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Posts Tagged ‘Cruz de Ferro’

Gegen 7 Uhr wache ich auf, unter meinen vielen Decken habe ich erstaunlich warm geschlafen. Draußen rumoren die kanadischen Heinzelmännchen schon leise in der Küche, es duftet nach Kaffee und geröstetem Brot.

Ich genieße ein letztes Mal meine liebgewonnene Kleinfamilie. Mein Hospitalero sagt, es wäre schön gewesen, dass ich dagewesen wäre. Kann ich so nur bestätigen.

Zum Abschied legen uns die Herren ganz patriotisch nochmal das Hallelujah in den CD-Player, und wir bekommen einen Pin mit der kanadischen Flagge an die Jacke gesteckt sowie eine Umarmung mit auf den Weg. Ich bin reichlich bewegt, sicher eine der denkwürdigsten und intensivsten Herbergsübernachtungen.

Ich frage Kristian, ob er auch mal für mich singt. Definitiv nie und nimmer; nur weil er mal in einer Band anfangen wollte, sollte doch nicht jeder dämlich denken, dass er jetzt ein Supersänger wäre, ich solle doch den Italiener fragen, der schon seine zweite CD draußen hat und ihn nicht nerven. Heute morgen hab ich noch etwas zu wenig Verständnis dafür, und so schicke ich ihn allein voraus.

Über Nacht hat es geregnet, und noch ist alles im Nebel. Am Cruz de Ferro ist es leider immer noch neblig, und von Kristian und Luca keine Spur. Ich lege meine beiden Steine nieder, den von Kristian und den von einer Arbeitskollegin von zu Hause. Beiden wünsche ich von Herzen alles, alles Gute und dass sie erkennen, was für wunderbare Menschen sie sind.

Und allen Ernstes bricht in diesem Moment am Himmel hinter dem Kreuz ein Sonnenstrahl durch den bedeckten Himmel. Ich bin so dankbar, dass meine Steine diesmal mehr Anklang gefunden zu haben scheinen.

Ich denke an Kristian und habe ein schlechtes Gewissen, dass ich heute morgen so rumgezickt habe. Ich dachte, ihn bald wieder einzuholen, aber offensichtlich ist er wirklich deutlich schneller als ich und hat wahrscheinlich nicht so lang ergriffen am Kreuz vertrödelt. Mit diesen Gedanken komme ich an eine Wegmarkierung, unter der in die Erde gekratzt mein Name und „hola“ steht. Ich bin darüber fast so glücklich wie über den Sonnenstrahl, offensichtlich ist Kristian mir nicht böse.

In Manjarín ist zwar einiges los, aber wieder keiner meiner beiden Jungs. Die Landschaft liegt immer noch im Nebel, zwar schön verwunschen, aber nachdem ich den grandiosen Ausblick auf die Schneeberge kenne, den man hier eigentlich haben könnte, fühlt es sich eher leer an.

Ich laufe viel zu schnell den gerölligen Weg abwärts; ich könnte warten, dass es aufklart, um diese Königsetappe gebührend genießen zu können, aber ich will Kristian wiedertreffen. Kurz vor El Acebo sehe ich ihn dann auch wirklich von weitem, deutlich erkennbar an seiner wippenden blauen Isomatte. Aber er läuft nicht allein, und mir wird plötzlich bewusst, dass er vielleicht gar keine Freude dran hat, wenn ich plötzlich wieder auftauche. Und mit einem Schlag wird mir bewusst, dass auch das Hola wohl gar nicht von ihm war, sondern von Luca. Ich fühle mich immer enttäuschter und leerer und frustriert, weil ich zwar schon fast jogge, aber überhaupt nicht aufhole.

Im Dorf habe ich sie fast eingeholt, ich erkenne, dass seine Begleitung der Italiener mit dem Riesenstab ist. Sie biegen in eine Bar ab, und ich laufe weiter. Irgendwie mangelt es mir gerade an Selbstvertrauen, ich habe das Gefühl, dass die beiden wunschlos glücklich miteinander sind und ich einfach überflüssig. Ein paar hundert Meter später stoppe ich dann doch, was habe ich hier von Stolz und beleidigter Leberwurst. Ich muss sicher eine halbe Stunde warten, aber das ist es mir dann doch wert.

Ich bin gespannt, wie Luca die spezielle Herberge erlebt hat – er ist komplett begeistert und von der Rolle. Außer ihm war nur ein weiterer Pilger da, dafür fünf Bewohner, er erzählt begeistert, mit welchen Religionen sie sich da beschäftigen und welch interessante Menschen das waren. Einem ist passend zu Ostern in den Händen das Christusmal aufgetaucht, direkt vor den Augen des Italieners. Für beide war es ein unglaubliches Wunder, und er ist noch komplett konfus und ungläubig. Ich freue mich sehr für ihn, dass er diese Erfahrung machen durfte. Generell ist er eher ein logischer Denker, wenig offen für Gott und die Magie des Caminos, und ich wünsche ihm sehr, dazu Zugang zu bekommen.

Wir haben zu dritt recht viel Spaß; als wir auf Chuck zu sprechen kommen, machen die beiden Musiker aus dem Stehgreif einen Song auf ihn. Kristian rappt die typischen „come on, guys…!“-Phrasen, während Luca die Soundmachine dazu macht. Ich lache mich halb kaputt und genieße unheimlich diese Gesellschaft. Ich frage Luca wegen der Nachricht im Boden. Er weiß von nichts, dafür wird Kristian etwas verlegen. Ich bin so glücklich.

Kristian setzt sich irgendwann von uns ab, er läuft unheimlich schnell. Mir tut es ein bisschen weh, weil ich das Gefühl habe, dass er sich überflüssig gefühlt hat. Andererseits bin ich mehr als überrascht, dass meine Fußheilung wirklich etwas bewirkt haben muss. Er meint nach wie vor, der Fuß wäre absolut perfekt, und sein Laufstil spricht dafür.

Luca fragt mich interessiert über meinen Glauben aus. So ganz die gleiche Wellenlänge haben wir nicht, er ist mir zu analytisch. Ich soll ihm alle möglichen Bibelstellen belegen oder erklären; was weiß ich. Ich glaube einfach, dass es einen Gott gibt, der auf mich aufpasst und den ich hier immer wieder spüre. Ob man das auch alles anders erklären kann, ob es nicht auch mit Schicksal oder Leben erklärbar ist, das überfordert mich bzw. erscheint mir überflüssig. Ich finde es ein bisschen anstrengend und bin froh, am Ortseingang von Molinaseca Kristian auf einer Bank beim Mittagessen wiederzutreffen. Luca schlägt vor, in Ponferrada gemeinsam zu kochen; eigentlich eine nette Idee, allerdings bin ich noch etwas traumatisiert von den Kochvorstellungen südländischer Männer. Bisher waren alle Versuche eher unentspannt und unharmonisch, und mein Exemplar hier scheint ja auch eher ein verbissener Planer als ein Spaßkocher zu sein.

Kristian fragt, wohin ich heute laufe. Ich bin ehrlich und sage, dass ich geneigt bin, dorthin zu gehen, wo er hingeht. Wir sitzen einträchtig auf einem Bänkchen, und er meint plötzlich zusammenhanglos, dass er das Gefühl hat, dass er in Santiago für mich singen wird. Nach dem intensiven Geziere im Vorfeld und dem „no never ever“ bin ich überrascht.

Luca möchte planerisch Nägel mit Köpfen machen zwecks des Abendessens. Ich ergreife spontan die Flucht und entschuldige mich damit, noch kurz bei Alfredo in der Herberge vorbeischauen zu wollen.

Ich treffe ihn auch wirklich an, er ist gerade am Putzen und wirkt etwas getreßt und angestrengt. Seine Herberge in Finisterre ist immer noch nicht fertig, er plant eine Herberge in einem Schiff. Dass das etwas Verwaltungsaufwand erfordert, kann ich mir vorstellen. Ich drohe ihm, dass ich jetzt jedes Jahr vorbeischaue und mich nach dem Stand erkundige.

Kristian läuft vorbei, und ich springe ihm hinterher. Er meint, Luca würde mich wohl mögen, er hätte höchst beunruhigt geschaut, dass er sich allein auf meine Fersen geheftet hat. Bin etwas belustigt bei der Vorstellung, dass hier irgendjemand interessiert oder eifersüchtig sein könnte. Ich fühle mich so unendlich elegant in meiner unförmigen Tchibo-Hose, der zerklatschten Frisur unter wahlweise Stirnband oder Schlapphut, dass ich eigentlich nur bei den Symbolen an den Waschräumen erinnert werde, dass ich eine Frau bin.

Durch die Vororte von Ponferrada gewinne ich weitere interessante Einblicke in das Leben von Kristian. Er greift begeistert nach verwitterten Spraydosen im Straßengraben, die zu seinem Bedauern leer sind. Normalerweise würde er damit seine Kleidung verzieren. Er freut sich auf eine große Bank in Ponferrada, wo er sein Konto plündern will. Er hat noch 14 Euro drauf, und die kann man anscheinend nicht mehr aus dem Automaten lassen, sondern muss persönlich vorsprechen. Ab und an arbeitet er bei seiner Mutter, wenn er das Gefühl hat, Geld zu brauchen. Wie ich heraushöre, hat er das Gefühl aber eher selten.

Ich habe gemischte Gefühle wegen der Herberge in Ponferrada; zum einen will ich ja nichts Bekanntes wiederholen, zum anderen reizt mich gerade nach der gestrigen so persönlichen Herberge der etwas seelenlose Riesenkomplex wenig.

Kristian geht es sehr ähnlich, er wird schon wieder komplett unruhig, als wir im Innenhof warten müssen, bis die Herberge öffnet. Er möchte am liebsten weiter, 12-18 km schrecken ihn dann aber doch. Zumal die 2-Personen-Hundehütten in Cacabelos mich jetzt auch nicht wirklich mehr reizen würden.

Ich habe ein leeres Damen-4-Bett-Zimmer und erledige mein Waschprogramm. Kristian steht unschlüssig in der Eingangshalle und meint, er wartet jetzt halt, bis ich fertig bin, was soll er auch sonst tun. Luca möchte mit uns ja einkaufen gehen und dann in die Stadt, und jetzt warten wir also auch auf Luca, bis der geduscht und tagebuchfertig ist. Zu allem Überfluss hat noch Chuck in ihrem Zimmer eingecheckt, und der freundliche Luca hat ihn auch zum Abendessen eingeladen. Kristian wirkt wie ein Häufchen Elend bzw. wie ein komplett eingesperrter Tiger, sodass ich ihm vorschlage, dass er ja nicht mit muss. Er strahlt unheimlich dankbar und erleichtert und lässt sich das nicht zweimal sagen.

Meine Vorfreude hält sich auch in Grenzen. Ich verbringe etwa eine Stunde mit Warten auf den ausgemachten Termin zum Losgehen. Richtig relaxen und entspannen kann ich nicht, ich warte einfach und fühle mich sehr unfrei. Wie ich befürchtet hatte, Luca ist furchtbar kompliziert und sehr sparsam. Dass es Öl nur in Literflaschen gibt, stellt ihn vor unlösbare Probleme. Er steht 5 Minuten vor dem Regal und wird immer verzweifelter, und gleiches vor 10 anderen Regalen, wo es auch wieder um 50 cent hin oder her geht. Er will Spaghetti Carbonara kochen, und mir blutet das Herz, dass ich in so einem wunderschönen Supermarkt mit so viel Auswahl an exotischen Sachen stehe, aber eigentlich außer Frühstück nichts einkaufen sollte.

Ich erkläre Luca, dass ich noch ein bisschen schauen will und den Einkauf nachher allein zurücktrage. Er ist wieder ganz irritiert, dass wir demnach jetzt gar nicht zusammen Stadtbummeln. Es tut mir sehr weh, seine Enttäuschung zu sehen, aber ich fühle mich derart unfrei und beengt, dass sich Frustration und Resignation noch breiter machen, wenn ich so weiter mache.

Ich kaufe wenigstens noch Erdbeeren und meine geliebten grünen Minipaprikas, die sich hoffentlich in Lucas Menüprogramm integrieren lassen. Draußen regnet es in Strömen, ich habe natürlich nur mein schönes Nachmittags-Fleece-Programm an und werde ziemlich nass.

Siedendheiß fällt mir ein, dass durch das unsägliche Kochen wohl auch meine Abendmesse flach fällt. Ein Stück weit ist es vielleicht Glück, dass der Hospitalero mir erklärt, dass sie die Kapelle zwar aufmachen, dort aber nie Messen gehalten werden. Aus dem Vorjahr bin ich da ziemlich anderer Überzeugung.

Ich gehe in den Leseraum, der diesmal leider auch nicht seine beruhigende und besänftigende Wirkung auf mich hat. Kristian sitzt dort schon am Rechner und hackt stundenlang vor sich hin. Seine Mission Kontoplündern ist schiefgegangen, die Banken hatten bereits zu. In Vorfreude auf das Geld hat er aber schon mal vorher alles Bisherige in Zigaretten und Bier investiert und ist jetzt komplett pleite.

Ich knüpfe ein weiteres Bändel, um die Zeit bis zum Kochen totzuschlagen. Für ein paar Minuten gehe ich in die kleine Kapelle, aber meine Stimmung ist heute einfach moderat.

Kristian zeigt mir auf dem Rechner Fotos von sich, seinen Collagen, seiner Familie, und ich darf mir seine Lieblingsmusik anhören. Vorher erklärt er mir aber noch mit abwesendem Blick, dass er morgen entweder früh losgeht oder den Bus nimmt, er hält die Leute nicht mehr aus. So etwas habe ich kommen sehen. Trotzdem bricht für mich eine Welt zusammen, und ich frage nur, was denn dann aus meinem versprochenen Lied in Santiago wird. Er meint, dann wartet er halt dort auf mich.

Ich schaue sein desperates Lieblingslied, während sich in mir unendliche Leere breit macht. Offensichtlich spürt er das, denn er legt mir kurz eine Hand auf den Rücken – ein Riesenschritt bei seiner Nähe-Phobie. Danach kann ich es fast schon wieder mit Humor sehen, ich witzele, dass er mit seinem Klumpfuß eh nicht weit kommt und für einen Bus doch kein Geld hat. Er lacht.

Wir gehen runter in die Küche, um Luca beim Kochen zu helfen. Er ist schon voll konzentriert am Zwiebeln schneiden (akribisch genau, wie ich es mir schon dachte), auch sonst sieht es eher aus, als würde jede Hilfe seine Kreise stören. Man merkt ihm an, dass es ihm ganz wichtig ist, dass sein Essen perfekt wird. Er ist ein stolzer und sehr empfindlicher Mensch, der seinen Wert vermutlich auch etwas von seinen Erfolgen abhängig macht. Ich würde ihm gerne das Gefühl geben, dass er gar nichts machen oder beweisen muss, aber was ich auf diesem Camino so oft habe, diese wortlose Verbindung zur Seele, den Emotionen oder zum Herzen anderer, bei Luca macht zu viel Nachdenken sie zu einer Einbahnstraße.

Ich wasche und brate meine Minipaprikas in Öl, bin nach 2 Minuten fertig mit der Vorspeise, zeitgleich wie Luca mit dem Zwiebelschneiden. Kristian ist extrem abwesend und unruhig und hat derweil bestimmt schon die dritte Zigarette geraucht. Ich verpflichte ihn zum Erdbeerwaschen. Er strahlt, das kennt er, er hat wohl auch mal in dieser Mission gejobbt. Komischerweise erstaunt es mich nicht weiter, als er beiläufig erwähnt, auf der Straße zu leben.

Wir schnipseln einträchtig im Akkord Erdbeeren; er moniert, dass ich ja gar nicht die schlechten Stellen wegschneide. Ich widerspreche, dass meine Erdbeeren einfach keine schlechten Stellen hätten. Er kann es nicht glauben, aber Tatsache, ich greife automatisch die makellosen, er automatisch die, die etwas mehr Sorgfalt erfordern (und die hat in Sachen Küche und Haushalt definitiv er). In das Schweigen sagt er irgendwann, dass wir wie Ying und Yang wären. Völlig verschieden, aber es würde trotzdem funktionieren. Irgendwie ist es wieder genau das, was ich in diesem Moment fühle. Mir schnürt es alles zusammen.

Luca verzweifelt derweil, weil das Wasser in seinem Riesentopf nicht kochen will. Zum Glück trifft er einen französischen Weggefährten wieder, den ich am Nachmittag schon kurz kennengelernt habe. Er ist Bibliothekar, hat schüttere Haare, trägt Brille, Bügelfaltenhemd und sehr viel Sonnenmilch, und Luca scheint sich bei ihm besser entspannen zu können.

Ich frage Kristian, ob er sein Leben immer so weiterführen will. Er schüttelt sehr bestimmt den Kopf, nein, bald sucht er sich ein Girl, nimmt sich eine Wohnung, bekommt 5 Kinder und liebt sein Girl abgöttisch bis ans Ende seines Lebens. Die Mischung aus penetranter Bierfahne und Rauchgestank gepaart mit der inbrünstigen Überzeugung eines 5-Jährigen, der erklärt, später mal seine Mama zu heiraten, weil sie die tollste Frau überhaupt ist, macht mich betroffen. Dann ist Kristian schon wieder weg, draußen am Rauchen, obwohl es regnet und er in Wollsocken rumläuft. Ich fühle mich zunehmend hilflos.

Endlich sind die Spaghetti fertig und der Tisch gedeckt. Der Deutsche, der ihr Zimmer teilt und deswegen auch eingeladen ist, ist netter als erwartet, und Chuck ist zum Glück in wichtiger Mission noch in der Stadt (um seinen Blog auf Vordermann zu bringen), und wir sollen ihm nur etwas aufheben. Der Franzose hat sich auch breitschlagen lassen, und so freue ich mich in doch noch netter Runde nach einem anstrengenden Tag mit viel Koordinieren und Warten und zwei schwierigen Männern auf das toll aussehende Essen.

Nach dem ersten Probieren meint Kristian viel zu laut zu mir, dass es ihm gar nicht schmeckt. Es würde nichts taugen, und er könne das 200 x besser. Luca hat gefühlte Tränen in den Augen, läuft rot an und fragt zutiefst gekränkt und aus der Bahn geworfen nach Verbesserungsvorschlägen. Kristian behauptet völlig ungerührt, er hätte doch gar nichts gesagt in diese Richtung und lügt ein zweiminütiges Märchen zusammen. Der Deutsche ist ein sonniges Gemüt, aber der Franzose neben mir ist ungefähr genauso geschockt wie ich.

Meine Empathiebahnen richten sich in Windeseile um Luca aus. Ich weiß so genau, was dieses Kochen und dieser Abschlußabend für ihn bedeutet haben, und umgekehrt auch, was Kristian bei ihm angerichtet hat. Die reichliche Alkoholgrundlage der Nachmittagsbiere hat Kristian noch philosophisch-melancholisch gemacht. Die Flasche Rotwein jetzt macht in einfach nur noch aggressiv. Er diskutiert hitzig mit dem armen Luca, und nach zweimal „jetzt rede ich und Du wartest, bis ich fertig bin!“ ergreife ich die Flucht und gehe abspülen.

Mit einem Schlag fühle ich ihn überhaupt nicht mehr. Dafür sehe ich ihn jetzt zum ersten Mal mit den Augen, mit denen vor allem die besorgten Hospitaleros ihn wohl die ganze Zeit schon sehen.

Leider muss ich Luca schon wieder enttäuschen, indem ich mich um 21.00 ins Bett verabschiede. Er ist komplett überrascht, aber ich verabrede mich mit ihm für Santiago. Er nimmt morgen den Bus, um seinen Pilgerfreund einzuholen, läuft dann bis Finisterre, und an meinem letzten Tag sollte er eigentlich auch wieder in Santiago eintreffen. Luca wäre nicht Luca, würde er nicht einen festen Termin abmachen wollen. Nachdem ich wirklich noch nicht weiß, was bin dahin ist, sage ich, der Camino wird uns schon wieder zusammenführen, wenn es so sein soll. Er lacht. Heute in den Bergen habe ich ihm von dieser Art Lebensmotto von mir erzählt. Eigentlich ist es

„Gott gibt einem nicht, was man will, sondern was gut für einen ist“.

Für Luca hatte ich Gott durch Camino ersetzt, und er war so begeistert davon, dass er direkt sein Schreibzeug hervorgekramt hat.

Vielleicht sollte ich mir dieses Motto auch jetzt vor Augen halten. Was ich will, habe ich wirklich nicht bekommen. Dass es vielleicht gut war, ist naheliegend. Trotzdem fühle ich mich eklig leer und enttäuscht, ich fühle mich einfach nur wie „ich“, allein mit meinem Kopf, Seele und Herz. Keine Bahnen und Bindungen zu anderen Pilgern, die weh tun oder Wärme spenden oder einfach ein Gefühl von Nähe geben. Ich glaube, am meisten mag ich diese Bahnen, weil sie magisch sind und sie sich anfühlen, als ob jemand über mir sie legt und lenkt.

Ich packe meinen Rucksack wieder vor und lege die Stirnlampe neben das Bett. Wenn Kristian morgen aufsteht, will ich weg sein.

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Seit langem gönne ich mir mal wieder ein offizielles Herbergsfrühstück, das hier Hotelcharakter haben soll. Bis ich mich durch die diversen Kuchen und Säfte durchgearbeitet habe, sind die meisten Pilger schon wieder aufgebrochen. Ich will auch gerade aufstehen, als die beiden Deutschen vom Vorabend kommen. Nachdem sie sich zu mir setzen, bleibe ich noch ein bisschen und höre mir ihre Geschichte an. Eigentlich wollten sie die Via de la Plata laufen, aber irgendwie war das nicht nach ihrem Gusto. Zu heiß und zu wenig Herbergen, deswegen sind sie jetzt kurzerhand mit dem Bus hierher in den Norden gefahren. Einer der beiden, ein sportlich Schlanker, ist den Weg letztes Jahr schon gelaufen, und diesmal hat er seinen Kumpel auch dafür begeistert. Besagter Kumpel ist ungefähr dreifach so dick und schwitzt schon beim Frühstücken. Deutlich sympathischer als gestern Abend werden sie mir auch jetzt nicht; ihre Art, an allem herumzumeckern und sich zu echauffieren passt mir nicht.

Ich verabschiede mich von „meinem“ Hospitalero, der mir irgendwie schon ganz vertraut ist. Ich bedanke mich und sage ihm, dass er ein toller Hospitalero ist und ich dank ihm ein ganz tolles Flair und einen sehr entspannenden Aufenthalt geniessen durfte. Er meint, ich wäre eine gute Pilgerin. Nur den Guten würde so etwas überhaupt auffallen.

Das heutige Etappenziel ist Foncebadón, worauf ich mich schon sehr freue. Ein ehemals verlassenes Dörfchen, jetzt schon wieder besiedelt, aber immer noch mit einem Hauch von Einsamkeit behaftet und schön in den Bergen gelegen. Angelo kennt die dortige Herberge mit gemeinsamem Kochen und Andacht, genau richtig.

Der morgendliche Weg führt wieder über sandig roten Boden, eingerahmt von rauen, farbenprächtigen Büschen. Ich bin als eine der Letzten gestartet und sehe jetzt also ungewohnt viele Rucksäcke und Stöcke vor mir. Ich lege meinen Schnellschritt ein und überhole Stück für Stück, ich brauche morgens einfach meine freie Sicht und meine Einsamkeit. Ich überhole auch Angelo, der wie üblich fest eingemummelt in sein Stirnband und Kapuze meditativ vor sich hinschleicht. Er ist definitiv das Langsamste, was ich jemals auf dem Camino gesehen habe.

Der Weg hier ist eines meiner Lieblingsstücke, genauso wie die Kirche in Rabanal einer meiner Lieblingsorte ist. Sie sieht noch genauso aus wie vor einem halben Jahr, genau die gleiche Baustelle, immer noch wackelige Holzbretter als Bankersatz. Ich bin direkt wehmütig, dass ich heute weitergehen werde und die Messe hier verpasse.

Mir gefallen vor allem Strecken, die fernab sind von Städten oder Straßen, insofern bin ich hier genau richtig. Soweit das Auge reicht, ist nichts außer im Wind wehenden Sträuchern oder Berggipfeln in der Ferne. Gegen Mittag habe ich Foncebadón erreicht, aber meine geplante Herberge ist verwaist und geschlossen. Ich gehe zurück zu einem der wenigen Häuser zu Beginn des kleinen Dorfes. Dort herrscht deutlich mehr Betrieb. Die Tische in der Bar sind restlos bevölkert, und um überhaupt hinein zu kommen, muss man ordentliche Musikbeschallung über sich ergehen lassen, die mich an eine österreichische Skihütte erinnert. Ich frage den Besitzer nach der Herberge oben, und wie ich befürchtet hatte, sie macht erst später im Jahr auf. Bei ihm könne man theoretisch auch schlafen, aber das geht für mich absolut nicht. Auch die dritte (und damit letzte) Schlafgelegenheit in Foncebadón hat auf den ersten Blick eher Hotel- als Herbergscharakter, sodass ich mich höchst spontan entschließe, einfach weiterzulaufen nach Manjarín. Die Herberge dort soll wirklich ursprünglich sein.

Kaum habe ich Foncebadón hinter mir gelassen, zieht ein leichter Wind auf und schiebt Wolken vor meinen lückenlos blauen Himmel. Vor dem Cruz de Ferro wird es dann direkt ein bisschen neblig, und wenige Meter vorher setzt ein leichter Nieselregen ein. Ich denke „perfektes Timing“, ich habe nämlich noch nicht Mittag gegessen und überbrücke den kleinen Wetterwechsel gemütlich auf einem windgeschützten, überdachten Plätzchen mit unverbautem Blick auf das imposante Cruz de Ferro. Ich esse und esse, und so richtig besser wird das Wetter nicht. Irgendwann bin ich fertig mit essen, und mittlerweile regnet es wie aus Kübeln. Für einen Moment überkommt mich ein mulmiges Gefühl, ich bin hier wirklich ziemlich weit im Nichts, nach mir kommt diesen Weg heute wohl niemand mehr, und so ganz wohl ist mir der aufkommende Nebel nicht. Am Kreuz parkt neuerdings ein Wohnmobil, allerdings macht (verständlicherweise) keiner Anstalten, auszusteigen. Ein bisschen beruhigt mich diese Anwesenheit, habe ich doch das Gefühl, nicht ganz so allein zu sein.

Ich lege meinen von zu Hause mitgebrachten Stein am Kreuz ab. Wegen dem Regen wird das Ganze aber deutlich kürzer und unromantischer als geplant. Ich verziehe mich wieder in den trockenen Unterstand, aber langsam wird mir kalt. Und ich traue meinen Augen kaum, als es dann auch noch zu schneien anfängt. Heute morgen noch strahlender blauer Himmel und Sonne, nun windet und schneestürmt es hier. Mir wird immer mulmiger.

Plötzlich kommen zwei Gestalten durch den Schnee geeilt, eine läuft auf das Wohnmobil zu, eine kommt zu mir. Mein Exemplar ist ein junger Deutscher, der fröhlich strahlt und der plaudert, als wäre hier der normalste Tag auf dem Camino. Er erzählt mir, dass er mit einem spanischen Pfarrer unterwegs ist, und beide wiederum mit der Schwester des Pfarrers im Begleitfahrzeug, besagtem Wohnmobil. Sie haben immer Handykontakt und können sich umziehen oder aufwärmen, wann immer sie wollen. Nur gelaufen wird strikt selber. So kommt auch der Pfarrer dann irgendwann wieder aus dem Wohnmobil und wartet mit uns auf Wetterbesserung. Mittlerweile haben auch ein polnischer Vater und Sohn sowie ein italienischer Radpilger Schutz unter der Überdachung gesucht, und ich bin deutlich erleichtert. Vor allem der Italiener ist gar nicht glücklich mit dem Wetter, er findet es sehr gefährlich, aber nachdem ich jetzt nicht mehr alleine bin, ist mir das alles ziemlich egal.

Die beiden Herren mit Begleitfahrzeug wollen sich entlang der Fahrstraße auf den Weg machen, und ich sehe es als meine Chance, mich da anzuhängen und in sicherer Begleitung bis Manjarín mitzulaufen. Trotz Schneesturm brechen wir zu dritt auf. Der spanische Pfarrer ist halb so groß und doppelt so alt wie wir, aber er schlägt ein unglaubliches Tempo an. Muss man auch, denn es ist extrem kalt. Der Schnee kommt einem horizontal wie in großen Platten entgegen, ich muss mich alle paar Meter schütteln, um eine Schneeschicht von meinem Bauch zu bekommen. So gut meine Regenjacke bisher auch mitgemacht hat, hier ist nach wenigen Minuten Ende. Zu meiner Kapuze und am Hals kommt Schnee herein und fließt mir eiskalt in die unteren Schichten. Meine Hände sind feuerrot und nass, genauso wie die Ärmel meiner Jacke und meiner beiden Fleecejacken darunter. Ich trage im Moment alles Warme am Körper, und alles wird patschnass. Der Deutsche neben mir ist interessiert um Konversation bemüht, aber ich kann jetzt beim besten Willen nicht reden. Ich versuche, die Straße im Auge zu behalten und gleichzeitig mit tief gesenktem Kopf nicht allzu viel Schnee in die Augen und Jacke zu bekommen. Meine Gedanken kreisen absolut panisch um Erfrierungstod oder zumindest Lungenentzündung.

Als rechts von der Straße Manjarín auftaucht, setze ich alles auf eine Karte und biege ab. Wenn diese Herberge nun auch geschlossen ist, bin ich aufgeschmissen, denn so schnell wie wir gelaufen sind, sind die beiden anderen nach einer halben Minute schon in uneinholbarer Entfernung. Und allein kann ich das nicht laufen, ich bin schon in heller Aufregung gewesen auch mit der an sich tröstlichen Gesellschaft eines Pfarrers und Begleitfahrzeugs. Die Herberge ist dunkel, und mein Klopfen hallt ebenso dunkel ins Nichts. Nach einigen endlos schweren Sekunden öffnet sich die Tür dann doch – und für den ersten Moment bin ich selig.

Von Tomás, dem berühmten Hospitalero und Tempelritter in einem, habe ich schon viel gehört. Jetzt so in meiner verzweifelten Stimmung wirkt er etwas einschüchternd auf mich. Er zeigt mir einen Ofen in der Mitte des Raumes, an den ich mich setzen soll, und verschwindet murmelnd in einem anderen Raum. Die Herberge wird in Führern liebevoll von „einfach“ bis „speziell“ beschrieben. Die einzige Beleuchtung in Form einer Lampe von der Stärke eines Glühwürmchens lässt erahnen, dass sich in dem Raum entlang der Küchenflächen etwa 50 ungespülte und übereinandergestapelte Gedecke türmen. In der Spüle steht eine große Plastikwanne mit einer Flüssigkeit, die sowohl zum eventuellen Abspülen als auch gleichzeitig für alles andere dient, z.B. als Hundetränke und zum Händewaschen.

Es klopft an der Tür, und die beiden Polen kommen, um sich aufzuwärmen. Sie haben überhaupt keine Regenausrüstung, nicht mal eine Regenjacke, und auch nur Turnschuhe. Sie sind also noch verfrorener als ich und ebenso verzweifelt. Vermute ich zumindest, als der eine seine nassen Sachen direkt auf den heißen Ofen legt, „Hauptsache, sie werden trocken“, obwohl es ungut riecht und dem Material wohl eher weniger zuträglich ist. Ich bin erleichtert über die Gesellschaft, aber sie wollen nicht übernachten, sondern weiter, sobald es ihnen wieder etwas wärmer ist. Sie wollen bis runter ins Tal, entlang der Fahrstraße. Diese Möglichkeit kommt für mich nicht in Frage. Zum einen ist es noch richtig weit, mehrere Stunden, ich habe keine Ahnung, wie lang die Fahrstraße noch extra ist, es wird schon langsam dunkel, ich bin eh schon patschnass und eiskalt, und ganz abgesehen davon ist das die beste Strecke vom ganzen Camino, und die möchte ich sicher nicht im totalen Blindflug und in Erfrierungshalluzinationen zurücklegen.

Nachdem ich übernachten will, zeigt mir Tomás das Schlafgebäude. Eigentlich recht hübsch in einem Steinhaus mit (Natur-)Steinboden, dadurch natürlich reichlich kalt, aber stolz zeigt mir Tomás seinen neuen Ofen, den er dann auch extra für mich anfeuert. Etwas skeptisch macht mich höchstens sein Welpe, der, nass wie er ist,  begeistert auf allen Matratzen und auf meinen Sachen herumspringt. Ich versuche gerade das Beste aus der Lage zu machen, als Tomás schon wiederkommt mit drei Schwestern im Schlepptau, die hier auch schlafen wollen. Im ersten Moment bin ich erleichtert, allerdings sammeln sie bereits eine viertel Stunde später alles wieder ein, nachdem die eine die Freilufttoilette inspiziert hat und absolut geschockt stammelt, dass sie hier nicht bleiben kann.

So bin ich also wieder allein, noch dazu ist der Ofen auch gleich wieder ausgegangen, und in dem Steinhäuschen herrschen die gleichen Temperaturen wie draußen. Meine nassen Sachen hängen quer durch den Raum verteilt, aber wovon sollen sie trocknen. Zwar habe ich im Moment meine Zweitgarnitur an, ein trockenes T-Shirt und eine trockene Hose, aber ohne Fleecepulli ist es kalt, und um in das Haupthaus zu kommen, muss ich durch einen matschigen Hof und bin bei der aktuellen Lage gleich wieder nass.

Ich entscheide mich für Haupthaus und den warmen Ofen, allerdings ist es mit Tomás mühsam. Er redet von sich aus nichts, ich komme mir irgendwie wie ein Störfaktor vor. Wenn ich etwas frage, brummelt er eher missmutig eine Antwort. Er redet von Energien, die er spüren kann, manche Pilger hätten gute und manche schlechte, und guckt mich grimmig an. Er meint, 2012 würde die Welt untergehen. Mir macht das alles in meiner momentanen Situation einfach nur Angst, ich verstehe sein Spanisch kaum, ich verstehe nicht, was er mir sagen will oder was ich machen soll. Er sagt, um 8 gäbe es Abendessen. Das ist ja nett, aber ich weiß nicht, ob ich helfen soll oder kann, sitze also nur untätig dumm rum und fühle mich total beschissen.

Das Abendessen ist eine Suppe, von der ich lieber nicht wissen will, ob die Grundlage auch aus der Allzweckplastikschüssel kommt. Der Hund schlabbert vorher aus den Tellern und als die Suppe drin ist. Ich bin an sich nicht übermäßig heikel, aber vermutlich hätte mich das unter normalen Umständen eher gestört. Im Moment bin ich aber wie narkotisiert, fühle mich hilflos und ausgeliefert und hoffe einfach nur irgendwie, dass das rumgeht bzw. Tomás nicht mit mir böse ist. Irgendwann brummelt er etwas von seinem Hund (er hat viele), der weggelaufen ist, und geht raus. Ich sitze noch eine Weile, irgendwann kommt ein Mann, der Gemüse bringt und nach Tomás fragt. Ich habe aber auch keine Ahnung, wo der ist, nutze aber die Chance, das Haupthaus zu verlassen, solange mir jemand hilft, die Türen so zu öffnen und zu schließen, dass das restliche Heimtierarsenal nicht auch noch begeistert wegläuft.

Die Schlafhütte ist an sich romantisch und nett, denkt man an Sommer und eine lustige Mischung netter Mitpilger, die vielleicht auch noch Spanisch können. Tomás ist ja schließlich auch ein netter und interessanter Mensch, wenn er einen nicht gerade in einem Moment erwischt, in dem einem alles und jedes Angst macht. Aber jetzt so allein bei Eiseskälte ist die Hütte der Horror. Es gibt eine dicke Holztür, zum Glück mit einem tollen, schweren Riegel, den ich erstmal begeistert vorschiebe. Aber über und unter der Tür sind schlappe 20 cm Luft, draußen hört man Hunde und sonstiges; was Getier angeht könnte ich wahrscheinlich genauso gut draußen schlafen. Und hier ist ja nichts Dorf oder so, sondern wildlife at its best.

Ich schnappe mir alle 7 Decken. Ich bin eiskalt, mein Schlafsack ist eiskalt, die Decken sind eiskalt. Meine Wasserflasche neben mir beschlägt schon. Ich bin in einer ganz merkwürdigen Stimmung. Ich kann mir nicht mehr vorstellen, dass es ein paar Kilometer weiter ein anderes Leben gibt, ich erinnere mich nicht an Herbergen und Freunde, die Geborgenheit von Astorga. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es ein Morgen gibt. Ich kann nicht mal mehr vernünftig denken, ich fühle mich so hilflos und schicksalsergeben. Dieser Wetterumschwung hat mich in doppelter Hinsicht geschockt. Ich wollte meinen Stein niederlegen, mit Gebeten und Wünschen. Am liebsten hätte ich in diesem Moment, wie so oft, einen Regenbogen oder einen Sonnenstrahl gehabt, der mich dann vollends in Tränen der Rührung hätte ausbrechen lassen. Statt dessen hat mir die höhere Instanz ein Unwetter geschickt und bestraft mich mit dieser Herberge (anders kann ich das im Moment nicht sehen). Ich kann nicht mal mehr beten, dass ich diese Nacht gut überstehe, ich habe das Gefühl, dass derjenige gerade sehr genau mein Schicksal im Auge hat, sowieso seine Pläne mit mir hat, die er durchsetzt – und es zieht mir jeglichen Boden unter den Füßen weg, dass ich momentan das Gefühl habe, dass er mir gar nicht wohlgesonnen ist.

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Der Morgen beginnt etwas unerfreulich. Gestern noch ein kleiner morgendlicher Käfer, heute der ein oder andere juckende rote Fleck. Aus Erfahrung ahne ich, dass es sich um Bettwanzen handelt. Meine Begeisterung hält sich in Grenzen, aber solange die Herrschaften in dem Bett geblieben sind und sich nicht in meinem Rucksack verkrochen haben, soll es mir kein Drama sein.

Ab Rabanal geht es ordentlich den Berg hoch, durch einsame Dörfer, umrankt von Schauergeschichten von Hape Kerkeling über wilde Hunde. Vor Hunden habe ich so oder so schon ziemlichen Respekt, trage meiner straffen Gewichtsplanung zum Trotz einen Pfefferspray mit mir herum und sehe dem großen Abenteuer mit gemischten Gefühlen entgegen. Bei Sonnenaufgang überwiegt dann aber doch die Freude auf die Berge, dort bin ich richtig zu Hause, dort bin ich belastbar und kann meinem Körper voll vertrauen und mich auf meine Kondition verlassen.

Auf der Straße richten die beiden Belgierinnen ihre Satteltaschen, Leuchtwesten und Helme. Wir wünschen uns herzlich einen guten Weg, und ich denke noch einige Minuten darüber nach. Pilger sind höflich und man wünscht jedem einen guten Weg, aber selten hatte ich das Gefühl, dass so viel in den Worten mitschwingt.

Einen guten Weg wünsche ich schweren Herzens auch meiner kleinen Kanadierin. Schon gestern konnte sie abends kaum mehr auftreten. Bei diesem Abschied weiß ich, dass ich sie abends nicht mehr in der Herberge treffen werde und wir uns nicht mehr wiedersehen werden. Ich bringe nicht den Mut auf, sie nach ihrer Email zu fragen und damit zuzugeben, wie ich ihren Zustand einschätze und dass ich nicht auf sie warten werde. Ich bin sicher, dass sie sich notfalls auf den Händen nach Santiago durchkämpfen wird. In meinem Herzen trage ich sie immer bei mir als meinen Engel der ersten Tage.

Bei strahlendem Sonnenschein stapfe ich munter den Berg hoch. Es ist noch kühl und einfach schön. Nach einiger Zeit radelt es auf der Straße parallel zu meinem Weg – es sind die Belgierinnen, und wir winken uns begeistert zu. Unsere Wege kreuzen sich noch oft auf dem Aufstieg, wir winken wie die Weltmeister und holen wahrscheinlich alles nach, was die Mädels in den vergangenen Tagen an überraschenden Wiedererkennungen auf dem Weg vermisst haben. Und es ist ein beflügelndes Gefühl, ebenso schnell wie die Fahrräder den Berg hinauf zu fliegen.

Die einsame Stadt voller Ruinen und wilder Hunde ist natürlich gar nicht einsam, und einmal kommen mir zwar große Hunde entgegen, sie trotten aber völlig ungerührt den Weg entlang und nehmen nicht mal Notiz von mir, die respektvoll einen Meter zur Seite tritt. Trotzdem ist Foncebadón beeindruckend und mystisch, und von der Höhe hat man eine schöne Aussicht.Der Weg ist wunderschön einsam, ich sehe vor und hinter mir niemanden. Hohes, weißgelbes Gras wogt um den schmalen Pfad, Heidekraut und Ginster setzen Farbakzente. Ich fliege dahin, schwinge kraftvoll die Flügel, ich lebe.

Ich erreiche das Cruz de Ferro, einen Punkt, auf den ich mich im Vorfeld auch sehr gefreut habe. Das Gebet, welches man am Kreuz und Steinhaufen mit Beiträgen aus aller Welt zu beten hat, während man seinen Stein niederlegt, lautet: „Herr, möge dieser Stein, Symbol für mein Bemühen auf meiner Pilgerschaft, den ich zu Füßen des Kreuzes des Erlösers niederlege, dereinst, wenn über die Taten meines Lebens gerichtet wird, die Wagschale zugunsten meiner guten Taten senken. Möge es so sein“.

Das Kreuz ist gut besucht, jeder Pilger scheint dort Rast zu machen, lässt das berühmte Foto von sich machen und legt seinen Stein nieder. Trotz des Trubels kann ich mich konzentrieren und meine Gedanken an den lieben Gott richten. Das Gebet bewegt mich sehr, ebenso das Kreuz an sich. Neben einigem Plunder hängen viele Fotos und tiefchristliche Bitten. Ich kann mir vorstellen, welch Sorgen sich um manche der Personen auf den Fotos ranken und mit welch schwerer Last hier viele gestanden haben. Viele, die wirklich das Gefühl hatten, diesen Stein ablegen zu müssen, um glücklich zu werden und um Glück zugeteilt zu bekommen. Viele, die darin Vertrauen setzen. Die glauben, dass an diesem exponierten Pfahl, unter diesem Kreuz, der Herr näher ist und ihre Bitten besser hören kann. Die keinen anderen Ausweg mehr sehen, als Gott um Hilfe zu bitten und ihre Geschicke lenken zu lassen.

Und in diesem Moment erscheint mir das rein überhaupt nicht abwegig. Vor einem Jahr bin ich den Weg sportlich und kulturell motiviert gelaufen, und hier stehe ich nun, mir laufen die Tränen und ich bin tief bewegt. Schon seit Tagen kann ich in guten Momenten meine Gedanken an Gott richten, aber mein Leben lang habe ich sie wie als Kind in den endlosen, schwarzen Himmel geschickt. Hier stehe ich nun und denke meine Gedanken, als säße Gott keine 2 Meter von mir entfernt. Ich sehe ihn gefühlsmäßig vor mir, wie er mir zuhört und mich wortlos anschaut, vielleicht schmunzelt und mir sagen will „wie konntest Du denn an mir zweifeln?“ oder „hey, ich bin doch immer bei Dir, wenn Du mich brauchst“.

Freudenschreie reißen mich aus meinen Gedanken. Die Nachzüglerschwester ist mittlerweile eingetroffen und hat einen Zettel von ihren Schwestern gefunden. Sie sind einen Tag vorher hier vorbeigekommen, und sie ist komplett aus dem Häuschen, dass sie nur einen Tag vor ihr liegen, in greifbarer Nähe, und an sie denken.

Die Belgierinnen kommen angeradelt, ich nehme ihr Erinnerungsfoto auf. Obwohl es anschließend abwärts geht und sich unsere Wege definitiv trennen, wollen sie noch meinen Namen wissen. Ich bekomme wieder ein sehr herzliches „buon camino“, diesmal mit meinem Namen, und bin rundum glücklich wie schon lange nicht mehr.

Der Abstieg wird beschwerlich. Es ist heiß, man steigt über Felsen und Geröll, meine Vorräte gehen zur Neige und ich werde unkonzentriert. Mit jedem Abstieg spüre ich meine Knie, ich denke an die Kanadierin und die gehunfähigen Frauen in Astorga. Ich gebe mir Mühe, meine Stöcke einzusetzen und mich zu konzentrieren, aber der Weg ist endlos, und ich bin sehr froh, als ich wieder die ersten Dörfer erreiche, ohne gestürzt zu sein. Ein Mercado hat offen, ich kaufe glücklich meine Standardkost, eine große Wasserflasche, 2 Bananen, Brot und Käse.

Ich bin ziemlich erledigt, als ich nach fast 30 Kilometern samt Bergüberquerung mein Ziel Molinaseca erreiche. Aber zum ersten Mal habe ich das Gefühl, auch wirklich etwas geleistet zu haben.

Ich tätige meinen Standardanruf zu Hause, 50 Cent, um zu hören, dass bei meiner Familie alles okay ist, und um meine besorgte Mutter zu beruhigen. Mit gutem Gewissen kann ich meinen eh schon beschlossenen Standardsatz bringen „bin gesund, Wetter fein, ganz viele nette Leute, niemand Gefährliches, Laufen problemlos“.

In der Herberge fragt der Herbergsvater (auch wieder ein überzeugter Nur-Spanisch-Sprecher) nach Blasen. Ich weiß nicht so recht, ob man mit Blasen keinen Einlas bekommt oder Socken tragen muss oder warum er es wissen will. Ich zeige meine zwei kleinen Bläschen und er stürzt begeistert davon. Nur 5 Minuten mit dem Auto zu seiner anderen Herberge. Ich kapiere nichts und hoffe nur, jetzt nicht irgendwas angerichtet zu haben. Er kommt wieder mit einem riesigen Verbandskasten und beginnt, Kanülen in meine Blasen zu stecken und Jodlösung hineinzubugsieren. Er erzählt, dass er die Herberge seit 15 Jahren hat und der Experte ist im Blasen heilen. (Aha, ein medizinisch Bewanderter also). Er hat auch noch die schicke Herberge auf der anderen Straßenseite, aber er mag lieber den Spirit hier, das Puristische, das Echte. Obwohl mir gerade mehr als schlecht wird mit all den Kanülen in den Füßen, ist er mir sehr sympathisch. Nicht jeder versteht meine Gefühle, meine Gedanken, meine Faszination. Ich denke an den aktienverrückten Superman und den bayrischen Informatiker und weiß, dass ich selbst in 4 Wochen Camino keinerlei Seelenverwandtschaft entdecken könnte. Aber der Herbergsvater hier ist selber 20 Mal den Weg gelaufen und hängt furchtbar gern unter den Pilgern ab.

Als ich ihm interessehalber meine roten Stellen zeige und wissen will, ob es Flöhe oder Wanzen sind, wird er sehr unruhig und verlangt sofort meine Sachen zu sehen. Er inspiziert akribisch den gesamten Rucksack, jede Socke, jede Naht des Schlafsacks, will wissen, was ich wann getragen habe und ob irgendwo noch mehr ist. Mir wird überaus mulmig und ich hoffe nur, dass er nichts findet und vollends in Panik ausbricht. Auch die interessierten Mitpilger in der Herberge gucken mich schon ganz und gar unfreundlich an. Aber er findet nichts, ist erleichtert (und ich erst!) und erzählt, dass in den letzten Tagen schon mehr dieser Art passiert wäre. Er will genau wissen, wo ich war und wo nicht und will herumtelefonieren, damit die entsprechenden Herbergen desinfizieren und sich die Wanzen nicht weiter verteilen. Ich verstehe seine sehr plastische Schilderung mit wilder, verzweifelter Gestik, dass mit nur einer Bettwanze nach ein paar Wochen Hunderte, Tausende, Millionen schlüpfen. Trotz grünem Licht für meinen Rucksack ist mir jetzt ordentlich mulmig. Weder will ich seine geliebte Herberge verwanzt haben noch freue ich mich auf Hunderte, Tausende, Millionen in meiner Wohnung in Deutschland.

Mein heutiges Dosengerichtchen ist supereklig, und in der Herbergsküche macht sich eine große Gruppe breit. Alle sind nett, kennen sich aber untereinander, haben genug Kontakt mit sich selbst und sind also nicht so recht offen für neue Kontakte. Ich bin eingeschüchtert und fühle mich etwas fehl am Platz. Der Hospitalero kommt abends noch, setzt sich zu mir auf die Stufen und erzählt vom Pilgern, seinen Idealen, der Faszination. Es ist wunderschön, und vor allem toll, dass ich doch eigentlich kaum Spanisch verstehe, ich aber das Wesentliche voll erfasse.

Ebenso nicht zu der großen Gruppe gehören zwei bildhübsche Italienerinnen. Erstaunlicherweise sind sie höchst erfreut über meine Kontaktaufnahme und unheimlich nett. Bzw. eine kann leider kein Englisch und auch sonst wieder nichts außer Italienisch. Sie sitzt höflich freundlich lächelnd dabei, aber versteht ja kein Wort. Mir ist das furchtbar unangenehm, aber sie wirkt schicksalsergeben und nicht unglücklich.

Ich bekomme etwas Kopfweh und mache mich zeitig auf in den gemütlichen und wirklich urigen Schlafsaal. Beim Zähneputzen erwischt mich der allgegenwärtige Chef des Hauses besorgt und erkundigt sich, ob alles okay ist. Sofort will er wieder den Koffer holen gehen, um mich mit Kopfschmerztabletten zu versorgen. Ich bin gerührt über so viel Engagement für die Pilger und schlafe heute sehr zufrieden und wie immer sehr „reich“ ein.

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