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Posts Tagged ‘Hospital de Órbigo’

Ein unguter Stern leuchtet schon am frühen Morgen beim Aufstehen, oder besser, es leuchtet nichts. Meine geliebte Stirnlampe macht keinen Mucks mehr, dabei bedeutet sie mir so viel Sicherheit und Freiheit. Das gute Gefühl, starten zu können, wann immer ich will, ohne auf den Sonnenaufgang warten zu müssen, die entspannte Ruhe, dass ich auf diese Weise selbst bei vollen Herbergen immer genügend Luft hätte. Außerdem schleppe ich nun den ganzen Camino 150g für nichts mit, oder soll ich sie gleich wegwerfen?

Wegwerfen tue ich erst einmal genüsslich meine Plastikdosensammlung, und mit kompakt gepacktem Rucksack geht es auf die ersten schnurgeraden Kilometer entlang der Straße. Meine Gedanken sind alles andere als entspannt, ich habe auf diesem Camino einiges zu klären und abzuschließen, und das versuche ich gerade mit wilden Argumentationen mit mir selber. Nach 2 Stunden raucht mein Kopf, ich werde überhaupt nicht schlauer, sondern immer nur verzweifelter (und selbstmitleidiger, zudem noch angesichts der nahenden Herberge, in der ich eigentlich als Hospitalera hätte arbeiten wollen, anstatt wieder selber zu laufen). Im größten Moment der Verzweiflung durchbricht plötzlich ein gleißender Lichtstrahl das zur Stimmung passende trübe Wetter. Ein Zeichen! Ein Zeichen! denke ich begeistert. Allerdings kommen die Zeichen in Minutenabständen und mit einem nicht wirklich durchschaubaren Zusammenhang zu meinen Gedanken und Beschlüssen, sodass ich resigniert akzeptiere, dass es wirklich auch einfach Wolken und logische meteorologische Zusammenhänge gibt und mir Gott jetzt einfach nicht weiterhelfen will mit meiner geistigen Gewaltanstrengung.

Ich erreiche Hospital de Órbigo, wo ich den ersten Pilger am heutigen Tag treffe. Er humpelt etwas, trägt ein Zelt und kommt aus einem Seitenweg. Nach der legendären Brücke dreht er sich um und fragt nach dem Weg, weil es zu einer Herberge nach rechts ab geht. Wir laufen gemeinsam weiter.

Kristian ist Norweger, in meinem Alter, ausgesprochen gutaussehend und sehr eloquent. Er schleppt ein Zelt mit, das er aber nur die ersten beiden Tage benutzt hat, weil es zu kalt war. Eine Isomatte hat er auch, sowie eine selbstaufblasende Matte, die ihm jemand geschenkt hat. Seinem Fuß nach zu urteilen ist der Rucksack zu schwer und das ganze Gezelte offensichtlich unnötig. Auf die Frage, warum er es nicht einfach vorausschickt, meint er, das wäre zu teuer.

Interessanterweise rotzt und spuckt der Gute alle paar Meter lautstark in die Vegetation und verwendet „fuck“ und „fucking“, als wäre es die Luft zum Atmen. Ich schlage ihm vor, eine Sonnenbrille zu tragen, nachdem es wieder windet und die Sonne strahlt und ihm schon Tränen über das gesamte Gesicht laufen. Das käme nicht von der Sonne, sondern weil er an seine Großmutter denkt, die jetzt gerade während des Caminos stirbt. Ich bin perplex und etwas von der Rolle. Wir laufen schweigend nebeneinander her, ich würde so gern seine Hand nehmen und drücken. Aber nach 3 Minuten Bekanntschaft steht mir das vielleicht nicht zu. Und mit ein paarmal Spucken und Fluchen scheint er auch wieder der Alte zu sein, der jetzt dringend einen Kaffee braucht.

Ich habe die Fastenzeit über auf Kaffee verzichtet. Nun dürfte ich zwar wieder, möchte meinen ersten Kaffee aber irgendwie speziell zelebrieren oder einen besonderen Kaffee trinken. Also laufe ich allein weiter, Kristian meint gönnerhaft, er würde mich dann ja eh wieder einholen.

Wieder erreiche ich eine absolute Lieblingsstrecke von mir, und als ich über einen kleinen Hügel komme, bin ich direkt erschlagen von den faszinierenden, unglaublich grünen Wiesen. Ein Effekt wie letztes Jahr in der Meseta, ich spüre unendliche Energie. Die Sonne strahlt und ich bin so euphorisch, dass ich zu singen anfange – mir kommt „Amazing grace“ in den Sinn, in passender Abwandlung als „Amazing green“.

Im nächsten kleinen Dorf höre ich schon von weitem eine Predigt. Heute ist Ostersonntag, sodass ich hinter jeder Ecke eine große Osterprozession vermute. Es wird immer lauter, bis ich vor einer Kirche stehe – allerdings weit und breit kein Mensch, dafür entdecke ich Lautsprecher auf dem Dach. Gerade singt ein Frauenchor eine spanische Version von „How many roads must a man walk down“. Ich bin reichlich ergriffen und probiere die Tür. Ich komme gerade rechtzeitig zum Ende der Messe und zum Hostienempfang.

Ich mache mich weiter auf den Weg, bzw. stoppe alle paar Meter, um Fotos zu machen. Sonst ist das weniger meine Art, ich vertrete mittlerweile die Auffassung, dass man auch im Herzen konservieren kann, und das manchmal besser, wenn man nicht alles nur durch den Sucher eines Fotos sieht. So holt mich dann auch Kristian wieder ein. Wir reden kurz über seinen Beruf, er erzählt etwas von Maler und Musiker, aber so richtig praktizieren tut er es nicht. Bei meinem nächsten Fotostop verabschiedet er sich dann auch recht eilig, was mich ein bisschen enttäuscht. Ich habe den Eindruck, irgendetwas falsch gemacht zu haben.

Dafür kann ich nun in Ruhe den wunderschönen Weg nach Astorga genießen. Am Kreuz mit Blick auf die Stadt mache ich noch einmal eine ausgiebige Rast. Auf den Bänken sitzt eine Gruppe lauter Deutscher, sodass ich mich kurz entschlossen direkt an das Kreuz setze. Irgendwie brauche ich hier und heute etwas Ruhe und will alles so intensiv auf mich wirken lassen.

Es ist ziemlich heiss, meine Wasserflasche ist leer und ich freue mich, endlich Astorga zu erreichen. Getreu meinem neuen Plan möchte ich nicht in die bekannte Herberge gehen, zumal ich dort letztes Jahr eine einzigartige Atmosphäre genossen habe, sodass alles weitere wirklich nur enttäuschen kann. So richtig reizt mich die Herberge am Stadteingang aber auch nicht. Zumal ich sehr gern Kristian wiedersehen würde. Ich setze mich ein bisschen vor die Herberge und versuche, meine Gefühle zu ergründen. Irgendwann packt mich dann wirklich die Überzeugung, dass das so gut ist.

Die Herberge ist ganz anders, als ich mir vorgestellt habe, sehr hell, modern und großzügig. Der ältere Hospitalero nimmt sich schön Zeit und vertieft sich gewissenhaft in seinen Raumplan. Er erklärt mir ausgiebig, dass es einen Raum für junge Leute gibt, sowie dass die Älteren in kleineren Zimmern dann eher unter sich sein können. Leuchtet soweit ein, aber statt mich mal in dem großen Raum einzutragen, schaut er nur wie ein hypnotisiertes Kaninchen auf den Plan, um sich dann für einen Raum mit drei 70-jährigen Deutschen zu entscheiden. Ich gucke wohl etwas irritiert und er erklärt betreten, dass in dem Jugendraum bisher eben erst ein einzelner Mann wäre. Das scheint ihm Bauchschmerzen zu machen. Ich linse auf die Pilgerliste, und als ich etwas von Norwegen lese, muss ich herzlich lachen. Einerseits kann ich es gar nicht fassen, gegen jede Erwartung die „richtige“ Herberge gewählt zu haben, andererseits amüsiert mich die Vorstellung, bei Kristian Bedenken zu haben.

Ich absolviere mein übliches Dusch- und Waschprogramm und erkunde die mehrstöckige Herberge mit Garten und riesigen Wäscheleinen in der prallen Sonne. Ich versuche mich ein bisschen hinzusetzen, aber leider ist es entweder zu sonnig oder im Schatten zu kühl. Ich setze mich auf mein Bett und fange an, ein weiteres Armband zu knüpfen. Für Kristian.

Der rennt derweil rastlos wie ein Tiger im Käfig herum. Geduscht hat er noch nicht, aber alle Vorräte gegessen, die noch in der Küche waren. Das wäre immer das erste, was er in einer Herberge macht. Er wirkt total unter Strom und weiß nichts mit sich anzufangen, am liebsten würde ich sagen „setz Dich mal zu mir aufs Bett und erzähl was“. Statt dessen beende ich mein Bändel und gehe in die Stadt, wo ich in einem Schinkenladen ein Brot und Schinken für morgen früh bekomme. Merkwürdiges Frühstück, aber es ist Sonntag, sodass ich froh bin, überhaupt etwas bekommen zu haben.

Für den Mittag und Abend in einem koche ich mir die Reste meiner gestrigen Pasta. Allerdings hat es nur Curry zum Würzen, meine dazu verdrückte Banane macht es auch nicht besser. Grässlich, aber Hauptsache, Kalorien.

Unser Jugendzimmer füllt sich, eines der beiden Mädels von gestern kommt mit Chuck und Luca, einem Italiener. Amber ist Belgierin, erinnert ein bisschen an eine Zigeunerin und hat eine sehr direkt Art und eine dröhnende Lache. Sie fragt, ob ich mit Tapas essen gehen will, aber ich will in die Messe direkt neben der Herberge, und auf Chuck habe ich keinerlei Lust. Er auch nicht auf mich.

Mein Auge tut ziemlich weh, ich habe mal wieder trotz Wind und Sonne keine Sonnenbrille getragen. Erst beim Herausnehmen meiner Linsen merke ich, dass es auch stark gerötet ist. Ich bin etwas beunruhigt, tropfe Augentropfen und mache mich ab ins Bett.

Kristian tigert ausnahmsweise gerade mal im Zimmer auf und ab, sodass ich ihm sein Bändel überreichen kann. Er guckt recht konsterniert drauf und meint „strange“. (Ich denke „du mich auch“). Allerdings erläutert er, dass er von zu Hause ein Bändel mitbekommen hat, als Abschied und für einen guten Camino, und dass er dieses gerade vor 2 Tagen verloren hat. Er bedankt sich ganz bewegt und meint, es wäre sehr schön. Er schickt sich auch ernsthaft an, es sich umzubinden. Als ich vom Zähneputzen zurückkomme, ist er immer noch darin vertieft und ich darf ihm helfen. Er hat es mit dem Messer irgendwie bearbeitet, und als ich im Spaß frage, warum er es denn zerstört hat, meint er, er wäre eben strange. Und ich auch. Ich soll es ihm ganz fest knoten, damit er es auch ja nicht verliert. Während ich Knoten Nummer 5 fitzele, sage ich ihm, dass er nicht strange ist. Ich weiss nicht, warum, es ist wie eine Eingebung, und ich bin so überzeugt.

Er fragt, ob ich schon gegessen hätte. Die Currypampe ist mir noch lebhaft im oberen Magen. Er selber hat offensichtlich seit Mittag nichts gegessen, warum auch immer, und ich biete ihm mein morgiges Frühstück an. Er lehnt zwar dankend ab, aber er scheint wirklich Hunger zu haben, sodass ich es ihm ans Bett stelle und meine, er kann es sich ja noch überlegen. Dann gehe ich endgültig ins Bett. Sekunden später entnehme ich dem Rascheln der Tüte, dass er sich damit in Richtung Küche aufmacht. Vorher kommt er aber noch an mein Bett und überreicht mir einen Stein. Er hätte ihn gefunden für das Cruz de Ferro, aber gefühlt, dass er nicht für ihn wäre. Und er wäre definitiv für mich.

Ich habe einen hässlichen, schweren Stein bekommen, aber bin total gerührt und sprachlos.

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Nach den drei ungewohnt langen Etappen der vergangenen Tage gönne ich meinen Füßen heute endlich die versprochene Erholung und laufe nur bis Astorga, nur 18 km. So kann ich es heute wirklich extrem ruhig angehen lassen. Seit León teilt eine ältere Französin mit grauem Lockenkopf meine Etappenplanung; sie ist schon Camino-bekannt, weil sie als Lebensinhalt zu haben scheint, immer die erste an der Herberge zu sein. Anscheinend ohne Rücksicht auf Verluste bzw. auf Pilger, die morgens um 5 noch ohne Licht schlafen wollen. Sie düst also auch schon wieder an mir vorbei und nimmt die kürzere Route, während ich ein Anhänger von landschaftlich reizvolleren Umwegen geworden bin.

Punkt 12 erreiche ich Astorga und gerate voll in einen Menschenschwarm, der zur Mittagsmesse in eine Kirche strömt. Kurzentschlossen schließe ich mich an und genieße meine erste Messe in voller Pilgerkluft und mit meinem Rucksack neben mir. Es fühlt sich sehr ursprünglich an.

Danach gehe ich gleich noch bei einem schönen Supermarkt vorbei; ich kenne Astorga zu Ladenschlusszeiten und bin vorsichtig geworden. Was man hat, das hat man. Außer Zutaten für mein Selbstversorgerleben spukt mir noch etwas anderes im Kopf herum: eine Mütze oder ein Stirnband, denn morgens ist es fürchterlich kalt, meine Hände frieren und vor allem meine Ohren. Die Sportgeschäfte entlang des Wegs gucken mich allerdings nur mitleidig an und ich kriege schon fast einen Koller, warum ein gut sortiertes Sportgeschäft kein Stirnband hat.

In meiner mir bekannten Albergue sitzt ein älterer Herr an der Rezeption, und ich frage auf gut Glück nochmal, ob er ein Geschäft kennt, das sowas haben könnte. Kennt er sogar, es soll ein richtiges Trekkinggeschäft geben, aber die Wegbeschreibung ist lang und verwirrend, und der Clou an der Sache ist, es macht in 5 Minuten zu. Ich lasse alles stehen und liegen und düse los. Eine falsche Abzweigung oder einmal zögern, und ich bin zu spät. Aber wie durch ein Wunder renne ich 5 Minuten genau in die richtige Richtung und finde den winzigen Laden mit kleinem Sortiment. Japsend radebreche ich meinen Wunsch, und die Verkäuferin outet sich erstmal als Deutsche. Und ja, es hat Stirnbänder (wenn auch nur drei zur Auswahl und für Pilgerverhältnisse sündhaft teuer), zwei davon sind glücklicherweise potthässlich, sodass mir die Wahl sehr leicht fällt. Ich bin überglücklich mit meinem schwarzen Exemplar, hauchdünn, aber eben ohrenanlegend. Ich plaudere noch ein bisschen mit der Verkäuferin. Sie hat den Laden noch recht neu und will im Lauf der Zeit alles anbieten, was das Pilgerherz begehrt. Für meinen Geschmack eine echte Marktlücke. Etwas enttäuscht bin ich allerdings, dass sie noch nie selber gelaufen ist – und sich das auch nicht so recht vorstellen kann.

Zurück in der Herberge dusche und wasche ich und mache es mir in der riesigen Eingangshalle bequem. Im Gegensatz zu letztem Jahr, als mir alles etwas lieblos, ungepflegt und unpersönlich erschienen ist, hat der ältere Hospitalero alles exzellent im Griff. Im Kamin lodert ein wildes Feuer, das er alle paar Minuten nur wegen mir nachläd. Im Hintergrund läuft eine unheimlich beruhigende, entspannende Musik, die mich an „You raise me up“ erinnert, welches mich eh schon immer passend zum Camino verfolgt. Ich nehme auf weißen Polstern auf den riesige Steinstufen Platz und schreibe mein Tagebuch.

Der französische Lockenkopf ist natürlich schon da und kommt nicht umhin, mir ihre langsam schon beginnende Langeweile zu vermitteln, weil sie jetzt ja schon seit Stuuuunden hier ist. Wir bleiben lange Zeit die Einzigen, was mir hier und heute in dieser Entspannungsoase aber auch durchaus recht ist. Die „Deutsche duschen gern eiskalt“-Spanierin von gestern trifft ein, und wir unterhalten uns nett. Sie hat etwas Mütterliches an sich. Am späten Nachmittag steht dann plötzlich Angelo in seiner strahlenden Lichtwolke abwesend lächelnd in der Halle, und nach dem Einchecken legt er sich vor den Kamin in die weißen Polster und schnorchelt friedlich vor sich hin. Meine Wohlfühlatmosphäre ist perfekt.

Helmut komplettiert noch die gestrige Mannschaft, allerdings schmiegt er sich nicht ganz so harmonisch in die entspannende Stimmung ein. Er ist wohl etwas schwerhörig und poltert daher etwas lauter als nötig, und eine hübsche Flasche Wein hat er auch schon wieder akquiriert. Angelo erwacht folglich aus seinen süßen Träumen und teilt mir beim Anblick von Helmut seine Erfahrungen der letzten Nacht mit. Er ist etwas verstört, denn er meint sich zu erinnern, dass er irgendwann mal aufgewacht ist und da Helmut über ihm gestanden hätte. Warum und wieso weiß er nicht, es scheint ihm Angst zu machen, und so darf ich etwas zur Völkerverständigung beitragen und die Situation klären. Helmut mit seinen über 70 Jahren spricht nämlich nur Deutsch und sonst nichts. Und er lacht sich herzlich (und dröhnend) kaputt über den etwas verwirrten Italiener. Angelo hätte so unglaublich laut geschnarcht, und das hätte ihn so endlos gestört, dass er mal nach dem Rechten sehen wollte. Angelo ist erleichtert. Wir kommen ins Gespräch über seine Beweggründe für den Camino, und er philosophiert minutenlang mit leuchtenden Augen über viel Gott und Ruhe und Jesus und Finden. Ich bin ganz hin und weg und kann mich kaum konzentrieren, sodass ich auf seine abschließende Frage, wie ich das denn sehe, nur lächele und einen Daumen hoch mache. Er lächelt darauf noch breiter und seliger, tätschelt mir die Schulter und meint, ich wäre ein gutes Mädchen und würde verstehen.

Die Herberge füllt sich so langsam, und ich bekomme Gesellschaft von zwei Dänen, die hier ihren Camino beginnen. Einer ist ein älterer Lehrer, der andere wirkt wie Harry Potter, nur etwas älter. Beide sprechen perfektes Englisch, sodass ich mich zum gefühlten ersten Mal auf diesem Camino so richtig verständlich machen kann (bei meinem minimalen Spanisch-Vokabular bleibt leider doch sehr viel auf der Strecke). Und beide sind tolle Zuhörer, sie haben eine unheimlich ruhige, zufriedene Ausstrahlung, passend zur Entspannungsmusik und dem Kaminfeuer. Und obwohl erst Pilgerneulinge, scheinen sie meine komischen Erfahrungen und Gedanken zumindest nachvollziehen zu können. So überrolle ich sie mit bestimmt einer Stunde Monolog, vor lauter Freude, endlich mal mit jemandem ohne Barrieren reden zu können. Dafür habe ich hinterher ein richtig schlechtes Gewissen.

Gegen Abend fliegen alle zum Essen aus, nur ich koche mir meine Werke. Der Hospitalero unterhält mich, verschwindet dann, um sich schick zu machen,  und versinkt in spanischen Monologen, dass er ja mal mit mir essen gehen könnte. Der Gute könnte mein Grossvater sein, und glücklicherweise habe ich ja gerade erst reichhaltig gegessen, was er auch einsieht. Ich werde dann aber zumindest an seinen Tisch gelotst und seinen Kumpels vorgestellt, die den Luxus einen Minifernsehers geniessen. Der wirkliche Clou wird mir bewusst, als ich die dicke, rote Tischdecke über die Beine legen soll – unter dem Tisch bullert nämlich ein recht intensiver Miniofen. Zwar ist das wirklich ein warmer Premiumplatz, aber ich verstehe die Herren kaum und fühle mich etwas deplaziert, sodass ich mich bald ins Bett verabschiede.

Kaum liege ich, fällt mir auf, welch eine Schieflage die Matratze hat. Unter lautem Knarren wechsle ich zum Leidwesen der bereits Schlafenden in das obere Stockbett. Aber das geht wirklich auch nicht, ich liege durch wie ein U. Ich ringe mit mir, ob ich da jetzt einfach durch soll und ruhig sein, entscheide mich dann aber doch für ein abschliessendes gewaltiges Ächzen und ziehe wieder nach unten. Wo ich auch wieder wahnsinnig werde und doch lieber wieder nach oben wandere. Kaum habe ich endlich irgendwie Schlaf gefunden, geht die Türe auf und der Hospitalero ruft quer durch den Raum nach mir. Im ersten Moment bin ich absolut nicht amused, wegen irgendeiner weiteren Story in meinem Nachtdress auftreten zu sollen, ich werfe mich dann aber doch irgendwann in meine Trekkinghose. Ich bereue meine Missmutigkeit, denn der Hospitalero hat diesmal wirklich ein kleines Problem, nämlich zwei Deutsche, die gerade eben erst eingetrudelt sind und nun noch etwas essen gehen wollen. Er kann sich nicht verständlich machen, dass sie spätestens in einer halben Stunde wieder da sein sollen, und so mache ich Völkerverständigung Teil zwei. Leider sind mir die Knaben reichlich unsympathisch. Sie haben eine abfällige Art, versuchen nicht mal Kommunikation mit dem Hospitalero, und offensichtlich fehlt ein Sinn für Dankbarkeit, dass sie überhaupt noch zu so später Stunde in die Herberge dürfen und der Hospitalero sie sogar nochmal zum Essen raus lässt. Umso dankbarer ist mir dafür der alte Knabe für meinen Einsatz, und ich schlafe überraschend problemlos in meinem Problembett ein.

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Wie auch gestern haben sich meine Füße über Nacht perfekt erholt und scheinen lauffreudig – was mich nun doch schon wieder übermütig werden lässt. Der einzige Ort, den ich auf diesem Camino unbedingt nochmal sehen will, ist die Herberge in Hospital de Órbigo. Und dummerweise liegt das kilometertechnisch ziemlich ungünstig, nämlich 38km von León entfernt. Bei meinem noch im Rückstand befindlichen Zeitplan definitiv zu wenig für 2 Etappen, und für eine Etappe ist es dann doch auch wieder etwas weit, zumal ich mir ja schon vor zwei Tagen praktisch geschworen habe, nie wieder so unvernünftig zu sein und mehr als 30km zu laufen. Prompt die 36km gestern, für die ich meinen Füßen mehr als dankbar bin. Aber dreimal hintereinander den Bogen überspannen könnte sich vielleicht doch rächen.

Ich beschließe, es auf mich zukommen zu lassen und genieße erst einmal die ersten bekannten Meter hinter León. Mir kommt alles vor, als wäre ich erst gestern hier entlanggelaufen, und vor allem, als wäre ich ein paar hundert Mal hier langgelaufen. Ich erinnere mich an jeden versteckten Wegweiser, ahne die unauffälligen Abzweigungen und Supermärkte und kann schnellen Schrittes zielstrebig ausschreiten. Unterwegs treffe ich viele Pilger, die hier wohl ihren ersten Tag haben, sich noch wie ich damals panisch an ihren Führer klammern und versuchen, sich an den Beschreibungen entlangzuhangeln. So stehen sie dann auch prompt an jeder Straßenecke mit großen Fragezeichen im Gesicht. Vielleicht entwickelt man erst im Lauf der Zeit den Blick für die Pfeile und Muscheln.

Recht schnell habe ich mich auf verschlungenen Wegen aus León herausgearbeitet, und von einem nahezu schon sonnigen Himmel begleitet geht es Richtung Virgen del Camino, wo ich der Kirche wieder einen Besuch abstatte (eine der wenigen, die tagsüber geöffnet haben). Und passend zum Blick für die Pfeile und Muscheln springt mir direkt nach der Kirche ein gelber Pfeil nach links über die Straße ins Auge, und so komme ich ganz unspektakulär gleich auf den richtigen Weg, anstatt wie letztes Jahr herumzuirren, Autobahnen zu übersprinten und merkwürdigen Wegbeschreibungen zu folgen.

Aus unerfindlichen Gründen bin ich ziemlich einsam unterwegs, aber die Ruhe und Stille ist wunderschön. Ich mache ausgiebige Rasten und genieße die Folgen des gestrigen Riesensupermarktes. Statt Brot unterschiedlicher Schmackhaftigkeit und der immer gleichschmeckenden Chorizo oder wahlweise Käse stehen heute für mich lecker gefüllte Teigtaschen auf dem Pausenplan. Kein Wunder, dass ich gegen 11 bereits meinen ganzen Tagesproviant aufgegessen habe.

Die Strecke zwischen León und Astorga hatte ich als eher unspektakulär in Erinnerung. Nun bin ich aber heilfroh, nicht den Zug genommen zu haben, denn die Einsamkeit und die Farbspiele sind unvergleichlich schön (ganz abgesehen davon, dass Zug natürlich wirklich keine echte Alternative für einen Pilger wie mich ist).

Das Wetter spielt toll mit; nach dem Dauerregen der Meseta ist es eine absolute Wohltat, ohne Kapuze laufen zu können, blauen Himmel zu sehen oder sogar vereinzelte Sonnenstrahlen.

Als ich gegen Mittag Villar de Mazarife passiere, bin ich entschlossen, Hospital de Órbigo in Angriff zu nehmen. Ich bin fit, ich habe noch Zeit, und nach einem Einkauf in einem Laden voller nostalgischer Erinnerungen an rettende honig-parfümierte Taschentücher habe ich auch wieder genug Proviant für meinen doch recht beeindruckenden Appetit.

Den ganzen Tag über begegne ich keinem Menschen, und vielleicht trägt auch das dazu bei, dass ich irgendwann schon ein wenig das Gefühl habe, sämtliche Grenzen überschritten zu haben. Als ich endlich Hospital de Órbigo sehe, überkommt mich mal wieder die berühmte Erschöpfung-Erleichterung-Dankbarkeit, und ich bin überglücklich, als es auf die letzten Meter zu „meiner“ Herberge zugeht.

Ich biege um die Ecke und sehe förmlich den Innenhof vor mir mit einem strahlenden, alles beleuchtenden Mose (auch wenn ich weiß, dass er diesmal nicht da sein wird). Statt dessen stehe ich vor einem Tor. Und dieses lässt sich nicht öffnen. Ich linse zu den Fenstern hinein und bekomme einen halben Schock, weil alles im Inneren wie aus einem Schwarz-Weiß-Film aussieht. Im Innenhof fliegen Spatzen auf, und es wirkt wie ein Museumsdorf. Eins ist klar, hier ist heute keine Herberge für mich geöffnet. Ich versuche es in der Herberge direkt gegenüber, die auch schön sein soll. Auch diese hat einen großen Innenhof, nur ist weit und breit keine Menschenseele. Ich laufe recht orientierungslos durch die Anlage, als ich hinter einer schweren, schiefen Holztür Stimmen höre. Der Anblick lässt mich die Tür fast wieder zuschlagen. In ebenfalls gefühltem schwarz-weiß und trübem Licht sitzen an einem dreckigen, schiefen Holztisch zwei finstere Gestalten, getrennt von Weinflaschen und umflort von einem ebensolchen Geruch. Sie grölen etwas Erheitertes auf deutsch, und da mache ich wirklich die Türe wieder zu und stehe wieder auf der Straße. Vor mir die Herberge, die nicht aufmacht, und hinter mir die Herberge wie aus Ali Baba und die vierzig Räuber. Für einen Moment bin ich versucht, noch weiterzulaufen, aber das geht nun wirklich nicht mehr.

Ich mache noch einen Versuch hinter die dicke Holztür und erkundige mich bei den beiden Gestalten, wie die Herberge denn so funktioniert. Ich finde mich dann aber schon wieder auf der Straße wieder. Ich bin dermaßen hin- und hergerissen, es ist unglaublich. Irgendwann fasse ich mir ein Herz und checke todesmutig ein.

Die grölenden Herren zeigen mir daraufhin das Damenzimmer, das winzig klein ist, und alle unteren Betten sind schon belegt. Ich mache mich etwas zögerlich ans Auspacken und dusche. Die Duschen sind im Innenhof, reichlich zugig, und zum zweiten Mal auf diesem Camino hat es nur noch eiskaltes Wasser. Als ich in mein Zimmer zurückkomme, sind die vier restlichen Damen schon wieder eingetroffen – und ich bin sehr erleichtert, drei bekannte Gesichter wiederzusehen. Zwei davon waren mit mir in León, und eine kennt mich aus der Meseta und fragt begeistert, ob denn mein Freund auch hier wäre. Vermutlich meint sie José. Plötzlich wirkt die Herberge nicht mehr ganz so schwarz-weiß. Ich jammere über das eisige Wasser, und natürlich hatten die Damen alle warmes Wasser. Aber sie lachen auf Spanisch aus tiefstem Herzen und meinen „Du bist deutsch, Du bist hart im Nehmen, Du duscht mit kaltem Wasser“. Wobei es ja einen feinen Unterschied gibt zwischen Willen und Notwendigkeit.

Als ich wieder etwas ziellos im Innenhof lande, habe ich die reinste Erscheinung: aus den Duschkabinen tritt wie aus dem Ei gepellt, in duftiges Hellblau gehüllt, perfekt frisiert und rasiert, mit einem seligen Lächeln auf den Lippen ein Mann, und mir klappt schier der Unterkiefer herunter. Der Typ wirkt, als würde er auf einer kleinen Privatwolke schweben, als würde ihn ein strahlendes Licht umgeben, während er freundlich und doch ein wenig abwesend wie von einer anderen Welt in die Menge (die wenigen Pilger) lächelt und grüßt. Sofort überkommt mich ein heimisches Gefühl in Bezug auf diese Herberge, vergessen sind Ali Baba und die Weinflaschen. Ich komme nicht umhin, diese Erscheinung in ein Gespräch zu verwickeln. Er ist Italiener, heißt Angelo, läuft schon seit den Pyrenäen, will bis Finisterre, macht den Camino schon zum zweiten Mal – wir sprechen auf Spanisch, was wir beide nicht wirklich können, aber wie so oft auf dem Camino, wir verstehen uns. Auch er hat wieder diese wunderbaren dunklen, großen Augen, in denen man versinken kann, in denen man alles lesen kann, und bei denen man Gespräche und Worte eigentlich eher als nebensächliche Randuntermalung einsetzt.

Ich bereite mir in der kleinen Küche mein vitaminreiches Gemüsepfännchen mit der magischen Tomatensoße zu, interessiert kommentiert von Angelo. Er kann auch kochen, und glücklicherweise findet seine Tochter seine Spaghetti Carbonara ganz toll. Ich verpflichte ihn, mir diese mal zu kochen, aber vor allem bin ich erleichtert, dass ich es mit einem Familienvater zu tun habe und die ganze Magie von vorneherein etwas abgeklärter sehen kann.

Mit dem engen Damenzimmer werde ich immer noch nicht so warm und beschließe, in ein neu aufgemachtes Zimmer zu ziehen, in dem sich gerade ein Deutscher und ein Engländer niedergelassen haben. Beide sind sehr nett, humorvoll und unterhaltsam, und als dann noch 2 extrem laut lachende ältere Schwedinnen in den Raum einbrechen, mit minutenlangem Riesenhallo die beiden Herren wiedererkennen und den Raum in Beschlag nehmen, fühle ich mich wieder vollends wohl. Zwar ist mir heute nicht mehr groß nach Kontaktaufnahme und Freundschaften knüpfen, ich lehne mich einfach etwas in meinem Bett zurück. Aber die Räuberhöhle ist plötzlich gefüllt von Lachen und netten Leuten, und irgendwo draußen schwebt selig lächelnd Angelo, der die nächsten 5 oder 6 Etappen genau wie ich geplant hat.

Abends gehe ich in die Kirche, die allerdings recht ausgestorben ist. Ich will schon fast wieder gehen, als mir auffällt, dass viele Leute in einem kleinen Türchen verschwinden. Und auf Nachfrage werde ich sofort freundlich miteingeschleust – in den Wintermonaten findet die Messe in einem kleinen Nebenräumchen statt, weil man so nicht so viel heizen muss. Das Räumchen ist somit proppenvoll, und erfreulicherweise sind auch zahlreiche Pilger mit dabei. Einige Gesichter kenne ich aus meiner Herberge, und zwei Reihen vor mir meine ich auch einen Pilger zu erkennen – ein sehr gut gepflegter, älterer Herr mit einer penibel sitzenden Windjacke. Ich dagegen brilliere wie üblich im verschwitzt verknitterten Zwiebel-Look.

Auf dem Heimweg spricht mich jemand von hinten auf deutsch an, er sei übrigens der Helmut. Es ist der gut Gepflegte, und mir dämmert, woher ich ihn kenne – es ist einer der beiden grölenden Deutschen aus dem finsteren Räumchen. Aber ohne dem Hut im Gesicht, der Weinflasche und dem alkoholseligen Kumpan hat er nun eine komplett andere Wirkung auf mich. Ich muss an ein Sprichwort denken „Wo man singt, da lasse dich ruhig nieder, böse Menschen kennen keine Lieder“. So geht es mir schon mit Pilgern allgemein, aber erst recht mit Kirchenbesuchenden.

So lasse ich mich für heute sehr ruhig in meiner Herberge nieder, umgeben von fröhlichen, heiteren und gläubigen Menschen – und einem Italiener, der schon wieder einfach dieses „Mehr“ ausstrahlt.


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Heute ist morgens schon deutlich mehr Betrieb, ab 7 raschelt und packt es an allen Ecken und Enden. Ich lasse mir Zeit und widme mich dem Stapel der Kanadierin. Sie hat ein unglaublich dickes Schweizer Taschenmesser, das sie wegschmeißen will. Als ich protestiere, daß man das ja schon brauchen könnte, meint sie, daß sie ja noch 2 andere Taschenmesser hat (warum nur?!). Sie hat 3 Lieblingshalstücher dabei, wollene Handschuhe, ein dickes Vorhängeschloß, schöne Reiseführer en masse. Zu Hause hätte ich sowas sicher nie eingepackt, und Fakt ist, sie kann das alles nicht tragen, aber andererseits tut es mir in der Seele weh, daß sie einfach alle Stücke so wegschmeißen will. Das Taschenmesser war sicher sehr teuer, und die Halstücher von großem persönlichen Wert. Aber die kleine Kanadierin ist in einem richtigen Rausch; ich habe das Gefühl, daß sie mit dem Wegschmeißen noch mehr verbindet. Ich hoffe nur inständig, daß es bei 44°C und Sonne bleibt und es nicht wirklich zu schneien anfängt und sie mich verflucht, weil wir die Handschuhe weggeschmissen haben.

Die dauerhungrige Kanadierin genießt in der bereits leeren Küche ein ausgiebiges Frühstück, und Mose gibt nicht eher Ruhe, bis auch ich wenigstens einen Grüntee trinke. Die Österreicher kommen zum Verabschieden. Der Fußgedeutete umarmt Mose ausgiebig und ist ihm unendlich dankbar. Wodurch auch immer, aber er scheint durch diese Begegnung nochmal ein deutliches Stück weiter in seinem Sinn des Lebens gekommen zu sein.

Mein Abschied von Mose fällt unendlich schwer. Ich fühle mich erinnert an einen Abschied von meinem bisher besten Freund vor vielen Jahren, der nach einem Jahr in Deutschland wieder nach Frankreich zurückging. Auch mit ihm verband mich eine unerklärliche Seelenverwandtschaft und enge Verbundenheit entgegen jegliche äußere Logik. Wir umarmen uns sehr lange, irgendwann scheucht mich Mose dann auf Spanisch aus der Herberge und hängt mir im letzten Moment noch sein Amulett um den Hals.

Den ganzen Tag fühle ich mich wie in Trance. Alles ging so schnell, war so intensiv, so schwer zu erklären und so voller Anregungen. Ich habe das Gefühl, daß mein über Jahre und Jahrzehnte herangewachsenes, festes Weltbild mit einem Mal völlig neue Perspektiven bekommt. Ich denke über die Aussage des Österreichers nach und brauche nicht lange zu überlegen, um festzustellen, daß ich mich an ein langes Leben geklammert habe in der Hoffnung, daß dann umso mehr Zeit wäre für Ereignisse, die das Leben lebenswert machen könnten und mich bereichern, daß ich aber auf dem allerbesten Weg wäre, 100 Jahre alt zu werden, ohne jemals gelebt zu haben. Ich weiß nicht, was „Leben“ ist und was genau bereichernd und lebenswert ist, aber ich weiß, daß es mir bisher noch fehlt. Ich denke über die Aussage von Mose nach, wonach ich einen 6. Sinn habe und Menschen verstehen kann und mich in sie hineinversetzen. Ich lasse viele Momente Revue passieren und stelle fest, daß es vielleicht wirklich eine besondere Gabe ist, über die nicht jeder verfügt. Ich fühle mich unbekannt und gleichzeitig auch großartig, weil ich plötzlich mitten in meinem Leben Neues geschenkt bekomme, neues entdecke, neue Wege sich mir aufzeigen, wo ich bisher dachte, daß es nur eine breite Straße gibt.

Heute geht es mir bis auf meinen reichlich in Aufruhr befindlichen Geist gut, und so erreiche ich gegen Mittag mühelos Astorga. Man merkt deutlich, daß man es mit einer richtigen Stadt zu tun hat, die auf Touristen mit Geld eingestellt ist; alles wirkt sauber und edel. Leider ist auch Sonntag und die wenigen Supermärkte haben geschlossen. Dafür haben etwa 200 feine Konditoreien geöffent, die die Spezialitäten in Form von Schokolade und Blätterteiggebäck anbieten. Leider gelüstet es mich nach etwas Herzhaften.

Ich finde die Herberge, die direkt an der imposanten Kathedrale und dem Gaudi-Palast, einem wahren Märchenschloß, liegt. Ich dusche, wasche meine Wanderkollektion durch und werfe mich in meinen Astorga-angepaßten Sonntagsstaat (meine sauberere Trekkinghose und mein weißes T-Shirt. Ansonsten habe ich noch ein blaues Schlafshirt in meinem reichhaltigen Kleidungsssortiment). Bereit für die erste und einzige Kultur, gehe ich um 14 Uhr mit Fotoapparat zum Palast, um festzustellen, daß Sonntags alles um 14 Uhr schließt. So eine Fehlkoordination kenne ich sonst nicht von mir. Ich tröste mich mit der Aussicht auf die Abendmesse in der großen Kathedrale.

Der Nachmittag ist wie immer lang und recht tatenlos. Die Herberge ist groß, sodaß viele Pilger um mich herumschwirren. Zwei ältere, beleibtere Frauen hinken erbärmlich und fahren nur noch Bus bzw. nach Hause. Mein oft durchdachtes Horrorszenario, und ich nehme mir fest vor, mit meinen Füßen, Beinen und Hüften ganz besonders pfleglich umzugehen, weil ich will Santiago erreichen, um jeden Preis. Ich treffe eine der 3 Schwestern von León wieder. Sie konnte und wollte das Tempo nicht mitgehen, sodaß sie sich ausgeklinkt hat und nun allein ihres Weges geht. Sie schiebt etwas Panik, ob ihre Wäsche schnell genug trocknet, weil sie sonst nur noch 2 Hemden hätte. Den Großteil hätte sie gestern in der Herberge zurückgelassen. Ich bin baff erstaunt, was man denn zurücklassen kann, wenn man immer noch so viel Auswahl dabei hat. Sie ist allen Ernstes mit 5 Hosen, 6 Hemden und 8 Paar Socken gestartet. So geht eben jeder seinen Weg anders an, es gibt kein richtig und falsch, aber ich bin fast etwas beruhigt, daß sich im Endeffekt vieles bei meinem Mittelmaß einpendelt.

Im geräumigen Aufenthaltsraum mache ich mir einen Tee (es gibt noch Reste von Beruhigungstee, trinke ich also den) und setze mich zu einem Grüppchen am Tisch. Die Basissprache ist Englisch, alle sind etwa in meinem Alter, und außer einer Asiatin habe ich es vermutlich mit Deutschen zu tun. Unüblich für mich höre ich erst mal nur zu. Ich bewundere die Deutsche, die fließend Englisch spricht, Psychologie studiert und zu allem auch noch sehr eloquent, heiter und lebhaft ist. Die Asiatin ist etwas zurückhaltender, während sich der Deutsche an meiner Seite in Sekundenschnelle zu dem Inbegriff meines Antipilgers entwickelt. Ich habe mir viele Gedanken gemacht über die verschiedenen Pilger und habe in vielen Fällen Verständnis aufgebracht, dass kaum ein zweiter genau wie ich ist, vieles mir vielleicht falsch oder befremdlich erscheinen könnte, aber eigentlich jeder auch seine Gründe dafür hat bzw. zumindest genauso ein Recht auf seine Version hat wie ich auf meine. Solange also jemand sein Ding macht und dabei niemanden zu sehr behindert, bin ich auch erstaunlich gut in Toleranz und Gleichmut. Aber das hier geht gar nicht. Der pickelige Jungspund ist seinen Aussagen nach zu urteilen der ultimative Börsenmakler (wenn auch frisch gefeuert). Sein Beruf ist auch nach 3 Wochen Camino das Präsenteste in seinem Leben, dicht gefolgt von seinen Meisterleistungen (38 Km am heutigen Tag. Respekt, aber man müsste es nicht im Minutentakt und bei jedem Neuankömmling wiederholen). Er ist auf eine Art schaulustig, hat gelesen, dass man auf dem Camino zu weinen anfängt und dass Frauen belästigt werden. Jetzt hat er davon aber noch gar nichts gemerkt, und es macht ihn deutlich fertig. Dieses Gefühl versucht er wohl wieder wett zu machen, indem er mich über meinen Beruf ausquetscht und natürlich auch weiß, dass es da wohl ganz schön scheiße aussieht und ob mir das nicht Angst macht. Macht es noch nicht, aber wie er scharfsinnig schließt, liegt das nur daran, dass ich nicht den Einblick in die Welt der Aktien habe wie er. Ich entwickle unschöne Gefühle und Gedanken, denen ich eigentlich auf dem Camino keinen Raum bieten wollte und würge ihn (wenn auch recht erfolglos) ab.

Lieber widme ich mich der Deutschen, die zwar Deutsch antwortet, aber hoppla, gar nicht Deutsche ist, sondern aus dem Elsass. Neben dem fließenden Englisch und Deutsch spricht sie also eigentlich noch besser Französisch, wow. Sie ist mittlerweile dabei angekommen, von Ihrer Sozialphobie zu sprechen, die sie noch vor wenigen Monaten hatte. Sie hat sich 3 Monate nicht aus dem Haus getraut. Mir klappt der Unterkiefer runter, und selbst der Asiatin entlockt es ein „really?“. Aber sie ist aus anderem Grund interessiert, nämlich, weil sie selbst 5 Monate das Haus nicht verlassen hat. Ich bin wieder mal wie so oft auf dem Camino sprachlos und weiß gar nicht, was ich dazu denken und sagen soll. Die Französin ist eigentlich mit ihrer Mutter unterwegs, hat aber wegen starken Knieproblemen 3 Ruhetage eingelegt und fährt morgen mit dem Bus weiter, um ihre Mutter wieder einzuholen. So sehr ich mir auch wünsche, Santiago zu erreichen und meinen Frieden zu finden, den Rest des Tages sind meine Gedanken und Gefühle bei den beiden Mädels, und wenn ich einen Wunsch frei hätte, so würde ich mir wünschen, dass sie den Weg meistern, Selbstvertrauen schöpfen und vor der Kathedrale spüren, welche Kraft sie haben und wie stolz sie auf sich sein können.

Hätte ich noch einen zweiten Wunsch frei, würde ich in meine kleine Kanadierin investieren, die wie durch Zufall auch eine weitere Minietappe eingelegt hat und nun in der gleichen Herberge logiert. Um ihr Knie zu schonen, ist sie den ganzen Tag schonend gehinkt. Das ist nicht sehr vernünftig, aber das weiß sie mittlerweile selber, denn nun tut auch das andere sehr weh, und aus ihrer liebenswert irren Unbekümmertheit ist Sorge geworden. Sie ist wie ich erst in León gestartet und kommt von so weit her, ich will das gar nicht weiter durchdenken. Immerhin vertraut sie mir immer noch blind und kauft sich einen schönen Pilgerstab, nachdem ich ja auch mit Teleskopstöcken laufe.

Der deutsche Superman hat mittlerweile seine neuen Tischgenossen darüber informiert, dass ihre Wanderschuhe nichts taugen, weil ja auch die Firma bald pleite geht und ist im Begriff, mit den beiden tapferen Mädels vor dem Abendessen noch etwas trinken zu gehen. Ich freue mich über meine Ruhe und sondiere das Abendessen. Ohne Supermarkt bin ich etwas aufgeschmissen, aber außer Beruhigungstee hält die Herberge auch Reste von Nudeln, Mais und Rosmarin bereit. Glücklich koche ich vor mich hin, und hätte ich nicht den halben Beutel Rosmarin verkippt, wäre das Essen auch wirklich sehr lecker geworden. So freue ich mich eher an dem Nährwert und überlege nur hin und wieder, ob man sich damit irgendetwas antun kann.

Für mich ruft der Abendgottesdienst, und ich breche mit der kleinen Kanadierin auf, die natürlich wieder die Restaurants checken gehen will. Glücklicherweise treffen wir auf eine größere Gruppe netter, junger Pilger, die auch gerade zum Essen gehen wollen, sodass ich sie mit gutem Gewissen dort parken kann. Ich kann sie nicht genau einschätzen, vielleicht ist sie einfach ein sehr eigenständiger harter Knochen, aber vielleicht findet sie auch nicht so leicht Anschluss und ist etwas allein mit der ungewohnten Situation und der zumindest definitiv vorhandenen Unsicherheit, was das Pilgern, den Rucksack und die körperlichen Belastungen angeht. Ich weiß sie also zufrieden bei einem guten Essen und begebe mich ebenso zufrieden Richtung Kathedrale, aber dort ist alles zu. Versiert frage ich ein paar Einheimische und erfahre, dass die Messe in der kleinen Kirche nebenan ist. Ach so. Doch auch die ist verschlossen, und nachdem wieder der halbe Dorfplatz hilfreich und unter tausend Gesten auf mich einredet, verstehe ich, dass ich eine halbe Stunde zu früh dran bin. Ach so. Aber eine halbe Stunden später geht auch noch nichts, und zurück in der Herberge erfahre ich, dass die Uhrzeit schon gestimmt hätte, aber die betreffende Kirche in der Seitenstraße gewesen wäre. Ich bin doch etwas enttäuscht und fühle mich mal wieder nutzlos, zumal die Herberge etwas leer ist, weil alle beim Essen sind.

Im Innenhof schreibe ich meinen täglichen Tagesbericht und arbeite die Tour für den nächsten Tag aus. Morgen steht ja endlich wieder „volle Kraft voraus“ an, ich bin wieder gesund, voller Tatendrang und freue mich schon sehr, nun endlich nach Laune und nicht nach Vernunft laufen zu können. Mir gegenüber sitzt hinter dicken Brillengläsern, leicht schütteren Haaren und einem stattlichen Ränzlein ein Pilger aus der gestrigen Herberge. Ich packe couragiert meine spanische Kontaktaufnahme aus, als er sich als Deutscher herausstellt. Noch dazu als Bayer und mit einem recht netten Sprachfehler versehen. Wir plaudern über Diverses, er ist schon in den Pyrenäen losgelaufen und hat viel zu erzählen. Schnell wird mir klar, dass er mir zwar nicht unsympathisch ist, aber trotzdem wieder auf eine gewisse Weise ein deutliches Gegenteil von mir ist. Während ich hier auf der Suche bin (nach was, weiß ich noch nicht, aber ich bin offen für alles), steht er ganz, ganz fest in seiner kleinen Informatikerwelt. Er glaubt nicht an Gott oder Zufälle oder Schicksal oder überhaupt irgendwas, nichts bringt ihn aus der Ruhe, regt ihn auf, rührt ihn zu Tränen, beeindruckt ihn. Im Gegensatz zu meinem gestrigen Österreicher würde ich aber nicht sagen, dass er seinen Frieden gesucht und gefunden hat, sondern er scheint mir mit Frieden mit sich und seinen Gedanken geboren worden zu sein. Er hinterfragt nicht viel, zerbricht sich nicht den Kopf, seine Welt ist herrlich einfach. Und ich habe innerhalb weniger Stunden schon wieder ein neues Lebensmodell, das mich anregt, über mich nachzudenken, meine Einstellungen zu hinterfragen, überhaupt erst mal meine Position zu erforschen.

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Als ich aufwache, geht über dem Feld gerade tiefrot die Sonne auf. Ein Blick auf meine Uhr zeigt fast 8, und ich bin hellauf begeistert, daß alle noch schlafen und nicht ab 5 Uhr schon auf den Beinen sind und Hektik verbreiten. Nur das Mädel mit den Stichen ist schon weg, sodaß ich heute keine Gewissensbisse haben muß oder mich erklären, daß ich lieber allein laufen würde. Ich genieße meine Ruhe, das Alleinsein, mache meine Pausen, wann ich will, und fühle mich endlich richtig eigenbestimmt.

Kurz vor meinem geplanten Etappenziel steht plötzlich jemand mitten auf den Bahngleisen neben dem Weg. Nach dem ersten Schreck handelt sich sich nur um die kleine Kanadierin vom Vortrag, die das einen schönen Fotoplatz fand. Wir gehen den restlichen Weg zusammen. Sie ist ein klein bißchen irre und dadurch höchst unterhaltsam. Auf der Suche nach dem richtigen Weg zieht sie ein fast 8 cm dickes Kompendium aus ihrem Rucksack (während ich meinen mini-formatigen Taschenbuchführer zu Hause rigoros mit dem Küchenmesser halbiert habe, da ich ja die Strecke vor León nicht brauche); auf meine erstaunte Frage, was der denn wiege bzw. das Gepäck insgesamt, lächelt sie schief und sagt, sie hätte ihn halt probiert und ihn tragen können. Allerdings tun ihr auch schon die Knie weh, sodaß sie schweren Herzens auch die heutige Minietappe ins Auge faßt.

Kurz nach 11 erreichen wir Hospital de Órbigo mit einer sagenumwobenen Brücke. Ich bin ein ziemlicher Kulturbanause, und auch wenn ich in meinem Führer spätestens hinterher die kulturellen Aspekte nachlese, vergesse ich auch wieder fast alles. Diese Brücke ist mir aber in Erinnerung geblieben. Dort verteidigte im Mittelalter ein Ritter mit seinen Gefährten auf Grund eines Liebesschwurs mehrere Wochen lang diese Brücke gegen alle Ritter aus dem Land, die es mit ihm aufnehmen wollten.

Als wir in die Herberge eintreten, winkt uns die Herbergsmama mit dem Schrubber in der Hand entgegen und fragt, ob wie einen sello wollen, einen Stempel, der beweist, daß wir da waren. Wir drucksen etwas herum, daß wir ja eigentlich schon was zum schlafen suchen. Geht auch, sie will nur noch etwas putzen, sodaß wir uns noch ein Weilchen anderweitig beschäftigen sollen. Die Kanadierin bekommt leuchtende Augen und widmet sich ihrer Lieblingsbeschäftigung, den guten Restaurants Spaniens. Ich habe mich ja eher für das entbehrliche und puristische entschieden und halte daher Ausschau nach Supermarkt und Kirche für den Abend.

Zurück in der Herberge geleitet mich der lateinamerikanisch anmutende Hospitalero in den Schlafsaal, und nachdem ich schon wieder so nichtsnutzig rumstehe, bekomme ich einen Grüntee und Unterhaltung. Nicht nur meine kleine Kanadierin ist irre, auch Mose. Er strahlt, kichert und plappert, und alle paar Minuten springt er auf, hüpft wie ein Flummi durch die Gegend, legt ein paar Tanzschritte hin und springt zum Empfang, um die langsam eintreffenden PIlger einzuweisen.
Die Herberge ist ganz beeindruckend. Zuerst sitze ich im Innenhof, die Füße in einer Wanne mit kaltem Wasser. Die Herberge ist hellblau, die Wände des Innenhofs strahlend gelb, der Himmel strahlend blau, und die Sonne scheint mir mit jedem Strahl Wärme, Energie und Geborgenheit einzustrahlen. In der Herberge steht eine Staffelei mit Farben, die Wände sind vollgepflastert mit Bildern, die Pilger gemalt haben und an denen ich mich gar nicht satt sehen kann. Viele Bilder handeln von Rittern mit stolzen Gesichtsausdrücken, ihren Pferden, der berühmten Brücke. Einige beschreiben recht einfach und plastisch das Pilgerleben mit Blasen an den Füßen oder den Strapazen. Aber viele Bilder bestechen auch durch das Gefühl, das sie vermitteln oder zumindest in mir wecken. Eine ganze Bilderserie zeigt eine Wiese bei unterschiedlichen Lichtverhältnissen, an deren Horizont einige Gestalten schattenschaft zu erkennen sind. Einige Bilder wirken innerlich zerrissen, und mein absoluter Favorit ist ein meisterhaft gemaltes Bild einer Frauenfigur mit einer Art Engelsflügeln, die aus dem Dunkel des Bodens vor einer Art Wasserfall in die Höhe ins gleißende Licht gezogen wird. Ich weiß nicht, was der Maler empfunden hat, aber ich habe das Gefühl, es zu verstehen.

Der Hospitalero kommt hüpfend, pfeifend und frisch geduscht mit einem rosa Handtuch um die Hüften die Treppe heruntergesprungen, und als ich mich beeindruckt von seiner Energie zeige, verpflichtet er mich zu einer Fußmassage eine halbe Stunde später. Mich wundert nichts mehr, als auch er sich in gebrochenem Englisch als medizinisch bewandert herausstellt, und nach den gestrigen Atemübungen schockt mich dann auch nichts mehr, als er mit einem Blick auf meinen Fuß sofort feststellt, daß ich in späteren Jahren Blaseninfektionen bekommen werde. Ansonsten gibt es zum Glück nichts weiteres zu lesen und zu berichten. 2 ältere Österreicher nähern sich interessiert, und als der eine seine wehen Füße erwähnt, liegt er auch schon auf der Massagebank. Mose verpflichtet mich zum Dolmetschen, massiert Füße, drückt hier und da herum, legt spührend Hände auf, um sich dann an mich zu wenden und mir aus dem Leben des armen Österreicher zu erzählen. Von seinen vielen Geschwistern, der harten Vaterrolle, der unterdrückten Kreativität, der nicht liebenden Ehefrau. Jeden Redeschwall beendet er mit „nah, no, don’t not translate this!“, während der Österreicher mich erwartungsvoll anschaut und eine Übersetzung möchte. Ich versuche mich mit belanglosen Kleinigkeiten aus der Affaire zu ziehen, stelle aber zumindest überrascht fest, daß Mose sein Handauflegen zu beherrschen scheint, denn er hat wirklich 8 Geschwister und ihm tut wirklich das eine Bein, daß für Vater steht, mehr weh als das andere. Nach über einer halben Stunde „don’t not translate that!“-Erkenntnissen brennt mir dann doch die Frage auf der Zunge, warum man da so viel lesen kann und bei mir nur Blasenprobleme zu Tage treten. Mose schaut mich mitleidig an, läßt sich nochmal meine Hand geben, um darin seinen Verdacht zu bestätigen: ich bin wie er ein Mensch mit 6. Sinn, ich kann eh alles fühlen und weiß alles, mit mir muß man nicht sprechen.

Etwas Normalität kommt in Form der kleinen Kanadierin. Sie ist wohl etwas in sich gegangen, hat ein Taschenmesser und einen kleinen Führer in der Hand. Sie erklärt freudestrahlend, daß sie den großen bereits in den Müll verfrachtet hat und nun dem kleinen nach meinem Vorbild mit dem Messer zu Leibe rücken will. Sie schnitzt drauf los, und ich bekomme ein ganz schlechtes Gewissen. Aber sie strahlt und sagt „it feels good!“. Sie hätte auch schon ihre Sachen durchgesehen und etwas geordnet, und es wäre nett, wenn ich ihr da nochmal helfen könnte, was sie wegschmeißen soll. Dafür, daß es mein zweiter recht kläglicher Tag auf dem Camino bin, ehrt mich dieses Vertrauen enorm.

Eins will ich jetzt noch wissen, was der gute Mose in seinen eigenen Füßen liest. Er sträubt sich etwas, bis er seine dicken Angorasocken auszieht und mir wortlos seine Füße zeigt. Da verstehe selbst ich ohne Worte (und ohne den neu erworbenen 6. Sinn), daß da etwas nicht stimmt. Sie sind komplett verkrustet und trocken, wie ich es noch nie gesehen habe. Er erklärt mir, daß es mit seiner großen Liebe zusammenhängt, daß es da gerade nicht vorangeht und schüttet mir wildfremderweise sein ganzes Herz aus.

Plötzlich kommt ein spanischer Pilger in den Raum, der mir auf dem Camino sicher Angst gemacht hätte. Gedrungen, breitschultrig, tätowiert bis obenhin, laut und mit einer stattlichen Alkoholfahne. Er legt blitzschnell und wortlos jedem ein kleines Perlenarmbändchen um und ist auch schon wieder weg.

Gegen Abend kaufe ich mir meinen entbehrlichen Pilgerklassiker, ein Glas Tomatensoße und Nudeln und möchte mich gerade ans Kochen machen, als ich die kleine Kanadierin treffe und sie eher auf gut Glück frage, ob sie nicht mitessen will. Ich kenne ja ihr Faible für gediegenes Essen und rechne nicht mit einer Zusage. Aber sie scheint ehrlich erfreut und begeistert, und es tut mir richtig leid, daß es ja nun wirklich nicht besonders schmeckt. Mir drängt die Zeit wegen der Pilgermesse, als der mysteriöse Tätowierte und Mose schwer bepackt vom Supermarkt kommen und verkündigen, für uns zu kochen. Leider habe ich mir die Messe schon seit Tagen vorgenommen, und meine Pläne wegen anderen über den Haufen werfen will ich zumindest hier auf dem Camino nicht mehr.

Ich sitze also seit einem Jahr zum ersten Mal wieder in einer spanischen Kirche, etwas, was ich in Deutschland selten machen würde und wenn, dann nur meinem sehr gläubigen Freund zuliebe. Wie schon im Jahr davor hat der Gottesdienst etwas faszinierendes. Der ganze kleine Ort scheint (jeden Tag!) alles stehen und liegen zu lassen. Von alten Leuten in bestem Sonntagsstaat über Geschäftsmänner mittleren Alters bis hin zu Jugend (mit Piercing und gerade ausgedrückter Zigarette) ist die Kirche gefüllt bis zum letzten Platz. Die Selbstverständlichkeit, mit der hier Kirche im Alltag integriert wird, beeindruckt mich und steckt an. Auch ich fühle mich in den Kirchen in Spanien völlig entspannt, aufgehoben und einfach wohl. Vom Gottesdienst verstehe ich leider überhaupt nichts und bin schon froh, wenn ich den Moment abpasse, in dem man den Umstehenden die Hände schüttelt.

Leider bekomme ich wieder mein allabendliches Fieber, mir wird heiß und kalt und schwindelig, und ich bin ziemlich geplättet und etwas verzweifelt, als ich wieder in die Herberge zurückkomme. Mose erwartet mich schon erwartungsvoll und verpflichtet mich an den Küchentisch. Die kleine Kanadierin schimpft heftig, daß sie nach meinen Tomatennudeln nun auch das ganze Menue der Herren ausbaden mußte und dermaßen am Platzen wäre.

Ich komme mit dem Tätowierten ins Gespräch (soweit es sprachlich möglich ist). Ich entnehme, daß er (überraschenderweise) von Beruf Tätowierer ist, aber er nicht viel von Arbeit und Geld hält, sondern lieber Menschen eine Freude macht und ein Lächeln wertvoll findet. Er hat allen Ernstes seit einem Jahr diese Perlenarmbänder geflochten, 1000 Stück an der Zahl, und die verschenkt er jetzt auf dem Camino (300 hat er schon weg). Ich bin in einem sehr unwirklichen Zustand; vor 3 Tagen war ich noch normal in Deutschland in meinem Beruf, und ich kann mich schon an nichts mehr erinnern. Die letzten Tage waren so dicht von Bekanntschaften, Erkenntnissen und Überraschungen, mich wundert schon gar nichts mehr. Daß da nun ein Trumm von einem Mann vor mir sitzt, fleißig der dritten Flasche Rotwein zuspricht und mir derweil erzählt, daß er Perlenarmbänder flechtet – es paßt prima ins Bild.

Die beiden Österreicher schauen noch kurz vor dem Schlafengehen vorbei. Ich habe ein etwas ungutes Gefühl, weil Mose so viel über den einen erzählt hat und ich das untrügliche Gefühl habe, daß er sicher viel davon verstanden hat (trotz „don’t not translate this“). Aber das ist keinerlei Problem, er kennt das alles schon, seine Frau ist auch eher offen für derart Übersinnliches. Er findet es faszinierend und interessant und ist so wunderbar ruhig und ausgeglichen. Er stellt sich als medizinisch bewandert heraus (ich kippe schier vom Stuhl) und liest in meiner Hand. Meine Lebenslinie ist lang. Ich zeige mich erleichtert, was er gar nicht versteht. Ich finde es vollkommen logisch, daß einen ein langes Leben freut, er überhaupt nicht. Er erklärt mir, daß man 80 Jahre falsch leben kann und nichts davon hat, man doch aber auch mit 35 schon nach einem glücklich erfüllten Leben beruhigt sterben kann. Diese Erkenntnis hat etwas und prägt sich mir tief ein. Ich bin auch beeindruckt, wie dieser Mann trotz Kenntnis seiner unterdrückten Kreativitäten und sonstiger Probleme mit sich selbst zufrieden und im Reinen ist. (So oder so bin ich froh, daß die Lebenslinie lang ist).

Als ich mich gegen 23:00 ins Bett begebe, mein Perlenarmband ums Handgelenk, fühle ich reichlich unwirklich, aber nicht unbedingt schlecht.

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