder in kompletter Ruhe und Einsamkeit.

Irgendwann holt mich Joaquin ein. Heute ohne Anke. Er möchte oder muss sich beeilen, er will seine Mutter bereits am Samstag in Santiago treffen, Sonntag früh geht ihr Bus nach Portugal. Die Mutter ist offensichtlich irgendwie auch auf dem Camino (oder auch wieder nicht, mit dem Bus, Joaquin ist klar auskunftsfreudig wie immer), er will heute bis Mélide. Anke dagegen hat beschlossen, dass es ihr nichts bringt, so früh anzukommen, sie hat ja ihren Mann ein oder zwei Etappe hinter sich. Nachdem sie „ihr Santiago“ schon im Frühling hatte, will sie es ihrem Mann offen lassen, ob er „sein“ Santiago lieber allein erlebt oder ob sie gemeinsam die letzte Etappe gehen wollen. Und dann vielleicht gemeinsam bis ans Ende der Welt.

Ich schicke Joaquin voraus. Heute nicht einmal aus schlechtem Gewissen, irgendwie habe ich heute einfach keine Lust mehr auf seine gönnerhaften, allwissenden Kommentare, auf unsere „Gespräche“, die ja eh zu nichts führen.

Heute ist es so richtig warm, ich trödele mal wieder par excellence und spiele Schwamm, der die Eindrücke und Ruhe auf den letzten Kilometern vor Santiago aufsaugt. Gestern an der 100 km – Markierung habe ich die Kanadierin mit dem transportierten Müslirucksack getroffen. Sie war gemischter Gefühle. Weniger die Freude, den Camino bald geschafft zu haben, als eher eine Traurigkeit, dass sie nun 700 km unterwegs war und sich so daran gewöhnt hat – und es nun so bald schon zu Ende ist. Mir geht es (auch mit deutlich weniger Kilometern) einen Hauch von ähnlich. Die Stimmung ist Abschiednehmen.

Als ich eine kleine Anhöhe erklimme, sitzt auf einem Steinmäuerchen Joaquin. Er hat auf mich gewartet.

Ich bin weitgehend überrascht, aber wir laufen von da ab zusammen weiter, und es geht überraschend gut. Er hat eine recht unverwüstlich gute Laune, bleibt immer wieder stehen, um bedächtig eine Blume am Wegesrand zu inspizieren und liebevoll mit seinen filigranen Fingern an seinem Strohhut zu befestigen. Der Hut ist eh schon der Knüller, vor allem, seit er einen recht stattlichen Pilz aufgelesen hat. Ich nenne ihn neuerdings nur noch Mushroom-pilgrim.

Auf Höhe der ersten Riesenherberge von Palas de Rei treffen wir auf Lucia, die mal wieder mit merkwürdigen Geräuschen mit sich selbst beschäftigt ist. Irgendwas behagt ihr nicht an ihren Handschuhen, die sie wie die meisten Koreanerinnen gegen die Sonne trägt. Und täglich wäscht. Wir machen Erinnerungsfotos (den Mushroom-pilgrim hat sie trotz fehlender christlicher Aura ins Herz geschlossen), und sie fragt, ob wir zufällig ein Gummiband hätten. Sie hat ihres verloren, und die offenen Haare, ugh oh ah. Ich packe mitten auf dem Weg meinen Rucksack aus und suche ihr mein Haargummi aus dem Kulturbeutel. Sie bricht vor Freude erst recht in undeutliche Grunzlaute aus und ist kaum mehr zu beruhigen. Sie ist schon lustig mit ihren fast 60 Jahren. Vor allem will sie heute weit laufen. Bis Mélide, warum auch nicht. Sie will unbedingt den Papst sehen. Die Chance gibt es nur einmal, und dafür probiert sie alles. Da hat sie eigentlich recht.

Mich zieht es zielstrebig zu meinem Wunderbäcker in Palas de Rei, allerdings ist es genau 14:30, und die Läden beginnen zu schließen. Ich brauche auf alle Fälle etwas zu essen, sodass ich sicherheitshalber lieber in den nähergelegenen Supermarkt springe. Ich kaufe auf die Schnelle meinen geliebten Pulpo a la marinera, ein Brot und Mousse au Chocolat. Joaquin hat beschlossen, mit mir einkaufen zu gehen, wandelt aber verträumt zwischen den Regalen, ohne so wirklich weiter zu kommen. Die Verkäuferin wird wenig dezent ungeduldig, schließlich will sie den Laden schließen. Ich wecke Joaquin aus seinen Träumen, woraufhin er zerstreut bis an die Kühltruhe an der Kasse kommt und sinniert, dass er jetzt vielleicht ein Eis möchte. Er steht minutenlang regungslos vor der geöffneten Eistruhe. Irgendwann hat er sich für ein grünes Wassereis entschieden, ja, das glaubt er, will er. Es gibt es einzeln oder im Fünferpack. Er fragt nach dem Preis und rechnet in einer Endlosschleife, dass die Großpackung ja günstiger ist. Weitere Minuten vergehen, ich kann mir einen ungläubig grinsenden Blick mit der Verkäuferin nicht verkneifen.

Für einen von uns gibt es heute tatsächlich 5 Packungen grünes Wassereis zum Mittagessen.

Wir setzen uns mehr praktisch als idyllisch direkt auf eine Bank an der viel befahrenen Straße. Ich bin ungläubig begeistert von Joaquin. Ich kann ihn nicht so recht einschätzen, manchmal wirkt er mir einen Hauch von arrogant, aber vor allem ist er einfach tierisch verplant und verträumt.

Ich bemühe mich sehr um Toleranz und halte meine Meinung zu dem vielen Wassereis recht vornehm zurück. Irgendwann kann ich mir einen Kommentar dann doch nicht verkneifen, ob ihm diese Farbstoffe denn keine Sorgen machen – so viel Chinolingelb würde dann nicht mal ich essen, dabei bin ich hier ja nicht der Alfalfa-Man. Er ist halb geschockt, dass das giftgrüne Zeug ungesund sein und künstliche Farbstoffe enthalten könnte. Am Ende von Eis Nummer 2 keimt ihm auch der Gedanke, dass er vielleicht doch nicht den ganzen Karton hätte kaufen müssen. Zu Beginn von Eis Nummer 4 ist er eine Mischung aus aggressiv, verzweifelt und mit den Nerven am Ende, ich soll nur ja meinen Schnabel halten, sonst kotzt er grad quer über den Platz. Am Ende von Eis Nummer 4 sieht er selber einen Hauch von grüngelb aus und erinnert sehr an ein Häufchen Elend. Wie ein rettender Engel kommt Matthias den Platz entlanggeschlendert. Wir bieten ihm ein erfrischendes Eis an, was er überrascht dankend annimmt. Joaquin sieht zwar noch grün, aber unendlich erleichtert aus.

Wir laufen zu dritt weiter, die Stimmung ist super. Beide Herren sind auf ihre Art recht erheiternd und lustig. Die Temperaturen klettern immer höher, zum ersten Mal wird es mir selbst im hochgekrempelten Trekkinghemd warm. Wir haben November.

Es geht durch haufenweise kleine Örtchen, wobei Matthias immer unruhiger wird. Er wollte vermutlich eh nur bis Palas de Rei, hat sich von uns da etwas anstecken lassen, und sein Horror ist nun recht deutlich, bis Mélide durchlaufen zu müssen. Die Herbergen in den kleinen Orten haben im November bereits geschlossen. Ich vertraue recht optimistisch auf Casanova/Mato.

Als wir den Ort passieren und auf der rechten Seite die (geöffnete) Herberge auftaucht, hoffe ich fast schon einen Moment, dass auch Joaquin hierbleibt. Er ist aber erstaunlich klar, nein, er möchte bis Mélide. Ich gebe zu bedenken, dass das noch gut zwei Stunden sind und wir schon späten Nachmittag haben. Das überrascht ihn zwar wieder, Mélide muss es aber trotzdem sein. „Wir sehen uns“ (nein, Herzchen, nicht, wenn Du bis Mélide prescht und Sonntag morgen schon abreist), „bleiben ja aber eh über Facebook in Kontakt“ (obwohl wir nur unsere Vornamen kennen). Er ist unendlich verplant, aber sympathisch verplant, wie ich leider feststellen muss, als ich allein in die recht einsame Herberge einchecke. Die Spanierin am Tisch ist kurz angebunden bis unfreundlich, sie wohnt in dem 5-Seelen-Ort gegenüber und bewegt sich schlurfend in die Herberge, wenn ihr kleiner Kläffer unmissverständlich das Eintreffen eines Pilgers ankündigt. Dass es hier keinen Mercado gibt, ist mir klar, aber auch auf die Frage nach einer Bar schüttelt sich völlig resolut den Kopf. Nicht hier und nicht in der Nähe.

Ich trapse etwas einsam im Herzen die Treppe hoch. Diese Herberge ist praktisch identisch mit den anderen kleinen Herbergen in den kleinen Orten. Eigentlich recht süß, sauber und modern, mit wunderbar dicken Matratzen, kleinen Schlafsälen und modernen Facilities, wie einem (immer verschlossenem) Raum mit WC extra nur für Behinderte im Erdgeschoss sowie einer ausladenden Küche (in der wie üblich jegliches Geschirr fehlt). Vermutlich könnten diese Herbergen ein kuscheliges Gefühl von Heimeligkeit vermitteln, wären sie von einem engagierten Hospitalero liebevoll betreut und mit Liebe und Leben versehen. So dagegen ist der Bau unheimlich seelenlos, und es wird auch nicht davon besser, dass der Schlafsaal ziemlich leer ist. Mich strahlt nur die Grinsekatze an, ein älteres spanisches Pärchen ist am Duschen. Die Matratze sieht irgendwie komisch aus, es hat lauter dunkle Krümel, sodass ich einen Bettwanzenkoller kriege. Die Deutsche springt mir (mit ihrer leidvollen Erfahrung) hilfsbereit zur Seite und versichert mir, dass Wanzen anders aussehen. Trotzdem bin ich dankbar für ihren Anti-Bettwanzen-Umgebungsspray, mit dem ich angewidert alles von Matratze über Rucksack bis hin zu meinen eigenen Füßen einsprühe.

Draußen ist es zugig und windig und kalt, zu Essen hat es auch nichts herzerfreuendes. Ich bin ziemlich einsam und leer, sitze am Küchentisch und versuche mir einen Pfefferminztee aus der Mikrowelle schönzureden, für den es nicht einmal eine Tasse, sondern nur einen Joghurtbecher hat.

Am späten Abend trifft noch eine Spanierin ein, die auf dem oberen Stockbett mit Bächen von Jodlösung ihre Füße bearbeitet. Mich schüttelt es ähnlich wie beim Anblick der sehr korpulenten Frau des Spanierpärchens. Ihrem Mann zuliebe schleppt sie sich seit SJPdP den Camino entlang; sie freut sich mit leuchtenden Augen sehr, sehr, sehr auf das Ankommen in Santiago, vermutlich einfach auf das Ende dieser Tortur. Sie ist schwer erkältet, und an ihren Füssen ist keine normale Haut mehr zu erkennen, alles ist entweder frische Blase oder verhornte Blase.

An diesem Abend finde ich in allen Aspekten keinerlei Wärme und Wohlgefühl. Um 9 verkrieche ich mich in meinem Schlafsack. Wenigstens der ist eine zuverlässige Bank in Sachen warm umschließende Geborgenheit.

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Ich wache schon wieder etwas spät auf, wieder ist es kurz vor 8. Draußen auf dem Flur ist schon reges Packen – und ein Stück weit schlägt mein Herz höher, als ich aus verschlafenen Äuglein auch Joaquin ausmache, der sich auch noch anschickt, zu frühstücken.

Ich habe mir gestern ein Luxusfrühstück eingekauft, mache mir meine Tetrapaks Kakao warm und habe 8 leckere Muffins mit Schokostückchen vor mir. Lecker, bis ich den ersten Bissen getätigt habe. Vielleicht ist es einfach zu viel süße Schokolade am Morgen, jedenfalls schüttelt es mich gerade und ist nicht ganz so lecker wie geplant. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich seit Joaquin weiß, dass diese Muffins sicher auch wieder zu wenig Haselnüsse enthalten und dafür zu viele bösen Fettsäuren, die jetzt gerade anfangen, mein eh schon problematisches Hirn zu verändern.

Joaquin liefert mal wieder volles Programm. Aus einem Alubeutelchen mixt er sich eine Art Sojamilch mit Wasser und zählt allen Ernstes über 15 Tabletten auf den Tisch. Das eine wären Alfalfa-Sprossen, das andere irgendeine Braunhirse und was weiß ich was. Ich habe wirklich Respekt vor gesunder Ernährung, die Muffins schmecken mir wirklich auch nicht mehr, aber lauter Trockenfutter in Tablettenform ist für mich dann auch keine gesunde Ernährung, und ich komme nicht umhin, diese Zelebration wieder ein wenig wunderlich zu finden. Zumal er auch wieder eine abgehobene Besserwisserei nach der anderen bringt. Als ich fertig mit Packen bin, klopft er sich gerade zwischen den schmackhaften Gesundheitspresslingen den Brustkorb. Mir rutscht ein spontanes, wiedererkennendes „ah, Du stimulierst Deinen Thymus?“ heraus, woraufhin er mich auch wieder mitleidig entgeistert regungslos anschaut und meint „natürlich nicht“, da würde er irgendwelche Emotionen freisetzen oder beruhigen oder wecken oder ist mir doch egal. Ich bin knapp am Explodieren und mache mich wütend auf den Weg.

In erster (und einziger) Linie wütend auf mich selber. An Joaquin ist rein gar nichts falsch, aber ich ärgere mich endlos über mich selber, warum ich intuitiv immer irgendwelche Gemeinsamkeiten mit jemandem suche, der einfach völlig anders tickt als ich und mit dem ich mich nie harmonisch wortlos verstehen werde. Warum geht das einfach nur nicht in meinen Schädel?!

Nachdem es jetzt auf die letzten 100km zugeht, ist der Camino mit einem Mal belebt wie bei einem Volkswandertag. In manchen Momenten sehe ich 20 Leute auf einmal vor mir laufen, teilweise mit süß gepackten Rucksäcken, behängt mit Kochern und Broten und lustigen Artikeln, die man wahrscheinlich nicht über 800 km tragen würde.

Wieder geht es durch beeindruckende Kastanienhaine. An pittoresken Plätzen staut es sich bei dem Andrang richtiggehend. Das ständige Stehenbleiben, dekoratives- Beweisfoto- Schießen und Weiterhecheln ist fast ein bisschen amüsant. Mein Weg kreuzt sich oft mit dem einer älteren Koreanerin mit einem riesigen Foto. Wann immer ich stehen bleibe, gibt sie ein paar undefinierbare Geräusche von sich, legt den Kopf überlegend schief, um dann auch die Kamera zu zücken und das gleiche Bild zu machen.

Als wir eine kleine Anhöhe erreicht haben, finden wir uns plötzlich in dichtem Morgennebel wieder. Ich bin wie so oft begeistert und ständig am Knipsen.

Trotz des Morgennebels habe ich aber heute auch das sichere Gefühl, dass es nicht mehr regnen wird. Es scheint der Zeitpunkt gekommen zu sein, mich von Hannah Montana zu trennen. Der Abschied fällt mir ernsthaft nicht ganz leicht, aber als akribischer Gewichtsparer jetzt bei strahlendem Sonnenschein einen kaputten Kinderschirm nach Santiago zu tragen, das sprengt dann selbst meine sonstigen Messie-Ausmaße. Ich bringe es dann doch nicht übers Herz, sie in einer Mülltonne zu versenken; so findet sie also ihre letzte Ruhe an einer Mülltonne pendelnd im stimmungsvollen Nebel.

Der Morgen ist wieder einmal wie geschaffen für meinen unruhigen Foto-Zeigefinger, und dank des schlechten Wetters der letzten Tage liege ich ja platztechnisch mit meiner Speicherkarte auch genau richtig.

Als sich der Nebel lichtet, bieten sich wieder wunderbare Farbenspiele mit dem Restnebel, dem morgendlichen Tau auf den Wiesen, den Wolkenbergen und der strahlenden Sonne. Es ist so richtig warm und sonnig, paradise is here.

Im Wesentlichen laufe ich heute automatisch und von einem hellwachen Fotografenauge geleitet. Ein paar Kilometer denke ich über Joaquin nach und über Anke, und warum sich das irgendwie so komisch anfühlt. Warum macht es mir so zu schaffen, dass Joaquin einfach recht moderat beeindruckt von mir ist und einfach nur bei Anke strahlt? Und warum fühle ich mich klein und jämmerlich, wenn ich mit Strahleanke einfach eine gute Zeit verbringen könnte? Warum kollabiert mein Selbstbewusstsein immer derart und komplett, nur weil ich morgens keine Alfalfa-Tabletten esse – und das auch gar nicht will? Muss man das, um ein guter Mensch zu sein? Und selbst wenn, wo liegt mein Problem, eventuell zuzugeben, dass ich nicht perfekt bin? Dass ich keine Emotionen ausklopfe, dass ich einen grässlichen englischen Akzent habe und fürchterlich spanisch radebreche, dass ich nicht in jeder Gruppe der eloquente, verbindende, alle unterhaltende Mittelpunkt bin, dass mein Strahlen derzeit Mühe hat, auch nur einen Zentimeter um mich herum zu beleuchten – und dass ich einen spinnerten Halbgott wie Joaquin nicht faszinieren kann? Was ist überhaupt Selbstbewusstsein – etwas, was von innen heraus aus einem selber kommt, oder was davon abhängt, was die Umgebung von einem denkt bzw. wie viel besser oder schlechter die anderen sind? Für einen Moment erinnere ich mich mit meinem grässlichen englischen Akzent und dem fürchterlichen Spanisch an einen früheren Camino, als mich eine Pilgerin als das weitbekannte Sprachgenie tituliert hat. Wie, einmal kann ich 3 Sprachen und fühle mich stolz und glücklich, und dann treffe ich jemanden, der 5 Sprachen kann und fühle mich klein und jämmerlich? So ganz Klarheit in meine Überlegungen bringe ich im Moment noch nicht, finde aber insofern meinen Frieden, dass sich vielleicht manches von selber löst, wenn ich da irgendwann das ein oder andere lustige Schräubchen in meinem Kopf festgezogen bekomme.

Als endlich Ferreiros erreicht ist, mache ich es mir zu einer schönen Wohlfühlmittagspause gemütlich. In der warmen Sonne ziehe ich die Schuhe aus, mache etwas Fußgymnastik und breite mein schönes Mittagessen aus. Dank gestrigem Supermarkt habe ich heute eine wunderbar leckere Empanada im Gepäck. Das wunderbar lecker wird nach dem ersten Bissen ziemlich ins Wanken gebracht, und auch der zweite und dritte Bissen tut sich schwer, die Illusion aufrecht zu erhalten. Das Ding schmeckt einfach meilenweit entfernt von knusprig, sondern einfach nur latschig. Ich linse mal auf die Unterseite, die in der Tat recht ungebacken teigig aussieht. Und etwas weiteres Linsen ergibt einen netten, langstieligen, blaugrünen Miniwald aus Schimmelfäden, uäh… mit der wunderbaren Wohlfühlstimmung hat es sich schlagartig. Ich packe meine Füße wieder ein und suche ein gemütliches Plätzchen für meine Empanada (und diesmal definitiv ohne schlechtes Gewissen IM Mülleimer). Gar nicht so leicht, zumal sich der nächste Mülleimer an einer gut besetzen Terrasse befindet und ich Hemmungen habe, vor den Augen von 10 Pilgern ein Wagenrad Empanada wegzuschmeißen. Ich kann ja schlecht dazu rufen „nur, weils schimmlig ist!“. Nachdem das Ding dann doch irgendwo versenkt ist, kaufe ich mir in der Bar ein Bocadillo. Etwas frustriert und geknickt, aber was solls.

So richtig wohl fühle ich mich wie immer nicht in einer Bar, und das gute Bocadillo kaut sich ziemlich mühsam und trocken. Just in dem Moment, als ich überlege, ob ich heute wohl Anke und Joaquin begegnen werde, biegen sie um die Ecke. Dank lockerer Schräubchen schwanke ich zwischen Freude, Panik, dass sie mich sehen könnten und der üblichen Panik, dass sie das Gefühl haben könnten, mit mir reden zu müssen. Zumindest scheinen meine Gedanken wirklich passable Störstrahlen aussenden zu können, die beiden drehen sich wie auf Kommando um und kommen strahlend auf mich zu. Während ich mal wieder krampfhaft versuche, ein viel zu großes Stück Bocadillo möglichst zeitnah unauffällig runtergeschluckt zu bekommen, bin ich einmal mehr hin und weg von der Ausstrahlung der beiden. Zu ihrem üblichen, überglücklichen breiten Strahlen gesellt sich noch eine Blumendekoration, wohin man auch schaut. Joaquin hat seinen Strohhut mit Blümchen und Krokussen dekoriert. Anke trägt eh schon immer einen meterhohen, weißen Getreidewedel vom Camino del Norte an ihrem Rucksack, heute sind dazu noch ihre Rucksackschnallen beblümt. Flowerpower vom Feinsten. Anke erzählt lachend, dass sie heute schon wieder ein wunderbares Foto gemacht hätte. Ein Stilleben von rosa Schirm an grüner Mülltonne. Sie erzählt kurz, dass sie gestern dann doch fast bis Sarria gelaufen ist, und dass sie heute bis Portomarín wollen. Wegen Bettwanzengerüchten in der öffentlichen Herberge zieht es sie in die riesige, saubere Herberge. Ich möchte heute eh einen Ort weiter bis Gonzar, Portomarín kann ich überhaupt nicht leiden, und diese sterile Herberge erst recht nicht.

Nachdem ich mich schon wieder mit fadenscheinigen Weiteressensausreden aus der Affäre gezogen habe, verbringe ich den restlichen Weg recht nachdenklich.

Nachdenklich, und doch auch wieder völlig beeindruckt von dem wunderbaren Camino. Die grünen Weiden mit den braunen Kühen und den liebevollen Steinmäuerchen, die strahlende Sonne, die unglaubliche Ruhe, die einsamen, alten Dörfchen, die Bäume mit feuerroten Äpfeln und wirklich atemberaubende Wiesen voller Krokusse, soweit das Auge reicht. Und es ist November.

Kurz vor Portomarín regt sich plötzlich meine Intuition und will nicht weiter bis Gonzar. Ich bin überrascht und kämpfe einen Moment gegen Portomarín-Abneigungen, die Aussicht auf den gleichen Riesenpulk wie gestern und natürlich auch wieder den Gedanken, dass Anke und Joaquin bestimmt genervt sind, dass ich Schmeißfliege schon wieder da bin. Vermutlich gerade auf Grund der heutigen Überlegungen überwiegt aber trotzig das „na und?!“ – zumal ich mich immer so über meine Intuition freue, dass ich ihr nur zu gern folge.

Die Brücke vor Portomarín habe ich gar nicht gern. Ich sehe mich schon wie von Geisterhand durch die Metallgeländer rutschen und im endlos weit entfernten See landen, sodass ich leicht neurotisch lieber inmitten der Fahrstraße entlangtaumele und etwas erbleicht mit einem Puls von sicher 200 auf der anderen Seite etwas k.o. ankomme. Mein geplantes Siegerfoto auf der hübschen Treppe wird leider nichts, der Akku hat sich nach dem bilderreichen Tag verabschiedet. Ich werte es hochzufrieden als nochmalige Bestätigung, in Portomarín zu bleiben.

Etwas restzittrig wappne ich mich für die Pilgerhorden in der Großherberge. An der Rezeption frage ich sicherheitshalber, ob schon sehr viele da wären. Die junge Frau guckt etwas ablehnend, nein, nicht sehr viele. Wen ich denn genau suche. Ich frage nach einem Brasilianer und einer Holländerin, woraufhin sie gewissenhaft 3 Papiere durchschaut und sehr professionell und ernsthaft meint „ja, die wären da“.

Der 100-Betten-Saal ist wie ausgestorben, als ich am unteren Ende dann doch ein paar Rucksäcke ausmache. Ich bin höchst erleichtert, hier wenigstens Anke und Joaquin anzutreffen; der dritte Bewohner ist Matthias. Joaquin vespert begeistert strahlend an meinen Schokomuffins, die ich am Morgen in der Herberge gelassen habe. Die hat er alle eingepackt, sie wären superlecker. Du Alfalfa.

Ich dusche in den lustigen Waschräumen voller Lichtschalter und Bewegungsmeldern und wasche meine Sachen. Zum ersten Mal scheint heute strahlend die Sonne. Ich breite alles mögliche inklusive der chronisch leicht restnassen Schuhe aus und fühle mich irgendwie einfach wohl. Matthias gesellt sich dazu. „So, so“, er hätte ja erfahren, dass das hier so mein siebter Camino ist. Ich bin leicht schuldbewusst, es ist aber kein Problem. Wir unterhalten uns erstaunlich gut; ihm scheint es mit jedem Tag besser zu gehen, oder vielleicht sieht er einfach alles nicht mehr so eng.

Ich mache mich auf Supermarktsuche und Stadtbummel. In einem Souvenirladen entdecke ich die wunderbaren Muschelohrringe von Anke, und den Mercado habe ich gerade soweit zu Ende durchstreift, als mir Anke und Joaquin entgegenkommen. Beide gucken irgendwie wie ertappt, irgendwas ist anders. Da zieht Joaquin auch schon seinen Strohhut aus, während Anke hektisch kichert. Die beiden waren beim Friseur, und Joaquin hat neuerdings eine absolute Glatze. Ich bin einen Hauch von sprachlos geschockt. Anke ist betreten, weil es vermutlich ein recht bewegender Moment war, ihn bei dieser Aktion begleiten zu dürfen. Joaquin ist sehr betreten mit dem nackten Kopf, zumal ich etwas sprachlos schaue. Ja, er weiß, es sieht doof aus. Nein, das ja nicht direkt. Er sieht einfach ein bisschen aus wie ein Mönch, und die Frau in mir trauert wohl noch zu sehr seiner attraktiven Haarpracht nach. Das war wohl auch das Problem, er findet sich zu eitel, er wäre ganz selbstverliebt in seine Haare, das wäre nicht gut, deswegen hätte er sie jetzt weggemacht. Ganz Joaquin, ich spinne in Sphären, an die Du nicht einmal denken würdest. Dann kichert er aber auch schon wieder so unsicher und sagt „ja, es sieht blöd aus“, dass ich eher grinsen muss, als ich mich auf den Heimweg mache. Dort treffe ich noch kurz die wenigen männlichen Koreaner von gestern. Sie sind in der öffentlichen Herberge abgestiegen. Ich bin etwas neidisch, nachdem es bei uns ja so einsam ist. Die Jungs schütteln resolut den Kopf, nein, es wäre keine gute Wahl gewesen, bei ihnen wäre es wie im Gefängnis, nicht gut. Das Grinsen lässt sich schwer abstellen.

Ich widme mich gerade meinem leckeren Glas Mixed Pickles in der Abendsonne vor der Herberge, als Anke mit Mönch mit Weinflasche und Oliven ebenfalls ihren Chill-Out angehen. Mein automatisches „nein danke“ wird niedergeknüppelt von dem neu in mir erwachten „na und?!“, sodass wir gemeinsam in der Sonne sitzen. Matthias mit einer Chipstüte und ein Belgier mit einer Packung Käse komplettiert auch kulinarisch die Runde. Der Ausblick auf den Stausee ist wunderschön und friedlich, und ich bin fasziniert von der Tatsache, dass ich nun doch noch meinen Frieden mit Portomarín geschlossen habe. Anke guckt meine Fotos an, ich bekomme im Gegenzug die Videoaufnahme von Joaquins Mönchsverwandlung vorgespielt.

Für den Abend plant Joaquin wieder ein gemeinsames Essen („na und?!“ ist schon derart selbstzufrieden am Werken, dass ich schon ganz automatisch zusage). Ich frage noch kurz die fotografierende Koreanerin, die auch etwas verloren hier abgestiegen ist. Sie ist begeistert, wobei ich im Nachhinein nicht mehr so sicher bin, ob es eine gute Idee war, sie zu fragen. Sie will auf alle Fälle nachher noch in die Kirche, statt wie geplant kommunal einkaufen zu gehen. Im letzten Moment entscheide auch ich mich für den Gottesdienst, habe dann aber doch ein sehr schlechtes Gewissen, dass nun die anderen ohne mich einkaufen müssen. Ich kann mich absolut nicht konzentrieren und schaue nur immer panisch auf die Uhr.

Glücklicherweise sind die anderen noch nicht einmal vom Einkaufen zurück, als wir zurückkommen. Dafür steht die Rezeptionistin vor einem Riesenberg Baguettes. Auf meine Nachfrage erklärt sie etwas schief, dass da nachher eine Gruppe von 60 Schülerinnen kommt. Ich bin moderat amused, allerdings in weitaus gefassterer Laune als Joaquin, der halb ausrastet bei der Vorstellung. Auch mein klägliches Witzchen, dass die ja vielleicht alle 16 sind und dann doch zumindest prima in sein Beuteschema passen, entspannt die Stimmung nicht gerade.

Matthias und Anke widmen sich routiniert den Herdplatten, während Joaquin tiefsinnig die Einkäufe hypnotisiert. Ich werde zum Karottenstiften verpflichtet, was mit einem klingenlosen Kindermesser der Knüller ist. Ich sitze einträchtig schweigend mit Joaquin am Tisch, und wir schnitzen akribisch kleine Karottenstiftchen für seinen Vegetariersalat. Derweil bin ich sehr erleichtert, dass die Koreanerin sich auch wohlzufühlen scheint. Anke ist wieder einmal ein Schatz in Sachen Integration. Sie fragt nach ihrem Namen, und als sie „just call me Lucia“ antwortet, fragt sie trotzdem nach der koreanischen Version. Schon gestern fand ich es etwas befremdlich, als sich ein Asiat vorgestellt hat – und auf die fragenden Blicke etwas resigniert „but you can call me Paul“ dazugefügt hat. Anke ist vielleicht Kummer gewöhnt – sie ist „just call me Maria“. Vielleicht nenne ich mich in meinem nächsten Caminoleben einfach „just call me Hannah“. „Na und?!“ findet das gar nicht lustig; ist doch nicht unser Problem, wenn andere Probleme mit unserem Namen haben.

Das gemeinsame Kochen ist irgendwie (schwer in Worte zu fassen) wunderschön. Es ist gar nicht chaotisch und stressig, sondern alles fügt sich wunderbar zusammen. Und als ich irgendwann auf die vielen Töpfe und werkelnden Hände am Herd schaue und an zwei Handgelenken bekannte Armbändel sehe, muss ich fast still lächeln.

Das Essen ist auch superlecker, neben Käse und einem Salat mit Tomaten, Mais, Thunfisch, Spargel und super Karottenstiften gibt es eine scharfe Hackfleischsauce mit Spaghetti und zum Nachtisch von Eisfreak Joaquin noch ein Kilo Vienetta-Eis. Lucia sitzt mir gegenüber; sie ist etwas schüchtern und bespricht erstmal alles mit mir. Nachdem sie mich aus der Kirche kennt, bin ich wohl irgendwie schon eine Stufe weiter. Aber auch Joaquin kümmert sich rührend um sie, und sie scheint sich sehr wohl zu fühlen. Höchstens etwas getrübt von Matthias‘ Frage, wie alt sie eigentlich wäre. Die Gruppe versichert zwar, dass sowas Europäer einfach nur interessiert, weil sie das so schlecht einschätzen können, aber Lucia ist ziemlich erschüttert und schaut mich noch minutenlang traurig kopfschüttelnd an „why did they ask my age?“. Ich gebe mir Mühe, sie mit einem christlich ermutigenden Lächeln (oder dem, was ich mir darunter auf die Schnelle so vorstelle) wieder aufzuheitern.

Generell verbringe ich den Abend wieder eher still lächelnd, aber auch heute ist es wieder ein gutes Lächeln.

Gegen 9 hält dann der ominöse Bus mit den Schülerinnen und ihren Rollkoffern vor der Herberge. Von einer Minute zur nächsten versteht man sein eigenes Wort nicht mehr. Ich bin höchst fasziniert von den vielen brot- und pizzakauenden Zahnspangenzähnen und dem wilden Hühnerhaufengeschnatter. Joaquin dagegen ist fast schon einen Hauch von verzweifelt anlässlich meiner Mutmaßung, dass die morgen ja vielleicht die gleiche Etappe wie wir laufen.

Gegen 10 schnattert es genauso ohrenbetäubend laut im Schlafsaal. Ich weiß nicht, ob es mein Ohrstöpsel ausmacht oder irgendwann der resolute Ruf durch die Halle, dass aus Rücksicht auf die Pilger nun Ruhe zu herrschen hat, aber ich höre keinen Mucks mehr.

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Komischerweise habe ich wieder die „time of my life“, was meinen Schlaf angeht. Ich schlafe tief und fest und behütet und fühle mich total geborgen und ruhig. Gestern hatte ich das Gefühl, auf Grund meiner Entscheidung plötzlich Frieden und Ruhe gefunden zu haben, aber nun hatte ich mich doch eigentlich am Vorabend umentschlossen – und auch das wird mit ruhigem Gewissen und friedlichen Träumen belohnt? Ich beschließe, die Zeichen und inneren Stimmen zu ignorieren, überhaupt nicht mehr nachzudenken und wie Marco einfach jeden Tag aufs Neue zu laufen und abzuwarten.

Wieder beginnt der Tag mit Nebel, aber zum einen kenne ich das Spiel langsam, zum anderen sind wir Pilger im Sonnenrausch. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Sonne und der blaue Himmel durchkommt.

Schon in Villafranca habe ich Druckstellen auf meinem rechten Fuß bemerkt und vorsichtshalber mit Compeed abgeklebt. Seither hat es sich zwar jeden Tag eben wie eine Druckstelle angefühlt, aber nicht weiter gestört. Heute muss ich nach ein paar hundert Metern schon wieder den Rucksack absetzen und meine Füße auspacken, denn so geht das gar nicht. Bei jedem Schritt drückt die unterste Metall-Öse auf meinen großen Zeh. Marco und Sanne tauchen im Nebel hinter mir auf, verwundert über mein Picknick mitten auf der Straße. Ich beschwichtige und meine, ich bräuchte einfach noch kurz ein Compeed, damit es wieder besser läuft. Sanne sagt, sie glaubt, dass Sie weiß, was ich brauche, und beginnt, in den Tiefen ihres Rucksacks zu kramen. Endlich hat sie gefunden, wonach sie sucht, und sie drückt mir mit Nachdruck einen Stein in die Hand. Ich bin überrascht, fühle mich aber auch geehrt. Schon der dritte Stein, den ich hier bekomme.

Offensichtlich zeigt das Compeed und meine neue Schnürung Wirkung, oder es ist der Stein, jedenfalls läuft es sich wieder unbehelligter. Dafür kommt nach ein paar Kilometern wirklich die Sonne raus, leider aber auch haufenweise Pilger. In den Herbergen waren sie nicht, und dem Gepäck nach zu urteilen sind sie mit Begleitfahrzeug unterwegs. Kein freundliches Grüßen in Richtung der anderen Pilger, keine andächtige Ruhe. Hier schnattert es in ganzen Gruppen, ein paar haben sogar ihr Handy in der Hand, telefonieren nach Hause oder zu imaginären Pilgern vor oder hinter ihnen. Zunehmend treffe ich auch deutsche Grüppchen. Manchmal schäme ich mich direkt für ihre Gesprächsthemen und bin froh, dass ich manch andere Nationen überhaupt nicht verstehe und mich mit gutem Gewissen einfach an der Sprachmelodie erfreuen kann. Trotz der schönen Sonne, ich werde einfach kein Freund der letzten hundert Kilometer.

Ich passiere Portomarín, ohne einzukaufen und ohne auf meine Karte zu schauen. Ich habe so grob im Kopf, dass heute noch Palas de Rei oder Mélide auf dem Weg liegen müssten. Mein Wasser habe ich auch nicht aufgefüllt, und irgendwann riskiere ich dann doch mal einen Blick in den Führer. Mein Grobes im Kopf war Müll, ich habe mich um einen Tag vertan. Heute kommt keine weitere Stadt, auch keine Einkaufsmöglichkeit mehr, und selbst die Brunnen sind spärlich gesät – und ich passiere Dorf um Dorf, ohne den angekündigten Brunnen zu finden. Schade, nach meinen Erfahrungen hinter León war meine Halbliterflasche so ein Glücksgriff und ich habe nie zu viel mitgetragen. Hier muss man jetzt dann doch wieder planen.

Ich bin froh, als ich gegen 14.00 mein heutiges Etappenziel Areixe mit einer weiteren kleinen Xunta-Herberge in einem noch kleineren Dörfchen erreiche und Wasser tanken kann. Die Herberge ist offen, aber noch leer. Von der Hospitalera liegt ein Zettel da, dass man gerne schon einchecken darf. Wieder bin ich begeistert von den tollen Betten, den stylischen Aufenthaltsräumen, den heißen Duschen und diesmal sogar einem beschilderten Wäschetrockenplatz hinter dem Haus. Die Herberge verfügt über eine große Terrasse, auf der ich es mir mit meinen Bändeln und meinem Pfefferminztee gemütlich mache (denn Mikrowelle gibt es hier auch). Die meisten Pilger gehen noch weiter nach Palas de Rei. Ich vermisse die dortigen Einkaufsmöglichkeiten ein bisschen und esse traurig meine allerletzten Reste, vier Tage altes Brot und zwei Rippchen Schokolade. Auch vermisse ich heute Kristian wieder. Ich nehme seinen kleinen Stein heraus und versuche, ihm telepathisch zu entlocken, wo sein Besitzer wohl sein könnte. Eigentlich dachte ich, dass er mich so langsam ja wieder einholen könnte, so wie ich am Bummeln bin. Schon allein deswegen sitze ich unruhig auf der Terrasse herum; was, wenn er mich auf der Strecke unbemerkt überholt, nur weil ich gerade in der Herberge gegen die Wand schaue…?

Ich beschließe, meine Stolz mal wieder über Bord zu werfen und ihm eine Mail zu schreiben. Ich möchte meine geplanten Etappenziele durchgeben, dann liegt es ja an ihm, ob er sich beeilen will, um mich einzuholen. In der Bar hat es zum Glück Internet, doch kaum habe ich mein Werk endlich mühevoll vollendet (die Mischung aus Zuneigung und ich-muss-mich-nicht-aufdrängen ist gar nicht so leicht), meldet der Computer, dass sich der Hauptrechner gerade abgeschaltet hat. Der Besitzer aktiviert diesen zwar wieder, aber meine Mail ist weg. Ich kriege die Krise. Schnell schreibe ich eine absolute Kurzversion. Da meldet mein Posteingang eine neue Meldung – eine Fehlermeldung, die Mail kam zurück. Ich war mir mit der Schreibweise eigentlich recht sicher, versuche aber probehalber noch alles mögliche Ähnliche. Alles kommt zurück.

Ich bin total niedergeschlagen. Ein Gefühl sagt mir, dass Kristians Fuß so lädiert ist, dass er viele Tage hinter mir ist. Wir werden uns also eh nicht mehr sehen, was auch nicht weiter schlimm wäre, hatte ich doch immer die Option vor Augen, ihm hinterher schreiben zu können. Aber nun funktioniert die Adresse nicht, die er mir bei Nacht im dunklen Schlafsaal auf mein Tagebuch gekritzelt hat, eigentlich logisch. Meine Adresse hat er nicht, und vermutlich denkt er nun auch noch, dass ich ihm einfach nicht schreiben wollte. Ich kriege eine Riesensuperkrise. Ich weiß nicht mal seinen Nachnamen und versuche mich zu erinnern, in welcher Herberge ich da im Nachhinein eventuell nachfragen könnte. Vor meinem inneren Auge taucht der Hospitalero in Villafranca auf, der ja schon seine Schweigepflicht verletzt gesehen hat, als ich nur wissen wollte, ob mein Chaot dort nächtigt. Ich habe nicht ernsthaft erwartet, Kristian hier auf dem Camino wiederzusehen, aber auf Emailkontakt hatte ich mich so fest verlassen. Zudem schleicht sich der hinterhältige Gedanke in meinen Kopf, ob er mir mit Absicht eine falsche Adresse gegeben hat. Und passend dazu fällt mir auf, dass Nadine, die Deutsche mit Zelt, gestern nicht wie angekündigt in Ferreiros aufgetaucht ist. Das Teufelchen in meinem Kopf hämmert hartnäckig, dass sie bestimmt heimlich einen Tag pausiert hat und nun glücklich mit Kristian campiert. Und da hat er bestimmt auch keine Nähephobie.

Die Sonne färbt schon wieder alles in sanfte Goldtöne, als meine stummen Begleiter Sanne und Marco auf die Herberge zusteuern. Die Armen verstehen so langsam wahrscheinlich gar nichts mehr. Verzweifelt bin ich genauso wie gestern, aber heute aus einem komplett anderen Grund.

Heute nehme ich ihr Angebot, mit in die Bar zu kommen, gerne an, denn ich habe wirklich Hunger. Ich bekomme ein halbes Baguette mit Bacon und werde sehr satt. Sanne erzählt mir, dass Marco heute wieder ein Feuer gemacht hat und ihr mittags Paella gekocht hat. Sie erzählen, dass sie zwischen Englisch und Spanisch abwechseln, bei zu viel Spanisch würde es ihr bei den ernsten Themen dann doch zu anstrengend. Meine Kristian-Wehmut wird immer größer. Ich hätte auch gern wieder einen Soulmate, und so schön es mit den beiden auch ist, ihre Einladungen sind für mich immer etwas zwiespältig. Sie haben eine ganz besondere Energie zusammen, das spüre ich sehr deutlich, und ich gehöre da nicht so ganz dazu.

Marco organisiert noch vom Bauernhof nebenan frische Eier und verspricht ein Spiegelei für morgen früh. Wow, ein mitwanderndes Versorgungsfahrzeug, der Mann.

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Offensichtlich habe ich ziemlich tief geschlafen, ich bin nicht einmal davon aufgewacht, dass Jelle zurückgekommen ist. Wir wachen wieder zeitgleich auf, und er erzählt flüsternd vom gestrigen Abend. Er hat allen Ernstes Angelo wiedergetroffen, samt Aurélie und deren Mutter. Sie wären nach La Faba in den besagten Schneesturm gekommen, es hätte absolut kein Durchkommen mehr gegeben, sodass sie in Fonfría stoppen mussten. Auch am nächsten Tag nach Triacastela hätte sie wieder ein Schneesturm erwischt. Schon lustig, nachdem wir beide ja ziemlich unbehelligt geblieben sind. Nur die zwei Dänen sind leider wirklich einen Tag hinter uns, denn sie müssen erst einen Tag nach uns in Santiago angekommen und hätten sich gesagt, wozu jetzt hetzen.

Das beste ist, Angelo logiert in der gleichen Herberge wie wir. Dank der vielen roten Vorhänge ist er nur etwas schwierig auszumachen. Ich linse überall dahinter, erspähe immerhin Aurélie, die mich ins Restaurant oben verweist, wo mein Philosoph dann auch wirklich ist. Ich freu mich aus unerfindlichen Gründen sehr, er strahlt auch, aber nachdem wir heute das gleiche Ziel haben und auch die gleiche Herberge ansteuern, belassen wir es bei viel wortlosem Strahlen.

Ich gehe mit Jelle zusammen los; nachdem er die letzten Tage wegen José zurückstecken musste, haben wir kommunikativen Nachholbedarf. Wie so immer ist das Wetter moderat, es nieselt und regnet, sodass wir wieder ohne Pause die 4-5 Stunden nach Palas de Rei durchlaufen. Dort steuern wie die private Herberge an, die Angelo empfohlen hat. Mit der öffentlichen Herberge verbinde ich vom Vorjahr keine guten Erinnerungen und bin daher froh über die Entscheidung.

Leider ist die Herberge geschlossen – und wir gehen doch in die Öffentliche. Allerdings ist der Raum diesmal ein viel hellerer, mit lauter großen Erkerfenstern zur Straße hin. Und ich habe Jelle und später Angelo.

In Kenntnis der merkwürdigen Duschen dusche ich ganz blitzschnell, bevor die restlichen Pilger sich mit dem Problem befassen, wie Männlein und Weiblein in höchst wenig abgetrennten Duschen miteinander auskommen sollen.

Anschließend fällt mir dann doch etwas die Decke auf den Kopf. Wie letztes Jahr auch sitze ich auf meinem Bett, viel anderes gibt es nicht zu tun, so satt wie es draußen regnet. Zudem ist Sonntag, kein Supermarkt hat offen, und meine Vorräte lachen mich wieder rein gar nicht an. Etwas, was mir immer sehr auf die Stimmung schlägt. Ich fühle mich zum Warten verdonnert, und beim Nachdenken kommen mir auch nur eher düstere Gedanken. Ich ziehe ein Resümee über meinen bisherigen Camino, der sich ja nun schon seinem Ende neigt, und wie sich schon mit José abgezeichnet hat, die großen Erleuchtungen und Eingebungen sind ausgeblieben. Wie ich in La Faba anfangs in einer Misa gehört habe, es braucht die Stille, um die Worte zu hören. Mit José hatte ich eine Menge Spaß (und eine Menge Wutausbrüche), und Jelle ist mir wie ein Bruder geworden, aber vor lauter Gequatsche, wo höre ich hier Gott?!

Wie so oft habe ich eine wenig souveräne Krise, ich heule Jelle im Treppenhaus die Ohren voll, und wie immer ist er verständig und zu nett, um wahr zu sein.

Schon wieder halb getröstet, frage ich spaßeshalber an der Rezeption, ob es irgendwas wie eine Bar oder so etwas gibt, wo man etwas kaufen kann. Die Dame erzählt überraschenderweise, es gäbe eine Bäckerei, die hätte recht viel, und gar nicht weit. Ich bin schon wieder extrem high und schleppe Jelle durch den Regen. Unterwegs machen wir das hellblaue Stirnband unter einem riesigen Regenponcho aus, der meditativ verträumt durch die Gassen schwebt. Angelo hat noch nicht bewusst wahrgenommen, dass es schüttet wie aus Kübeln und strahlt „ah!“. Für ihn ist heute die Welt wohl einfach wunderbar.

Für mich auch, als wir die Bäckerei betreten. Es hat nicht nur alle Arten von Schokocroissants, sondern auch Empanadas, mit Fleisch und Thunfisch. Dazu noch frisches Brot, und theoretisch hätte es sogar Früchte und Wasser und wirklich alles. Ich kaufe ein, als gäbe es bis Santiago keinen Laden mehr, und auf dem Rückweg bemerke ich auch nicht mehr, dass es regnet.

In der Herberge nimmt mich Angelo zur Seite, wir würden jetzt mal reden. Wir setzen uns auf den Boden an einem Erkerfenster, und ich bin gespannt, was kommt. Eigentlich kenne ich Angelo nur strahlend. Seine dunklen Augen erzählen natürlich auch immer sehr viel, sie sprühen und leuchten ganz unwahrscheinlich, aber ein richtiges Gespräch, das ist etwas Neues.

Er schält eine Mandarine, als würde er Yoga-Übungen machen, und beginnt nach ein paar Minuten Schweigen, mir ohne jeglichen Zusammenhang von seiner Frau zu erzählen. Dass er eine 14-jährige Tochter hat, weiß ich, aber dass er von der Frau dazu getrennt lebt, wurde nie thematisiert. Er erzählt, dass er sich wirklich Mühe gegeben hätte, aber sie hätte alles immer nur negativ gesehen, hätte alles immer falsch gefunden, wäre bei allem pessimistisch und depressiv gewesen. Und sie hätte versucht, ihn da mit hineinzuziehen, bis er einen Schlussstrich gezogen hat.

Es ist eine merkwürdige Unterhaltung, bzw. eher ein Monolog. Teilweise habe ich das Gefühl, Angelo verarbeitet damit selbst etwas. Ihm ist anzumerken, wie schwer es ihm als sehr gläubiger Christ gefallen ist, eine Ehe nicht retten zu können. Andererseits kenne ich ihn als derart philosophischen, nachdenklichen und hintergründigen Menschen, dass ich mir kaum vorstellen kann, dass er es so ganz ohne Grund erzählt.

Und wirklich habe ich hinterher das Gefühl, als ob mir gewisse Erkenntnisse wie Schuppen von den Augen fallen. Hat er mit ein paar Blicken erkannt, dass meine Lebenseinstellung gerade auch nicht die alleroptimistischen Bahnen einschlägt?

Mit einem Mal habe ich auch das Gefühl, dass dieser Camino mir sehr wohl sehr viel gebracht hat. Vielleicht auf eine andere Weise als ein Camino in Stille, aber allein die vielen wunderbaren Freundschaften sind ein absolutes Geschenk. Manchmal zeigt sich Gott direkt, manchmal spürt man ihn nur, manchmal zeigt er sich in Boten. Wenn ich zurückdenke, habe ich jeden Tag so viele Boten bekommen; Menschen, die mir genau das gesagt oder gegeben haben, was ich gebraucht habe. Ich erinnere mich an die magischen ersten Begegnungen mit José, an Pers lapidare und doch so schöne Charakterisierung von mir, an Jelle, der in jedem Moment für mich da ist und an mich glaubt und mich stark findet, wenn ich mich absolut wie ein Häufchen Elend fühle. Und Angelo, der meistens nur ganz besonders strahlt und schaut und bei dem man immer das Gefühl hat, durch diese Augen strahlt noch jemand ganz anderes.

Wir gehen alle zusammen in die Kirche, Jelle, Angelo, Aurélie und ich. Irgendwie spüre ich, dass es für sie ungewohnt ist. So richtig in die Stimmung eintauchen kann ich nicht, und beim Umarmen als Zeichen des Friedens schaffen wir es fast, eine ganze Kirchenbank mit reichlich Lärm umzuschmeißen. Halleluja.

Die drei treffen sich noch mit zwei Ungarn, um essen zu gehen. Offensichtlich ist es immer sehr heiter und sehr weinselig und somit nicht das, was ich im Moment suche.

Ich verbringe noch einige Zeit allein in der Kirche und bin so dankbar, dass ich heute nach so einem durchwachsenen Tag doch wieder genau das spüren durfte, was für mich den Camino ausmacht.

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Heute fühle ich mich wieder nach einem frühen Start. Wie üblich regnet es und ist trüb und matschig, ebenso ist meine Stimmung. Die kommenden Etappen habe ich intuitiv nicht so gern. Es geht gegen Ende zu, zieht sich irgendwie sinnlos und unspektakulär, dazu kommen die Kurzstreckenpilger, die die besondere Stimmung etwas zermischen. Eigentlich will ich nur recht schnell nach Portomarín, wo José ja schon mit dem Auto hingefahren ist.

Ich freue mich mit jedem Tag mehr, Jelle irgendwie auf dem Weg zu treffen. Dass wir uns mittlerweile schon meistens nach der ersten Stunde treffen und ab da zusammen weiterlaufen, tut meiner Alleinlaufüberzeugung mittlerweile keinen Abbruch mehr. Wir haben exakt das gleiche Tempo und immer viel zu reden. Langsam verstehen wir uns ohne Worte und empfinden den Camino sehr ähnlich.

Heute hat er nur wieder meinen kleinen Spanier zu bemängeln. Er kann es nicht verstehen, dass ich einen fremden Mann berühre oder mit ihm Händchen halte, ohne mit ihm liiert zu sein. So etwas käme für ihn absolut nur mit seiner Frau in Frage. Ich verstehe die Problematik nicht so recht. Grundsätzlich bin ich auch eher „distanziert“ aufgewachsen, aber vielleicht gefällt mir auch deswegen Spanien so gut, weil ich die südländische Herzlichkeit schätze.

In Portomarín bereue ich, mich nicht genauer mit José abgesprochen zu haben, wo wir uns treffen sollen. Weit und breit weder er noch sein Auto, an das ich mich ohnehin kaum mehr erinnere. Wir laufen brav alle 3 Herbergen ab, ob er dort irgendwo wartet, geben es dann aber irgendwann frustriert auf. Diesmal wollte ich eigentlich die öffentliche Herberge nehmen, aber wie im Vorjahr bringen wir es dann doch nicht übers Herz. Drinnen hat sich eine Schulklasse niedergelassen, es herrscht Jugendherbergsatmosphäre mit viel Hallo und Gelärme.

Wir lassen uns in einer kleinen Herberge nieder, die eigentlich ganz hübsch, wenn auch ein bisschen komisch ist. Die kleinen Zimmer sind durch Vorhänge voneinander abgetrennt. Man hört eigentlich alles, sieht sich aber nicht. Ein bisschen ungewohnt ist das schon. Außer uns ist bisher nur ein deutsches Pärchen da, das hinter seinem Vorhang mit zwei Heizöfen versucht, die Wäsche zu trocknen. Auch unsere Sachen sind patschnass, und als ich frage, ob wir einen der beiden Öfen bekommen können, schauen sie ziemlich genervt und meinen, ihre Sachen wären noch nicht trocken, später dann. Auch das ist ungewohnt.

Wieder einmal bin ich rastlos und genervt vom Warten. Es gibt keinen Aufenthaltsraum, wir sitzen auf unseren Betten und starren uns oder die Wand an, belauschen unbeabsichtigt die Gespräche hinter dem nächsten Vorhang bzw. haben beim Reden das Gefühl, vom andächtigen Schweigen nebenan belauscht zu werden. Wieder einmal suche ich mein Heil in einem Mittagsschlaf.

Geweckt werde ich von einem strahlenden José. Ich bin noch ziemlich verschlafen und durcheinander und will wissen, wo er so spät jetzt herkommt, es ist immerhin schon 3 Uhr nachmittags. Er meint, er wäre nach Santiago zur Messe gefahren und hätte sich dann auf dem Rückweg verfahren. Er ist ja schon ein ganz schöner Spinner, was Autokilometer angeht.

Er hat in der Messe den Botafumeiro bekommen, was ich jetzt irgendwie ungerecht finde. Ich sage, dass man das nur bekommen sollte, wenn man den Weg wirklich gelaufen ist, und nicht, wenn man frischgewaschen mit dem Auto anreist. Auf meinen eher spaßig gemeinten Einwurf reagiert er ziemlich empfindlich und verärgert. Er erzählt, dass nun mal nicht jeder den Camino zu Fuss machen könnte, und dass er vor ein paar Jahren einer Freundin den Wunsch erfüllt hat, zusammen den Camino zu machen. Soweit ich sein Spanisch verstehe, war sie unheilbar krank und sehr schwach, allein der Camino mit dem Auto war schon anstrengend für sie. Danach ist sie gestorben. Mir wird ziemlich schlecht. Zum einen schäme ich mich für meine unbedachte Äußerung, zum anderen stelle ich mir vor, wie es sein muss, mit jemandem den Camino zu gehen, für den es der letzte Wunsch ist. Für mich ist das hier die große Freiheit und einfach ein großes Energietanken. Wie muss es für José gewesen sein, jeden Tag mit dem baldigen Tod der Freundin konfrontiert zu sein. Und natürlich für die Freundin selber.

Mit José in dem kleinen Zimmer ist es komisch. Er sitzt an meinem Bett, während Jelle auf seinem sitzt. Wir sprechen Spanisch und Englisch im Mischmasch, und auch sonst nicht gerade Themen, bei denen sich Jelle wohl einbezogen fühlen würde. Draußen ist es sehr kalt und regnet. Unsere Schuhe haben wir mit Zeitungen ausgestopft. Eine Seite berichtet interessanterweise von einem Schneesturm in den Bergen hinter O‘ Cebreiro. Es hätte bis 80cm geschneit. Vom Zeitgefühl her bin ich schlecht, aber ich glaube, wir sind genau am Vortag noch durchgekommen.

Wir essen Brot mit Chorizo aus meinem Rucksack; als Pilger ein alltägliches Mahl, so hier mit José auch wieder komisch. Jelle, der derweil einkaufen war, berichtet, dass er Angelo gesehen hätte. Ich bin völlig perplex, schließlich ist er doch einen Tag hinter uns. Er wäre gerade vor den Zimmern am Computer gewesen. Ich renne raus, aber von Angelo keine Spur mehr. Immerhin ist er demnach gleichauf mit uns, und ich werde ihn wahrscheinlich wiedersehen.

Wir bekommen zähneknirschend einen Ofen von den Deutschen – nicht ohne den Hinweis, dass wir ihnen „ihren“ Ofen später dann wieder geben sollen. Trotz des Wetters gehe ich mit José ein bisschen spazieren. Portomarín hat eine kleine Ladenstraße, die mit einem Arkadengang überdacht ist. So schlendern wir die 50 Meter auf der einen Seite hinunter, um auf der anderen Straßenseite wieder hinauf zu laufen. Als ich nach einer halben Stunde anmerke, dass José kein besonders einfallsreicher Spaziergänger ist, lässt er sich einen Richtungswechsel einfallen.

Wie gestern auch sind unsere Themen deutlich tiefgründiger als noch auf dem gemeinsamen Camino. José erzählt von seinen Sorgen und Zweifeln, von denen ich gar nicht gedacht hätte, dass sie existieren, so unglaublich gefestigt im Glauben wie er immer wirkt. Anscheinend macht sehr viel Glauben das Leben auch nicht einfacher. Er hat einen unglaublichen Drang, Gutes tun zu wollen, aber eben in einem größeren Rahmen, als es mir so einfällt. Ich fühle mich schon als guter Christ, wenn ich meinen Mitmenschen ein Lächeln entlocke oder ihren Tag sonstwie ein ganz kleines Bisschen besser machen kann. Ihn quält dagegen die Frage, wie er sein Leben am sinnvollsten nutzen kann – ob als Helfer in Indien oder Afrika, oder ob er lieber in Spanien bleiben soll, dort in der Politik groß herauskommen und dadurch in die Geschicke der ärmeren Länder eingreifen soll. Jetzt schon ist er im Vorstand von fünf wohltätigen Vereinigungen. Zudem sehnt er sich nach einer Frau und Kindern. Mich macht das Ganze ziemlich betroffen. Ich bin ja schon überfordert mit meinen Sorgen und Zweifeln, aber die sind durchaus einfacher zu lösen und von kleinerer Dimension. Ich verstehe so langsam, dass er es aufgegeben hat, eine Frau zu suchen. Zum einen müsste sie seine hohen Ziele verstehen, zum anderen müsste sie damit leben können, immer nur eine Randrolle in seinem Leben zu spielen und es nie in der Hand zu haben, ob er glücklich und erfüllt ist.

Bevor ich aus Anteilnahme in komplettem Weltschmerz vergehe, wechselt José zum Glück das Thema und erzählt von seinen Freunden und Kollegen. Da ist er wieder ganz der Alte, kichernd und quiekend und sich halb tot lachend. Er wäre das Maskottchen in seiner Clique und alle würden ihn aufziehen, dass er so schmächtig wäre. Seine Freunde wären alle so um die zwei Meter groß, und nachdem er seine Leibesfülle ja rätselhafterweise als schmächtig tituliert, will ich mir gar nicht vorstellen, was das erst für Gorillas sein müssen. Auch erzählt er, wie man die Abende in Madrid verbringt. Mit seinen Kollegen aus der Bank geht er in schickem Anzug in ein Café in der Nähe der Universität, und da laufen ja unglaublich junge und unglaublich hübsche und unheimlich leichtbekleidete Studentinnen herum, und die wollen dann alle nur Sex mit ihnen, weil sie gut gekleidet sind und reich aussehen. Ich bin beruhigt, dass sein Leben somit nicht nur ausschließlich aus entbehrungsreicher christlicher Nächstenliebe und ernsten Gedanken besteht.

Wir gehen in die Misa in der sehr großen, kalten Kirche. Man weiß sich hier zu helfen. Zehn Minuten vor Beginn wird ein riesiger Heizofen mit Ventilator vor den Altar geschoben. Es ist ein merkwürdiger Anblick, wie sich alles in den ersten Reihen sammelt und man mit wehenden Haaren im Gottesdienst sitzt, aber immerhin ist es warm, und mit Eintreten des Priesters wird der Ventilator dann doch auch wieder abgestellt.

Anschließend promenieren wir in Ermangelung von Alternativen noch ein bisschen die nun mehr als bekannten Arkadenwege auf und ab. Wir halten uns wie meistens an den Händen, als ich José erzähle, wie sich Jelle darüber aufgeregt hat und dass es in nördlicheren Breitengraden etwas ist, was man nur unter Paaren macht. José guckt konsterniert und meint, das wäre in Spanien auch so. Spanische Herzlichkeit und Umarmungen ja, aber die Hände wären was für Pärchen. Nun bin ich konsterniert und ziehe sofort meine Hand zurück. Warum er das denn erst jetzt sagt?! Er schnappt sie sich wieder und meint, das würde bei uns so gehören.

Umso schmerzlicher ist dann der endgültige Abschied. Morgen früh will er heimfahren, ich begleite ihn noch zu seinem Hotel. Ich denke, wir werden uns schreiben, aber diese spezielle Freundschaft gab es wohl nur auf dem Camino.

In der Kneipe über der Herberge treffe ich den Koch aus der Meseta wieder. Wieder habe ich reichlich Probleme mit seinem Spanisch, aber er erzählt mir, dass er jetzt seine Mutter getroffen hat, mit der er die letzten 100 Kilometer des Caminos geht. Deswegen hat er die letzten Tage auch gewaltig Gas gegeben, und seiner Mama zuliebe trinkt er auch nicht wie üblich. Irgendwie sehen die beiden sehr süss zusammen aus. Er sagt, er hätte mich mit José gesehen, wo der denn wäre. Ich erkläre ihm, dass er schon lange nicht mehr pilgert und nur zu Besuch hier war. Er hat ein komisches Leuchten in den Augen, als er nachdenklich sagt, dass er ein sehr besonderer, sehr guter Mensch wäre. Das sehe ich auch so, und in dem Moment fühle ich mich auch dem Koch ganz nah. Er besteht wirklich hauptsächlich aus Alkohol- und Drogenproblemen, und wir haben sehr wenig zusammen gesprochen, aber ich glaube, er spürt auch ein bisschen mehr als so manch anderer Mensch.

Obwohl es noch früh ist, ziehe ich mich ins Bett zurück. Irgendwie war der Tag heute emotional ziemlich schwer. Ich fühle mich irgendwie leer und erschlagen davon und ein bisschen wie ein dummer Anfänger. Mein Leben besteht viel aus „ich“ und den kleinen Problemen des Alltags. Heute fühle ich mich, als hätte ich Einblick in größere Dimensionen bekommen. Denen gegenüber fühle ich mich aber erst recht sehr klein.

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Meine Laune hat sich auch über Nacht nicht gebessert. Bereits kurz nach 6 Uhr herrscht die schlimmste Jugendherbergsatmosphäre, alles lärmt und lacht und klappert und raschelt. Ich breche mein Frühstück mittendrin ab und lasse eine etwas überraschte Bärbel zurück, die meinen Gruppenkoller hoffentlich versteht.

Draussen ist es stockfinster, einige Pilger halten unter dem Vordach Krisensitzung, denn es regnet und gewittert. Ich erinnere mich an die beeindruckenden Worte einer früheren Miturlauberin in Schweden, die mit mir bei strömendem Regen durch den Matsch stapfte und auf ihren Freund schimpfte, der lieber im Trockenen geblieben war: „wir sind doch nicht aus Zucker!“. Ich bin also nicht aus Zucker und kein Pilgerweichei, was kümmert mich Regen, ich habe doch alles in meinem großen Rucksack dabei (Regenjacke, Regenhose, Rucksackhülle). Was kümmert mich Dunkelheit, ich bin doch kein Anfänger.

Bereits nach wenigen Metern wird mir klar, dass ich eventuell nicht sehr vernünftig agiere. Am Horizont knallen im Sekundentakt Blitze, und ich gehe mutterseelenallein in ein Waldgebiet.

Dort wird mir dann klar, dass ich absolut verrückt sein muss. Das Gewitter erinnert mich spontan an Weltuntergang, und trotz meiner Stirnlampe sehe ich wegen dem Regen und Nebel nicht mal einen halben Meter. Ich sehe den Weg nicht, geschweige denn Abzweigungen. Ich sehe nicht einmal meine Füße. Ich laufe nur durch totale Schwärze, wenige Zentimeter vor mir bläulich beleuchtet, während es um mich herum kracht und blitzt.

Ich bin schon nicht mehr recht bei Sinnen, als links von mir etwas am Wegesrand steht. Ich gehe auf wenige Zentimeter heran, halte es für einen hellblauen Kasten. Dieser dreht sich plötzlich um, ich blicke Andi ins Gesicht und brauche einige Sekunden, bis ich die Verknüpfung schaffe, dass ich gerade seine Rucksackhülle gesehen habe und ihm jetzt seit einer Weile mit wenigen Zentimetern Abstand voll ins Gesicht leuchte. Er ist wie üblich Meister der Contenance, dabei muss ihm eigentlich auch etwas mulmig sein, weil er ja nur geblendet ist und keine Ahnung hat, wer ihn da sprachlos anstarrt. Auf alle Fälle sickert so langsam bei uns beiden Normalität durch; ich glaube, nicht nur ich bin froh, ihn getroffen zu haben. Wir wahren zwar unseren Stolz und geben uns cool, laufen aber bis zu Tagesanbruch sehr erleichtert zusammen weiter.

Dann sticht mich wieder wie üblich der Hafer, ich brauche meine Ruhe und büchse aus.

Heute beschäftigen mich einige Gedanken rund um meine restlichen Pilgertage. Ich muss etwas an meinen Herbergen ändern, ich will wieder das Puristische. Ich will wieder internationale Bekanntschaften, englisch denken wie mit der kleinen Kanadierin, spanisch radebrechen, neue Leute kennenlernen. Nicht mehr nur mit Bärbel und Andi über die heimische Realität plaudern. Santiago ist nah, aber noch nicht erreicht, noch darf ich pilgern und mich frei fühlen.

In Palas de Rei suche ich die kleine, öffentliche Herberge. Obwohl ich fix unterwegs war, steht eine lange Schlange für die etwa 30 Betten an, und kaum habe ich eingecheckt, wird auch schon ein „completo“-Schild herausgehängt. Ich fühle mich schlecht bei diesem Gedanken, aber ich bin froh, dass kein Platz mehr ist für meine deutschen Freunde. Ich freue mich auf ein Wiedersehen, aber heute bitte nicht in meiner Herberge.

Ich hole mir etwas zu essen und setze mich auf den Dorfplatz, um auf meine Leute zu warten. Andi kommt vorbei, leistet mir Gesellschaft, will aber noch ein paar Dörfer weiter. Steffi läuft suchend auf der anderen Straßenseite entlang, aber auch sie snackt nur ein wenig und geht weiter.

Ich fühle mich plötzlich unzufrieden und untätig. Die Herberge ist zwar genau das, was ich gestern wollte, spartanisch, ein bisschen schmuddelig, keine Küche, offene Duschen. Heute will ich es aber irgendwie nicht mehr. Die Mentalität der Pilger hier ist „so wenig Kosten wie möglich“, keiner spendet auch nur irgendetwas, findet das bei dem Service auch überflüssig und zeichnet sich für meinen Geschmack nicht durch Weitsicht aus. Die große französische Gruppe aus Molinaseca belagert lautstark die Herdplatten (sie sind die einzigen, die Kochgeschirr dabei haben, denn hier gibt es spartanischerweise weder Töpfe noch Teller). Sonst kenne ich niemanden, und irgendwie will ich auch keinen hier kennenlernen. Ich schaue mir stundenlang das Stockbett über mir von unten an und bin irgendwann so mürbe, dass ich zum ersten Mal auf dem Camino meinen Freund anrufe. Als der dann nicht einmal ans Telefon geht, ist meine Stimmung wirklich am Boden und ich gehe noch vor 20.00 schlafen.

Heute habe ich keinen Gruppenkoller mehr. Mir wird klar, wie undankbar ich war meinen neuen Freunden gegenüber, und ich empfinde die Strafe heute nur als gerecht.

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Dank des gestrigen Supermercados frühstücke ich ungewöhnlich ausgiebig; neben dem morgendlichen Kakao-Getränk, das ich mir in den letzten Tagen angewöhnt habe, gibt es statt den Magdalenas kleine Apfel-Pudding-Tartes. Vermutlich liefern sie ordentlich Energie, weswegen ich auch immer zwei davon und eine Banane als Notfallreserve mit mir herumschleppe. Beides kommt nie zum Einsatz, weil es zum einen allerorts Einkaufsmöglichkeiten gibt, zum anderen, weil beides sich nach ein paar Tagen zuunterst im Rucksack nicht mehr allzu verlockend präsentiert.

Heute bemerke ich deutlich, dass es auf die letzten 100 km zugeht. Die angekündigten Pilgermassen sehe ich zwar noch nicht, aber dafür auffällig viele neue Gesichter, die sehr leichtfüßig und mit kleinen Rucksäckchen an mir vorbeispringen. Seit La Faba ist mein Wandertempo immer noch moderat, Bärbel nennt es liebevoll „wir gehen nicht, wir schreiten“. Bedächtig setze ich Schritt um Schritt, bin mir meiner geleisteten vielen Kilometer (und meiner noch kommenden) bewusst, spüre so manche Erfahrung des Weges zumindest auf meinem Geist lasten – und fühle mich an sich rundum wie ein richtiger Pilger. Umso mehr irritieren die laut über Alltagsprobleme und Beruf plappernden „Kurzstreckenpilger“, die in Turnschuhen mit einer kleinen Halbliterflasche unterwegs sind.

Zum ersten Mal auf dem Weg zeigt sich das Wetter launisch. Der Himmel ist bedeckt und es nieselt. Tendenziell habe ich nichts dagegen, denn meine Regenausrüstung ist umfangreich und freut sich, nicht umsonst durch die glühende Hitze geschleppt zu werden. Auf meine Stimmung wirkt sich das Wetter aber trotzdem nicht gerade förderlich aus, ich fühle mich auch etwas regnerisch bedeckt.

Den legendären Kilometerstein 100 übersehe ich fast, hätten nicht ungewöhnlich viele, mitten auf dem Weg stehende, Pilger mich stutzig gemacht. Unter ihnen ist auch die gütige Deutsche von gestern. Ich bitte sie um ein Foto von mir mit dem Stein. Sie probiert eine Weile an den Einstellungen herum, und als ich meine, sie soll doch einfach knipsen, Hauptsache, der Stein ist drauf, meint sich ganz erschüttert und ernst, dass doch ich die Hauptsache wäre.
Sie geht ein gemütliches Tempo, sodass wir uns nicht mehr begegnen. Trotzdem hat mich der kurze Kontakt mit ihr auch wieder auf eine Art beeindruckt. Sie ist den Weg schon sehr häufig gegangen, und ob es daran lag oder nicht, sie wirkt sehr ruhig, gelassen und mit sich stimmig. Während ich Vorratsangst, Herbergsangst und Planungszwänge mit mir herumschleppe, schwebt sie langsam und kontinuierlich den Camino entlang und bekreuzigt sich höchstens mal, wenn ein unsittlicher Mann am Wegesrand steht.

Portomarin mit seinem malerischen See erreiche ich bei dicken Regenwolken, habe wenig für eventuelle Schönheit übrig und kümmere mich um die Herberge. Diese ist auf den ersten Blick sehr schick, auf den zweiten Blick aber der blanke Horror für mein Pilgerverständnis. Der akribisch symmetrische Schlafsaal ist riesengroß, die Kopfkissen frisch bezogen, überall informieren Schilder über Verbote. Beim Duschen wird darauf hingewiesen, das Licht wieder auszumachen, auf der Toilette hängt eine lange Liste, was alles nicht hinuntergespült werden darf, in der Küche hängt eine straffe Kühlschrankordnung… zu allem Überfluss sind die ersten 20 Betten reserviert, an jedem steht bereits ein dicker Koffer und soviel pilgerunwürdiger Krimskrams, dass ich am liebsten weinen würde bei der Aussicht auf die letzten 100 Kilometer.

Statt strahlendem Sonnenschein für meine Wäsche regnet es, sodass sich trockentechnisch rein überhaupt nichts tut. Wäsche darf nicht im Schlafsaal aufgehängt werden, und Trockner gibt es zwar, aber nachdem mir schon wieder ein dickes Hinweisschild entgegenlächelt, dass ich nur trocknen darf, was ich vorher auch in einer Maschine ordentlich gewaschen habe, vergeht mir die Lust.

Bärbel trifft ein, sodass ich wenigstens jemanden habe, um meinen Frust zu teilen. Wir gehen ein wenig in die Stadt, wo wir auf Pilger treffen, die sich sparsam in der öffentlichen Herberge niedergelassen haben. Ich halte mich an die Empfehlung der deutschen Jakobsgesellschaft, auch bei freiwilligen Spenden den durchschnittlichen Tarif zu entrichten. Wenn ich also die Wahl habe, für das gleiche Geld in einer hochgelobten Herberge zu übernachten oder in einer kritisch bewerteten, schlägt mein Herz verhängnisvollerweise meist für den Luxus. Leider bin ich kein Mensch von Entscheidungen, erst recht nicht hier auf dem Camino, sodass ich leicht zu Unzufriedenheit neige, egal, wie ich mich entscheide. Heute jedenfalls bin ich todunglücklich, wenn ich die öffentliche, chaotische Herberge voller glücklicher, verausgabter Pilger sehe und an meine Herberge denke, vor der heute Abend bestimmt ein Reisebus 20 Buspilger ausspuckt.

Zurück in der Herberge kochen wir uns etwas; ich vertrete wie immer die Philosophie, dass ich ordentlich Kalorien einwerfen muss, um den Strapazen entgegenhalten zu können. Bärbel scheint aus unerfindlichen Gründen keinerlei Kalorien zu verbrauchen, jedenfalls pflegt sie sich von einer halben Tütensuppe und einem Apfelschnitz sehr überfüllt zu fühlen. Bei einem Tageseinkauf über 2 Euro plagt sie das schlechte Gewissen, während ich höchstens im zweistelligen Bereich nachdenklich werde.

Während wir noch essen, räumt eine der Angestellten in Krankenschwesterkluft schon furienartig unser Kochgeschirr zurück in die Schränke, knallt mit Türen und schaut höchst genervt. Überall wischt sie selbst den kleinsten Wasserspritzer weg, und die Krönung ist, dass sie auch unseren Tisch wischt und dabei noch jeweils das Glas und den Teller hochhebt. Ich kann mir nicht helfen, hier kriege ich die Krise. Ich denke wehmütig an Mose, der für jeden Pilger liebevoll zum Empfang gesprintet ist, um ihn herzlich zu begrüßen. An den Herbergsvater aus Molinaseca mit seinem dauerpräsenten Erste-Hilfe-Kasten. An den Medizinmann mit seinen Atemübungen. An die Tee-ausschenkenden Deutschen in La Faba. Das hier geht gar nicht.

Es regnet den ganzen Nachmittag, in unsere Herberge gesellen sich nur Luxuspilger und viele Kurzstreckenpilger. Vieles sind junge Leute aus Spanien, die einfach mal kurz mit der Clique die 4 Tage pilgern und Spaß haben wollen. Es ist ihnen nicht zu verübeln, dass sie laut, lustig und energiegeladen sind. Und natürlich suchen sie hier auch nicht tiefschürfenden Kontakt zu den seelischen Abgründen der Langstreckenpilger, sondern sind mit sich vollauf zufrieden. Ich dagegen lasse meiner Wehmut weiter freien Lauf und erinnere mich an die beiden Österreicher, meine Kanadierin der ersten Tage, die Französin aus dem Elsass, den Psychologen-Spanier, das britische Mutter-Sohn-Gespann und viele wertvolle Kontakte mehr.

Im Gegensatz zu sonst, wo ich meine Einsamkeit suche und genieße und möglichst wenig an zu Hause und den Alltag denke, rede ich heute stundenlang mit Bärbel. Ich klage ihr, jämmerlich wie ich heute gelaunt bin, mein momentanes Leid, meine Probleme zu Hause, meine Zweifel… wir fachsimpeln über unsere Arbeit und ganz viel Alltag. Mir wird plötzlich richtiggehend schlecht, ich kann das alles nicht mehr hören, ich will nicht akzeptieren, dass mein Weg schon zu Ende ist und mich alles wieder einholt.

Heute ist ein reichlich düsterer Tag auf meinem Camino.

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