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Posts Tagged ‘epilog’

„Hattest Du gutes Wetter?“, „War die Landschaft schön?“, „Konntest Du laufen, wie Du wolltest?“

Ja. Im April fast nur strahlende Sonne zu haben, dazu die Küsten, die Wellen, die Blumen, das endlose Grün… das war ein Geschenk. Und ich durfte wieder für ein paar Momente das Gefühl haben, alles laufen zu können. Meine 40km nach Santillana und auch der kilometerintensive Camino als Ganzes haben mich wieder an das Gefühl erinnert, eine „strong“ peregrina zu sein.

„Hast Du wieder intensive Freunschaften geschlossen?“, „Hast Du tolle Männer getroffen?“, „Hattest Du Begegnungen mit Gott?“, „Hast Du vor Dankbarkeit geweint?“

Nein. Trotzdem war es wohl mein schönster Camino, wenn man die unterschiedlichen Caminos und Erfahrungen überhaupt vergleichen kann. Es war kein Camino der Begegnungen, der magischen Freundschaften, der großen Gefühle, von heulenden Verzweiflungen und heulenden Berührtheiten. Es war kein Abtauchen in eine völlig andere Welt, eine viel bessere und viel einfachere Welt. In der man Gott viel besser spürt und viel tiefsinnigere Menschen kennenlernt und sich viel leichter öffnen kann.

Vielleicht war es ein Camino im Stil von Güemes. Leise, wunderschön und doch irgendwie grundlegend beeindruckend und berührend.

Der Camino hat mich auf einem sanften Wölkchen gestärkt wieder in den Alltag geführt. Zum ersten Mal nicht als Bruchlandung, mit dem Gefühl, im normalen Leben überfordert zu sein und hier gar nicht diese wunderbare Erfüllung wie auf dem Camino, als peregrina empfinden zu können. Ein weiterer Schritt hin zu der Erkenntnis, dass der Camino kein dauerhafter Zufluchtsort ist, sondern eine Hilfe, die Wunder, die Freundschaften, die Dankbarkeit im normalen Leben besser wahrnehmen zu können. Mein Platz ist nicht in der Erinnerung an die wunderschönen Erlebnisse auf dem Camino und nicht in der Vorfreude auf weitere Caminos; mein Platz ist im Leben.

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Epilog 04/10

Im Vorfeld wurde mir die Via de la Plata als wunderschöne Wegalternative für Pilger, die Einsamkeit und Ruhe vom Pilgertourismus suchen, beschrieben. Das hat es voll getroffen.

Landschaftlich wunderschön, die blühenden Mohnfelder, die duftenden Orangenblüten und mein Favorit, die Dehesas mit den würdevollen Rindern, den Korkeichen, den Steinmäuerchen und der wunderbar ruhigen Atmosphäre. Dazu die Herbergen in wunderschönen Gebäuden, mit neuen Matratzen und frisch bezogener Bettwäsche. Moderate Etappen, keinerlei körperliche Probleme.

Es war ein wunderschöner Fernwanderweg, hatte aber für mich nicht diese Magie, die ich mit dem Camino Frances verbinde.

Die Via hat erst recht meine Sehnsucht danach neu entfacht. Nach dem Gefühl, in einer wildfremden Kirche und Gemeinde jeden Abend auf’s Neue eine wunderbare Geborgenheit zu spüren. Nach Entbehrung, Verzweiflung und Erschöpfung; Gefühle, mit denen ich mich den Pilgern Jahrhunderte vor mir verbundener gefühlt habe als den Touristen heute. Vor allem aber auch nach den Mitpilgern, den Suchenden, Verunsicherten, Unschlüssigen; nach der Offenheit, mit der man sich gegenseitig seine Sorgen und Zweifel offenbart hat. Und damit dem tröstlichen Gefühl, nie allein zu sein. Nach den magischen Begegnungen, in denen mir jemand Trost, Kraft, Fröhlichkeit und Glauben spenden konnte – und denen, in denen ich die Hand damit gefüllt bekam und selber zu so einem Spender werden konnte.

Wahrscheinlich hat mir vor allem Gott  gefehlt. Sicher kann man ihn auf der Via genauso finden, vielleicht hätte ich ihn zu einem anderen Zeitpunkt im Leben oder mit einer anderen Wahrnehmung auch dort genauso magisch gespürt. Vielleicht war dieser Camino für eine Erkenntnis gut, die weniger offensichtlich war wie die Magie.

„Der Camino/Gott gibt Dir nicht, was Du willst, sondern was gut für Dich ist“

Die Intuition, die mich im April auf die Via de la Plata geschickt hat, schickt mich nun nächsten Monat wieder auf den Hauptweg. Ich bin gespannt, was er diesmal für mich bereit hält.

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Epilog 09/08

Zu Hause habe ich keine Ruhe gefunden, bis die Karte, die sich auf dem Camino vor meinem geistigen Auge gebildet hatte, zu Papier gebracht und nach Santiago geschickt war. Ein komischer und doch auch irgendwie schöner Gedanke, dass einige meiner lieben Pilgerbekanntschaften zeitgleich noch auf ihrem Weg nach Santiago waren.

Eine von Herzen kommende Mail habe ich recht bald aus Brasilien erhalten. João hat es allen Ernstes geschafft, in 22 Tagen Santiago zu erreichen. Er hat dabei 14 Kilo verloren, dreimal Fieber gehabt und verständlicherweise seine körperlichen Grenzen erreicht. Aber aus seinen Worten strahlt ein unglaublicher Enthusiasmus und eine Euphorie; er erzählt, dass er alles so erlebt hat, wie ich ihm in Cirauqui meine Magie des Caminos erklärt habe. Er hat das Gefühl erlebt beim Anblick des Botafumeiros, das Gefühl, den ganzen Camino geschafft zu haben, und er hat Gott getroffen. Auch auf eine sehr ähnliche Weise wie ich. Nicht nur das verbindet uns sehr tief. Für ihn bin ich immer noch wicca, für ihn war unsere Begegnung ein Wunder. Seine Mail hat mich mit einer großen Zufriedenheit erfüllt. Das Gefühl, dass weit weg in Brasilien jemand voll entflammt ist vom Camino, von Gott, von dem Glauben an Wunder und an sich selber, dass jemand leuchtet und strahlt, das lässt auch in mir ein kleines Caminokerzchen flackern und leuchten.

Mit dem Sonnenscheinschwaben habe ich auch 2 Jahre später noch Kontakt. Seine Erfahrungen waren und sind etwas weniger abgehoben und entrückt, aber auch bei ihm leuchtet und strahlt etwas aus jeder Mail und verbreitet einen Hauch von Caminostimmung.

So auch dieses Bild, das die drei Herren für mich gemacht haben. Empfangsbestätigung und Dank in einem.

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Epilog April 2009

Das Gefühl, von Engeln getragen und begleitet zu werden, hat zum ersten Mal auch nach dem Camino nicht nachgelassen.

Als ich zu Hause meine Emails abgerufen habe, war der Camino direkt in meiner Wohnung.

Ganz besonders gefreut habe ich mich über eine Mail von Sanne. Als ich ihr zurückgeschrieben habe, wurde daraus ungewollt eine seitenlange Mail, und das Gleiche kam von ihr zurück. Auf dem Camino haben wir wortlos ein gewisses Verständnis gefühlt – und dass es kein trügerisches Gefühl war, hat sich hinterher bewahrheitet. Wir befinden uns wohl auf einer ähnlichen Suche.

Von Sanne weiß ich, dass Marco gleich nochmal einen Camino drangehängt hat. Immer noch auf der Suche nach der Antwort auf seine Frage. Und wahrscheinlich immer noch grashalmkauend und in sich hineinspürend. Es würde mich nicht wundern, wenn sich ihm die Antwort irgendwann in Form eines gemeinsam strahlenden Sonnenuntergangs zeigen würde. Ich denke, er wird mir irgendwann schreiben, wenn er seinen Flow gefunden hat. Und ich freue mich darauf; ich weiß, er wird ihn finden.

Von Kristian habe ich direkt danach eine kurze Mail bekommen, dass er nun gerade in Madrid ist und ihm erst dort aufgefallen ist, was der Camino an ihm bewirkt hätte, „wow“. Ich habe bis heute nicht erfahren, was ihm nun aufgefallen ist. Aber es wäre ja auch einfach nicht Kristian, wenn er nicht chaotisch, unberechenbar und etwas verplant wäre. Er wird immer einen Platz in meinem Herzen haben, und ich wünsche ihm von ganzem Herzen, dass er irgendwann sein girl und seine Kinder und seinen Platz im Leben findet.

Jelle ist nach wie vor mein Fels in der Brandung. Letztes Jahr hat er seine und meine Rucksackmuschel zusammengebunden und an meinem Lieblingsplatz in Muxía dem Meer übergeben. Er glaubt, dass uns das für immer eine besondere Verbindung haben lässt. Ich glaube nicht, dass wir dafür Muscheln brauchen.

Zu guter Letzt habe ich bei meiner Heimkehr auch von meinem Chef eine Mail vorgefunden – mit der etwas irritierten Frage, ob ich denn wie geplant wieder zum Arbeiten komme. Über die Homepage hätte sich jemand gemeldet mit „Schöne Grüße aus der Notaufnahme in Santiago, wollte mich nach dem Zustand der Patientin erkundigen“. Zwei Tage später hatte ich dann auch noch einen süßen handgeschriebenen Brief im Briefkasten, mit der Frage, wie es denn meinem Bein geht und wie ich die lange Rückreise überlebt habe. Mein Bein hat sich wunderbar entwickelt, aber ich schreibe immer noch täglich mit meinem Engel aus der Notaufnahme. Ich habe keine Ahnung, warum, aber es fühlt sich an wie Camino pur –  bewegend, wunderschön und magisch…

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Epilog April 2008

Bereits während des Caminos musste ich manchmal an eine Stelle aus dem vierten Band Harry Potter denken. Als Harry in einem finalen Showdown seinem Gegner gegenübersteht und unterzugehen droht, bis sich plötzlich aus seinem Zauberstab leuchtende Nebel lösen und die Gestalt von verstorbenen Freunden und Verwandten annehmen. Sie formieren sich hinter ihm, lächeln einfach kraftvoll und unterstützend und geben ihm so die Kraft, seinen Gegner zu besiegen.

Das Gefühl, unterzugehen, hatte ich mehrere Male. Aber seit diesem Camino kann auch ich in meiner Phantasie grünlichblaue Schleier aufsteigen lassen. Von Angelo mit seinem seligen Goldklumpenblick, dem ruhigen Per mit seinem zuversichtlichen und irgendwie allwissenden Lächeln, Jelle, den nie etwas aus der Ruhe bringt, José mit seinen dunklen Augen,  seiner tiefen Stimme und seiner Überzeugung, dass Gott einen immer wieder mit Hoffnung und Kraft und Freude betankt. Die singende Nonne aus Peru, die strahlend ihre Gitarre bearbeitet, ungeachtet des kraftlosen Pilgergrüppchens vor ihr. Der dröhnende Helmut, der mich zum Abschied segnet. Und nicht zuletzt die Erinnerung an den kraftvoll schwingenden Botafumeiro in Santiago.

So viel Kraft in nur 3 Wochen.

Nach zwei Wochen wieder zu Hause überrascht mich eine Mail von Aurélie. Sie gibt drei Termine zur Auswahl, wann wir sie denn besuchen wollen, um mal mit unseren internationalen Treffen zu starten. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber einen Monat später verbringen wir wirklich ein wunderschönes Wochenende in ihrem Chalet in den Bergen von Frankreich. Als sie mich abschließend zum Zug bringt, kann ich mir eine Frage bezüglich Angelo nicht verkneifen. Sie lächelt gelassen und meint „of course, we love each other very much“. Aber es ist Caminoliebe, ihr Leben hat andere Pläne für sie. Ich bin bis heute sehr beeindruckt von der Offenheit dieses Satzes und von Aurélie allgemein.

Ein paar Monate später besuchen mich Jelle und Aurélie in der Schweiz, wieder später gibt es eine Mini-Reunion von Jelle und Aurélie in Belgien.

Angelo habe ich nie wieder gesehen. Sein Leben und seine Arbeit sind sehr geschäftig, seine Ruhe hat er nur auf dem Camino gefunden. Ab und zu schreiben wir uns wunderschöne Mails. Sie lassen ihn vermutlich mitten in seinem stressigen Büro den Goldklumpenblick lächeln.

An José musste ich die ersten Wochen noch sehr viel denken. Wie auch bei Angelo verliert sich der Pilger in ihm im stressigen Berufsalltag sehr schnell. Auf dem Camino meinte er einmal, ich könnte seine Seele lesen. Vermutlich brauche ich zumindest seine dunklen Augen oder die Berührung mit ihm, um mit ihm auf unsere einmalige Art kommunizieren zu können.

Jelle ist für mich genau der Freund geblieben, wie er es auf dem Camino war. Wie versprochen hat er meine Muschel in Muxia dem Meer übergeben – und er hat seine dazugebunden, um uns für immer zusammen zu halten.

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Epilog September 2007

Die ersten Tage wieder in meinem normalen Leben waren nicht einfach. In Spanien und als peregrina fühle ich mich einfach wie zu Hause, glücklich und sorgenfrei.

In einem gewissen verzweifelten Moment habe ich Gott gefragt, warum ich es hier so schwer haben muss und ich hier nie Zeichen sehe oder seinen Beistand erfahre. In diesem Moment habe ich auf dem Fenster vor mir einen Glückskäfer laufen sehen. Auch in den nächsten Tagen habe ich in jedem trüben Moment mehr Glückskäfer als je zuvor gesehen.

Auch wenn es manchmal schwerer fällt, ich denke, Gott ist immer bei mir. Vielleicht schwebt er vor allem die 800 Kilometer über dem Camino entlang, aber wenn ich laut genug schreie, hört er mich auch von dort.

Und bis zu meinem nächsten Camino werde ich im Herzen peregrina sein und den Satz im Kopf behalten „the camino is everywhere“.

Am selben Tag, an dem ich den ersten Glückskäfer gesehen habe, habe ich zwei Mails erhalten. Von Bärbel und Sun. Sun schreibt mir ungefähr einmal im Monat, ihre Mails sind typisch sie. Einige wirre Brocken Englisch, sehr viel „maybe“, und vor allem wieder nur Reisepläne. Mit Bärbel hat sich eine enge Freundschaft entwickelt; wir schreiben uns nun seit über einem Jahr in regem Hin und Her. Sie versteht meine Caminosehnsüchte und Gefühlswirren wie keine andere. Erst nach dem Camino habe ich zufällig eine Abhandlung über „Begleiter“ gelesen, bei der ich sofort und absolut an Bärbel denken musste.

Bärbel war mir eine wunderbare Begleiterin und ist es noch heute.

An Andi habe ich ebenfalls sehr oft dankbar gedacht. Ich denke, ich werde ihm irgendwann einmal schreiben.

So plötzlich und intensiv Mose in mein Leben getreten ist, so schnell ist er auch wieder verschwunden. Während meines Caminos habe ich drei Mails von ihm erhalten, sie haben mir viel Kraft gegeben und dazu geführt, dass ich meinen Camino erfolgreich meistern konnte. Ich habe ihm seither oft geschrieben, aber er hat nie wieder geantwortet. Ein Teil von mir spürt, dass es so sein muss. Die Begegnung mit ihm war ein Wunder, und Wunder kann man wohl einfach nicht festhalten.

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