Feeds:
Beiträge
Kommentare

Archive for Mai 2008

Man merkt deutlich, dass es auf Santiago zugeht. Ich fühle mich schon nicht mehr wie auf dem Camino, sondern einfach kurz vor dem Ziel. Landschaftlich geht es flach und unspektakulär, und die vielen Kurzstreckenpilger lassen einen das wirkliche Pilgergefühl auch vergessen. Zur Mitte des Caminos haben viele das Gefühl, gar nicht mehr aufhören zu wollen, und können sich schwer vorstellen, wie ein Leben nach dem Camino aussieht. Aber sowohl bei mir als auch den wirklichen Langstreckenpilgern ist so langsam ein Punkt erreicht, an dem das Ziel so nah ist, dass man jetzt einfach ankommen will.

So habe ich auch meine Überzeugung über Bord geworfen, rigoros allein laufen zu wollen, und so freue ich mich, als ich auf halbem Wege Bärbel begegne. Wir laufen zum ersten Mal zusammen weiter, und es fühlt sich nicht schlecht an. Kurz vor unserem heutigen Etappenziel Pedrouzo treffen wir auf Andi, den plötzlich so richtig der Santiagokoller überkommen hat und der (ähnlich rot wie Sun gestern) statt Ausruhen in der Herberge den Overkill plant und heute bis Santiago oder zumindest dem Monte de Gozo will. Mich lässt das sehr kalt, habe ich doch auf halber Strecke meinen beruhigenden Zeitplan festgesteckt, und der sieht heute nun mal Pedrouzo, morgen den Monte de Gozo und sogar dann erst Santiago vor. Was soll ich plötzlich mit zwei gewonnenen Tagen, und warum soll ich mich hier von Gruppendynamik anstecken lassen. Ich genieße doch so sehr meine Unabhängigkeit und Selbstbestimmtheit.

Mit Bärbel warte ich (zusammen mit ungefähr 100 anderen Pilgern) auf das Öffnen der Herberge. Ich habe Glück, bekomme ein wunderschönes Nicht-Stockbett und stoße zufällig auf ein richtiges Badezimmer, anstatt mich in das koordinative Chaos bei den Duschen zu stürzen. Wie in der öffentlichen Herberge in Palas de Rei gibt es auch hier wieder die genialen Konstruktionen, bei denen man einfach alles sieht, sodass ein selbstloser Pilger der Franzosengruppe wie ein Verkehrslotse fungiert, die ankommenden männlichen Pilger nach rechts schickt und seinen Damen links eine weitgehend entspannte Dusche ermöglicht.

Ich habe mich fast schon damit abgefunden, dass die Herbergen in Galizien zwar große Küchen haben, aber keinerlei Utensilien. Umso mehr freue ich mich, als hier nicht nur ein riesiger Speisesaal zur Verfügung steht, sondern auch eine riesige, toll ausgestattete Küche. Der Supermarkt ist auch gleich nebenan und meine geliebte Paella-Tiefkühlpack-Grundausstattung sofort erstanden.

Am späteren Nachmittag kommt auch Sun wieder angestolpert, und als ich mit ihr und Bärbel vor der Herberge auf einer Bank in der Sonne sitze und um uns herum eifriges vor-Santiago-liches Adressenaustauschen beginnt, werfe ich eine weitere Grundüberzeugung über Bord, nämlich im Urlaub nie Adressen auszutauschen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man sich im Urlaub wunderbar versteht, enthusiastisch Adressen austauscht, sich ewige Treue (sowie dauernde  Emails) verspricht, Fototreffen plant… – und zu Hause dann feststellt, dass ohne das vereinende Urlaubserlebnis rein gar nichts verbindet, die Person sich in Emails völlig langweilig anhört und man das Gefühl hat, an irgendetwas festhalten zu wollen, was einfach schon vorbei ist. So strahlen mir aus zahlreichen Adressbüchern Namen entgegen, mit denen mich statt der Erinnerung an gemeinsame tolle Zeiten eher ein schlechtes Gewissen, eine Bedrücktheit oder Enttäuschung verbindet. Seit zwei Jahren habe ich also keine Adressen mehr ausgetauscht und bin damit gut gefahren. Einfach die wehmütige und doch schöne Erinnerung, was diese lieben Personen jetzt wohl machen und dass man es ja leider nie herausfinden wird.

Nach meinem Fast-Verlust von Bärbel und Andi habe ich bereits angefangen, diesen Vorsatz etwas aufzuweichen, und so tausche ich nun mit Bärbel und Sun Emailadressen und Versprechen, uns sofort zu Hause auf Immerdar zu schreiben. Die Nähe zu Santiago bewirkt komische Dinge.

Advertisements

Read Full Post »

Erst am Morgen entdecke ich, dass die Herberge sogar über einen großen Aufenthaltsraum verfügt. Ich hätte also gar nicht den ganzen Tag frustriert auf meinem Bett hocken müssen.

Heute bin ich sehr geläutert und freue mich vor allem ganz unheimlich auf meine deutschen Freunde. Ich laufe schnell, weil ich sie einen Ort vor mir weiß und einzuholen hoffe. Ich laufe auch wieder im Dunkeln los, aber im Gegensatz zu gestern ist es heute deutlich angenehmer. Kein Gewitter, kein Nebel, und nachdem sich zwei andere Pilger, glücklich über meine Lampe, in meinen Windschatten gehängt haben und mein strammes Tempo mitgehen, bin ich nicht allein und mache mir auch bei unheimlichen Geräuschen keine Sorgen.

Das Wetter ist noch nicht sehr stabil, kurz vor Mélide wird es auf einmal windig, im Hintergrund donnert es wieder, und als ich mich nach hinten umdrehe, sehe ich eine dunkelgraue Wolkenfront aufziehen. Nach ein paar Minuten brauche ich mich nicht mal mehr umzudrehen, um das Schlamassel zu sehen. Auch rechts und links von mir ist es überaus schwarz. Und passend zu meiner Angst vor Gewittern und zu meiner blühenden Phantasie befinde ich mich natürlich auch jetzt wieder auf freiem Feld, weit und breit keine anderen Opfer für ziellose Blitze, und Mélide ist zwar in Sicht, aber noch viel zu weit weg. Im Hintergrund setzt ein Platzregen ein, es donnert und windet. Ich schaue mich nicht einmal mehr um, sondern laufe so schnell wie es geht, bevor mich das Gewitter einholt.

Es geht durch den „Wald der Pilger“, wie ich im Vorbeilaufen sehe. Der Weg geht schnurgerade, ist parkähnlich angelegt und wird von kleinen, liebevoll gepflanzten Bäumchen eingerahmt. Auf Tafeln stehen Namen; ich vermute, hier geht es um verdiente Pilger.

Faszinierenderweise tobt um mich herum das schlechte Wetter, rechts und links von mir höre ich den Regen herunterprasseln. Aber mein Weg durch den Pilgerwald bleibt von Anfang bis Ende sonnendurchflutet und trocken. Nachdem meine Stimmung die letzten Tage moderat war und ich mich zwischenzeitlich ein wenig allein gelassen gefühlt habe, ist der Effekt jetzt unglaublich. Ich fühle mich, als würde jemand seine große Hand genau über mich halten, gerade die Regenwolke über mir ein bißchen zur Seite schieben und mich mal wieder daran erinnern, dass ich doch jederzeit Beistand bekomme, wenn ich allein nicht mehr weiter will oder kann. Dieser Jemand schickt mir dann auch noch einen gewaltigen Regenbogen vor dem dunklen Himmel, und wenn ich nicht meinen Foto gezückt hätte, würde ich mir dieses Erlebnis heute selber nicht mehr glauben.

Ich bin also wieder mit mir und der Welt im Reinen, als ich gutgelaunt zwei Kurzstreckenpilger überhole, die fein herausgeputzt und in Turnschuhen den Weg entlangstaksen. Als diese mich mit Namen begrüßen, stehe ich erst gehörig auf dem Schlauch, bevor ich die zwei Italienerinnen aus Molinaseca wiedererkenne. Ich hätte sie hinter mir vermutet und bin beeindruckt, dass man ein ordentliches Pensum laufen und dabei noch wie aus dem Ei gepellt aussehen kann (was ich von mir definitiv nicht behaupten kann).

Sie haben die Nacht in Casanova verbracht, dem Örtchen, wo auch Andi hinwollte. Als ich seine Beschreibung durchgebe und nachfrage, bestätigt mir die englischsprachige Italienerin begeistert seine Anwesenheit. Und die andere Italienerin gibt eifrig zu übersetzen, dass da auch noch zwei andere Deutsche gewesen wären. Bei mir überschlägt sich alles, und ja, es sind meine beiden anderen Caminofreundinnen gewesen. Und wie auch die Italienerinnen (und ich) wollen sie heute alle bis Ribadixo. Ich bin wieder wunschlos glücklich und stürme voller Vorfreude weiter.

Die Herberge in Ribadixo ist noch geschlossen, vor dem Eingang hat sich aber schon eine Pilgerschlange gebildet. Zu meiner Überraschung ist zwar schon die kochende, französische Frühaufstehertruppe da, meine Herrschaften fehlen aber noch. Ich habe sie wohl, ohne es zu merken, auf dem Weg überholt. Andi nennen wir nicht umsonst „Bocadillo-Andi“, er kann an keiner Bar vorbeigehen und gerät richtig in Verzückung, wenn er von seinen Bocadillos schwärmt.

Während ich auf die Öffnung der Herberge warte, halte ich in freudiger Erwartung den Camino im Auge. Aber niemand kommt, sodaß ich erstmal einchecke, dusche und wasche. Weiterhin in freudiger Erwartung setze ich mich auf eine Bank mit Blick auf den Weg, aber zwar kommen haufenweise Pilger, nur meine nicht. Die Italienerinnen treffen ein sowie zwei hinkende Schwedinnen. Sie sprechen mich an und danken mir für das Licht heute morgen. Ich kombiniere, dass das wohl die beiden fixen Gestalten heute morgen waren. Mir tut es leid, dass ich so schnell gegangen bin. Offensichtlich haben sich die beiden bei dem Tempo gründlich übernommen, aber zu sehr Angst vor der Dunkelheit ohne Lampe gehabt, als den Kontakt verlieren zu wollen. Hätten sie doch etwas gesagt!

Noch immer behalte ich den Camino im Auge, aber nach nunmehr mehr als 2 Stunden ist von freudiger Erwartung nicht mehr viel geblieben. Es dämmert selbst mir so langsam, dass selbst Andi nicht so viel Zeit mit Bocadillos vertrödeln kann, und dass ich sie endgültig verloren habe.

Immerhin taucht jetzt am Horizont inmitten der deutlich langsameren Pilger eine mir bekannte Silhouette auf. Niemand sonst trägt zu seinem Rucksack noch einen zweiten kleinen Rucksack auf der Brust als meine koreanische Sun. Dieser Bauchsack kombiniert mit ihrem spanischen Touristensonnenhut, der ihr bis auf die Nase reicht, vervollständigen den Wiedererkennungseffekt. Die Gute sieht nämlich überhaupt nichts, folglich tastet sie sich stolpernd vorwärts und legt alle 20 Schritte den Kopf weit in den Nacken (natürlich schräg, wie es ihre Art ist), um unter dem Hut hervorzulinsen und die nächsten Meter abzuchecken.

Begeistert sprinte ich halsbrecherisch in meinen Flipflops das Kopfsteinpflaster hinunter, um sie willkommen zu heißen. Sie guckt mich an, als käme ich vom Mond. Sie ist knallrot, dem Hitzschlag nah und auch mit Kopf im Nacken nicht mehr ganz klar. Sie radebrecht, dass sie noch eine Station weiter will. Es ist wohl nicht mal Egoismus, als ich ihr klarmache, dass sie da auf keinen Fall weitergeht. Und sie ist auch recht fix zu einem schiefgelegten „maybe stay here“ zu bewegen.

Ich bin überglücklich über die Gesellschaft einer liebgewonnenen Freundin und kann endlich die schöne Herberge aus vollem Herzen genießen. Sie liegt in einem Tal an einem kleinen, idyllischen Fluss. Die Sonne scheint und man kann die heißen Füße von einem Mäuerchen direkt in das wunderbar kühle Nass hängen.

Einen kleinen Haken hat die Sache allerdings, das Örtchen ist so einsam, dass es keinen Supermarkt gibt. Zwar habe ich noch einiges an „emergency food“, haufenweise Zeugs gegen plötzliche Verhungerungsanfälle, aber mein Wasser wird knapp, und auf 7 Müsliriegel zum Abendessen habe ich auch nicht so richtig Lust. Der nächste Ort ist 3 1/2 km entfernt, und der Gedanke an den dortigen Supermarkt läßt mich einfach nicht los. Nachdem Sun auch ein Selbstversorger ist und sie so fertig ist und bestimmt die Krise kriegt, dass es hier nichts gibt, schrecke ich sie aus ihrer üblichen meditativen Gesichtspflege, um ihre Wunschliste aufzunehmen. Beim Wort „supermercado“ erwachen ihre Lebensgeister und sie produziert ein „maybe I come with you“. Und trotz deutlicher Schilderung der Lage ist sie davon nicht abzubringen. Und während sich die letzten Pilger völlig fertig und schweißüberströmt in die Herberge schleppen, machen sich zwei verrückte Pilgerinnen auf, 7 km nur wegen eines Einkaufes dranzuhängen.

Sun trägt Flipflops, und als ich sie drauf anspreche, dass ich das toll finde, dass Asiaten damit so gut laufen können auch im Alltag (ich stolpere damit ja schon schier beim nur Duschen), ist sie überrascht und meint, nein, sie würde damit eigentlich sonst nie laufen. Halleluja, wir rennen gerade einen Berg hoch, mit mir eine völlig kaputte Koreanerin, die statt Wanderschuhen ihre Duschausstattung trägt.

Wir erreichen wirklich den Ort und brechen förmlich in Jubel aus, als auf der anderen Straßenseite das Logo unseres gemeinsamen Lieblingssupermarktes auftaucht. Und an der Tür, mir verschlägt es den Atem, stoßen wir förmlich mit zwei Pilgern zusammen. Und es sind Bärbel und Andi. Wahnsinn. Sie sind in dem Ort untergekommen, wollten wohl nie wirklich nach Ribadixo, und Bärbel meint etwas verschnupft, dass sie nach meiner Ansage in Portomarin dann auch dachte, es wäre besser, mich nicht zu stören. Ich verstehe nicht so wirklich. So langsam bekomme ich aus ihr heraus, dass ich offensichtlich gesagt habe, dass sie mir auf den Geist geht. Ich erinnere mich absolut nicht daran. Wohl wahr, dass ich die vergangenen Tage ab und zu gedacht habe, dass es mir zu deutsch und zu eng ist, aber gesagt habe ich es meines Wissens nie, und zudem auch sicher nicht, dass Bärbel an sich mir auf den Geist geht. Das Ganze tut mir ganz furchtbar leid, aber immerhin wollen alle morgen nach Pedrouzo, und da treffen wir uns dann wirklich wieder. Ich bin ganz unglücklich, die beiden wieder so schnell ziehen zu lassen, zumal es mich schwer beschäftigt, dass Bärbel nun zwei Tage so einen Müll von mir gedacht hat und sich wahrscheinlich schlecht gefühlt hat.

Der Siegeszug heim mit Sun heitert aber wieder auf. Wir tragen jeder 3 Beutel, das Gewicht dürfte mehr sein, als wir sonst im Rucksack haben. Wir sind euphorisch ausgelassen über unseren Einkauf und über unsere Verrücktheit, es verbindet enorm. Immer noch taumeln einige Pilger den Berg hoch, während wir beschwingt in die andere Richtung kichern. Einige schauen uns an wie nicht mehr ganz dicht (womit sie recht haben können).

Wir genießen ausgiebig unser Abendessen, und endlich schlafe ich mal wieder rundum versöhnt ein.

Read Full Post »

Meine Laune hat sich auch über Nacht nicht gebessert. Bereits kurz nach 6 Uhr herrscht die schlimmste Jugendherbergsatmosphäre, alles lärmt und lacht und klappert und raschelt. Ich breche mein Frühstück mittendrin ab und lasse eine etwas überraschte Bärbel zurück, die meinen Gruppenkoller hoffentlich versteht.

Draussen ist es stockfinster, einige Pilger halten unter dem Vordach Krisensitzung, denn es regnet und gewittert. Ich erinnere mich an die beeindruckenden Worte einer früheren Miturlauberin in Schweden, die mit mir bei strömendem Regen durch den Matsch stapfte und auf ihren Freund schimpfte, der lieber im Trockenen geblieben war: „wir sind doch nicht aus Zucker!“. Ich bin also nicht aus Zucker und kein Pilgerweichei, was kümmert mich Regen, ich habe doch alles in meinem großen Rucksack dabei (Regenjacke, Regenhose, Rucksackhülle). Was kümmert mich Dunkelheit, ich bin doch kein Anfänger.

Bereits nach wenigen Metern wird mir klar, dass ich eventuell nicht sehr vernünftig agiere. Am Horizont knallen im Sekundentakt Blitze, und ich gehe mutterseelenallein in ein Waldgebiet.

Dort wird mir dann klar, dass ich absolut verrückt sein muss. Das Gewitter erinnert mich spontan an Weltuntergang, und trotz meiner Stirnlampe sehe ich wegen dem Regen und Nebel nicht mal einen halben Meter. Ich sehe den Weg nicht, geschweige denn Abzweigungen. Ich sehe nicht einmal meine Füße. Ich laufe nur durch totale Schwärze, wenige Zentimeter vor mir bläulich beleuchtet, während es um mich herum kracht und blitzt.

Ich bin schon nicht mehr recht bei Sinnen, als links von mir etwas am Wegesrand steht. Ich gehe auf wenige Zentimeter heran, halte es für einen hellblauen Kasten. Dieser dreht sich plötzlich um, ich blicke Andi ins Gesicht und brauche einige Sekunden, bis ich die Verknüpfung schaffe, dass ich gerade seine Rucksackhülle gesehen habe und ihm jetzt seit einer Weile mit wenigen Zentimetern Abstand voll ins Gesicht leuchte. Er ist wie üblich Meister der Contenance, dabei muss ihm eigentlich auch etwas mulmig sein, weil er ja nur geblendet ist und keine Ahnung hat, wer ihn da sprachlos anstarrt. Auf alle Fälle sickert so langsam bei uns beiden Normalität durch; ich glaube, nicht nur ich bin froh, ihn getroffen zu haben. Wir wahren zwar unseren Stolz und geben uns cool, laufen aber bis zu Tagesanbruch sehr erleichtert zusammen weiter.

Dann sticht mich wieder wie üblich der Hafer, ich brauche meine Ruhe und büchse aus.

Heute beschäftigen mich einige Gedanken rund um meine restlichen Pilgertage. Ich muss etwas an meinen Herbergen ändern, ich will wieder das Puristische. Ich will wieder internationale Bekanntschaften, englisch denken wie mit der kleinen Kanadierin, spanisch radebrechen, neue Leute kennenlernen. Nicht mehr nur mit Bärbel und Andi über die heimische Realität plaudern. Santiago ist nah, aber noch nicht erreicht, noch darf ich pilgern und mich frei fühlen.

In Palas de Rei suche ich die kleine, öffentliche Herberge. Obwohl ich fix unterwegs war, steht eine lange Schlange für die etwa 30 Betten an, und kaum habe ich eingecheckt, wird auch schon ein „completo“-Schild herausgehängt. Ich fühle mich schlecht bei diesem Gedanken, aber ich bin froh, dass kein Platz mehr ist für meine deutschen Freunde. Ich freue mich auf ein Wiedersehen, aber heute bitte nicht in meiner Herberge.

Ich hole mir etwas zu essen und setze mich auf den Dorfplatz, um auf meine Leute zu warten. Andi kommt vorbei, leistet mir Gesellschaft, will aber noch ein paar Dörfer weiter. Steffi läuft suchend auf der anderen Straßenseite entlang, aber auch sie snackt nur ein wenig und geht weiter.

Ich fühle mich plötzlich unzufrieden und untätig. Die Herberge ist zwar genau das, was ich gestern wollte, spartanisch, ein bisschen schmuddelig, keine Küche, offene Duschen. Heute will ich es aber irgendwie nicht mehr. Die Mentalität der Pilger hier ist „so wenig Kosten wie möglich“, keiner spendet auch nur irgendetwas, findet das bei dem Service auch überflüssig und zeichnet sich für meinen Geschmack nicht durch Weitsicht aus. Die große französische Gruppe aus Molinaseca belagert lautstark die Herdplatten (sie sind die einzigen, die Kochgeschirr dabei haben, denn hier gibt es spartanischerweise weder Töpfe noch Teller). Sonst kenne ich niemanden, und irgendwie will ich auch keinen hier kennenlernen. Ich schaue mir stundenlang das Stockbett über mir von unten an und bin irgendwann so mürbe, dass ich zum ersten Mal auf dem Camino meinen Freund anrufe. Als der dann nicht einmal ans Telefon geht, ist meine Stimmung wirklich am Boden und ich gehe noch vor 20.00 schlafen.

Heute habe ich keinen Gruppenkoller mehr. Mir wird klar, wie undankbar ich war meinen neuen Freunden gegenüber, und ich empfinde die Strafe heute nur als gerecht.

Read Full Post »

Dank des gestrigen Supermercados frühstücke ich ungewöhnlich ausgiebig; neben dem morgendlichen Kakao-Getränk, das ich mir in den letzten Tagen angewöhnt habe, gibt es statt den Magdalenas kleine Apfel-Pudding-Tartes. Vermutlich liefern sie ordentlich Energie, weswegen ich auch immer zwei davon und eine Banane als Notfallreserve mit mir herumschleppe. Beides kommt nie zum Einsatz, weil es zum einen allerorts Einkaufsmöglichkeiten gibt, zum anderen, weil beides sich nach ein paar Tagen zuunterst im Rucksack nicht mehr allzu verlockend präsentiert.

Heute bemerke ich deutlich, dass es auf die letzten 100 km zugeht. Die angekündigten Pilgermassen sehe ich zwar noch nicht, aber dafür auffällig viele neue Gesichter, die sehr leichtfüßig und mit kleinen Rucksäckchen an mir vorbeispringen. Seit La Faba ist mein Wandertempo immer noch moderat, Bärbel nennt es liebevoll „wir gehen nicht, wir schreiten“. Bedächtig setze ich Schritt um Schritt, bin mir meiner geleisteten vielen Kilometer (und meiner noch kommenden) bewusst, spüre so manche Erfahrung des Weges zumindest auf meinem Geist lasten – und fühle mich an sich rundum wie ein richtiger Pilger. Umso mehr irritieren die laut über Alltagsprobleme und Beruf plappernden „Kurzstreckenpilger“, die in Turnschuhen mit einer kleinen Halbliterflasche unterwegs sind.

Zum ersten Mal auf dem Weg zeigt sich das Wetter launisch. Der Himmel ist bedeckt und es nieselt. Tendenziell habe ich nichts dagegen, denn meine Regenausrüstung ist umfangreich und freut sich, nicht umsonst durch die glühende Hitze geschleppt zu werden. Auf meine Stimmung wirkt sich das Wetter aber trotzdem nicht gerade förderlich aus, ich fühle mich auch etwas regnerisch bedeckt.

Den legendären Kilometerstein 100 übersehe ich fast, hätten nicht ungewöhnlich viele, mitten auf dem Weg stehende, Pilger mich stutzig gemacht. Unter ihnen ist auch die gütige Deutsche von gestern. Ich bitte sie um ein Foto von mir mit dem Stein. Sie probiert eine Weile an den Einstellungen herum, und als ich meine, sie soll doch einfach knipsen, Hauptsache, der Stein ist drauf, meint sich ganz erschüttert und ernst, dass doch ich die Hauptsache wäre.
Sie geht ein gemütliches Tempo, sodass wir uns nicht mehr begegnen. Trotzdem hat mich der kurze Kontakt mit ihr auch wieder auf eine Art beeindruckt. Sie ist den Weg schon sehr häufig gegangen, und ob es daran lag oder nicht, sie wirkt sehr ruhig, gelassen und mit sich stimmig. Während ich Vorratsangst, Herbergsangst und Planungszwänge mit mir herumschleppe, schwebt sie langsam und kontinuierlich den Camino entlang und bekreuzigt sich höchstens mal, wenn ein unsittlicher Mann am Wegesrand steht.

Portomarin mit seinem malerischen See erreiche ich bei dicken Regenwolken, habe wenig für eventuelle Schönheit übrig und kümmere mich um die Herberge. Diese ist auf den ersten Blick sehr schick, auf den zweiten Blick aber der blanke Horror für mein Pilgerverständnis. Der akribisch symmetrische Schlafsaal ist riesengroß, die Kopfkissen frisch bezogen, überall informieren Schilder über Verbote. Beim Duschen wird darauf hingewiesen, das Licht wieder auszumachen, auf der Toilette hängt eine lange Liste, was alles nicht hinuntergespült werden darf, in der Küche hängt eine straffe Kühlschrankordnung… zu allem Überfluss sind die ersten 20 Betten reserviert, an jedem steht bereits ein dicker Koffer und soviel pilgerunwürdiger Krimskrams, dass ich am liebsten weinen würde bei der Aussicht auf die letzten 100 Kilometer.

Statt strahlendem Sonnenschein für meine Wäsche regnet es, sodass sich trockentechnisch rein überhaupt nichts tut. Wäsche darf nicht im Schlafsaal aufgehängt werden, und Trockner gibt es zwar, aber nachdem mir schon wieder ein dickes Hinweisschild entgegenlächelt, dass ich nur trocknen darf, was ich vorher auch in einer Maschine ordentlich gewaschen habe, vergeht mir die Lust.

Bärbel trifft ein, sodass ich wenigstens jemanden habe, um meinen Frust zu teilen. Wir gehen ein wenig in die Stadt, wo wir auf Pilger treffen, die sich sparsam in der öffentlichen Herberge niedergelassen haben. Ich halte mich an die Empfehlung der deutschen Jakobsgesellschaft, auch bei freiwilligen Spenden den durchschnittlichen Tarif zu entrichten. Wenn ich also die Wahl habe, für das gleiche Geld in einer hochgelobten Herberge zu übernachten oder in einer kritisch bewerteten, schlägt mein Herz verhängnisvollerweise meist für den Luxus. Leider bin ich kein Mensch von Entscheidungen, erst recht nicht hier auf dem Camino, sodass ich leicht zu Unzufriedenheit neige, egal, wie ich mich entscheide. Heute jedenfalls bin ich todunglücklich, wenn ich die öffentliche, chaotische Herberge voller glücklicher, verausgabter Pilger sehe und an meine Herberge denke, vor der heute Abend bestimmt ein Reisebus 20 Buspilger ausspuckt.

Zurück in der Herberge kochen wir uns etwas; ich vertrete wie immer die Philosophie, dass ich ordentlich Kalorien einwerfen muss, um den Strapazen entgegenhalten zu können. Bärbel scheint aus unerfindlichen Gründen keinerlei Kalorien zu verbrauchen, jedenfalls pflegt sie sich von einer halben Tütensuppe und einem Apfelschnitz sehr überfüllt zu fühlen. Bei einem Tageseinkauf über 2 Euro plagt sie das schlechte Gewissen, während ich höchstens im zweistelligen Bereich nachdenklich werde.

Während wir noch essen, räumt eine der Angestellten in Krankenschwesterkluft schon furienartig unser Kochgeschirr zurück in die Schränke, knallt mit Türen und schaut höchst genervt. Überall wischt sie selbst den kleinsten Wasserspritzer weg, und die Krönung ist, dass sie auch unseren Tisch wischt und dabei noch jeweils das Glas und den Teller hochhebt. Ich kann mir nicht helfen, hier kriege ich die Krise. Ich denke wehmütig an Mose, der für jeden Pilger liebevoll zum Empfang gesprintet ist, um ihn herzlich zu begrüßen. An den Herbergsvater aus Molinaseca mit seinem dauerpräsenten Erste-Hilfe-Kasten. An den Medizinmann mit seinen Atemübungen. An die Tee-ausschenkenden Deutschen in La Faba. Das hier geht gar nicht.

Es regnet den ganzen Nachmittag, in unsere Herberge gesellen sich nur Luxuspilger und viele Kurzstreckenpilger. Vieles sind junge Leute aus Spanien, die einfach mal kurz mit der Clique die 4 Tage pilgern und Spaß haben wollen. Es ist ihnen nicht zu verübeln, dass sie laut, lustig und energiegeladen sind. Und natürlich suchen sie hier auch nicht tiefschürfenden Kontakt zu den seelischen Abgründen der Langstreckenpilger, sondern sind mit sich vollauf zufrieden. Ich dagegen lasse meiner Wehmut weiter freien Lauf und erinnere mich an die beiden Österreicher, meine Kanadierin der ersten Tage, die Französin aus dem Elsass, den Psychologen-Spanier, das britische Mutter-Sohn-Gespann und viele wertvolle Kontakte mehr.

Im Gegensatz zu sonst, wo ich meine Einsamkeit suche und genieße und möglichst wenig an zu Hause und den Alltag denke, rede ich heute stundenlang mit Bärbel. Ich klage ihr, jämmerlich wie ich heute gelaunt bin, mein momentanes Leid, meine Probleme zu Hause, meine Zweifel… wir fachsimpeln über unsere Arbeit und ganz viel Alltag. Mir wird plötzlich richtiggehend schlecht, ich kann das alles nicht mehr hören, ich will nicht akzeptieren, dass mein Weg schon zu Ende ist und mich alles wieder einholt.

Heute ist ein reichlich düsterer Tag auf meinem Camino.

Read Full Post »